Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im Jahr 2052 experimentiert eine Gruppe von »Connectoren« mit ihrer Fähigkeit, psychoneuronale Verbindungen zu anderen Menschen herzustellen. Völlig unerwartet schaffen sie eine mentale Verbindung zu Siegfried von Xanten, dem Helden des Nibelungenliedes. So können sie die Frage beantworten ob das Nibelungenlied tatsächlich, wie immer behauptet, nur eine Sage ist, in der einige wenige wahre Ereignisse umgedeutet, ausgeschmückt und neu interpretiert werden. Was geschah in der Mitte des fünften Jahrhunderts wirklich? Hat Siegfried von Xanten den Drachen wirklich erschlagen? Allein? Nur mit einem Schwert bewaffnet? Und wie ist er an den sagenhaften Schatz der Nibelungen gekommen? Konnte Siegfried sich wirklich tarnen, unsichtbar machen? Unter welchen Umständen wurden Siegfried und Kriemhild ein Paar? Hat Hagen von Tronje tatsächlich Siegfried ermordet? Und wenn ja, aus welchen Motiven? In diesem Roman erfahren Sie durch die Connectoren, was wirklich geschah. Und zum Entsetzen einiger Connectoren wiederholen sich manche Ereignisse der Sage in ihrer Zeit.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Prolog
1 - Die Connectoren: Vorlesung
2 - Die Connectoren: Future Communication
3 - Nibelungensage: Unterwegs zu Mime
4 - Die Connectoren: Experiment I
5 - Die Connectoren: Zweifel
6 - Nibelungensage: In Mimes Schmiede
7 - Die Connectoren: Experiment II
8 - Die Connectoren: Bei den Externsteinen
9 - Die Connectoren: Im Turmfelsen
10 - Nibelungensage: Kampf mit dem Drachen
11 - Die Connectoren: Experiment III
12 - Die Connectoren: Komplikationen
13 - Die Connectoren: Training
14 - Nibelungensage: Siegfried lernt
15 - Die Connectoren: Der Reporter
16 - Nibelungensage: Gold der Nibelungen
17 - Nibelungensage: Fortschritte
18 - Die Connectoren: Befürchtungen
19 - Nibelungensage: In Worms
20 - Die Connectoren: Bekenntnisse
21 - Nibelungensage: Kriemhild und Siegfried
22 - Die Connectoren: Gefahr
23 - Die Connectoren: Julia
24 - Die Connectoren: Chaos
25 - Nibelungensage: Hagen von Tronje
26 - Die Connectoren: Tom Eynor
27 - Die Connectoren: Eskalation
28 - Die Connectoren: Tödlicher Unfall
Hagen von Tronje blickte grimmig auf Siegfried, der auf einer Waldlichtung im Kreis einiger Gefolgsleute stand. Siegfried erzählte von seinen Abenteuern, die er bei der gerade zu Ende gegangenen Jagd erlebt hatte. Sehnsüchtig blickte Hagen auf Siegfrieds um die Hüften gegürtetes Schwert Balmung, das von den Strahlen der schräg stehenden Abendsonne in ein goldenes Licht getaucht wurde. Obwohl Siegfried die Burgunder um mehr als Haupteslänge überragte, hatte er sich auf einen großen Felsbrocken gestellt, damit ihn wirklich jeder sehen konnte.
Er unterstrich seine Schilderung mit weit ausholenden Bewegungen seiner muskelbepackten Arme. Über seinen breiten Schultern schwenkte er den Kopf mit dem blonden Haar von einem Zuhörer zum nächsten, immer mit einem überheblich wirkenden Lächeln im Gesicht.
»Dir wird das Lachen bald vergehen«, murmelte Hagen vor sich hin. Er drängte sich in den Kreis der Zuhörer.
»Ich möchte dich zu einem kleinen Wettlauf herausfordern«, sagte er zu Siegfried. Er wusste, dass der jede Herausforderung annehmen würde, um seine Überlegenheit zu demonstrieren. »Am Ende dieses Pfades hier befindet sich eine Quelle mit köstlich frischem Wasser. Wir wollen sehen, wer als Erster dort ist, du, König Gunther oder ich.«
»Wenn ihr den Tag mit einer Niederlage abschließen wollt, von mir aus gern«, sagte Siegfried. Dann befestigte er den Schild am linken Arm, nahm mit der rechten Hand den Speer und sagte: »Ich bin bereit.«
Gunther, der neben Hagen stand, blickte erschrocken auf Siegfried. »Willst du mit allen Waffen laufen?«
»Natürlich, sonst wäre es doch ungerecht. Ich laufe mit meinen Waffen, ihr dagegen könnt es euch nur im Wams leichter machen. Ich werde zwar trotzdem gewinnen, aber so ist es wenigstens eine kleine Herausforderung für mich«, antwortete Siegfried.
»Dieser überhebliche Widerling«, dachte Hagen. »Damit hätte ich rechnen müssen.«
Siegfried, Gunther und Hagen nahmen nebeneinander Aufstellung, und auf das Startzeichen eines Knechts begannen sie mit dem Wettlauf.
»Siegfried muss sterben«. Der Gedanke, der Hagen schon seit einiger Zeit beherrschte, pulsierte erneut durch sein Gehirn. Und wieder war ihm, als würde eine Stimme in seinem Kopf diesen Satz eindringlich, fast beschwörend wiederholen.
Hagen atmete heftig. Er hatte diesen Wettlauf zur Quelle geplant, er sollte mit Siegfrieds Tod enden. »Das wird schwieriger als erwartet, da er alle seine Waffen bei sich hat«, dachte Hagen.
Er musste sich mehr anstrengen, als er vermutet hatte, um nicht zu weit hinter Siegfried zu bleiben. Leicht versetzt hinter sich hörte er Gunther, der schon am Ende seiner Kräfte schien. Siegfried hatte einen beträchtlichen Vorsprung, obwohl er in voller Montur lief.
Dann sah Hagen weit vor sich, wie Siegfried einige Meter vor der Quelle stehen blieb, den Speer mit der Spitze in den Boden rammte und Schwert und Schild fallen ließ.
»Beeilt euch, sonst trinke ich die Quelle leer, bevor ihr da seid«, hörte er ihn spöttisch rufen. Dann schritt Siegfried gemächlich zum Wasser, kniete sich nieder und begann in langen, durstigen Zügen zu trinken.
