Sieben Tage - Andreas Marti - E-Book

Sieben Tage E-Book

Andreas Marti

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Beschreibung

Das Buch nimmt den Leser mit auf die psychedelische und spannende Reise von Frank Marshall - auf der Suche nach seinem Leben und seinem eigenen Verstand - die ihn schliesslich in den kleinen Ort Mountains End führt, wo mit einem Kampf um Gut und Böse über sein Schicksal entschieden wird. Der Beginn des fast endgültigen, unumgänglichen Endes der Geschichte. Er fühlte sich irgendwie benommen… Jeder einzelne Gedanke dröhnte in seinem Schädel. Die Tatsache dass es sich bei diesem Dröhnen in Wirklichkeit um unerträgliche Kopfschmerzen handelte, sollte ihm wohl nie bewusst werden. Dafür war er zu weit von der fühlbaren Realität entfernt. Man könnte seinen jetzigen Zustand am besten mit dem ausklingen eines Trips, sechs Uhr Morgens, nach einem Jefferson Airplane Konzert vergleichen. Vielleicht auch wie auf dem Höhepunkt eines Trips… Schließlich hatte sein Gehirn diese unerträglichen Schmerzen zu einem Dröhnen umgewandelt. Wäre er ein wenig klarer im Kopf gewesen hätte er sich wohl darüber Gedanken gemacht, ob ihm die Schmerzen oder das Dröhnen lieber wären. Er hätte sich eher für die Schmerzen, als für das komplett wahnsinnig machende Dröhnen… Wahnsinnig werden… Wahnsinn…

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Seitenzahl: 452

Veröffentlichungsjahr: 2014

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DAS BUCH:

Das Buch nimmt den Leser mit auf die psychedelische und spannende Reise von Frank Marshall - auf der Suche nach seinem Leben und seinem eigenen Verstand - die ihn schließlich in den kleinen Ort Mountains End führt, wo mit einem Kampf um Gut und Böse über sein Schicksal entschieden wird.

Andreas Marti

Impressum

Sieben Tag

von Andreas Marti

© 2014 Andreas Marti

Alle Rechte vorbehalten.

Autor: Andreas Marti

Kontaktdaten: [email protected]

Verlag: Epubli, www.epubli.de

ISBN:978-3-8442-9321-0

Dieses E-Book, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Zustimmung des Autors nicht vervielfältigt, wieder verkauft oder weitergegeben werden.

Teil 1

Frank

Prolog

Der Beginn des fast endgültigen, unumgänglichen Endes der Geschichte

     Er fühlte sich irgendwie benommen… Jeder einzelne Gedanke dröhnte in seinem Schädel. Die Tatsache dass es sich bei diesem Dröhnen in Wirklichkeit um unerträgliche Kopfschmerzen handelte, sollte ihm wohl nie bewusst werden. Dafür war er zu weit von der fühlbaren Realität entfernt. Man könnte seinen jetzigen Zustand am besten mit dem ausklingen eines Trips, sechs Uhr Morgens, nach einem Jefferson Airplane Konzert vergleichen. Vielleicht auch wie auf dem Höhepunkt eines Trips… Schließlich hatte sein Gehirn diese unerträglichen Schmerzen zu einem Dröhnen umgewandelt. Wäre er ein wenig klarer im Kopf gewesen hätte er sich wohl darüber Gedanken gemacht, ob ihm die Schmerzen oder das Dröhnen lieber wären. Er hätte sich eher für die Schmerzen, als für das komplett wahnsinnig machende Dröhnen… Wahnsinnig werden… Wahnsinn…

     Das Dröhnen ließ etwas nach. Langsam bildeten sich seltsame, farbige Umrisse. Er kam allmählich zu sich. Wo bin ich? stellte sich als den ersten Gedanken heraus, welchen sein Verstand formte. Er hielt das für eine gute Frage. Denn er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Seine Sicht war noch zu verschwommen um sich auch nur ein ungefähres Bild seiner Lage zusammenzureimen. Doch als er anfing auf die Geräusche um sich herum zu achten dämmerte es ihm allmählich.

     Klirren… Stimmen, Gelächter… Musik… Jetzt begriff er auch was ihn aus seiner Trance gerissen hatte. Es war das Geräusch das entstand, als die hübsche, blonde Bedienung das schwere Tequila Glas auf den alten Holztisch knallte, auf dem er »seine Augen ausruhte«, wie er sich eigentlich vorgenommen hatte. Die Erinnerung an die Tatsache das er nicht einschlafen, sondern nur »seine Augen ausruhen« wollte kam nicht allein. All die anderen Erinnerungen schossen wie ein heißer, stromgeladener Blitz in seinen Schädel zurück. Es waren zu viele auf einmal. Das Dröhnen wurde wieder stärker. Doch er erinnerte sich an alles. Daran, das er sich vor wohl weiß Gott wie vielen Minuten einen weiteren Tequila bestellt hatte. Den weiß Gott Wievielten…..

     Er erinnerte sich, diese Bar betreten zu haben… er erinnerte sich an diesen, seinen schrecklichsten Tag…. An diese… an seine schrecklichste Woche…

     Die Bedienung versuchte Ihn um das Geld für seinen weiß Gott wievielten Tequila zu bitten. Jedoch ohne Erfolg. Nach dem dritten Versuch öffnete sie, wie es ihre Art war, seine Brieftasche, nahm das benötigte Geld und etwas Trinkgeld, steckte es in ihre Brusttasche und ging davon.

     ….und erinnerte sich nicht nur an die Pistole in seinem Hosenbund, sondern auch an den Grund weshalb er sie mit sich trug. Seine Sicht verschärfte sich, und die Geräusche gingen von dem Gemisch aus Dröhnen und Stimmengewirr in klare Geräusche über. Geräusche wie sie wohl jeder nüchterne Mensch bei klarem Verstand, in dieser Bar gehört hätte. Klarer Verstand… Das wohl Einzige was er sich zu diesem Zeitpunkt sicher sein konnte, war das er nicht mehr bei klarem Verstand war…

     Die ganze Bar war in ein angenehmes, freundliches Licht getaucht. Die Tische mussten mindestens dreißig Jahre alt sein. Die Tischplatten machten den Eindruck als würden sie alle paar Jahre einen halben Zentimeter abgeschliffen. Er saß auf einem der alten, wackeligen Stühle an einem Tisch, nahe der großen, halb geöffneten Fensterfront. Er hatte diesen Platz mit der Aussicht auf wohltuende, frische Luft gewählt. Die Bar hatte zwar schon bessere Zeiten gesehen, war jedoch recht gut besucht. Die Leute gingen in diese Bar mit den alten, braunen, rauen Steinmauern um Leute zu treffen, zu trinken und zu feiern. Die Bedienung wirkte gestresst und machte ein Ges…

     …und er zog seine Pistole und richtete sie unter dem Tisch auf den Herrn, der gegenüber von ihm an seinem Tisch platz genommen hatte. Er empfand es als einen Segen dass er kurz zuvor etwas von seiner Klarheit zurück gewonnen hatte. Leicht überrascht dass er noch fähig war, seine Waffe derart schnell zu zücken, starrte er sein Gegenüber an. Vor einer Woche wäre er überrascht gewesen, wenn er überhaupt im Stande gewesen wäre eine Waffe zu zücken. Vor allem ethisch.

     »Guten Abend«, brach sein Gegenüber das Schweigen. Es war wie ein schmerzhafter Riss in seinen Gedanken. Eine klaffende Wunde, entstanden durch das bloße »Guten Abend« seines Gegenübers. Schließlich wurde er sich bewusst, was auf ihn zu kam. Er würde diesem Fremden, diesem älteren Herrn mit seinem klischeehaften schwarzen Anzug, dem Hut und diesem Stock gegenüber treten. Es war so vorausschaubar wie in einem schlechten Film. Sie würden nach Draußen gehen und seine Geschichte würde endlich ein Ende finden. Seine ganz eigene Schreckensgeschichte der letzten sieben Tage…

     »Wir haben noch eine Rechnung offen«, sagte der Fremde. Er nickte kaum merklich. Eine kurze Pause trat ein.

     »Ich glaube sie haben mich bereits erwartet«, fuhr der Fremde weiter, »sind sie bereit?«

Er starrte den Fremden abschätzig mit seinen benommenen Augen an und ließ ein kaum hörbares, wahnsinniges Kichern verlauten.

     »Ob ich bereit bin? Die Frage ist, ob sie

Klarheit

     Eine seltsame Klarheit erfasste seinen Verstand. Eine Klarheit die die Geschehnisse der letzten sieben Tage vor seinem geistigen Auge wie ein Film ablaufen ließ.

