Silas - Rebecca Vonzun - E-Book

Silas E-Book

Rebecca Vonzun

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Beschreibung

Ein heimtückisches Virus – versteckt in Hamburgern – lässt viele Bewohner der grossen Stadt krank werden. Auch die Freunde von Silas liegen im Krankenhaus. Niemand kann etwas gegen das Virus tun. Gleichzeitig geht weit weg, in einem anderen Teil des Universums, der magische Wunderwald zu Grunde. Die Pflanzen und Bäume verfaulen und die Bewohner werden krank und schwach. Besteht da etwa eine Verbindung? Silas, der Menschenjunge mit Haar in Farbe der Morgensonne und goldenen Augen, ist dazu auserwählt, die beiden Welten zu retten. Also macht er sich mit seinem Freund Levin, dem Waldserin, auf ins grosse Abenteuer. Wird es den beiden gelingen, auf ihrem Weg die bösen Mächte zu besiegen und den Mondlichtstein zu finden? Eine fantastische Geschichte über ein gefährliches Abenteuer in der magischen Welt, eine Geschichte über unglaublichen Mut und eine wunderbare Freundschaft.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Rebecca Vonzun

Silas

und die Suche nach dem Mondlichtstein

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Der Serin

Grosse Aufregung

Und sie weiss es nicht...

Silas

Heisshunger

Finsternis

Seltsame Zufälle

Horrornachricht

Böse Mächte

Levin

Eine ungewöhnliche Warnung

Was geht hier vor?

Wilde Träume

Eine unheimliche Versammlung

Die Pforte

Zwei Flaschen Wein

Eine verhängnisvolle Nacht

Drei Leidende und eine schlimme Nachricht

Der Junge mit dem Mal

Aufbruch ins Ungewisse

Lähmendes Entsetzen

Das Moor der Hoffnungslosigkeit

Um Haaresbreite...

Die Melodie der Seele

Eine schockierende Erkenntnis

Die Singra

Der Kampf

Eine Falle

Angriff aus dem Hinterhalt

Das Meer der Unendlichkeit

Schwarze Gestalten

Der Wald des Todes

Der Mondlichtstein

Neu geboren

Nach Hause

Alles ist gut

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Cynthia Brown ging wie jeden Morgen fröhlich pfeifend zur Arbeit. Die Hollowstreet, wo sie im ChickenMcKing als Verkäuferin arbeitete, lag nur einige Gehminuten von ihrer kleinen Wohnung entfernt. So konnte sie am Morgen immer etwas länger schlafen als viele ihrer Kollegen, welche mit dem Bus zur Arbeit fahren mussten. Wie jeden Tag betrat sie den ChickenMcKing durch den Hintereingang und schlüpfte in ihre Arbeitskleidung – eine blaue Schürze und eine knallgelbe Mütze mit der berühmten blauen Krone als Logo. Ein leichter Duft nach Hamburgern und Pommes hing noch vom Vortag in der Luft.

Als sie kurz darauf den Verkaufsraum betrat, waren die anderen bereits da und zur alltäglichen Morgenbesprechung um einen Tisch versammelt: Der Filialleiter Jakob Sanders, ihre Arbeitskolleginnen von der Kasse, das gesamte Servicepersonal, sowie alle Köche und Küchenhelfer.

Jakob, welcher wie immer in seinen schwarzen Rollkragenpullover gekleidet war, fuhr sich durch das dunkle Haar und räusperte sich.

„Geschätzte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ich habe heute bedauerlicherweise eine schlechte Neuigkeit. Gestern Abend hat mich eine Eilmeldung von der Direktion aller ChickenMcKing-Geschäftsstellen landesweit erreicht. Schon länger läuft ein Projekt im Hintergrund, von welchem auch ich nichts wusste bisher.“ Bei diesen Worten zuckte sein rechtes Augenlid verräterisch. „Man plant, die ChickenMcKing-Geschäfte eines nach dem anderen zu automatisieren. Und unser Geschäft hier in der Hollowstreet soll das erste sein.“ Nervös nahm sich Jakob Sanders seine runde Brille ab und wischte sie mit dem Ärmel sauber.

„Ehm… automatisieren?“, meldete sich Cynthia zu Wort und schluckte. „Was bedeutet das genau, Jakob?“ Sie hatte eine schreckliche Vorahnung. Jakob setzte seine Brille wieder auf, betrachtete Cynthia über den oberen Rand und räusperte sich unbehaglich.

