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Sieben Windstärken sind nichts, was einen Nordostdeutschen aus der Ruhe bringen kann. Aber es wird ihm Aufmerksamkeit abverlangt. Mit Aufmerksamkeit wird auch diese Kurzgeschichtensammlung zu lesen sein, denn es geht um Menschen, deren Schicksal nicht so glatt und unbewegt scheint, sondern eher mit einigem Auf und Ab der See mit sieben Windstärken. Erzählt werden vierundzwanzig anrührende, dramatische, auch tragische, nachdenklich stimmende, kriminelle und erschütternde, mitunter gruselige, aber auch hoffnungsvolle und manchmal zuversichtliche Geschichten. Der Autor spart nicht mit ungewöhnlichen Erzählperspektiven und auch nicht mit einem gewissen Witz. Jurek P bewegt sich hier anscheinend mit sieben Windstärken durch die menschliche Psyche seiner Protagonisten.
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Seitenzahl: 307
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Jurek P
Sieben Windstärken
24 Nordoststories
Haffnitz Verlag
E-Book
ISBN: 978-3-946869-08-5
www.haffnitz-verlag.de
Copyright © 2022 by HaffnitzverlagUG (haftungsbeschränkt)
17509 Wusterhusen, Alte Dorfstraße 5
Covergestaltung und Satz: Karl Lätzsch
Lektorat: Team Haffnitzverlag
Man kann mit seinem Altersstarrsinn gar nicht früh genug anfangen. Karl J. Lätzsch
Inhalt
Die mit der Faust liebt
Herr X versteht nix von der Liebe
Frau Wirbelwind
Selbstbild-Störung
Frau Seemann
Fredemanns Hose
Sieben Beaufort
Grenz-Erfahrung
Milch und Blut
Die Tote in den Bülten
Klasse 34b
Der blinde Augenzeuge
Der Exot
Die Gemeinheit
Der Misanthrop
Der kleine Litauer
Oswin, der Macher
Kontaktversuch
Trugbilder
Therapie nach Noten
Der Wiedertrinker
Bossanovamond
Klitzekleine Glitzernelken
Interview mit einem Hundertjährigen
Nun ist es doch so weit gekommen, Olbert liegt im Krankenhaus. Schädelverletzung oder Schädelbruch oder Schädel-Hirn-Trauma – so genau war das nicht rauszukriegen. Sagen sie dir ja nicht, wenn du kein direkter Angehöriger bist.
»Sind Sie verwandt?«
»Nein, nicht direkt, das heißt, eigentlich schon: Wir sind Cousins. Ersten Grades, wir sind zusammen aufgewachsen wie Zwillinge. Zwillingscousins, eineiige quasi, na ja, kleiner Scherz. Wir sind am selben Tag geboren. Zur selben Stunde. Können Sie glauben!«
Dabei stimmt das mit Geburtstag und -stunde sogar. Nur, dass wir nicht verwandt sind. Unsere Eltern kannten sich gar nicht. Na ja, vielleicht mal vom Elternabend oder so. Olbert und ich saßen in der Schule schon zusammen.
Trotzdem keine Auskunft. Nicht am Telefon. Und dann wieder der Zirkus mit dem Namen: »Einen Herrn Olbert, Martin Olbert? Haben wir hier nicht.« – »Nein, einen Herrn Martin, Olbert Martin, Olbert ist der Vorname, Martin der Nachname!« – »Martin, Olbert, ja. Hätten Sie ja auch gleich sagen können.« Na, so geht das ja meistens. Wer heißt auch schon Olbert mit Vornamen?
Aber trotzdem keine Auskunft. So. Schon mal gar nicht am Telefon. Basta. Mach was.
Und Sigrun, Olberts Frau, auch nicht zu erreichen, nirgends. Na, wer weiß, ist vielleicht abgetaucht irgendwie. So schlimm war’s ja auch noch nie mit den beiden. Oder auf der Polizei?
Frau Sigrun Martin, geschiedene Drewitz, geborene Rabjanski.
Sigrun, die wir auch schon ewig kennen, auch schon seit der Schule. War eine Klasse unter uns. Sigrun Rabiatski haben wir manchmal gesagt, durfte sie aber nicht hören, sonst gab’s was aufs Maul. Damals schon.
Und nun hat Sigrun ihren Olbert offensichtlich krankenhausreif gedroschen. Bratpfanne auf den Kopp oder so, oder Nudelholz, wer weiß. Genau das, was früher oder später mal so weit kommen musste.
Aber jetzt mal von Anfang an.
Olbert ist ja eigentlich ein Gemütsmensch. So ein Behäbiger, immer schon gewesen. Den Olbert musst du dir wie einen Teddybären vorstellen, groß und dick und lieb. Und immer auch wie ein bisschen trottelig. Nicht dumm, ganz und gar nicht. Intelligenzmäßig steckt der uns alle in die Tasche, ist ja auch Diplomingenieur. Denkst du gar nicht, wenn du ihn so triffst, am Biertisch meinetwegen. In der Schule haben wir ihn manchmal gehänselt. Ach, was heißt gehänselt? Ein wenig geneckt. Weil er uns so ein bisschen plump vorkam. Haben ihn immer »Tonne« gerufen. Er war ja auch der Größte und der Schwerste in der Klasse. Und was heißt er auch »Olbert«, ist doch kein Name oder? Dann eben »Tonne«. Aber es gab im Grunde keinen, der ihn nicht trotzdem mochte. War ja auch ein pfiffiger Kerl. Immer tolle Ideen. Mit seinen dicken Knubbelfingern hat er zu Hause Modelle gebaut, so Plastikflugzeuge und Autos.
