Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2019

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E-Book-Beschreibung Siebenmühlental - Sybille Baecker

Absturz im Ländle Constantin Dreyer hat alles: eine lukrative Firma, eine treusorgende Ehefrau, eine hübsche Geliebte und eine Fluglizenz. Er wäre sorgenfrei – wäre er nicht tot, hinabgestürzt von einem Viadukt im Siebenmühlental. War es Suizid oder Mord? Diese Frage führt Kommissar Brander und das Team der Kripo Esslingen auf den Flugplatz, an dem Dreyer als Fluglehrer tätig war. Dort hat Brander eine Begegnung, die ihn in seine Vergangenheit katapultiert. Und plötzlich überschlagen sich die Ereignisse ...

Meinungen über das E-Book Siebenmühlental - Sybille Baecker

E-Book-Leseprobe Siebenmühlental - Sybille Baecker

Sybille Baecker wurde 1970 im Emsland geboren, sie studierte BWL in Münster und Neu-Ulm und arbeitete viele Jahre als IT-Prozessingenieurin in einem internationalen Unternehmen. Dann wechselte sie das Fach und wurde Pressereferentin des Volleyball-Landesverbands Württemberg in Stuttgart. 2008 veröffentlichte sie ihren ersten Kriminalroman. Heute lebt und arbeitet Baecker als Schriftstellerin in der Nähe von Tübingen. Durch ihre Krimiserie mit dem Kommissar und Whiskyfreund Andreas Brander wurde sie zur Fachfrau für »Whisky

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

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©2019 Emons VerlagGmbH Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: iStockphoto.com/PieroAnnoni Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer Umsetzung: Tobias Doetsch Lektorat: Hilla Czinczoll eBook-Erstellung: CPI books GmbH, LeckISBN 978-3-96041-475-9 Schwaben Krimi Originalausgabe

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Dienstag

Der Motor der Cessna 172 D-EMYA lief ruhig. Ein gleichmäßiges dunkles Brummen, das er durch den Kopfhörer wie ein sanftes Schnurren wahrnahm. Sie hatten eine Flughöhe von dreitausend Fuß. Der Himmel über ihnen war azurblau und wolkenlos, die Sonne wärmte das Cockpit, es gab kaum Turbulenzen. Ideales Flugwetter. Obwohl er es auch mochte, wenn es mal ruppiger zuging und er stärker gefordert war. Aber heute war er nicht allein unterwegs. Die junge Frau, die neben ihm saß, strahlte über das ganze Gesicht. Sie genoss den Flug ebenso wie er.

Es tat ihm gut, so dahinzugleiten. Es rückte die Probleme und Sorgen, die unten auf ihn warteten, in eine angenehme Distanz. Unwillkürlich zog er bei dem Gedanken die Stirn in Falten. Er hatte das Richtige getan. Es ging schließlich auch um seinen Ruf, wenn nicht sogar um seine Existenz. Er hatte keine andere Wahl gehabt. Nun musste er es nur noch zu Ende bringen.

Er atmete tief durch. Um seine Probleme konnte er sich später kümmern. Jetzt wollte er die letzten Minuten mit der Frau an seiner Seite genießen. In der Ferne sah er die Landebahn des Flugplatzes am Rande der Schwäbischen Alb. Er warf einen Blick auf die Instrumente, keine Auffälligkeiten. Er funkte den Flugleiter an.

»Delta-Echo-Mike-Yankee-Alpha, Cessna eins-sieben-zwo, vier Meilen südlich des Platzes, zur Landung.«

»Yankee-Alpha, Wind drei-eins-null mit fünf Knoten, Piste null-zwo. Ein Flugzeug in der Platzrunde«, kam es vom Flugleiter zurück.

Er ließ den Blick über die Umgebung schweifen, entdeckte in der Ferne eine weitere Cessna, die ihre Kreise zog. Das musste Trisha mit ihrem Flugschüler sein.

»Yankee-Alpha, Piste null-zwo, Verkehr in Sicht«, bestätigte er.

Sie waren gleich auf der Gegengeraden zur Landebahn. Jetzt einfach weiterfliegen, auf und davon. Mit ihr. Es wäre so einfach.

»Yankee-Alpha, Gegenanflug zur null-zwo.« Er wollte den Landeanflug einleiten, entschied sich dann anders. Er legte die Hand auf den Oberschenkel der Frau neben sich. »Mach du.«

Sie zuckte zusammen, er spürte es unter den Fingern, die kurze Kontraktion ihrer Muskeln. Sie sah ihn erschreckt an. Er zog die Hand zurück, nickte ihr aufmunternd zu. »Tempo drosseln. Sinkflug einleiten.«

Sie folgte seinen Instruktionen. Ihre Unruhe übertrug sich auf das Flugzeug. Sie waren jetzt im Queranflug, mussten die Cessna in eine Linkskurve drehen, um auf die Gerade zur Landebahn zu kommen.

»Du machst das gut. Bleib in der Horizontalen… Behalte das Ziel vor Augen. Tempo raus. Wir haben leichten Wind von Nordwest.«

Schon besser. Die Maschine sank stetig, während die Landebahn schnell näher kam.

»Halt die Nase etwas höher.« Er wollte ein Abnicken vermeiden, damit die Cessna nicht wieder Fahrt aufnahm– schön ruhig einschweben und das Baby absetzen, als wollte sie das Gras nur streicheln. »Zieh das Höhenruder noch ein Stück zurück.«

Er entdeckte kleine Schweißperlen auf ihrer Stirn. Sie presste die Lippen fest zusammen. Vermutlich waren ihre Augen hinter der Sonnenbrille vor Aufregung geweitet. Er lächelte. »Ich habe nicht vor, heute zu sterben. Entspann dich, du machst das gut.«

Sie gab ein hilfloses »Ha« von sich.

Das Tempo war jetzt deutlich reduziert. Das Flugzeug geriet durch den Seitenwind in eine leichte Schräglage. Er tarierte unauffällig aus. Sie hielt Kurs. Das war gut. Er hätte ihr gern über den angespannten Nacken gestrichen. Doch das musste warten.

Vor ihnen erstreckte sich die Landebahn. Eine grüne Wiese mit wenigen Markierungen. Auf einer Bank vor dem kleinen Bürogebäude saß eine Person. Auf die Distanz konnte er nicht erkennen, wer es war. Vor dem Hangar parkten zwei Maschinen. Eine Piper28 und eine Aquila, die Neue: leicht und leise. Zumindest leiser als die Cessna. Aber er mochte seine Skyhawk. So viele wunderbare Stunden hatte er schon in dem Flugzeug verbracht. Allein– und seit einigen Wochen auch mit ihr.

Er liebte das Leuchten in ihren Augen, die geröteten Wangen und das erleichterte Lächeln, wenn sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Sie flog gern, aber sie hatte auch Angst. Eine Kombination, die interessanterweise erotisierend auf sie wirkte. Und auf ihn. Er war überrascht gewesen, als er bemerkte, dass er sie begehrte. Ausgerechnet sie. Er freute sich auf den Abend. Er hatte Lust auf sie. Ein harter Schlag der Cessna holte ihn unsanft aus seinen Träumereien zurück.

Verdammt.

»Ich übernehme.« Er startete durch, um ein Springen der Maschine zu verhindern. Höhenruder zurück, Gas geben, Steigflug einleiten. Seine Handgriffe waren routiniert. Keine Hektik, keine Panik. Er ging in die Platzrunde, landete im zweiten Anflug weich auf dem Grün.

»Tut mir leid«, kam es zerknirscht von seiner rechten Seite.

»Das muss es nicht. Ich hab geträumt.« Jetzt strich er ihr doch kurz über den Nacken. »Von dir.«

»Und schon gibt’s eine Bruchlandung.«

»Unsinn. Es wäre nur etwas holprig geworden.«

Sie rollten über das Gras zum Hangar. Er führte die Final Checks durch, während sie ihr Handy aus der Tasche zog.

»Adam«, stöhnte sie genervt. »Er will heute Abend seine Sachen holen.«

»Oh.« Er war enttäuscht. »Dann wird es wohl nichts mit uns?«

»Ich ruf dich an, wenn er weg ist.«

»Sag ihm einen Gruß.«

Sie lachte. »Bin ich verrückt?«

Er schaltete das Anti-Kollisions-Licht aus, und sie stiegen aus dem Cockpit. Sie kam um die Cessna herumgelaufen. »Ich zisch gleich ab. Ich will ein paar Sachen wegräumen, bevor er kommt.«

»Okay.« Er strich ihr über die Schulter, eine freundschaftliche Geste– mehr Zärtlichkeit erlaubten sie sich in der Öffentlichkeit nicht. Er sah ihr nach, wie sie über den Platz, am Bürogebäude vorbei, eilig Richtung Parkplatz verschwand.

Die zweite Cessna, die gerade noch in der Platzrunde gewesen war, rollte von der Landebahn zum Hangar. Er wandte sich wieder seiner Maschine zu, ging vor dem Bugrad in die Hocke. Er nahm das Fahrwerk in Augenschein, auch das der zwei Haupträder. Es schien keinen Schaden genommen zu haben. Er würde den Mechaniker dennoch bitten, einen Blick auf das Flugzeug zu werfen. Sicher war sicher.

»Wir müssen reden«, hörte er eine männliche Stimme hinter sich.

Er erhob sich aus der Hocke, drehte sich zu dem Mann um. »Es gibt nichts zu reden.«

»Das kannst du nicht machen!«

»Natürlich kann ich.« Er starrte seinem Gegenüber entschlossen in die Augen.

Der starrte grimmig zurück. »Weiß deine Frau, dass du und…«

»Was soll das? Willst du mich jetzt erpressen? Du machst dich lächerlich!« Er wollte an ihm vorbei in die Halle gehen.

Der Mann stellte sich ihm in den Weg. »Du…«

»Hey!« Trisha kam herüber und trat energisch zwischen sie. »Geht’s noch? Ich habe einen Flugschüler, benehmt euch!«, zischte sie ärgerlich.

Er deutete auf den anderen als Urheber des Übels. Der Mann schnaubte wütend und stampfte davon.