Als Hagen Siegfrieds Waffen erreicht hatte, hielt er einen Augenblick an, bis Gunther bei ihm war. »Du nimmst sein Schwert sowie den Schild und verschwindest sofort «, flüsterte Hagen mit vom Laufen gepresster Stimme zu dem heftig keuchenden Gunther. »Ich nehme den Speer und erledige den Rest.«
Er zog den im Boden steckenden Speer heraus, lief die wenigen Schritte zur Quelle und stieß die Waffe in einer fließenden Bewegung mit voller Wucht in den Rücken des vor ihm knienden Siegfried. Es war ein Präzisionsstoß, genau in die Stelle, wo ein Fleck zwischen den Schulterblättern neben der Wirbelsäule hellblau schimmerte. Siegfried hatte keine Chance. Blut spritzte aus der Wunde. Er fuhr auf, drehte sich um, sein Gesicht drückte Erstaunen und Entsetzen aus. Sein Blick irrte umher, als suche er nach Balmung, seinem Schwert.
»Was ist …«, stammelte er nur noch, bevor das Blut in hellem Strom aus seinem Mund schoss. Die Spitze des Speers ragte aus seiner Brust. Sein Blick fiel auf den in einiger Entfernung stehenden Gunther, der ihn mit Balmung in der Hand anstarrte. Dann stürzte er zu Boden. Siegfried war tot.
*
In einem anderen Universum dieser Welt, zur exakt gleichen Zeit, doch nach menschlicher Zeitrechnung mehr als 1650 Jahre entfernt, starb Adrian. Er lag in einem Gerät, einem Computertomografen ähnlich. An seinem Rücken, zwischen den Schulterblättern neben der Wirbelsäule war eine handtellergroße kreisrunde Metallplatte befestigt, von der ein hellblau schimmerndes Strahlen ausging. Genau gegenüber auf der Brust saß eine zweite, ebenfalls strahlende Platte. Von beiden führten dicke Kabel zu einem großen Schaltschrank. Ein rotes Signallicht am Schrank blinkte, im gleichen Rhythmus war ein Signalton zu hören, der nun in einen anhaltenden Dauerton überging. Das hellblaue Leuchten erlosch. Adrian war tot.
»Über Spiegelneurone wurde zum ersten Mal vor genau sechzig Jahren berichtet. Seither hat unser Wissen über dieses Phänomen enorm zugenommen. Heute bezeichnen wir die dabei im Gehirn ablaufenden Vorgänge als psychoneuronale Verbindungen«. Die Professorin Anne Villon befand sich in ihrem Element. Die Vorlesung ›Psychoneuronale Verbindungen‹ war ein Hit im Fachgebiet Biopsychologie an der zentraleuropäischen Universität Straßburg.
Der Hörsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Noch während ihrer einleitenden Worte legte Anne Villon ihr gut und gerne vierzig Jahre altes Netbook auf das Rednerpult. Da hörte sie, wie ein Student irgendwo im Hörsaal laut und deutlich rief »das Ding ist sicher älter als Sie selbst, Frau Professor«.
»Stimmt«, sagte sie freundlich lächelnd. »Ich mag diese antiquierte Technik einfach. Wahrscheinlich halten Sie mich jetzt für hoffnungslos altmodisch.« Sie war sich der Koketterie ihrer Äußerung bewusst, denn sie war nach dem letzten Stand der Mode gekleidet. Für den hautengen, figurbetonten schwarzen Anzug mit matt glänzenden, alufarbenen Applikationen hatte sie erst vor ein paar Tagen sündhaft viel Geld ausgegeben. Sie spürte die bewundernden Blicke vor allem der männlichen Studenten auf ihrer schlanken, sportlichen Figur.
»Aber zurück zum Thema. Damals, im Jahr 1992, entdeckte man bei Primaten, dass die Beobachtung bestimmter Handlungen anderer Primaten in ihrem Gehirn die gleichen Aktivitätsmuster auslösten wie bei denjenigen, welche die Handlungen ausführten. Es dauerte noch bis 2010, ehe Spiegelneuronen auch bei Menschen zweifelsfrei nachgewiesen werden konnten. Man ging davon aus, dass Spiegelneuronen zur Fähigkeit der Empathie, des Mitgefühls, beitragen und dass sie das Lernen durch Imitation ermöglichen. Wir wissen heute sicher, dass das so ist, aber – wie schon gesagt – wir wissen noch viel mehr. Sie haben vom aktuellen Stand der Forschung gehört und gelesen, das Neueste werde ich Ihnen heute anhand eines kleinen Experimentes vorführen.«
Plötzlich spürte sie ein kurzes Aufblitzen in ihrem Kopf, das sie zusammenzucken ließ. Aber gleich interpretierte sie das als Folge der kleinen Party von gestern Abend. Sie hatte wohl ein Glas zu viel getrunken. Auch weil sie abwarten wollte, bis das bei ihren Worten entstandene erwartungsvolle Gemurmel abgeklungen war, machte sie eine kurze Pause. Was war das gewesen? Anne Villon war nur einen Moment verunsichert, dann aber sofort wieder voll konzentriert. Offensichtlich hatte niemand ihre kleine Irritation bemerkt.
In der Zwischenzeit hatte sich die Tür hinter ihrem Rücken geöffnet und zwei junge Männer waren neben sie ans Rednerpult getreten. Die Professorin strich sich mit der Hand über die Stirn und wischte ihren nach vorn gefallenen blonden Zopf zur Seite. Sie wandte sich wieder an ihr Publikum.
»Sie kennen ja unseren Assistenten am Institut, Herrn Ilgen. Und das hier ist Kevin Muth. Kevin ist einer der wenigen Menschen, die wir mit dem Begriff Connectoren bezeichnen. Sie alle wissen aus Berichten in den Medien und den Vorlesungen zu Beginn des Semesters, was ein Connector ist.« Nun herrschte im Hörsaal eine gespannte, lautlose Aufmerksamkeit.
