Siebzehnter Sommer - Maureen Daly - E-Book

Siebzehnter Sommer E-Book

Maureen Daly

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Beschreibung

Es ist der Sommer nach dem Highschool-Abschluss, der Sommer der ersten großen Liebe, der Sommer, der alles verändert: Angies siebzehnter Sommer. Gleich zu Beginn der Ferien bittet Jack Duluth, Basketballstar der Highschool, Angie um ein Date. Die beiden verlieben sich ineinander, doch Angie möchte sich ihre Unabhängigkeit bewahren. Schließlich steht ihr die Welt offen, und am Ende des Sommers möchte sie eigentlich ihre Heimatstadt verlassen und ans College gehen. Doch was passiert dann mit Jack?
Ein Buch für alle, die sich gerne an die lauen Sommerabende ihrer Jugend und an die weltöffnende Kraft des ersten Verliebtseins erinnern.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2019

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INHALT

» Über die Autorin

» Über das Buch

» Buch lesen

» Impressum

» Weitere eBooks der Autorin

» Weitere eBooks von Kein & Aber

» www.keinundaber.ch

ÜBER DIE AUTORIN

Maureen Daly (1921‒2006) war Journalistin, Herausgeberin, Essayistin und Autorin mehrerer Romane und Kinderbücher. Nachdem sie im Alter von sechzehn Jahren mit ihren Kurzgeschichten Fifteen und Sixteen bereits zwei Wettbewerbe gewonnen hatte, begann sie ein Jahr später mit der Arbeit an ihrem bekanntesten Roman Siebzehnter Sommer, der sich in Amerika zu einem Klassiker entwickelte

ÜBER DAS BUCH

Angie hält eigentlich nicht besonders viel von Ausgehen oder Dates. Aber dann lernt sie Jack Duluth kennen, Basketballstar der High School, und die beiden verlieben sich ineinander. Für Angie beginnen die besten Wochen ihres Lebens. Gleichzeitig will sie für ihr Studium am Ende des Sommers die Heimatstadt verlassen – schließlich steht ihr nun endlich die Welt offen. Doch was wird dann aus Jack und ihr?

Maureen Daly hat eine Liebesgeschichte geschrieben, die so ehrlich ist, dass sie seit mehr als sechs Jahrzehnten begeisterte Leser findet.

»Ein absolut bezauberndes Buch!« New York Times

»Echt klingt das. Noch immer frisch. Das Einfachste ist das Reizvollste.« Kurier

»Angie bleibt die Heldin unserer Herzen.« Falter

JUNI

ICH WEISS GAR NICHT, WARUM ICH DAS ALLES ÜBERHAUPT ERZÄHLE. Vielleicht ist es ja Unsinn. Ist es aber nicht – nein, es ist wichtig. Es war einfach anders. Nicht nur, weil es um Jack und mich ging – es war so viel mehr. Nicht wie in den Geschichten, die man in Zeitschriften liest, auch nicht wie in den Hörspielserien im Radio – da ziehen zum Beispiel die Eltern und Geschwister einen Jungen damit auf, dass er in ein Mädchen verliebt ist, und er wird verlegen und stottert herum. Und es war auch nicht so etwas Kindisches wie bei den Mädchen, die in der Schule den Namen irgendeines Jungen hundert Mal an den Rand ihrer Schreibhefte kritzeln. Jacks Namen schrieb ich überhaupt zum ersten Mal, als ich übers Wochenende nach Minaqua fuhr und ihm von dort eine Postkarte schickte. Es war keine Schwärmerei oder ein Verknalltsein oder Liebe auf den ersten Blick oder so was, worüber die Leute ständig reden und lachen. Vielleicht drücke ich mich auch unklar aus. Ich kann es irgendwie nicht richtig erklären, es ist so schwer in Worte zu fassen. Also, ich hab so etwas noch nie zuvor gefühlt. Nicht einmal geahnt. Das kann einem niemand erzählen, das muss man schon selbst erleben. Deswegen ist es so wichtig. Ich werde mich immer daran erinnern, weil ich es einfach nicht vergessen kann. So was in der Art.

Es begann so: Gleich in den ersten Sommertagen lernte ich Jack kennen – kurz nach unserem Schulabschluss. Er hatte die öffentliche High School besucht, ich eine Privatschule draußen am Stadtrand, eine reine Mädchenschule. Ich hatte schon oft von ihm gehört, weil er Abwehrspieler in der Basketball-Mannschaft unserer Stadt war, und ein paar Mal war er auch mit Jane Rady verabredet gewesen, die in Geschichte neben mir saß. An diesem Abend (also an dem Abend, an dem alles anfing) fuhr ich mit meinem Vater rüber zur Postagentur, um einen Brief aufzugeben, und weil es schon ziemlich spät war, hielt Dad vor McKnight’s Drugstore an und sagte: »Ich lass den Motor laufen und du rennst rein und kaufst eine Briefmarke.«

Bei McKnight’s treffen sich alle jungen Leute von Fond du Lac, und ich hatte eigentlich keine Lust, ganz allein da reinzugehen – schon gar nicht an einem Freitagabend, wenn die meisten Mädchen verabredet sind. Aber das wollte ich meinem Vater nicht sagen.

Ich weiß noch genau, wie es war. Ich stand an der Theke und wartete auf den Verkäufer. Bei McKnight’s sind die Wände zwischen den Tischen ziemlich hoch, und aus einer Nische weit hinten ragte ein Kopf mit einem Bürstenschnitt, mehr war nicht zu erkennen. Der Junge, der da saß, hatte sich vermutlich ein Cola bestellt, denn er riss die Verpackung seines Strohhalms auf und blies hinein, sodass die Papierhülle über die Trennwand sauste. Dann stand er auf, um nachzusehen, wo sie gelandet war. Er schaute zu mir herüber, lächelte und setzte sich wieder hin.

Natürlich kannte ich ihn noch nicht. Gelächelt hat er nur, weil er freundlich sein wollte. Aber ich lungerte minutenlang vor dem Zeitschriftenregal neben dem Ausgang herum und hoffte, er würde noch einmal aufstehen oder zum Getränkespender herüberkommen oder so etwas. Tat er aber nicht. Also ging ich irgendwann doch raus.

»Du hast dir ganz schön Zeit gelassen«, knurrte mein Vater. »In der Zwischenzeit hätte man mich schon wegen Parkens in der zweiten Spur verhaften können.«

In der Nacht darauf kam meine Schwester Lorraine mit dem Zwei-Uhr-vierzig-Zug aus Chicago an. Sie geht dort seit zwei Jahren auf das College, trägt ihr Haar lang, fast bis auf die Schultern, und schminkt sich die Lippen mit einem Pinsel. Dad und ich holten sie mit dem Auto ab. Ein leichter Regen fiel und die Bahnhofslichter spiegelten sich in den Backsteinmauern. Die zweirädrigen Gepäckwagen standen ordentlich aufgereiht, ihre langen Griffstangen ragten schräg in die Luft. Wir warteten, bis der Zug aus der Dunkelheit auftauchte. Er schien sich am langen, gelben Lichtstrahl seines Scheinwerfers heranzutasten. Als der Zug anhielt, stieg ein Mann aus und rannte mit einem Paket unter dem Arm ins Bahnhofsgebäude. Ein Schaffner sprang auf den Bahnsteig und schwenkte eine Laterne, während der Zug wartete und die Lok keuchend Dampf zwischen ihren Rädern hervorstieß. Dad und ich gingen am Zug entlang und sahen nach oben in die Fenster. Hinter einem saß ein Junge, der aufwachte und mir verschlafen zuwinkte.

