Sieben Tage - Oliver Auschner - E-Book

Sieben Tage E-Book

Oliver Auschner

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Beschreibung

Anna und Josef in ihrem täglichen Leben auf dem Hof. Ein Rentner Ehepaar wie es sie zu tausenden in Deutschland gibt. Viele Erinnerungen aus ihrem Leben sind beschrieben. Mit feinem Stift das Leben geschildert. Die Landschaft und das Miteinander beschrieben. Es sind die letzten 7 Tage der beiden, die beleuchtet werden, mit feinsinnigen Humor und zugleich mit bitterer Tragik.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Oliver Auschner

Sieben Tage

Der Hof

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Der Hof

Impressum

Der Hof

Es ist stockdunkel im Zimmer, kein Licht, nicht mal der Mond kann etwas dazugeben. Josef liegt mit offenen Augen da und starrt an die Zimmerdecke. Er versucht es zumindest, „sind die Augen nun auf oder zu“? Nur an den Muskelbewegungen der Augen bemerkt er, dass er ins Nichts sah. „Verflucht noch mal“ schimpfte der Alte, es ist, als wäre man schon tot.

Neben ihm lag seine Frau im tiefen Schlaf. „Wenn sie so ruhig liegt, ist sie bestimmt wieder in einer anderen Welt und träumt“ murmelte er leise vor sich hin. Josef versuchte sich leise auf die andere Seite zu drehen und sich die Decke bis über die Augen zu ziehen, aber das Bett, das verfluchte Bett ließ das überhaupt nicht zu, ließ jede Bewegung in einem knarrenden und quietschenden Laut zum Inferno werden. „das halte ich nicht aus“ wetterte Josef und schnellte hoch. Nun saß er auf dem Bett und war sich sicher, dass er gleich aufstehen würde, seine Pantoffeln suchen würde, um in die Küche zu gehen. Anna hat das alles nicht gestört, sie lag noch immer so da und schlief den Schlaf der Gerechten. „Na ja“ dachte Josef und stieg aus dem Bett. Es war aus der guten alten Zeit, aus richtigem Holz und hatte Stahlfedern, die es jeden hören ließen, der sich auf sie setzte.

Vorsichtig angelte sich Josef die Latschen und stand nun fest auf seinen Beinen. Mit der rechten Hand suchte er nach dem Morgenmantel, der immer am hinteren Bettende lag und zog ihn sich in völliger Dunkelheit über. Eine Hand vors Gesicht, die andere Hand tastend ging er leise und vorsichtig zur Tür, ertastete die schmiedeeiserne Klinke, öffnete diese und schloss die Tür hinter sich. Kaum war sie zu, atmete er erleichtert in der Finsternis auf, machte sich auf dem Flur Licht und ging nun schlurfend in die Küche. „Gut, dass Anna nicht aufgewacht ist“ dachte der Alte. Es ist nicht gut, wenn sie merkt, dass er nachts aufsteht. „Was soll das, die Nacht ist zum schlafen da, leg dich hin und gib Ruhe“. Es fällt ihm nun mal schwer, die Stunden der Nacht über die Runden zu bekommen, aber wenn ihm Anna dann auch noch erzählt, dass er gefälligst liegen bleiben soll, ist es vorbei mit der Nachtruhe. Lieber stehe ich auf und gehe ein wenig hin und her. Das still liegen ist nichts für mich, dachte Josef, der sich gerade auf einem Stuhl in der Küche niederließ.

Die Küchenuhr an der Wand über der Kommode zeigte an, was er befürchtet hatte, es war erst 02.20 Uhr. „Es ist jedes Mal dasselbe“ grummelte Josef vor sich hin und ärgerte sich über den gesunden Schlaf seiner Frau und darüber, dass er zu nachtschlafender Zeit im Haus herumschlich und sich langweilte.