„Automatisieren heisst, dass in Zukunft sämtliche Arbeit von Maschinen übernommen wird. Nächste Woche bereits beginnt der Umbau.“ Nun liess er den Blick über sein ganzes Team schweifen und holte tief Luft. „Es tut mir sehr leid, doch Sie alle sind gezwungen, sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Mit Ausnahme von…“ Er zögerte kurz. „Cynthia. Folgen Sie mir doch bitte in mein Büro. Ich hätte Ihnen ein Angebot zu machen…“

Der Serin

Weit, weit weg, lange nachdem man die grossen, lärmigen Menschenstädte mit den vielen Autos und den stinkigen Abgasen hinter sich gelassen hatte, auch nach den kleinen Dörfern, hinter den grossen blauen Bergen, wenn man die riesigen Wiesen, die Nebelhügel und das grüne Moor durchquert hatte… Wenn man nach dem Ende der Welt sogar die Erde hinter sich liess und die Dörfer, die Berge, Wiesen, Hügel und Moore irgendwann nur noch als kleine, schemenhafte Punkte erkennen konnte… Wenn man davonschwebte ins Nichts, lange, lange durch die Dunkelheit… kam man früher oder später an einen rätselhaften Ort. Auf einen kleinen Planeten inmitten vom Nirgendwo, von einem sanft strahlenden Licht umgeben.

Erst einmal da, zog einen etwas Gigantisches, Seltsames, welches sich vom Horizont abhob sogleich magisch in den Bann. Es war gross und zugleich unheimlich und wunderschön, auch wenn man von hier aus noch nicht sehen konnte, was genau es war. Ging man etwas näher heran, konnte man langsam mehr wahrnehmen. Riesige, knorrige, ineinander verschlungene Wurzeln, dicke Baumstämme, krumm und seltsam… Faserige Lianen in allen Grüntönen, Flechten, Blätter und Blüten, alles wild miteinander verwachsen, fast wie eine Wand. Der Wunderwald. Die Bäume waren so hoch wie Hochhäuser, die Stämme so dick wie Fernsehtürme und das Blätterdach gewaltig wie eine riesige, dunkle, schützende Decke, die den Wunderwald von der übrigen Welt abtrennte.

Ab und zu fiel ein Sonnenstrahl durch die tellergrossen Blätter und liess die Tautropfen in den Blütenkelchen – so gross wie Pokale – glitzern und glänzen. Ein Duft lag in der Luft, so süss und köstlich, nach Blumen, Moos und feuchter Erde, nach Pilzen, Regen und Sonne gleichzeitig. Es duftete sogar ein bisschen nach Regenbogen.

Betrat man diese seltsame Wunderwelt, merkte man schnell, dass man nicht alleine war. Zahllose kleine, bunte Käfer, Schnecken, Würmer, Raupen und Ameisen tummelten sich im Unterholz. Auf dem moosigen Laubboden huschten kleine Mäuse über und unter die Wurzeln, da und dort sah man das flauschige Schwänzchen eines Kaninchens hinter einem Baum verschwinden. Und überall wurde man beobachtet von Augen: in Baumhöhlen und auf den Ästen, hinter Steinen und in Nestern. Der Wald wimmelte von Siebenschläfern, Eich- und Streifenhörnchen, Maulwürfen und allem, was man sich nur vorstellen konnte. In der Luft schaukelten grosse, bunte Schmetterlinge, Mücken schwirrten in Schwärmen und liessen den Himmel flimmern, Vögel hüpften von Ast zu Ast.

So war die Luft erfüllt von einem pausenlosen Zwitschern, Piepsen, Knistern und Rascheln, irgendwo erklang in der Ferne das leise Plätschern eines Baches – fast wie eine Melodie. Es war ein Ort, den man nie mehr verlassen wollte, hatte man ihn einmal betreten, so schön war es dort.

Auf einmal durchdrang ein neues Geräusch diese Musik des Waldes, man musste ganz genau hinhören… doch, ganz deutlich, jetzt schon wieder….

„Au…au! Auaa…“ Ein feines Stimmchen. Oder etwa doch nur das Piepsen der kleinen Waldohreule auf dem Ast?

