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Klaus Jüttner und Rüdiger von Reininghaus † haben sich nie persönlich kennengelernt. Und dennoch gibt es ein Buch, in dem beide persönliche Erlebnisse über Flucht, Gefangenschaft und Zufälle, die ihrem Leben eine positive Wende brachten, erzählen.
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Seitenzahl: 110
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Aglaya von Reininghaus-Fickel für die Aushändigung der Niederschriften ihres Bruders Rüdiger von Reininghaus über die Erlebnisse während seiner Gefangenschaft und seiner Flucht. Sie war es auch, die mich immer wieder dazu aufforderte, meine Eindrücke und Erlebnisse in der Zeit von 1939 bis 1948 niederzuschreiben, was dann nach vierjähriger Reifezeit auch geschah.
Monika Steininger, meiner Lebensgefährtin, die anhand meiner Erzählungen die Idee zur Titelgestaltung hatte und das Titelbild gemalt hat.
Bodo Zieske, meinem Bruder und Hannelore Ludwig, meiner Schwester, die mich mit Fotoaufnahmen aus Berlin versorgten. Frauke Vangierdegom, die mich tatkräftig unterstützt und beraten hat.
All den Menschen, in Ost und West, die mir geholfen haben.
Widmen möchte ich dieses Buch meinen beiden Töchtern Ute Jungbauer und Gisela Neuwirth, geborene Jüttner.
Klaus Jüttner, Dezember 2009
Vorwort
Mein Konfirmationsspruch
Meine Zeit in Krakau
Vater im Partisanen-Einsatz
Oma Malzbier
Leben in KLV-Lagern
Bomben auf Berlin
Zwei Wochen leben im Dunkel
Der Weg hinter die Front
Das Kriegsende
Ein Wunder im Trümmerhaufen
Mein Weg in den Westen
In Rekordzeit in die Freiheit
Meine schönste Schulzeit
Mein Weg zum Ich
Schlacht am Großen Weichselbogen
Gefangen im fernen Russland
Leben im Massenlager
Fast wie im Himmel
Marischka und Olga
Unternehmen Flucht
Endlich in Freiheit
Struppi, mein treuer Begleiter
Friedliche und sorglose Tage
Krautsuppe und Hirsebrei
Die Hälfte des Weges ist geschafft
Menschliche Wärme
Abschied von meinem treuen Freund
Wieder Gefangener
Noch einmal fliehen?
Zufall oder Schicksal?
Der Weg nach Hause
Zwei junge Menschen – der eine noch ein Kind, der andere ein junger Mann – haben die Wirren des 2. Weltkrieges überlebt und auch die Zeit danach gemeistert. Beide haben sich in eine bessere Zukunft geflüchtet, sind dem Tod durch Bomben, Kugelhagel und anderen Grausamkeiten dieser Zeit entronnen. Kennen gelernt haben sich diese beiden Menschen nie – und doch verbindet sie viel mehr als nur dieses Buch.
Der eine, Klaus Jüttner, wurde 1933 geboren und hat seine Erinnerungen an die Jahre im KLV-Lager, die Bombenangriffe auf , den Kampf um und in Berlin und seine Flucht in den Westen in diesem Buch niedergeschrieben. Nicht jede Orts- oder Zeitangabe kann heute genau überprüft werden, die Erinnerung kann und darf von der wahren Begebenheit ein Stück weit abweichen.
Der andere, Rüdiger von Reininghaus († 2001), wurde 1925 geboren und geriet 1945 in russische Gefangenschaft. 2001 starb er in Brasilien.
Posthum sind die Aufzeichnungen seiner Gefangenschaft und Flucht von Russland nach München in diesem Buch veröffentlicht.
War es Zufall, dass Klaus Jüttner die Schwester von Rüdiger von Reininghaus kennen lernte?
War es Zufall, dass er im zarten Kindesalter seine leibliche Mutter im zerbombten Berlin wieder fand? Oder war es Zufall, dass Rüdiger von Reininghaus seine Fluchtpläne einer ihm fremden Frau anvertraute, die ihm half, statt ihn zu verraten? Zufälle scheinen sowohl das Leben von Klaus Jüttner als auch das von Rüdiger von Reininghaus immer wieder gerettet zu haben. Gibt es sie überhaupt – die Zufälle? Oder ist unser Leben von Anfang an voraus bestimmt, ist jeder Schritt, den wir gehen, schon choreographiert?
