Sieben Sekunden Luft - Luca Mael Milsch - E-Book

Sieben Sekunden Luft E-Book

Luca Mael Milsch

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Beschreibung

Die Komplexität des Menschseins Wie existieren in einem System, das ein Durchatmen beinahe unmöglich macht? Wie jeden Morgen sitzt Selah auf der Veranda und wartet in die Stille hinein. Drei Monate sind vergangen, seit Selah sich krankgemeldet hat, um zu verschwinden. Doch die gewünschte Einsamkeit wird unerwartet zur Triebfeder für Vergangenes und Verdrängtes: Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, ist Selahs Beziehung zur Mutter von Erwartungsdruck, Schweigen und Scham geprägt – sie begleiten Selah bis ins Erwachsenenalter hinein. Als die Mutter im Sterben liegt und Selah längst ein Leben mit der eigenen Familie führt, werden die noch immer klaffenden Wunden offenbar. Da sind ungewollte Erlebnisse und Entscheidungen, die wie Phantome an der Haut kleben. Eine Bringschuld, auch wenn Selah gar nicht weiß, wem gegenüber eigentlich. Und Glaubenssätze, die so tief verankert sind, dass deren Abschütteln Lebensaufgabe ist. Ein polyphoner Roman von der Suche nach der eigenen Geschichte Wie verhält man sich, wenn das ganze Universum versucht, einem die Existenz abzusprechen? Wenn man erst lernen muss, mit sich selbst umzugehen, aber auch mit allem Geschehenen, den eigenen Erinnerungen, denen man fast nicht trauen kann. Und das unter den gesellschaftlichen Bedingungen von Misogynie, Heteronormativität, Queerfeindlichkeit, von sozialem und finanziellem Druck? Luca Mael Milsch schreibt von Fragilität, die zur Stärke wird, von einer Welt voller Ambivalenzen, von der Sehnsucht nach einer selbstbestimmten Verortung in einer starren Struktur. Und darüber, was von uns übrigbleibt, wenn alles andere verschwindet.

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Seitenzahl: 339

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

CoverTitel2017199520062017200619951995200620062017201720232023202320231995DanksagungBibliografische AngabenAutor*innenbiografieImpressum

2017

I

Komisch, es geht schon.

Morgens wacht Selah für gewöhnlich von alleine auf und zieht sich noch einmal die Decke über den Kopf, um die Wärme der Nacht in sich einzusaugen, obwohl der Geruch sie immer mehr abstößt, je länger sie die Bettwäsche nicht wechselt; dann schlägt sie die Decke nach einem kurzen Moment doch zur Seite, um sich in der zu kleinen Küche, von der aus man durch ein Fenster über der Spüle das Meer sehen kann, einen Kaffee zu machen: Pulver aus der Packung in den Filter in die Plastikvorrichtung, Wasser noch vom Vortag in der Maschine, Kanne aus der Spüle auf die Heizplatte, Schalter drücken, und warten.

Jetzt sitzt Selah, wie jeden Morgen, auf der Veranda, schaut auf das Meer und trinkt in die Stille hinein.

Fertig.

Ist dieser Ort, an dem Selah sich befindet, noch der, an dem sie vor knapp drei Monaten angekommen ist? Sieht sie noch aus wie damals? Fast ein ganzes Vierteljahr erscheint ihr wie eine Ewigkeit. Doch hat sie es versäumt, nach ihrer Anreise ein Foto von sich oder der Unterkunft zu machen, ja, sie hat es bei aller Planung sogar verpasst, überhaupt eine Kamera mitzunehmen. Und die meiste Zeit ist es ihr wie ein großes Glück vorgekommen, dass sie noch immer ihr altes Nokia besitzt, das weder ins Internet gehen noch Fotos machen kann. Denn was bringt es ihr, zu schauen? Sehen würde sie ja doch nichts. Und auch, wenn sie in dieser Zeit kaum das Haus verlassen, sich oft nicht mehr als ein paar Kilometer entfernt hat, zum Einkaufen, zum Spazieren vielleicht, fühlt sie sich meilenweit entfernt von etwas. Fast, als hätte sie sich geschält oder als hätte sich nach einem starken Sonnenbrand die Haut gepellt, immer und immer wieder, bis zu den untersten Hautschichten; so, wie sie es, seit sie denken kann, mit ihrer Nagelhaut macht. Noch blicken ihr vertraute Züge entgegen, wenn sie sich morgens das Gesicht wäscht und danach, auf das Waschbecken gestützt, die Wassertropfen dabei beobachtet, wie sie die Wangen herunterlaufen, den Hals hinab, bis ins T-Shirt hinein.

In ein paar Tagen ist alles vorbei. Vielleicht sollte sie doch noch etwas unternehmen, bevor sie wieder fährt.

Vor drei Monaten hatte sie im Kofferraum zwei große Taschen verstaut, eine mit Kleidung, dem Kulturbeutel, Schuhen und alldem. Eine zweite mit Sachen für die Küche, Salz, Pfeffer, eine Flasche Öl, Nudeln und Tomatensauce, nur für den Fall, dazu eine Kiste mit Büchern und Filmen, ihren alten MP3-Player, den sie am Abfahrtstag fast liegen gelassen hätte, den Laptop und etwas zu schreiben, eine Isomatte, Baldriantropfen, Gute-Nacht-Tee und unterschiedliche Badezusätze, dazu eine CD mit Entspannungsübungen, ein Kochbuch und Nagellack. Sie hatte sich kein Ziel gesetzt, sondern wollte erst einmal drauflosfahren, hatte dann aber doch vor der ersten Autobahnauffahrt an einer Tankstelle angehalten, den Straßenatlas hervorgeholt, sich orientiert und dann entschieden, es würde Richtung Norden gehen, ans Meer.

Seit den ersten Überlegungen zu diesem Unterfangen, ein Jahr muss das mittlerweile her sein, hatte Selah sich auf der Reise zu zweit gesehen, mit einem Hund. Wieder etwas, worum sie sich zu kümmern hätte, wieder eine Aufgabe. Es schien ihr dann doch zu abwegig, fast schon absurd, sich extra dafür einen zuzulegen.