Dann entdeckten wir Lorraine, die mit zwei Koffern und einem schwarzen Ziegenbock aus Plüsch unter dem Arm die Stufen herunterstieg oder vielmehr herunterstolperte. »Ich bin eingeschlafen und hätte fast vergessen auszusteigen«, sagte sie. Ihre Haare waren zerzaust und ein rotes Zickzackmuster auf ihrer Wange verriet, wo sie sich gegen den groben Polster gelehnt hatte. »Eines der Mädchen hatte diese Ziege in ihrem Zimmer und wollte sie nicht mit nach Hause nehmen, deswegen habe ich sie für Kitty mitgebracht.« (Kitty ist meine Schwester. Sie ist zehn, aber Spielsachen mag sie immer noch.) »Man muss sie gerade halten, sonst fallen die Hörner raus.« Lorraine lachte. »Es ist schön, wieder zu Hause zu sein. Das wird ein Supersommer – was meinst du, Angie?« Dad küsste sie vorsichtig – zu viel Lippenstift! –, dann nahm ich eine ihrer Taschen, er die andere, und wir fuhren nach Hause.

Das war am Samstag. Am Montag darauf fingen die Sommerferien eigentlich erst richtig an.

Es war kurz nach neun und ich stand im Garten, zog kleine runde Radieschen und Frühlingszwiebeln fürs Mittagessen aus dem Boden. Ich weiß noch, dass es ein warmer Tag war, der Himmel leuchtete blau und weiß. Der Garten war nach dem Regen vom Abend zuvor noch nass und die schwarze Erde dampfte in der Sonne. Weich und matschig quoll sie zwischen meinen Zehen hervor – wegen des klebrigen Lehmbodens hatte ich die Schuhe ausgezogen und auf dem Gartenweg stehen lassen – und ich stellte mir vor, wie schön es wäre, immer nur barfuß zu sein. Der Wolkenbruch hatte die jungen Tomatenpflänzchen flach auf den Boden gepresst und in den Furchen hatten sich Pfützen gebildet, die wie blaues Glas funkelten. Vom Ufer des nahen Lake Winnebago wehte ein feuchter, leicht fischiger Geruch herüber. Ich war so vertieft in meine Träumereien über das Wetter, die warme Sonne und die schlanken kleinen Zwiebelchen, dass ich gar nicht hörte, wie Jack über den Gehweg hinter dem Haus näherkam.

»Braucht ihr heute etwas vom Bäcker?«, rief er mir zu.

»Ich weiß nicht.« Ich wandte mich zu ihm um. »Vielleicht solltest du mal am Hintereingang klingeln und meine Mutter fragen.« Ich bewegte mich ein bisschen zur Seite, sodass ich im dichten Dünengras neben dem Gartenweg stand. Es ist mir unangenehm, wenn jemand mich barfuß sieht.

»Warum fragst du sie nicht für mich?«, bat Jack. »Du kennst sie besser.« Einen Moment lang blieb ich reglos stehen und hoffte, er würde meine bloßen Füße nicht bemerken. »Los, geh schon«, sagte er. »Es macht mir nichts aus, dass du keine Schuhe anhast.«

Na ja, ich bin nicht schüchtern oder so etwas, aber es ist schon ein bisschen peinlich, wenn jemand im frisch gewaschenen Hemd und mit ordentlich gekämmten Haaren vor einem steht, während man selbst Lehm an den Händen und bloße Füße hat. Ich versuchte, den Lehm an den Grasbüscheln abzuwischen, bevor ich über den Gartenweg zum Haus ging.

»Was hast du denn gerade gemacht?«, fragte er. »Radieschen geerntet?« (Ich hatte das Büschel Radieschen noch in der Hand.) »Blöde Frage, oder?«, fügte er lachend hinzu. »Da geht wohl meine Verkäuferseele mit mir durch – egal, was man redet, Hauptsache man kommt mit seinem Gegenüber ins Gespräch. Heute Morgen habe ich mich schon zweimal dabei ertappt, dass ich zu Kunden gesagt habe: ›Wie das Wetter wohl heute wird – gibt es Regen?‹ Ich muss wirklich aufpassen, dass ich nicht immer dieselben Sätze abspule.« Er lachte und ich lachte mit. Es war ein warmer, freundlicher Tag.

Wir unterhielten uns einen Moment lang und ich sagte zu ihm, ich hätte gar nicht gewusst, dass er für eine Bäckerei arbeitete, und er sagte, das hätte er bis zum Ende des Schuljahrs auch nicht getan. Über den Sommer fuhr er einen der Lieferwagen für seinen Vater, und als ich anmerkte, mir sei noch nicht mal klar gewesen, dass sein Vater eine Bäckerei besaß, sagte er: »Du weißt überhaupt nicht viel über mich, oder?«

»Immerhin weiß ich deinen Namen«, sagte ich.

»Wirklich?«, fragte er.

»Jack Duluth. Ich habe deinen Namen in der Zeitung gelesen, als du im Basketball-Spiel gegen Oshkosh letzten Winter diesen weiten Korbwurf aus dem Mittelfeld hingelegt hast.«

»Wie schön – mal wieder ein Fan!« Er lachte. »Und wie heißt du? Na ja, ehrlich gesagt habe ich mich schon erkundigt, als ich dich vor ein paar Tagen bei McKnight’s gesehen habe. Angie Morrow, Kurzform von Angeline, richtig?«

Dass er nach mir gefragt hatte, freute mich, aber aus irgendeinem Grund war es mir auch peinlich und ich wechselte schnell das Thema. Ich holte tief Luft. »Ich weiß auch noch, dass du mit Jane Rady ausgegangen bist«, sagte ich. »Sie hat in Geschichte neben mir gesessen und dauernd von dir geredet. Sie hat mir von euren Fahrten vor die Stadt erzählt …«

»Vergiss es«, sagte Jack scharf. »Vergiss das ein für allemal, okay? Das ist Schnee von gestern.« Einen Moment lang dachte ich, er sei wütend auf mich. »Jetzt geh doch mal und frag deine Mutter, ob ihr Brot oder Doughnuts oder so etwas braucht, ja?« Er setzte sich auf die Türschwelle und ich machte die Tür auf und wollte ins Haus gehen. Plötzlich wandte er sich zu mir um. Er redete langsam, fast ein wenig nachdenklich. »Sag mal, Angie, du hast keinen festen Freund oder so was, oder?«

Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. »Nein, hab ich nicht«, antwortete ich, und schnell fügte ich hinzu: »Meine Mutter mag es nicht, wenn ich ständig ausgehe.« Dass sich auch nicht allzu oft die Gelegenheit dazu ergab, verschwieg ich. Dann wartete ich einen Moment. »Was ist mit dir, Jack?«

Er lachte. »Nein, ich natürlich auch nicht. Keiner meiner Freunde hat eine feste Freundin. Wär ja dumm, sich an ein einziges Mädchen zu binden. Sag mal, hast du nicht Lust, heute Abend mit mir auf unserem Segelboot rauszufahren? Swede Vincent und ich, wir haben ein kleines Boot, das haben wir uns im letzten Herbst gekauft. Kennst du Swede? Ist ein netter Typ. Er würde mitkommen und das Boot schippern, und wir beide könnten einfach … na ja, … einfach da sitzen. Was meinst du?«

Zuerst war ich sprachlos. Dann sagte ich, ich müsse erst meine Mutter fragen.