Erfahren werden wir das wohl nie, doch die Hoffnung, dass Zufälle unser Leben zum Besseren gestalten können, gibt uns die Kraft, den nächsten Schritt zu gehen.
Möge Ihnen dieses Buch den Mut geben, weiter zu machen, sich selbst und auch andere Menschen nie aufzugeben. So, wie der kleine Klaus Jüttner seinen Weg unbeirrt gegangen und Rüdiger von Reininghaus nie den Glauben an ein Leben in Freiheit nie aufgegeben hat.
„Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn. Er wird’s wohl machen“, dieser Spruch, den mir Pfarrer Twisselmann zu meiner Konfirmation mit auf den Weg gegeben hat, hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Schon die Umstände meiner Geburt am 23. September 1933 und die anschließende Nottaufe im Oktober in einem Berliner Krankenhaus zeigen, dass der Herr mich von Anfang an auf meiner Reise begleitet hat.
Mein Konfirmationsspruch
Eine Reise, die immer aufregend und manchmal beschwerlich war. Vor allem meine Kindheit habe ich ständig auf Reisen verbracht – die wenigsten davon freiwillig, aber alle voller Abenteuer und Gefahren. Und immer habe ich Menschen getroffen, die mir geholfen haben, die mich in ihre Obhut nahmen, die mich beschützt und geliebt haben. All denen, auch wenn ich viele nicht einmal mehr namentlich nennen könnte, möchte ich danken. Mit diesem Buch möchte ich mein Ehrgefühl zum Ausdruck bringen, meine Hochachtung und meine tiefe Dankbarkeit.
1939 – meine Eltern hatten sich längst getrennt und wurden in diesem Jahr geschieden, zeitweise mussten wir Kinder im Waisenhaus leben. Es war das Jahr meiner Einschulung.
Meine Schwester Hannelore lebte bei meiner Mutter und ihrem neuen Freund und späteren Ehemann. Mein Vater heiratete 1940 seine Frau, die aus Nürnberg stammte und die er auf dem Reichsparteitag, zu dem er dienstlich abgeordnet war, kennen gelernt hatte.
Die beiden wohnten auch in Berlin, in der Cotheniusstraße 19, da wo auch die Mutter meines Vaters, also meine Oma lebte. Ich war überwiegend bei meiner Oma. Die Häuser der Straße bildeten mit Vorder- und Rückgebäude sowie den Seitenflügeln ein Quadrat, in dem sich ein riesiger Innenhof mit wunderschönen Rhododendren befand. Dieser Innenhof sollte schon bald eine wichtige Rolle in meinem Leben spielen.
Meinen Vater sah ich öfter als meine Mutter, denn zu ihr war mir jeglicher Kontakt verboten worden. Warum, das weiß ich bis heute nicht genau. Die Frage, was denn zur Trennung meiner Eltern geführt habe, stellte ich Mutter zwar später einmal, eine Antwort darauf erhielt ich aber nie.
Ich sollte kurz nach Kriegsbeginn zu meiner Mutter, meiner Schwester und deren neuem Mann ziehen. Denn Vater war ja einberufen worden und musste nach Polen. Seine neue Frau war bei der Polizei in der Vermittlung tätig und sollte ebenfalls nach Polen versetzt werden.
Einige Zeit vorher erinnere ich mich noch sehr genau an einen nicht sehr schönen Vorfall, der mich bis heute geprägt hat.
Mein Vater mit seiner neuen Frau und meine Mutter mit ihrem neuen Mann trafen sich auf der Straße vor dem Pantoffelgeschäft, Metzerstraße 42 am Senefelder Platz. Es gab auf offener Straße eine Auseinandersetzung zwischen den beiden Ehepaaren. Grund war meine zukünftige Unterbringung. Eigentlich sollte ich ja zu meiner Mutter ziehen, doch ihr Mann lehnte ab, weil für mich kein Platz in der Wohnung sei. Vater meinte, er könne mich nicht aufnehmen, weil er ja nach Polen müsse. Die Streitigkeiten gingen hin und her und eskalierten.