Sonntag

     ...in diesem Fall an einem Sonntagabend.

     Er saß in seiner mit einer Galerie ausgestatteten Designer Wohnung, auf seinem ledernen Designer Sofa. Wofür er einen weiteren Teil seines beachtlichen Vermögens sinnlos verprasst hatte. Jetzt stand er da, dieser pechschwarze Klotz von Sofa. Dabei ahnte er noch nicht einmal, dass er bald froh sein würde, wenn er sich in Zukunft das Heineken, das er sich gerade in großen Schlücken einflößte, leisten konnte. Der Fernseher der das ansonsten in Dunkelheit gehüllte Wohnzimmer mit seinem Flimmern versuchte zu erhellen, spuckte nur Schrott aus. Das Flimmern wirkte hypnotisch auf ihn. Seine Augen wurden langsam Müde. Seine aufkommende Abwesenheit nutze er um spontan die letzten Jahre seines Lebens  Revue passieren zu lassen. Eigentlich konnte er sich nicht beklagen. Er hatte einen gut bezahlten Büro Job in einer renommierten, international agierenden Firma.Renommierte, international agierende Firma…In seiner Jugend hätte er Kopfschmerzen gekriegt, wenn ihm jemand mit vor Stolz aufgeblasener Brust erzählt hätte, dass er in einerrenommierten, international agierenden Firmatätig sei. Jetzt war er Sechsunddreißig Jahre alt…

     »Doch eigentlich kann ich nicht klagen«, ermunterte er sich selbst. Er hatte  eine moderne, große Wohnung. Mit Galerie… Er hatte eine hübsche Frau die alles für ihn tun würde. Sie hatten sich auf einer Schickimicki Party, die sein Boss zum 25 Jährigen Jubiläum der Firma veranstaltet hatte,  kennen gelernt. Sie war damals kurz davor gewesen Abteilungsleiterin derAbteilung für Arbeits- und Unfallversicherungzu werden. Er dagegen war einer der Typen, die zu den Klienten reisten und alles versuchten um einen möglichen Versicherungsbetrug aufzudecken. Heute ist er der Leiter dieser Abteilung.

     Eine menge Leute in seinem näheren Umfeld glaubten ihm fehle noch eine süße Tochter oder einen immer strahlenden Jungen.  Doch er war auch ohne Kinder glücklich.Glücklicher…    …alsmitKindern. Mit seinem Job hätte er gar keine Zeit für so ein Balg.

     »Zu wasbin ich mutiert?« fragte er sich selbst.

     Um Punkt 23:00 Uhr riss ihn der aggressive Klang der Titelmelodie der Elf Uhr Nachrichten aus seinen Gedanken. Gelähmt versuchte er die bunten Bilder von sinnlosem Krieg, Verderben, dem dummen, lauen Gesäusel von gewissen Staatsoberhäuptern und den neusten Skandalen über irgendwelche Schöne und Reiche in sich aufzusaugen.

     Er ließ seinen Blick zu dem Designer Couchtischchen wandern.Schließlich ließ er seinen Blick auf einem in Folie eingeschweißten Kärtchenruhen. Er griff nach seinem Führerausweis und betrachtete ihn. Auf der Karte war sein Foto, direkt daneben sein Name:Frank Marshall.

     Frank… Was zum Teufel hat meine Mutter geritten, mir den Namen Frank zu geben. Frank Marshall… Wenn ich den erwische, der sie auf diese bekloppte Idee gebracht hat…

     Darunter stand seine Adresse, die verriet dass Frank inLos Angeles, CAwohnhaft war.

     Er seufzte schwer. Die Müdigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Frank durfte gestern erst seinen Führerschein wieder abholen. Vor drei Monaten wurde ihm der Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer entzogen. Gleich nach einer weiteren Büroparty.Diese verdammten Büropartys…

     Ein Gefühl, ein scheinbar unkontrollierbares Gefühlstieg in ihm empor. Es war warm und tat gut. Es ist das Gefühl, das man in Aussicht auf etwas wirklich Gutes empfindet. Eine Art Vorfreude. Er begann es zu fassen. Dieses Gefühl, das sich auf diesen einen Gedanken beschränkte, der sich mehr und mehr in einen regelrechten Drang entwickelte. Er musste in den Wagen steigen. Er musste fahren, gleiten… Durch die Straßen von L.A.geistern…

     Das automatische Garagentor öffnete sich gemächlich. Zu gemächlich...

     Der Motor seines 250 PS Saab Kabriolett lief bereits.WRROMM ließ der Motor kraftvoll verlauten.WROMM.Frank spielte mit dem Gaspedal. Endlich glaubte er dass das Tor weit genug offen stünde und gab Gas. Mit quietschenden Reifen raste er aus der Tiefgarage und entfloh in die schwüle Nachtluft.

     Was tue ich hier? Ich fahre mit hundert Sachen durch L.A…Was sonst…

     Er bog, nein, er schleuderte seinen Wagen um die Ecke. Wohltuendes Adrenalin strömte durch seinen Körper. Er versuchte es bis in die hintersten Ecken seines Körpers zu verteilen. Der Wind zerzauste seine 180 Dollar Frisur. Als er jung war, wäre es ihm egal gewesen. Deshalb war es ihm jetzt auch egal. Er überquerte eine Brücke und bog danach nach rechts in die Hauptstraße ein. Die Häuser zogen so schnell an ihm vorbei, das in dem Moment wo sie auftauchten, sie bereits wieder einer unwirklichen, entfernten Vergangenheit angehörten.

     »Verdammt«, fluchte Frank als er die Anzeige von seinem Tank sah. Wie lange lief er bereits auf Reserve…? Er wollte nichts riskieren und hieltAusschau nach der nächsten Tankstelle.Ich will nichts riskieren? Und das sagtein Mensch der mit hundert Sachen durch L.A. rast?

     Nach etwa fünf Minuten Fahrt… er beschränkte sich jetzt auf Tempofünfzig  …fand Frank schließlich eine dieser 24-Stunden Tankstellen. Er fuhr auf das Gelände und parkte seinen Saab neben einer Zapfsäule. Ein Mitarbeiter der Tankstelle kam auf ihn zugeeilt. Er trug eine hellblaue Arbeitskleidung mit Orangen Streifen auf den Schultern und braune, schmutzige Hosen. Seine zerzausten Haare bescherten dem etwa zwanzig Jährigen ein etwas heruntergekommenes und überarbeitetes Erscheinungsbild. Aufseinem blauen Hemd war ein ovaler, weißer Sticker mit roter Umrahmung angebracht. Darauf war der NameHabibgestickt. Frank war sich sicher dass das nicht der Name des ansonsten recht amerikanisch wirkenden jungen Mannes war. Wahrscheinlich hatte er das Hemd eines ehemaligen Mitarbeiters übernommen.

     Frank stieg aus seinem Wagen und wunderte sich, dass um diese Zeit noch eine Bedienung anwesend war.Habibstellte ihm eine Frage. Woraufhin Frank so etwas wieVolltankenmurmelte.Scheisse. Diese Beleuchtung muss heller sein als sonst.Franks Augen hatten Mühe sich an das grelle Licht der Tankstellenbeleuchtung zu gewöhnen. Er ging Richtung Tankstellenshop.

     »Sesam öffne dich«, befahl Frank und die Glastüren glitten kaum hörbar beiseite. Er konnte sich ein selbstbewunderndes Lächeln nicht verkneifen.

     Das gesamte Tankstellengelände machte auf ihn einen sehr sterilen Eindruck. Das einzige Unsterile warHabib. Frank kaufte sich eines dieser mit Konservierungsmittel vollgestopften Tankstellen Sandwichs und eine Schachtel Zigaretten. Der Verkäufer hinter der Theke, laut NamensschildPaul, sah aus als hätte derVerwesungsprozess bei ihm bereits eingesetzt.Paulversuchte durch seine Brille mit den fünf Zentimeter dicken Gläsern seinen neuesten Kunden zu erkennen. Er musterte Frank mit offenem Mund. Schließlich gabPauldie Höhe des Wuchers bekannt, der sich auch auf dem Kundendisplay der hochmodernen Kasse präsentierte. Frank bezahlte wortlos und verließ den Shop.

Ahhrg............

Montag

     Es war Punkt Zwölf Uhr Mitternacht. Frank lag am Boden und versuchte verzweifelt einen klaren Kopf zu kriegen.Einenklaren Gedanken zu fassen… Sich zusammen zu reißen…  …und aufzustehen. Er nahm alle Kraft zusammen und erhob sich.

