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Eine Villa mit Blick über das Meer, hoch oben auf den Klippen Korsikas. Hier wächst Huma auf, geboren 1976 in politisch unruhigen Zeiten, im Gründungsjahr der Korsischen Nationalen Befreiungsfront. Im Erdgeschoss wohnen Humas Eltern und verbannen sie eines Tages in den ersten Stock zu ihrer Großmutter. Zwischen den Generationen herrscht Schweigen, und die Großmutter scheint sich durch übergriffiges Verhalten an ihrer Enkelin rächen zu wollen – nur wofür? Musik und Literatur geben Huma Kraft, und mit der Zeit kommt sie nicht nur hinter das Familiengeheimnis, es gelingt ihr auch, sich von der Vergangenheit zu lösen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. In bildgewaltiger Sprache, mit ironischem Witz und bewegender Menschlichkeit erzählt Laure Limongi von der Gratwanderung, sich von seinem familiären Erbe zu befreien, ohne seine Herkunft zu verleugnen.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Laure Limongi
Roman
Aus dem Französischen von Valerie Schneider
Die Originalausgabe erschien 2019 unterdem Titel On ne peut pas tenir la mer entre ses mainsbei Editions Grasset & Fasquelle, Paris.
Copyright © Editions Grasset & Fasquelle, 2019
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft in Berlin.
Die Übersetzerin widmet ihre Arbeit an diesemRoman Francine Montanarini-Rouzeau (1947–2020).Merci pour ton héritage, ma langue maternelle.
© 2021 by mareverlag, Hamburg
Covergestaltung Nadja Zobel, Petra Koßmann, mareverlag
Coverabbildung © Olimpio Fantuz / MATO
Typografie (Hardcover) mareverlag, Hamburg
Datenkonvertierung E-Book Bookwire
ISBN E-Book: 978-3-86648-392-7
ISBN Hardcover-Ausgabe: 978-3-86648-651-5
www.mare.de
Für Nicole Lombard
»… scrivo della materia che mi ha scritto.«Erri De Luca
Das Wasser ist klar, von kleinen Wellen belebt. Alles ist in bläuliches Licht getaucht. Schwimmreifen, Mosaike, Schilder. Dazu der typische Chlorgeruch, den man irgendwann zu mögen beginnt; er entsteht, weil das Chlor mit den Abfallprodukten der Körper reagiert. Diese Verbindung von Chemie und Organischem verleiht dem Schwimmbad seinen speziellen Geruch. Ich bin ein kleines Mädchen und stehe panisch inmitten der mit bunt gemusterten Badeanzügen, zu engen Hauben und kleinen Nylontaschen ausstaffierten Horde. Letztes Mal habe ich gelernt, dass man nicht gleich wie ein Stein untergeht, sobald man den gefliesten Beckenrand loslässt, an dem man sich mit schrumpeligen Fingern so sehr festgekrallt hat, als wollte man die Nägel in die Fugen bohren. Mit klopfendem Herzen löste ich den Griff, stieß mich mit den Füßen von der Wand ab und erreichte die Arme des lächelnden Schwimmlehrers. Das Wasser ist ganz anders als die Luft. Aber man kann auch ohne Flossen, ohne Kiemen darin überleben. Zumindest wenn man oben schwimmt. Diesmal jedoch müssen wir tauchen. Uns hineinstürzen, die glatte, glitzernde Fläche durchbrechen, darin versinken. Für jemanden, der das Gefühl hat, seinen Körper nur mit Mühe zu bewegen, die eigenen Konturen nicht gut zu kennen, ist das ein Problem. Ein entsetzliches. Ich winde mich in meinem Badeanzug, dessen bunten Aufdruck ich schon leid bin, so schnell geht das, dabei habe ich die einfarbigen Modelle verschmäht und alle mütterlichen Ratschläge in den Wind geschlagen. Sogar ein bisschen rumgequengelt habe ich. Türkisblaues Muster. Ein Tarnungsversuch? Vor allem kein Rosa. Der Schwimmlehrer sagt, jetzt sei der Moment gekommen, zu springen. Alle meine Kameraden hätten es bereits getan. Bis auf den, der gerade erst eine Mittelohrentzündung hatte. Ein entzündetes Ohr, das hätte mir mal einfallen sollen, ich hätte es als Rettungsboje vor mir herschwenken können. Jetzt tollen sie herum, bespritzen sich vergnügt und voller Stolz. Sie haben die Prüfung bestanden. Etwas in ihnen spielt jetzt bei den Großen mit. Dort drüben, auf der anderen Seite des Wasserspiegels. Ich sage mir, dass mich meine Worte vor dem Ganzen bewahren werden. Solange ich rede, den Faden einer Geschichte spinne, kann ich nicht sterben. Ich erzähle von den Kugelfischen, die ich letztens im Fernsehen gesehen habe, hübschen, zuweilen tödlichen Ballons; beim geringsten Anzeichen von Gefahr werden sie zu treibenden, mit Stacheln gespickten Kugeln. Ganz schön praktisch. Und dann das hässliche Gesicht des Petersfischs, der einen Daumenabdruck auf der Flanke trägt. Die Legende besagt, dass der Apostel Petrus eines Tages auf Jesu Geheiß mit der bloßen Hand einen Fisch aus dem Wasser holte und dabei so fest zupackte, dass dieser nun auf ewig seinen Fingerabdruck auf den Schuppen trägt und eine Goldmünze im Mund. Genau wie die Toten in den Begräbnisritualen der Antike, die