Folgte man dem leisen, seltsamen Geräusch über moosige Hügel, grosse, dicke Wurzeln, unter Blättervorhängen hindurch und durch dichtes, endloses Dorngestrüpp und hätte man sich dabei umgesehen, hätte man gemerkt, wie sich der Wald allmählich veränderte. Und je tiefer man eindrang, desto auffälliger war diese Veränderung. Hier, in der Mitte, in den tiefsten Tiefen des Wunderwaldes, im Herzen des Waldes sozusagen, war es viel stiller. Es herrschte eine magische Ruhe. Vom Zwitschern, Piepsen, Knistern und Rascheln – ja, sogar vom Plätschern des Baches – war hier nichts mehr zu hören, fast so, als ob man sich unter einer riesigen Glasglocke befände. Es war dunkler, nur noch ab und zu fand ein nahezu unsichtbarer Sonnenstrahl – fast wie ein feiner Goldfaden – den Weg durchs Gestrüpp und zeichnete auf den Waldboden ein paar helle Punkte. Tiere sah man hier seltener. Einige Eulen blickten achtsam mit einem Auge aus ihrem Astloch, da und dort huschte ein scheues Eichhörnchen blitzschnell in das sichere Blätterdach eines Baumes. Es war als ob ein Zauber in der Luft lag. Kein gefährlicher oder böser Zauber, vielmehr ein gewaltiger, riesiger Zauber, der alles um sich herum verstummen, der alle andächtig und ruhig werden liess.

Und wurde man ganz still und lauschte, schien es, als ob der Wald atmete. Ein – aus – … tiefe, langsame Atemzüge, leicht zu verwechseln mit einem Windhauch…

Und genau deshalb hörte man in diesem Moment das seltsame Geräusch umso deutlicher. Es durchdrang jetzt diese friedliche Stille geradezu störend und es war nun leicht zu erkennen, dass dies ganz bestimmt nicht nur das Piepsen einer Waldohreule sein konnte!

„Auuuuuu! Ach… oh!“ Die Stimme klang gedämpft und kam ganz eindeutig aus der Richtung der kleinen Lichtung neben einem winzigen Bach. Dort stand ein mächtiger Baum. Würde man seinen Stamm mit den Armen umfassen, bräuchte es dazu mindestens sieben Kinder, so dick war er. Seine Rinde war grob und rau, überwachsen mit Flechten und Moos, hatte Risse und Löcher. Der Baum war uralt. Wie ein Gigant überragte er alle anderen Bäume und streckte seine Äste weit höher als man erahnen konnte, über die Baumwipfel seiner Nachbarn, über das Waldblätterdach bis hoch in den Himmel, wo seine obersten Zweige schliesslich das Licht berührten. Dieser Baum wuchs schon seit mehr als tausend Jahren, er war der Anfang und das Ende des Wunderwaldes, er war der Baum des Lebens.

In seinen obersten Ästen, welche die Sonne berührte, pulsierte das Leben. Zahllose Vögel bauten dort ihre Nester, legten ihre Eier und fütterten ihre Brut. Da waren sie wieder, die Eichhörnchen und Siebenschläfer, Käfer, Würmer, Spinnen und Raupen, die auf den Ästen des Lebensbaumes wohnten und die man weit, weit unten, am anderen Ende des Baumes, vermisst hatte. Da war es wieder, das Gepiepse, das Gezwitscher, das Geknister und Geraschel. Da oben blühte der Baum, jeder Zweig war bedeckt von unbeschreiblich schönen Blumen, gross wie Kohlköpfe, leuchtend und funkelnd wie Zauberblumen und duftend wie Orchideen. Bunte Schmetterlinge schaukelten und saugten den Nektar. Da und dort wuchsen sogar ein paar Früchte, sonderbare Früchte, so wie wir sie hier nicht kennen. Sie sahen ein bisschen aus wie Trauben, waren aber viel grösser und gelb, einige sogar ein bisschen orange. Man hatte fast das Gefühl, sie leuchteten von innen und wenn man genau hinsah, sah man durch die durchsichtige Haut in ihrer Mitte kleine, goldene Kerne schimmern.

„Aaaaauaaah………..!“ Schnell, wieder zurück nach unten… was klang hier bloss so seltsam?

Der Lebensbaum hatte in den mehr als tausend gelebten Jahren schon so einiges erlebt. Unwetter, Stürme, hungrige Hörnchen oder Rehe, die sich an seiner Rinde sattfrassen. Käfer und Spechte suchten sich ihr Futter in seinem Gehölz, bohrten Löcher, ritzten Spalten und hatten mit den Jahren seinen untersten Teil immer mehr ausgehöhlt. Nicht umsonst jedoch war der Lebensbaum der Baum des Lebens, all seine kleinen und grossen Verletzungen schadeten ihm nichts, er wuchs immer weiter und das Leben strömte nach wie vor mit viel Energie durch seine Adern. Dennoch glich der unterste Teil seines Stammes mittlerweile einer riesigen Höhle. Der gigantische Riss jedoch, der den Eingang bildete, war verborgen unter einer Art Vorhang aus Efeu und somit für einen Besucher, der nur flüchtig hinsah, kaum zu erkennen.

„Oooh…uff!“ Ja, genau durch diesen Efeuvorhang schien das Stimmchen zu kommen. Es klang inzwischen ziemlich erschöpft.