»Was war los?«, fragte Trisha.

»Kennst ihn doch.« Er zuckte die Achseln und schenkte ihr ein unverfängliches Lächeln.

Trisha war nur wenig jünger als er, siebenundvierzig Jahre, die man ihr kaum ansah. Sie war durchtrainiert, hatte langes blondes Haar, klare grüne Augen und ein umwerfendes Lächeln. Sie trug eine Cargohose, dazu ein sportliches Hemd, wie fast immer, wenn sie am Flugplatz arbeitete. Einmal hatte er sie in einem Kleid gesehen. Beim Fliegerfest im Herbst. Er war nicht der Einzige gewesen, der sie an dem Abend auf einen Drink eingeladen hatte.

»Gehen wir nachher zusammen essen?«, schlug er vor. Bis zu seiner Verabredung hatte er noch Zeit. Und er musste mit Trisha reden.

Sie hob die Augenbrauen, sah zu ihrem Flugschüler, der eifrig damit beschäftigt war, die Fliegen von der Frontscheibe zu wischen. »Ich habe zu tun.«

»Irgendwie habe ich das Gefühl, dass du mir in letzter Zeit aus dem Weg gehst.«

»Ist das so?« Sie setzte ihr Pokerface auf.

»Ja. Warum?«

»Was ist vorhin bei der Landung schiefgegangen?«

»Nichts.«

»Du hattest kein Touch-and-go angekündigt.«

»Tja…«

Sie wartete, ob er mehr sagen würde. Als er schwieg, schüttelte sie den Kopf, Enttäuschung und Missbilligung im Blick. »Du misst mit zweierlei Maß.«

»Was soll das heißen?«

»Muss ich dir das wirklich erklären? Du bist auch nicht unfehlbar.« Sie reckte das Kinn vor und ließ ihn stehen.

Sein Smartphone verkündete eine eingehende Nachricht. Er zog es gedankenverloren aus der Tasche, öffnete die Nachricht. Ein Video des missglückten Landeversuchs. Kein Kommentar. Das Blut in seinen Schläfen begann zu pochen. Das musste aufhören.

Mittwoch

Der Anblick eines toten Menschen ist niemals schön. Auch wenn dieser Mensch »sanft entschlafen« ist. Tot war tot. Es bedeutete niemals mehr miteinander reden, lachen, streiten, den anderen niemals mehr berühren, spüren, hören, riechen. Was blieb, war die Erinnerung. Vielleicht war es ein Trost, wenn man wusste, dass der andere in Frieden gegangen war. Die Augen schließen. Vorbei.

Der Mann, der vor Kriminalhauptkommissar Andreas Brander auf dem harten Boden lag, war nicht sanft entschlafen. Er lag auf dem Bauch, die Extremitäten waren zum Teil unnatürlich verrenkt, das Gesicht zur Seite gedreht. Ein dunkler Fleck um den Kopf wies auf eine Blutlache hin.

Das Gebiet um den Viadukt im Siebenmühlental war weiträumig abgesperrt. Die Kriminaltechniker hatten einen schmalen Pfad vom Schotterweg durch das vertrocknete Gestrüpp abgesteckt, über den Brander mit seiner Kollegin Peppi zum Leichenfundort gegangen war. Der Wald um sie herum war trist: kahle Bäume und Sträucher, braunes, verwelktes Laub, das den Boden bedeckte. Hier und da mattgrünes Moos an den Stämmen. Der Himmel darüber strahlte in einem klaren Blau. Es war Anfang März, tagsüber stiegen die Temperaturen knapp in den zweistelligen Bereich. Nachts gab es Frost.

In Ermangelung von Taschen in seinem weißen Schutzanzug stemmte Brander die Hände in die Hüften, während sein Blick über den toten Mann wanderte. Dessen graue Anzugjacke war aufgefächert. Kleine abgebrochene Zweige und Laub hingen in der Kleidung. Am Hosenbein war ein Riss. Das kurze graue Haar war verklebt. Getrocknetes Blut, vermutete Brander. Das Alter des Mannes lag irgendwo zwischen vierzig und sechzig Jahren– eine genauere Einschätzung war auf den ersten Blick nicht möglich. Seine Statur war sportlich-schlank. Offensichtlich hatte er Wert auf seine Fitness gelegt.

»Was hat der Notarzt gesagt?«, wandte er sich an Manfred Tropper.

Der hagere Kriminaltechniker kniete vor der Leiche. Er war schon länger als Brander vor Ort. Der Kriminaldauerdienst hatte die Techniker angefordert und den Fall an die Kriminalinspektion1 in Esslingen übergeben.

»Der hat lediglich seinen Tod bestätigt. Vermutlich von da oben runter.« Tropper deutete zur Brücke. »Suizid, Unfall oder was auch immer, lässt sich so einfach nicht sagen. Maggie ist unterwegs.« Damit meinte der Kriminaltechniker die Rechtsmedizinerin Margarete Sailer.

Suizid, das hätte der KDD selbst abwickeln können, dachte Brander bei sich. Er rieb sich mit der Rechten über das glatt rasierte Kinn und hob den Blick zu der Brücke vor ihnen. Ein Viadukt aus Beton, der zur alten Bahntrasse gehörte, die einst Leinfelden mit Waldenbuch verband. Zehn oder fünfzehn Meter hoch, mehr nicht. Dennoch hoch genug, um sich bei einem Sturz zahlreiche Frakturen inklusive Schädelbruch zuzuziehen. Das vom Winter trockene Gestrüpp reichte sicher nicht aus, um den Aufprall abzufedern.

Brander zählte vier Bögen, unter dem ersten und vierten verliefen breite Schotterwege, die vor der Straße in kleine Stellplätze mündeten. Dazwischen war unwegsames Gelände: Büsche, Sträucher, Bäume. In dem schmalen Bächlein, das sich durchs Unterholz schlängelte und das sie auf dem Weg zu dem Toten überqueren mussten, hätte er sich fast nasse Füße geholt. Hier spazierte man nicht ohne Grund hinein.

»Ist es sicher, dass er von da oben runtergestürzt ist?«, hakte Brander nach.

»Sicher ist gar nichts. Aber solche Brüche ziehst du dir nicht zu, wenn du beim Austreten in die Büsche über eine Baumwurzel stolperst.«

Brander wandte sich um. Von der Straße aus war der Platz nicht einsehbar. Auch auf den vorbeiführenden Wegen musste man vermutlich genau hingucken, um den Toten zu entdecken. Der Mann lag in einer Senke.

»Kann er sich die Verletzungen auf anderem Weg zugezogen haben?«

»Spekulierst du darauf, dass ihn jemand verprügelt und dann hier abgelegt hat?«

»Oder überfahren.« Brander deutete mit dem Kopf zur nahen Straße.

»Eher nicht. Man hat ihn nicht hierhergeschleift. Den Pfad, über den ihr gekommen seid, haben wir mühsam angelegt.« Tropper erhob sich aus der Hocke und streckte die vom Knien schmerzenden Glieder. Ein Grinsen legte sich auf die Lippen des Einundfünfzigjährigen. »Peppi, was ist mit deinem Gesicht passiert?«

Brander drehte sich zu seiner Kollegin Persephone Pachatourides, um zu sehen, was Tropper erheiterte. Die Kollegin trug wie er einen weißen Schutzanzug, die langen lockigen Haare waren unter der Kapuze verborgen. Nicht verborgen war jedoch die neue Brille, die Peppi gerade mit dem Zeigefinger auf ihre Nasenspitze zog. Über den Rand hinweg schielte sie Tropper grimmig an. »Noch ’nSpruch, und du kannst dich gleich dazulegen.« Demonstrativ schob sie die Brille wieder zurück an ihren Platz.

»Ich wusste doch, irgendwas ist anders«, feixte Tropper. »Steht dir, macht dich so…«

Peppi hob drohend den Zeigefinger. »Überleg dir ganz genau, was du sagst.«

Am Tag zuvor war sie mit der Brille zum ersten Mal zum Dienst erschienen. Ein dunkles Gestell, das zu ihren schwarzen Locken und ihren südländisch kantigen Gesichtszügen passte. Mit achtundvierzig hatte sie einsehen müssen, dass nach jahrelangem Blinzeln eine Brille die bessere Alternative war. Doch fühlte sie sich damit verkleidet, wie sie Brander anvertraut hatte.

»Wie lange ist er schon tot?«, fragte er, um eine Fortsetzung von Troppers Frotzelei zu verhindern. Seine Augen arbeiteten zum Glück noch gut. Dafür hatten sich seine Haare früh verabschiedet. Vor gut einem Jahr hatte er sich– wenn auch nicht ganz freiwillig– den Schädel kahl rasiert, wofür er sich noch immer die eine oder andere Neckerei der Kollegen gefallen lassen musste.

»Schwer zu sagen… Die Leichenstarre ist voll ausgeprägt. Ich schätze, zwischen zwölf und vierundzwanzig Stunden.«

»Hinweise auf seine Identität?«

»Er hatte Papiere bei sich. Der Mann heißt Constantin Dreyer, vierundfünfzig Jahre alt, wohnhaft in Tübingen. Dahinten steht sein Auto.« Tropper deutete in Richtung des kleinen Platzes am Fuß der Brücke, auf dem einsam ein silbergrauer Mercedes stand. »Der Schlüssel lag wenige Meter von der Leiche entfernt. Ist vermutlich beim Sturz aus der Tasche gefallen.«

Brander sah zu der knapp zwei Meter entfernten Stelle, die mit einer Nummer versehen und um die mit Sprühfarbe ein Kreis gezogen worden war.

»Wie habt ihr den so schnell im Gestrüpp gefunden?«

»Kollege ist draufgetreten.«

Es ging doch nichts über Kommissar Zufall.

»Was ist mit seinem Handy?«

»Liegt im Auto, ist ausgeschaltet. Wir brauchen die PIN, oder Jens muss ran.«

Jens Schöne war ein Kollege der Computer-Forensik. Es wäre nicht das erste Smartphone, dem er seine Geheimnisse entlockte.