Nach der Schule haben wir uns dann eine ganze Zeit aus den Augen verloren. Er hatte sich – vermutlich die dümmste Entscheidung, die er jemals getroffen hat, also, mal abgesehen davon, Sigrun zu heiraten, aber das war ja viel später, seine dümmste Entscheidung also – er hatte sich für ganze zehn Jahre zur NVA verpflichtet. Zu einem Pionierbataillon wollte er gern, Technik, groß, schwer, modern. Bergepanzer oder so. Solche Dinger hatte er auch gebaut, als Modelle. Haufenweise, alle Regale voll. Also zur Armee, als Berufssoldat. Und wohin ist er gekommen? Raketentruppen. Als Rechner, an einer Art Rechenkonsole in so einem fahrbaren Container wohl, Raketenkursberechnungen, Spezialist. Den hatten sie also damals schön angeschissen.
Angeschissen war er auch mit der kurzen Ehe, damals mit Kathrin. Ich war eingeladen auf seiner Hochzeit, er in Armeeuniform, Stabsfeldwebel.
Die wilde Kathrin, die ihn dann nach Strich und Faden betrogen hat mit der halben Kompanie. Regimentsnutte wurde sie hinter vorgehaltener Hand genannt.
Schlecht verdient hat Olbert damals nicht, aber darauf kam es ihm eigentlich gar nicht an. Hätte ohne weiteres verlängern können, seine Verpflichtung, wär’ nicht zu seinem Schaden gewesen, so gesehen. Wollte er aber nicht. Hat seine zehn Jahre abgedient und dann bei uns auf der Werft angefangen und nach Feierabend den Ingenieursabschluss gemacht. Die Ehe mit Kathrin hielt gerade mal vier Jahre. Viel zu lange eigentlich, dass er an der festgehalten hatte, wenn du mich fragst. Kinder waren keine. Zum Glück nicht. Kinder und Scheidung ist doch immer, na ja, ein Problem. Am meisten für die Kinder.
Und Sigrun? Auch ganz früh geheiratet, gleich nach der Lehre, war ja so damals. Ihr Auserwählter war Werner Drewitz, der Schlepperkapitän von der Werft seinerzeit, mit dem zusammen hatte sie auch eine Tochter, schon vor der Hochzeit, in der Lehre schon, die hatte sie dann auch nicht abgeschlossen, glaube ich. Wegen des Kindes. Annekathrin hieß das Mädchen, wenn ich nicht irre. Die muss jetzt auch ... also über zwanzig muss die wohl auch schon sein. Ist aber nicht bei der Mutter aufgewachsen. Jugendamt. Bei den Eheleuten Drewitz gab es schon früher immer dolle Probleme mit Alkohol und Kloppe und so. Wenn Werner besoffen war, und das war er ja dann fast immer, nachdem sie ihn auf der Werft entlassen und den Schlepper verschrottet hatten, also wenn Drewitz richtig einen im Tee hatte, dann hat er Frau und Kind vermöbelt, nach Strich und Faden. Da hat dann zum Glück das Jugendamt bald einen Strich drunter gezogen und beiden das Sorgerecht entzogen. Ist aber auch alles schon mehr als zehn Jahre her. Fünfzehn, glaube ich. Heute sollen die beiden ein recht brauchbares Verhältnis zueinander haben. Also Mutter und Tochter, die jetzt erwachsene Tochter. Hat mir Olbert so erzählt.
Und Olbert hatte ja selber auch ein fettes Alkoholproblem. Die Jahre bei der Fahne und immer diese Unzufriedenheit, weil er nicht das machen konnte, was er wollte, und weil er eben auch nicht rauskam aus der Nummer. Einmal freiwillig verpflichtet, zehn Jahre unfreiwilliger Vollzug. Ja, und gesoffen wurde bei der Truppe natürlich auch kräftig. Und auf der Werft dann und nach der Scheidung – mein Olbert war auch immer dabei, wenn’s einen gab. Und immer bis zur kompletten Gesichtslähmung, anders ging’s nie aus. Jedenfalls nicht, wenn genug zu Trinken da war. Egal, was. Immer die volle Dröhnung. »Halb besoffen ist weggeschmissenes Geld!« – das war so sein Spruch. Und dann hat er plötzlich aufgehört mit der Sauferei. Ich weiß jetzt nicht weswegen genau, wir waren damals nicht ganz so eng, na ja, eines schönen Tages ging Olbert zum Entzug. In die Klinik. Drüben in Drodenheim, die Psychiatrie. Ja, und seitdem trinkt mein Olbert keinen einzigen Tropfen mehr. Also Alkohol. Immer Cola Light. Tja. Auch schon sechs, nein, sieben Jahre. Sieben Jahre sind das jetzt.
Und vor zwei Jahren nun heiratet Olbert ausgerechnet Sigrun. Wie gesagt, die kannten sich schon viele Jahre und auf einmal, quasi in der Mitte des Lebens, entscheiden sie sich füreinander und heiraten sogar. Kleine Feier nur, ich war dabei. Trauzeuge. Zueinander gefunden haben sie bei so einer Selbsthilfegruppe; »Anonyme Alkoholiker«, glaube ich.
Sigrun war damals auch trockene Alkoholikerin. Kennst du sie eigentlich? Nicht?
Sigrun ist schon eine ganz besondere Sorte Mensch. Sie ist nicht schlecht, ganz und gar nicht. Sie hat es aber auch weiß Gott nicht leicht gehabt im Leben. Schon als Kind nicht. Der Vater ein jähzorniger Suffkopp; war auch lange Jahre auf der Werft, beim Stellagenbau. Lebt aber schon ewig nicht mehr. Ich kannte ihn noch. Seine Frau, so ’ne schmale, hagere, war Kellnerin bei der Mitropa damals. Lebt auch schon lange nicht mehr hier, weggezogen damals, nach Sachsen wohl. In meiner Ausbildungszeit musste ich jede Woche mit dem Zug zur Lehrstelle. Da hab’ ich sie dann öfter gesehen. Die Mutter. Gelegentlich hat sie mit der Sonnenbrille bedient, dann wusste man schon: Aha, gab wieder Schläge zu Hause.