damit Charon bezahlten und den Styx überquerten. Und die Galeonen, die mit ihren Schätzen den Meeresboden vor der Insel bedecken. Auch das kam im Fernsehen, in den Lokalnachrichten. Es ging um eine Familie, die fünfhundert Meter vor der Küste auf Goldmünzen gestoßen war: Die Generation der Finder hatte diese sehr diskret ausgegeben, die nächste aber habe den geheimen Reichtum so prahlerisch verschwendet, dass alle erwischt wurden. Ab ins Gefängnis. Manche Nachkommen sind ihres Erbes nicht würdig. Weshalb muss es eigentlich diese immerwährenden Zyklen des Aufstiegs und Niedergangs geben? Ich sage, dass wir kaum etwas über die Tiefsee wissen; jedes Jahr werden hundert neue Arten entdeckt. Ich sage, dass ich nicht springen kann, solange man mir nicht die Zusammensetzung des Wassers und die Geschwindigkeit erklärt, mit der mein Körper darin eintauchen wird, das ist doch verrückt: Wer stürzt sich schon einfach so in den Abgrund, ohne die Faktenlage zu kennen? Der ermattete Schwimmlehrer betrachtet mich seit zehn Minuten spöttisch, die Hände in die Hüften gestemmt, schließlich seufzt er und schubst mich hinein. Ich falle, schlucke ein bisschen Chlor, huste, meine Augen brennen, die anderen lachen. Das war’s also schon. Der Ballon aus Angst fällt in sich zusammen wie ein Kugelfisch im Entspannungsmodus und macht dem Unbehagen darüber Platz, dazuzugehören. Ich bin Teil einer neuen Gruppe, die durch die Oberfläche bricht, die es sich anmaßt, den Raum der Fische einzunehmen, ich bin ein bisschen beleidigt, aber erleichtert, diese Hürde, wenn auch gegen meinen Willen, genommen zu haben. Weil man uns nicht zugesteht, bei den Prüfungen, die wir nicht ablegen wollen, vom Beckenrand aus zuzusehen. Weil Grenzen dazu da sind, überschritten zu werden. Ich bin erstaunt, dass das Ganze am Ende so harmlos war. Auf gefährlichem Terrain muss man sich leichtfüßig bewegen können.
»One day my log will have something to say about this.«The Log Lady
Zehn, zwanzig Jahre später – als bestünde das Leben nur aus Anfängen – versuche ich immer wieder, diese Geschichte zu erzählen, ohne den richtigen Blickwinkel zu finden. Tausend verschiedene kleine Sprünge in das Schwimmbad meiner Kindheit. Und noch immer schlucke ich Wasser. Noch immer brennt es, bis in die Lungenspitzen. Ich frage mich, was mir so große Angst macht, weshalb der Weg so verschlungen ist. Es ist, als würde das Erzählen etwas heilen, von dem ich nicht will, dass es geheilt wird. Man muss es wohl zugeben: So manches Leid will man nicht missen. Immer wieder aufgerissene kleine Wunden. Bis aufs Blut abgekaute Nägel. Den eisern antrainierten Muskelkater. Finger, die auf die Klaviertasten einhämmern, bis es wehtut. Den Mangel. Eine erloschene Liebe. Womöglich gibt es Menschen, die in einer gesunden Atmosphäre keine Luft bekommen.
So wie in der Serie Profit zu sehen – einer einzigen, Kult gewordenen Staffel, ausgestrahlt in meinem zwanzigsten Lebensjahr. Der Held, ein genialer Soziopath, war bei seinem grausamen Vater auf dem Land irgendwo im tiefsten Oklahoma aufgewachsen, wo er vor einem ununterbrochen laufenden Fernseher, in einem Pappkarton der Marke Gracen & Gracen, nackt in seinen Exkrementen sitzen musste und nur unregelmäßig zu essen bekam. Fünfundzwanzig Jahre später, mitten in einer amerikanischen Megalopolis, ist aus Jim Profit ein ebenso schöner wie hochbegabter und ehrgeiziger junger Mann geworden, dem anscheinend nichts und niemand widerstehen kann und der beabsichtigt, sich am Leben und am Großkapital zu rächen, indem er in Höchstgeschwindigkeit die Karriereleiter der Firma Gracen & Gracen erklimmt, die mit Ethik wenig am Hut hat. Er bewohnt ein luxuriöses, mit allem Komfort ausgestattetes Penthouse: Kingsize-Bett, tiefe Sofas, die Bar voll von goldbraunen Flüssigkeiten in Kristallkaraffen, komplett ausgestattete Küche, riesiges Bad, Gästezimmer … und ein geheimer Raum, in dem er einen Pappkarton der Firma, für die er jetzt arbeitet, vor einem rauschenden Fernseher aufgestellt hat. Jeden Abend rollt er sich nackt darin zusammen; es ist ihm unmöglich, in erholsamer nächtlicher Stille oder in einem Bett zu schlafen. Komfort kann eine beängstigende Vorstellung sein.
Die Serie weigert sich ganz offensichtlich, politisch korrekt zu sein, und wird von Anfang an heftig kritisiert: Kiloweise Schmähbriefe und Morddrohungen gehen ein; man beschuldigt den Regisseur, sich im Morast der Tabus zu wälzen. Der Stein des Anstoßes? Jim Profit knutscht mit einer Frau, die er seit der Pilotfolge Mama nennt – in Wirklichkeit ist sie jedoch seine Stiefmutter, die zweite Frau des Vaters, der ihn misshandelt hat. Aber das ist eine andere Geschichte. In gewisser Weise jedenfalls.