Warum hatte Dreyer sein Handy nicht mitgenommen? Bei den meisten Menschen war es doch ein Automatismus, das Gerät einzustecken, wenn man vonA nachB ging. Manch einer ging nicht einmal ohne Smartphone zur Toilette. Hatte es etwas zu bedeuten, dass Dreyer es im Auto liegen gelassen hatte?

»Hat er Familie?«, fragte Brander.

»Vermutlich ist er verheiratet, zwei Töchter. In seiner Brieftasche waren Fotos.«

»Ruf bitte Fabio an«, bat Brander seine Kollegin. »Er soll das verifizieren und uns alle Infos besorgen, die er kriegen kann, bevor wir seine Frau benachrichtigen.«

Brander wollte vorbereitet sein, wenn er der Witwe die schlechte Nachricht brachte, und Fabio Esposito war dafür genau der richtige Mann. Er gehörte zusammen mit seinem Bürokollegen Peter Sänger zur jüngeren Generation in der Kriminalinspektion1, und bei seinen Recherchen ging er äußerst akribisch vor.

»Verfluchter Mist! Könnt ihr hier kein Warnschild hinmachen?«, ertönte die Stimme von Margarete Sailer hinter ihnen. Brander wandte sich um. Die Rechtsmedizinerin stand im weißen Schutzanzug im Gestrüpp und schüttelte ihren linken Fuß. Sie hatte Mühe, auf dem unebenen Boden das Gleichgewicht zu halten.

»Hey, Maggie, keine Randale an unserem Leichenfundort!«, schimpfte Tropper grinsend.

»Halt die Klappe! Gibt’s hier noch mehr solche Wassergräben?«

»Nächstes Mal fahren wir für dich die Zugbrücke aus.«

»Du versaust mir echt den Tag.« Sailer arbeitete sich zu ihnen vor. »Was haben wir?«

Tropper deutete mit einladender Geste auf den Mann vor ihnen. »Opfer männlich, tot, vermutlich Sturz aus der Höhe.« Er hob den Arm zur Brücke.

Die Rechtmedizinerin stellte ihre Tasche ab und wandte sich der Leiche zu. »Habt ihr irgendetwas verändert?«

»Das würden wir nie wagen ohne deine hoheitliche Genehmigung.«

»Haha.« Sie sah zu Brander. »Hallo, Andi. Peppi nicht da?«

Brander zeigte nach rechts, wo seine Kollegin stand und telefonierte.

Sailer winkte ihr zu. »Schicke Brille.« Sie wandte sich wieder an Brander. »Seid ihr überhaupt zuständig?«

»Wieso?«

»Na, ist das hier Gemarkung Esslingen oder Böblingen? Steinenbronn ist da vorn.« Sie wies unbestimmt in Richtung Süden. »Und Steinenbronn gehört zum Kreis Böblingen, wenn ich mich nicht irre.«

»Die Kollegen vom KDD Nürtingen haben uns angefordert.«

»Leinfelden gehört definitiv zu Esslingen.« Tropper deutete in die Steinenbronn entgegengesetzte Richtung.

Brander nahm sein Smartphone und suchte eine Landkarte heraus. Er fand die Straße, an der sich der Leichenfundort befand, aber es waren keine Kreisgrenzen eingezeichnet. »Wir sind relativ mittig zwischen Musberg und Steinenbronn.« Er drehte sich zu Peppi um. »Frag Fabio mal, ob das hier überhaupt zu unserem Bereich gehört.«

»Dann regelt ihr mal eure Kompetenzen. Wer hat ihn gefunden?«, wandte Sailer sich an Tropper.

»Zwei recht betagte Damen beim Spaziergang. Die haben da oben ein kleines Päuschen eingelegt.« Tropper zeigte zur Brücke hinauf.

»Sie waren hoffentlich nicht an der Leiche?«

»Da keine von beiden Miss Marple heißt, zogen sie es vor, die Polizei zu informieren.«

»Gut.« Die Rechtsmedizinerin beugte sich zu der Leiche herunter. »Da hätten wir massive Schädelfrakturen, weitere multiple Frakturen rechtsseitig, Arme, Beine, Rippen… Sieht nicht so aus, als ob er nur über eine Baumwurzel gestolpert wäre.«

»Mein Reden«, kommentierte Tropper.

»Ein Sturz von der Brücke ist gut möglich. Er ist auf der rechten Seite gelandet, daher die einseitigen extremen Frakturen. Freddy, besorg uns bitte eine Plane, damit wir ihn umbetten können.«

Tropper machte sich auf den Weg.

Sie beugte sich dichter über den Kopf des Toten. »Er hat einen Cut hier links oben am Auge… Könnte er sich beim Sturz zugezogen haben, wenn er einen Zweig oder Ast gestreift hat.«

»Irgendwelche Hinweise auf Fremdverschulden?«, fragte Brander.

Sailer schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln. »Andi, ich habe ihn noch nicht einmal ausgezogen. Er hat multiple Verletzungen. Wie er sich die zugezogen hat, kann ich dir erst nach der Obduktion sagen.«

»Und die machst du wann?«

»Frühestens übermorgen. Morgen ist mein Kalender schon voll.«

»Maggie, bitte…«

»Tut mir leid, wir können nicht mehr als arbeiten. Du darfst aber gern dazukommen und die Ergebnisse aus erster Hand vor Ort erfahren, sofern ihr denn zuständig seid.«

Tropper kehrte mit der Plane zurück.

»Er war anscheinend Pilot«, berichtete der Kriminaltechniker, während sie gemeinsam den Leichnam umbetteten. »Bei seinen Papieren haben wir eine Privatpilotenlizenz gefunden.«

Sailer sah abschätzend zum Brückengeländer hinauf. »Von der Aichtalbrücke hätte er einen längeren Flug gehabt.«

Die Aichtalbrücke war mehr als fünfzig Meter hoch. Eine sichere Option auf den Tod. Dazu hätte der Mann allerdings über die wenige Kilometer östlich liegende Bundesstraße fahren müssen. Warum wählte er ausgerechnet diesen Viadukt, versteckt im Siebenmühlental? Wollte er sichergehen, dass kein zufällig vorbeifahrender Autofahrer ihn von seinem Vorhaben abhielt? Aber warum stürzte er sich dann ins Gestrüpp, das seinen Sturz womöglich hätte abfedern können?

Der Viadukt ein kleines Stück weiter beim Wanderparkplatz wäre die sicherere Variante gewesen. War es eine Kurzschlussreaktion? Oder vielleicht doch ein Unfall? Brander sah nach oben. Das metallene Geländer war mindestens einen Meter hoch, wenn nicht höher– da hätte der Mann sich sehr weit hinüberbeugen müssen, um einfach nur das Gleichgewicht zu verlieren.

Ein kurzer Freiflug in den Tod.

Blieb die Frage, ob der Mann ihn freiwillig angetreten hatte.

***

Sie hatten sich ihrer Schutzanzüge entledigt. Peppi lenkte den Dienstwagen über die kurvige Kreisstraße Richtung Tübingen, als ihr Diensthandy klingelte. Brander schaltete die Freisprechanlage ein. »Fabio, was hast du für uns?«

»Constantin Dreyer wurde heute Morgen von seiner Frau als vermisst gemeldet«, begann Fabio Esposito. »Henriette Dreyer war im Polizeirevier Tübingen. Die Kollegin Corinna Tritschler hat die Meldung aufgenommen.«

Brander und Peppi kannten Corinna. Sie war eine Kollegin aus alten Tübinger Tagen. Anfang vierzig, geschieden, Mutter einer pubertierenden Tochter. Sie hatten bei einigen Fällen zusammengearbeitet.

»Frau Dreyer–«

»Warte, das Wichtigste zuerst«, unterbrach Peppi ihn. »Sind wir überhaupt zuständig?«

»Gib ihm ’nen Schubs, dass er nach Steinenbronn kullert, dann kannst du’s an die Böblinger abgeben.«

»Er liegt in einer Senke, das wird schwierig.«

»Geht’s noch bei euch beiden?«, schimpfte Brander. »Fabio, was ist jetzt mit der Ehefrau?«

»Frau Dreyer gab an, dass ihr Mann die ganze Nacht nicht nach Hause gekommen wäre und auf Anrufe nicht reagiert hätte. In seiner Firma wusste auch niemand, wo er war.«

»Seine Firma?«

»Er ist Immobilienmakler, hat drei Büros, Hauptbüro in Tübingen, zwei kleinere in Esslingen und Reutlingen. Die Ehefrau hatte bereits Freunde und Verwandte abtelefoniert, aber auch da ohne Erfolg. Die Kollegen sind die Unfälle in der Region durchgegangen, haben in den Kliniken nachgefragt, und es wurde eine Suchmeldung rausgegeben.«

»Was ist mit seinen Kindern?«

»Er hat eine Tochter, Eva, zweiundzwanzig Jahre«, antwortete Fabio.

Peppi warf Brander einen überraschten Blick zu.

»Nur eine?«

»Ja.«

»Hast du sonst noch etwas über ihn?«

»Nein, das ist alles im Moment.«

»Danke, Fabio.«

»Wo in Tübingen müssen wir eigentlich hin?«, fragte Peppi, nachdem Brander aufgelegt hatte.

»Lustnau, glaube ich, warte…« Brander nahm seinen Notizblock, suchte die Adresse, die er notiert hatte, und gab sie ins Navi ein. Dann lehnte er sich wieder zurück und sah grübelnd aus dem Fenster. »Verheiratet, eine Tochter… Ich frage mich, wer die zweite junge Frau ist, dessen Foto Dreyer bei sich trug.«

Nur wenig deutete in Lustnau darauf hin, dass in dem einstigen Dorf Wein und kurzzeitig auch Hopfen angebaut worden waren. Der Ortsteil lag im Osten Tübingens, zahlreiche Ein- und Mehrfamilienhäuser drängten sich an den Hängen der ehemaligen Weinbauflächen hinauf.

Familie Dreyer wohnte in einem modernen Einfamilienhaus, weiß verputzt, dazu gehörten ein gepflegter Vorgarten und eine Doppelgarage mit automatischem Tor. Ein Elektro-Smart stand in der Einfahrt.