»Mach das doch gleich«, drängte er. »Wenn du sie fragst, ob sie Brot braucht. Ich warte hier.«

»Nein, das ist ungünstig.« Ich hörte, wie meine Mutter im oberen Stockwerk mit energischem Poltern den Staubsauger über die Teppiche schob, und mir fiel ein, dass ich mein Zimmer noch nicht aufgeräumt hatte. »Das ist nicht der richtige Zeitpunkt. Vor ein Uhr gebe ich dir Bescheid«, versprach ich. Hoffentlich klang meine Stimme nicht allzu beflissen. »Ich versuche es zu regeln und wenn du mich später anrufst, kann ich es dir sagen.«

»Also, dann rufe ich dich um eins an und die Sache mit dem Brot vergessen wir für heute einfach. Bitte versuch es hinzukriegen«, fügte er hinzu. »Bis jetzt ist noch nie ein Mädchen mit uns rausgefahren, du wärst also die Erste. Wäre echt was Besonderes.«

Das war unsere erste richtige Unterhaltung. Als ich zurück in den Garten ging, um meine Schuhe zu holen, fiel mir auf, dass die kleinen Tomatenpflanzen sich im Sonnenlicht allmählich wieder aufrichteten. Und die jungen Erbsenpflänzchen trieben hauchzarte Blüten, durchscheinend wie Papier.

Meine Mutter legt sich mittags immer hin – jedenfalls hat sie das in den letzten drei Jahren so gehalten. Direkt nach dem Mittagessen ging sie also nach oben, nahm die Tagesdecke vom Bett und ließ die Rollos herunter. Auf dem Rasen im Schatten des Hauses nähte Kitty Puppenkleider und plapperte dabei in ihrer Kleinmädchen-Stimme vor sich hin. Aus dem Radio der Callahans auf der anderen Straßenseite dröhnte eine Baseball-Übertragung. Alle kleineren Kinder hielten Mittagsschlaf und über unsere Straße legte sich tiefe Nachmittagsruhe. Ich musste mich beeilen, wenn ich meine Mutter noch fragen wollte, bevor sie eingeschlafen war.

Vor der Tür zu ihrem Zimmer hielt ich kurz an. »Vielleicht sollte ich erst mal bis siebzehn zählen«, dachte ich. »Siebzehn, dann frage ich sie.«

Ich zählte also absichtlich langsam und achtete darauf, keine Zahl zu überspringen. Als ich noch jünger war, habe ich bis fünfzehn gezählt, bevor ich eine Entscheidung traf, und als ich sechzehn war, bis sechzehn, und jetzt eben bis siebzehn – eine Zahl für jedes Jahr. Aber als ich bei siebzehn angekommen war, wusste ich immer noch nicht, was ich sagen sollte. »Ich zähle lieber noch bis achtzehn weiter«, beschloss ich. »Weil Jack achtzehn ist. Und dann gehe ich auf jeden Fall rein.«

Meine Mutter war schon fast eingeschlafen, als ich vorsichtig die Tür aufdrückte. Sie lag auf dem Bett und hatte meinen alten hellblauen Bademantel über sich gezogen. Das Sonnenlicht, das durch das Rollo drang, tauchte den Raum in bräunlich-gelbes Leuchten, und die gehäkelten Ringe zum Herunterziehen der Rollos drehten sich langsam im Luftzug. Ich schluckte schwer, was in dem stillen Raum deutlich zu hören war.

Endlich traute ich mich. »Mama«, sagte ich. »Ein Junge hat mich gefragt, ob ich heute Abend mit ihm ausgehe.« Sie machte die Augen auf. »Kein Problem, ich bin rechtzeitig wieder zu Hause«, versicherte ich hastig. »Er kommt zuerst hierher, dann kannst du ihn kennenlernen und dich davon überzeugen, dass alles in Ordnung ist. Es sind ordentliche Leute – er spielt Basketball und seinem Vater gehört die alte Bäckerei DeLuxe.« Die Worte sprudelten nur so aus mir heraus und ich redete schnell, um zu verhindern, dass meine Mutter Nein sagen konnte.

Meine Mutter drehte sich zur Wand und kuschelte ihren Kopf in den Polster, dann fragte sie schläfrig: »Wie heißt er? Ich kann mich nicht erinnern, dass du schon mal von ihm gesprochen hast.«

»Jack Duluth«, sagte ich und wartete. Bis auf das Geräusch des im Wind flatternden Rollos war es still im Raum.

»Duluth wie die Stadt in Minnesota?«, rief Lorraine von hinten. Sie war in ihrem Zimmer auf der anderen Flurseite und löste gerade die Lockenwickler aus ihren Haaren. Die nimmt sie nur raus, wenn sie aus dem Haus geht. Lorraine trägt ihre Haare glatt und lang mit einer kleinen, lockeren Welle in den Spitzen, wie alle Studentinnen. Meine Mutter atmete bereits so entspannt, als wäre sie eingeschlafen.

»Mom«, sagte ich leise. Ich gab mir große Mühe, nicht ungeduldig zu klingen. Meine Mutter mag es nicht, wenn wir drängeln. »Darf ich jetzt oder darf ich nicht? Es wird in Ordnung sein – wirklich!«

»Frag mal deine Schwester, was sie dazu meint«, murmelte sie. »Ich würde mal sagen, es spricht nichts dagegen, vorausgesetzt, du bist früh zurück. Und sieh doch mal, ob du dieses Rollo irgendwie festmachen kannst … leg ein Buch auf die Zugschnur oder so etwas.«

So einfach war das gewesen. Mein Herz schlug ganz schnell, als ich die Tür vorsichtig hinter mir zuzog. In diesem Moment klingelte unten auch schon das Telefon. Es war Jack.

Wir spazierten hinunter zum See, er und ich. Es war etwa halb acht abends und der Himmel vom Sonnenuntergang immer noch gerötet. »Sieht aus wie brennende Straußenfedern«, sagte Jack. Wir nahmen eine Abkürzung durch unseren Gemüsegarten und über zwei brachliegende Grundstücke und überquerten dann die Hauptstraße zwischen unserem Haus und dem See. Jack hielt die Drähte des Stacheldrahtzauns für mich auseinander, damit ich durchklettern konnte. Wir gingen über das Feld hinter den Bootshäusern. Ich kann mich noch daran erinnern, dass er sagte: »Das ist meine ganz persönliche Abkürzung. Ich finde den Weg hier schöner als den durch den Park.«

Den Weg am Zaun entlang stand eine Reihe wilder Zwetschkenbäume, zwischen deren Blättern sich die grünen, harten Knoten der Fruchtansätze noch verborgen hielten. Kleine Spatzen flatterten aufgeregt tschilpend von einem Ast zum anderen, als wir vorbeikamen. Gleich wo der Zaun endete, säumten Trauerweiden einen Graben neben den Eisenbahngleisen. Nach dem Regen vom Frühjahr schlängelten sich immer noch gurgelnde Rinnsale zwischen den Grasbüscheln hindurch.

»Du musst springen«, sagte Jack. »Hier ist es sumpfig. Am besten trittst du zuerst auf diesen Stein hier und dann springst du rüber auf den Kanaldeckel.« Tatsächlich lag fast verborgen im Unkraut ein runder, betonierter Kanalschacht, dessen schwerer, geriffelter Eisendeckel mit einem Vorhängeschloss gesichert war. »Ich springe zuerst«, bot Jack an. »Dann kannst du nach meiner Hand greifen und ich helfe dir rüber.« Der Boden unter meinen Füßen war matschig und ich verlor auf dem glatten Stein beinahe das Gleichgewicht. Jack fing mich auf und ich weiß noch, wie fest und warm sich seine Hand anfühlte.