Und nun Sigrun. Die kriegte also immer mal eine rüber vom Vater. Und manchmal auch von ihrem älteren Bruder. Lothar hieß der, Lothar Rabiatski. Das war ein Arsch, sage ich dir, da bist du damals freiwillig auf die andere Straßenseite. Keine Ahnung, was aus dem später geworden ist. Na, egal.
Jetzt frag ich mich, fragt sich eigentlich jeder vernünftige Mensch, wieso die Sigrun dann ausgerechnet mit Werner Drewitz zusammen kam? Vom Regen in die Traufe gewissermaßen. Vielleicht ist das ja so, dass sich Mädchen zuerst mal am eigenen Vaterbild orientieren bei der Partnerwahl. Dazu war Werner auch gut zehn Jahre älter als sie. Vielleicht hat sie auch gedacht, sie kriegt sonst keinen mehr ab. So richtig eine Schönheit war Sigrun nie. Auch nicht als junges Mädchen. Sie war ein bisschen wie ein Rummelboxer gebaut, stabil, muskulös. Mancher hat vielleicht auch geglaubt, sie wäre ein Kerl, ein bisschen hat sie so gewirkt. Auch damals schon. Und immer Hosen und ziemlich kurze Haare. Bei der Hochzeit mit Drewitz, im hellblauen Hochzeitskleid und mit eingedrehten Locken, da sah sie schon ein bisschen – na ja – eigenartig aus.
Damals war es ja noch nicht so aktuell mit dem Frauenboxen, aber das wäre wahrscheinlich ein Sport für sie gewesen, da hätte sie sich mit Sicherheit bis in die Spitze durchboxen können, im wortwörtlichen Sinne. Aber wie gesagt, die Zeiten waren damals noch anders und dann hätte ihr das ganz bestimmt auch einiges an Selbstdisziplin abverlangt und dafür war sie damals nicht der Mensch. Auf eine bestimmte Art mochte ich sie eigentlich immer ganz gern. Damals, und heute auch. Sie ist kein schlechter Mensch. Aber wie das so ist, der Mensch entwickelt sich. Sigruns Entwicklung an Werner Drewitz’ Seite war – verheerend. Saufen und krakeelen wie die Männer, das konnte sie. Und wenn einer Streit anfing – oft genug war sie das auch selber – dann gab es ordentlich Keile. Und dann zieht schnell mal Eins das Andere nach sich, sie kam bald vor den Kadi, erst Bewährungsstrafe und später dann sogar ein Vierteljahr Knast. Gefährliche Körperverletzung. Und Werner nicht besser. Und Kind ins Heim, aber das hab’ ich ja schon gesagt.
Später dann hat Sigrun jahrelang in der Landwirtschaft gearbeitet, irgendwo auf einem der Dörfer hier in der Gegend; hier in der Stadt hast du dann nichts mehr von ihr gehört. Und Werner Drewitz hat sich vor acht Jahren ungefähr mit dem Moped totgefahren, ist in den Gegenverkehr und vor einen LKW geknallt. Manche sagen ja, das soll er mit Absicht ... wer weiß.
Vor ein paar Jahren kam Sigrun dann wieder zurück in die Stadt. Sie soll sich, so hieß es, die vorhergehenden Jahre mit einem Bauern dort zusammengetan haben. Aber der war wohl gestorben, Leberzirrhose, wie es hieß, Schnapsdrossel war der auch, seine Kinder hatten das Haus geerbt und Sigrun kurzerhand rausgeworfen. Waren ja nicht verheiratet und Testament gab’s natürlich auch keins.
Hier in der Stadt hatte sie hinten in den Neubauten eine winzige Wohnung und hat wohl mehr vor sich hin vegetiert, bis sie letztlich von Amts wegen auf Entzug kam. Wobei – ich weiß gar nicht, ob das so einfach geht, mal so rechtlich gesehen. Aber ist ja auch egal. Sie haben sie trockengelegt und dann hat sie unseren Olbert kennengelernt. Nee, nicht kennengelernt, die kannten sich genau genommen schon. Wiederentdeckt. Das wäre das richtige Wort. Wiederentdeckt und geheiratet und alles Glück und Seligkeit bei den beiden.
Und dann kriegt sie vor ungefähr drei, vier Monaten so einen Rückfall. Und keiner weiß eigentlich, wieso. Rückfälle, sagt Olbert, gibt’s bei Alkoholikern, das wäre eher die Regel als die Ausnahme. Da hatte er sich gründlich beschäftigt mit dem Thema, ist ja klar. War ja selber einer. Oder ist. Alkoholiker, also alkoholkrank, in dem Sinne bleibst du lebenslang, auch wenn du nichts mehr trinkst. Und drei Viertel, sagt er, drei Viertel aller trockenen Alkoholiker haben auch einen oder mehrere Rückfälle. Also von denen, die er so kennt. Nur er nicht, sagt er.
Olbert ist Abstinenzler, aber trotzdem kreuzfidel. In seiner Junggesellenzeit damals, also nach dem Entzug und vor seiner Hochzeit, war er geradezu manisch auf Achse. War immer und überall mit dabei, wo es was zu feiern gab, war gesellig und unterhaltsam und hat zu fortgeschrittener Stunde auch gern mal eine Einlage am Klavier gegeben, wenn eins da war, oder mit dem Akkordeon. Und alles ohne einen Tropfen Feuerwasser. »Ich brauche keinen Alkohol«, hat er öfter gesagt, »um von Herzen peinlich zu sein.«
Nach der Hochzeit dann aber weniger. Erst wollte er seine Sigrun immer mitschleppen zu seinen »alkoholfreien Sauftouren«, wie er das manchmal nannte. Aber Sigrun fiel das schwer, das konnte sie nicht so. »Da wird bei ihr der Saufdruck, die Sucht, zu groß, das kostet Kraft«, hat er mal gesagt. Kann eben nicht jeder. Also haben sich die beiden ein bisschen mehr abgeschottet.