In der grossen Baumhöhle hinter den Buschfarnen und dem Efeuvorhang lag in einem seidenfeinen Nest aus Federn und Gras ein grosses Ei. Das Ei schimmerte bläulich und wenn man die Höhle betrat, erkannte man feine Risse auf seiner Oberfläche.

„Uff, uff, ahhh!“

Die Stimme erklang nun etwas lauter. Sie kam direkt aus dem Ei! Und da, in exakt diesem Moment, durchbrach etwas Kleines, Kräftiges die bläulich schimmernde Schale mit einem lauten Krachen. Heraus purzelte ein kleines Wesen und blieb zusammengerollt im Federnest liegen, japsend und keuchend. Das kleine Wesen sah aus der Nähe betrachtet fast aus wie ein winziger Mensch. Hände, Finger, Füsse, Zehen, zwei kleine Beinchen, zwei Arme, alles war da. Und – ein langer Schwanz. Die Haut schimmerte bläulich wie das Ei und auf dem Kopf des kleinen Dinges wucherte eine dunkelblaue Mähne, wirr und wild standen die Haare in alle erdenklichen Richtungen und liessen die abstehenden, spitzen Ohren fast verschwinden.

Der Kleine atmete nun etwas ruhiger und hob schliesslich vorsichtig seinen Kopf. Zwei grosse, graue Augen umgeben von dichten, langen Wimpern, blickten sich neugierig in der Höhle um. Die Stupsnase übersät mit Sommersprossen zuckte… zuckte nochmals… und mit einem lauten HATSCHI! setzte sich das Kerlchen schliesslich auf. Es reckte und streckte sich, blinzelte zwei, drei Mal und wirkte etwas verloren, so ganz alleine in der grossen, finsteren Baumhöhle.

Dieses einmalige Ereignis mitzuerleben ist für uns eine grosse Ehre. Es kann in hundert Jahren nur ein einziges Mal vorkommen, dass ein Serin ausschlüpft und genau das war es: Die Geburt eines Waldserin. Waldserins sind sehr selten. Sie kommen nur dann, wenn sie gebraucht werden. Doch wozu konnte man einen Serin brauchen? Serins sind kleine Retter. So ist die Geburt eines Serins nicht nur eine Ehre, weil sie so selten vorkommt… sondern auch ein Zeichen der Beunruhigung. Denn wenn ein Serin auftaucht, bedeutet dies, dass etwas nicht stimmt. Und doch bedeutet es gleichzeitig unfassbares Glück… denn nur wenn alles stimmt, das Wetter, die Wärme, die Anzahl der Regenbogen und die Richtung des Windes, kann es einmal in hundert Jahren klappen, dass sich ein Waldserin-Ei bildet. Niemand weiss, wie und woraus diese Eier entstehen. Niemand weiss, woher sie kommen. Ein Serin-Ei ist einfach plötzlich da. Und dieses Ei war – gut verborgen – in der Höhle des Lebensbaums vor sich hingewachsen, immer grösser und schöner geworden, bis heute der grosse Tag gekommen war und der Winzling sich schlussendlich seinen Weg in die Freiheit nach draussen durch die Eierschale erkämpft hatte.

Grosse Aufregung

Lavendula putzte sich gerade ausführlich mit ihrem krummen, spitzen Schnabel das Gefieder, wie sie es jeden Morgen tat, wenn sie von der Mäusejagd zurückkam und sich bereit dazu machte, den lieben langen Tag über zu schlafen.

Diese tägliche Reinigung war ihr sehr wichtig… denn Lavendula war nicht nur eine sehr kluge und weise alte Eule, sondern auch eine extrem eitle. Jedes Federchen musste an seinem Platz sein und glänzen. Vorher schloss Lavendula niemals ihre grossen gelben Augen. Zudem führte sie ihr Flug jeden Morgen an der kleinen Lichtung neben dem Bach vorbei, bevor sie sich ihrem Baumloch hoch in den Ästen des Lebensbaumes näherte um zu schlafen Dort legte sie eine kleine Pause ein. Ihr – wie sie meinte – gut gehütetes Geheimnis war ein prächtiger Lavendelbusch hinter der wilden Magnolie, unauffällig mitten im Teppich der violetten Waldveilchen verborgen. An diesem wilden Lavendel rieb sie sich jeden Morgen und wälzte sich sogar darin (natürlich erst, wenn sie sich ganz sicher war, dass sie nicht beobachtet wurde). Dieses Ritual verlieh Lavendula ihren stets frischen Duft nach Lavendel und daher stammte auch ihr Name. Wie schon ihre Ururahnin Glyzinia und ihre Urahnin Magnolia war auch Lavendula dem Zauber der Blütenpracht und deren Duft verfallen – was ihre einzige kleine Schwäche war. Das Geheimnis ihres zauberhaften Lavendelduftes musste um jeden Preis ein solches bleiben… nicht auszudenken, was passierte, wenn die Tiere davon erfahren würden. Jedes Lebewesen hier im Wald hatte riesengrossen Respekt vor Lavendula. Immer schön anzusehen, immer gut duftend und dazu unbeschreiblich klug… die alte Eule wurde bewundert. Zwar war es bei den Mäusen eher Angst als Respekt, aber sogar sie wagten es, wenn sie ein wirklich grosses Problem hatten, sich den Rat von Lavendula zu holen… In der verzweifelten Hoffnung, dass sie gerade erst gefressen und somit keinen Hunger haben würde.