Ein wenig weiter erreichten wir ein Stück Wiese – direkt auf unserer Seite der Gleise. »Das ist die Hobo-Wiese«, erklärte mir Jack. »Wenn ich vorbeikomme, sehe ich immer mal wieder ein paar Typen, die hier schlafen. Sie sind irgendwo auf einen Zug aufgesprungen und ruhen sich aus. Manchmal sind sie zu viert oder fünft, und sie machen Feuer und kochen sich etwas. Einmal habe ich einen stockbesoffenen Mann gesehen, der lag in der prallen Sonne mit einer Flasche in der Hand und die Fliegen saßen auf ihm – am nächsten Tag war er weg. Die Männer reden nie mit mir, wenn ich vorbeikomme. Sie sitzen einfach nur da und sehen mich an.«

Eine Gänsehaut überlief mich. Es war ein bisschen unheimlich – die dicht belaubten Bäume und das üppige Unkraut ließen die Luft graugrün schimmern, der Abend dämmerte. Zwischen den Grasbüscheln erkannte ich verkohlte Holzstücke und alte, verrostete Konservendosen. Mit leisem Seufzen strich der Wind durch die Kronen der Trauerweiden. Plötzlich zog Jack fest an meiner Hand und wir kletterten den Bahndamm empor. Auf der anderen Seite lag eine breite, geschotterte Einfahrt und dahinter erhoben sich die grauweißen Bootshäuser.

Die Segelsaison hatte eben erst angefangen und viele Bootshäuser waren vom letzten Winter noch mit Vorhängeschlössern gesichert. Kleine Wellen schlugen sanft gegen die schweren Bohlen.

»Swede hat gesagt, er bringt das Boot rüber zum Steg von Big Hole«, sagte Jack. »Er ist schon vorgegangen, weil er ein bisschen aufräumen wollte, bevor du kommst. Wir haben letzte Woche so eine Art Bootspicknick veranstaltet und es liegen überall noch Sandwiches und allerhand Zeug herum.«

Big Hole ist ein kleiner Hafen, den die Stadt vor ein paar Jahren gebaut hat, damit sich kleine Boote vor den gefährlichen Böen in Sicherheit bringen können, die auf dem Lake Winnebago manchmal ganz plötzlich aufkommen. Die Bootshäuser flankieren den Hafen auf einer Seite, an der Längsseite führt ein von Sträuchern gesäumter Fahrweg entlang und zur Seeseite hin schützt ihn die Kaimauer mit dem hohen, weißen Leuchtturm. Drüben auf der rechten Seite verlaufen sich die Wellen in einem unübersichtlichen Dickicht aus Schilfstängeln und Seegras und dahinter ist dann nur noch kahler, roter Lehmboden. Dort liegen Wasserrohre herum und ein paar dunkle Erdhaufen ragen in die Höhe – ein unvollendetes Bauprojekt der WPA.1

Ich entdeckte Swede, der gerade das Boot auftakelte. Jack stieß einen schrillen Pfiff durch die Zähne aus und Swede richtete sich auf und winkte uns zu.

»Du wirst Swede bestimmt mögen«, sagte Jack. »Manche Mädchen finden ihn zu draufgängerisch, aber ich habe ihm gesagt, er soll nett zu dir sein.«

Swede war ziemlich kräftig. Er hatte wellige, blonde Haare und trug ein sehr enges, sehr sauberes Sweatshirt.

»Hallo!«, rief er uns zu. Und als wir das Boot erreichten, sagte er: »Du bist also Angie Morrow, ja? Ich dachte schon, du hättest im letzten Moment doch nicht mitkommen dürfen. Jack meinte, deine Mutter wäre vielleicht nicht damit einverstanden, dass du mit dem Boot rausfährst.« Er grinste.

»Es ist in Ordnung, solange wir sie um elf wieder nach Hause bringen«, erklärte ihm Jack. »Es sollte auf keinen Fall später werden. Wir fahren nicht weit raus – nur, bis wir den Mond finden.« Er drückte meine Hand. Unwillkürlich überlief mich ein Schauer – es war so ein wunderschöner Abend.

In Big Hole wehte der Wind so schwach, dass er kaum die Wasseroberfläche kräuselte. Zuerst kamen wir nur langsam vorwärts – Swede saß vorne im Bug, Jack und ich hinten am Heck – bis wir die Engstelle zwischen dem Leuchtturm und dem Wellenbrecher passiert hatten. Entlang der Kaimauer parkten bereits Autos. Die Lichtkegel ihrer Scheinwerfer bohrten sich in die einbrechende Dämmerung. In Fond du Lac fahren abends fast alle noch ein bisschen herum, halten dann für eine Weile hier an und schauen auf den See hinaus. Irgendjemand drückte auf die Hupe, lehnte sich aus dem Fenster und winkte uns zu. »Das machen die Leute einfach so, aus Freundlichkeit«, sagte Jack. »Ich habe keine Ahnung, wer das ist.«

»Sitzt du bequem?«, fragte er dann. »Wenn du frierst, sag Bescheid, dann kannst du meinen Sweater überziehen.« Ich nickte nur. Es war zu schön zum Sprechen. Das Boot hob und senkte sich mit den Wellen. Swede ließ ein Segel herunter und das lose Tuch flatterte im Wind. Von Zeit zu Zeit schlug das grünliche Seewasser so heftig gegen die Bootswand, dass es über die Kante spritzte.

»Hier«, sagte Jack. »Wir legen dir dieses Segeltuch über die Beine … du sollst ja schließlich nicht nass werden. Weißt du was? Du bist richtig klasse, Angie. Viele Mädchen trauen sich überhaupt nicht, mit dem Boot rauszufahren.«

»Es ist großartig!«, sagte ich. Jack saß fast auf der äußersten Heckkante, hatte sich seinen rotweißen Basketball-Sweater an den Ärmeln um den Hals gebunden und der Wind zauste seine Haare von hinten.

Ich seufzte und er fragte sofort: »Du frierst doch nicht, oder? Du musst es nur sagen, dann kannst du den Pulli sofort haben. Eigentlich habe ich ihn sowieso nur für dich mitgebracht – mir ist ohnedies nie kalt.« Er beugte sich vor und legte mir den Sweater um die Schultern. Als er mir so nahe kam, fiel mir auf, wie gut er nach Ivory-Seife2 duftete.

Wir segelten eine ganze Weile schweigend dahin und hoch über uns, hinter den Bootshäusern, hing eine papierdünne Mondsichel am Himmel. Swede hatte an seinem Ende des Boots eine Laterne aufgehängt, die mit den Bewegungen des Boots in der Dunkelheit hin und her schwankte, und rote Lichtpunkte über die Wellenkämme hüpfen ließ. Gerade hatte er eine Zigarette zu Ende geraucht und schnippte ihren Stummel in das Wasser. Inzwischen waren wir weit draußen und die Scheinwerfer der Autos waren zu funkelnden Punkten entlang der Kaimauer zusammengeschrumpft. Ich sah mich wieder nach Jack um. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt und starrte in den Himmel. Hinter ihm erstreckte sich der schwarze See. Ein leichter Windstoß fuhr mir durch die Haare. Plötzlich bewegte sich Jack vorwärts und setzte sich neben mich auf die enge Bank. »Angie Morrow«, sagte er leise. »Du siehst hübsch aus mit dem Wind in den Haaren.«

Und ich weiß noch genau, wie er das sagte.

»Nachts ist der See etwas ganz Besonderes«, flüsterte er. »Es gibt keinen anderen Ort, der so schön und so still ist. Manchmal fahren Swede und ich raus und lassen uns einfach treiben, ohne ein Wort zu reden. Wir sitzen dann da, sehen uns den Himmel an und denken nach. Du solltest das Wasser mal sehen, wenn der Mond scheint … ich meine den großen, gelben Sommermond. Swede denkt meist nur an Mädchen, aber ich denke gern über die Wolken nach, und über Gott und solche Sachen.« Einen Moment saß er schweigend da und beobachtete das Wasser. Der Pullover war mir von den Schultern gerutscht und Jack legte seinen Arm um mich, um ihn festzuhalten.