Der Insel Korsika wurde ich, ebenfalls in meinem zwanzigsten Lebensjahr, durch eine familiäre Tragödie entrissen – nein, nicht durch eine Vendetta wie die von Prosper Mérimées Colomba, sondern durch einen Todesfall ohne den vorhergehenden Einsatz von Plastiksprengstoff, Schuss- oder Stichwaffen, ohne Strumpfmasken und Lösegeldforderungen. Aber auch ich dachte mir: »das schönste Alter«, von wegen schön. Die studentische Sorglosigkeit, die ich auf den sonnenbeschienenen Rasenflächen des Campus beobachtete, gab mir das Gefühl, das schwermütige Herz einer alten Frau zu haben. Nicht zurückzukehren war keine freie Entscheidung, mein Fleisch und Blut war im Ofen eines Krematoriums zu Staub zerfallen, um auf den Farnen von Pirio verstreut zu werden, es gab dort nichts mehr, was mir gehörte, und die Vorstellung, zu Hause Gast, Mieterin oder, noch schlimmer, Touristin zu sein, war mir zuwider, war empörend. Im Jahr 1996 hatte ich, mit ein paar lächerlichen Erinnerungsstücken im Gepäck, ein Schiff bestiegen – und brauchte, wie im Märchen, sieben Jahre, bis ich es fertigbrachte, wieder einen Fuß auf diesen Boden zu setzen, der wie eine klaffende Wunde war. Während ich mich unausweichlich auf die dreißig zubewegte, war ich ausnahmsweise einmal wieder vollkommen pleite – denn die Schriftstellerei ist ja anscheinend kein Beruf – und verbrachte also eine furchtbare Nacht in einem Reisesessel, das Privileg derjenigen, die sich keine Kabine auf dem Schiff leisten können. Ich hatte die Gelegenheit eines Marseille-Aufenthalts ergriffen, um die kurze Überfahrt anzutreten. Die Nacht davor hatte ich im Hotel Richelieu nicht weit von der Plage des Catalans verbracht, einem dieser altmodischen Etablissements, die günstig und zugleich noch mit wahrem Chic ausgestattet sind, erkennbar an den Gästen von authentischer Eleganz, den Deklassierten, den Dandys – zumindest bis zur nächsten Renovierung, die häufig vulgär ausfällt. Ich hatte ein Zimmer mit Meerblick und kleinem Balkon gewählt, auf dem ich, genüsslich meinen Kaffee schlürfend und eine Zigarette rauchend, den Horizont mit einem gewissen Lampenfieber betrachtete. Melancholie breitete sich wie Säure in meinem Magen aus. Ein paar Stunden später ging ich an Bord. Ich entdeckte die Unbequemlichkeit der Economy Class, das heißt das Fehlen einer Kabine, die sich überall aufdrängenden Bildschirme, den Lärm, die Enge, die Automaten, die mit Konservierungsstoffen vollgestopfte Süßigkeiten zum Preis iranischen Kaviars verkaufen … Ich fühlte mich verloren und musste mich jedes Mal, wenn ich wegen eines Ellbogenstoßes, eines Geräuschs, eines Krampfs ein Auge öffnete, davon überzeugen, dass ich mich nicht auf einem Langstreckenflug, sondern auf einem Schiff befand, das einen kleinen Meeresarm überquerte. Noch dazu schaukelte es in dieser Nacht heftig. So nett das Mittelmeer sein mag, um im Sommer in Badekleidung reinzuspringen, ruhig ist es nicht. Nach zu wenig und zu schlechtem Schlaf wurde ich in Bastia mit verquollenen Augen und mieser Laune vom Zoll empfangen; kein guter Anfang oder vielmehr Neubeginn. Die Uniformen republikanisch-blau, die Insignien Horn und Granate, wie von Frankreich vorgeschrieben. Als fühlte ich mich nicht schon schuldig genug, weil ich weggegangen war und nun zurückkehrte, ohne wirklich zurückzukehren – jetzt musste mich auch noch das Gesetz genau so behandeln. Wie eine Schuldige. Oder zumindest eine Verdächtige. Ich betrachtete wutentbrannt die Autos, die das Maul der Fähre in aller Ruhe ausspie, ohne dass man die Fahrer irgendetwas fragte, dabei konnten ihre Felgen mit Koks oder MDMA vollgestopft sein – was, wenn man den Statistiken zum Drogenhandel Glauben schenkte, vermutlich bei einigen tatsächlich der Fall war. Die Dame vom Zoll, der die Aufgabe zukam, meine Höschen mit behandschuhten Fingern abzutasten, während ihre männlichen Kollegen diskret den Blick abwandten, schien zu glauben, eine junge Frau mit derartigen Augenringen, die sich noch nicht mal eine Kabine leisten konnte, ohne Auto und den üblichen Kram von Backpackern, den »pumataghji«, die sich Sandwiches am Strand belegten, statt das Menü »Forza Panza« zu 52 Euro ohne Wein im Restaurant ihres Cousins zu wählen, so jemand schleppte doch sicher jede Menge Marihuana mit sich herum – eine zweifelhafte Logik, der Beweis: Da waren nur Trauer, Angst und Liebe. Als sie mich, vor der Ankündigung, dass sie nun meinen Körper abtasten würde, mit selbstgefälliger, leicht verächtlicher Miene nach dem Grund meines Besuchs fragte, deutete ich auf das Dach des Hauses, das ich verloren hatte, das Haus, das von meinem abenteuerlustigen Urgroßvater gebaut worden war und das man fast erkennen konnte, ich jedenfalls sah es hinter einem Gebäude aufblitzen, die Villa Alcyon, so anziehend, erhaben und schäbig zugleich, und erwiderte, die Augen schwarz und von dunklen Ringen umschattet:
»Sehen Sie das rote Ziegeldach dort, links vom Bahnhof, ganz oben? So nata quì.«
»Oh, Entschuldigung! Ich habe gar nicht auf Ihren Ausweis geschaut! Hier, bitte …«
Die Wut hatte mich dazu gedrängt, meine mageren Kenntnisse der Sprache zusammenzukratzen, die eigentlich zu meinen Muttersprachen hätte zählen sollen, und zu versuchen, einen korrekten Satz zu formulieren. Ich weiß nicht, warum das Korsische jedes Mal dann hervorkommt, wenn ich verärgert bin; das macht mich sehr traurig. Die errötende Zöllnerin beeilte sich jetzt, meine Tasche wieder zu verschließen, ohne sie weiter nach illegalen Substanzen zu durchsuchen, verzichtete auch darauf, ihnen in meinen Schuhen, Achselhöhlen und Leisten nachzuspüren, und fügte mit einem breiten Lächeln hinzu: »Benvinuta in casa toia.«
WillkommenzuHause.