„Ich werde mir einen Tee kochen und mal sehen, ob ich die gestrige Zeitung noch finden kann. Nachdem er sich Wasser in den Kessel gefüllt hatte und diesen auf die Herdplatte stellte, ging er auf die Suche. „Hoppla“ na das ist ja ein Ding, dachte der Alte und freute sich, die Suche gar nicht erst beginnen zu müssen. Anna hatte die Zeitung auf seinen Stuhl gelegt, in der weisen Voraussicht, dass ihr lieber Mann sie sowieso wieder in der Nacht suchen würde. Das Teewasser fing an zu summen und schließlich goss sich Josef ein Glas mit dem kochenden Wasser ein, ließ ein Teeei mit Inhalt hinein und schüttete sich zwei Teelöffel Zucker hinterher. „So lasse ich mir das gefallen“ dachte er, setzte sich auf seinen Stuhl, rückte näher zum Licht heran und vertiefte sich in die Lektüre.

„Mein Gott, die Zeit vergeht aber heute überhaupt nicht“. Josef sah erneut auf die Uhr 03.38 Uhr. Die Zeitung hatte auch nicht viel Neues zu bieten, außerdem hatte er sie am Nachmittag schon so gut wie ausgelesen. Josef erhob sich, faltete die Zeitung zusammen und legte sie wieder auf seinen Stuhl, so als ob er sie gar nicht angefasst hätte. Als er an das Küchenfenster ging, um heraus zu sehen, kam urplötzlich dieser verdammte Schmerz wieder, der ihn fast lähmte und zwang, sich an der Tischkante festzukrallen. „Verflucht“ zischte er durch die Zähne und zwang sich, sich nicht setzen zu müssen. Sein Kopf fühlte sich an, als ob er an einem Stromkabel angeschlossen wäre, seine Arme fingen an zu kribbeln und die Luft wurde ihm knapp. „Gehe hin, wo du hergekommen bist und lass mich in Ruhe, du Teufel“ keuchte er. Langsam, ganz langsam kamen seine Lebensgeister zurück. Schweiß- gebadet stand er vor dem Fenster und hielt sich noch immer am Tisch geklammert, so dass seine Finger ganz weiß wurden... Zwei, dreimal holte er tief und lange Luft, immer noch in sich hineinhorchend, um nicht noch mal die Schmerzen heraufzubeschwören und schlich gebückt nach Halt suchend zur Abwäsche, wo er sich mit dem kalten Wasser das Gesicht kühlte und die heißen Hände immer wieder unter den Hahn hielt. „Lange mach ich das nicht mehr mit“ dachte Josef und überlegte, wie er das seiner Frau sagen sollte und ob es sich überhaupt lohne, darüber zu sprechen. Er wusste genau, was sie sagen würde. Da er aber die Ärzte hasste und noch nie in einem Krankenhaus war, was das Thema für ihn auch schon wieder erledigt.

Josef ging wieder auf den Flur, nahm sich den Türschlüssel zum Hof und schloss die Holztür auf. Sofort schlug der Hund an. Sein Gebell weckte auch die anderen Hunde im Dorf, die aber nach kurzer Zeit wieder Ruhe gaben.

Die kalte Winterluft raubte ihm für kurze Zeit die Sinne. Lichtblitze durchzuckten ihn und die Augen fingen an zu tränen. Er hatte nicht mal die Zeit sich umzuschauen und nach dem Hund zu suchen, so fror er plötzlich. Er verschloss die Tür wieder, legte den Schlüssel wieder auf die Anrichte und schlurfte in die Küche. Das Teeglas stellte er vorsichtig in die Abwäsche, sah sich noch einmal um und ging wieder ins Bett. Vorher hatte ihm die Uhr 04.45 Uhr angezeigt. „Gott sei Dank“ dachte Josef, die Nacht ist so gut wie vorbei. Er fühlte sich jetzt müde und zerschlagen, wie nach einem Tage auf seinem Hof.

Langsam fielen ihm die Augen zu und der Schlaf überkam ihn und hüllte ihn die gleiche Dunkelheit ein, wie der Raum war, schwarz und unendlich. Anna drehte sich zu ihm und sah ihn kurz an, dann lächelte sie in sich hinein, rollte kurz mit den Augen und schüttelte kurz den Kopf. Sie hatte wohl bemerkt, dass Josef sich wieder heimlich aus dem Bett geschlichen hatte. Nach kurzer Zeit lagen beide wieder in ruhigem tiefen Schlaf und die Nacht hatte Zeit, sich an den folgenden Tag zu verlieren.