Bis Olbert dann eines Tages, vor einem Vierteljahr vielleicht, bei mir vor der Tür stand. Sigrun hatte wieder angefangen zu trinken. Heimlich zuerst. Sie hatte keinen Job und hatte ja auch kaum eine Chance, einen zu kriegen; war den ganzen Tag zu Hause, wenn er auf Arbeit ging. Hatte wohl gedacht, er merkt nichts, wenn sie über Tag mal einen kleinen nimmt. Aber glaub’ mir, trockene Alkoholiker wie Olbert haben ein ganz, ganz feines Gespür dafür. Er merkt also beizeiten, dass da was im Busche ist und steht so ziemlich hilflos vor meiner Tür und ich, ich weiß natürlich auch nicht recht, wie ich mit der Sache umgehen soll. Ich sag zu ihm: »Hör zu, du musst sie zur Rede stellen. Sagst ihr, du hättest was gemerkt und sie soll sofort wieder aufhören, solange es noch geht.«
Ach, wenn doch alles so einfach ginge!
Sie kann ja nicht so einfach aufhören, das ist nun mal das Problem mit der Suchtkrankheit. Es ist eine Krankheit, wollen allein hilft da wenig. Du kannst dich versuchsweise mal eine Weile nackig im November im Nieselregen aufhalten und wollen – eben nur wollen – dass du keinen Schnupfen kriegst. Sigrun müsste wieder zum Entzug, in die Klinik, sechs Monate Therapie, wenigstens. Sie braucht unbedingt professionelle Hilfe. Aber alles das nützt nichts, wenn sie das nicht will. Wenn sie die Hilfe nicht will. Und sie will nicht, solange Olbert beider Leben am Funktionieren halten kann, und das tut er. Er arbeitet und schafft Geld ran und sie kippt derweil einen. Und seit sie weiß, dass er es weiß, gibt sie sich auch keine Mühe mehr, das heimlich zu tun. Und was soll er machen? Sie rausschmeißen? Die beiden sind verheiratet, gemeinsamer Haushalt. Und wenn er sich von ihr trennt, wird er trotzdem für ihren Unterhalt geradestehen müssen, wenigstens vorläufig. Und immer öfter kam es vor, dass er zu Hause erschien, nach der Arbeit, und sie war schon deutlich besoffen. Und wenn er ihr dann Vorhaltungen macht, rastet Sigrun auch schon mal in bekannter Weise aus. Dann gibt’s schon mal Haue. Und Olbert wehrt sich nicht, der schlägt keine Frau, und Sigrun schon mal gar nicht. Der liebt sie. Trotzdem und immer noch. Das musst du dir mal vorstellen.
Er leidet. Wenn es zu arg kommt, haut er ab von zu Hause, törnt durch die Kneipen der Stadt und trinkt seine Cola Light. Nie Alkohol. Geht nach Stunden nach Hause und hofft, dass sie dann schon so weit zu ist, dass sie schläft. Kommt auch manchmal zu mir und weiß auch, dass meine Tür ihm immer offen steht. Aber ich weiß natürlich, dass ihm das peinlich ist. Und ich kann eben nicht helfen oder soll ich Sigrun schnappen und in die Psychiatrie schleppen? Wie soll man sich das vorstellen? So, und jetzt haben wir den Salat, Olbert im Krankenhaus. Und ich steh’ da und mach’ mir Vorwürfe, ob ich nicht … Moment, mein Handy, Entschuldigung …
Ja? … Sigrun? … Wo bist … warte … nein … nein, nein, hör zu: Bleib, wo du bist! Ich komme hin! … Nein … Ich komm zu dir, rühr dich nicht vom Fleck, hörst du? Fünf Minuten.
Das war Sigrun, ich muss los, entschuldige, es brennt. Tschüss.
Herr X ist Mitte 50, seit über 30 Jahren verheiratet, hat Kinder, hat Enkel und versteht nix von der Liebe?
So ist es, sagt er. Gibt er zu und sieht nicht erfreut aus dabei. Aber irgendetwas sollte doch da mal funktioniert haben in der Vergangenheit bei Herrn X. Also, wie meint er das, er verstünde nichts von der Liebe?
Er weiß nicht, sagt er, was das ist, die Liebe.
Also, da kann ihm doch geholfen werden, denn die Liebe, mein lieber Herr X, ist doch etwas, das wir alle, wir meinen jeder, ganz selbstverständlich in sich hat, sozusagen naturgegeben. Die Liebe ist etwas Existenzielles, ohne die kommt kein Mensch aus, auch nicht Herr X. Und seine Familie ist doch, bitteschön, allein schon Beweis dessen. Was gibt es daran nicht zu verstehen? Lies Erich Fromm, »Die Kunst des Liebens«, Herr X, für den Anfang!
Den, sagt Herr X, den Erich Fromm, den kenne er und sein Buch, das könne er, sagt er, fast auswendig. Das nütze ihm wohl in der Theorie, aber in der Praxis? Wie denn, fragt er, fühlt sich Liebe wohl an?
Also, Herr X, wir können ja jetzt hier nicht ... wir sind hier jugendfrei gewissermaßen, bitte!
Wie sich Liebe anfühlt, hahaha!
Er nun wieder!
Ist er sicher, dass seine Kinder von ihm sind?
Wie sich DAS anfühle, sagt Herr X, wisse er. Und guckt ein bisschen beleidigt. Aber was DAS außer mit einer gewissen amourösen Vorfeldstrategie mit Liebe zu tun hat, sei ihm unverständlich. Dass da einer kommt und seinen Satz »Ich liebe dich!« mit sexuellem Begehren verknüpft, sei ihm, Herrn X, nicht entgangen, aber dass sich Liebe allein nach libidinöser Erregung anfühle, könne ja so nicht stimmen, wenn wir die Liebe zur Familie oder zur Menschheit oder die zu Gott mit einbeziehen. Da werde es geradezu abstrus, sagt Herr X.