Ich war erstaunt festzustellen, wie wenig sich verändert hatte. Als verginge die Zeit auf der Insel anders als auf dem Kontinent. Es fühlte sich an, als hätte ich tausend bewegte Leben gelebt, die faszinierend und erschütternd zugleich waren. Als wären diese sieben Jahre eigentlich sieben Jahrhunderte gewesen, voller Prüfungen, Drachen, Prinzen, Ungeheuer und Hexen, voll von Zauber und falschem Schein – und am Ende mit der Notwendigkeit, hierher zurückzukommen. Ich hatte tief greifende Veränderungen befürchtet: dass ich neue, scheußliche Schilder entdecken würde, dass Menschen gestorben waren, über deren Tod man mich nicht informiert hatte und deren so brutal offenbarte Abwesenheit neue Kerben in mein Herz schlagen würde. Vielleicht würde es sogar einen McDonald’s mitten auf dem Boulevard geben, was weiß ich, Zombie-Hühnchen im Land des Wildschweins. Doch es hatten gerade mal ein paar Häuser einen neuen Anstrich bekommen. Die bekannten Gesichter, denen ich begegnete, schienen mir um keinen Tag gealtert. Ich ging mir eine Zeitung in einem der unvermeidlichen Geschäfte der alten Bastianer auf dem Boulevard kaufen – man nennt diesen Laden immer noch bei seinem Namen aus den Siebzigern, SOBADI, obwohl er inzwischen anders heißt, so als ließen sich manche Geister einfach nicht vertreiben – und traf dort ausgerechnet auf den Arzt, der mich auf die Welt geholt hat. Eine solche Wendung würde in einem Roman mehr als unwahrscheinlich wirken, doch das echte Leben ist da schamlos. Ohne mich zu erkennen zu geben, beobachtete ich ihn aus dem Augenwinkel, während ich so tat, als würde ich genügend Kleingeld für den Corse-Matin zusammensuchen; er wirkte immer noch so, als stünde er eher am Anfang seiner Karriere statt an ihrem Ende, mit seinem jugendlichen Blick und der Stimme eines distinguierten Rauchers, die ich immer gemocht hatte. Ich fühlte mich wie ein verirrter Geist in einer endlosen Zwischenwelt. Unter dem Einfluss des Schlafmangels und der Aufregung, dazu der frühen Stunde begann ich mich zu fragen, ob ich überhaupt noch irgendeine physische Konsistenz hatte oder womöglich nur noch eine verlorene Seele war, in einer tiefen Schlucht in den Farben der Nostalgie, ob die Leute an mir vorbeigingen, ohne mich zu bemerken, sie lediglich ein kühler Lufthauch streifte, doch dann hörte ich plötzlich meinen Taufnamen, der anders lautet als mein Rufname. Im Exil hatte ich beschlossen, ihn zu ändern, vielleicht in der Hoffnung, auf diese Weise etwas zu bewahren, da jetzt nur die Leute, die mich als Kind kannten, mich noch so nannten. Ich fuhr zusammen, akzeptierte jedoch seine Umarmung, die Erstaunen und Freude darüber ausdrückte, mich nach so langer Zeit wieder hier zu sehen. Wie geht es dir denn? Du hast dich gar nicht verändert. Er hatte von einem meiner Bücher gehört, aber kannst du denn davon leben? Und sonst so, was macht die Familie? Hast du Kinder? Mensch, lang ist’s her, kommst du mal vorbei? Irgendwann heute? Schön, dass du wieder hier bist,
zu Hause.
Nur in welchem Zuhause?