Er fühlte sich irgendwie benommen. Verunsichert über das gerade Geschehene begab sich Frank in Richtung Auto. Er näherte sich mit leicht verschwommener Sicht der Zapfsäule, andauernd gegen das mangelnde Gleichgewicht ankämpfend. Als er dasRauchen verbotenSchild sah schnaubte er und steckte sich eine von den vorhin gekauften Zigaretten an. Die Suche nach einem Feuerzeug blieb erfolglos.

     »Bitte sehr«, hauchte ihm eine weibliche Stimme in den Nacken. Eine etwa dreißigjährige rothaarige Frau streckte ihm ein zerknittertes Briefchen hin. Ihre Augen trafen sich für eine lange Zeit. Frank nahm dankend das Streichholzbriefchen an sich und rang sich zu einem etwas aufgesetzt wirkenden Lächeln durch. Er zündete unbeholfen die Zigarette an. Die Frau war bereits auf der anderen Seite der Zapfsäule bei ihrem eigenen Wagen angelangt, als er ihr das Briefchen zurückgeben wollte.

     »Behalten sie sie«, antwortete sie ihm, »bis dann Steve.«

     »Steve??« wunderte sich Frank, »mein Name ist nicht Steve.« Doch sie war längst davon gebraust. Der NameStevedurchbohrte eisig seinen Körper. Steve… er kannte keinen Steve. Doch der Name ließ ihn erschaudern. Irgendetwas Unheilvolles war mit dem Namen Steve verbunden. Und er würde bald erfahren was…

     Frank saß in seinem Kabriolett und atmete tief durch, bevor er sich an die Weiterfahrt machte. Er startete den Motor, legte einen Gang ein und gab Gas.

     Waren es die Benzindämpfe? Überarbeitung… Übermüdung…?Doch seine Überlegung wurde von scheinbar wichtigeren Gedanken verdrängt. Er konnte sich nicht helfen. Aber dass ihn die Frau von vorhin Steve genannt hatte beschäftigte ihn mehr, als die Tatsache dass er ohne wirklichen Grund zusammengebrochen war.Steve…

     Frank entschied sich schließlich, einfach umzukehren. Die Vorstellung an sein warmes, weiches Bett mit seiner Frau Sarah daneben übertrumpfte selbst die Gedanken anSteve.

     Schließlich bog Frank in seine Straße ein. Als er die Einfahrt herauf fuhr betätigte er die Fernbedienung zu dem Garagentor. Doch nichts geschah. Erversuchte es ein weiteres Mal.Verdammt. Wieso muss man bei diesem scheißDing einmal die Woche diese gottverdammten Batterien wechseln…?Seine Laune schien von Sekunde zu Sekunde schlechter zu werden.

     Frank legte den Rückwärtsgang ein und trat das Gaspedal durch. Er riss das Lenkrad herum und brachte schließlich den Wagen mit einem unsanften Bremsmanöver zum stehen. Erst jetzt als das Dröhnen in seinem Schädel wieder lauter wurde, bemerkte er, dass es die ganze Zeit nie ganz weg gewesen war. Er schwang sich aus dem Kabriolett, ohne sich die Mühe zu machen die Tür zu öffnen oder das Verdeck zu schließen.   

     Er öffnete das wie immer quietschende Gartentor. Wann hatte er es das letzte Mal benutzt? Normalerweise kam erniezu Fuß nach Hause. Deshalb machte Frank immer von der Tür Gebrauch, die von der Tiefgarage direkt ins Treppenhaus führte. Er bewegte sich, immer noch etwas benommen, auf seine Haustür zu. Frank kramte nach seinem Schlüssel und ließ ihn in dem Moment wo er ihn zu fassen kriegte zu Boden fallen. Er hob ihn auf und presste ihn, die Hand zu einer Faust geballt, in seine Handflächen. Frank stand vor der Haustüre und wollte sie gerade aufschließen, als eine weitere Welle dieses Dröhnens Besitz von seinem Schädel – Besitz von seinem Verstand – ergriff. Er versuchte das Dröhnen abzuschütteln und steckte seinen Schlüssel in das Schlüsselloch. Doch als er Ihn bis zur Hälfte in das Loch gesteckt hatte, ging es nicht mehr weiter. Der Schlüssel passte nicht.Der verfluchte Schlüssel will nicht passen. Habe ich mich im Haus geirrt? Nein, ich erkenne doch meine eigene Haustür…!! Ich kenne diesen alten zerbrochenen Blumentopf mit der verdorrten Pflanze, die Sarah letzten Sommer mit nach Hause gebracht hatte.Er kannte diese alte, verrottete Fußmatte mit dem kaum noch lesbaren Willkommensschriftzug. Die Matte, auf der bereits dutzende von Bekannten, Verwandten und Hausierern gestanden hatten um ihren Schmutz abzuladen.Gott… Was ist hier los?

     Er ging um den Wohnblock herum, zur Treppe die runter in die Waschküche führte.War die Batterie doch nicht leer…?Trotz dieses Gedankens wurde er mit jeder Stufe die er nahm zuversichtlicher, dass bei dieser Tür sein Schlüssel passen würde.Das Schloss der Vordertür ist bloß verklemmt. Ich darf nicht vergessen morgen den Schlüsseldienst anzurufen. Verdammt!Sein Schlüssel wollte auch an der Hintertür nicht passen.Jetzt ganz ruhig bleiben. Träume ich? Wahrscheinlich einer dieser Träume, irgendwo zwischen Trancezustand und wach sein.Frank hielt inne, schaltete ab. Er wusste nicht wie lange er so da stand. Doch eine plötzliche Idee riss ihn abrupt aus seinen Gedanken.Seiner Idee folgend hastete er die Treppe hinauf, ging um das Gebäude zur Vordertür.

     Frank suchte die Chromstahlabdeckung nach der Klingel mit dem NamenMarshall,seinemNamen, ab. Er würde klingeln. Sarah würde ihm mit demSummer die Tür öffnen und alles würde sich aufklären. Sarah hätte wie immer eine völlig plausible Erklärung bereit.VERFLUCHT.Frank war nicht im Stande die gewünschte Klingel zu finden. Die Welt um ihn fing an sich zu drehen. Der letzte Versuch einen klaren Kopf zu behalten ging schief.Das ganze kann nicht war sein. Esmusssich um einen Traum handeln…

     »Sarah!« rief Frank. Er bewegte sich ein paar Schritte von der Fassade weg, um seine Wohnung besser überblicken zu können. Frank beobachtete die Fenster. Doch nichts geschah. Er nahm noch mal alle Kraft zusammen und schrie zum wiederholten Mal: »Sarah!«

     Nicht dass Frank wirklich eine Reaktion erwartete. Doch ermusstees noch einmal versuchen.

     »Sarah!!«  

Das Dröhnen in seinem Kopf wurde lauter. Und lauter… lauter…

     Er torkelte geistesabwesend zu seinem Wagen. Nachdem Frank sich wieder in seinen Saab geschwungen hatte, saß er hinter dem Steuer auf den Ledersitzen des Kabrioletts. Er begann zu zittern. Seine Atmung wurde unregelmäßig. Irgendetwas war geschehen. Er suchte nach dem Schlüsselloch. Nach zwei, drei Versuchen glitt der Schlüssel in den Schlitz. Der Wagen startete und der Motor heulte auf. Frank raste hinaus in die Nacht…

     Wind… Abgasgeruch… Erinnerungen… Gute Erinnerungen… Verwirrung…. Traum…? Motordröhnen… Dröhnen… Aber hauptsächlich… Verwirrung…

     Frank bog nach rechts ab. Er war am Ziel. Quer auf dem Bürgersteig brachte er den Wagen zum stehen.

     Er ging an Bäumen vorbei. Überquerte eine feuchte Wiese und einen schmalen Gehweg. Er hielt immer auf sein Ziel zu. Bis er schließlich bei der Parkbank ankam.   Ein fassungsloser Frank ließ sich schwer darauf nieder und schloss seine Augen.Es muss eine plausible Erklärung geben. Es gibt immer eine logische Erklärung… Immer…Grenzenlose Erschöpfung überkam ihn. Es wurde immer schwieriger sich wach zu halten. Morgen. Morgen würde alles besser sein. Vielleicht war morgen alles vorbei. Vielleicht wachte er morgen zufrieden und erleichtert neben Sarah auf. Und alles warwirklichnur ein Traum gewesen… Oder zumindest würde er wieder einen besseren Überblick über die ganze Situation gewinnen. Er würde eine Lösung suchen… Und schließlich eine Lösungfinden……

     Etwa um 7:30 morgens öffnete Frank langsam seine Augen. Die erstenSonnenstrahlen blendeten ihn. Er blinzelte verschlafen in das grelle Licht.Sein Rücken schmerzte von der Nacht auf derParkbank. Frank richtete sich langsam auf und gähnte herzhaft. Er fühlte sich wohl. Ein leichtes Lächeln bildete sich auf seinen Lippen. Die Erinnerungen an gestern Abend waren langsam wieder zurückgekehrt. Jedoch waren sie in etwa so klar, als würde er sich am Tag nach einer alkoholdurchtränkten Party versuchen an die letzte Nacht zu erinnern. Sogar die Kopfschmerzen und das leichte Dröhnen stimmten mit dem Vergleich überein.