Auf der Bühne des Hörsaals hatte Anne Villon ein Sensotron installieren lassen. Die Apparatur bestand aus einer Liege, die sich automatisch einem darauf liegenden Körper anpassen konnte und einem in Kopfhöhe angebrachten armdicken silbernen Ring von ungefähr einem Meter Durchmesser. Mehrere von diesem Ring ausgehende Leitungen mit unterschiedlich großen Elektroden lagen auf der Liege. Dicke Kabel verbanden den Ring mit einem Hochleistungscomputer und einer Hochvoltsteckdose. Mit diesem Instrument wurden psychoneuronale Verbindungen verstärkt und stabilisiert. Die Professorin hatte keinen Aufwand gescheut, um ihren Studenten das bahnbrechende Experiment vorzuführen.
Wieder irritierte Anne Villon etwas. Sie war sich sicher: Diesmal musste es allen im Hörsaal auffallen. Sie griff sich mit beiden Händen an die Schläfen und schüttelte den Kopf. Was hatte sie?
Doch sie hatte sich schnell wieder gefangen. »Ich werde Ihnen gleich den Ablauf des Experimentes schildern«, begann sie. »Aber zunächst suche ich jemanden, der bereit ist, eine psychoneuronale Verbindung mit Kevin einzugehen. Um Ihnen gleich jede Befürchtung zu nehmen, dass Kevin zu viele persönliche oder gar intime Kenntnisse über diese Person erlangt, werden wir Kevins Connectorneuronen nur im Bereich der visuellen Wahrnehmung und nur für die Dauer des Experiments aktivieren. Gibt es dazu Fragen?«
Schon wieder hatte es im Kopf von Anne Villon geblitzt, und es war ein Bild entstanden, das nach dem Bruchteil einer Sekunde wieder verschwunden war. Für diesen winzig kurzen Moment hatte sie sich selbst am Rednerpult stehen sehen, und zwar aus der Perspektive des Hörsaals heraus. Es war so gewesen, als hätte sie eine ganz und gar unbeabsichtigte, von ihr selbst nicht initiierte psychoneuronale Verbindung mit einer Person hier im Hörsaal. Sie schüttelte den Kopf. »Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, das kann gar nicht sein. Ich habe gestern wohl wirklich etwas zu viel getrunken«, dachte sie.
Sie zwang sich zur Konzentration auf die Vorlesung und forderte die Studenten noch einmal auf, Fragen zu stellen.
Im Hörsaal herrschte zunächst gespanntes Schweigen. Dann kam doch eine Frage aus dem Publikum. »Können wir anschließend mit dem oder der Freiwilligen über ihre Erfahrungen und Empfindungen sprechen?«
»Selbstverständlich«. Die Antwort von Anne Villon kam mit merklicher Verzögerung. Sie registrierte, dass ihre Stimme ungewöhnlich leise und wahrscheinlich kaum zu verstehen war.
»Wie ist Kevins Befähigung für psychoneuronale Verbindungen entdeckt worden?«, kam eine zweite Frage hinterher. Die Fragestellerin war eine überdurchschnittlich große, sehr sportlich wirkende Studentin.
Die Professorin drehte sich zu Kevin. »Kannst du selbst etwas dazu erzählen?«
»Klar, mach ich gerne. Wie alle wahrscheinlich wissen, wurde kurz nach der Entdeckung des Phänomens der psychoneuronalen Verbindung ein großes Testprogramm aufgelegt, bei dem sich jeder daraufhin untersuchen lassen konnte, ob er die notwendigen Voraussetzungen dafür hat. Das begann vor ungefähr achtzehn Monaten. Ich habe mich gleich zu Beginn gemeldet. Seitdem bin ich im Trainingsprogramm.«
»Ja, ich war selbst beim Test, aber leider bin ich nicht geeignet«, entgegnete die Studentin. Der Ärger darüber war an ihren grimmig zusammengezogenen Augenbrauen zu erkennen. »Wie viele der Getesteten haben denn die Fähigkeit?«
Auf diese Frage antwortete die Professorin, die sich inzwischen wieder gesammelt hatte. »Wir haben hier bei uns etwas mehr als achthundert Personen getestet, an drei anderen europäischen Universitäten weitere zweitausend. Davon haben rund zehn Prozent die Veranlagung, aber nur bei knapp einem Drittel dieser Personen ist es gelungen, daraus eine tatsächlich anwendbare Fähigkeit zu entwickeln. Kevin ist einer der erfolgreichen Connectoren.«
»Ich weiß, dass Sie auch eine Connectorin sind«, klang eine Stimme in Annes Kopf. Sie war entsetzt. Wie konnte das sein? Hatte da jemand wirklich eine psychoneuronale Verbindung mit ihr aufgenommen? Ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren. Es musste wohl so sein, es gab keine andere Erklärung. Was da geschah, ging weit über die bisher in der Wissenschaft bekannten Möglichkeiten hinaus. Sie musste den unbekannten Connector entdecken und herausfinden, wie er die Verbindung hergestellt hatte.
Inzwischen war an einer anderen Stelle im Hörsaal ein allmählich lauter werdendes Gemurmel entstanden. Als die Professorin irritiert hinüberschaute, meldete sich ein Student zu Wort. »Diese Statistiken sind doch allen hier bekannt, und falls nicht, kann man das nachlesen. Wenn wir die Stunde weiter verquatschen, kommen wir nicht mehr zur Demonstration von Kevins Fähigkeiten, also lasst uns endlich anfangen.«
»Da haben Sie recht«, stimmte Anne Villon zu, erleichtert, dass die Aufmerksamkeit der Studentinnen und Studenten sich nun auf das Experiment und die damit befassten Personen richten würde. »Weitere Fragen können wir dann ja noch hinterher beantworten. Wer meldet sich für das Experiment?«
Mehrere Finger gingen spontan in die Höhe.
Die Studentin, die Kevin befragt hatte, ergriff sofort die Initiative und rief: »Bitte lasst mich das machen.« Andere Stimmen wurden laut, für einen Moment wurde es sehr unruhig im Hörsaal.
»Ruhe bitte«, ließen sich Anne Villon und Kevin fast gleichzeitig hören. Nach wenigen Augenblicken legte sich der Lärm. Die Professorin sah zu der Studentin, die sich gleich zu Beginn gemeldet hatte, und fragte sie, ob sie das wirklich machen wolle.