Aber wieso eigentlich? Meistens stellt sie sich vor, er säße neben ihr auf dem Beifahrersitz, bellt aus dem Autofenster heraus, das sie für ihn einen Spalt breit geöffnet hat, und der Fahrtwind lässt seine Ohren schlackern, während ihm die Zunge wie ein Schal um den Hals hängt. Meier hat sie ihn getauft, weil er groß und sehr gemächlich ist und weil ihre Mutter mal erzählt hatte, es sei das erste Wort gewesen, das sie zu sprechen im Stande gewesen war. Selah hatte ihre ganze Kindheit über heimlich gehofft, es handele sich um einen Hinweis auf ihren Vater, bis sie erfuhr, dass es lediglich die Kurzform einer Fluchfloskel war, die ihre Mutter früher oft verwendet hatte.

Selig sind die Sanftmütigen, und so ein Sanftmütiger ist Meier, ihr Begleiter in dieser ungewissen Zeit. Vor allem seine Größe und sein zerzaustes Fell haben auf Selah eine beruhigende Wirkung und besonders in Momenten der Stille hofft sie, er möge ihr etwas von der Schwere nehmen, die sie überkommt.

Manchmal weckt Meier sie, indem er ihre Hand ableckt oder aufs Bett springt und sich auf sie legt, obwohl er das eigentlich nicht darf. Sobald sie sich morgens das erste Mal regt, fängt er an, voller Vorfreude mit dem Schwanz zu wedeln, damit sie ihn aus dem Haus lässt; nur um nach einer kleinen Runde über den Strand und nach einem kurzen Geschäft wieder hineinzukommen, um Selah herumzutänzeln und sich neben sie zu legen, sobald sie zum Kaffeetrinken auf die Veranda geht.

Dann sitzen sie beisammen, jeden Morgen und jeden Abend und manchmal auch in der Zeit dazwischen.

Etwas hatte nicht mehr gepasst. Es war über sie gekommen, vor einigen Monaten, eher Jahren. Es hatte sich aus ihrem Hals, über den Nacken, bis zum Kopf geschoben. Ein Drücken, ein Dröhnen vielmehr, das aus wechselnden Orten zu kommen schien, ein Schmerz, der sich wie tausend kleine Fäden durch den Körper zog. Es zehrte. Immer öfter war sie aufgebracht, stärker als sonst, gereizt, ungehalten, ärgerte sich über die kleinsten Fehler und Unstimmigkeiten. Sie hatte deswegen die Nächte immer schlechter geschlafen, befand sich abwechselnd entweder auf dem Klo, in der Küche oder auf dem Sofa, fragte sich, woher er kam, dieser Zustand, und fühlte sich elend, erschöpft. Tagsüber hatte sie sich zur Arbeit geschleppt und ihre Aufgaben erledigt, gab auf Nachfragen nur kurze Antworten, nahm seltener den Hörer ab.

Die Erstbesuche bei den Patienten im Opel Corsa des Ambulanten Palliativdienstes waren etwas anderes. Dort konnte sie eine andere sein, sich verstellen, die Menschen mit Bibelversen begleiten, wie es ihr der Dienst nahegelegt hatte, obwohl er eigentlich konfessionslos war. Sie fuhr in die fremden Haushalte der zu betreuenden Personen, suchte Nummern heraus, sprach über Pflegestufen, aß extra für sie gekaufte Sachertorte und trank Filterkaffee von Eduscho, während der Schmerz, der sich sonst in Wellen durch ihren Körper bewegte, nicht mehr wirklich ihr zu gehören schien, sich fast verzog, und erst auf dem Rückweg ins Büro, wo sie den Großteil ihres Arbeitstages zu verbringen hatte, die restlichen Stunden beschwerte. Immer war noch etwas zu tun: Papierkram, Telefonate, Besprechungen mit den Kolleginnen, Rückmeldungen der Vorgesetzten, Rücksicht nehmen, sich abstimmen, E-Mails, Gruppentreffen der Ehrenamtlichen, sich kümmern, immer wieder kümmern, um die Patienten, die Menschen im Büro, Rücksicht nehmen, sich abstimmen; dann nach Hause, wachliegen, manchmal erst am frühen Morgen schlafen, für eine Stunde oder zwei, auf dem Sofa.

Was hätte sie tun sollen? Bei der Arbeit zu fehlen wäre ihr wie Frevel vorgekommen. Gleichzeitig war es immer mal wieder passiert, dass sie sich dort nicht mehr richtig in den Griff bekam. Kleine, launische Aussetzer, das Ignorieren einer Frage, das Nichtbeachten einer Nachricht. So etwas kannten die Kolleginnen zwar schon von ihr, doch wurde es häufiger, intensiver, blieb nicht mehr so leicht erklärbar, oder entschuldbar. Und trotzdem. Einfach so von der Arbeit wegzubleiben, schien ihr unmöglich, wie auch? Wer hätte ihre Aufgaben übernehmen sollen und warum? Und selbst wenn, wohin wären Schmerz und Ärger verschwunden, sobald sie nicht mehr im Büro säße, sobald sich die Tage weniger lang und gehetzt anfühlten?

Nein, sie waren da, alle waren sie noch da und belagerten ihren Kopf: die Termine, zu denen sie musste, die Aufgaben, an die sie zu denken hatte, das ständige Getriebensein, ein voller Tag gefolgt von einem vollen Tag gefolgt von. Ein eigens von ihr gefüllter Tag.

Aber es war eben nicht nur die Arbeit. Es war das Zuviel eines Trotts, der Selah zuerst nur irritiert hatte und irgendwann so sehr beklemmte, dass selbst die kleinsten Aufgaben und Verabredungen zu einer Herausforderung wurden. Darin lag die besondere Schwierigkeit: Dass es keines einschneidenden Erlebnisses bedurft hatte, dass ihr nichts geschehen war. Sondern dass fast unbemerkt die Tage zu eng geworden waren. Einkäufe, das Sauberhalten der Wohnung oder Arzttermine lähmten sie. Treffen mit Freunden langweilten sie nicht bloß, sondern setzten ihr so sehr zu, dass sie danach nur noch liegen konnte.