     Jedoch war sich Frank sicher dass alles nicht so schlimm war. Er schaute auf seine Uhr. In dreißig Minuten musste Frank bei der Arbeit sein. Er konnte schlecht am ersten Tag der Woche zu spät zur Arbeit erscheinen. Nach Feierabend würde er einfach nach Hause fahren, und alles wäre wie immer. Sarah würde ihn nach ihrem freien Tag herzlich empfangen und ihm einen zärtlichen Kuss auf den Mund geben. Und alles wäre in Ordnung. Mit abwesendem Blick beobachtete er eine Zeitlang eine Gruppe von Kindern, die auf dem Weg zur Schule waren.

     Langsam wurde Frank klar, dass er sich beeilen musste. Es blieben ihm nur noch fünfundzwanzig Minuten bis zum Arbeitsbeginn. Allein der Weg von hier zu seinem Büro dauerte zwanzig Minuten.

     Als er sich schließlich zügig auf den Weg machte erinnerte sich Frank an sein unglücklich geparktes Auto. Es war wahrscheinlich schon längst abgeschleppt worden. Er müsste den Bus nehmen. Dann der Strafzettel von der Polizei und die Rechnung des Abschleppdienstes… Er schlug sich diese Gedanken aus dem Kopf und hoffte einfach dass der Wagen noch dastand. Wie durch ein Wunder befand sich der Saab tatsächlich noch an derselben Stelle wo er ihn abgestellt hatte. Zufrieden öffnete er die Tür und setzte sich hinein. Sogar das Autoradio war noch da. Trotz geöffnetem Verdeck und obwohl er sich in L.A. befand.Heute ist mein Glückstag!

     Als sich Frank auf der Hauptstraße im allmorgendlichen Stau befand bemerkte er, dass er schlecht in dieser Aufmachung im Büro erscheinen konnte. Jeans und ein leicht verschmutztes blaues Shirt. Unter normalen Umständen wäre er trotz dem Zeitmangel nach Hause gefahren und hätte sich umgezogen. Doch Frank hatte Angst davor nach Hause zu fahren und zu entdecken dass alles noch genau so war wie letzte Nacht. Sein Schlüssel würde nicht passen, der Garagentoröffner würde nicht funktionieren. Und weder sein Namensschild an der Klingel, noch Sarah wären auffindbar. Tief im Inneren wusste er dass er sich vorhin etwas vorgemacht hatte. Er wusste dass der Gedanke dass wieder alles so wie früher ist, eine bloße Illusion war. Früher…Wie lang istfrüherher?

     Frank versuchte möglichst schnell zu dem Kleiderladen seines Vertrauens zu gelangen, wo er immer seine Anzüge kaufte. Das war der Vorteil wenn man über einen so vielstelligen Kontostand verfügte. Er konnte es sich leisten, einfach einen neuen Anzug zu kaufen. Nach etwa zehn Minuten und diversen Abkürzungen war er schließlich am Ziel angelangt. Jetzt musste sich Frank beeilen.

     Seit fünf Jahren kaufte Frank immer denselben Anzug. Weshalb die Suche nach einem passenden Modell nicht allzu lange dauern sollte.

     Er stand nun an der Kasse. Frank hatte erwartet, dass ihn die hübsche Kassiererin wie immer anlächelte und fragte wie es ihm ginge. Doch sie schien ihn gar nicht zu erkennen. Deshalb machte er den ersten Schritt und begrüßte sie freundlich.

     »Hi Sharon. Wie geht’s ihnen heute?« fragte er sie. Wie immer mit dem Versuch seiner Stimme einen charmanten Ton zu verleihen. Doch Sharon warf ihm nur einen genervten Blick zu.Erkennt sie mich nicht?

     »Sharon? Ich bin’s, Frank.« Sharon rollte mit den Augen und würdigte ihn keines Blickes.

     »Ich kennesienicht, und sie kennenmichnicht. Also lassen wir doch diesen Blödsinn. Wollen sie nun bezahlen? Ansonsten muss ich sie bitten zu gehen«, fauchte sie Frank an. Sein Kiefer klappte nach unten, und er starrte sie sprachlos an. Ohne ein weiteres Wort zückte er eine seiner zahllosen Kreditkarten und streckte sie ihr hin. Sie nahm sie sichtlich erleichtert entgegen und ließ sie durch den Schlitz des Kartenlesers gleiten. Das Gerät ließ ein abweisendes Geräusch verlauten. Sharon legte ihre Stirn in Runzeln. Der erste Versuch war scheinbar fehlgeschlagen. Auch der Zweite führte zum selben Resultat. Wieder erklang dieses Geräusch. Das Dröhnen in Franks Schädel wurde wieder lauter.

     »Es tut mir Leid, Sir. Aber mit ihrer Kreditkarte scheint etwas nicht in Ordnung zu sein. Ich setze mich mit der Kreditkartengesellschaft in Verbindung. Haben sie bitte etwas Geduld…«

     Doch Frank hatte ihr kaum zugehört. Unsicher ging er ein paar Schritte rückwärts in Richtung Eingangstüre. Er starrte Sharon weiterhin wortlos an. Das erste Mal, seit er heute Morgen erwacht war, überkam ihn so etwas wie Furcht. Es fühlte sich wie eine Art Prüfungsangst an. Seine Magengegend verkrampfte sich. Die anderen Kunden im Laden wurden jetzt auch aufmerksam auf Frank. Der Laden zog hauptsächlich Kunden eines etwasgehobenerenStandesan. Manche schüttelten verständnislos mit dem Kopf. Andere fingen an miteinander zu flüstern, ohne den Blick von der Szene die sich ihnen darbot abzuwenden. Frank vernahm ein schwaches »Sir, alles in Ordnung mit ihnen…« von der Kassiererin. Die Welt um Frank herum fing sich an zu drehen. Das Dröhnen schmerzte in seinem Schädel. Es fühlte sichan, als wäre irgendetwas in seinem Kopf gefangen, wofür unmöglichausreichend Platz vorhanden war. Als hätte er die Erinnerungen und Gedanken von zwei Menschen gleichzeitig in seinem Kopf. Sein Schädel schien zu bersten.Sir? Sir…

     Frank beschleunigte seine Schritte, immer noch rückwärts gehend. Auf seinem rechten Arm verweilte der 200 Dollar Anzug. Die Stimmen und alle anderen Geräusche um ihn herum wurden immer undeutlicher und schienen sich zu entfernen.Sir… … bezahlen… Sie müssen den Anzug bezahlen…. Hier lassen… Siiiiiir…

     Doch Frank war nicht im Stande auf die Rufe der Kassiererin zu reagieren.Sicherheitsdienst…Ein uniformierter, in die Jahre gekommener Sicherheitsbeamte wandte sich von dem angeregten Gespräch das er mit einer Stammkundin führte ab und ging auf Frank zu. Er musste gehen. Frankmusste gehen. Das war das einzige was Frank wusste. Und er ging. Er rannte. Er rannte zu seinem Wagen. Ihm blieb nichts anderes übrig als sich in sein Auto zu schwingen und Vollgas zu geben. Der Saab machte einen Schlenker und geriet fast auf die Gegenfahrbahn. Franks Atmung fing wieder an verrückt zu spielen.