Ich lief benommen umher, sanft umfangen vom seltsamen Balsam meines Geburtsortes. Diesem Geruch der Beständigkeit, der dir liebevoll erklärt, dass du ein winziges Teilchen eines Ganzen bist, das dich gerne aufnimmt, dem es jedoch auch vor dir sehr gut ging und dem es nach dir genauso gut gehen wird. Weshalb sich also Sorgen machen? Lascia corre. Ich schlug einen vertrauten Weg ein, um die Eltern meiner besten Kindheitsfreundin zu besuchen, meine Wahlfamilie. Sie empfingen mich, als hätten wir uns gestern noch gesehen. Ich weiß nicht genau, was ich befürchtet hatte. Verlegenheit, seltsame Blicke oder gar Groll? Schließlich hatte ich mich in den vergangenen sieben Jahren kein einziges Mal gemeldet. Eine merkwürdige Art, seine Anhänglichkeit kundzutun. Es kann schon wehtun, über den Werdegang eines Menschen, den man hat aufwachsen sehen, nur hier und da durch einen Zeitungsartikel informiert zu werden. Doch nichts von alldem. Sie brachten mir dieselbe Zuneigung entgegen wie früher, einfach so, ohne irgendetwas dafür zu verlangen, weil sie sie sind und ich ich bin, ein Wohlwollen, das ich begierig aufsog. Man muss dazu sagen, dass ich eine lange Durststrecke hinter mir hatte. Sie öffneten mir lächelnd die Tür, ließen mich auf dem Stuhl Platz nehmen, auf dem ich bis vor sieben Jahren gerne gesessen hatte, und stellten mir meine Lieblingstasse hin. Die Zeit spielte keine Rolle mehr. Während ich den canistrellu in den Kaffee tunkte und mir dann die Mischung auf der Zunge zergehen ließ – eine wundervolle Komposition, die auch Proust nicht verschmäht hätte –, musste ich an das denken, was meine Cousins zu mir sagten, wenn einer meiner Texte sie mal wieder ratlos zurückließ:
Wann erzählst du denn mal unsere Geschichte?
Von mir zu verlangen, dass ich ans Licht bringen sollte, was mehrere verschwägerte Familien über Generationen sorgsam unter dem schmerzlichen Gewicht des Geheimnisses vergraben hatten, fand ich etwas dreist. Als wäre es meine Aufgabe, die Drecksarbeit zu machen, die Knochen zu sortieren, die Scherben des Geschirrs zusammenzukleben, das bei den lautstarken Auseinandersetzungen zu Bruch gegangen war. All dem einen Sinn abzugewinnen. Während sie weiter das Leben durchkonjugierten, sich auf dem Zeitstrahl der Generationen fortbewegten, übers Wochenende wegfuhren, Autos kauften, ihre Wände neu tapezierten und Weihnachten im Kreis der Familie verbrachten. Ihnen gelang es, zu vergessen, zu schlafen, unbekümmert zu sein. Meistens jedenfalls. Mir hingegen war diese Geschichte in kryptischen Schriftzeichen in die Haut tätowiert. Außerdem hatte es so viele Maskeraden gegeben, so viel falschen Schein, so viele wahre Begebenheiten, die zugunsten von tausendfach wiedergekäuten Legenden verschwiegen wurden, dass man es einfach anerkennen musste: Es gab keine Wahrheit. Jede einzelne Figur hütete ihr eigenes Geheimnis. Blieb nur noch, eine Geschichte zu erfinden. Ein Gegengift für das Geheimnis. Nein, es wird nicht ihre Geschichte sein, und noch weniger meine. Lediglich ein loser Faden, aus dem bunten Knäuel der Möglichkeiten gezogen.
Das Geheimnis frisst alles auf. Die Leere, die es hinterlässt, ist wie ein Kirmesclown in grellen Farben. Man huldigt ihm dafür, dass er die Kinder zum Narren hält. Das Geheimnis passt zu allem. Landpartie, Arbeit, Trauerfeier. Man kann es zu jeder Gelegenheit tragen. Das Geheimnis vererbt sich leicht. Wie eine Krebserkrankung. Ein verlassenes Kind. Oder ein Krummdolch aus dem unabhängig gewordenen Algerien. In Ermangelung von Geld kann das Geheimnis als Erbe herhalten.
Wo ist mein Erbe?
»Nothing can kill anybody.«Jack Spicer
»Si poteris narrare, licet.«Ovid
Das die Familie umfangende Haus in Bastia heißt Villa Alcyon, es sitzt ganz oben auf einem kleinen Hügel mit steil abfallenden Hängen und ist Teil eines matrioschkaartigen Verbunds: Insel, Stadt, Haus, Familie. Die Alcyones waren sagenumwobene Eisvögel, die auf den Meereswellen nisteten und ihre Eier sieben Tage lang ausbrüteten. Der Legende nach empfand Zeus Mitleid, als er sah, dass ihre Nester von den tobenden Wellen zerstört wurden, und sorgte daher für eine siebentägige Ruhephase nach der Wintersonnenwende, um ihnen zu einer Nachkommenschaft zu verhelfen. Ihre Federn wurden für Liebestränke verwendet. Angeblich empfahl es sich auch, ihre sterblichen Überreste zur Kleidung zu legen, damit diese nicht von Mottenlarven zerfressen wurde. Der Vorfahr, der für den Bau der Villa verantwortlich war, soll sie Alcyon genannt haben, da sie auf ihrem Felsen sämtlichen Winden ausgesetzt ist. Trotzdem ein merkwürdiger Name für das Haus einer Familie.
In den Achtziger- und Neunzigerjahren ist das Leben in der Villa Alcyon von erstaunlicher und zugleich beklagenswerter Beständigkeit. Zwei Fernsehgeräte laufen in voller Lautstärke im Erdgeschoss sowie im ersten Stock, präsentiert wie Opfergaben in exakt dem gleichen verglasten Mahagonischrank, auf den Zentimeter genau eins über dem anderen, um die Langeweile zu übertünchen, die Stille auszufüllen, die Schreie zu übertönen. Eine große Marmortreppe verbindet, wie eine Nervenbahn, die Verrücktheit des ersten Stocks mit der problematischen Verdauung des Erdgeschosses. Vier wund geriebene Generationen. Ein Geheimnis, das vom Keller bis in den Dachboden kriecht. Hunde, die zu schnell sterben, als wollten sie bei alldem nicht mitmachen, Katzen, die ungebeten durch die sich dem Himmelsund Meeresblau öffnenden Fenster hereinkommen, durch die Kulisse stolzieren und dabei zuweilen gegen ein Lexikon pinkeln, aus reiner Langeweile. Geschrei, Geflüster, Musik, Tränen.