Und selbst wenn sie derzeit wenig Kontakt zu ihnen hatte, erschöpfte es sie dermaßen, sobald ihre Mutter oder Großmutter versuchten, sie zu erreichen, dass sie manchmal das Kabel aus der Steckdose ziehen musste. Abends lag sie oft so entkräftet im Bett, dass sie hoffte, etwas würde geschehen, ihr zustoßen. Sie wollte ihre Ruhe, sie wollte nicht, dass sich nach ihr erkundigt wurde, sie verweigerte sich den Fragen, was sie die kommende Woche, die kommenden Monate, ja sogar in ihrem Leben noch so vorhatte und wann sie denn wohl das nächste Mal Zeit haben würde.

Wenn sie heute daran zurückdenkt, kommt ihr der Alltag fast lächerlich gewöhnlich vor, kein Grund, sich zu beschweren. Gleichzeitig strengte sie allein das Wissen um den nächsten Tag an, die Wege, die sie zu fahren hatte, die Auswahl beim Einkaufen, die sich wiederholenden Besuche bei Freunden, die Gespräche über deren Pläne, ihre bevorstehenden Hochzeiten, Kindergeburtstage oder Beförderungen. So sehr, dass sie befürchtete, darin zu verschwinden. Mit jedem Tag wurden die Schmerzen schlimmer und mit ihnen die Wut, die sie überschwemmte, die sie ohnmächtig machte, die sich ganz selten nur zurückzog. Selbst die Abende allein, die ihr früher so viel gegeben hatten, fielen unter dieser Last in sich zusammen, bedeuteten nichts mehr.

Und doch: Am Ende war es irgendwie aushaltbar. Es ging schon.

Als Kind hatte Selah gelernt: Selig sind die, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Und wie gerne hatte sie das Leid anderer getragen. Wie gerne hatte sie Hände gehalten, Lösungen gefunden, Zuversicht gespendet, wie gerne war sie ins Auto gestiegen, um zum Erstgespräch zu fahren, die Menschen kennenzulernen, ihre Arbeit zu erklären, die Möglichkeiten. Sie war diejenige, die die Abläufe kannte, die wusste, wo und wen man fragen konnte, was gebraucht werden würde, die Hilfen an die Hand gab. Selig sind die, die leiden, und vielleicht auch diejenigen, die ihnen helfen. Trotz Ärger, trotz Schmerz.

Eine Bekannte, die Selah mehrfach darauf ansprach, wie schlecht sie aussah, hatte ihr ein Schweigekloster in Italien empfohlen, in dem Selah ein paar Wochen eine Auszeit nehmen sollte. Aber Selah wollte nicht bloß ein paar Wochen weg, und Selah wollte nicht mit anderen schweigen, Selah wollte auch keinen gut gemeinten Rat. Selah wollte für sich sein, unbeobachtet, sich auflösen, nicht mehr eingeengt von den Meinungen und Gedanken anderer, von ihrer bloßen Anwesenheit bedrängt, beschränkt. Sie war von diesem Vorschlag regelrecht angewidert gewesen, während er gleichzeitig auch etwas in ihr angestoßen hatte. Selah war schließlich zu der Erkenntnis gekommen, dass sie allein zu entscheiden hatte, wie sie sich alldem entziehen könnte. Und hatte sich mit etwas arrangiert, das sie für sich würde behalten müssen.

Doch es war nicht befreiend gewesen, hier zu sein. Vielmehr hatte es sie zunächst überfordert, nicht zur Arbeit zu gehen, keinen von außen auferlegten Ablauf zu haben. Wie machten andere Leute das? Last und Anstrengung waren weg, ja, und auch die Schmerzen waren fürs Erste weniger geworden, aber Selah hatte sich so an ihren Alltag gewöhnt, dass sie die freie Zeit zunächst durch nichts zu kompensieren wusste.

Auch im Schlafen fand sie keine Erlösung. Sie war fast jede Nacht durch die Wohnung gegeistert, hatte etwas gegessen, ferngesehen, im Bett gelegen, war aufgestanden, hatte ihre Schultern und ihren Kopf im Nacken kreisen lassen, aber es hatte nichts geholfen. In dieser neuen Umgebung war außerdem eine alte Angst dazugekommen. Sie war allein. Es war das, was sie gewollt hatte, woran sie sich erinnern musste, wenn ihr die Szenen alter Fernsehsendungen in den Kopf spielten: Übergriffe, Morde, Gewalt, die sie nicht sehen wollte, die sie trotzdem schaute. All das konnte passieren, passierte, immer, zu jeder Zeit, nein, weg. Wenn die Nächte schlaflos vorübergingen, überbrückte Selah die Tage darauf fast wie in Trance, blieb viel liegen, aß, was sich im Kühlschrank noch finden ließ, schaute Fernsehen, döste auf dem Sofa, wartete, bis sie irgendwann so erschöpft war, dass der Schlaf sie mit einem Mal erfasste und sie gerädert und wie in einem anderen Leben erwachte, sich orientieren musste, sich dann meist in ihr Auto setzte und ins nächstgrößere Dorf fuhr, um unter Menschen zu sein, sich abzulenken, in die Läden zu gehen. Sie kaufte sich nie etwas, schaute meist nur in die Schaufenster oder ging an den Pullovern und Hosen und Hemden vorbei. Ja, auch Kleidung anzuprobieren war ihr zu schwer geworden, sie mochte sich nicht im Spiegel ansehen, das unschmeichelhafte Licht auf ihrem unförmigen Körper. Ihr war es unangenehm, wie sich der Stoff auf der Haut anfühlte, wie die Oberteile geschnitten waren, die Farben und Muster. Die ganze Rahmung machte ihr etwas aus, auch wenn sie nicht genau festmachen konnte, wieso. Und das meiste schien ihr eh zu teuer. Durch ihre Familie hatte sie verstanden, was es hieß, das Geld zusammenzuhalten. Hier zu sein, sich das zu leisten, lag eigentlich außerhalb dessen, was erlaubt, was möglich war. Und doch. Ihre Großmutter hatte ihr gezeigt, wie es ging, wie sich sparen ließ, wie man die Rente alle zwei Monate zur Seite legte, und mit dem Rest des vorigen Monats auskam, und so hatte auch sie in den letzten Jahren vorsorglich, und um den Vorboten der eigenen Kindheit zu entkommen, jeden dritten oder manchmal sogar zweiten Monat ihr Gehalt nicht angerührt. Sparsam lebte sie sowieso, sie ging wenig raus, aß kaum auswärts, kochte schmucklos, was ihr nur recht war; ihre Wohnung, die sie während ihrer Reise untervermietet hatte, lag in einer günstigen Gegend und auch so war in ihrem Leben neben der Arbeit nur wenig Zeit für Urlaube oder Unternehmungen oder andere Ausgaben. Bloß der alte Wagen ihrer Mutter kostete sie etwas, aber das lag im Rahmen.

