Sieh hinter die Wolken! - Ute Heymann gen. Hagedorn - E-Book

Sieh hinter die Wolken! E-Book

Ute Heymann gen. Hagedorn

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Beschreibung

In dieser Sammlung von Kurzgeschichten erkennt man, dass Ute Heymann gen. Hagedorn ihren Mitmenschen genau zuhört und auch wahrnimmt, was unausgesprochen zwischen den Zeilen steht. Was sie aufschnappt, setzt sie mit einem Augenzwinkern in ihren Geschichten wieder zusammen, so dass sich der Leser schnell darin wiederfindet. Ganz gleich, ob es um die Kommentare geht, die kinderlose Frauen von ihren Mitmenschen zu hören bekommen, um die Nöte des Älterwerdens, oder um die innere Zerrissenheit, wenn das bisher als heil und sicher empfundene Leben durch ein unmoralisches Angebot in Frage gestellt wird. Immer geht es der Autorin um Sorgen, Kummer oder Angst vor Entscheidungen, wie wir sie alle kennen. Wobei es in jeder Geschichte ein überraschendes Ende gibt, das nicht selten tatsächliche Situationen überdenken lässt.

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Seitenzahl: 81

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Ute Heymann gen. Hagedorn:

Sieh hinter die Wolken!

Zur Erinnerung an Ludger

in Liebe

Ute Heymann gen. Hagedorn

Sieh hinter die

Wolken!

1. Auflage, 2013

© by Fidentia-Verlag, Jettenbach

Alle Rechte vorbehalten

Homepage: www.fidentia-verlag.de

Titelbild: Elisabeth Anzenberger ([email protected])

eBook: by windholz design

ISBN 978-3-944644-03-5

Inhalt:

Eine Frage des Blickwinkels

Gebraucht zu sein, bedarf es wenig

Der Schlüssel zum Glück

Der verschollene Robert

Die Tortenschlacht

Reginalds entsetzliches Geheimnis

Des Dorfes next Top-Model

Und führe mich ruhig in Versuchung …

Störche im Büchernest

Eiskalte, egoistische Emanzen

Eine Frage des Blickwinkels

~ Claudia Bertels-Tillmann gewidmet ~

„Mama, du kannst doch nicht in diesem Kittel herumlaufen! Obwohl deine Freundin ja genauso alt ist wie du. Der fällt das vielleicht nicht auf.“ Lisa drehte sich vor dem großen Standspiegel im Flur und betrachtete selbstverliebt ihren mehr dünnen als schlanken Körper „Also ich werde nie dick werden!“

‚Abwarten’, dachte ihre Mutter resigniert. Sieben Diäten hatte sie ausprobiert, dabei ihr Essen in Punkte umgerechnet, fettarm gekocht und sogar ein halbes Jahr auf Kohlenhydrate verzichtet. Nichts hatte geholfen, zumindest nicht dauerhaft und schon gar nicht im Schlaf. Die Folge war ein zum Bersten gefüllter Kleiderschrank, aus dem sie immer nur einen Teil anziehen konnte, weil mehrere Größen darin vertreten waren. Die Hose, die sie heute Morgen ausgewählt hatte, kniff an den unmöglichsten Stellen, obwohl diese zwei Nummern größer war, als die Hosen von vor zwei Jahren. Dabei hatte Monika sich keineswegs gehenlassen. Die Gewichtszunahme war schleichend über sie hereingebrochen und ließ sie sich im eigenen Körper ebenso fremd fühlen wie die Wellen beschämender Hitze, die neuerdings über sie herfielen.

„Echt, Mama, du bist noch keine fünfzig und könntest locker noch Miniröcke mit Leggings tragen, wenn du etwas dünner wärst. Heutzutage sind Frauen in deinem Alter nicht mehr hausbacken, sondern cool. Mach mal was aus dir, sonst kriege ich ja Angst vor dem Alter!“

Es klingelte genau im richtigen Moment, so dass es Monika erspart blieb, ihrer vorlauten Tochter über den Mund zu fahren. Wie sehr hatte sie sich gefreut, mit zweiunddreißig Jahren doch noch schwanger zu werden. Zum Glück hatte sie damals nicht geahnt, wie verletzend ein Teenager sein kann, der vor lauter Erwachsenwerden kein Verständnis für die ins Greisenalter eintretende Mutter haben würde.

Gaby, ihre Freundin aus Kindertagen, stand wie verabredet vor der Tür. Lisa zwängte ihren biegsamen Körper zwischen dem Gast und der Türzarge hindurch und huschte nach draußen. „Bin bei Guido!“, rief sie über die Schulter zurück und überließ ihre Seniorenmutter und deren Freundin sich selbst.

„Guido?“, fragte Gaby und hauchte Monika einen Kuss auf die Wange.