Irgendwann ging Vater mit seiner Frau fort, auch meine Mutter mit ihrem Mann ließ mich einfach auf der Straße stehen. Da stand ich nun wie ein begossener Pudel, todunglücklich, weil mich niemand haben wollte. Vater erbarmte sich dann doch noch meiner, drehte sich um, nahm mich und brachte mich zu meiner Oma.
Ständig auf Reisen
Dort blieb ich bis 1940, im Laufe des Jahres holten mich mein Vater und seine Frau dann nach Krakau nach.
Wir hatten dort eine Drei-Zimmer-Wohnung. Hannelore, meine Schwester, blieb bei Mutter in Berlin. Vater und seine zweite Frau waren damals bei der Polizei beschäftigt.
Die Schulzeit bis zur vierten Klasse in der Volksschule verlief in Krakau eigentlich ganz normal.
Ich war ein Schlüsselkind, denn Vater und seine zweite Frau arbeiteten ja beide. Vater war sogar des Öfteren länger von uns fort.
Durch die Schule lernte ich viele Jungs kennen, die schon immer in Polen lebten und zu der Zeit als „Volksdeutsche“ galten, denn ihre Muttersprache war Deutsch, obwohl sie nicht in Deutschland lebten. Die Jungs sprachen natürlich auch polnisch, dadurch erlernte ich diese Sprache auch ein wenig. Tagsüber trieben wir uns überall herum und hatten viel Unsinn im Kopf. Ich durfte mit zu den Jungs nach Hause, auch hier haben wir uns ziemlich daneben benommen. Wir waren halt echte Lausbuben. Einmal schenkte mir einer von denen eine Uhr, die ich natürlich ganz stolz annahm. Später behaupteten sie dann, ich hätte mir die Uhr einfach genommen. Es gab einen fürchterlichen Krach zu Hause und zur Strafe musste ich für etwa sechs Wochen in ein Erziehungsheim nach Warschau.
Mit Mutter, so nannte ich Vaters Frau längst, bin ich des Öfteren in die SS-Kaserne gegangen.
Dort lebten Gefangene, ich glaube es waren Juden, die dort arbeiteten. Wir ließen dort arbeiten. Und weil die Menschen dort sehr freundlich waren und uns Leid taten, haben wir immer wieder Lebensmittel oder Zigaretten dort hinein geschmuggelt.
In Krakau habe ich natürlich auch viel gesehen.
Die Marienkirche zum Beispiel oder das Kopernikus-Denkmal. Ich erinnere mich auch noch an die Art Straßenbahn zu fahren. Der vordere Bereich war nur für die Deutschen zugänglich, die anderen – also die Polen – mussten hinten einsteigen. Aber ansonsten war das Leben in Krakau beschaulich und eigentlich ganz normal. Teilweise versorgte ich den Haushalt, ich machte sauber, wusch das Geschirr ab. Auch nach einigen größeren Feiern im Haus übernahm ich die Aufräum-Arbeiten. Taschengeld gab es für uns Kinder nur am Sonntag, damit wir ins Kino gehen und die Eltern mal allein sein konnten.
Im Sommer 1942 war mein Vater im Partisanen-Einsatz. In den Sommerferien ist meine Mutter mit mir zu Vater gefahren. Also haben wir uns auf den Weg gemacht. Mit dem Zug sind wir die ganze Nacht durchgefahren und kamen in der Früh erst an einem verlassenen Haltepunkt an. Vielleicht war es Tomaszow oder Samosz.
Auf jeden Fall befanden wir uns im Partisanengebiet. Vater wusste natürlich nicht, wann wir ankommen würden und konnte uns auch nicht abholen. Also marschierten wir beide los. Es war heiß, die Sonne brannte vom Himmel. Wir liefen, kein Mensch war zu sehen auf der Landstraße. Allerdings entdeckten wir immer wieder Leute, die sich ganz schnell vor uns versteckten. Ich weiß noch, dass ich den Sommerhut meiner Mutter trug, weil die Sonne so sehr brannte.