»Wir sind nicht bei armen Leuten«, stellte Peppi fest.

»Er fährt einen Mercedes S-Klasse, was hast du erwartet?« Brander stieg aus dem Wagen. Das altbekannte Unwohlsein machte sich bemerkbar. Es war nie vorhersehbar, wie ein Mensch auf eine Todesnachricht reagierte.

Sie gelangten über einen gepflasterten Weg zu einer grauen Haustür, die ihnen geöffnet wurde, kaum dass sie geklingelt hatten.

Eine Frau stand vor ihnen– groß, elegant, nicht schlank, aber auch nicht mollig. Weiblich, kam Brander in den Sinn. Sie trug eine schwarze Stoffhose, dazu eine hell gemusterte Bluse. Die dunklen Haare hatte sie zu einem kinnlangen Pagenschnitt frisiert. Eine Brille mit schmalem Gestell umrahmte ihre braunen Augen. Die Sorgen der letzten Stunden waren ihr deutlich anzusehen, während sie den Kommissaren mit fragendem Blick gegenüberstand.

Brander hielt ihr seinen Dienstausweis entgegen. »Andreas Brander, Kriminalpolizei Esslingen, meine Kollegin Kommissarin Pachatourides. Sind Sie Henriette Dreyer?«

Die Frau nickte.

»Dürfen wir bitte einen Moment hereinkommen?«

Erneutes Nicken. Sie trat einen Schritt zurück und öffnete die Tür etwas weiter.

»Vielleicht können wir uns irgendwo setzen?«, schlug Peppi vor.

Sie folgten Henriette Dreyer durch den Flur in ein geräumiges Wohnzimmer. Der Raum war mit hellen Möbeln eingerichtet. An einer Seite war ein Regal aus rötlichem Buchenholz angebracht, Bücher und Bilderrahmen waren darin arrangiert. An der gegenüberliegenden Seite stand eine einladende Sofagarnitur: ein Zwei- und ein Dreisitzer, dazu ein passender Sessel, beiger Stoffbezug mit bunten Kissen. Auf dem hellen Parkett lag eine lila Yogamatte vor der Terrassentür. Der Duft eines verglommenen Räucherstäbchens hing in der Luft, süß und herb zugleich.

Henriette Dreyer blieb mitten im Raum stehen. »Geht es um meinen Mann?«

»Ja.«

Sie schloss die Augen, atmete tief durch, dann sah sie Brander wieder an. »Wo ist er?« Ihre Stimme hatte eine tiefe Tonlage, nicht schrill, nicht panisch, dennoch war die Anspannung nicht zu überhören. Ein Mensch, der versuchte, nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ihr Blick glitt an Brander vorbei, als erwarte sie, dass eine weitere Person folgte. »Warum ist er nicht–?«

»Frau Dreyer, es tut uns leid«, unterbrach Brander die Frau. »Wir müssen Ihnen eine traurige Mitteilung machen. Ihr Mann ist leider verstorben.«

Ihre Pupillen weiteten sich, sie erblasste so schlagartig, als würde sie jeden Moment das Bewusstsein verlieren. »Nein.«

»Frau Dreyer, vielleicht ist es besser, wenn Sie sich setzen«, schlug Peppi behutsam vor.

»Nein.« Noch immer haftete ihr Blick flehend an Brander. »Wo ist er? Was ist passiert?«

»Ihr Mann wurde im Siebenmühlental gefunden. In der Nähe der ›Mäulesmühle‹. Wir wissen nicht genau, was passiert ist. Es könnte ein Unfall gewesen sein oder ein Suizid.«

»Nein!« Ihre Hand tastete haltsuchend ins Leere. »Nein.«

»Frau Dreyer…« Peppi fasste sie am Oberarm und schob sie sanft zum Sofa. »Setzen Sie sich, bitte.«

Sie setzte sich steif. Die Atmung ging unruhig, erste Anzeichen einer Panikattacke.

»Sind Sie allein zu Hause?«

Die Frau sah Peppi verständnislos an. »Ja.«

»Gibt es jemanden, den wir benachrichtigen können? Der zu Ihnen kommen könnte?«

»Was?«

»Gibt es jemanden, den wir benachrichtigen können?«, wiederholte Peppi geduldig. »Eine Freundin? Eine Nachbarin…?«

»Nein, ich…« Sie sah wieder zu Brander. »Das ist nicht wahr. Bitte, das ist nicht wahr!«

»Es tut mir leid…«

Die Frau starrte Brander unentwegt an. Peppi drehte sich zu ihm um und formte tonlos das Wort »Notfallseelsorger«.

»Ich hole Ihnen ein Glas Wasser.« Brander verließ den Raum. Er wollte nicht vor Henriette Dreyer telefonieren. Er fand die Küche auf der linken Seite des Flurs. Ein Smartphone und ein mobiles Telefon der Festnetzanlage lagen auf dem Tisch, daneben ein Block und verschiedene Ausdrucke. Brander warf einen Blick auf das oberste Blatt: eine Liste mit Namen, die sie abgehakt hatte.

Er nahm sein eigenes Handy, rief Fabio in der Dienststelle an und bat ihn, einen Notfallseelsorger zu verständigen. Während des Gesprächs blätterte er durch die Papiere auf dem Tisch. Ein Semesterplan von der Tübinger Universität– Institut für Medienwissenschaft–, eine To-do-Liste, ein Backrezept, ein paar Notizen, mit denen er auf die Schnelle nichts anfangen konnte. Kein Abschiedsbrief.

Brander suchte in den Schränken nach einem Glas, füllte es mit Leitungswasser. Die Haustür wurde geöffnet. Einen winzigen Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke, dass sie sich geirrt hatten. Dann erklangen Schritte im Flur, und eine weibliche Stimme rief: »Mama?«

Eine junge Frau mit rotblonden Locken hielt abrupt an der Tür zur Küche. »Wer sind Sie?«

»Andreas Brander, Kriminalpolizei Esslingen. Und Sie sind?«

»Eva Dreyer.« Verwirrung und Unsicherheit zeichneten sich auf dem jungen Gesicht ab. »Wo ist meine Mutter?«

»Im Wohnzimmer.« Er deutete mit einer Geste an, dass sie vorausgehen sollte, und folgte ihr.

Brander hatte vermutet, dass das dunkelhaarige Mädchen auf den Fotos die Tochter des Hauses wäre. Dass es die Rotblonde war, überraschte ihn. Die Frau, die hier vor ihm stand, war zwar von ähnlicher Statur wie ihre Mutter, hatte aber ein rundes Gesicht mit heller Haut und blassen Sommersprossen.

»Mama? Was ist passiert?« Eva Dreyer eilte zu ihrer Mutter, setzte sich zu ihr und nahm ihre Hände.

Henriette Dreyer suchte nach den richtigen Worten. »Eva… Papa… Papa ist…« Sie brachte die Nachricht nicht über die Lippen.

»Frau Dreyer, wir haben Ihren Vater gefunden«, ergriff Peppi das Wort. »Er ist tot.«

»Was?« Die junge Frau riss den Kopf herum. »Wer sagt das? Das kann überhaupt nicht sein!«

Brander räusperte sich. »Ihr Vater wurde heute Mittag tot aufgefunden. Er ist vermutlich von einer Brücke gestürzt. Genaueres können wir Ihnen im Moment leider noch nicht sagen.«

»Wie bitte?« Eva Dreyer schüttelte energisch den Kopf. »Von was für einer Brücke denn?«

»Im Siebenmühlental.«

Diese konkrete Information schien ihr einen Moment die Sprache zu verschlagen. Eine kleine steile Falte bildete sich über der Nasenwurzel. »Das verstehe ich nicht. Warum sollte er denn von einer Brücke stürzen?«

»Es könnte ein Unfall gewesen sein«, erklärte Peppi. »Oder ein Suizid.«

»Suizid? So ein Schwachsinn! Mein Vater bringt sich doch nicht um!«

»Eva, bitte…« Henriette Dreyers Stimme klang kraftlos.

Ihre Tochter schien sie gar nicht wahrzunehmen. »Ich will ihn sehen!«

»Das geht im Moment leider noch nicht«, erwiderte Peppi.

»Warum nicht?«

»Unsere Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen.« Brander musterte die aufgebrachte Frau aufmerksam, die immer wieder ungläubig den Kopf schüttelte. »Sie schließen einen Suizid aus?«

»Natürlich!«

Brander sah zu Dreyers Ehefrau.

»Es muss ein Unfall gewesen sein«, flüsterte sie.

»Gibt es vielleicht einen Abschiedsbrief?«

»Nein.«

»Irgendwelche Anzeichen…«

»Nein, bitte…« Henriette Dreyer bemühte sich, ihre Fassung nicht ganz zu verlieren. »Können Sie uns allein lassen?«

»Würden Sie mir bitte noch den Namen des Hausarztes Ihres Mannes nennen?«

»Er hat sich nicht umgebracht«, beharrte die Ehefrau. »Das hätte er mir niemals angetan.«

Brander registrierte, wie die Augenbrauen ihrer Tochter minimal zuckten.

»Es würde uns trotzdem helfen, wenn Sie uns den Namen des Hausarztes geben.«

»Dr.Kumar.«

»Danke.« Brander sah auf die Bilder im Regal. Er musste Zeit gewinnen, bis der Notfallseelsorger da war. Er wollte die beiden Frauen nicht allein lassen. Ein Foto zeigte Constantin Dreyer zusammen mit seiner Frau, daneben zwei jüngere. Eine davon war Eva, aber er erkannte auch das andere Gesicht. Es war die Frau auf dem Foto in Dreyers Brieftasche. »Wer ist die zweite junge Dame?«

Henriette Dreyer hob den Kopf, folgte Branders Blick. »Das ist Jana, Evas Freundin. Wir kennen sie seit Sandkastentagen. Sie gehört quasi zur Familie.«

Eva Dreyer hatte das Gesicht abgewandt und nagte an ihren Fingernägeln.

»Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen oder gesprochen?«, wandte Brander sich an die Mutter.