Lavendula hauste bereits seit mehr als zweihundert Jahren in der alten Höhle im Lebensbaum und kannte den Wunderwald wie ihr Federkleid. Die Jagd spielte sich immer am Rand des Waldes ab, anschliessend kehrte sie satt und müde zurück in den dunkleren, ruhigeren Teil, um zu schlafen. Als Wächterin des Wunderwaldes kannte sie jeden Winkel, jede Pflanze, jede Wurzel, jedes Kraut und jedes Ästchen. Und sie sah alles, wusste alles, hörte und spürte alles was im Wald vor sich ging.

Lavendula putzte sich also gerade ausführlich mit ihrem krummen, spitzen Schnabel das Gefieder, wie sie es jeden Morgen tat, wenn sie von der Mäusejagd zurückkam, als sie auf einmal innehielt in ihrer Putzerei. Die beim Putzen stets konzentriert und sinnlich geschlossenen Augen öffneten sich ruckartig… erst das linke, dann das rechte. Ein Schauer lief durch ihr Gefieder. Vorsichtig kletterte sie aus der Höhle auf den Ast davor, der sich viele Meter über dem Waldboden befand. Lavendula reckte ihren Kopf in die Luft, schloss die Augen und erneut durchlief sie ein Schauer, angefangen unten bei der kleinsten Kralle bis hoch in das oberste Federchen auf ihrem stolzen Haupt.

„Endlich…“, dachte sie, „endlich!“ Und könnten Eulen lächeln, hätte sie jetzt gelächelt.

Lavendula breitete ihre gewaltigen Schwingen aus und erhob sich in die Luft, bald schon erreichte sie den obersten Teil des Baumes. Sie stieg empor bis über die höchsten Zweige, schraubte sich in den Himmel und stiess schliesslich einen markerschütternden Schrei aus – ein Schrei, der alles durchdrang und sämtliche Waldbewohner für einen kurzen Augenblick erstarren liess. Niemand wusste, was genau der Schrei zu bedeuten hatte… doch jeder wusste, dass etwas ganz Besonderes geschehen sein musste. Denn niemals, niemals würde Lavendula ihr Putzritual unterbrechen, wenn nicht etwas wirklich Unglaubliches passiert wäre!

Das Gepiepse unten auf dem Waldboden verstummte. Das Gezwitscher in den Ästen erstarb. Das Geknister und Geraschel verklang so urplötzlich wie der Eulenschrei erschallt war. Die Erde schien auf einmal stillzustehen. Tiere von nah und fern spitzten ihre Lauscher, verharrten mitten in der Bewegung und wandten ihre Sinne aufmerksam in Richtung des Herzens des Waldes, woher der unheimliche Laut gekommen war. Und dann ging es los, das Getrampel, Gewusel und Gedränge. Aus jedem Winkel des Wunderwaldes tauchten sie auf, die Eichhörnchen, Mäuse, Ratten, Kaninchen, die Vögel schlüpften aus ihren Nestern, Kolonien von Käfern und Ameisen wandten sich in Richtung des Lebensbaums. Sie alle folgten dem Ruf der Eule, es herrschte ein heilloses Durcheinander, eine wilde Aufregung. Gross und klein eilte heran, alle von einem gemeinsamen Ziel geleitet: dem Baum des Lebens. Und da stand er, eine ruhige Insel inmitten des Tumults, liess sich weder beeindrucken vom Lärm, noch von der Menge und dem Gedränge rund um seinen mächtigen Stamm. Stumm reckte er seine Äste ins Firmament und schwieg, als ob alles ganz normal wäre.