     »Komm runter, Frank! Komm runter!« schrie er sich selbst an. Die Sonne blendete ihn mitten ins Gesicht und er holte das Brillenetui mit seiner Sonnenbrille aus dem Handschuhfach. Als Frank die Klappe wieder schließen wollte entdeckte er ein zweites, älteres Brillenetui. Er hielt kurze Zeit inne und vollführte einen weiteren Schlenker. Fast hätte er nicht gemerkt dass die Ampel auf Rot stand. Frank vollführte nahezu eine Vollbremsung. Die Autos hinter ihm taten es ihm gleich. Ein alles andere als freundliches Hupkonzert begann. Frank holte das zweite Brillenetui aus dem Handschuhfach und zog einen Joint heraus. Der Konsum von Marihuana war das einzige was aus seiner Jugendzeit und seinem damaligen »ich« übrig geblieben war. Als er nochwildgewesen war, rauchte er drei bis vier von den Dingern - pro Tag. Heute war es einer, alle drei bis vier Monate. Er hatte sich angewöhnt, dass wenn ihm alles zu viel wurde, er hinauf zum Griffith Park fuhr, wo er ganz L.A. überblicken konnte. Wobei er einen lustige Zigarette aus dem Handschuhfach holte und dort genüsslich rauchte. Er genoss die Stille, den Ausblick und konnte sich wieder auf das Gute und Schöne auf diesem Planeten besinnen. Deshalb schien heute eine gute Gelegenheit zu sein sich einen anzustecken. Er klemmte ihn sich zwischen die Lippen und zündete ihn an.

     Das Hupkonzert wurde immer lauter, und ein paar Autos drückten sich bereits an Franks Saab vorbei. Erst jetzt bemerkte erdass die Ampel längst auf Grün stand und gab Gas. Er steckte einer seiner CDs in den Autoradiound wählte die Nummer Drei.Break On Troughvon denDoorserklang.Während er fuhr fing die Musik  und der Hasch an zu wirken. Sein Verstand entspannte sich. Das Dröhnen wurde auf ein erträgliches Level herunter geschraubt. Alles wurde ein wenig schöner und langsamer. Frank begriff langsam die Tragweite der Geschehen von letzter Nacht. Es schien nicht bloß seine Wohnung zu sein.

     Was auch immer geschehen war. Es schien noch mehr Teile von seinem Leben zu betreffen. Diesmal kam keine Panik in ihm auf. Er blieb ruhig und unterließ auch die Schlenker mit seinem Wagen. Das Marihuana und die Musik erfüllten ihren Zweck. Er nahm einen weiteren Zug und zog den Rauch so tief er konnte in seine Lungen. Nach ein paar Sekunden ließ er ihn genüsslich und langsam wieder aus seinem Mund entweichen. Frank würde heute trotzdem zur Arbeit fahren. Der nächste Song,The End, begann. Die Musik schwebte aus seinen Lautsprechern, direkt in seinen Kopf. Wenn sich seine Vermutung bestätigte, würde ihn bei der Arbeit niemand erkennen. Keiner würde behaupten können, dass er jemalsvon jemandem NamensFrank Marshallgehört hatte. Auf seltsame Weise beruhigte ihn dieser Gedanke. Vielleicht war es der Joint, der bereits dem Ende zuging. Aber einen Teil der momentanen Geschehnisse durchschaut zu haben war einfachberuhigend. Er fühlte sich wieder einigermaßen Herr der Lage. Er nahm die Schnellstraße die zu seinem Büro führte und fühlte sich gut.

     Frank überquerte zu Fuß die Straße in dem belebten Viertel. Die Menschen um ihn herum eilten zu irgendeinem Termin oder hingen am Telefon und diskutierten erregt mit irgendeinem Geschäftspartner. Alles in allem ein hektisches Treiben. Doch Frank schien alle Zeit der Welt zu haben. Er schlenderte durch die große Eingangshalle und betrachtete den ganzen Eingangsbereich so genau wie noch nie. Er sah den auf Hochglanz polierten Marmorboden und die Säulen der hohen Halle. An der mit Holz verkleideten Wand ihm gegenüber hingen Fotos von früheren Geschäftsführern. In der Mitte der schmalzig grinsenden Glatzköpfe hing ein Portrait des Gründers der Versicherungsgesellschaft. Darüber der große FirmenschriftzugWeierman & Trent Assuration – Since 1950.

     Frank ging auf den verchromten Willkommensschalter zu. An der Front war das Firmenzeichen, das einen schlecht gemalten Adlerkopf darstellte, zu sehen.

     »Guten Tag. Wie kann ich ihnen behilflich sein?« leierte die Empfangsdame mit einem aufgesetzten Lächeln den auswendig gelernten Satz runter. Frank überlegte kurz wie er es am besten anstellen sollte sich nach seiner Selbst zu erkundigen.

Entschuldigung gute Dame. Ich glaube mein ganzes bisheriges Leben war nurein Traum gewesen oder wurde einfach so aus der Geschichte der Welt getilgt. Könnten sie bitte in ihrer Kartei nachschauen ob ich existiere?

     »Ja, ähm, Entschuldigung. Ein früherer Freund von mir… Wissen sie wir sind zusammen inHarvardgewesen… Ähm, wie gesagt. Ein alter Freund von mir hat mal hier gearbeitet. Und ich bin der Organisator des Klassentreffens das bald stattfindet. Könnten sie für mich bitte überprüfen ob er noch hier arbeitet?«Ja Frank. Du bist der Beste. Eine unglaubwürdigere, konstruiertere Geschichte hättest du dir wohl nicht ausdenken können…

     Doch die Empfangsdame schien ihm die Geschichte abzukaufen oder kümmerte es nicht weiter und wollte wissen: »Können sie mir den Namen ihres Freundes nennen?« Frank war einen Moment sprachlos, überrascht wie gut seine Geschichte funktionierte.

     »Ähm, ja. Frank… Frank Marshall«, antwortete er schließlich.

     »Einen Moment bitte. Ich werde es gleich überprüfen«, entgegnete ihm die Empfangsdame.      

     Sie tippte eine Zeitlang auf ihrer Tastatur herum. Wobei sie nie das irgendwie aufgesetzte Lächeln verlor. Sie schüttelte langsam den Kopf  und meinte: »Es tut mir Leid, Sir. Aber in meiner Kartei existiert ein solcher Name nicht. Es war nie einFrank Marshallbei uns tätig. Sie müssen sich irren.«

     »Das habe ich mir schon gedacht«, entgegnete Frank gelassen. Er setzte ein Grinsen auf, machte kehrt und verließ seine ehemalige Firma.

     Frank, das ist wie bei diesem miesen Sandra Bullock Streifen. Die Regierung hat irgend aus einem Grund deine Identität gelöscht… Doch das lässt du nicht mit dir machen. Du nicht…!Verdammt!Bleib bei Verstand! Du befindest dich nicht in einem Film… Das ist die Realität. Und in der Realität werden keine Menschen von der Regierunggelöscht…Verdammt was ist hier los…

     Frank hatte seinen Wagen zwei Blocks weiter abstellen müssen. Er hatte keinen Parkplatz in der Nähe seinerehemaligenFirma gefunden. Frank hatte gar nicht erst versucht, ob er mit seiner Mitarbeiterkarte in die firmeneigene Tiefgarage gelangen konnte. Auf dem Weg zu seinem Wagen stellte er fest, dass er seit fast zwanzig Stunden nichts mehr gegessen hatte. Das Sandwich das er sich letzte Nacht gekauft hatte, lag immer noch in seinem Wagen.      Jetzt wo er sich erinnern konnte, wie lange seine letzte Mahlzeit her war, verspürte er großen Hunger. Solchen Hunger, dass sein Magen schmerzte. Etwa zwanzig Meter die Straße hinunter befand sichJacks Diner, wo er an fast jedem Arbeitstag zu Mittag aß. Sie würde ihn auch hier nicht wiedererkennen. Doch das Essen wird noch dasselbe sein. Also beschleunigteFrank seine Schritte. Er kam an all den vertrauten Bauten vorbei. Diese, welche ihn vor nicht all zu ferner Zeit Tag für Tag begleitet hatten. Das chinesische Restaurant, gleich nach dem italienischen Spezialitäten Laden. Dann diese Bar, in welcher er so manchen seiner Feierabende mit seinenKollegenvon der Arbeit verbrachte. Diese seltsame Bar mit diesen unwirklichen Menschen in ihren Anzügen. Hier waren siezu finden, hier erwischte man sie bei ihrem täglichen Versuch ihrem Leben etwas Ablenkung vom ansonsten nur mit Arbeit erfüllten Dasein zu gewähren. Was etwas sinnlos erschien, bei der Tatsache dass sie diese Zeit mit Leuten verbrachten, mit denen sie den ganzen Tag zusammen arbeiteten.

     Schließlich erreichte erJacks Diner. Einen Moment lang blieb Frank vor den Türen stehen. Es würde ihn ein gewisses Maß an Überwindung kosten, das Restaurant zu betreten. Doch der Hunger war stärker als seine Skrupel.