»Gestern früh, bevor er zum Flugplatz gefahren ist. Da ist er immer dienstags. Er ist Fluglehrer, drüben auf der Schäferheide… Er hatte mir gesagt, dass er abends einen Kundentermin hat und deshalb später käme.« Sie zupfte an dem Taschentuch in ihren Händen. »Ich unterrichte Yoga und kam selbst spät nach Hause. Ich habe mir keine Gedanken gemacht, als ich zurückkam und er nicht da war.« Tränen traten in ihre Augen.

»Meine Mutter hat Sie gebeten zu gehen«, erinnerte Eva Dreyer die Kommissare energisch.

»Wir haben einen Notfallseelsorger verständigt. Er wird jeden Augenblick hier sein.«

Die junge Frau hob zu einer Erwiderung an, schwieg dann aber. Sie sah zu ihrer Mutter, die zusammengesunken mit glasigem Blick neben ihr saß. Die Wut wich ein wenig aus ihrem jungen Gesicht. Anscheinend begriff sie allmählich, was die Anwesenheit der zwei Kripobeamten in dem Wohnzimmer ihrer Eltern zu bedeuten hatte: Ihr Vater war tot. Er würde nicht wiederkommen. Nie wieder.

***

Brander atmete auf, als sie wieder im Auto saßen. Er sehnte sich danach, nach Hause zu fahren und seine Frau und seine Pflegetochter in den Arm zu nehmen, zu spüren, dass sie da waren und dass es ihnen gut ging.

Peppi strich sich durch die Haare. »Das macht mich jedes Mal fertig.«

»Mich auch.« Brander starrte durch die Frontscheibe auf das Haus.

»Hey, du musst jetzt sagen, dass ich das nicht so nah an mich ranlassen soll, berufliche Distanz wahren, Emotionen ausschalten und so weiter.«

»Du weißt es doch. Warum soll ich es dir dann sagen?«

Sie knuffte ihn gegen den Oberarm. »Gilt aber auch für dich.«

Brander lächelte matt. »Wie machen wir weiter?«

»Dr.Kumar.« Peppi sah auf die Uhr, kurz vor sechs. Vielleicht war der Arzt noch in seiner Praxis. »Ruf mal Fabio an, der soll uns die Adresse besorgen und uns schon mal anmelden.«

Mittwochnachmittags hatte Dr.Kumar keine Sprechstunde. Fabio benötigte einige Telefonate, um die Handynummer des Arztes herauszufinden und ihn schließlich in der Umkleidekabine eines Fitnesscenters zu erreichen. Der Arzt verließ das Studio unverrichteter Dinge und empfing Brander und Peppi wenig später in seiner Praxis. Er war allein, statt Sportkleidung trug er einen blauen Anzug, dazu ein hellblaues Hemd. Sein dichtes schwarzes Haar war von grauen Strähnen durchzogen. Brander schätzte Kumar auf Mitte fünfzig.

»Kommen Sie bitte in mein Sprechzimmer.« Ein leichter Akzent ließ seine indische Herkunft erkennen. Er ging den Beamten durch einen schwach beleuchteten Flur voraus und führte sie in das typische Arztzimmer mit großem Schreibtisch, auf dem ein Computermonitor stand, dazu Schreibtischunterlage, Zettelbox und Stifte. An einer Seite stand eine Pritsche für Untersuchungen. Das Zimmer war klassisch in Weiß und Hellgrau gehalten, lediglich ein großes Wandbild mit traditioneller indischer Miniaturmalerei unterbrach die Schlichtheit der Einrichtung. Kumar schaltete die Deckenlampe ein, wies auf zwei Stühle vor seinem Schreibtisch und nahm selbst dahinter Platz.

»Ihr Kollege sagte, Sie müssten mich dringend heute noch sprechen. Worum geht es bitte?«

»Um einen Ihrer Patienten, Constantin Dreyer«, erklärte Brander.

Kumar schien überrascht. »Was ist mit ihm?«

»Er ist tot.«

»Du meine Güte! Hatte er einen Unfall?«

»Das ist noch nicht ganz klar«, ließ Brander den Arzt im Ungewissen. »Können Sie uns etwas über Herrn Dreyer sagen? War er krank? Hatte er psychische Probleme?«

»Wie kommen Sie darauf?« Kumar schaltete seinen Computer ein und tippte ein Passwort ein. Er zögerte. »Ich unterliege eigentlich der Schweigepflicht.«

»Sie sind lediglich gegenüber Ihrem Patienten an Ihre ärztliche Schweigepflicht gebunden. Und der ist tot«, erwiderte Peppi. »Ich denke, wir können davon ausgehen, dass es sein mutmaßlicher Wille ist, dass die Umstände seines Todes so schnell wie möglich geklärt werden, und dazu müssten wir wissen, ob er schwer erkrankt war oder ob es suizidale Tendenzen gab.«

»Es kommt nur so plötzlich.« Kumar runzelte die Stirn. »Herr Dreyer ist seit vielen Jahren mein Patient. Er kommt zu Impfungen, regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. Er ist kerngesund. Wie kommen Sie darauf, dass er psychische Probleme haben sollte?« Während er sprach, sah er auf den Monitor, klickte mit der Maus und gab etwas über die Tastatur ein. Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Beamten zu. »Was ist denn passiert? Ist er mit dem Flugzeug abgestürzt?«

Nun, nicht mit dem Flugzeug. »Ich kann Ihnen im Moment nichts Näheres über die Todesursache sagen«, antwortete Brander.

Kumar lehnte sich zurück. »Ich kann mich nur wiederholen: Constantin Dreyer war gesund. Das letzte Mal hatte er vor vier Jahren einen grippalen Infekt. Er hatte eine ausgesprochen gute Gesundheit und eine stabile Psyche.«

»Gab es vielleicht eine Krise– jetzt oder in der Vergangenheit?«

»Mir ist nichts bekannt. Er ist Privatpilot und Fluglehrer«, ergänzte Kumar. »Deswegen muss er sich regelmäßig intensiv durchchecken lassen.«

»Und diese Untersuchungen machen Sie?«, fragte Brander.

»Ja, ich habe eine Zusatzqualifikation als Flugmediziner. Seine letzte Untersuchung war vor neun Monaten. Und es gab absolut nichts zu beanstanden.«

»Wie oft wird diese Untersuchung gemacht?«, fragte Peppi.

»Constantin war über fünfzig, was bedeutet, dass er jährlich ein neues Medical benötigte– also ein Tauglichkeitszeugnis für die Lizenzverlängerung.«

»Einmal im Jahr… Da kann man sich doch leicht verstellen, wenn es beispielsweise psychische Probleme gäbe.« Peppi sah den Arzt fragend an.

»Ich kenne Constantin Dreyer seit vielen Jahren, nicht nur als Patient. Wir trainieren im selben Fitnessstudio, da wechselt man auch mal das eine oder andere private Wort. Wenn er psychische Probleme gehabt hätte, dann wüsste ich das. Er ist sehr bodenständig, ein Macher, ein Optimist. Niemand, der zu Depressionen oder psychischer Labilität neigt.«

»Wann haben Sie Herrn Dreyer zuletzt gesehen?«, fragte Brander.

Kumar konsultierte erneut seinen Computer. »Im November letzten Jahres. Er kam zur Grippeschutzimpfung.«

»Und da haben Sie ihn auch zuletzt gesehen?«

»Nein, wir sind uns sicherlich auch im Fitnessstudio zwischendurch mal begegnet.« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Er war kein verantwortungsloser Mensch. Wenn er ein Problem gehabt hätte, hätte er sich Hilfe geholt.«

***

Es war nach elf, als Brander in Entringen seinen Wagen in der Garage parkte. Die Fenster der Doppelhaushälfte waren dunkel, lediglich aus Nathalies Zimmer schimmerten ein paar Lichtstrahlen durch die geschlossenen Jalousien. Brander zog die Schuhe aus, stieg die Treppe hinauf in die erste Etage und klopfte an die Tür seiner Pflegetochter. Nachdem keine Antwort kam, öffnete er sie vorsichtig.

Nathalie zuckte auf ihrem Bett zusammen.

»Scheiße, Mann! Kannst du nicht anklopfen?«, fuhr sie ihn an.

»Ich habe angeklopft.« Brander deutete auf ihre Ohren.

Sie zog die Stöpsel ihres Kopfhörers heraus. Die Siebzehnjährige hatte ihren Laptop auf dem Schoß. Sie klappte ihn zu, als Brander hereinkam.

»Wie war dein Tag?« Er setzte sich neben sie auf das Bett.

»Beschissen.«

Brander schnalzte mit der Zunge. »Wie würde das wohl jemand sagen, der einer gepflegteren Sprache mächtig ist?«

»Geh mir nicht auf’n Sack.«

»Nathalie.«

»Ich hab schon wieder drei beschissene Absagen kassiert! Die laden mich nicht mal mehr zu einem Gespräch ein. Ist doch zum Kotzen!«

Das Mädchen würde im Sommer seinen Realschulabschluss machen. Seit dem Schuljahresanfang suchte sie eine Ausbildungsstelle zur Mechatronikerin, um ihrem Traumjob als Fernfahrerin, für den sie noch zu jung war, näherzukommen. Doch obwohl ihr Notendurchschnitt inzwischen recht gut war, fand sie keine Ausbildungsstelle. Brander konnte ihren Frust verstehen.

»Das wird schon noch.«

»Ey, es kotzt mich so an!« Sie hatte den Laptop zur Seite gelegt und fuchtelte mit den Armen in der Luft. »Denen sind meine Noten so was von scheißegal. So weit gucken die gar nicht– die sehen nur, dass ich ’nMädchen bin, und das war’s. Und weißte, warum? Wegen der Umkleiden! Weil sie dann gesonderte Umkleiden haben müssten, extra für mich. Als ob ich noch nie ’nen nackten Mann gesehen hätte.«

Das hatte Nathalie zu Branders Bedauern schon oft genug. Und das Problem wäre vermutlich nicht, dass sie einen Mann in Unterwäsche sehen könnte, sondern eher umgekehrt. Nathalie war groß und kräftig, ein Mädchen, das zupacken konnte. Aber auch ein Mädchen mit sehr attraktiven Rundungen.