Liebe, sagen wir, fühlt sich an, wie Schmetterlinge im Bauche. Ja, gut, Klischee. Vegetatives Nervensystem eben, Bauchgefühl, so von innen heraus. Herr X solle mal nicht so tun, als ob er das nie erlebt hätte.
Bauchgefühl habe er in Erinnerung, sagt Herr X, durchaus. Aber werde das nicht mit dem Wort »Verliebtheit« beschrieben, das Gefühl, das den nüchternen Verstand unterdrücke, um die Menschen dazu zu bringen, sich der Fortpflanzungsfreudigkeit hinzugeben? Und stehe nicht eben jene Verliebtheit, weil allzu oft nicht von Dauer, genau im Gegensatz zu jener Liebe, die Herr X hier suche und nicht verstehe? Verliebtheit kenne er, sagt Herr X, keine Frage, wenn auch eher aus inzwischen ein wenig entfernteren Zeiten. Aber Liebe?
Liebe er, der Herr X, fragen wir, denn nicht seine Frau, seine Kinder, seine Enkel? Habe er nicht auch seine Eltern geliebt? Na, was ist? Okay, der Vater hat ihn früher mal verhauen, aber die Zeiten waren eben anders, die Sitten auch. Liebe, Achtung, Ehrung der Alten, das steckt uns ja doch in Fleisch und Blut, nicht wahr. Siehst du, das ist Liebe, mein lieber Herr X.
Ach, sagt Herr X, Liebe, Achtung, Ehrung, Donnerwetter. Das seien doch eher so theoretische Kenngrößen, nicht recht dingfest zu machen. Liebe, Achtung, Ehrung! Liebe Eltern, liebe Kinder, liebe Mitmenschen. Ach du lieber Gott!
Aber was IST das? Liebe zu einer Frau? Einem Mann? Mal abgesehen von sexuellem Begehren, das hatten wir ja schon.
Ich liebe meinen Nächsten, wie mich selbst, so wird’s verlangt, sagt Herr X. Das hieße genau genommen, ich tue dem Mitmenschen nichts Böses, nur Gutes und komme damit nicht nur den christlichen oder meinetwegen auch humanitären Forderungen nach, sondern praktiziere ganz lebendig die liebe Liebe oder? Das sei schöner Vorsatz und hehre Handlung, aber erkläre doch nicht, was Liebe ist, oder wie sich Liebe anfühlt, sagt Herr X.
Mensch, Herr X, sagen wir, da haben wir doch schon mal einen Ansatz. Also, Nächstenliebe fühlt sich gut an. Bitte. Es muss sich gut anfühlen, das ist es. Erfüllung, ja?
Und dann zum Beispiel, sagen wir, eine Umarmung, nicht wahr, die kenne Herr X doch wohl, er wäre ja schließlich als Kind schon von seinen Eltern umarmt worden und habe das dann später weitergegeben, wie sich das gehört. Siehst du, das ist Liebe.
Herr X wird etwas nervös. Ganz so, sagt er, war das nicht. Seine Eltern hätten es nicht so gehabt mit dem Umarmen, man sei da eher sachlicher miteinander umgegangen. Und seine Kinder hätte er nun auch nicht so unbedingt umschlungen jederzeit, das hätten die gar nicht gewollt, vermutet Herr X. Er ist nicht so der Umarmer, auch nicht bei Begrüßungen und Verabschiedungen von Bekannten, wie es heute üblich sei, so mit Küsschen links und rechts gar, nein nein, das schätze Herr X nicht so, ein Handschlag sei da schon beinahe des Guten zu viel. Die Frau, also seine Ehefrau, die könne er manchmal so ein bisschen umarmen, aber nur, weil die sich sonst beschweren würde. Was soll man da machen?
Na, sagen wir, vielleicht anfangen zu lernen, mit Nähe umzugehen. Man müsste sich schon auch seinen Mitmenschen gegenüber öffnen, sagen wir. Und vor allen Dingen sich auch erst mal selbst lieben lassen, die Liebe zulassen, nicht wahr? Könnte es sein, dass Herr X sich selber gar nicht liebt und, mehr noch, dass es ihm aus diesem Grunde gar nicht wirklich recht ist, von anderen geliebt zu werden?
Liebe denn seine Frau ihn, den Herrn X?
Sie wird wohl, sagt er, sie behauptet es jedenfalls. Sie kocht für mich, sie putzt für mich, sie passt auf, dass ich nicht verlottere, sie schläft mit mir, sie lebt mit mir, sagt er. Ist das Liebe?
Na sicher doch, sagen wir, das müsse er doch auch irgendwie fühlen, nicht wahr? Das alles sei schon Liebe, sagen wir, und wenn Herr X mal gründlich in sich gehe, dann erfahre er das auch. Jede Wette. Und er selber liebe auch, ganz sicher. Er solle nur hier nicht weiter drüber nachgrübeln, sondern sich der Liebe eben hingeben, mit dem Herzen, nicht wahr. Stell dich nicht so an, Herr X!
Da wäre nur noch eine Frage, sagt Herr X. Er habe da so ein etwas unsicheres Gefühl, das er noch nicht deuten könne sagt er. Ein Gefühl nämlich für eine, na ja, für eine Frau. Aus der Nachbarschaft eine. Was das denn nun sei?
Da hört doch wohl alles auf, sagen wir. Da lässt der Kerl uns hier die ganze Zeit predigen und will im Grunde nur einen Freifahrtschein zum Fremdgehen oder was?
Soll sich zum Kuckuck scheren, dieser Herr X, aber flott!
Verloren
Ich habe sie verloren, glaube ich, die Liebe meines Lebens. Die ist weg. Und das bedrückt mich nun doch, verstehst du?