     Das Restaurant war im Stil der 50er Jahre gestaltet. Der Boden war schwarzweiß kariert, an den Wänden hingen Porträts und Gitarren von Musikern aus den 50ern. Eine ganze Wand war nur Elvis gewidmet. Nur die Fotos aus der Zeit, kurz vor Elvis’ Tod fehlten. Die Zeit wo Elvis so heruntergekommen war, dass er auf der Bühne seine Texte komplett vergaß, weil er zu betrunken war oder unter irgendwelchen Medikamenten stand.

     Alles war wie immer. An der Theke saßen die gleichen traurigen Gestalten wie immer. Wahrscheinlich saßen sie den ganzen Tag an der Bar und besoffen sich. Frank nahm in der gewohnten Ecke, an seinem gewohnten Tisch platz. Als die gewohnte Bedienung auf ihn zu kam, machte sich Frank schwache Hoffnungen, dass sie ihn erkannte. Doch die Bedienung säuselte fröhlich: »Was kann ich ihnen bringen, Sir?« Sie hatte ihn noch nieSirgenannt.

     »Ähm, ich hätte gern einen Kaffee und dazu Toast mit Speck und Ei«, antwortete ihr Frank.

»Also unser berühmtes 5-Dollar Frühstück«, bestätigte die Bedienung und fuhr schließlich fort, »kann ich ihnen noch was bringen?«

     »Nein danke. Das ist alles.«

     »Okay. Ich bin gleich zurück.« Die Bedienung machte kehrt als Frank ihr plötzlich hinterher rief: »Ähm, könnten sie mir noch die heutige Zeitung bringen?«

     »Aber sicher doch.«

Vielleicht finde ich in der Zeitung irgendeine Erklärung für das was hier vorgeht. Ichmussin der Zeitung nach einem Hinweis suchen.

     Ein Mann in einem klischeehaften schwarzen Anzug, einem schwarzen Hut und einem Stock nickte Frank zu. Es handelte sich weniger um eingrüßendes Nicken, als um ein Bestätigendes. Als hätte dieser seltsameBluesBrotherseine Gedanken gelesen. Als wollte er ihm sagenJa Frank. Durchsuch die Zeitung nach einem Hinweis. Du bist auf der richtigen Spur. Frank nickte nicht zurück und konzentrierte sich jetzt auf die Bedienung, die ihm gerade sein Essen brachte.

     »Bitte sehr. Ihr 5-Dollar Frühstück.«Wo ist die Zeitung? Wo ist die gottverdammte Zeitung? Hat sie sie vergessen? Wo ist diese Go…

»Ihre Zeitung bringe ich Ihnen gleich. Leider sind im Moment alle vergriffen. Sobald ein frei wird bri…«

     »Was soll das heißen, alle Zeitungen sind vergriffen? Ich… Ich brauche diese Zeitung«, unterbrach Frank die Bedienung.Wieso will ich so dringend eine Zeitung. Was ist mit mir los? Es reicht doch auch wenn ich in fünf Minuten erfahre, dass nichts über mich in der Zeitung steht…

»Sie können meine haben, Sir«, lächelte ihn eine ältere Dame an. »Es steht sowieso nur Schlechtes in der Zeitung. Das Leben ist traurig genug. Da habe ich solche Nachrichten nicht nötig.«

     Frank bedankte sich etwas verlegen und griff nach der Zeitung. Die Bedienung war längst geflüchtet, als Frank mit dem Essen begann. Jetzt, wo die Zeitung vor ihm auf dem Tisch lag, traute er sich nicht hineinzuschauen. Dasselbe Gefühl, das ihn auf die Idee brachte, die Zeitung nach einem Hinweis zu durchsuchen, hielt ihn jetzt davon ab. Er hatte Angst davor etwas zu entdecken, das er nicht entdecken wollte. Also aß er zuerst auf.

     Als Frank mit dem Essen fertig war, blickte er zu dem Tisch wo vorhin derBlues Brothergesessen hatte. Der Tisch war leer. Anscheinend war er gegangen. Nach einem tiefen Seufzer nahm Frank alle Kraft zusammen und öffnete die Zeitung. Die alte Damehatte recht. Nur Tod und Verderben. Er fand Berichte über diverse Kriege. Ein Flugzeug war in der Nähe von Main abgestürzt. Überall gab es so und so viele Verletzte und so und so viele Tote… Auf der nächsten Seite befände sich der Sportteil der Zeitung. Er wollte gerade umblättern, als er ein Foto neben einem kleinen Bericht entdeckte. Die Überschrift lauteteVermisst. Unter der Überschrift befand sich Franks Foto. Darunter war der Name S. Bloomdale abgedruckt. FranksHerz raste, das Dröhnen in seinem Schädel wurde lauter. Er versuchte sich noch einmal zu vergewissern, dass das wirklichseinFoto war. Daserauf dem Foto abgebildet war. Doch er war es. Es war sein Gesicht. Mit zitternden Händen las Frank den dazugehörigen Text.

Mountains EndDer in Mountains End ansässige S.Bloomdale (36) wird seit Sonntagabend vermisst. Mister Bloomdale war von einem Spaziergang nicht mehr zurückgekehrt. An dem besagten Abend hat seine Frau H. Bloomdale bei der Polizeieine Vermisstenmeldung aufgeben. Ihr Mann wird bereits seit über 24 Stundenvermisst. Die  Ortsansässige Polizei hat mit der Suche begonnen. Leider fehlt bis jetzt jede Spur. Seine Frau meinte Gegenüber der Zei…

     Dieses unerträgliche Dröhnen in seinem Schädel war vollständig zurückgekehrt. Mit einer derart unerträglichen Intensität das Frank schlecht wurde. Er kämpfte damit, nicht über dem Tisch zusammenzubrechen. Die ganze Welt um ihn begann sich zu drehen. Es zog und drückte in seinem Schädel. Sein Gehirn schien derart anzuschwellen, als würde im nächsten Moment sein Schädel bersten und es heraus quellen. Sein Atem war schwer. Die übrigen Restaurantgäste begannen auf Frank aufmerksam zu werden und fingen an zu tuscheln. Entsetzte und erschrockene Blicke streiften ihn. Frank klammerte sich an der Tischplatte fest, als ihn seine Kräfte verließen und er drohte von seinem Stuhl zu rutschen. Unter dem Mantel des Dröhnens verschwamm seine Sicht bis zur Unkenntlichkeit. Die Geräusche um ihn gingen in ein mechanisches Geräusch über, weit entfernt von der Realität. Und genau so fühlte er sich, weit ab von jeglicher, gewohnter Realität.

     Frank wusste nicht, wie lange er so dagesessen hatte. Doch es konnte nicht sehr lange gewesen sein. Ansonsten wären wahrscheinlich längst irgendwelche Sanitäter und Polizeibeamte um ihn versammelt. Für Frank hatte dieser Moment eine Ewigkeit gedauert.

     Das Schlimmste war vorbei. Es hatten sich keine Sanitäter eingefunden als er wieder zu sich kam. Die halbe Belegschaft des Restaurants und diverse Gäste hatten sich jedoch um ihn versammelt.

     »Sir? Sir… Ich habe den Krankenwagen gerufen. Ge… Geht es ihnen gut?« stotterte die völlig verängstigte Bedienung und beugte sich über ihn. Im Hintergrund stritten sich lauthals eine andere Bedienung und der Restaurantmanager. Der Manager befürchtete dass etwas am Essen nicht in Ordnung war. Die Angst vor einer Klage von Franks Seite ließ ihn hysterisch umher schreien. Frank registrierte nichts von all dem. Er raffte sich auf und kämpfte sich hinter dem Tisch hervor. Die Bedienung die über ihn gebückt war um ihm irgendwelche hysterischen Sachen wie Bewegen sie sich besser nicht. Bleiben sie so… in seine Ohren zu schreien, stolperte nach hinten als sich Frank erhob. Er versuchte sich durch die Menge der Leute zu wühlen.