»Ich kann ja laut Testergebnis nie die Rolle eines Connectors übernehmen. Aber die andere Seite, die der Partnerin in einer Verbindung, das möchte ich wahnsinnig gern einmal erleben«, antwortete die Studentin.
Die Professorin lächelte sie freundlich an. »Da wir jetzt nur eine der vielen Meldungen berücksichtigen können, bin ich einverstanden, dass Sie das heute machen. Im weiteren Verlauf des Semesters werden sich zusätzliche Möglichkeiten für andere ergeben.« Dann wandte sie sich zu Kevin. »Das letzte Wort hast aber du, Kevin. Einverstanden?«
»Von mir aus, gerne.« Kevin lächelte die Studentin an. »Wie heißt du?«
»Ich bin Julia, im dritten Semester Biopsychologie. Was muss ich tun? Wie merke ich, dass die Verbindung aufgebaut ist?«
Anne Villon antwortete: »Kevin wird sich gleich auf die Liege hier in unserem Sensotron legen. Herr Ilgen wird Elektroden an seinem Kopf anbringen, im Bereich des primären visuellen Cortex, und dort einen Magnetfeldresonator anschalten.«
»Eigentlich ist das nicht mehr nötig«, sagte die Stimme in Annes Kopf.
»Natürlich ist das nötig«, entgegnete die Professorin spontan und so laut, dass es jeder hören konnte. Kevin schaute sie irritiert an. Am liebsten hätte sich Anne Villon die Zunge abgebissen.
Sie konzentrierte sich und schickte einen Gedanken in den Raum: »Wer Sie auch immer sind, stören Sie bitte die Vorlesung nicht weiter, wir sollten hinterher reden.« Ihr Blick wanderte wie von selbst zu einem Mann in der Mitte der zweiten Reihe. Der nickte ihr lächelnd zu.
Kevin hatte sich inzwischen zu Julia gewandt. »Du musst dich hier vor der Bühne hinstellen, damit ich dich im Fokus habe, und in einem Radius von zwei Metern um dich herum niemand zu sehen ist. Ich will mich nicht aus Versehen mit einer anderen Person verbinden.«
»Okay.« Julia erhob sich und begann, sich durch die Sitzreihen zur Bühne zu drängen.
»Stopp, stopp, nicht so schnell, du brauchst noch etwas«, rief Kevin.
»Was denn?«
»Ein Textdokument, aus dem ich vorlesen werde. Es darf nichts Elektronisches sein, damit sichergestellt ist, dass ich das nicht per Funk anzapfe. Irgendjemand hat doch sicher ein auf Papier gedrucktes Buch dabei.«
Ein Student hinter Julia rief »Ich habe ein Buch, es ist eine antiquarische Ausgabe vom –«, wurde aber sofort von Kevin unterbrochen.
»Den Titel nicht verraten, ich soll das nicht wissen. Gib es einfach Julia, die kann es mitbringen, aber so, dass ich nichts davon sehe.«
Der Student reichte Julia ein in braunes Leder gebundenes Buch. »Geh bitte sorgsam damit um«, sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. »Das ist sehr alt und kostbar.«
Julia nahm das Buch, klemmte es unter den Arm und stellte sich an die von Kevin bezeichnete Stelle vor der Bühne. Kevin selbst ging zum Sensotron, legte sich auf die Liege, und der Assistent der Professorin befestigte Elektroden an seinem Kopf im Bereich des primären visuellen Cortex.
»Hoffentlich gibt es keine Schwierigkeiten«, dachte Anne Villon. »Es wäre schlimm, wenn sich der unbekannte Connector in das Experiment einmischen würde.«
»Keine Sorge, ich werde nichts tun«, beschwichtigte sie sofort die Stimme im Kopf. Anne Villons Erregung stieg weiter an. Hoffentlich konnte sie diesem Menschen bald auf den Zahn fühlen.
In der Zwischenzeit hatte Kevin begonnen, das weitere Vorgehen zu erklären.
»Julia, ich werde dich gleich ansehen und die Impulse der in deinem Wahrnehmungssystem feuernden Neuronen über den Verstärker empfangen. Dabei wirst du in deinem Kopf einen kurzzeitigen leichten Druck verspüren und ein kleines, ebenfalls kurzes Blitzen. Wenn die Verbindung steht, wirst du rund vierzig Millisekunden lang die Welt mit meinen Augen sehen. Das hört dann sofort wieder auf. Wir wissen noch nicht, warum das so geschieht.«
»Ich gehe davon aus, dass das nicht schmerzhaft ist, und dass ich keine Schäden davontrage.« Julia wirkte gelassen und cool, als würde sie jeden Tag eine derartige Prozedur mitmachen.
»Das ist selbstverständlich«, schaltete sich Anne Villon wieder in das Geschehen ein.
Kevin fuhr fort: »Wenn die Verbindung steht, gebe ich dir ein Zeichen. Du schlägst dann das Buch an einer beliebigen Stelle auf und schaust hinein, sagst aber bitte kein Wort. Ich werde den Text durch deine Augen sehen und daraus vorlesen. Alles in Ordnung so weit?«
»Ja, wir können anfangen«.
Kevin richtete den Blick auf Julia. Man sah eine ganz kurze, leichte Bewegung ihres Kopfes. Sie wartete ab. Einen Moment später sagte Kevin, sie solle nun das Buch aufschlagen und hineinsehen.
Julia öffnete das Buch irgendwo in der Mitte und sah auf den Text. Sie stutzte einen Moment, wirkte dann aber ganz beherrscht. Auch Kevin schien kurz überrascht zu sein, bevor er mit dem Vorlesen begann: »Bei dem Koitus bewundere sie seine Arten des Verfahrens, lerne die vierundsechzig Künste und ahme die von ihm gelehrten Künste alsbald nach.«
Brüllendes Gelächter brandete auf, Kevin brach ab.