Meier erhebt sich mit einem Mal, bellt laut auf, stromert über die Veranda, dreht sich um seine eigene Achse und legt sich wieder zu Selahs Füßen. Seine Routine, die er jeden Tag um dieselbe Uhrzeit wiederholt. Trotzdem: das komische Geräusch, der aufspringende Hund, die kurze Sorge, da könnte wirklich jemand sein. Die Aufgeregtheit des Hundes, die sie selbst in Aufregung versetzt. Ist da wer? Die Angst, ihr könne etwas passieren, hier, wo niemand ist.

Dann Meiers Entspannung, die auch sie ein wenig entspannt, ihr Ritual. Sie kennt diese Angst von früher, als sie klein war. Die Nachmittage allein hat sie manchmal regungslos auf den Fernseher starrend auf dem Sofa verbracht. Hat nichts getan, außer dort zu sitzen. Keine Hausaufgaben gemacht, nicht Klavier geübt, noch nicht einmal zum Toilettengang war sie imstande gewesen. Hat einfach so lange ferngesehen, bis ihre Mutter nach Hause kam. Weil sie stumm gehofft hat, dass, wenn sie sich nicht bewegt, sich auch von außen nichts bewegen würde. Dass, wenn sie die Wohnzimmertür immer wieder aus dem Augenwinkel überwacht, niemand eintreten könne. Das Sofa war für Selah der sicherste Ort gewesen, von dem aus sie am einfachsten hätte fliehen können, im Fall der Fälle. Und so ist es auch jetzt, hier, in diesem Ferienhaus, das so fern von ihrem Leben steht, noch mehr von ihrer Kindheit. Sie bückt sich zu Meier herunter, streichelt ihm über sein weiches Fell, dann steht sie auf, nimmt die Isomatte und legt sie auf die Veranda.

Es ist ärgerlich, seit gestern fühlt sie wieder etwas und wird gleich unruhig deswegen: Das vertraute Stechen in ihrem Nacken ist zurück, das sich von hinten in ihr Gesicht spielt, es zu einer Maske spannt; aber sie will sich nicht fragen, warum.

Unter ihren nackten Füßen spürt sie das weiche, klebrige Material der Unterlage und schließt die Augen, konzentriert sich auf ihren Atem. Einatmen, eins, zwei, drei, vier, anhalten, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, und ausatmen, eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Und noch mal. Und noch mal. Und noch mal. Sie geht die Schritte aus ihrem Online-Kurs durch: Schultern und Gesichtsmuskeln entspannen, Zunge aus dem Gaumen lösen, atmen. Sie macht ihre Rückenübungen, während sie im Hintergrund das Meer rauschen hört. Sie fragt sich, wie es überhaupt möglich sein kann, dass sie hier sein darf. Wie sie das geschafft hat, weiß sie, aber ob es überhaupt erlaubt ist, während andere gerade ihrem Job nachgehen, zuhause Kinder betreuen oder irgendwo anders festsitzen.

Nein, weg damit. Selah lässt die Gedanken vorbeiziehen wie Wolken, nein, Selah versucht, die Gedanken wie Wolken vorbeiziehen zu lassen. Sie versucht auch, im Liegen Arme und Nacken zu verdrehen, ohne dabei die Haltung zu verlieren oder umzufallen, und sich zu dehnen, zu atmen, sie versucht, die Schultern zu entspannen, von ihren Ohren wegzuziehen und dabei nicht die Haltung zu verlieren oder umzufallen, zu atmen, sie versucht zum fünfundzwanzigsten Mal in den letzten zehn Minuten die Zunge aus dem Gaumen zu lösen und dabei das Gesicht zu entspannen und ihre Schultern von den Ohren wegzuziehen und zu entspannen und dabei die Haltung nicht zu verlieren oder umzufallen, zu atmen.

Sie dreht sich wieder in die Ausgangsposition, endlich kann sie sich auf den Rücken legen. Sie schließt die Augen und wartet die angemessene Zeitspanne, die man nach solchen Übungen zu warten hat, um noch einmal nachzuspüren, wie anders sich der Körper anfühlen soll, was er auch tatsächlich tut, verdammt, die Schmerzen im Nacken beinahe verflogen, wenigstens für den Moment. Auch diese Aufgabe ist geschafft. Fast zumindest, denn Selah muss sich noch zur Seite lehnen und ein wenig strecken, um das YouTube-Video anzuschalten, das sie vor einigen Monaten eher zufällig gefunden und seitdem immer mal wieder angesehen hat. Sie lässt sich nicht gern von einer monotonen Stimme erklären, wie ihre Arme schwerer werden, wie sie nun ganz entspannt sei, wie sie nun loslassen, nun ganz bei sich sein dürfe, während in ihrem Kopf die Fragen rattern: Was hast du getan. Wie bist du bloß hier gelandet. Was machst du jetzt.

Sie lässt sich eben nicht gern sagen, wie sie sich vorstellen soll, sie sei an einem Strand, das rauschende Wasser im Hintergrund, während in ihrem Kopf laute Töne schrillen. Sie hört auch nicht gern, wie sie eine Reise, fliegend wie ein Vogel, über das Meer machen würde, wie sie unter sich die Fische und über sich die Wolken sähe, wie sie in der Ferne eine Insel erspähe, während sich Bilder ihres Zuhauses, ihrer Arbeit, ihrer Kolleginnen in den Kopf spielen. Nur um am Ende des fünfzehnminütigen Videos am immer selben Ort anzukommen, im Hier und Jetzt, wo sie sich strecken dürfe, um in den Tag zu starten – ganz entspannt.