     »Bitte bleiben sie sitzen. Sir. Ich glaube sie sollten sich erst von den Sanitätern untersuchen lassen. Der Krankenwagen wird gleich hier sein…«

     Frank hatte seit er wieder zu sich gekommen noch nichts gesagt. Und er beließ es auch dabei. Wortlos torkelte er benommen aus Jacks Diner. Und danach folgte ein klaffendes, schwarzes Loch. Erst Stunden später, sollte er wieder zu sich kommen…

     Stille… Es herrschte Stille… Kein Dröhnen… Kein Stimmengewirr… kein einziges, weltliches Geräusch… Frank begann mit dieser unsäglich entspannenden Stille zu experimentieren. Er versuchte in sich hinein zu horchen. Er versuchte seine Organe zu hören – zu hören wie sein Herz Blut pumpte. Wie der Darm begann die Spiegeleier und den Speck zu verdauen… War sein Körper überhaupt vorhanden? Einbildung…? Befindet sich mein Geist überhaupt noch in meinem Körper? Wo bin ich…? … … Bin ich… tot?  Er fühlte sich frei… schwerelos… Vielleicht höre ich das Pumpen meiner Lungen… Frank vernahm Atemgeräusche. Seine Atemgeräusche. Sein Körper war also noch da. Er war nicht tot. Wie in einem Traum, nachdem man feststellt das man träumt, wachte Frank sofort auf. Er konnte den entfernten Klang von Hupen und anderem Straßenlärm wahrnehmen. Der vertraute Geruch einer Großstadt erfüllte langsam seine Nase. Sein Rücken schmerzte. Seine Hände fühlten einen harten Untergrund. Er schien sich auf rauem Beton zu befinden. Erst jetzt schaltete er auch seine letzten Sinne wieder ein. Vorsichtig öffnete Frank seine Augen. Sie schmerzten. Doch das Wichtigste war, dass die Schmerzen aus seinem Schädel verschwunden waren. Das Dröhnen hatte sich endlich zurückgezogen. Das Monster hatte sich wieder in seiner Höhle verkrochen.

     In seinem Mund machte sich ein metallischer Geschmack breit. Er fasste unter seine Nase und fühlte eingetrocknetes Blut. Nasenbluten… Sein Orientierungssinn kehrte langsam zurück. Er begriff wieder wo Oben und Unten war. Das Körpergefühl war ebenso wieder vollends zurückgekehrt.

     Frank saß in irgendeiner Nebenstraße auf dem Bürgersteig, an eine Wand gelehnt. Irgendwo in L.A…. Es war Nacht. Wahrscheinlich späte Nacht…Steh auf…Seine Hände tasteten nach irgendeiner Kante wo er sich festhalten konnte um sich zu erheben. Er umklammerte eine Fensterbank und benötigte alle verfügbare Kraft um sich aufzurichten. Eine Weile lehnte er sich gegen die Fassade und genoss den Halt, der ihm die Wand bot. Bis er schließlich alle Kraft und allen Mut zusammen nahm und damit begann einen Schritt vor den Anderen zu setzen. Mit jedem Schritt schien das Laufen einfacher zu fallen. Als hätte er Tage lang so dagesessen und wäre bloß etwas eingerostet. Schritt für Schritt bewegte er sich vorwärts, vielleicht etwas zittrig auf den Beinen. Doch erfüllte es ihn mit einer Art Stolz so schnell wieder

Dienstag

     …die Erinnerungen an die Ereignisse im Restaurant, aus den Tiefen seines Unterbewusstseins, zurück in das bewusste Denken. Der Zeitungsbericht erschien wie ein verwackeltes Polaroid Foto vor seinem geistigen Auge.Mountains…Ermusstenach Mountains End.

     Eine zerbrochene Flasche, über die Frank beinahe gestolpert wäre, holte ihn wieder aus dem Nebel seiner Gedanken. Frank versuchte sich auf seine Füße zu konzentrieren, die noch nicht immer das taten, was sie sollten. Doch ein blitzartiger Schwall aus losen Gedanken durchflog sein Bewusstsein.Wie komme ich nach Mountains End… Wo steht der Wagen… sollte ich ins Krankenhaus…?Was geschieht hier…? ”What the hell, I´m doing here?”...wieCount Flateinmal sang.

Frank steckte seine Hände geistesabwesend in die Hosentaschen.Wo ist meine Brieftasche? Meine Schlüssel? Irgend so ein Affe muss mich beraubt haben, während ich ohnmächtig dalag…Mit der Brieftasche waren auch alleseine Ausweise verschwunden. Alles was hätte beweisen können daser Frank Marshall war. Alles was Frank in seinen Taschen fand war der Zeitungsausschnitt.

     Wo verdammt noch mal habe ich meinen Wagen abgestellt…?Man sollte in einer Stadt wie L.A. nicht seinen Wagen verlieren…

     Als wäre er plötzlich von einer Macht erleuchtet worden, als hätte Frank in diesem Moment eine Antwort auf alle Fragen dieses Universums erhalten, blieb Frank Marshall stehen. Er riss die Augen so weit auf wie er konnte und atmete die kühle Nachtluft mit einer Intensität ein, als hätte er seit Jahren keinen solch ehrlichen,richtigenZug Sauerstoff eingeatmet… Ein Lächeln formte sich auf seinen Lippen. Er wusste was zu tun war.

     Frank irrte durch die unwirklichen Straßen. Der verzerrte Lärm des Verkehrs wurde immer lauter. Nach einer Weile wandelte sichdie Nebenstraße zu einer Art Hauptstraße. Der Lärm, die vielen Autos… Eindrücke… Zu viele Eindrücke… Schwirren… Drehen… …Dröhnen…  …das hektische Treiben schien ihn zu erdrücken. Fast hätte ihn eine weitere Benommenheit in ihren Mantel eingehüllt. Die Autos und ihre Scheinwerfer schienen bloß weiße und rote Linien zu sein. Der Lärm des Verkehrs schien zu einem einzigen Geräusch zu verschmelzen. Instinktiv torkelte er an den Straßenrand. Verzerrt… Von weit her… schienen die hupenden Autos GEH WEG zu schreien. Ein alter, grüner Gremlin kam mit unerträglichem Quietschen direkt hinter Frank zum Stehen.

     »Oh mein Gott. Sind sie verrückt? Sie können sich doch nicht einfach aufdie Straße legen«, schrie die aus dem Fahrzeug gesprungene Fahrerin desGremlins. Doch ihre Hysterie ging vom ersten Schock in eine große Unsicherheit über.

     »I.. ist a… alles in Ordnung mi… mit Ihnen? Fehlt ihnen etwas?« Sie bückte sich über Frank. Dabei verrutschte ihre Brille.

     »Ich muss nach Mountains End… Mountains End… Bitte… Hilf mir…«, stöhnte Frank in seinem Delirium. Panik brach bei der jungen Fahrerin aus. Ihre Blicke schweiften nervös über den an ihnen vorbeirasenden Verkehr. Es erschien ihr in diesem Moment als das Beste, sie und ihren Patienten weg von der Straße zu bringen. Weshalb sie Frank mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft aufhalf und ihn auf die Rückbank ihres Gremlins legte. Aus Angst von einem Auto erfasst zu werden, stieg sie über die Beifahrertür ein und kletterte auf den Fahrersitz. Als sie den Wagen startete und anfuhr vollführte der Wagen einen ruckartigen Sprung und starb ab. Sie startete den Wagen erneut und brachte ihn mit einem Ruckeln zum Rollen. Tränen rannen ihr über die Wangen. Hätte sie Schminke getragen, wäre sie jetzt verschmiert.

     Frank war inzwischen wieder weggetreten - und in die Traumwelt eingetreten. Er schlief…

     Frank saß an seinem Schreibtisch. Diesem Designermodell. Er lass dieÜberschrift des grünen Formulars das er in seinen Händen hielt. Grün. Grün waren die weniger brisanten Fälle. Die Unwichtigen, bei denen die Chancen auf einen Betrug eher gering waren. Oder solche bei denen es sich nur um einen geringen Betrag und somit um einen geringen Verlust für die Firma handelte.

     »Steinschlag… Frontscheibe…«, murmelte Frank während seine Augen über die Zeilen huschten. Er legte das Formular auf seine Schreibtischunterlage, die einen Sandstrand, das Meer und Palmen zeigte. Es war eines dieser Motive, welche man normalerweise auf Puzzles findet.

     Er nahm einen Schluck von dem kalten Kaffee und rückteseinen Hefter neben dem Schreibgestell zurecht. Frank lies seinen Blick über den Schreibtisch und schließlich durch das ganze Büro wandern. Über die Berge von Akten, den Schränken voll Akten und all den anderen losen Unterlagen, die sich sogar am Boden auftürmten. Doch seine hohe Stellung hatte auch sein Gutes. Er hatte zum Beispiel sein eigenes Büro. Die meisten Mitarbeiter mussten in irgendwelchen Boxen in riesigen Räumen ausharren. Wie Pferde werden sie da hinein gepfercht. AuchseineKarriere hatte in so einer Box begonnen.