»Entschuldigung, Julia, wir haben nicht damit gerechnet, dass sich hier auch pubertierende Knaben unter die Studenten gemischt haben.« Anne Villon sah verärgert den Studenten an, der Julia das Buch gegeben hatte. »Das war Ihrer Kommilitonin gegenüber wirklich unfair. Ich hätte gute Lust, Sie aus dem Hörsaal zu werfen.«
Doch Julia, die inzwischen den Titel des Buches gelesen hatte, entgegnete in lässigem Ton: »Ach, der Knabe tut mir eher leid, wenn er das Kamasutra braucht, um auch mal etwas Erotisches zu erleben. Ich halte es für unnötig, eine große Szene daraus zu machen.«
Als Julia das sagte, nickte die Professorin. »Gut, wenn Sie das so sehen, dann lassen wir es auf sich beruhen.« Sie war erleichtert, dass die Angelegenheit ohne weitere Folgen abgeschlossen war, aber sie war andererseits immer noch nervös und angespannt, weil sie endlich wissen wollte, was es mit dem geheimnisvollen Connector im Hörsaal auf sich hatte. Sie beschloss, den Vorfall mit dem Kamasutra als Vorwand für den Abbruch der Vorlesung zu verwenden.
»Ich werde für heute die Vorlesung beenden. Ich glaube nicht, dass jetzt noch die nötige Aufmerksamkeit für die zweite Phase des Experiments vorhanden ist. Das werden wir nächste Woche weiterführen und dann werden Sie alle erleben, wie weit wir inzwischen bei der Erforschung des Phänomens der psychoneuronalen Verbindungen gekommen sind. Vorausgesetzt natürlich, die Kindsköpfe unter Ihnen können dann dem Versuch mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Aufmerksamkeit folgen.«
Mit diesen Worten packte die Professorin ihr Netbook in ihre Tasche und sah zu dem Mann in der Mitte der zweiten Reihe, der ihr während der Vorlesung eine psychoneuronale Verbindung aufgezwungen hatte. Er saß ruhig auf seinem Stuhl und wartete, bis alle anderen den Hörsaal verlassen hatten. Dann kam er nach vorne.
*
Er war deutlich älter als die übrigen Studenten, sicher schon über vierzig Jahre, schlank, in lässigen, sportlich wirkenden Freizeitlook in schwarz-grau gekleidet. Sein Gesicht unter dem dichten, kurz gehaltenen schwarzen Haar war lang gezogen, das Kinn energisch und eckig. Zwischen seinen schwarzen Augenbrauen zeigte sich eine senkrechte Falte. Er lächelte freundlich zu der Professorin.
»Wie konnten Sie es wagen?«, fuhr sie ihn empört an. »Was Sie getan haben, widerspricht den ethisch-moralischen Verpflichtungen für Connectoren. Sie dürfen ohne Einwilligung der Betroffenen mit niemandem eine Verbindung aufnehmen.«
»Entschuldigen Sie, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Wenn ich Sie erschreckt habe, tut mir das leid.« Trotz der verbindlich klingenden Worte machte der Fremde keineswegs einen zerknirschten Eindruck, im Gegenteil, das Lächeln stand noch immer in seinem Gesicht.
Anne Villon war nicht so leicht zu besänftigen. »Ich finde das unmöglich«, sagte sie. »Nennen Sie mir Ihren Namen, ich werde mich bei der Ethik-Kommission der Connectoren über Sie beschweren.«
»Ich heiße Tom Eynor, aber die Mühe mit der Beschwerde können Sie sich sparen.«
»Wieso, haben Sie etwa besondere Beziehungen zur Kommission? Egal, das wird Ihnen nichts nützen.« sagte die Professorin mit kalter Stimme.
Tom Eynor wirkte ganz gelassen. »Für die Kommission existieren nur Connectoren, die am offiziellen Test teilgenommen und eine Ausbildung an einem der Universitätsinstitute absolviert haben. Das trifft beides nicht auf mich zu. Deswegen kennt die Kommission mich nicht und kann mir auch keine Sanktionen auferlegen.«
Anne Villon starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. »Kein Test? Keine Ausbildung? Das glaube ich Ihnen nicht.« Als er sie nur weiter freundlich lächelnd ansah, fuhr sie fort. »Das müssen Sie mir erklären, und auch, wie Sie das gemacht haben. Sie haben ja kein Sensotron benutzt.« Die professionelle Neugier der Professorin gewann die Oberhand. Sie verdrängte ihren Ärger.
»Alles jetzt im Detail zu erklären, würde zu lange dauern. Ich kann Ihnen nur sagen, dass es eine intensive Forschung zu psychoneuronalen Vorgängen gibt, die außerhalb ihrer universitären Welt stattfindet.«
»Psychoneuronale Forschung außerhalb der Universitäten?«, fragte die Professorin zweifelnd. »Davon habe ich noch nie gehört, das kann ich mir auch nicht wirklich vorstellen.«
»Und doch existiere ich als Connector, der nie eine Forschungseinrichtung oder ein Trainingszentrum an einer der Universitäten von innen gesehen hat. Das können Sie ja leicht überprüfen.« Tom Eynor war anzumerken, dass er das Erstaunen der Professorin genoss.
Die zog nun ihr altes Netbook wieder hervor und loggte sich in die vertrauliche Datenbank ein, in der alle Connectoren verzeichnet waren.
»Sie haben recht«, musste sie zugeben, »zumindest wenn Sie mir Ihren echten Namen genannt haben. Mit ›Tom Eynor‹ ist tatsächlich niemand eingetragen. Ich werde Sie trotzdem melden. Die Ethik-Kommission wird sich brennend dafür interessieren, wer da im Verborgenen forscht und sich dabei weder um den Schutz der Privatsphäre noch um andere Persönlichkeitsrechte kümmert. Ich bin überzeugt, die werden ihnen genau auf die Finger schauen.«
»Das könnte ich wahrscheinlich nicht verhindern. Aber vielleicht kann ich Sie ja noch überzeugen, keine Meldung zu machen.«
»Da bin ich mal gespannt, wie Sie das anstellen wollen.«
»Ich habe diese psychoneuronale Verbindung nur aufgebaut, um Ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.«
»Aufmerksamkeit wofür? Sie sollten mir auch genau erklären, wie Sie das angestellt haben.