Die Villa kommuniziert durch ein massives, beinahe undurchdringliches Eisentor mit der Außenwelt, das schwarz gestrichen und bei Wind oder starker Sonneneinstrahlung schwer zu handhaben ist: Windböen verwandeln es in eine gefährliche Waffe, Hitze bläht es auf. Seine Launenhaftigkeit macht es zu einer mythischen Schwelle: Man sieht sofort, wer es bezwingen konnte und wer nicht. Die Bewohner des Hauses kennen die richtigen Handgriffe bei jeder Wetterlage; Besucher hingegen bringt es aus der Fassung. Und im Schatten seiner Undurchlässigkeit gedeiht das Geheimnis umso besser. Während die Nachbarn leichteres und beweglicheres Schmiedeeisen bevorzugen, entscheidet sich die Villa Alcyon für das Hermetische, Sperrige.
In manchen korsischen Dörfern, erklärt der Philosoph Jean-Toussaint Desanti, wird die Türschwelle als eine Art Übergang betrachtet, an dem die Welt sich ändert, an dem der Fremde zum Gast wird. Daher ist es angebracht, nicht auf diese Schwelle zu treten, sie noch nicht einmal zu streifen. Man macht einen großen Schritt über sie hinweg. Denn sie ist ein Ort, der nicht existiert, eine Grenze zwischen den zwei Welten. Ein Schattenraum. Quelle von Aberglauben. Es gehört sich, diese Grenze praktisch entblößt zu überqueren, ohne Waffen oder Werkzeuge. Er fügt hinzu: »Ich erinnere mich noch an jene Zeit: Worte hatten Gewicht, und manchmal halte ich mich damit auf, darüber zu sinnieren.«
Die große Marmortreppe im Herzen der Villa Alcyon. Vert de mer, importiert aus Italien. Ein beinahe schwarzer Stein, leicht aufgehellt durch tannen- bis blassgrüne Reflexe, je nach Lichteinfall. Worüber kaum jemand spricht: Gestein hat einen Geruch. Schon von Weitem schlägt einem aus seinen verästelten Blutgefäßen der Gestank einer Gruft entgegen. Öffnet man die Tür und die Sonne mischt sich ein, entsteht ein kaskadenförmiges Lichtspektakel. In der Abenddämmerung hingegen begegnet einem die Kühle einer Grotte. Schwarz ist niemals nur eine Mischung aus verschiedenen Farben oder ihr Gegenteil. Auf den ersten Stufen ist ein schlangenartiges Fabelwesen zu erkennen. Ein bisschen weiter oben das Profil einer jungen Frau im Empirekleid mit gesenktem Blick, sie sieht nichts kommen, schenkt dem Totenkopf auf der Setzstufe keine Beachtung. Die Schlange, die alle Besucher empfängt, hält sich versteckt. Mit ihrem langen, verschlungenen Schwanz und ihrem starren Blick scheint sie darauf zu warten, dass ihre Zeit kommt. Den Körper zusammengerollt, ist sie jederzeit bereit, sich auf die kleinen Gestalten auf der zweiten Stufe zu stürzen, die sich hinter einem sturmumtosten Wald verbergen. Bambushalme oder lange, winterkahle Baumstämme, traurig sehen sie aus, als seien sie einem Gedicht von Apollinaire entsprungen. Wie Gebeine. Man spürt den Wind, der sie nach Osten biegt. Die Schlange hat den Sturm herbeigerufen, um ihre Opfer aus ihren Verstecken zu scheuchen. Damit auch kein einziges entkommt. Sie rennen. Manche drehen sich um, verlieren so wertvolle Zeit, was könnten sie außer dem wogenden Wald schon sehen? Glauben sie, dass ihre Angst schwindet, wenn sie der Gefahr ins Auge blicken? Andere fallen hin. Um sie herum unbekannte Sternbilder. Aber auch die riesige Wasserschlange, deren Kopf bis in die obere Etage ragt, das Haar der Berenike, die Jagdhunde. Die junge Frau von der siebten Stufe sitzt in ihrem Schlosszimmer. Sie trägt das Haar offen, ihr schönes Profil wirkt besorgt. Ihre Arme sehen dünn aus in den Ballonärmeln. Sie zerknüllt ihr Kleid, dessen Falten sich in der Setzstufe verlieren. Auch sie wartet. Darauf, dass ihre Zeit kommt. Ihr Mann zurückkehrt. Sie hat es nicht geschafft, den blutbefleckten Schlüssel zu säubern. »Anne, meine Schwester Anne.« Sie hat es mit Sand versucht, mit Heu, nichts hat geholfen. Kein Bruder, kein Ausweg in Sicht. Nur das Monster und die kopflose Menge. Und der gleichmütige Blick der Kalkgestirne. In dieser Version der Geschichte wird der volle Preis bezahlt. Zwei Schritte weiter oben ist ein Totenkopf ihr einziger Ausblick. Wie es sicher auch die Kinder getan haben, die hier aufgewachsen sind und die Treppe zum Spielplatz gemacht haben, könnte man sich gut vorstellen, dass dieses kleine marmorne Figurenkabinett auf die eine oder andere Weise eines Tages zum Leben erweckt wird und vielleicht sogar Reißaus nimmt, sobald niemand hinsieht. Schon seit hundert Jahren beobachtet es jedes Kommen und Gehen in diesem Haus. Seit hundert Millionen von Jahren existiert es, schlief zwischen zwei Gebirgspässen und wartete nur auf die Klinge, die es zum Vorschein bringen würde. Oder die Vorstellungskraft.