Nein, nicht, was du denkst, meiner Frau geht’s gut, zu Hause ist alles in Ordnung und wenn es so bleibt, dann feiern wir in zwei, nein, in drei Jahren unseren vierzigsten Hochzeitstag.
Die Liebe meines Lebens, die ich da verloren glaube, das ist eine Frau aus einem früheren Leben. Ich erzähl’s dir, wenn du willst.
Stell dir mich vor, ein junger Mann, ein Knabe fast noch, Schüler. Die Hormonumstellung hat er manierlich hingekriegt, der junge Mann, aber er hat so seine Anlaufprobleme mit der Annäherung an das weibliche Geschlecht, das hat ihm keiner erklärt, wie das funktionieren soll. Er ist kein Draufgänger, beileibe nicht, eher der schüchterne Typ.
Da gibt es ein Mädchen in seiner Umgebung, das betet er an. Ihr schreibt er Gedichte und komponiert Liebeslieder, sie versucht er zu zeichnen, was ihm misslingt, denn er vermag die Göttlichkeit seines Schwarms nicht im Entferntesten darzustellen. Nach ihr verzehrt er sich leidenschaftlich, und sie – sie erfährt vermutlich nie etwas davon, denn seine Gefühle nach außen zu kehren, scheut er sich. Einzig in den Tanzstunden, die er eigens ihretwegen besucht, kann er sich durchringen, sie artig aufzufordern, sich im Walzertakt mit ihm zu drehen und beim Foxtrott und beim Cha-Cha. Sie ist elfengleich und von so graziler Eleganz, dass ihm zuweilen schwindlig wird vor Sehnen und doch, er packt’s nicht, seiner Liebe Ausdruck zu geben.
Nun, so was ist vermutlich nicht so selten und seit Ewigkeiten der Dichter sicherste Nahrungsquelle und überhaupt werden auch solche unerfüllten Romanzen im Leben alsbald durch den »Markt reguliert«, wie wir heute wissen. Den jungen Mann allein vermag diese Weisheit einstweilen nicht zu trösten, er leidet tapfer vor sich hin. Ein Jahr? Zwei? Horst Krügers Lied »Liebt sie mich, liebt mich nicht, zähl’s mir an den Knöpfen ab …« ist Credo für ihn. Und wenn er nicht für die Prüfungen der zehnten Klasse sein Tun hätte, um einen leidlich akzeptablen Schulabschluss hinzulegen, würde er sich vermutlich mit Stumpf und Stiel in seiner Liebessehnsucht verzehren.
Soweit klar, ja? Und jetzt kommt’s!
Nach den Prüfungen wird Sommer und in diesem schicksalsreichen Sommer läuft ihm, springt ihm geradezu, ein Mädchen, eine Frau, die Frau »Wirbelwind« über den Lebensweg. Sie ist gut ein, zwei Jahr älter als er, sie ist klein, blond, ein bisschen struppig immer, sie ist schlank und sportlich, wenn nicht sogar drahtig, sie ist sehr lebenslustig und lebhaft und sie heißt natürlich nicht Frau »Wirbelwind«, aber sie könnte wohl gut so heißen. Und obwohl der Göttlichen an Schönheit nicht im Entferntesten ebenbürtig, im Gedächtnis des jungen Mannes jedenfalls wird sie einen entsprechend wichtigen Speicherplatz belegen.
Sie selbst nennt sich Ramona Günterowna, der in der russischen Tradition verhaftete Vatersname, Günter soll der Vater geheißen haben, aber den hat sie gar nicht gekannt, der Vatersname also schien ihr wichtiger als der Familienname Schmidt. Der junge Mann nun kannte Ramona Günterowna bis dahin kaum, zwar lebten sie in derselben Stadt, immer schon, aber sie ging in eine andere Schule und sowieso in eine höhere Klasse und also waren der gemeinsamen Anknüpfungspunkte nur wenige vorhanden. Nun aber hatte sich Ramona eine eigene Bude gesucht, ein kleines Zimmerchen genommen, und das just in der unmittelbaren Umgebung unseres Jugendfreundes und seiner Clique, mit der er so zusammen war und das tat, was man heute »abhängen« nennen würde, gegeben hat es das früher genauso wie heute. Frau Wirbelwind hat, anders als der junge Mann, keinerlei Kontaktscheu und gibt ihm bald und zielsicher ihre Sympathie bekannt und ihr Begehren ebenso und unumwunden, denn sie weiß alles und kann alles, was Männer und Frauen in der Liebe miteinander anzustellen vermögen und zeigt sich lehrbegierig. Der junge Mann, zwischen Überraschung und Neugier, folgt ihr mit Lerneifer und Lust. Sie nimmt ihn in Schlepp auf einem Stück intensiven Lebens durch den Ort und bis hin an den Strand hinten an der Steilküste, wo Männer und Frauen, aller Badesachen ledig, Spaß haben, tollt mit ihm nackt und natürlich in ihm ungekannter Weise herum, durchspielt mit ihm die sommerlichen Tage und so manche laue Nacht auch und er gibt seinem Tagebuch die Worte ein: »Keine Ahnung, wie sich das nennt, was wir hier tun, aber es istvon nun an der Sinn meines Daseins …«
Na, mal abgesehen davon, dass er gar kein Tagebuch führt, war das wohl ungefähr so. Er brennt schier vor Liebe und liegt seiner neuen Freundin schmachtend zu Füßen und die – die will das gar nicht. Frau Wirbelwind will sein Freund sein, ihretwegen auch gelegentlich ohne Hose, ohne Hemd, aber die große Liebe, weder sucht sie die, noch scheint sie ihr sinnvoll, sie will Freiheit und Leben und Spaß und wer mag und wen sie mag, der kann dies mit ihr teilen, eine Zeit lang. Eine Zeit lang, deren Dauer Frau Wirbelwind allein bestimmt. »Lass uns Freunde sein und Freude haben. Magst du?«
Den jungen Mann erschüttert’s, er wird wieder anfangen, an der Liebe zu leiden, und auf diese Weise recht unspaßig für eine wirbelwindige Ramona Günterowna, die sich indessen Freund Raini zuwendet, für eine Weile, und unseren jungen Mann stehen lässt. Soll der junge Mann sich, sagt sie, mit all den erworbenen Kenntnissen wieder seiner Göttlichen zuwenden, die womöglich nur darauf wartet, mit ihm die große Liebe auszuprobieren. Sie, Ramona, sagt es ohne jeden Groll, mit all der Offenheit und all der unverhüllten Lebensfreude, die ihm später nie mehr bei einer Frauensperson begegnen sollten.