Auch die Ansage, nun in eine zehnminütige Meditation überzugehen, in der sie still dazuliegen und der Welt zu lauschen hat, nimmt sie nur widerwillig entgegen, wo sich in ihrem Kopf doch Gesichter, Musik und Filmszenen abwechselnd vor das Schwarz hinter ihren Lidern drängen. Vorbeiziehen lassen?

Es hatte sie geärgert, dass ihr das Meditieren von Anfang an so schwergefallen war. Schon in der ersten Woche hatte sie dabei immer wieder eine Unruhe überfallen, die ihr unheimlich vorgekommen war. Als wäre sie mit einer Stille vollgesogen, die ihren Körper nun bis zum Bersten füllte und sich einen Weg nach draußen zu bahnen versuchte. Dann, einige Zeit später, hatte es sie währenddessen durchzuckt. Blasse Erinnerungen, wie Stiche. Etwas, das kam, das ihr das Liegen, Augenschließen und Verweilen in der Dunkelheit ihres eigenen Körpers unerträglich machte. Immer wieder hatte sie die Augen geöffnet, um zu sehen, ob sie wirklich allein war, hatte aufstehen, sich von den aufkommenden Sorgen ablenken müssen, aber es hatte nichts geholfen. Auf Bücher konnte sie sich nicht konzentrieren, vom Fernseher ging eine Trostlosigkeit aus, und sobald sie Musik hörte, überkam sie eine Trauer, die sie tiefer zog, als die Stille es vermochte. Also hatte sie sich stattdessen ein Glas Wasser holen, sich auf die Terrasse setzen und auf das Meer hinaus starren müssen, während Meier vor ihr auf den Stufen lag und von einer Unruhe nichts wissen wollte.

Zuhause noch hatten gleich mehrere Leute angeboten, sie hier zu besuchen. Aber Selah wollte keinen Besuch und will ihn bis heute nicht. Sie will niemandem zeigen, wo sie ist und was sie den ganzen Tag macht. Sie will ihre Ruhe haben, trotz allem. Auch, wenn die anderen es gut meinen, auch, wenn keine böse Absicht dahintersteckt, auch, wenn sie bloß helfen wollen.

Noch immer hofft sie, dass in der Einsamkeit etwas liegt, das ihr irgendwie offenbart, was kommen wird. Dafür ist sie hergekommen, dafür macht sie ihre Rücken- und Entspannungsübungen, dafür verzichtet sie derzeit auf Alkohol, wie jämmerlich würde es auch aussehen, alleine zu trinken, dafür hält sie die Ruhe aus, schafft es sogar an den meisten Tagen, sich eine warme Mahlzeit zu kochen und lediglich eine einzige Tasse Kaffee zu trinken.

Doch all das scheint nicht zu wirken. In sich fand sie bisher: nichts. Weder bei den Spaziergängen mit Meier, beim Baden, Liegen, Laufen oder Putzen. Noch beim Duschen, Eincremen, Filmschauen, Lesen und Musikhören. Es hat sie erst überrascht, anschließend beschämt und schließlich hat sie sich damit abzufinden versucht.

Dann eben nicht.

Denn selig sind die Unwissenden.

Und selig will sie sein.

1995

I

Mama kommt meistens später nach Hause, weil sie eigentlich immer länger arbeitet. Ich habe mir nach der Schule eine Tiefkühllasagne gemacht und mich mit meiner Apfelschorle vor den Fernseher gesetzt. Ich soll die kleinen Flaschen nicht zuhause nehmen, die sind eigentlich für unterwegs. Aber egal, es macht einfach mehr Spaß, und ich muss kein Glas dreckig machen. Auf dem Sofa versinke ich manchmal, Mama sagt: versacken. Ich gucke in der Küche, was sonst so da ist, weil ich immer noch hungrig bin, und wir haben noch eine angebrochene Tüte Chips und außerdem Eis, aber alles abgezählt und wenn, gibt es das abends, wenn Mama da ist und guckt. Im Kühlschrank steht noch ein Joghurt, immerhin, da ist es, glaub ich, nicht so schlimm, wenn ich den nehme. Dann gehe ich wieder zurück ins Wohnzimmer.

Manchmal fasse ich den Bildschirm unseres Fernsehers an, obwohl mir Mama das eigentlich verboten hat. Sowieso soll ich nicht zu nah an das Gerät rangehen, weil das ungesund ist und ich ihn nicht aus Versehen kaputt machen soll. Wenn ich die Oberfläche berühre, während eine Sendung läuft, dann knistert es laut und ich zucke kurz zusammen vor Schreck, obwohl ich ja weiß, dass das passiert, aber irgendwie vergesse ich es jedes Mal. Ich hab mir schon öfters gewünscht, durch die Zeit zu fallen oder komplett zu verschwinden, und ich wünschte einfach, etwas könnte mich in die Sendung reinziehen, die ich gucke, und weg wäre ich.

Als ich dann Mamas Schlüssel höre, muss es schnell gehen. Deswegen habe ich schon vorher das Geschirr und den Müll in die Küche geräumt und in meinem Zimmer mein Aufgabenheft für Mathe und das Buch auf den Tisch gelegt, ich muss mich nur noch dransetzen. Aber sie merkt natürlich sofort, dass ich bis eben noch auf dem Sofa saß, der Fernseher ist noch warm. Sie ist ja nicht doof, und geht immer als Erstes, wenn sie ihre Jacke aufgehängt hat, ins Wohnzimmer und fühlt und kommt dann direkt in mein Zimmer, wo ich vor meinem Heft sitze und auf das Blatt starre, ohne dass auch nur eine Aufgabe gemacht ist.