»Es gibt Vorschriften–«

»Ey, Gleichberechtigung! Weißte, alle reden davon, dass die mehr Frauen in technischen Berufen haben wollen. Ja, echt? Fuck! Wie soll das funktionieren, wenn ich nicht mal eine beschissene Ausbildungsstelle kriege?«

»Nathalie, ich verstehe deinen Ärger, aber können wir das sprachliche Niveau dennoch ein wenig anheben?«

»Boah, nee…« Nathalies Augen sprühten vor Zorn. Sie raufte sich durch die kurzen dunklen Haare. »Ich habe alle Werkstätten in der Umgebung angeschrieben. Kostet ’ne Schweinekohle.«

»Geld, es kostet Geld.«

»Ey, scheiße, jetzt soll ich mich auch noch gepflegt aufregen, oder was?«

»Versuch’s mal.«

»Du nimmst mich überhaupt nicht ernst!«

»Doch, das tue ich. Aber dein Gossenjargon hilft dir sicher nicht weiter.«

»Weißte, das sind schon fast zweihundert Euro nur für Bewerbungen. Die Kohle hätte ich besser für den Führerschein gespart. Wenn ich den endlich hab, kann ich mich auch in ’ner Werkstatt in irgend so ’nem Kuhdorf bewerben. Da kommste ja mit den Öffentlichen nicht hin.«

Ein Führerschein ohne Auto nutzt da auch nicht viel, dachte Brander. Aber er wollte Nathalie nicht noch mehr frustrieren. »An deinem Führerschein arbeiten wir ja.«

Donnerstag

Fabio Esposito kam Brander und Peppi im Flur entgegen, als sie am Morgen in der Esslinger Kriminaldirektion auf dem Weg zu ihrem Büro waren. Der junge Kriminaloberkommissar mit den italienischen Wurzeln hatte Brander den Einstieg ins Team leicht gemacht, als er wegen der Polizeireform in Baden-Württemberg von Tübingen nach Esslingen versetzt worden war.

Eine Strähne seiner schwarzen Haare hing Fabio neckisch in die Stirn. Gepaart mit dem gepflegten kurzen Kinnbart, seinen engen Jeans und dem hellen Hemd hätte er auch einen modernen Don Giovanni in der Oper spielen können– sein schauspielerisches Talent gab er hin und wieder zum Besten. Allerdings hatte Fabio außer dem Aussehen nichts von einem Frauenhelden. Der Zweiunddreißigjährige war glücklich verheiratet und Vater dreier kleiner Mädchen.

»Buongiorno«, grüßte er gut gelaunt. »Käpten Huc will dich sprechen, Andi. Sollst zu ihm kommen, wenn du da bist.«

Käpten Huc war der Spitzname des Leiters der Kriminalinspektion1, mit bürgerlichem Namen hieß er Hans Ulrich Clewer.

»Hat er gesagt, worum es geht?«

»Nein.«

Vermutlich um den Toten im Siebenmühlental. »Hast du noch irgendetwas über Constantin Dreyer herausgefunden?«

»Es liegt nichts gegen ihn vor– nicht einmal ein Ticket wegen zu schnellen Fahrens. Weiße Weste. In Reutlingen geboren und aufgewachsen. Hat in Tübingen Betriebswirtschaft studiert, Auslandssemester in London und Toronto. Ein paar Jahre hat er bei einem Münchner Bauunternehmen als Projektplaner gearbeitet, dann kehrte er ins Ländle zurück und hat sich als Immobilienmakler selbstständig gemacht. Drei Büros… aber das wisst ihr ja schon.«

Fabio zog grübelnd die Stirn in Falten, dann ergänzte er: »Pilot seit frühester Jugend. Erst Segelflieger, dann Motorflieger. Fluglehrer seit einundzwanzig Jahren. Neun Jahre auf der Hahnweide bei Kirchheim, dann Wechsel zur privaten Flugschule bei Reutlingen.«

»Gab’s dafür einen Grund?«

»Andi, ein bisschen Arbeit wollte ich dir auch noch lassen.«

Ein Ausflug auf den Flugplatz. Das Wetter war schön. Warum nicht?

Inspektionsleiter Hans Ulrich Clewer ging auf die sechzig zu. Er war ein schlanker Mann mit sehnigen Muskeln, die er seiner Passion für das Bergsteigen verdankte. Soweit Brander wusste, hatte er in seinem Leben vier der Seven Summits bestiegen und arbeitete darauf hin, mit dem Denali in Nordamerika den fünften der sieben weltweit höchsten Gipfel zu erklimmen. Fotos der vergangenen Highlights prangten an den Wänden seines Büros.

An diesem Morgen sah Clewer jedoch nicht danach aus, als wäre ihm nach einer kräftezehrenden Bergtour. Ein hartnäckiger Husten plagte ihn schon seit mehreren Wochen.

Er erhob sich, als Brander ins Büro kam, und deutete auf seine kleine private Sitzecke auf der anderen Seite des Raumes. »Gehen wir da rüber.«

Brander setzte sich auf einen der bunten Polstersessel, die um den kleinen Nierentisch drapiert waren. Clewer nahm zwei Gläser und füllte sie mit Wasser.

»Was ist mit dem Leichenfund von gestern? Gibt es Neuigkeiten?«, erkundigte er sich, während er die Flasche wieder verschloss.

»Die genaue Todesursache ist noch unklar. Die Obduktion ist für morgen angesetzt. Es gibt bisher keinen Hinweis, dass es beim Opfer suizidale Tendenzen gab. Wir haben auch keinen Abschiedsbrief gefunden.«

»Also eher ein Unfall?«

»Schwer zu sagen.« Brander rief sich den Leichenfundort in Erinnerung. »Ich wüsste nicht, wie. Das Geländer an der Brücke ist gut einen Meter zwanzig hoch.« Tropper hatte ihm die Maße mitgeteilt. »Da stolpert man nicht mal eben drüber.«

Clewer trank einen Schluck Wasser. »Ich möchte, dass Sie hier federführend als Sachbearbeiter die Ermittlungen leiten. Tun Sie, was Sie für nötig halten.«

»Okay.«

»Die Staatsanwaltschaft wurde gestern bereits informiert. Da der Tote in Tübingen lebte, hat Staatsanwalt Schmid den Fall übernommen. Sie kennen ihn ja aus Ihren Tübinger Tagen.«

Nicht nur daher. Marco Schmid war Peppis Lebensgefährte.

Ein Toter aus Tübingen. Ein Staatsanwalt aus Tübingen. Brander kam ein nicht ganz uneigennütziger Gedanke. »Es würde sich vielleicht anbieten, die Ermittlungsgruppe in Tübingen anzusiedeln.«

»Ja.« Clewer lächelte flüchtig. Er wusste, wie sehr Brander die tägliche Fahrerei nach Esslingen gegen den Strich ging. »Ich will Sie trotzdem regelmäßig hier sehen. Gehen Sie Ihren Weg, aber halten Sie mich auf dem Laufenden. Sie kennen meine Pläne.«

Clewer wollte Brander als stellvertretenden Inspektionsleiter. Bisher hatte diese Position der Kollege Josef Unterberger ausgefüllt. Er war der dienstälteste Kollege in der Kriminalinspektion1 und seit Jahren Clewers inoffizieller Vertreter. Da Unterberger aber in wenigen Monaten in den Ruhestand gehen würde, hatte Clewer nach Ersatz gesucht. Eine offizielle Planstelle für einen stellvertretenden Inspektionsleiter gab es nicht. Es bedeutete mehr Arbeit, aber nicht mehr Geld.

War dieser Fall jetzt ein Test, um seine Führungskompetenz auszuloten? Er und Clewer kannten sich kaum mehr als ein Jahr, und der Anfang ihrer Zusammenarbeit war nicht ohne Reibereien abgelaufen. Mittlerweile schätzte Brander seinen Chef jedoch sehr. Er war verlässlich, korrekt und fair.

Während Brander gedanklich schon dabei war, sein Team in Tübingen zusammenzustellen, hob Clewer die Hand und richtete den Zeigefinger auf ihn. »Herr Brander, Ihr Platz ist hier.«

Der Zeigefinger zeigte auf den Boden des Esslinger Büros.

***

Der Flugplatz Schäferheide befand sich auf einer leichten Anhöhe, umgeben von Feldern und kleinen Waldstücken, versteckt zwischen Tübingen und Reutlingen. Ein asphaltierter Landwirtschaftsweg führte durch ein Laubwäldchen und endete auf einer breiten Lichtung. Zwei große Hangars standen dort, daneben ein kleines Bürogebäude. Peppi parkte den Wagen auf einem geschotterten Platz. Als sie aus dem Auto stiegen, hörten sie das aufbrausende Motorengeräusch eines startenden Flugzeugs.

Brander beschirmte die Augen gegen die Sonne und beobachtete, wie ein einmotoriges Flugzeug auf der Graspiste Fahrt aufnahm und schließlich abhob und in sanfter Steigung gen Himmel flog. Der Motorlärm verflüchtigte sich. Vor vielen Jahren war er ein paarmal in einem Segelflieger mitgeflogen. Das Gefühl, hoch oben in der Luft zu schweben, hatte ihn fasziniert und zugleich beunruhigt. Wie lange war das her? Siebenundzwanzig, achtundzwanzig Jahre?

Sie gelangten über einen schmalen Schotterweg zu dem Bürogebäude: ein schlichter weißer Bau mit Flachdach. Davor stand ein massiver Holztisch mit zwei Bänken nebst einem großen Sonnenschirm, der heute jedoch nicht aufgespannt war und dem Anschein nach schon bessere Tage gesehen hatte. Ein Mann, eingemummt in eine dicke Jacke, saß dort mit tragbarem Funkgerät und beobachtete das ruhige Treiben auf dem Flugfeld.

Sie nickten ihm zu und betraten das Bürogebäude. Von einem Flur gingen mehrere Türen ab. Rechts lag ein großer Raum mit einem Computer und einer Landkarte an der Wand, links befand sich der Empfang, die Tür am Ende des Flurs war verschlossen.