Ja, das war diese Sommerbegegnung, die so bedeutsame und prägende. Ich sehe schon, ich soll weiter erzählen, aber ich sage dir gleich, ab jetzt wird es eher normalbürgerlich, wenn nicht sogar spießig. Nicht mehr Nektar und Ambrosia für des Dichters Göttergeist.
Der junge Mann, seiner verschüchterten Unschuld nun bar, wendet sich nach kurzem, stillem Aufheulen wieder seinem einstigen Schwarm zu, aber ach, die Göttliche scheint plötzlich so göttlich nicht mehr. Nichts von ihrer langhaarigen Schönheit, ihrer grazilen Anmut hat sie in den paar Wochen eingebüßt, indes, der große Zauber scheint vergangen. Und bei genauer Betrachtung ist ihre Nase schon arg stupsig und dann das Gekicher immer. Er nimmt sich vor, seine Liebe zu vertiefen, zumal sich die Göttliche tatsächlich nicht abgeneigt zeigt, ganz und gar nicht, er gibt sich Mühe, aber das Herze, das elendige, das will nicht mit. Und so geht jeder seiner Wege, die sich viele Jahre nicht mehr kreuzen sollen. Zumal der junge Mann eine Ausbildung an anderem Orte anstrebt und das heimatliche Revier verlässt. Ende des ersten Aktes, Applaus, Vorhang.
Die Zeit, das sage ich dir, ist ein Monstrum. Du kannst sie nicht beherrschen, sie flieht mit dir durch den Raum und wenn du nicht aufpasst, kriegst du keinen Fuß auf die Erde. Hast du dir schon mal gewünscht, sie zurückzudrehen, die Zeit, um irgendeine Entscheidung anders treffen zu können? Ja? Den jungen Mann wird dieser unerfüllbare Wunsch lange begleiten.
Eine seiner Entscheidungen ist zweifellos richtig gewesen: Er wird Takler auf einer großen Werft. Ein Takler lernt und weiß und kann alles, was mit Leinen, Persenningen, Segeln, Netzen und all dem seemännischen Zubehör eines Schiffes im Zusammenhang steht. Das ist eine Arbeit, die Spaß macht und die auch gelegentliche Sonderaufgaben beinhaltet, wie zum Beispiel als Hilfsmatrose im Erprobungskommando der Werft die Tauglichkeit der neu erbauten Schiffe zu beweisen, Einsätze, die Freude und Abwechslung versprechen. Und dann gibt es auch noch im Umfelde einer Werft- und Hafenstadt diverse private Bootsbesitzer, denen er zuweilen, in späteren Jahren auch noch, mit seinem Können und dem Material der Werft Gefälligkeiten erweisen kann, was nicht zum Schaden seines Ansehens und auch seiner Geldbörse ausfallen sollte.
Was es auch noch gibt in dieser Zeit, sind Barbara, Kerstin und Bettina, die sind lieb, aber die große Liebe ist nicht dabei. Er lernt, er arbeitet, er wird Soldat, wie alle jungen Männer in diesem Land. Er entscheidet sich für eine seemännische Laufbahn, die damit verbundene längere Dienstzeit nimmt er hin. Sein Vorteil dabei: Der Stationierungsort seiner Truppe ist nur einen Steinwurf weit von seinem Arbeitsort entfernt, der ja nun wohl auch seine neue Heimat geworden ist.
Innerhalb dieser dreijährigen Dienstzeit ereignet sich Britt. Die ist aufregende Siebzehn, als er sie kennenlernt, und wie irre verliebt in den jungen Matrosen in seiner feschen, blauweißen Uniform mit den flatternden Mützenbändern. Sie umschwärmt und umhalst ihn zu ihrer und auch zu seiner Freude. Seine Liebe, sein Gefühl für sie hat nun nicht jene erlebten leidenschaftlichen Dimensionen spätpubertärer Jugendzeit, aber Britt, die eigentlich Brigitte heißt, ist lieb und die beiden wollen beieinander bleiben, beschließen sie. Mit seiner Dienstzeit bei der NVA endet planmäßig auch die Verlobungszeit beider, es wird mit wohlwollendem schwiegerelterlichen Segen geheiratet und sein Status auf der Werft verbessert sich deutlich von »zugezogen« in »eingeheiratet«, das ist nicht unwesentlich in der Provinz.
Der Werdegang einer jungen Ehe in einer nicht mehr ganz so jungen ostdeutschen Republik ist ziemlich einheitlich. Mit der Geburt des ersten Töchterchens erwächst der Anspruch auf eine Neubauwohnung, die sich mit Hilfe des günstigen staatlichen Ehekredites trefflich einrichten lässt, das freundliche Kinderzimmer wird mit einer weiteren kleinen Bewohnerin gefüllt und so lebt die junge Familie einen erfüllten sozialistischen Alltag, zu dem alsbald auch ein klitzekleines Auto gehört, ein Kombi. Denn wes (Feierabend-)Arbeit begehrt ist, der hat auch reichlich der zum Wohlstand in diesem Lande unentbehrlichen guten Beziehungen.