»Nun sind wir beim Thema.« Tom Eynor nickte zufrieden.». Ich bin Geschäftsführer eines Unternehmens, das sich unter anderem mit anwendungsorientierter psychoneuronaler Forschung befasst. Wir haben gewaltige Fortschritte erzielt, von denen Sie nur träumen können. Ein Beispiel haben Sie ja gerade erlebt.«
»Und was genau wollen Sie von mir?«
»Sie sind die führende Kapazität für psychoneuronale Forschung in der Wissenschaft. Wir wollen Ihnen eine Zusammenarbeit anbieten.«
Anne Villon war weiter misstrauisch. »Wenn Sie so viel weiter sind als wir an der Universität, was versprechen Sie sich von meiner Mitarbeit?«
»Um ehrlich zu sein, mit unserer Forschung hatten wir bisher nur ein paar – wenn auch grandiose – Zufallstreffer. Wir möchten das Chaos ordnen und planmäßig, wissenschaftlich fundiert arbeiten. Im Vergleich zu den Universitäten haben wir reichlich Kapital, aber wenig wirklich gute Wissenschaftler.« Tom Eynor ließ seine Worte wirken. »Wollen Sie sich das nicht einfach mal ansehen?«
Anne Villon war sich bewusst, dass er sie zu ködern versuchte, ging aber auf sein Angebot ein. »Wenn mich das zu nichts verpflichtet, könnte ich es mir überlegen.«
Tom Eynor wollte die Professorin nicht mehr von der Angel lassen. »Passt es morgen? Im Vorlesungsverzeichnis steht, dass Sie morgen freihaben.«
»Sie wissen ja bestens über mich Bescheid, ich will aber auch Informationen von Ihnen: Wie heißt denn Ihr Unternehmen?«
»Ist es Ihnen recht, wenn wir Sie um neun Uhr bei Ihnen zu Hause abholen? Wir melden uns kurz vorher per Videofon«. Die Frage der Professorin nach dem Unternehmen blieb unbeantwortet, doch sie hakte nach. »Ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe. Ihr Unternehmen?«
»Die Future Communication Company«, antwortete Tom Eynor. Er gab ihr seine Identity-Card. »Bitte, Sie können das überprüfen.«
Die Professorin studierte die Karte ausführlich. »Das scheint zu stimmen, ich werde das aber noch genauer nachprüfen. Wenn alles in Ordnung ist, können Sie mich dann um neun Uhr abholen. So gut, wie Sie informiert sind, kann ich wohl annehmen, dass Sie auch meine Anschrift kennen«, stimmte Anne Villon zu.
Am nächsten Morgen, kurz vor neun Uhr, signalisierte das Videofon an der Wand von Anne Villons Apartment einen Anruf von Tom Eynor. Sie sagte »annehmen«. Sein Bild erschien auf dem Display.
»Guten Morgen, Frau Professor, wie verabredet, unser Shuttle steht für Sie bereit.«
»Oh, sehr gut. Ich brauche nur noch eine Minute.«
Kurz darauf verließ sie den Lift, der sie vom zwölften Stock in das Erdgeschoss katapultiert hatte. In der Empfangshalle des Apartmenthauses wurde sie von Tom Eynor erwartet. Er kam ihr entgegen, schüttelte ihr die Hand und sagte: »Wie schön, dass Sie unsere Einladung annehmen. Unser Team freut sich schon auf Ihren Besuch.«
Auf der Straße vor dem Eingang parkte ein langes schwarzes, eiförmiges Shuttle, dessen transparentes, tief heruntergezogenes Dach den Blick auf eine gemütliche Ledersitzgruppe freigab. Geräuschlos glitt die Eingangstür zur Seite. Sie stiegen ein.
»Bevor wir losfahren, muss ich Sie noch auf eine Bedingung aufmerksam machen, die wir an Ihren Besuch knüpfen«, sagte Tom Eynor. »Wir möchten Sie zu strikter Vertraulichkeit und absoluter Geheimhaltung verpflichten.«
Anne Villon wiegte bedenklich den Kopf. »Das kann ich zwar verstehen, aber ich glaube nicht, dass ich wissenschaftliche Erkenntnisse, die mir der Besuch bei Ihnen eventuell bringt, aus meinem Denken eliminieren kann. Sollte ich also besser wieder aussteigen?«
»Nein, nein«, entgegnete Tom Eynor. »So war das nicht gemeint. Wir sind sicher, dass Sie neue Erkenntnisse mitnehmen werden, und natürlich werden Sie die auch für ihre Forschung nutzen. Im Grund freut uns das sogar und macht uns stolz.«
»Was soll ich denn dann geheim halten?« Anne Villon war etwas ratlos.
»Wir möchten nicht, dass Sie von unserem Unternehmen, von unserer Forschergruppe und unseren Zielen erzählen. Wir werden deswegen die Sichtkuppel unseres Shuttles intransparent machen, sodass Sie nicht sehen, wohin wir fahren. Außerdem wird das ganze System gegen Strahlungen und Magnetfelder abgeschottet. Sie können deswegen während der Fahrt mit niemandem kommunizieren, weder konventionell mit Videofon, noch über psychoneuronale Verbindungen.«
»Das klingt ja sehr geheimnisvoll, fast wie eine Entführung«, entgegnete die Professorin spöttisch. »Muss ich da etwa Angst haben?«
Tom Eynor lachte. »Nein, keineswegs. Sie wissen ja, mit welchem Unternehmen Sie es zu tun haben. Außerdem haben Sie auch mein Bild und meine Stimme gespeichert, sowohl in ihrem Gehirn als auch in ihrem Videofon. Die Sicherheitsbehörden hätten mich gleich am Wickel.«
Auch Anne Villon musste nun lachen. »Ich habe meine Zweifel, ob die Sicherheit Sie schnell genug am Wickel hätte, um mein kostbares Leben zu retten. Aber ich stimme zu, ich werde schweigen wie ein Grab.«
»Sehr schön. Wie schon gesagt, Sie dürfen unter keinen Umständen erwähnen, mit welcher Zielsetzung wir Forschung auf dem Gebiet der psychoneuronalen Verbindungen betreiben, nicht einmal, dass wir das überhaupt tun. Die Details sind hier in diesem Dokument niedergelegt. Bitte lesen Sie das, und wenn Sie unterschrieben haben, können wir losfahren.«
Tom Eynor reichte ihr ein Blatt. Die Professorin überflog schnell den Inhalt.
»Ich hätte nicht gedacht, dass so ein großes renommiertes Unternehmen wie die Future Communication Company geheime Forschung betreibt.«
»Sie werden bald unsere Gründe verstehen«, antwortete Tom Eynor.