Jäh verstummte der Lärm. Es schien als ob den Waldbewohnern auf einmal bewusst wurde, wo sie sich befanden: im verbotenen, im magischen Teil des Waldes. Die wenigsten unter ihnen hatten diesen Teil schon mal betreten und jene die es bereits hatten, schwiegen. Es war, als ob die Stille auf einmal wie eine Woge über die Tiere hinwegrollte und alles unter sich begrub. Die Magie war schlagartig allgegenwärtig und sogar das kleinste Mäuschen spürte diese plötzliche Veränderung der Atmosphäre. Schnauzhaare erzitterten, die Kleinen versteckten sich hinter den Grossen und da und dort wurde nervös einen Schritt zurück gewichen oder auf der Stelle gescharrt.

Da teilte sich das Blätterdach. Majestätisch schwebte Lavendula begleitet von einem leisen Rauschen durch die Baumkronen, liess sich von ihren Schwingen nach unten tragen und setzte sich würdevoll auf den dicksten der untersten Äste. Ein Hauch Lavendel hing in der Luft und Lavendula liess ihren stechenden Eulenblick ehrwürdig und ein bisschen hochmütig – aber gütig – über die versammelten Tiere gleiten. Die Mäuse machten sich noch kleiner als sie ohnehin schon waren und versteckten sich hinter den Bibern. Die Kaninchenschwänze zitterten. Doch Lavendula war nicht hier um zu fressen.

Und sie weiss es nicht...

Ein Raunen ging durch die Versammlung der Waldtiere.

„Ein Serin?“, quietschte aufgeregt die Ratte. „Was in Dreiteufels Namen ist ein Serin??“

„Ein Serin….“, wiederholte andächtig der alte Biber und kratzte sich mühsam mit seiner Hinterpfote am linken Ohr. „Das bedeutet…“

Etliche jüngere Tiere blickten ein wenig ratlos die alte Eule an. Die älteren unter ihnen hingegen nickten wissend und staunend. Ehrfurcht war in ihren Augen zu lesen, aber auch Angst.

Lavendula räusperte sich, und erneut kehrte Ruhe ein. Ernst schweifte ihr Eulenblick über die Versammlung.

„Uns widerfährt gerade grosses Glück. Serins sind Weltretter. Ein Serin wird nur dann geboren, wenn irgendwo grosse Gefahr droht.“ Lavendula atmete tief ein. „Unsere Welt ist in Gefahr, Freunde. Ich spüre es schon lange. Auch wenn ich euch leider nicht sagen kann, wo oder was diese Gefahr ist. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was unsere Welt bedroht. Ich weiss es einfach nicht.“ Sie schloss die grossen gelben Augen. Auf einmal lag unaussprechliche Furcht in der Luft. Bestürzung, die kleinen und die grossen, die jungen und die alten Tiere starrten auf ihre Hüterin, wie gelähmt. Lavendula wusste es nicht. Lavendula wusste es nicht! Das war unmöglich… denn Lavendula wusste immer alles. Alles. Wie eiskalte Klauen umfasste eine Heidenangst die Herzen der Tiere. Beschämt und erschüttert über das Grauen in den Augen ihrer Freunde senkte Lavendula den Blick. Sie wusste es einfach nicht. Schliesslich atmete sie tief ein und schwellte die Brust. Würdevoll überblickte sie die Menge. Die Tiere glaubten an sie. Schenkten ihr grenzenloses Vertrauen. „Der kleine Waldserin muss hier ganz in der Nähe sein. Ich spüre es genau. Heissen wir ihn willkommen! Kümmern wir uns um ihn!“, sprach sie feierlich und reckte ihren Schnabel hoch in die Luft, um erneut einen lauten Eulenschrei auszustossen. Dies riss die Tiere aus ihrer Starre. Das Gepiepse, Gezwitscher, Geknister und Geraschel setzte urplötzlich wieder ein, diesmal aber noch um einiges lauter als zuvor. Jetzt galt es, den Serin zu finden!

Was die Tiere nicht wussten, war, dass sich der kleine Serin näher befand als sie alle ahnten. Denn niemand, nicht einmal die alte, weise Lavendula kannte das Geheimnis des Lebensbaums: seine grosse Höhle hinter dem Efeuvorhang und den Buschfarnen. So befand sich der Serin also mitten unter ihnen, nur ein paar Meter entfernt von der grossen Tierversammlung ohne dass es jemand wusste. Lavendula spürte zwar, dass er in der Nähe sein musste, aber wo genau er war, wusste sie nicht. Auf ihrem Ast thronend wies sie nun die Tiere an und leitete ihre Suche. Gross und klein schnüffelte, scharrte und suchte hinter jedem Blatt, unter jeder Wurzel. Die Vögel und Eichhörnchen durchkämmten das Blätterdach, die übrigen Tiere übernahmen das Dickicht am Waldboden. Da und dort durchbrach ein Ruf das emsige Treiben…

„Da… vielleicht…! …. Ah, nein….“

„Aber eventuell ….. dort…! … Ach, doch nichts…“

„Hier…! Hm, nein…“

… doch auch nach stundenlanger, eifriger Suche fand man nichts.