»Ich hab gar nicht gewusst«, sagte ich zu ihm, »dass Jungs auch über solche Dinge nachdenken. Die Typen im McKnight’s benehmen sich eigentlich nie so, als würden sie jemals über irgendetwas nachdenken.«

»Na ja, die meisten tun das ja auch nicht, aber ein paar eben doch. Wir reden häufig über Mädchen und das Leben und alles. Es ist schon interessant, was einige sich so vorstellen. Manche haben große Pläne, was sie alles tun werden und wen sie heiraten wollen, und andere wiederum machen sich gar keine Gedanken.«

»Also, ich will einfach nur viel lesen und so viel wie möglich lernen«, erklärte ich. Und weil ich befürchtete, dass das ziemlich langweilig klang, fügte ich schnell hinzu: »Ich möchte über alles Schöne Bescheid wissen.«

Jack setzte sich plötzlich aufrecht hin und sah mir in die Augen. »Im Ernst, Angie?«, fragte er. »Das willst du wirklich? Weißt du, seit ich denken kann, habe ich mich für die schönen Dinge im Leben interessiert – ich wollte schon immer gebildet sein. Das klingt vielleicht merkwürdig für dich. Ich stamme aus einfachen Verhältnissen. Meine Mutter und mein Vater sind ganz großartige Menschen, aber ich kann mich nicht auf einen eindrucksvollen Familienstammbaum berufen oder von einem Großvater erzählen, der einen Stall voller edler Reitpferde besitzt … weißt du, was ich meine? Ich muss mir das alles selbst erarbeiten. Mein Großvater väterlicherseits war Farmer und mein Großvater mütterlicherseits hatte ein Fleischereigeschäft drüben in Rosendale. Weißt du«, fragte er, »dass ich bis vor ein paar Wochen noch nicht einmal wusste, auf welche Seite des Gedecks man den Salatteller stellt?«

Am liebsten hätte ich ihm vom silbernen Fischbesteck meiner Mutter erzählt, dem mit den Perlmuttgriffen und dem großen, gebogenen Vorlegemesser, das wie ein türkischer Krummdolch aussieht. Ich dachte, es würde ihn vielleicht interessieren, weil es wirklich etwas Besonderes war, etwas Schönes, aber ich wusste nicht, wie ich es anstellen sollte, ohne eingebildet zu wirken. Deswegen sagte ich nur: »Salatteller gehören nach links, Jack, dahin, wo die Gabel liegt.«

»Und noch etwas wünsche ich mir: Ich möchte unbedingt irgendwann einmal in die Oper gehen. Ich möchte in einem weiten, schwarzen Umhang im Opernhaus auftauchen, mit einem Stock in der Hand und einem faltbaren Seidenzylinder auf dem Kopf. Ich würde zur Tür reinkommen, meine weißen Handschuhe ganz locker in den Hut werfen und wie selbstverständlich zu meinem Platz stolzieren. Ich verstehe nicht viel von Musik«, fügte er hinzu. »Ich bin noch nicht mal so ein großer Musikfreund, aber ich könnte es ja lernen.«

Ich hätte ihm auch gerne etwas erzählt. Es gab so viele Dinge, über die ich immer nur für mich selbst nachgedacht und die ich noch nie jemandem anvertraut hatte. Beinahe hätte ich Jack erzählt, dass ich mir früher manchmal vor dem Einschlafen vorgestellt hatte, ich wäre mit Nelson Eddy3 verheiratet und er würde mich an lauter spannende Orte ausführen – in tolle Nachtclubs und Tanzlokale und so weiter.

»Weißt du, Jack«, fing ich an, »im letzten Winter bin ich einmal nach Chicago gefahren, zu meiner Schwester Lorraine – das ist das Mädchen mit den Lockenwicklern, das im Wohnzimmer saß, als du mich abgeholt hast – und wir haben uns ein Theaterstück angesehen. Es hieß Kiss the Boys Good-bye.4 Es war kein besonders gutes Stück oder so. Ich meine, kein Vergleich zu Shakespeare, aber es war ein Bombenerfolg und ist sogar schon am Broadway gelaufen. Vieles davon hab ich überhaupt nicht richtig verstanden – ich glaube, es war einfach nicht gut gemacht.«

»Wir haben im Englischunterricht Shakespeares Der Kaufmann von Venedig gelesen«, antwortete Jack. »Davon habe ich auch nicht alles verstanden – vielleicht, weil das Stück einfach zu gut ist.« Er lachte leise. Sein Arm lag auf meiner Schulter und ich ließ mich entspannt zurücksinken. Er rückte noch ein bisschen näher und sagte: »Ja, genau. Mach es dir gemütlich. Lehn dich ganz an mich, wenn du magst.« Wir trieben so dahin und Swede vorne im Bug hatte den Kopf auf den Bootsrand gelegt, er war schon halb eingeschlafen. Inzwischen war es fast dunkel, der Mond hatte sich zur Hälfte in den Wolken vergraben. Das Boot schaukelte sanft auf den Wellen. »Ich weiß eigentlich nur, dass ich ein glücklicher und halbwegs anständiger Mensch werden will, sonst nichts«, murmelte Jack vor sich hin, als ob er mit sich selbst redete. Aus irgendeinem Grund zitterte ich leicht bei seinen Worten.

Eine ganze Weile sagte niemand etwas. Einmal hob Swede den Kopf, stützte sich kurz auf den Ellbogen und sah zum Ufer hinüber, aber dann legte er sich wieder hin. Wir waren weit draußen und die Stille lag weich und wattig über dem Wasser. Damals überkam mich zum ersten Mal dieses seltsame Gefühl. Eigentlich saß ich nur da und dachte an nichts Besonderes und auf einmal war da so ein warmes Kribbeln und gleichzeitig so etwas wie ein schlechtes Gewissen, beinahe so, als würde ich etwas Ungehöriges tun. Mein Gesicht fühlte sich im Wind ganz kühl an. Niemand bewegte sich oder sprach ein Wort. Ich sah nur das Glühen von Swedes Zigarette im Bug. Auf einmal drängte es mich, den Kopf zu wenden und Jack anzuschauen, weil ich wissen wollte, was er dachte, und gleichzeitig hatte ich die absurde Angst, er könnte mich im selben Augenblick ebenso ansehen. In meinem Kopf hörte ich die Gedanken wie ein heiseres Flüstern. In meiner Kehle spürte ich panikartiges, aufgeregtes Klopfen. Meine Wangen glühten. Nur leicht wandte ich mich ihm zu, bis ich sein Gesicht sehen konnte. Plötzlich drückte er mich an sich, und ein wohliges, zufriedenes Gefühl durchströmte mich, wie wenn man heiße Milch trinkt.

Aber dann setzte sich Jack wieder aufrecht hin und sagte ruhig: »Ich glaube, ich stecke mir mal meine Pfeife an.« Er griff in seine Hosentasche. Merkwürdigerweise kränkte es mich, dass er gerade in dem Augenblick von mir abgerückt war, also zog ich seinen Pullover enger um meine Schultern und rutschte auch ein bisschen von ihm weg. Er stopfte seine Pfeife, die er in der hohlen Hand hielt, presste den Tabak mit dem Daumen tief hinein und beugte sich vor, um die Pfeife anzuzünden. Das erste Streichholz flackerte kurz auf und erlosch. Der Wind blies das zweite aus, bevor er es noch an seine Pfeife halten konnte. Er drehte sich auf der Bank um, zog die Knie an und beugte sich mit hochgezogenen Schultern noch weiter vor, um die Flamme vor dem Wind zu schützen. Das dritte Streichholz erlosch. »Weißt du was, Angie«, sagte er. »Gib mir doch mal dieses Segeltuch, das du dir über die Beine gelegt hast. Du könntest es als Windschutz über meinen Kopf halten, dann mache ich darunter meine Pfeife an.« Ich breitete die Plane aus und er kauerte sich darunter. Einen Augenblick später steckte er den Kopf wieder hervor und erklärte: »Das funktioniert auch nicht. Ich kann nicht gleichzeitig das Tuch von meinem Gesicht weghalten und das Streichholz anzünden. Ich sag dir was. Du kommst jetzt darunter, zündest das Streichholz an und ich stecke die Pfeife an und halte die Plane hoch. Zu zweit müssten wir das Ding eigentlich oben halten können.«

Also legten wir die Plane über unsere Köpfe und geschützt vor dem Wind, war es darunter auf einmal sehr still. Das erste Streichholz brach ab und der Kopf fiel auf den Boden des Boots. »Versuch’s noch mal«, sagte Jack. Er rückte näher an mich heran. Unter dem festen Stoff war es sehr dunkel. Das zweite Streichholz loderte auf.