Im Dorf herrschte absolute Stille, wie man sie nur aus eiskalten Winter- tagen kennt, wenn alle Fenster geschlossen sind, alle Geräusche gedämmt werden durch den Schnee und die eisige Luft, wo sich die Tiere aneinander schmiegen, um die Wärme zu halten. Nur die weißen Rauchfahnen aus den Schornsteinen waren sichtbar als der Tag anbrach.

„Josef, .... Joooseff“, langsam öffnete Josef die Augen. Jetzt, wo die Wintersonne durch das beschlagene Fenster brach und die Sonnenstrahlen sich im gesamten Zimmer verfingen und in den Gardinen verschwanden, war ihm doch etwas seltsam. „In der Nacht nicht schlafen können und Tags am liebsten im Bett bleiben wollen, das sind die richtigen“ grummelte Anna. Hatte Anna ihn gerufen oder war das ein Traum? Er dreht seinen Kopf zur Seite und sah die leere Betthälfte. War dann wohl doch nicht geträumt, dachte er und überlegte, ob er nun einfach liegen bleiben soll oder um des lieben Frieden willen sich erheben und das Tagwerk beginnen sollte. Anna kam wieder ins Zimmer. Sie sah ihn mit einer Mischung aus Mitleid und einem Lächeln an, „komm Josef, du musst noch einheizen. In der Küche habe ich schon geheizt, aber die Wohnstube ist noch kalt, steh auf und beweg dich.

Ehe er zum Sprechen kam, zog sie die Gardinen mit einem Ruck zur Seite und Josef hielt die Hand vor die Augen. „Himmel“, ich steht ja schon auf. Schwerfällig rollte er sich auf die Seite und setzte sich auf die Bettkante. „Also“..., was „also“ fragte Anna, die vor ihm stand und die Hände in die Hüften stützte. „Also heißt, du hast gewonnen und ich meine Ruhe“, sagte Josef in einem verschmitzten Ton und verzog sein Gesicht zu einem Grinsen. Beide standen sich jetzt am Sonntagmorgen in ihrer Schlafstube gegenüber und sahen sich an. „Guten Morgen Frau“ sagte Josef und erwartete den Gegengruß – „Guten Morgen du alter Narr“ war die etwas barsche Antwort seiner Frau. Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand wieder in Richtung Küche, wo sich der Wasserkessel lautstark bemerkbar machte.

Josef holte tief Luft und verschwand in die Badestube, wo man ihn laut pfeifen hörte. Das konnte ihm keiner nachmachen, er konnte trällern wie eine Nachtigall. Mit seinen 85 Jahren war er sowieso nicht wie seine Altersgefährten. Er war eine kleiner drahtiger Mann, dessen Gesichtszüge sich in den Jahren verhärtet hatten, aber die Lachfalten an den Augen verrieten einen umgänglichen und lustigen Opa, wie seine Enkel ihn letztens riefen. „Lustiger Opa“, so was dachte Josef, als er sich mit dem Rasiermesser langsam den Hals hoch die Barthaare rasierte.

Kurze Zeit später hörte man ihn in der Wohnstube den Ofen in Gang bringen. Anna hatte in der Zeit schon die Betten aufgeschüttelt und die Fenster weit geöffnet. Die klare Winterluft durchzog das ganze Haus, machte einen fröstelnd aber war eine Wohltat für die Lungen der beiden Alten.

Beim Frühstück fragte Anna ganz beiläufig, ob Josef in der Nacht mal wieder aufgestanden sei. Dieser schielte mit einem Blick auf die zusammengefaltete Zeitung und wollte die Frage gerade mit Entrüstung verneinen, als sein Blick auf das Teeglas fiel. „Ja, ich konnte mal wieder nicht schlafen und da bin ich halt wieder aufgestanden“ gab er zu und schlürfte seinen Kaffee ganz langsam herunter, um Zeit für die anstehende Diskussion zu sammeln. „Weißt du“ sagte Anna, es ist mir ja eigentlich egal, aber andererseits auch wieder nicht. „Du solltest dich doch vielleicht mal dem Doktor vorstellen, der wird dir schon helfen.