Der junge, jetzt schon heranreifende Mann lebt sein Leben nun, wie so viele andere junge Menschen auch, zielstrebig und planvoll, er liebt seine Frau und seine Kinder, und das Herz, das begehrliche, gibt sich im Allgemeinen wohlversorgt.
Manchmal nennt er seine Angetraute spaßeshalber »Brigitta Kurtowna«, das findet sie süß und putzig auch, erfährt aber nie den Grund dieses so originellen Einfalls. Manchmal schmachtet der junge Mann heimlich anderen Frauen hinterher, die eigenartigerweise weniger durch Schönheit, sondern eher durch Burschikosität auffallen und durch eine bestimmte wirbelwindige Frechheit. Da wird nie eine Affäre draus, ein einziges Mal ein Fehltrittchen, aber da ist er schwer besoffen und wenig schuldfähig, ihm wird verziehen.
Den Alkohol, den liebt der junge Mann auch, zum Problem wird der aber nicht. Und die Liebe der jungen Leute köchelt so auf kleiner Flamme, wird nicht ganz erkalten, aber auch nicht respektabel aufwallen, und ab und an ein kleiner Cognac verbessert das Aroma. Ende Zweiter Akt, Vorhang, verhaltener Beifall, verhaltenes Gähnen auch vereinzelt, einige Zuschauer sehen unauffällig zur Uhr.
Na, soll ich noch weiter erzählen? Du lauerst noch auf die große Liebe in meiner Geschichte, oder? Wobei, was das sein soll, die große Liebe, die ganz große, das wissen du und ich vielleicht auch gar nicht. Sie ist, möglicherweise, ja doch ein Mythos? Der junge Mann in meiner Geschichte ist im tiefsten Inneren ein Romantiker. Ja, lach nicht, es ist so. Der weiche Kern in der stacheligen Schale, das Schaf im Wolfspelz, das bin ich.
Unser junger Mann, Herr Schaf, kriegt mit Anfang dreißig so etwas wie eine Sinnkrise. »Meine erste Midlife-Crisis«, wird er, älter geworden, gern zum Besten geben, »hatte ich mit 30. Die zweite, die fange ich an, wenn ich mit der ersten endlich fertig bin.«
Auslöser für diese Sinnkrise ist ein Traum, der ihn manchmal nächtens aufsucht, ein Traum, der sich um Frau Wirbelwind rankt, die er sucht im Traum, die er auch findet und die ihm, immer auf’s neue, im Linienbus davonfährt, unerreichbar für die Zukunft. Das Herz, fühlt er, meldet offenbar emotionale Unterversorgung an, der er nichts als Familienroutinen entgegen zu halten hat. Nein, eine Affäre strebt er wirklich nicht an, auch ist nicht die Zeit gelegentlicher Verliebtheiten mehr, wie noch einige Jahre zuvor, er fühlt sich äußerlich großartig ausgelastet und innerlich mumienhaft hohl. Da der Mann ganz gern schreibt, versucht er, Träume und Sehnsüchte in einen selbstgemachten Roman zu pressen, der aber nie fertig werden wird, so weit reichen sein schriftstellerisches Talent und auch die Geduld noch nicht.
In diese Zeit fällt dann auch der mit dem Wort »Wende« betitelte Umbruch des Landes, das es nun auch offiziell zu verachten gilt, samt dem eigenen Leben, das man darin führte. Es geht an die Existenz zunächst, die Werft baut Stellen und Gewerke ab, der nun hochheilige Markt aber, der brüllt in dieser Werft- und Hafenstadt nach einem Unternehmen, das Segel und Netze und Persenninge und Leinen anbietet und sich also prompt gründet und für den ausgebildeten Takler eine Heimstatt bieten kann. Existenz gesichert. Britta, als Angestellte der Stadt, behält auch vorläufig ihre Arbeit als Bibliothekarin, da müssen erst die älteren Kolleginnen gehen, nicht die noch junge Mutter. Und das Geld wird neu und die Ansprüche auch und das Auto wird ein westliches Fabrikat, das diese Bezeichnung auch verdient.
Der Familie geht es gut, die Kinder sind gut in der Schule und heulen dem schicken Pioniertuch keine Träne nach. Und auch das Herz, das des immer noch mitteljungen Mannes, fühlt sich vorläufig durch konsumglitzernde Erfüllung ständig nachwachsender Wünsche leidlich freudig an. Es entsteht sogar eine neue Leidenschaft, man schafft sich, jawohl, ein eigenes Familienboot an, der junge Mann wird Freizeitkapitän, so fühlt er sich bestens.
Und dann das.
Das Telefon (haben wir auch jetzt, na klar) klingelt und dran ist – falsch verbunden zunächst, und doch wiedererkannt – Frau Wirbelwind, Donnerwetter. Sie habe jemand ganz anderen am Telefon haben wollen und sei mit dem Fingerchen im Telefonbuch verrutscht und nun das! Ja, die Überraschung sei ganz auf ihrer Seite und der vertraute Name des jungen Mannes, des ganz jungen damals noch, unvergessen all die Jahre, nein, so was Tolles, nein, diese Überraschung. Sie versprechen sich, den gegenseitigen Kontakt nicht wieder aufgeben zu wollen. Wenige Monate später sogar ein Treffen in der ehemaligen Heimatstadt des jungen Mannes, in deren Peripherie sie noch immer zu Hause ist, seit einigen Jahren auch mit anderem Nachnamen, na klar, verheiratet, na klar, glücklich und kleiner Sohn, vier Jahre erst, schön. Sie treffen sich, wie sich das für alte Freunde gehört, in aller Freundschaft und Unverfänglichkeit, und siehe da, die kleine Flamme war nicht erloschen, die Energie genügte und als sie im Grunde voneinander Abschied nehmen wollten, fielen sie doch in eruptiver Leidenschaft übereinander her.