Meine Hand zitterte ein bisschen und Jack hielt sie fest und führte sie zu seiner Pfeife. Er zog kräftig daran, bis der Tabak glühte, dann paffte er den Rauch aus. Er nahm die Pfeife aus dem Mund und blies das Streichholz aus, dann ließ er das abgebrannte Ende auf den Boden fallen. Ich sah den glühenden Pfeifenkopf in seiner Hand. Wir rührten uns nicht. Und ich weiß noch, dass ich mich fragte, warum es so still war, so totenstill, und warum ich das Gefühl hatte, nicht einmal zu atmen. Mir war klar, dass wir beide das Gleiche dachten. Ich spürte seine Wärme, seine Nähe.

Es war nur ein Augenblick, ein langer, stiller Augenblick, dann riss ich mir die Plane vom Kopf und sie wischte mir die Haare nach vorn ins Gesicht. Ich warf meine Haare zurück und die Nachtluft an meinen Wangen war kühl und feucht.

Swede saß jetzt aufrecht. »Na«, sagte er zu Jack. »Was habt ihr denn da unter der Plane gemacht?«

»Meine Pfeife angezündet«, antwortete Jack.

Swede lächelte und zwinkerte. »Ach ja?«, sagte er schelmisch. »So nennt man das jetzt also.«

Ich zog mir die Plane fest über die Beine, sah auf den See hinaus und schwieg. Jack lehnte sich zurück, paffte langsam seine Pfeife und beobachtete mich. Nach einer ganzen Weile drehte er sich zur Seite und klopfte die Asche ins Wasser. Dann sah er mich an und sagte leise: »Wir hätten es eigentlich ja auch tun können, oder?«

Etwa um halb zehn schlug das Wetter um. Der Wind drehte und der See war auf einmal dunkel und unruhig. »Wir sollten lieber wenden«, rief Jack. Der Wind verschluckte seine Worte und er schwenkte die Arme und deutete in Richtung Ufer. Swede nickte und zerrte an den Tauen. Das Segel blähte sich und legte sich schräg über das Wasser, als das Boot in Richtung Leuchtturm beidrehte. Kleine Wellen schlugen über die Bootskante und schwappten glucksend unter den Brettern hindurch.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte Jack zu mir. »Es wird jetzt ein bisschen ruppiger, aber Swede hat alles im Griff.«

Ich zog die Plane noch dichter um meine Beine und der Wind wehte mir die Haare ins Gesicht. Im Norden grollte der Donner und ein scharfer Blitz zerriss den Himmel. Es dauerte beinahe eine Stunde, bis wir das Ufer erreicht hatten und als wir in Big Hole einfuhren, standen nur noch wenige Autos an der Auffahrt.

»Wenn ihr nach Hause wollt, bevor es regnet – kein Problem!«, rief Swede gegen den Wind. »Ich mache das Boot fest und kümmere mich darum, dass alles abgedeckt ist. Sieht so aus, als würde es bald ordentlich regnen, aber ihr könntet es gerade noch schaffen, einigermaßen trocken nach Hause zu kommen.«

»Danke«, sagte Jack. »Ich komme morgen mal bei dir vorbei. Zieh meinen Sweater wieder an, Angie. Es ist immer noch ziemlich frisch.« Er streifte seinen Pullover über meinen Kopf. »Komm, wir nehmen den Weg über die Park Road.«

»Gute Nacht«, rief ich Swede zu. »Danke und ich freue mich, dass ich dich kennengelernt habe. Hoffentlich sehen wir uns mal wieder.« Er ließ das durchnässte Segel herunter und es flatterte schwerfällig im Wind. Die Wellen schlugen heftig gegen das Boot. Swede konnte mich nicht hören.

»Keine Sorge, Angie«, sagte Jack. »Den siehst du schon wieder.«

Meine Hündin Kinkee rannte uns entgegen, als wir uns dem Haus näherten. Sie begrüßte mich mit einem kurzen Schwanzwedeln und schnupperte dann leise knurrend an Jacks Hosenbein. Kinkee ist ein Chow-Chow, die mögen keine Fremden. »Geh weg«, sagte ich zu ihr. »Es ist alles in Ordnung. Weißt du, Jack, sie hält dich womöglich für einen Unbekannten, der mir nach Hause gefolgt ist.« Das war eigentlich gar nicht lustig, aber wir lachten trotzdem.

»Als ich noch klein war«, sagte Jack, »habe ich immer gedacht, wenn man von einem Chow-Chow abgeleckt wird, färbt dieses schwarze Zeug von der Zunge ab.« Wir standen vor der Eingangstreppe. Meine Mutter hatte es donnern gehört und die beiden Töpfe mit den Farnpflanzen aus dem Wohnzimmer auf die Stufen gestellt, der Regen würde ihnen gut tun. Auf dem Ecktisch im Wohnzimmer brannte eine Lampe, deren Licht auf den Gartenweg fiel. Die Bäume auf dem Rasen bogen sich im Wind und in der Luft lag jener feuchte, fischige Wassergeruch, der vor jedem Sturm vom See heraufweht.

»Vergiss dein Sweatshirt nicht, Jack«, sagte ich und zog es mir über den Kopf. Seine Hand berührte meine, als er es mir abnahm, und ich zog meine Finger erst nach einem kurzen Moment zurück, darüber erstaunt, dass ich mich das traute.

»Tut mir leid, ich muss jetzt gehen«, sagte er unschlüssig. Sein Sweatshirt hatte er über die Schultern geworfen und die Ärmel vor der Brust verknotet. Wir standen beide einfach nur da und schwiegen. Man kann einen Jungen nicht fragen: »Wann sehe ich dich denn wieder?« Oder: »Sehen wir uns überhaupt irgendwann wieder?« Ich hätte meine Schwestern fragen sollen, was man so sagt, bevor man sich verabschiedet. Vielleicht sollte ich sagen, dass mir die Bootsfahrt gefallen hatte, dass es ein schöner Ausflug war oder so in der Art, aber das kam mir alles so lächerlich vor. Schon sprenkelten die ersten Regentropfen den Gehsteig.

»Es regnet«, sagte Jack und streckte die Handfläche aus, um die Tropfen aufzufangen. »Das ist bestimmt gut für die Gärten.«

Man kann doch nicht fragen: »Hat dir der Abend mit mir gefallen?« Oder: »Magst du mich lieber als andere Mädchen – gehen wir wieder einmal zusammen aus?« So etwas darf man nicht zu einem Jungen sagen – schon gar nicht, wenn er über Gärten redet. Plötzlich brach der Regen los. Kurze Windböen schüttelten die Bäume und wehten mir den Rock um die Beine.

»Gute Nacht, Angie«, sagte er. »Geh lieber schnell ins Haus. Ich muss jetzt rennen. Los, rein mit dir, damit du nicht nass wirst.«

Er wandte sich um und nahm eine Abkürzung durch den Vorgarten. Das Sweatshirt hatte er sich über den Kopf gelegt.