Ein Mann Anfang sechzig saß im Empfangsraum hinter einem Tresen an einem Schreibtisch und telefonierte. Er hob grüßend die Hand, als er Brander mit Peppi hereinkommen sah.

»Kein Problem, Björn. Es ist mir lieber, du kurierst dich richtig aus. Ich habe dich auf den nächsten Montag umgebucht… Die Sierra-Tango, genau. Hoffen wir auf gutes Wetter, und dir gute Besserung.« Er beendete das Gespräch und trat lächelnd an den Tresen. Der Mann war etwas kleiner als Brander. Er war schlank, das kurze graue Haar sorgfältig frisiert.

»Willkommen in der Flugschule Schäferheide. Was kann ich für Sie tun?«

Brander stellte sich vor und zeigte ihm seinen Dienstausweis. »Es geht um Ihren Fluglehrer Constantin Dreyer.«

Das freundliche Begrüßungslächeln verschwand. »Ich habe es heute Morgen erfahren. Seine Frau hat mich informiert.« Er seufzte. »Ich bin völlig schockiert… Es ist unfassbar.«

»Sie sind…?«

»Entschuldigen Sie. Benedict Vogel. Ich bin der Geschäftsführer dieser Flugschule.«

Peppi sah an ihm vorbei. »Wo ist Ihre Sekretärin?«

Vogels Mundwinkel hoben sich zu einem flüchtigen Lächeln. »Die bin ich selbst. So groß sind wir nicht.«

»Wie viele Fluglehrer sind denn bei Ihnen angestellt?«, fragte Peppi.

»Keine, das läuft alles freiberuflich. Mit mir sind wir zu dritt… waren wir. Constantin war einer von uns.«

»War er schon lange bei Ihnen?«

»Seit unserer Gründung vor zwölf Jahren. Wir haben die Flugschule gemeinsam aufgebaut.« Vogel strich über das Revers seines dunkelblauen Anzugs. Das Emblem der Flugschule war dort eingestickt.

»Das heißt, Sie kannten sich schon davor?«

»Ja, wir haben zusammen unsere Fluglehrerlizenz erworben und sind in Kontakt geblieben. Und dann bot sich damals diese Gelegenheit.«

»Herr Dreyer war vorher auf der Hahnweide als Fluglehrer tätig«, erinnerte sich Brander an die Informationen, die ihm Fabio am Morgen gegeben hatte.

»Ja, dort ist die Flugschule vom Luftfahrtverband Baden-Württemberg. Wir arbeiten auch viel mit denen zusammen, wenn es zum Beispiel um das Funksprechzeugnis geht. Das lassen wir unsere Flugschüler dort machen. Die haben bessere Möglichkeiten als wir.«

»Waren Sie auch dort tätig?«

»Nein, ich war in Heubach.«

»Sie sagten, Sie haben mit Herrn Dreyer die Flugschule gegründet. Wie muss ich mir das vorstellen? Sind Sie ein Verein?«

»Wir sind eine GmbH. Constantin und ich sind gleichberechtigte Gesellschafter. Ich bin der Geschäftsführer und Ausbildungsleiter, Constantin ist unser Qualitäts- und Safety-Manager. Er war es…« Vogels Blick schweifte einen Moment ab.

»Haben Sie vorher schon hauptberuflich als Fluglehrer gearbeitet?«

»Nein, ich war Controller in einem internationalen Unternehmen, Zulieferung von Autoteilen. Vor zwölf Jahren haben die in Deutschland den Laden dichtgemacht. Ich hatte die Wahl, nach Singapur zu gehen oder ein großzügiges Abfindungspaket anzunehmen. Die Abfindung war mein Startkapital in ein neues Leben.« Er klopfte kurz auf das Holz des Empfangstresens.

»Zusammen mit Herrn Dreyer«, ergänzte Brander.

»Ja, wie gesagt, von ihm kam die zweite Hälfte des Kapitals– so eine Unternehmensgründung ist kein billiges Vergnügen.«

»Sie kannten Herrn Dreyer gut?«

Er nickte. Die gerade aufgekommene Freude über seine Flugschule verpuffte bei der Erinnerung an den Tod seines Kompagnons.

»Könnten Sie sich vorstellen, warum er Selbstmord begehen würde?«

»Selbstmord?« Auf dem Gesicht des Geschäftsführers zeichnete sich deutlicher Unglauben ab. »Henriette sprach von einem Unfall.«

»Es ist noch nicht klar, wie Herr Dreyer tatsächlich zu Tode kam.«

»Oh, mein Gott!«

»Gab es irgendwelche Probleme in letzter Zeit? Irgendetwas, was ihn sehr belastet hat?«

»Nein, er…« Vogel stockte. »Constantin ist ein Mann, der sich dem Leben stellt, der läuft nicht davon. Ein Selbstmord wäre für ihn absolut indiskutabel.« Auf der Stirn des Mannes bildeten sich tiefe Furchen. »Sie denken tatsächlich, dass er sich umgebracht hat?«

»Sie halten es für so unmöglich?«

»Aber ja!«

Sie hörten, wie die Tür zur Flugschule geöffnet wurde. Schritte erklangen, verhallten auf der anderen Seite des Flurs.

»Könnte Herr Dreyer Ihnen vielleicht irgendwelche gesundheitlichen Probleme verschwiegen haben?«, hakte Brander nach.

»Ganz sicher nicht.« Vogel schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Wir tragen eine immens hohe Verantwortung. Mal abgesehen von den teuren Maschinen geht es hier auch um Menschenleben. Ich lasse niemanden fliegen, der auch nur ansatzweise einen grippalen Infekt hat. Und Constantin sah das ganz genauso. Außerdem muss jeder Pilot regelmäßig zur medizinischen Untersuchung. Wenn Constantin gesundheitliche Probleme gehabt hätte, wäre ich einer der Ersten gewesen, der davon erfahren hätte.«

»Wann ist Herr Dreyer zuletzt geflogen?«

»Vorgestern, Dienstag. Er war den ganzen Tag hier, er hatte zwei Schulungsflüge.«

»Und da haben Sie ihn auch zuletzt gesehen?«

»Ja.«

»Und es ging ihm gut?«

»Ja.«

»Wie lange war er hier?«

Der Flugschulleiter zog grübelnd die Stirn in Falten. »Er ist gegen sechs gefahren.«

»Wollte er nach Hause?«

»Nein, er sagte…«, Vogel schien kurz ins Schwimmen zu geraten, »…er habe noch einen Termin.«

»Wo und mit wem, wissen Sie nicht zufällig?«

»Nein, CD…«

»CD?«

»Entschuldigen Sie. CD war sein Spitzname. Nun, er hatte ständig Termine mit Interessenten, mit Kunden, Kollegen, Freunden…«

Vielleicht könnten sie über Dreyers Immobilienfirma herausfinden, wo er am Abend gewesen war, überlegte Brander.

»Gab es am Dienstag irgendeinen Vorfall?«

»Was für einen Vorfall?«

»Einen Streit…«

»Hier, bei uns?« Vogel starrte ihn entrüstet an. »Sie denken doch nicht etwa, einer von uns hätte…?«

»Wie gesagt, im Moment ist noch nicht klar, wie Herr Dreyer zu Tode kam.«

»Henriette sagte, er wäre von einer Brücke gestürzt.«

»Hat sie Ihnen sonst noch etwas gesagt?«, fragte Peppi.

»Nein, sie war sehr aufgewühlt. Wir haben nur kurz miteinander gesprochen.«

»Wir benötigen die Namen der Flugschüler, die am Dienstag mit Herrn Dreyer geflogen sind«, erklärte Brander.

»Wozu brauchen Sie die?«

»Wir möchten uns mit den Flugschülern unterhalten. Sie gehören immerhin zu den letzten Personen, die mit Herrn Dreyer gesprochen haben.«

Vogel nickte. »Ich lasse Ihnen die Daten gleich aus dem Computer raus.«

»Wer war noch am Dienstag am Flugplatz?«

»Der Mechaniker war bis drei Uhr nachmittags hier. Der Flugleiter–«

»Sind das nicht Sie?«, wunderte sich Peppi.

»Nein, der Flugleiter gehört zum Flugsportverein. Das ist Ludger Müller. Sie müssten ihn gesehen haben, als Sie kamen. Der Mann auf der Bank mit dem Funkgerät.«

»Also gibt es doch einen Verein?«, fragte Peppi.

»Ja, es gibt den Flugsportverein Schäferheide, der hier alles verwaltet, und es gibt unsere Flugschule. Wir haben uns nur eingemietet. Unsere Flugzeuge stehen in der Halle des Vereins, und wir nutzen die Infrastruktur des Flugplatzes.«

»Wie lange waren Sie am Dienstag hier?«, fragte Peppi.

»Bis acht oder halb neun ungefähr.«

»Morgen, Ben. Ich möchte heute die Yankee-Alph…«, erklang eine weibliche Stimme hinter ihnen, die abrupt stoppte. »Entschuldigung. Ich wollte nicht stören.«

Brander stand mit dem Rücken zur Tür. Er wollte sich im Reflex umdrehen, aber ein Schauer lief ihm über den Nacken und ließ ihn innehalten. Er kannte die Stimme. Unter Tausenden hätte er sie wiedererkannt. Aber nein, das war nicht möglich. Er wandte sich zögernd um. Wenige Meter von ihnen entfernt stand eine Frau im Türrahmen. Einen halben Kopf kleiner als Brander, Cargohose, Karohemd mit hochgekrempelten Ärmeln, die langen blonden Haare locker im Nacken zusammengebunden.

»Trisha, das sind…«

Die Frau beachtete Vogel nicht. Ihr Blick heftete sich überrascht auf Brander. Der verwirrte Ausdruck in ihrem Gesicht wich einem breiten, ungläubigen Grinsen. »Das gibt’s ja nicht!«

»…die Kommissare Brander und… ähm…«

»Pachatourides«, half Peppi aus, die interessiert das Geschehen beobachtete.