Ich dachte, sie schreit rum, und erst sah es auch danach aus, aber sie hat nur ihren Blick aufgesetzt, diesen Blick, der nur für mich reserviert ist. Den habe ich sonst noch für niemanden bei ihr gesehen und ich glaube, dass auch nur ich verstehe, was sie sagen will damit. Und ich höre es. Sie muss nicht rumschreien, sie muss mir nicht sagen, dass ich wenigstens vorher die paar Aufgaben hätte machen sollen, oder den Fernseher früher ausstellen, und sie nicht für dumm verkaufen. Wenigstens das. Und das alles sagt sie mit ihren Augen, mehr braucht sie dafür nicht.

Ich bin ja nicht mal schlecht in der Schule. In Musik hatte ich letztens eine Eins und Frau Donath hat das sogar vor der ganzen Klasse gesagt. Ich war natürlich stolz, aber das darf man nicht so zeigen. Also hab ich mich innerlich gefreut und nur ein ganz bisschen gelächelt. Man soll sich nicht so aufspielen, wenn es mal gut läuft, damit die anderen nicht anfangen einen doof zu finden, sagt Mama. Denn so ist das halt.

Nachdem sie vorhin geschimpft hat, also ohne überhaupt mit mir zu sprechen, kam sie dann doch noch mal in mein Zimmer zum Gute-Nacht-Sagen. Und klar ging es dann ums Klavierspielen, weil ich mal wieder nicht geübt habe. Kaum wer muss ein Instrument lernen, nur ein paar Streber aus meiner Schule. Die wohnen aber ganz woanders, nicht hier in der Gegend, und die werden immer zur Musikstunde gefahren und müssen nicht wie ich den Bus nehmen. Dass ich keine Lust habe zu spielen, ist Mama egal, weil aus mir was werden soll, und den Rest verstehe ich eh nicht, sagt sie. Früher hab ich noch gedacht, sie kriegt das nicht mit, wenn ich nicht übe, aber ich weiß jetzt, dass sie alles mitbekommt. Sie fragt dann zum Beispiel die Nachbarin aus der Wohnung unter uns. Ganz zufällig geht jedes Mal deren Tür auf, wenn ich von der Schule nach Hause komme und im Treppenhaus an ihrer Wohnung vorbei, und dann fragt sie mich irgendwelche blöden Fragen oder will, dass ich zu ihr reinkomme und da esse. Aber ich sage jedes Mal ‚nein‘, weil die komisch ist, und außerdem riecht es aus ihrer Wohnung immer so eklig. Mama sagt zwar, dass die eine Klatsche hat, trotzdem wiederholt sie vor mir, was ihr die Nachbarin erzählt hat, aber ganz leise, denn die soll das nicht hören. Dafür kommt sie ganz nah an mein Gesicht ran, und ich muss mich zwingen, keine Miene zu verziehen, obwohl aus ihrem Mund ein säuerlicher Geruch kommt und mir davon schlecht wird: Sie hätte heute keinen einzigen Ton Musik aus der Wohnung gehört, nur den Fernseher. Und ob ich nicht wissen würde, dass nur was dabei rumkommt, wenn ich auch jeden Tag übe, und nicht nur die rechte Hand, mit der es einfach ist, sondern auch die linke und beide zusammen und mehrere Stunden, sonst wird das nie was. Und ich weiß das ja eigentlich, dass man mich durch die Wände hören kann, aber an manchen Nachmittagen bin ich einfach zu faul oder zu dumm oder keine Ahnung. Und ich schwöre mir in diesem Moment, dass ich jetzt auf jeden Fall niemals in meinem ganzen Leben in deren scheiß Wohnung gehe, weil unsere Nachbarin es auf mich abgesehen hat.

Ich glaube übrigens, ich muss mein Tagebuch wieder besser verstecken. Da bin ich nicht zu hundert Prozent sicher, aber letztens sitzen wir so beim Abendbrot und dann sagt Mama Sachen, die niemand weiß und die auch die Nachbarin nicht mithören kann. Vielleicht kann Mama auch heimlich Gedanken lesen, ich weiß es nicht, ehrlich. Und ich sage auch nichts dazu, weil sie dann sauer wird und schreit. Dann ist sie so wütend, da reicht in mein Zimmer rein und ganz nah an mein Gesicht kommen nicht. Deswegen versuche ich, dass solche Situationen eher nicht passieren. Ich habe aber schon mal überlegt, kleine Nachrichten in mein Tagebuch zu schreiben, so: Hallo, Mama. Wie geht es dir? Mir geht es gut. Aber davor hatte ich dann doch zu viel Angst. Ich hab die Seiten lieber rausgenommen und in ganz kleine Stücke gerissen, und die eine Hälfte habe ich auf dem Weg zur Schule in die Mülleimer am Straßenrand geschmissen, und die andere an der Bushaltestelle ins Gestrüpp geworfen. Und dann bin ich natürlich zu spät gekommen, aber das machte nichts, weil wir am Montag in der Ersten immer Mathe bei Herrn Frank haben und wir da meistens eh fünf Minuten später anfangen, weil der kein Auto hat und immer mit der Bahn kommt, die an dem Morgen mal wieder Verspätung hatte. Mama sagt, der ist ein Öko, und sie lacht dann laut, während ich mir meinen Toast mit Nutella beschmiere und Mama mir ein Graubrot mit Frischkäse und Gurke für die Schule macht. Das ist sehr gesund. Meistens esse ich das aber nicht, weil ich es einfach nicht mehr mag. Mama weiß es vermutlich nicht, aber sie schmiert mir dieses Brot schon seit zwei Schuljahren jeden Tag. Und ich kriege, wenn ich das Brot nur sehe, schon einen Kloß im Hals, und vom Geruch von Frischkäse mit Kräutern wird mir übel. Ganz von alleine.

Das Brot ist immer in Alufolie eingewickelt, weil Brotdosen rausgeschmissenes Geld sind, vor allem, wenn man sie verliert, und ich verliere ständig Sachen. Weil ich das Alufolienbrot immer vorne in die Schultasche reintue und dann mit dem Bus fahre und die Tasche im Bus nicht absetze, sondern mich mit der hinsetze und dabei das Brot schon längst vergessen habe, ist es jedes Mal ganz zermatscht, wenn ich es in der ersten großen Pause raushole. Die Brotscheiben haben sich mit dem Frischkäse, der Gurke und der Alufolie zu einem Klumpen zusammengetan, richtig eklig. Es ist mir auch peinlich, weil von den anderen haben manche so blaue und rote Brotboxen, und da sind richtige Brötchen drin und manchmal auch Apfelschnitze. Aber das liegt auch daran, dass die anderen Mütter nicht alleinerziehend sind. Und nicht richtig arbeiten müssen.