Und er hatte gar nichts gesagt. Ich hatte keine Ahnung, ob er sich jemals wieder bei mir melden würde.

Auf Zehenspitzen schlich ich nach oben. Weit draußen über dem See rollte der Donner wie ein langsamer Güterzug. Als ich am Schlafzimmer meiner älteren Schwestern vorbeikam, erhellte ein Blitz die Nacht und im gelben Flackerlicht konnte ich die beiden erkennen. Sie schliefen friedlich mit Lockenwicklern in den Haaren und dem Glanz von Feuchtigkeitscreme im Gesicht.

Das also war der erste Abend.

Am nächsten Morgen wachte ich früh auf – so früh, dass erste Streifen Morgenrot die Wände meines Zimmers in glühendes Rosa tauchten. Lange Zeit lag ich wie in einem warmen, schläfrigen Nebel, betrachtete das Ziffernblatt des Weckers und wusste, dass es zum Aufstehen zu früh war und ich trotzdem nicht noch einmal einschlafen wollte. Es war so angenehm, sich verschwommenen Träumereien über den bevorstehenden Sommer und den gestrigen Abend hinzugeben.

Meine Schwester Kitty lag neben mir in tiefem Schlaf, die Arme über den Kopf gelegt. Ihr zu langen Zöpfen geflochtenes Haar war vom Hin- und Herwälzen auf dem Kopfpolster ganz zerzaust. Einmal drehte sie sich schläfrig um, murmelte etwas vor sich hin und lächelte zufrieden im Schlaf. Vor dem Fenster zwitscherten Vögel einander aufgeregt ihre Pläne für den anbrechenden Tag zu und hier drin lag ich, betrachtete die Zimmerdecke und dachte nach.

Im hellen Licht des Morgens erschien mir der letzte Abend ganz unwirklich – als hätte ich das alles nur in einem Film gesehen, gar nicht selbst erlebt. Das konnte unmöglich ich gewesen sein, die sich einen Moment lang so wunderschön gefühlt hatte, nur weil der Wind in ihrem Haar wühlte und der Mond so zart wie ein Streifen reiner, gelber Seide war. In Kürze würde ich aufstehen, in meine Jeans schlüpfen und am Tisch neben dem Küchenfenster meine Cornflakes essen, später Fensterbretter abstauben und mich mit meiner Mutter über Gartenblumen und die Pläne fürs Mittagessen unterhalten, wie in so vielen früheren Sommerferien auch. Das herrliche Gefühl der Ungewissheit von gestern Abend würde vollkommen verflogen sein, dieses sonderbare, prickelnde Staunen über die neuartigen, mir unbekannten Gefühle, diese pure Freude darüber, am Leben zu sein. Das alles war gestern Nacht so gewesen, eben weil es Nacht war und weil Jack der Erste war, mit dem ich richtig ausgegangen bin. Nicht weil er irgendwie besonders war – ganz anders als alle anderen – sondern weil er der Erste war. Später einmal, in ein paar Jahren, wenn ich so viele Verabredungen hinter mir hätte, dass ich mich an die meisten nur noch verschwommen erinnern könnte, würde ich an gestern Abend denken. Mit demselben leicht amüsierten Wohlwollen an die Schönheit des Abends zurückdenken, so wie ich heute daran denke, mit welcher Spannung ich früher am Weihnachtsmorgen darauf gewartet hatte, den Christbaum endlich sehen zu dürfen, oder wie ich mich jedes Jahr im Fasching auf den süßen rosa Schaum aus Zuckerwatte freute. Vielleicht hatte Jack bei Tageslicht ja ungepflegte Augenbrauen und ein blasses, einfältiges Gesicht.

Womöglich sagte er ja jedem Mädchen, wie hübsch sie aussah, wenn der Wind ihr das Haar ins Gesicht wehte? Und was, wenn ich überhaupt nicht hübsch ausgesehen hatte und einfach nur niemand anderes da gewesen und ihm kein anderer Satz eingefallen war? Was, wenn Swede vorne im Bug des Segelboots in sich hineingegrinst hatte, weil Jack mir schmeichelte und ich mich lächerlich machte, indem ich ihn ernst nahm?

In einer Ecke meiner Zimmerdecke befindet sich ein Riss, und unbewusst fing ich an, meine Gedanken links und rechts davon zu sortieren, in die guten und die schlechten. Die guten, die ich in Erinnerung behalten wollte, und die Dinge, die im Tageslicht vielleicht ganz anders erschienen.

Es war möglich, dass er sich nie wieder bei mir meldete. Dass ich die restlichen Sommerabende damit zubringen würde, Ausflüge mit meinen Eltern zu machen, im Bett zu liegen, dabei die Nacht im Segelboot Stück für Stück noch einmal durchzugehen und mich zu fragen, was ich falsch gemacht hatte. Vielleicht würde ich im Herbst ins College fahren und dort in jedem Englischaufsatz Wellen beschreiben, die über die Bootskante spritzten, Segel, die im Wind flatterten oder zarte, kaum sichtbare Mondsicheln, weil ich mich an nichts anderes erinnern und an nichts anderes mehr denken konnte. Vielleicht würde für den Rest meines Lebens mein Herzschlag aussetzen, wenn ich einen Bürstenschnitt entdeckte oder einen Jungen, der sich einen Basketball-Pulli um den Hals geknotet hatte. Wahrscheinlich würde ich jedes Mal, wenn ich den Namen »Jack« hörte, den Atem anhalten und es kaum wagen, mich umzudrehen und nachzusehen, wer da stand – womöglich er?

Der rötliche Lichtschein des Sonnenaufgangs an der Wand verblasste allmählich. Ich schloss die Augen und versuchte, noch einmal einzuschlafen. Das Licht glich jetzt jener weichen, gedämpften Dunkelheit auf dem Boot unter dem Segeltuch. Ich versuchte mich ein wenig zu beruhigen, weil ich wusste, wie lächerlich es war, aber jedes Mal, wenn ich an unsere Hände dachte, seine und meine, die das Streichholz hielten … Vielleicht würde ich es vergessen, wenn ich ganz schnell aufstand. Es könnte auch sein, dass ich eigentlich noch schlief und mich gerade an einen schönen Traum klammerte, um ihn ein bisschen länger zu halten. Doch ich hörte Kitty regelmäßig neben mir atmen und sah den gezackten Riss in der Decke und die Morgensonne durchs Fenster. Kein Zweifel: Ich war hellwach. Und mir war klar, dass schnelles Aufstehen nichts ändern würde – diese Sache hatte nichts mit Wachsein oder Schlafen zu tun. Sie würde einfach für immer so bleiben. Wenn ich mich heute Morgen im Spiegel betrachtete, würde ich etwas anderes sehen. Mein Gesicht wäre dasselbe, aber es hätte sich etwas verändert. Den ganzen Tag lang würde ich mich bemühen, meine Familienmitglieder nicht direkt anzublicken, denn sonst würden sie es auch bemerken, einander zulächeln und sagen: »Angie wird allmählich erwachsen.« Irgendwie hatte ich Angst, dass es jemandem auffiel, denn ich war mir ja selbst noch nicht sicher. Ich konnte erst sicher sein, wenn ich Jack wiedergesehen hatte.