»Wow, Sie verlangen eine Million Euro Vertragsstrafe, wenn ich gegen diese Verpflichtung verstoße. Das ist enorm viel Geld.«
»Das müssten Sie ja nur dann bezahlen, wenn wir uns nicht auf eine Zusammenarbeit einigen und Sie an anderer Stelle dann über uns, unsere Ziele und unsere Forschung berichten. Wo liegt da für Sie das Problem?«, versuchte Tom Eynor, die Bedenken der Professorin zu zerstreuen.
»Sie haben recht, diese Verpflichtung kann ich leicht einhalten, da habe ich keine Sorgen.« Sie unterschrieb und gab Tom Eynor das Dokument zurück. Der hielt es vor eine Videokamera und sagte, dass er eine Kopie auf ihr Videofon zu Hause übertrage.
Anne Villon nickte zustimmend, dann sprach Tom Eynor das Kommando »Abschirmung aktivieren«. Die bisher durchsichtige Kuppel verwandelte sich in einen hohen und weiten blauen Himmel, über den kleine, weiße Wolkenhäufchen zogen. Ein weiches, nicht zu intensives Sonnenlicht erfüllte den Raum. Das nächste Kommando ertönte. »Abfahrt, Ziel Zentrale«. Anne Villon spürte, dass das Shuttle abhob und sanft beschleunigte.
»Wir könnten die Zeit bis zur Ankunft an unserem Ziel dazu nutzen, dass ich Ihnen etwas über unser Unternehmen erzähle«, begann Tom Eynor.
»Ja, darauf bin ich sehr gespannt«, antwortete Anne Villon.
»Sie wissen ja schon, dass es um die Future Communication Company geht. Was wissen Sie denn über unser Unternehmen?«
»Sie bieten Videofon- und Medien-Systeme an. Mein Videofon läuft auch über eines ihrer Netze. Wenn ich richtig informiert bin, betreiben sie auch interaktive Erlebniswelten, aber das ist nicht so mein Thema.« Anne Villon sah ihren Gesprächspartner nachdenklich an. »Wollen Sie etwa psychoneuronale Verbindungen als allgemein verfügbares Kommunikationssystem weiterentwickeln?«
»Das ist Zukunftsmusik, da werden wir sicher auch dabei sein, wenn das irgendwann einmal Realität wird«, sagte Tom Eynor, »aber zurzeit haben wir ein anderes Ziel. Es geht um unsere interaktiven Erlebniswelten, mit denen wir den Menschen schon heute spannende Erfahrungen ermöglichen. Aber die Herausforderungen des wahren Lebens kann bisher noch niemand wirklich vermitteln. Das hat schon früher kein Buch, kein Museum, kein Kino und kein Theater vermocht. Auch die von uns angebotenen interaktiven Erlebniswelten erreichen das noch nicht wirklich, obwohl sie dreidimensional und holografisch aufgebaut sind und weit über das hinausgehen, was noch bis vor Kurzem möglich war. Was uns vorschwebt, das kann man nur mit psychoneuronalen Verbindungen schaffen. Das Projekt läuft bei uns unter dem internen Namen PsySensation, und wir sind kurz vor dem Durchbruch.« Tom Eynor lehnte sich selbstzufrieden lächelnd zurück.
»Das kann ich mir nicht wirklich vorstellen, wie soll das funktionieren?«
»Ich will versuchen, es mit einfachen Worten zu erklären. Wir bieten denjenigen, die Interesse haben, in den Nervenkitzel des wirklichen, echten Lebens zu tauchen, die Ausbildung zu Connectoren an. Wir haben eine Methode entwickelt, mit der sehr viele Menschen diese Fähigkeit erwerben können. Mehrere unserer Mitarbeiter, die vorher durch den offiziellen Eignungstest durchgefallen waren, sind von uns schon erfolgreich trainiert worden.« Tom Eynor wartete einen Moment, bis die Professorin sich von ihrer Überraschung erholt hatte.
»Die von uns Ausgebildeten werden dann die Möglichkeit haben, realistische Erfahrungen in Situationen zu sammeln, in die sie sich nie im Leben hineinwagen würden.«
»Haben Sie mal ein konkretes Beispiel, wie das aussehen könnte?«, wollte Anne Villon wissen.
»Stellen Sie sich etwas vor, was Sie schon immer mal erleben wollten, was Sie sich aber nie getraut und deswegen auch nie versucht haben.« Nach einer kurzen Pause legte Tom Eynor nach. »Ich bin sicher, auch Sie haben hin und wieder solche Fantasien, so wie jeder Mensch.«
»Okay, ich denke mir mal was aus.« Anne Villon dachte einen kurzen Moment nach, dann sagte sie: »Wie wär's damit: Ich würde gern mal auf einem Drahtseil über den Grand Canyon laufen, ohne Netz und ohne sonstige Absicherung.«
»Nichts einfacher als das.« Tom Eynor war ganz selbstsicher. »Stellen Sie sich vor, Sie liegen ganz bequem auf einer Liege in unserem Sensotron und haben eine psychoneuronale Verbindung zu einem von uns vermittelten Hochseilartisten, der gerade den Grand Canyon auf einem Seil überquert. Sie sehen mit seinen Augen in den tiefen Abgrund unter Ihren Füßen, Sie fühlen mit seinen Sinnen, wie das Seil unter Ihnen schwankt, Sie merken, wie der Wind an Ihnen zerrt, Sie spüren seine Zuversicht und seine Ängste, als ob es Ihre eigenen wären, und Sie empfinden die Glücksgefühle, wenn Sie dann drüben angekommen sind. Und alles das haben Sie nicht mit einer gewissen Distanz in einer gut gemachten dreidimensionalen Computeranimation gesehen, sondern Sie haben es selbst erlebt, Sie waren wirklich auf diesem Seil, mit all Ihren Sinnen, und trotzdem völlig gefahrlos und ohne Risiko für Ihr Leben.«
Anne Villon war beeindruckt. »Das klingt hochinteressant und faszinierend. Ich kann mir vorstellen dass das für die Future Communication Company ein gigantisches Geschäft wird, wenn es einmal in voller Breite einsatzbereit sein sollte. Erst verdienen Sie an der Ausbildung der Leute, und dann an den vermittelten Erlebnissen. Trotzdem, mir sind bei ihrer Schilderung gleich einige Fragen durch den Kopf gegangen. Ich sehe unter anderem auch ein gravierendes moralisch-ethisches Problem.«
»Zu Ihren fachlichen Fragen wird nachher unser Team versuchen Antworten zu geben, soweit das derzeit überhaupt möglich ist. Wir wissen wirklich noch nicht allzu viel, das ist ja auch der Grund, weshalb wir Sie zur Mitarbeit bewegen wollen. Doch welches moralisch-ethische Problem sehen Sie dabei?« Tom Eynor sah die Professorin auffordernd an.