„Ihr Freund. Zehn Jahre älter als sie und der Nabel ihrer Welt.“

„Du siehst sauertöpfisch aus“, sagte Gaby, ging ohne Umschweife durch in Monikas Küche und packte den Kuchen aus, den sie mitgebracht hatte. „Liegt das an Lisas zu altem Umgang?“

„Nein, ich habe eine Lebenskrise“, sagte Monika. „Oh je, und du bringst auch noch Kuchen mit. Nur gut, dass Lisa den nicht gesehen hat. Sie hat mir gerade eine Standpauke gehalten, weil ich so dick bin.“

„Moni, ich bitte dich, du bist nicht dick. Nur nicht mehr so spindeldürr wie vor dreißig Jahren. In unserem Alter darf man ein paar Pfunde mehr mit sich herumtragen“, sagte Gaby und nahm wie selbstverständlich aus Monikas Küchenschrank Kuchenteller und Tassen heraus. „Ah, wie ich sehe, ist der Kaffee schon fertig. Sehr schön, meine Liebe.“

Sie setzten sich an den Küchentisch und Gaby begann, die Schokoladentarte aufzuschneiden. Bei deren Anblick lief Monika das Wasser im Mund zusammen. Sie liebte Schokolade und wünschte sich sehnlichst die Zeiten zurück, in denen sie sich ausschließlich davon ernährt hatte und trotzdem aussah wie ein Biafrakind.

„Ein halbes Stück, bitte. Das reicht völlig.“

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich die halbe Nacht in der Küche gestanden habe, damit du dich jetzt mit einem halben Stück herausreden kannst?“, fragte Gaby und legte ihrer Freundin ein besonders großes Stück auf.

„Ich bin richtig unglücklich“, sagte Monika und begann, mit ihrer Gabel ein winziges Eckchen von ihrem Kuchenstück abzuknibbeln, als könne sie dessen Kalorienzahl reduzieren, indem sie ihn krümelweise aß.

„Wegen Lisas spitzer Zunge? Aber Schätzchen, so waren wir zu unseren Müttern doch auch! Erinnerst du dich? Du hast deine Mutter ‚meinen peinlichen Plumpudding’ genannt und dich geweigert, mit ihr Anziehsachen kaufen zu gehen.“

„Oh Gott, warum sagst du das jetzt? Ich würde sie am liebsten ins Diesseits zurückholen, um ihr jeden Tag einen Wiedergutmachungskuchen zu backen.“

„Und genauso wird es deiner Lisa auch ergehen. Lass sie mal ihre erste Diät ausprobieren, dann wird sie schon merken, wie frustrierend das Älterwerden sein kann.“

„Wegen ihr bin ich doch gar nicht unglücklich. Sie weiß schließlich nicht, dass ich in ihrem Alter ‚tapezierter Knochen’ genannt wurde. Sie muss das auch nicht wissen. Lassen wir sie in dem Glauben, dass ihr dieses Schicksal erspart bleibt!“

„Warum bist du dann miesepetrig? Hat Jörg eine andere?“

„Quatsch. Wenn in meinem Leben etwas richtig gut hingehauen hat, dann meine Ehe.“

„Also, was ist es?“

„Ach, Gaby, ich kann das Alter nicht mehr verleugnen.“

„Schätzchen, bei unserem Klassentreffen warst du diejenige, der alle versichert haben, sie habe sich kaum verändert.“

„Schon. Aber für diesen Zustand habe ich morgens zwei Stunden im Badezimmer Schwerstarbeit geleistet. Gaby, ich tupfe mir abends mein Gesicht mit Urin ab, weil ich gelesen habe, dass er Altersflecken bleicht. Danach habe ich jedes Mal Angst, dass Jörg mich für eine Bettnässerin hält.“

„Gleichermaßen witzig wie überflüssig, Moni. Immerhin ist die Midlife-Crisis etwas für Männer. Wir haben schon die Wechseljahre, das reicht doch wohl.“

„Weswegen ich bei meinem Gynäkologen in Behandlung bin. Das ist plötzlich kein gütiger älterer Herr mehr, sondern einer, der fast mein Sohn sein könnte.“

„Gut so. Dann ist er wenigstens auf dem neuesten Stand.“

„Die Frauen in seinem Alter sind bestimmt alle rasiert. Was meinst du, mache ich einen unhygienischen Eindruck auf ihn?“

„Ich nehme an, er findet seinen Weg. Mehr geht ihn nichts an.“

„Sicher, das stimmt schon. Ach, Gaby, du willst mir aber nicht erzählen, dass es dir nichts ausmacht, wenn unser Geburtsjahr immer öfter in den Todesanzeigen auftaucht, oder?“