Vermutlich fing alles mit der Wahl der Vornamen an. Traditionellerweise gibt man die in der Familie bereits vorhandenen weiter. Um jeden Preis. Sogar wenn das bedeutet, dem ältesten und dem jüngsten Kind denselben Namen zu geben – zuweilen in noch legitimen Varianten, indem man zwei Eigennamen kombiniert –, als ginge es darum, die Eltern in ihren Kindern weiterleben zu lassen und dieses Fortbestehen durch neuerliche Namensvererbungen bis in alle Ewigkeit zu sichern. Der ursprüngliche Grund für die Namenswahl ist in den Verästelungen des Stammbaums längst verloren gegangen. Man leiert dieselben Vornamen herunter, vom Frühstück bis zum Abendessen, manchmal schreit man sie auch heraus oder flüstert sie seufzend, zwischen Mauern, die sich in Höhlenwände zu verwandeln scheinen, so stark ist ihr Echo. Irgendwann beginnt man zur Vereinfachung Koseformen zu benutzen. Auf der Insel vermischen sich zudem die Traditionen. Die korsische mit der italienischen und der französischen.
Alles, was anders klingt, ist fremd.Lockert die Zunge auf.
Das Wasser rinnt über die Felswände und tropft herab, stetig und geduldig wie ein Sekundenzeiger. Es weiß, dass es am Ende das letzte Wort haben wird. Den letzten Namen kennen wird.
Welchen Charakter hat die Person, die den Vornamen trägt? Und diejenige, die denselben Vornamen in der vorhergehenden Generation trug? Wie sah ihr Leben aus, welche wichtigen Ereignisse haben sie geprägt, unter welchen Krankheiten hat sie gelitten? Und wie ist sie gestorben? War es ein gewaltsamer Tod? Starb sie in weiche Laken gebettet, getränkt vom Schweiß ihrer Reue? Auf einer kurvigen Gebirgsstraße? In einem Liebesdrama? Was ist der Ursprung, die Geschichte des Vornamens?
Manche versuchen, die Aura ihres Namens auszufüllen, denn die Wahl der Eltern bringt den mehr oder weniger bewussten Wunsch nach einem bestimmten Schicksal zum Ausdruck: die erfolgreichen Viktors, die sanften Marien, die sehnlich herbeigewünschten Désirées … Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2017 beweist die menschliche Neigung, sich den Stereotypen seines Vornamens auch äußerlich anzupassen. Daher die Véroniques mit dem Gesicht einer Véronique, die Eleganz einer Mathilde oder eines Sébastien. »Yes, you look like a Don«, antwortet die jungfräuliche Patty O’Neill Donald Gresham bei ihrer Begegnung in The Moon is Blue von Otto Preminger – und weiß bereits, dass sie ihn heiraten wird, denn eine Patty heiratet eben einen Don. Man nennt das, leicht beunruhigenderweise, den »Dorian-Gray-Effekt«, diese Art äußerliche Verkörperung einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, um der Vorstellung treu zu bleiben, die man von seinem Namen hat.
Seltsamerweise wählte man in der Villa Alcyon für die Letztgeborene einen Vornamen, der aus dem Nichts kam. Huma, die kleine Rauchwolke, deren »H« man hauchen muss, was französischen Mündern so schwerfällt. Mit dem »u«, das auf der Zunge schmilzt wie das Piepen eines Vogels, der glücklich ist, endlich den Frühling kommen zu sehen. Eine ungewöhnliche Melodie. »Ah, wie originell!«, flöten die Nachbarinnen. Ihnen wäre etwas Französisches oder Korsisches lieber gewesen. Etwas leicht Verständliches. Das Rätselhafte ist stets beängstigend, vor allem, wenn es darum geht, einem Säugling einen Namen zu geben. Zum Glück sorgen der zweite und der dritte Vorname für die nötige Klarheit: Louise Silva. Verwurzelter geht es eigentlich nicht.
Die Mutter erklärt den Namen Huma nicht, sie hat von ihm geträumt. Sie wehrt den Zorn der Großmütter ab, widersetzt sich dem Druck, einen soliden, christlichen Namen zu wählen, verstehst du denn nicht, das ist so wichtig für die soziale Integration, was soll das arme Kind denn werden im Leben, welchen Gegenwind wird es zu spüren bekommen? Erinnere dich an die Deutschen, bei denen genügte schon ein verdächtiger Name, um deportiert zu werden, und das hier, irgendwas zwischen Vor- und Nachname, ein seltsamer Mischmasch, der sich überhaupt nicht einordnen lässt, was soll das überhaupt heißen? So ein Name, der prägt, der bleibt fürs ganze Leben. Eine Nathalie ist sympathisch, eine Célia steht gerne im Mittelpunkt, eine Vannina ist heimatverbunden und scharfsinnig, eine Virginie voller Energie, eine Sally avantgardistisch, aber Huma, Grundgütiger, was ist denn das schon wieder für eine überspannte Idee.