»Trisha?« Brander grinste ebenso erstaunt wie die Frau vor ihm. »Trisha Reed?«

»Yes, sir, Trisha Reed, sir.« Sie salutierte zackig.

Peppi sah Brander stirnrunzelnd an.

Trisha strahlte. »Nice to see you. Was machst du denn hier? Willst du doch noch fliegen lernen?«

»Nein, ich…« Brander fehlten die Worte. Zu unerwartet stand er ihr gegenüber.

Trisha agierte souveräner. Sie kam zu ihm und umarmte ihn. Ihre Berührung fühlte sich vertraut an. Er zog sie an sich, spürte ihren trainierten Körper, hielt sie etwas zu lange fest. Er löste die Umarmung.

»Wir kennen uns«, erklärte er überflüssigerweise.

»Aha«, kommentierte Peppi.

»Ja, kann man so sagen.« Trisha zwinkerte Brander fröhlich zu.

Er konnte die Augen nicht von ihr nehmen. »Ich dachte, du bist in Amerika?«

»War ich auch, bin seit gut zwei Jahren zurück.«

»Trisha«, unterbrach Vogel die Wiedersehensfreude, »die Kommissare sind dienstlich hier, es geht umCD.«

»Oh.« Das strahlende Lächeln verschwand. »Was hat er angestellt?«

»Constantin ist tot«, fuhr Vogel fort.

»Wie bitte?« Sie riss die Augen auf. Die Freude war mit einem Schlag aus ihrem Gesicht gefegt.

»Constantin Dreyer wurde gestern tot aufgefunden«, präzisierte Brander.

Sie wandte sich ab, presste die Hände gegen die Schläfen und stieß die Luft aus. Zwei Atemzüge später hatte sie sich gefangen und drehte sich wieder zu ihnen um. »Was ist passiert?«

»Das wissen wir noch nicht. Wir haben die Ermittlungen gerade erst aufgenommen.«

»Kannten Sie sich gut?«, fragte Peppi.

»Wir sind manchmal zusammen geflogen.«

»Und darüber hinaus?«

»Wie meinen Sie das?«

»Waren Sie mit Herrn Dreyer befreundet? Haben Sie sich privat mit ihm getroffen?«

Brander war froh, dass Peppi die Befragung übernommen hatte. Trisha Reed. Er konnte nicht glauben, dass sie vor ihm stand. Gedanken und Erinnerungen überschlugen sich in seinem Kopf.

»Wir sind hin und wieder zusammen essen gegangen.«

»Hatte er Probleme?«

»Wer hat die nicht?«

»Probleme, die zu einem Selbstmord führen könnten?«, wurde Peppi konkreter.

Trisha runzelte die Stirn. »Das ist nicht euer Ernst?«

Brander hob die Schultern.

»Oh my God…« Sie biss die Zähne zusammen, atmete tief durch. Dann wandte sie sich wieder Peppi zu. »Jeder hat mal Probleme. Aber doch nicht… Ich weiß nicht…« Sie verstummte.

»Welche Probleme hatte denn Herr Dreyer?«, hakte Peppi nach.

Trisha tauschte einen kurzen Blick mit dem Leiter der Flugschule, bevor sie antwortete: »Die Sache mit Jonas hat ihn belastet. Aber das war ganz sicher kein Grund, sich umzubringen.«

»Jonas?«, fragte Brander.

»Jonas Frommer«, antwortete Vogel. »Er war CDs Flugschüler. Vor knapp einem Jahr ist er mit einem Flugzeug tödlich verunglückt.«

»Und was hat Herr Dreyer damit zu tun?«

»Nichts«, erwiderte Trisha bestimmt. »Aber sein Vater gibt ihm die Schuld am Tod des Jungen.«

»Warum? Könnten Sie uns das etwas genauer erklären?«, bat Peppi.

»Jonas Frommer hat vor zwei Jahren seine Privatpilotenlizenz bei uns erworben«, antwortete Vogel. »Im Frühjahr letzten Jahres hatte er eine Maschine gechartert. Es war kein ideales Flugwetter. Der Start lief glatt, aber aus irgendeinem Grund ist er gleich wieder umgedreht, und dabei ist er abgestürzt.«

»Wieso stürzt man da ab?«

»Er war noch im Steigflug. Das Flugzeug war nicht hoch genug und zu langsam«, erklärte Trisha. »Bei einer Umkehrkurve verliert man sehr schnell an Höhe. Zudem kann es bei zu großer Schräglage zu einem Strömungsabriss kommen. In Bodennähe führt so etwas unweigerlich zum Crash.«

»Lernt man das denn nicht in der Ausbildung?«

»Doch.«

»Warum ist er dann umgedreht?«

Vogel schnaufte ratlos. »Das wissen wir nicht. Vielleicht hat er Panik bekommen, als er bemerkte, dass die Wolkendecke tiefer hing, als er gedacht hatte.«

»Aber so etwas prüft man doch vor dem Flug«, stellte Peppi fest.

Brander erinnerte sich, dass sie ihm mal erzählt hatte, dass sie einen Kurs im Gleitschirmfliegen gemacht hatte. Es lag ein paar Jahre zurück. Es war sicher nicht das Gleiche, wie ein Flugzeug zu führen, aber auch beim Gleitschirmfliegen musste man auf Wind, Thermik und Wolken achten.

»So bringen wir es unseren Schülern bei«, bestätigte Vogel.

»Sie haben doch Instrumente im Flieger. Was ist so schlimm an einer Wolkendecke?«, ließ Peppi nicht locker.

Trisha hob die Augenbrauen. »Kommen Sie mal vorbei, wenn’s wolkig ist, dann zeige ich es Ihnen. Die Leute, die eine Privatpilotenlizenz erwerben, haben in der Regel eine VFR-Lizenz–«

»Was bedeutet das«, unterbrach Peppi sie, »VFR-Lizenz?«

»VFR steht für Visual Flight Rules«, erklärte Trisha. »Eine Lizenz für den Sichtflug. Damit darf der Pilot ausschließlich bei ausreichender Sicht fliegen, dafür gibt es klare Vorgaben. Blind nach Instrumenten zu fliegen ist eine ganz andere Liga. Dafür muss man eine IFR-Lizenz erwerben. Instrumental Flight Rules.«

»Ich vermute mal, dass Constantin Dreyer bei dem Absturz nicht mit im Flugzeug saß?«, fragte Brander.

»Ja.«

»Aber warum gibt der Vater ihm dann die Schuld?«

Benedict Vogel hob die Hände. »Das müssen Sie ihn fragen.«

»Haben Sie seine Adresse?«

»Ja.« Vogel ging an seinen Schreibtisch und suchte die geforderten Daten von den Flugschülern und Frommer.

Brander legte seine Visitenkarte auf den Tresen. »Falls Ihnen noch etwas einfallen sollte, melden Sie sich bitte bei mir.« Er wandte sich Trisha zu.

Sie lächelte ihn an, nicht mehr ganz so strahlend wie wenige Minuten zuvor, dennoch funkelte es in ihren Augen, als sie fragte: »Heute Abend, ›Auerbachs Keller‹?«

Er lachte auf. »Ich befürchte, den gibt’s nicht mehr.«

»So einfach kommst du mir trotzdem nicht davon.« Sie ging um den Tresen herum, nahm Zettel und Stift und notierte ihre Adresse und Telefonnummer. Sie reichte ihm das Blatt. »Zwanzig Uhr? Ich koch uns was.«

»Du hast kochen gelernt?«

»Hey!« Sie stieß ihn freundschaftlich gegen den Arm.

Heute Abend. Donnerstag. Nathalie war beim Taekwondo. Cecilia hatte eine Besprechung mit den beiden Kollegen, mit denen sie eine psychotherapeutische Gemeinschaftspraxis in Tübingen führte. Er wäre ohnehin allein zu Hause. Warum eigentlich nicht? Er hatte so viele Fragen, die er nicht in Peppis Gegenwart stellen wollte.

»Okay, ich kann allerdings nicht versprechen, pünktlich zu sein.« Er steckte den Zettel in die Gesäßtasche.

»Woher kennst du die Frau?«, fragte Peppi, sobald sie wieder unter sich waren.

»Wir haben zusammen Abitur gemacht.«

»Und?«

»Was– und?«

Peppi musterte ihn einen Augenblick über das Dach des Dienstwagens hinweg, dann drückte sie auf den Autoschlüssel, um die Türen zu entriegeln. »Nichts.«

Sie lenkte den Wagen über den Schotterplatz zurück auf den Landwirtschaftsweg. »Was war das mit ›Auerbachs Keller‹?«

»Das war früher unser Treffpunkt.«

»Ihr zwei im Keller?« Peppi grinste anzüglich. »Also war da doch mehr.«

»Es war die ›Filmklause‹ in Schönaich, eine kleine Disco. Da hat sich unsere Clique getroffen.«

»›Filmklause‹? Kenn ich nicht.«

»Gibt’s ja auch nicht mehr.«

»Und warum nennt ihr diese ›Filmklause‹ ›Auerbachs Keller‹?«

»Ist ein Insider.«

»Bitte, bitte, Andi, lass mich teilhaben an deiner wilden Jugend.«

Wilde Jugend. Brander musste grinsen. »Schon mal Goethes ›Faust‹ gelesen?«

»Ist eine Weile her.«

»Dann lies es noch mal.«

»Während du dich heute Abend mit deiner Schulfreundin triffst?« Peppi sah stirnrunzelnd zu ihm rüber. »Du bist dir aber schon im Klaren, dass sie eine mögliche Verdächtige in einem Mordfall sein könnte.«

»Erstens wissen wir noch nicht, wie Constantin Dreyer zu Tode kam, und zweitens, sollte es sich herausstellen, dass wir tatsächlich einen Mord oder Totschlag ermitteln, ist Trisha ganz sicher nicht die Täterin.«

»Ach ja? Wie gut kennst du sie? Wann hast du sie denn das letzte Mal gesehen?«

»Peppi, jetzt werd nicht komisch«, gab Brander genervt zurück.

Trisha Reed. Wie lange war das her? Es mussten jetzt siebenundzwanzig Jahre sein.

***