Währenddessen war der kleine Serin natürlich längst erwacht. Niemand, nicht einmal ein frisch geschlüpfter Serin, konnte schlafen, wenn rings um ihn herum solch ein Trubel veranstaltet wurde. Verwirrt und auch etwas verängstigt äugte der Serin – vorsichtig darauf bedacht, sich ja nicht zu zeigen – durch den Efeuvorhang. Was er sah, erschreckte ihn zutiefst. Grosse, schwarze Schnüffelnasen direkt vor seinem Gesicht. Scharfe Krallen, die die Erde aufwühlten und Staub aufwirbelten, der ihm ins Näschen stieg und ihn schon wieder… HAA….TSCHIIII! laut niesen liess. Zum Glück bemerkte dies zu diesem Zeitpunkt niemand, viel zu laut war es draussen vor der Höhle.

Schnell schloss das Kerlchen den Efeuvorhang und zog sich wieder in sein Federnest zurück.

***

Silas

Silas starrte an seine Zimmerdecke. Mit einem lauten Seufzer musterte er nun bestimmt schon zum etwa dreissigsten Mal den im schwachen Licht der Strassenlaternen nur noch schwach erkennbaren birnenförmigen Fleck an der gemusterten Holzdecke, dort, wo früher wohl mal ein Ast aus dem Holz gewachsen sein musste. Wenn er die Augen zusammenkniff, hatte der Fleck ein bisschen die Form von einem Hasen... oder, wenn er den Kopf nach links drehte, von einer Schildkröte.

Das Leben war einfach nicht fair! Das war nun ein für alle Mal eindeutig klar. Eigentlich hatte er das ja schon vorher geahnt... oder eigentlich sogar gewusst. Doch nun... wieder seufzte er. Warum konnte er nicht einfach in einer normalen Familie leben... so wie Jan vielleicht oder Kevin? Obwohl... Jans grosser Bruder war letzten Montag ziemlich gemein zu Jan gewesen, hatte ihm einfach das Pausenbrot weggegessen, währenddem all seine Kumpels laut gelacht hatten. Und das in der grossen Pause, wo doch die ganze Schule rundherum gestanden war und alles haargenau mitbekommen hatte! Sogar die Mädchen aus der Fünften hatten da gestanden und gekichert, als Jason ihm das Pausenbrot mit einem höhnischen Grinsen und einem triumphierenden Blick in alle Richtungen aus den Händen genommen und sich in den Mund gesteckt hatte. Jan hatte ganz merkwürdige Augen bekommen… ein bisschen so, als ob er gleich losheulen würde. Und bei Kevin lief momentan zu Hause auch nicht alles so rund. Silas hatte Kevins Vater mit einer ganz jungen Frau in der Stadt gesehen, als er mit Mom einkaufen gewesen war. Er hatte sie so seltsam festgehalten, so wie die verliebten Leute im Fernsehen das immer taten. Die Frau hatte sogar ein bisschen so ausgesehen, als käme sie aus dem Fernsehen, ein bisschen so wie die Wetterfrau mit den hohen Schuhen. Silas hatte Kevin noch nicht zu fragen getraut, aber wenn er genau überlegte, hatte Kevin in den letzten Tagen schon ein bisschen traurig ausgeschaut. Und als er ihn vorgestern zum Playstation spielen einladen wollte, hatte er keine Lust gehabt... was sonst noch nie vorgekommen war! Silas ballte die Fäuste und nahm sich vor, Kevin morgen zu fragen. Vielleicht brauchte sein Freund jemanden, der ihm zuhörte!

Wenn Silas ehrlich war, war er froh, weder an Jans noch an Kevins Stelle zu sein. Ja, wenn er ganz ehrlich war – und das konnte er ja so alleine in seinem Zimmer gut sein – war er eigentlich ganz dankbar für seine Familie. Aber das war ja genau der Punkt! Schon wieder musste er seufzen. Wieso musste auch alles so unfair sein! Er hatte weder einen älteren, noch einen jüngeren Bruder – oder noch schlimmer... Schwester – die ihn nerven könnten. Und seine Mom und sein Dad kamen auch immer noch gut miteinander aus, auch wenn sie sich manchmal anschrien. Eigentlich wäre also alles gut… aber es war trotzdem so schrecklich ungerecht!