     Frank erstarrte als das Telefon klingelte. Als er sich vom Schreck erholt hatte, sah er auf das Display des Telefons. Der SchriftzugHomeblinkte darauf. Seine Frau rief an. Schließlich nahm er den Hörer ab und meldete sich mit einem freundlichen: »Hallo Sarah.«

     »Hi, Frank. Ich wollte dir nur sagen das ich die Ramleys heute zum Essen eingeladen habe. Sie kommen so gegen Acht.«

     »Okay, Schatz«, antwortete Frank mit einer inzwischen gespielten Freundlichkeit.  Er konnte die Ramleys nicht leiden. Er hasste Mr. Ramleys verdammte Angleranekdoten und seine verzweifelten Versuche humorvoll zu wirken. Und diese ewig nörgelnde Mrs. Ramley. Immer und an verdammt noch mal allem hat sie etwas auszusetzen. Außer sie erzählt von ihrer scheiß Teddybärsammlung.

     »Kannst du mir bitte noch einen halben Liter Sahne vom Laden mitbringen, Frankie?«

     Frank richtete seine Augen auf die Wanduhr. Gleich Zwölf. Mittagspause. Schließlich antwortete er mit seiner freundlichsten Stimme: »Natürlich Schatz. Okay, ich muss Schluss machen. Ich habe noch eine Menge Arbeit vor mir, wenn ich heute Abend rechtzeitig zu Hause sein will. Bis dann, ich liebe dich.« Mit diesen Worten legte Frank den Hörer auf und verließ sein Büro. Er durchquerte den Raum mit den Boxen und betätigte am anderen Ende dieses trostlosen Raumes den Knopf für den Lift. Mit dem gewohnten BING öffneten sich nach einer Weile die Türen des überfüllten Lifts. Frank betrachtete die Menschenmenge und schielte verunsichert auf das Aluschild mit dem zugelassenen Maximalgewicht. Mit einem Seufzer betrat er den Lift und die Türen schlossen sich.

     Die Luft war erfüllt von einem Gemisch aus Parfum, Aftershave und Schweiß. Die Fahrt runter in die Cafeteria schien heute eine Ewigkeit zu dauern. Irgendwann zwischen dem 15. und 14. Stockwerk vernahm Frank ein seltsames Geräusch. Es klang wie ein immer näher kommendes Hupen. Er fasste sich an die Ohren um sich zu vergewissern ob mit seinen Hörorganen etwas nicht stimmte. Die Menschen um ihn herum warfen Frank kritische Blicke zu. Das Hupen wurde immer lauter, bis es schließlich alle anderen Geräusche verschluckte. Nur übertroffen von dem Dröhnen in seinem Schädel. Das Monster war zurückgekehrt. Alle Erinnerungen außerhalb seiner Traumwelt kehrten ebenfalls zurück. Seine Sicht verschwamm erneut und…

…er wurde von dem Hupen des vorbeibrausenden Trucks geweckt. Das grelle Tageslicht blendete ihn. Die nachträglich montierte Uhr am Armaturenbrett zeigte zwei nach Zwölf Uhr Mittags.

     »Hi«, begrüßte ihn die Fahrerin zu seiner Rückkehr in dierealeWelt, »sie hatten wohl keine Gute Nacht. Sie haben die ganze Zeit zusammenhang-loses Zeug geredet.«

     »Na ja. Von einer guten Nacht kann nicht die Rede sein. Ich war… ich war zurück. Sogar die Uhrzeit stimmte…«

     »Wo von sprechen sie?«

Frank richtete sich langsam – dies schien der Beginn des fast endgültigen, unumgänglichen Endes seines bisherigen Lebens zu sein - auf der Rückbank des Gremlins auf, bevor er antwortete: »Egal. Wo sind wir?« Die Fahrerindrehte sich zu ihm um und er konnte das erste Mal das Gesicht seinerRetterin sehen. Sie war kaum älter als sechzehn und fuhr wahrscheinlich erst seit kurzem Auto. Sie hatte strähniges, dunkles Haar und auf ihrer Nase saß eine Brille, dessen Bügel sie hinter ihre leicht abstehenden Ohren geklemmt hatte. Doch im Gesamten hatte sie ein sympathisches, hübsches und freundliches Gesicht. Mit einem breiten Grinsen entgegnete sie ihm: »Zuerst möchte ich ihren Namen wissen. Schließlich darf man nicht mit Fremden reden.«

     »Frank. Mein Name ist Frank«, antwortete Frank und fuhr nach einer kurzen Pause fort, »aber Fremde auf der Straße auflesen findest du intelligenter?«

     »Alicia.« Mit diesen Worten und einem noch breiteren Grinsen streckte sie ihm die Hand hin. Frank schüttelte sie zögernd.

     »Wir befinden uns zehn Meilen hinter der kalifornischen Bundesgrenze. Sie haben gesagt, dass sie nach Mountains End wollen. Stimmt’s?

     »Ähm… ja. Genau.«

     »Ich glaube, in Colorado gibt es so einen Ort. Ich glaube wir haben in der Schule etwas darüber gelernt. Irgendwas über eine riesige Umwelt-katastrophe, oder so.“ Als hätte sie damit gerechnet, dass Frank etwas dazu sagen würde, machte sie eine kurze Pause. Doch Frank schwieg und Alicia fuhr schließlich fort: „Ich fahre nur bis Las Vegas. Aber bis dort können sie mitfahren.«

     »Aber nur wenn sie mir ihre Geschichte erzählen«, fügte Alicia an. Frank ignorierte ihren letzten Satz und beugte sich zwischen den zerrissenen Sitzen nach vorne. Er vernahm den unappetitlichen Geschmack von abgestandenem Rauch.

     »Hast du eine Zigarette für mich?«

     »Aber klar.« Alicia griff zu den Zigaretten auf dem Beifahrersitz und bot ihm das Päckchen an.

     »Nimm dir eine.« Frank griff nach der Schachtel und zog sich eine Zigarette aus dem Päckchen. Alicia hatte bereits den Zigarettenanzünder betätigt.

     »Gibst  du mir auch eine? Ich muss mich aufs Fahren konzentrieren. Steck sie mir bitte gleich an« Er steckte sich beide Zigaretten in den Mund und lehnte sich weiter nach vorne zu dem Anzünder. Als beide Zigaretten brannten, reichte er eine davon Alicia und verstaute den Anzünder an dem vorgesehenen Platz.

     »Weißt du was?« brach Alicia das Schweigen. »Ich werde beim nächsten Motel halt machen. Ich bin die ganze Nacht durchgefahren. Vorhin haben wir ein Schild passiert das ein Motel ankündigt hatte. Wir müssen noch ein paar Meilen fahren. Aber ich glaube wir sind bald da.«

     »Von mir aus.«

     »Und deine Geschichte kannst du mir dann am Abend, nachdem ich etwas geschlafen habe, erzählen.«

     Am Wagen glitt karge Wüste vorbei. Nur unterbrochen von Kakteen und riesenhaften Felsformationen in der Ferne. Die Mittagssonne brannte heiß auf den stumpfen, staubigen Lack des Gremlins. Weit und breit keine Zivilisation. Kein Lebewesen schien sich in diese Gegenden zu wagen. Mit Ausnahme von Frank und Alicia.

     Nach einer Weile verlangsamte das Fahrzeug und Alicia bog in die Einfahrt eines Motels mit dazugehöriger Tankstelle ein. Sie parkten den Wagen auf dem kleinen Parkplatz, direkt vor dem Motel. Alicia und Frank stiegen aus dem Gremlin und machten sich auf den Weg zur Rezeption. Frank war immer noch etwas unsicher auf den Beinen. Alicia wollte gerade das Gebäude betreten als Frank rief: »Alicia. Warte.«

     »Was ist?«

     »Ich habe kein Geld. Mir wurde die Brieftasche gestohlen.«

     »Kein Problem. Für eine Nacht wird mein Geld reichen. Und morgen bin ich  bere…«

     »Und ich will mich nicht ausruhen. Ich habe die ganze Nacht bei dir im Wagen geschlafen«, unterbrach Frank sie.

     »Du hast selbst gesagt, dass du nicht besonders gut geschlafen hast. Jetzt hab dich nicht so. Ich bezahle.« Widerwillig akzeptierte Frank und folgte ihr zur Rezeption.

     Norman Bate´s Motel…dachte Frank. Sie betraten die heruntergekommene Absteige und fanden sich in einem sterilen, kargen Raum wieder. Ein paar verstaubte Porträts und eine verdorrte Pflanze auf der Theke stellten einen verzweifelten Versuch dar, den Raum etwas freundlicher zu gestalten. Selbst der übelriechende Perserteppich war geschmacklos. Frank bemerkte, dass sich fast alle Zimmerschlüssel am Schlüsselbrett befanden. Scheinbar war das Motel nicht besonders gut besucht.