„Der wird mir schon helfen“ dachte Josef, in die Holzkiste wird er mir helfen. „Nein, ich brauche keinen Medizinmann“ sagte Josef und erhob sich, stellte seinen Stuhl ordentlich an den Tisch und ging hinaus.

Anna hatte schon des Öfteren mit ihm über seine Schlafstörungen gesprochen, genützt hat es jedoch gar nichts. Er ist ein richtiger „Sturkopf“ dachte sie. Den Kopf in die Arme gestützt, saß sie noch immer am Tisch und hatte sich am Rand der Kaffeetasse fest geguckt. Erst das Hundebellen auf dem Hof brachte sie wieder zu sich und sie räumte den Tisch ab und setzte Wasser für den Abwasch auf.

Josef rief ihr vom Flur aus zu, dass er mit dem Hund hinterm Haus über die Koppel bis hin zum Krebsbach laufen wolle. „Ja, ja geh du nur Mann“ dachte sie und goss sich das heiße Wasser in die Schüssel. Vom Fenster aus konnte sie ihn beobachten, wie er über den Hof lief, ihr zuwinkte und im Zwinger verschwand.

Die Sonntag verlaufen für Anna fast immer gleich. Frühstück machen, abwaschen, Mittag vorbereiten, die Betten machen, Mittag kochen, abwaschen, Kuchen backen für die Kinder und die Enkel, Kaffee kochen, abwaschen und zu guter Letzt Abendbrot zubereiten und die Küche wieder in den Urzustand versetzten. Josef machte sich nicht viel aus Küchenarbeit. Wenn man sagt, nicht viel, dann heißt das, überhaupt nichts. Die Küche ist für ihn der Raum zum Essen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Anna machte das nicht viel aus. Sie hatte fast vierzig Jahre lang als Magd beim Großbauern gearbeitet. Sie war es gewohnt, hart zu arbeiten. Aber innerlich hoffte sie jedes Mal auf eine bisschen Unterstützung von ihrem Mann. Mit den Jahren fällt ihr die Arbeit immer schwerer, aber anzumerken ist es ihr nicht. 83 Jahre ist sie im Sommer geworden. Es war eine schöne Feier, sinnierte sie beim Abwasch nach und verging sich in Erinnerungen. Diese waren so plastisch, wie die Filme, die ihre Kinder mit den neumodischen Kameras aufnehmen können, um die Feier zu jeder Zeit wieder ansehen zu können. Der Abwasch war fast beendet, als Anna aus ihrer Träumerei erwachte. Sie sah wieder aus dem Küchenfenster, was vollständig beschlagen war durch das heiße Abwaschwasser. Trotzdem konnte sie die Umrisse ihres Mannes und einen herum springenden schwarzen Schatten wahrnehmen. Beide verschwanden gerade hinter dem Zwinger und die gewohnte Stille zog wieder ein. Sie setzte sich noch einen Augenblick an den Küchentisch, wischte mit der flachen Hand noch einmal über das Wachstuch auf dem Tisch, als ob sie einen vergessenen Krümel wegwischen wollte und nahm sich die sauber zusammen gefaltete Zeitung vom Stuhl.

Sie wusste genau, wenn sie jetzt die Zeitung liest, schläft sie bestimmt wieder ein. Das ist ihr schon ein paar Mal passiert, aber es war nur ein kurzer Schlaf, ein Nickerchen. Die Brille in der Hand, blätterte sie die Zeitung auf, schob sich die Brille auf die Nase und begann die gestrige Zeitung noch einmal zu lesen.