Die Mutter hatte einen Traum. Eine neblige Landschaft, zu ihrer Rechten ein Rabe, der sie anstarrte. Seine Federn glänzten wie vom Regen oder von der Projektion eines suggestiven Films. Die Mutter konnte unmöglich erkennen, wo sie sich befand. Oben in den Bergen? Unten am Wasser? Die Atmosphäre war mild und warm, trotz der bombastischen Landschaft. Der Rabe hatte eine Stimme und schlug ihr einen Namen vor: Huma. Meine kleine gehauchte Rauchwolke, mein zarter Geist in den Steppen, den Wüsten, den Wäldern. Der Rabe starrte die Mutter mit seinen abgrundtief schwarzen Augen an. Sie vermochte nicht zu sagen, ob seine Stimme weiblich, männlich oder überhaupt menschlich war. Sein Blick war jedenfalls wohlwollend, trotz seines losen Schnabels. Huma ist ein Vogel vom afrikanischen Kontinent, von gleich dort drüben, nur ein Stückchen weiter südlich. Ihr Horizont wird ein weiter sein, sie wird Dinge vorhersehen können. Huma, da hört man regelrecht das kraftvolle Aufschwingen, die Flügel, die die Luft streicheln, um in Richtung Meer davonzufliegen. Und es erinnert einen an diese ebenso anziehende wie in ihrer Maßlosigkeit niederschmetternde Spezies – der Rabe wendet für ein paar Augenblicke den Kopf ab. Denn er weiß: Er ist den Regeln der Chronologie nicht unterworfen. Ohne den ersten Flügelschlag des »H« ist Uma das Licht der Göttin Parvati, der Frau aus den Bergen, das liest die Mutter im Lexikon – demselben, auf das die Katzen im Vorbeigehen pinkeln werden –, als sie versucht, ihren Traum zu entschlüsseln. Was stets vergeblich ist. Huma also, ein Vorname, den ein geschwätziger Rabe ihr zum Geschenk gemacht hat. Der Vater weiß, dass man gegen die Träume der Mutter nichts ausrichten kann. Und sobald das Küken geschlüpft ist, ist ohnehin nichts so wie im Märchen.
Humas Körper ist ein kleines Etwas, das riecht wie ein minimal zu lang gebackener Kuchen. Süß und rauchig. Duftend und schön angerichtet. Der Ausdruck »Vorzeigemädchen« wurde bei ihr anscheinend wörtlich genommen, denn sie sieht aus wie ein Modepüppchen mit ihren gebügelten Kleidern und den Haarbändern, die ihre Strähnen bändigen. Eine ganze Parade von Kindermädchen kommt zum Einsatz, die Huma ein bisschen zu fest bei der Hand nehmen, wenn man spät dran ist für die Schule. Die Lackschühchen tun anfangs weh. Vorbereitung auf das Schicksal einer Frau, das offenbar darin besteht, ihr Leben lang in von Männern entworfenen Schuhen zu leiden. Außerdem bekommt der Lack durch das Gehen Risse, eine weitere Lektion fürs Leben: Das Glatte ist nicht von Dauer, die Zeit hinterlässt ihre Spuren, mit ihren mehr oder weniger freundlichen Krallenhieben. Die Realität stellt die Schönheit auf die Probe. Huma trägt graue und rosa Strumpfhosen, orangefarbene und violette, grüne und blaue, passend zu ihren grauen und rosa Kleidern, ihren orangefarbenen und violetten, ihren grünen und blauen. Ihre Toleranz, was nicht identische Farbschattierungen betrifft, ist begrenzt, sie kann sich einen ganzen Tag lang an unterschiedlich intensiven Blautönen stören. So etwas quält sie wie frei liegende Zahnhälse. Oder eine verletzende Bemerkung, die, selbst wenn man sie nicht wirklich verstanden hat, im Kopf Kreise zieht, ohne dadurch an Klarheit zu gewinnen. Das Blau des Kleides ist eher hell, mit einem leichten Grüneinschlag. Die Strumpfhosen hingegen sind von einem reineren, dunkleren Farbton. Sie betrachtet den ebenfalls schattierten Himmel. Erst später wird sie erfahren, dass das Himmelblau nicht existiert. Zu spät für all die Tage, die sie darauf verschwendet hat, sich über eine Farbkombination zu ärgern.
Für das Augeist das Blau des Himmels eher schwarz.
Ohne die Atmosphäre, die die Erde umgibt, wäre der Himmel immer schwarz, sogar mitten am Tag.
Tagsüber ist der Himmel blau, da die Luft, die die Erde umgibt, das Licht der Sonne nicht vollständig durchlässt. Die Moleküle, aus denen die Luft besteht, zerstreuen einen Teil des Lichts in alle Richtungen.
Der Himmel ist blau, die Sonne gelb.Die Wolken sind weiß. In der Regel.
Abends, wenn die Sonne sehr tief am Horizont steht, durchqueren die Strahlen, die uns erreichen, viele atmosphärische Schichten. Dadurch verlieren sie nicht nur ihr Blau, sondern auch ihr Grün und einen Teil ihres Gelbs: Die Sonne wirkt sehr viel weniger grell und nimmt eine rote Farbe an.
Gäbe es keine Atmosphäre, gäbe es auch kein Himmelblau.
Dann würden wir in ein dunkles Himmelsgewölbe blicken, und die Sterne wären mitten am Tag zu sehen.
Betrachten wir den Himmel, hat das Licht, das unser Auge aufnimmt, zwei verschiedene Ursprünge: Der eine Teil kommt direkt von der Sonne, und der andere folgt einem chaotischen und unvorhersehbaren Parcours, da er durch die Atmosphäre zerstreut wird; somit kommt das Blau aus allen Richtungen zu uns.
Die Sonne ist gelb. Oder vielmehr sieht man sie gelb.
Sonnengelb.