Ungefähr um sieben hörte ich das Bett meiner Mutter auf der anderen Flurseite knarren. Sie öffnete meine Tür vorsichtig einen Spalt und sah ins Zimmer. Ich kniff schnell die Augen zu und seufzte, als würde ich schlafen. Ich wollte nicht sofort aufstehen. Ein paar Minuten wollte ich noch da liegen und nachdenken. Nur noch ein paar Minuten. Also ging meine Mutter erst einmal ins Bad, und bald setzten die üblichen Morgengeräusche ein: Wasser rauschte ins Spülbecken in der Küche und klappernd wurden fünf Teller, vier Kaffeetassen und ein Glas Milch auf den Tisch gestellt. Der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee wehte durchs Haus und ich war endgültig wach. Ganz normale Alltagsgedanken begannen in meinem Kopf zu kreisen. Ich sah vor mir, wie es ablaufen würde: Meine Schwester Lorraine an einer Seite des Tischs, meine Schwester Margaret an der anderen. Lorraine würde sich beeilen, weil sie zur Arbeit musste, und Margaret würde in ihrem Morgenmantel da sitzen, bereit, den Tag in Angriff zu nehmen, abgesehen davon, dass sie noch ihr Makeup auflegen musste. Meine Mutter würde Kaffee einschenken und zum Beispiel sagen, dass er stark oder schwach war oder noch ein bisschen länger hätte ziehen müssen. Und dann würde einer von ihnen einfallen, wo ich gestern Abend gewesen war, und sie würde sagen: »Ach ja, Angie, war es eigentlich nett?« Oder: »Meinst du, er lädt dich noch mal ein?«

Und ich würde Milch in meinen Kaffee rühren und ihnen alles über das Boot erzählen und wie gut Swede das Segeln beherrschte und dass der Regen erst eingesetzt hatte, als wir gerade wieder zu Hause angekommen waren. Dann würden sie noch ein paar Fragen stellen, die ich mit Ja oder Nein oder sonstwie beantworten würde, aber auf keinen Fall würde ich den Mond erwähnen oder den kühlen Hauch des Seewindes oder dass ich den ganzen Abend Jacks Sweatshirt getragen hatte, geschweige denn eine der anderen Einzelheiten, die unablässig in meine Erinnerung drängten, selbst jetzt, wo ich hellwach war und beobachtete, wie die Sonne an der Zimmerdecke immer höher stieg. Wie jeden Morgen würde ich frühstücken und die Hausarbeit erledigen; aber irgendwo tief in mir drin würde ich darauf warten, dass das Telefon klingelte, oder ich würde lauschen, ob nicht vielleicht der Lieferwagen der Bäckerei vorfuhr.

Dann schlüpfte ich aus dem Bett, ohne Kitty zu wecken, zog mich an und ging nach unten. Kurz vor der Küche blieb ich stehen und kniff mich in die Wangen, um meine Muskeln zu lockern. Irgendwie fühlte sich mein Gesicht steif und unnatürlich an. Ich hatte so eine Ahnung, dass ich am Frühstückstisch keinen Bissen hinunterbringen könnte. Vielleicht würde ich nur allen anderen dabei zusehen, wie sie an ihrem Kaffee nippten und dann unvermittelt und völlig kopflos herausplatzen: »Ich bin verliebt. Und ich hätte nie gedacht, dass sich das so anfühlt!«

Aber dann war alles doch ein bisschen anders. Lorraine stand in ihrem Morgenmantel neben dem Küchenherd und drehte sich das am Abend zuvor gewaschene Haar mit dem Glätteisen ein. Meine Mutter saß in einem frischen Kleid mit blauem Muster am Tisch neben dem Fenster und trank ihren Kaffee, und ihre Haare hatte sie sich an den Seiten, an denen sie weiß wurden, aus dem Gesicht gebürstet. Sie hat immer wieder schlimme Kopfschmerzen und muss sich dann in ein verdunkeltes Zimmer zurückziehen, mit einem in Essig getränkten Tuch auf der Stirn. Durch den Essig sind ihre Haare an den Schläfen schneeweiß ausgebleicht. Meine Mutter ist der einzige mir bekannte Mensch, der unmittelbar nach dem Aufwachen hellwach und frisch aussieht.

»Dein Tomatensaft steht im Kühlschrank«, sagte sie zu mir. »Ich habe nicht damit gerechnet, dass du so früh herunterkommst.«

Draußen im Garten war die Erde noch dunkel vom gestrigen Regen und taufunkelnde Spinnweben lagen im Gras. Alles verströmte einen frischen, reinen Duft.

»Ich glaube, es ist beinahe kühl genug, um in Pullover und Rock loszugehen«, sagte Lorraine. »Wisst ihr, nachdem ich die ganze Zeit in der College-Uniform herumgelaufen bin, kann ich diese Sommerkleider, die so schnell knittern, gar nicht mehr leiden.«

Lorraine hatte einen Ferienjob in der Elite-Segeltuchfabrik. Den ganzen Tag saß sie da und faltete und adressierte Rundschreiben, die in alle Teile des Landes verschickt wurden – Werbung für Markisen, Golftaschen und leinene Wäschebeutel. Jeden Sommer stellte Elite etwa zwanzig Mädchen zusätzlich ein. Mein Vater ist mit einem der Büroangestellten gut befreundet – vorletztes Wochenende spielten sie zusammen eine Runde Golf – und er hat Lorraine den Job besorgt.

Zunächst sprach mich niemand auf den gestrigen Abend an. »Wir räumen heute die Wintersachen auf den Speicher«, sagte meine Mutter zu mir, das weiß ich noch. »Lass Kitty doch ausschlafen und hol die Stehleiter aus der Garage. Ich reiche dir die Sachen hoch.« Wir haben einen altmodischen Speicher, den man durch eine Falltür in der Schlafzimmerdecke öffnen kann. »Wir können die Schulsachen von Lorraine da oben verstauen, dann sind die Schränke nicht den ganzen Sommer über so vollgestopft.«

Gerade in dem Augenblick kam meine Schwester Margaret die Treppe herunter. Sie hatte sich für den Weg zur Arbeit zurechtgemacht. Meine Schwester muss man einfach mögen. Sie ist groß, schlank, bewegt sich sehr geschmeidig und sie ist mit einem jungen Mann aus Milwaukee verlobt, der wie ein riesiges Pandababy aussieht und sich auch so benimmt. Margaret beugte sich herüber, küsste Mom – besser gesagt, sie streifte sie mit der Wange, um ihren Lippenstift nicht zu verwischen. »Heute bitte keinen Tomatensaft«, sagte sie und trank ihren Kaffee im Stehen neben dem Herd – Margaret ist immer in Eile.

Es war das übliche Frühstücksgeplauder: »Habt ihr heute Nacht den Regen gehört?«, »Kinder, was soll ich denn heute Abend für euch kochen?« (Mom nennt uns immer ›Kinder‹) Und: »Heute müsste im Laden eigentlich schwer was los sein.«. Kleine, alltägliche Dinge, wie man sie an jedem beliebigen Morgen sagen konnte. Ich trank meinen Kaffee, knabberte an meinem Toast und wusste, dass es einer von ihnen jeden Moment einfallen würde. Ich konnte direkt spüren, wie die Worte über uns schwebten. Meine Mutter streckte die Hand aus und riss einen losen Faden von Margarets Kleidersaum ab. Das weiß ich noch so genau, weil Margaret sich in dem Augenblick zu mir umwandte. »Ach ja, Angie, wie war es gestern Abend?«

»Hat Spaß gemacht«, antwortete ich. Dann erzählte ich ihnen alles über den Regen und wie gut Swede das Segelboot im Griff hatte und dass Jack früher einmal mit Jane Rady ausgegangen war und ich noch genau weiß, wie viel sie immer über ihn erzählt hat, wenn sie in Geschichte neben mir saß, und dass gestern so viele Leute unterwegs waren, weil es so ein schöner Abend war, und dass die Autos mit ihren hellen Scheinwerfern an der Straße bis zum Leuchtturm gestanden hatten. Vielleicht, dachte ich, rede ich ja zu viel. Vielleicht rede ich zu schnell. Es schien überhaupt nicht meine Stimme zu sein – sie war viel zu ruhig und gelassen, während die Gedanken in meinem Kopf ganz heiß waren und vor Aufregung vibrierten.