Ich habe eben noch eine Weile im Flur gehockt. Mama telefoniert wieder, und ich höre ihr oft dabei zu. Sie erzählt mir nicht so viel, oder nicht die Wahrheit, und ich weiß nie so richtig, was los ist. Am Telefon ist eine Freundin, ich wusste aber erst nicht genau, welche. Mama hat da ein paar, und die kommen oft zu Besuch, entweder einzeln oder alle zusammen, und dann sitzen sie im Wohnzimmer und rauchen und trinken Prosecco oder Weißwein und erzählen sich was und lachen ganz laut. Dann ist die Stimmung gut und ich verziehe mich in mein Zimmer oder lausche im Flur ein bisschen, obwohl man kaum ein Wort verstehen kann, weil die meistens alle gleichzeitig sprechen. Die eine wird jedes Mal von ihrem Mann abgeholt, die andere fährt immer betrunken mit dem Auto nach Hause, der Rest wohnt im Haus oder um die Ecke.

Es war, glaub ich, die Freundin, die Mama und mir bei uns zuhause die Haare schneidet. Ich habe nur das Wort ‚Strauchdieb‘ gehört, und das benutzt Mama eigentlich nur, um meine Frisur zu beschreiben oder ihre eigene. Das heißt dann, dass wir wieder einen Termin brauchen. Und ich wollte erst weggehen, weil ich so schief im Flur gehockt habe und langsam einen Krampf in meinen Beinen hatte, und Mama hat ja auch nur von ihrem blöden Job gesprochen und dass ihr Chef ein Idiot ist und dass sie sich den Arsch für ihn aufreißt und alles für ihn machen muss, obwohl sie eigentlich nur seine Buchhaltung machen soll, und dafür zu wenig Geld bekommt. Außerdem kriegt sie für mich noch nicht mal richtigen Unterhalt, nur das blöde Kindergeld, und das ist zu wenig. Und weil ich diese Geschichten schon kenne, wollte ich direkt aufstehen und in mein Zimmer gehen. Aber dann fing sie doch noch an, von mir zu erzählen. Es ist zwar immer das Gleiche, aber irgendwie bleibe ich doch jedes Mal und höre hin. Ich weiß, dass ich zu wenig helfe und dass ein Kind teuer ist. Dabei versuche ich schon, dass ich nicht so viel koste. Zum Beispiel manchmal sage ich gar nicht Bescheid, dass wir für einen Ausflug mit der Klasse Geld brauchen, sondern schwänze einfach. Oder ich wünsche mir nur was ganz Kleines zum Geburtstag. Oder ich versuche weniger zu essen. Aber ich glaube, das merkt sie gar nicht. Mama sieht nur, wie ich die kleinen Apfelschorle-Flaschen zuhause nehme, und denkt, ich mache das, um sie zu ärgern. Mensch Meier, sagt Mama dann, und meint damit niemand Bestimmtes.

Mehr arbeiten geht natürlich nicht, denn Mama arbeitet schon die ganze Zeit und außerdem mag sie ihren Job nicht so gerne, dass sie da noch öfter hinwill, weil sie da den ganzen Tag im Büro sitzen und irgendwelche Rechnungen in Akten sortieren und ständig am Telefon bereit sein muss. Und der Mann, dem die Firma gehört, ist echt scheiße, genauso wie der Mann, mit dem sie mich gemacht hat, der ja noch nicht mal Geld für mich bezahlt, obwohl ich zur Hälfte ihm gehöre. Ich finde das unfair, und ich hasse ihn, weil meine Mama deswegen nicht bloß Hausfrau sein kann, so wie es einfacher wäre, und mich stattdessen allein an der Backe hat, wie meine Oma auch sie an der Backe hatte. So sagt sie das manchmal, und Oma auch, wenn sie denken, dass ich nicht zuhöre. Oder wenn sie sprechen, ohne ihre Münder zu bewegen. Das können sie nämlich beide ziemlich gut.

Ich liebe meine Oma eigentlich, aber wenn sie da ist, wird es schwierig, weil Mama und sie ständig Krach wegen irgendwas haben. Vor den Besuchen muss die Wohnung immer auf Vordermann gebracht werden und Mama kocht extra, aber beim Essen fällt Oma doch wieder was auf, das nicht stimmt. Oder sie fängt von meiner Tante an und dass die es richtig gemacht hat, weil sie den Mann geheiratet hat, der ihr ein Kind gemacht hat, und das kann Mama gar nicht leiden.

Blöd ist, dass Oma nicht mehr so wie früher kann, weil sie alt ist und ich ganz vorsichtig mit ihr sein muss. Das sagt nicht Oma, das sagt Mama. Und einmal, als sie uns besucht hat, da meinte sie sogar: „Oma möchte nicht, dass du bei ihr schläfst.“ Denn eigentlich bin ich nachts immer zu ihr geschlichen und unter ihre Bettdecke gekrochen und sie hat mir dann den Arm gestreichelt und ich hab ihr was erzählt. Aber weil das nicht reicht, es nur zu sagen, hat Mama mich noch in mein Zimmer eingeschlossen. Und beim Frühstück hat Oma dann gefragt, wo ich denn letzte Nacht war, und ich glaube, sie war enttäuscht. Mama hat mich nur angeguckt, und ich wusste, dass ich die Wahrheit für mich behalten muss, deswegen habe ich nur gesagt: „Dafür bin ich doch schon zu alt, Oma.“ Und ich habe dabei ihren Namen ganz lang gezogen und sie hat ganz traurig auf ihren Marmeladentoast geguckt und ihren Kaffee getrunken. Und ich hätte sie am liebsten gedrückt, aber ich habe einfach weitergegessen.