Josef holte einige Male tief Luft und blieb stehen. Er drehte sich langsam um und sah seinen Schäferhund auf sich zu rennen. „Na komm“ rief er und ging langsam weiter. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Kein Wind war zu spüren und die Wärme der Sonnenstrahlen waren wohltuend im Gesicht. Mit einem Hecheln war der Hund nun an seiner Seite und sah ihn mit großen braunen Augen an. Es war ein schönes Tier. Josef hatte ihn von einem befreundeten Nachbarn aus dem Nachbardorf geschenkt bekommen, als dieser plötzlich mit fünf Welpen dastand und nicht imstande war, die Tiere zu töten. Da Josef immer einen Hund an seiner Seite hatte und sein Vorgänger vor drei Jahren gestorben war, nahm er das Tier zu sich. Er hatte es nicht bereut. Auch dieser Hund war treu und anhänglich. „Ein Wachhund wirst du zwar nicht mehr aber zum Bellen reicht es ja noch. Er kraulte den Kopf des Tieres und ging weiter in Richtung Felder. Der Weg war sehr schmal, es war eigentlich nur ein Trampelpfad, den sich die Kinder als Abkürzung zum Sportplatz gelaufen hatten. Links und rechts säumten mittelgroße Eichen und sehr hohe Pappeln den Weg. Es war ein richtiges Dickicht. Hier kommt man auch nur im Winter lang, dachte Josef, und freute sich schon auf den kommenden Sommer. Jetzt lag die Landschaft mit ihrer weißen glitzernden Schneepracht vor ihm. Der Hund hatte Mühe ihm mit großen Sprüngen zu folgen, da er den Weg verließ und nun im knöcheltiefen Schnee weiterlief.

Bei beiden sah man den weißen Atem, der wie Rauch aus einem Schornstein aufstieg und wieder schnell verschwand. Das ganze hatte etwas von einer Dampflok, die bei voller Fahrt ständig das typische Pfeifen hören lies und dabei weiße Wolken ausstößt. Josef schaute sich um. Das Dorf war kleiner geworden, die hohen Pappeln waren bereits weit weg und der Sportplatz war gar nicht mehr zu sehen.

Nur noch weiße Landschaft, die in den Augen Schmerzen verursachte. Josef kniff die Augen zusammen, rief den Hund und ging weiter in Richtung Bach, der in etwa einen Kilometer zu finden ist. Vor einiger Zeit hatte er beobachtet, wie ein Fuchs auf Jagd ging. Da er aber den Hund dabei hatte und der Wind ungünstig stand, bemerkte der schlaue Fuchs die beiden recht schnell und verschwand in der weißen Landschaft. Eine Krähe flog über sie hinweg und schimpfte lautstark dabei. Josef beobachtete sie im Augenwinkel und rieb seine Handflächen aneinander. Der Wind hatte etwas aufgefrischt und fing an den Händen und Ohren zu zwicken. Kleine Schneewolken trieben über die Weite und hüllten alles wie in einem Nebel ein. Josef blieb stehen und orientierte sich neu. „Es hat keinen Sinn noch weiter zu gehen“ entschied er sich. Ehe er am Krebsbach ankommt und dort erfroren als Eisblock im Frühjahr wieder auftaut, ziehe ich lieber die warme Stube vor. Sprach es, drehte sich um, pfiff nach dem Hund und ging etwas schneller durch den jetzt eisigen Wind in Richtung Dorf. Die Krähe beobachtete die Szenerie von oben und verhielt sich jedoch still, da der Hund genau unter ihr entlang lief. Er hielt die Nase noch für kurze Zeit nach oben und nahm ihre Witterung auf, hatte aber keine Zeit mehr zu überlegen, ob sich die Jagd lohnt oder nicht, denn sein Herrchen pfiff nach ihm. Außerdem war das jetzt auch kein Wind mehr, sondern ein regelrechter Sturm mit weißen Wolken und Schneetreiben. Beide Gestalten eilten wieder Richtung Dorf, waren kaum zu sehen in diesem Flockenwirbel. Ihre Spuren waren nach kurzer Zeit weggefegt. Eine jungfräuliche, weiße Ebene blieb übrig, die im Schneetreiben nicht mehr zur Ruhe kam und der Wind wehte mit lautem Heulen um die Bäume, die vor kurzem noch still in der Sonne glitzerten. Josef hatte Tränen in den Augen, seine Nase lief und die Hände wurden nun doch langsam kalt. So eine Aufregung in meinem Alter, nein. Er konnte sich nicht erinnern, so einen schnellen Wetterumschwung erlebt zu haben. Vielleicht damals im Krieg als sie nach Osten zogen und dort ihren bittersten kalten Winter aller Zeiten erlebten....und in der Gefangenschaft aber nicht hier...