»Wie wollen Sie verhindern, dass die von Ihnen ausgebildeten Connectoren ihre Fähigkeiten nutzen, um sich in die Wahrnehmungs- und Gefühlswelt X-beliebiger Menschen einzuschalten?«
Tom Eynor nickte zustimmend. »Da sprechen Sie tatsächlich eine Frage an, zu der wir noch keine Antwort haben. Wir haben dazu eine Idee, wissen aber noch nicht, wie wir das realisieren können. Wir stellen uns vor, dass die Connectoren sich nur mit solchen Menschen verbinden können, die ein bestimmtes Codewort in ihrem Gedächtnis gespeichert haben. Außerdem müssten diese in der Lage sein, eine Verbindung wirksam ablehnen zu können. Die Entwicklung in dieser Richtung weiter zu treiben ist eines der Themen, für das wir Sie gerne gewinnen würden.«
*
Mittlerweile hatte das Shuttle angehalten. »Wir sind da«, sagte Tom Eynor. Wie von Geisterhand bewegt, öffnete sich die lautlose Schiebetür und gab den Blick in eine mit Stahl, Glas und Beton futuristisch gestylte Tiefgarage frei. Sie stiegen aus. »Sehr geheimnisvoll«, dachte Anne Villon, »ich weiß wirklich nicht, wo wir sind.«
»Hier entlang, bitte«. Tom Eynor führte sie die wenigen Meter zu einer massiven Stahltür. Dort angekommen sagte er »PsySensation«, und die Tür glitt mit leisem Surren zur Seite.
»Ist das Sicherheitssystem nicht ein wenig simpel, bei all der sonstigen Geheimniskrämerei, die Sie machen?«, fragte Anne spöttisch. »Das Wort PsySensation kann doch jeder sagen, und ihre Stimme kann man aufzeichnen, falls das Klangspektrum ihrer Stimme wichtig sein sollte.«
»Der Empfänger in der Tür reagiert nicht nur auf die Übereinstimmung von gesprochenem Wort und Klangspektrum, sondern prüft auch das von meinem Gehirn ausgehende Denkmuster, wenn ich PsySensation sage. Dieses Denkmuster ist so einzigartig wie eine Genprobe, das ist absolut sicher«, antwortete Tom Eynor.
»Das leuchtet mir ein. Aber wie schaffen Sie es, die von Ihrem Gehirn ausgehenden Impulse so stark und so zielgerichtet zu senden, dass sie ohne gigantisch große Empfangsanlagen erfasst werden können?«
»Genauso, wie wir es schaffen, dass wir als Connectoren selbst diese Impulse ohne zusätzliche Verstärker empfangen und detektieren können. Das zeige ich Ihnen gleich. Kommen Sie erst mal mit in unser Allerheiligstes.« Mit diesen Worten geleitete er sie durch einen modern-nüchtern eingerichteten, menschenleeren Empfangsraum zu einer weiteren Tür, die in das eigentliche Labor führte.
Drinnen sah es ähnlich aus wie in den Anne Villon so vertrauten Forschungslabors an der Universität, nur war alles noch ein wenig moderner, teilweise aber auch rätselhaft. Der Raum wurde beherrscht von einem in der Mitte stehenden Sensotron, das fast so aussah wie die ihr bekannten Geräte aus der Universität. Hier allerdings war die mit Metall verkleidete Spule, die in Kopfhöhe rund um die Liege angebracht war, mindestens viermal so dick wie bei konventionellen Sensotrons. Von der Spule führten mehrere armdicke Kabel zu einem Schaltschrank am Ende des Raumes. Auf einer Konsole neben der Liege lagen zwei mattsilbern glänzende, handtellergroße Metallplatten, die ebenfalls über Kabelstränge mit dem Schrank an der Wand verbunden waren. Die Wände rechts und links im Raum bestanden aus überdimensionalen Displays, welche die dahinter befindlichen Computer verbargen. An der Decke über dem Sensotron war ein großes Touchdisplay in einer Höhe angebracht, die von einem Menschen auf der Liege leicht erreicht werden konnte.
Auf einem der Displays an der rechten Wand war gerade ein überdimensionaler Gehirnscan zu sehen, der sich im Zeitraffertempo änderte. Davor saßen zwei Männer und diskutierten anscheinend über die Bedeutung der Änderungen, die im Scan zu sehen waren. Daneben stand ein weiterer Mann und verfolgte interessiert ihr Gespräch. Als er die Ankömmlinge bemerkte, hob er die Hand zur Begrüßung.
*
»Hallo Tom, da bist du ja!«, rief er erfreut. »Wie ich sehe, hast du unseren Gast mitgebracht. Willkommen in unserem Reich, Frau Professorin Villon!« Er kam herüber und schüttelte Anne Villon die Hand. »Wir haben alle Vorbereitungen getroffen. Ich bin sicher, was wir Ihnen heute zeigen, das haben Sie noch nie gesehen!«
»Das ist unser Vorstand Frank Forster«, erklärte Tom Eynor mit entschuldigendem Blick zu Anne Villon. »Manchmal vergisst er vor lauter Begeisterung für unser Projekt die einfachsten Anstandsregeln.« Dann wandte er sich kopfschüttelnd zu Frank Forster.
»Lass‘ die Professorin doch erst mal ankommen. Außerdem hättest du dich ruhig vorstellen können.«
»Mein Freund und Geschäftsführer Tom ist korrekt wie immer. Bitte entschuldigen Sie meinen Übereifer.« Frank Forster grinste. »Aber glauben Sie mir, Frau Professorin, schon bald werden Sie meine Begeisterung teilen. Und Sie werden uns dafür danken, dass wir Sie eingeladen haben, und sich nichts sehnlicher wünschen, als bei uns mitarbeiten zu können.«