Außerdem war ich ganz froh, dass niemand was mitbekommen hat von der Sache nachts. Ich bin aufgewacht und musste auf einmal so richtig auf Klo. Ich bin zu meiner Zimmertür und habe gemerkt, dass abgeschlossen ist, und ich wusste gar nicht, wieso. Erst hab ich versucht aufzuhalten, ich kann das eigentlich ziemlich lange. Manchmal sitze ich nachmittags vor dem Fernseher, und wenn Werbung ist, schalte ich um, weil immer irgendwo was läuft, und es ist nie der richtige Zeitpunkt, pinkeln zu gehen, also halte ich auf und warte und warte, und mein Bauch tut schon weh, aber ich halte es noch ein bisschen weiter aus und denke auch, vielleicht trainiere ich so meine Blase, und wer weiß, wozu ich das noch mal brauchen kann, also mache ich weiter, bis es wirklich gar nicht mehr geht und ich schon kaum noch laufen kann, und versuche vorsichtig zum Klo zu gehen, ohne mir in die Hose zu machen. Und so war es auch in dieser Nacht. Ich hab mal wieder vorm Schlafen zu viel getrunken, dann musste ich ganz doll, und ich hab versucht aufzuhalten, weil ich ja nicht rauskonnte, und einschlafen ging deswegen natürlich gar nicht. Und ich weiß auch nicht, wie lange ich da gelegen habe, weil ich nicht das Licht anmachen wollte, und ohne Licht kann ich die Uhr nicht sehen. Irgendwann ging es dann nicht mehr. Ich habe schon geschwitzt und mir meinen Bauch gehalten, weil es so weh tat.

Und weil mir nichts Besseres eingefallen ist, habe ich aus dem Schrank einfach meine Anziehsachen geholt, welche von denen, die ich nicht so oft trage, und habe die auf dem Boden ausgelegt und übereinandergestapelt zu einem großen Berg und mich draufgehockt. Erst konnte ich nicht, weil ich auch nicht so gut einfach in den Wald pinkeln kann, wenn Mama und ich mal einen Ausflug machen und ich unterwegs muss. Sie sagt, ich mache immer so einen Terz, und jedes Mal geht ihr oder mir was auf die Schuhe oder an die Beine oder ich kippe um. Aber dann war es doch so dringend, und es lief von ganz alleine und hörte gar nicht auf. Ich hatte schon Angst, dass es bis auf den Teppich geht. Es war natürlich total eklig, vor allem, weil meine Beine nass wurden und ich danach alles wegräumen musste. Die Sachen waren ganz warm und feucht und haben ein bisschen gerochen, aber ich war auch richtig stolz auf die Idee und dass das geklappt hat. Mitkriegen durfte es halt niemand. Oma hätte das bestimmt nicht schlimm gefunden, eher hätte sie sich auf ihre Knie geschlagen, die Zigarette aus dem Mund genommen und mich mit weit aufgerissenen Augen und lang gezogenen A’s gefragt: „Was hast du gemacht?“ Und dann hätte sie sich mit einem Ruck nach hinten geworfen und hätte angefangen zu lachen, ihr Lachen, das immer ein bisschen wie ein Kreischen klingt, und hätte nicht mehr aufgehört, bis ihr die Tränen die Wangen runtergelaufen wären. Und vermutlich hätte sie es noch all ihren Freundinnen erzählt in dem Kiosk, wo sie immer ihre Illustrierten kauft. Aber Mama hätte das gar nicht witzig gefunden, und ich glaube, Oma hätte ihr das verraten, selbst wenn sie bei mir hätte schwören müssen, es nicht zu tun. Das wäre für Mama wieder so eine typische Selah-Aktion gewesen und ich will nicht, dass sie das weiter zu mir sagt, oder zu anderen, ihren Satz: So ist Selah eben. Also musste ich ganz leise die Anziehsachen Stück für Stück aufheben, ganz vorsichtig, und hinten im Schrank verstecken. Als ich am Morgen aufgewacht bin, da war meine Zimmertür wieder offen, einfach so, und ich habe schnell alles aus dem Schrank rausgeholt und mit in die Dusche genommen und habe erst mich und dann die Sachen eingeseift und dann alles ausgewaschen und gut ausgewrungen. Das hat ewig gedauert und ich musste es danach auf die Heizung in meinem Zimmer hängen, die hinter meinem Bett, damit es keiner sieht. Das alles hat so lange gedauert, dass ich noch einen Anschiss bekommen habe, weil ich viel zu spät zum Frühstück gekommen bin und dann auch fast zu spät für den Bus gewesen wäre. Aber es hat dann doch alles geklappt. Egal.

Irgendwann wollte ich bei diesem Telefonat nicht mehr zuhören. Vor allem wollte ich auf gar keinen Fall erwischt werden, deswegen bin ich ganz leise in mein Zimmer und hab gewartet und gelauscht, ob sie was bemerkt hat, und dann habe ich noch schnell die Matheaufgaben gemacht und es war schon viel zu spät, aber ich habe trotzdem noch kurz für Mama und mich gebetet und dann habe ich mir Bibi Blocksberg angestellt, obwohl ich dafür eigentlich schon zu alt bin. Das muss immer auf die leiseste Stufe, weil ich nachts nicht den Kassettenrekorder anhaben soll. Aber ich mag auch nicht, wenn es zu still ist.

Ich kann nicht einschlafen, weil ich die ganze Zeit darüber nachdenke, was sie gesagt hat. Weil sie nicht immer so ist. Mama kann auch ganz anders sein. Dann lacht sie viel, wenn ihre Freundinnen da sind zum Beispiel, und dann setze ich mich am Anfang mit zu denen ins Wohnzimmer, und höre zu, wie sie sich Geschichten erzählen, über die Arbeit, oder die Männer oder die anderen Mütter. Mama findet die meisten Mütter komisch, glaub ich. Sie äfft sie dann so ein bisschen nach und erzählt ihren Freundinnen, wie die bloß ihre Kinder zur Schule bringen und ansonsten gar nichts machen, weil sie nicht müssen. Deswegen bringe ich selten Schulkameradinnen mit nach Hause, außer Sina natürlich, der macht das nichts aus. Deren Mutter arbeitet auch und sie kennt solche Runden, wo alle reden, wie sie denken.