Anna schreckte hoch, sie lag auf der Zeitung, das Gesicht in den verschränkten Armen. Die Brille war ihr von der Nase auf den Tisch gerutscht. Ihre Augen waren noch nicht ganz klar und eine Haarsträhne wanderte in ihrem Gesicht herum.

Sie hörte den Hund bellen und kurz darauf den schimpfenden Josef, der im Eiltempo auf den Hof lief, den Hund in den Zwinger sperrte, die Tür sicherte und dann schnell auf das Küchenfenster zukam. Anna sprang auf, strich sich den Rock glatt und lief in die Speisekammer, die an die Küche angrenzte. Mit geübten Fingern holte sie die Kartoffeln aus der Miete und setzte sich anschließend an den Tisch. Sie schälte gerade die erste Frucht, als Josef in die Küche trat. Er war völlig durchnässt im Gesicht, seine Hände waren ganz blau und die Ohren ganz rot. Sie sprang auf „Jesus, dass du auch immer so übertreiben musst“. Sie holte ihm ein trockenes Handtuch und zog dem alten Mann die Strümpfe aus. „Das ist wieder typisch für dich“ schimpfte sie. Josef hörte überhaupt nicht zu. Er war völlig aus der Puste und so richtig wohl war ihm auch nicht. „Kannst Du mir bitte einen Tee kochen?“ fragte er. Anna setzte Wasser auf und setzte ihre Trocknungsaktion an dem Mann fort. „Muss ich jetzt immer mitkommen oder was“? Sie rieb seinen Kopf mit dem Handtuch, das sie noch kurz auf den Ofen gelegt hatte, mit kräftigen Händen ab und übergab es ihm. „Hier du Held, den Rest kannst du ja wohl allein oder“?

Josef rieb sich die Hände, schnäuzte sich und fing an, seine nackten Füße immer abwechselnd zu reiben. Langsam kamen seine Lebensgeister zurück und ein kleines Lächeln überkam ihn, als er seine aufgebrachte Frau so ansah. „Was gibt’s denn da zu grinsen“? fragte sie. Ich habe hier die Arbeit und du kommst nach Hause, bist ein halber Eisblock und ich darf dich dann wieder tagelang pflegen, so was aber auch“. Langsam beruhigte sie sich wieder und schälte die Kartoffeln weiter. Josef überlegte in dem großen Handtuch eingewickelt, was er jetzt wohl tröstendes sagen kann. „Ich dachte, das Mittag ist schon fertig“. Ihr Blick kreuzte den seinen und er merkte, dass dies wohl ein nicht sehr großer Trost gewesen sein musste. Beide schwiegen jetzt. Anna schälte eine Kartoffel nach der anderen und Josef saß einfach nur so da und sah ins Leere. „Tu was, damit dir wieder warm wird oder setz dich an den Ofen, aber mach was, sitz hier nicht einfach nur rum“. Anna hatte die Situation wieder voll im Griff und Josef merkte, dass es in der Tat besser für ihn wäre, sich eine Arbeit zu suchen. Er überlegte und kam zu dem Schluss, erst mal aus dem Schussfeld von Anna zu gehen. „Ich hole mir jetzt trockene Sachen und werde dann in der Wohnstube nach dem Feuer sehen“, sprach es und war kurz darauf verschwunden. Anna hörte ihn in der Nachbarstube nach Sachen kramen. „Himmel, diese Männer“. Sie hörte es schon an den Geräuschen, die Josef machte, dass er nicht das Richtige fand und nun dabei war, den ganzen Schrank auseinander zu nehmen. Sie sprang auf, wischte sich die Hände an der Kittelschürze sauber und ging schnell in die Schlafstube, wo Josef, immer noch barfuß und nur mit Unterwäsche bekleidet, fast im Schrank lag und in den letzten Ecken des Schrankes nach Sachen wühlte. „Josef, gehst du da weg“. Anna wurde ganz rot im Gesicht vor Wut über so viel Unbeholfenheit. Sie kam an den Schrank, machte für Josef genau sichtbar nur eine Griff und hatte frische Socken sowie ein ordentlich zusammengelegtes Hemd und eine schöne dicke Cordhose in der Hand.