„Doch, das gebe ich zu. Sogar dass ich keinen Eisprung mehr habe, finde ich unverschämt von Mutter Natur.“

„Na komm, Gaby, du hast mit vier Kindern doch wohl genug, oder ist das jetzt ein Versuch, dich über mich lustig zu machen?“

„Weder noch, Liebchen. Ob du es glaubst oder nicht, ich fühle mich minderwertig, wenn ich weiß, dass ich keine weiteren Kinder mehr bekommen kann. Nicht können ist etwas anderes als nicht wollen. Ach, verflixt, Monika, du lockst Sachen aus mir heraus, die ich nie sagen wollte.“

„Mach weiter, Gaby, mir zuliebe! Ich fühle mich grauenhaft, wenn ich denken muss, dass ich die Einzige bin, die beim Anblick ihrer wabbeligen Oberarme einem Nervenzusammenbruch nahe ist.“

Sie lachten beide und für einen Moment entspannte sich die Stelle zwischen Monikas Augenbrauen.

Dann straffte Gaby ihre Schultern und sah Monika fest in die Augen. „Also, Liebchen, was genau willst du wissen?“

„Meinst du, ich bin noch attraktiv genug für Jörg?“

„Na hör mal, ich denke, deine Ehe ist so toll! Warum hast du Zweifel?“

„Weil er früher so nett eifersüchtig war, wenn mir andere Männer nachgeguckt haben. Heute guckt wohl keiner mehr. Zumindest merke ich nichts mehr davon. Oder ist dir etwas aufgefallen?“

„Ehrlich gesagt, ich bin bei meiner sechsköpfigen Familie ständig mit meinen Gedanken dabei, den Kühlschrank aufzufüllen. Ich achte nicht so darauf. Aber wenn wir beide das nächste Mal unter Menschen gehen, werde ich ein Auge darauf haben, wie die Männer auf dich reagieren. Einverstanden? Obwohl dein Jörg sicher keine Bestätigung von anderen Kerlen braucht, um zu wissen, was für einen Schatz er an seiner Seite hat.“

„Du bist süß. Nur hat Lisa vermutlich recht. Ich sollte mal wieder etwas Weibliches anziehen. Mein neues Sommerkleid hat Jörg mit ausgesucht und ich würde es selbst gerne tragen.“

„Was hindert dich daran?“

„Meine dicken Zehen.“

„Du erwartest nicht, dass ich dem ohne Erklärung folgen kann, oder?“

„Es ist kompliziert.“

„Versuche es, Liebchen, ich sehe nur aus wie eine weltfremde alte Schachtel. Mein Hirn ist durchaus noch aufnahmefähig. Also, wieso hindern dich deine Zehen daran, das Sommerkleid zu tragen?“

„Weil ich dicke Beine habe.“

„Jetzt kommen wir der Sache schon näher.“

„Lass mich ausreden, Gaby, dann wirst du es verstehen.“ Monika holte tief Luft als müsse sie ihrer Freundin das kleine Einmaleins der Damenkonfektion erklären. „Zu einem Kleid passen hohe Schuhe besser als meine Gesundheitslatschen. Stöckel sind nämlich nicht nur eleganter, sie machen auch ein langes, schlankes Bein, was mir Mutter Natur seit ein paar Jahren genommen hat. Nur kann ich meine hohen Schuhe nicht mehr anziehen, weil ich neuerdings an den dicken Zehen Hornhautwucherungen habe. Sie sehen aus, als wollte aus ihnen etwas herausquellen. Ich kann in den Schuhen nicht mehr laufen ohne herumzutapsen wie ein Mann, der sich zu Karneval als Frau verkleidet hat.“

„Verstehe. Du brauchst neue Schuhe. Welche mit Absatz und weichem oder offenem Vorderteil. Sieht so aus, als gingen wir demnächst zusammen Schuhe kaufen. Das haben wir sowieso seit Ewigkeiten nicht mehr getan.“

„Gaby, Gaby, du bist eine Marke. Was für mich nach Weltuntergang klingt, ist für dich nicht mehr als ein Staubkorn auf dem Buchregal, wenn die Schwiegermutter naht!“

„Ganz recht, meine Liebe, wobei mich meine Schwiegermutter nicht schocken könnte, da ich sogar bei ihr putze.“

„Weiß ich doch.“ Monika leckte zum wiederholten Mal ihre blanke Gabel ab, als wollte sie den nächsten Bissen von Gabys köstlichem Kuchen noch ein Weilchen hinausschieben. „Sag mal, zum Thema Sex fällt dir aber bestimmt nichts ein, was mich beruhigen könnte, oder?“

„Liebchen, ich verstehe schon wieder nicht. Du hast eine Tochter, also liegt die Hochzeitsnacht eindeutig hinter dir. Inwiefern brauchst du Beruhigung?“