Wir sahen Männer mit Nutztieren, meine Mutter meinte: „Das sind Hirten.“ Ob sie damals schon wusste, dass es sich um Partisanen handelte, weiß ich nicht.
In welche Gefahr wir uns begeben hatten, kann ich erst heute nachvollziehen. Wir sind stundenlang gelaufen, die Kaserne, in der mein Vater stationiert war, erreichten wir erst am späten Vormittag.
Als er erfuhr, welchen Weg wir zurückgelegt hatten, wurde er bleich und meinte: „Seid ihr denn wahnsinnig, dieses Gebiet durchqueren wir nur im Sicherungskonvoi!“
Meine Stiefmutter und ich
Manchmal machte ich auch Urlaub bei meiner Oma in Berlin. Oma Malzbier nannte ich sie liebevoll und das aus gutem Grund: Oma und ich sind oft an die Spree hinunter gelaufen, dort, etwa da, wo heute das Regierungsviertel ist, legten die „Äppelkähne“ aus dem Spreewald an und es wurden Obst und Gemüse ausgeladen. Dort haben wir Fallobst gekauft. Oma hatte eine Email-Kanne mit fünf Liter Inhalt.
Oma Malzbier
Darin trugen wir Malzbier nach Hause. Dort haben wir das Malzbier in Flaschen umgefüllt, die wir vorher mit Schrot gereinigt hatten. In den Ferien gab es dann zum Abendbrot ein Glas Malzbier. Taschengeld gab es für uns Kinder keines, darum habe ich ab und zu ein bisschen was stibitzt, damit ich mir auch mal eine Wundertüte oder Kuchenkrümel kaufen konnte. Fünf Pfennig hat das gekostet, wir haben dazu „Sechser“ gesagt. Das Leben war eben so, in der damaligen Zeit.
Bis zur vierten Klasse in der Volksschule in Krakau. Ich hatte schon die Zulassung für die Mittelschule in der Tasche. Daraus wurde nichts mehr, weil der Befehl zur Kinderlandverschickung nach Horst Seebad uns erreichte. Jetzt hieß es für alle deutschen Kinder, ihr bisschen Hab und Gut zusammenraffen und ab in Richtung Deutschland. Wie genau die Abreise von statten ging, weiß ich heute nicht mehr. Doch an die Fahrt in den Güterzügen kann ich mich noch erinnern. Die Wagons waren spärlich mit Stroh und Decken ausgestattet. Erste Station dieser Reise ins Ungewisse war das früher deutsche Horst Seebad. Nicht lange dauerte der Aufenthalt hier, denn die russische Front rückte unaufhaltsam näher. Also hieß es für mich wieder einmal, meine sieben Sachen zusammenpacken und weiter ziehen. Bis nach Bansin, hier hatte man uns in einem Hotel einquartiert. 1996 wurde dieses Hotel abgerissen.
Unser Tagesablauf bestand aus morgendlichem Unterricht beim KLV-Lagerleiter und am Nachmittag aus verschiedenen Freizeit-Aktivitäten. Vor allem an den Winter 1944/45 erinnere ich mich noch sehr genau. Es war bitterkalt, die Ostsee zugefroren. Ich weiß, dass ich wagemutig über die Eisschollen gelaufen bin und mir ein paar Mädchen zusahen, die schon etwas älter als wir Jungs und ebenfalls in Bansin Quartier bezogen hatten.
Unser Fähnleinführer war ein unsympathischer Zeitgenosse, der sich vor den jungen Dingern aufspielen wollte. Er drangsalierte uns Jungs, wann immer er konnte – nur um den Mädchen zu imponieren. Unter anderem hat er uns, bevor die Ostsee zufror, ins eisige Wasser geschickt. Doch hatte er die Rechnung ohne die Mädchen gemacht, die ihn wütend beschimpften und im vorwarfen: „Wie kannst du die Kinder nur so schikanieren!“, einen positiven Eindruck hat er in jedem Fall nicht hinterlassen.