„Silas! Essen ist fertig... kannst du bitte den Tisch decken?“

Silas kniff seine Augen ganz fest zu und drückte sich sein Federkissen auf den Kopf, in der Hoffnung, so nichts mehr hören zu können. Oder vielleicht unsichtbar zu werden. So wie Powerman heute Nachmittag im Fernsehen.

Doch falsch gehofft.

„Silas Sam Winter!! Ich wäre wirklich froh, wenn du mir jetzt schnell helfen könntest! Bitte!“ Die Stimme von Mom hörte sich bereits viel weniger geduldig an als noch vor einer Minute. Und wenn sie ihn so nannte, war das nie ein gutes Zeichen. Silas drehte sich zur Wand und kniff die Augen noch fester zusammen. Das Kissen auf den Ohren (sie surrten bereits ein bisschen), hoffte er, einfach einzuschlafen. Oder vielleicht zu sterben. Das wäre noch besser.

„SIIIIIILAAAAAAAS!!!!“

Verflixt. So konnte kein Mensch einschlafen. Geschweige denn sterben. Nicht einmal mit einem noch so dicken Kissen auf den Ohren.

Mühsam und mit einem lauten Stöhnen rappelte er sich auf und schlurfte zur Tür. Umständlich drehte er den Schlüssel im Schloss um – einmal... zweimal. Mit rollenden Augen tappte er die Treppenstufen runter und seufzte, als er in der Küche ankam, noch einmal extra laut. Doch völlig umsonst. Während seine Mom sich die nassen Hände an ihrer Schürze abwischte, huschte sie zwischen zischenden und brodelnden Töpfen hin und her und ein verführerischer Duft nach Chili con Carne stieg ihm in die Nase. Silas’ Magen knurrte laut. Kein Wunder, schliesslich hatte er am Mittag fast nichts gegessen! Zwischen einmal umrühren und einigen Kräutern in die Pfanne werfen, drückte ihm Mom schnell drei Teller und Servietten in die Hand, ohne Silas' mürrische Miene auch nur eines Blickes zu würdigen. Silas knallte die Teller auf den langen Esstisch im Wohnzimmer. Ohne sich die Mühe zu machen, irgendetwas davon auf dem Tisch zu verteilen, warf er sich schmollend auf seinen Stuhl. Er sah demonstrativ aus dem Fenster auf die vom Regen nasse Strasse auf welcher sich in der beginnenden Dämmerung die Strassenlaternen spiegelten und wippte mit den Füssen.

„Silas, nun reiss dich doch bitte mal ein bisschen zusammen! In zehn Minuten ist dein Vater hier und wir wollen essen! Welche Laus ist dir eigentlich über die Leber gelaufen?!“

Silas ignorierte sie. Sie wusste ganz genau, was los war. Und tat einfach so, als ob alles in Ordnung wäre. Das machte ihn ganz fürchterlich wütend.

„Hab keinen Hunger, Mist, Scheisse, Kacke!“, stiess er heraus, erhob sich etwas zu ungestüm – der Stuhl wackelte einen Moment lang gefährlich, bevor er auf den Boden zurückkrachte. Seine Mom konnte es nicht leiden, wenn er fluchte. Und wenn er die Möbel misshandelte. Er gab dem Stuhl einen extra Stoss und knallte zur Sicherheit nochmals das Besteck auf den Tisch. Aus den Augenwinkeln versuchte er zu erspähen ob seine Anstrengungen auch die gewünschte Wirkung zeigten. Doch Mom stand mit dem Rücken zu ihm vor dem Herd und schien gerade etwas anzubraten oder so. Auf jeden Fall zischte und dampfte es laut und Mom rührte in irgendeiner Pfanne, summte vor sich hin und schien gar nicht mitbekommen zu haben, was da draussen vor sich ging. Silas ballte die Fäuste. Es war obergemein! Die Erwachsenen taten immer so wichtig und als ob sie über die Kinder befehlen könnten. Als ob sie schlauer wären oder so. Vor lauter Zorn traten ihm Tränen in die Augen. Niemand nahm ihn ernst! Er verliess das Esszimmer mit stampfenden Schritten. Er drückte beide Fäuste fest auf die Augen und versuchte so, seine Tränen zurückzudrängen. Ein Viertklässler weinte nicht. Schon gar nicht wegen so was! Das wäre ja, als ob er verloren hätte! Sein Magen knurrte. Es roch himmlisch und er hatte einen solchen Hunger, dass er problemlos ein Nilpferd hätte verschlingen können. Doch er würde ganz bestimmt nichts essen. Nicht heute Abend. Vielleicht auch morgen nicht. Vielleicht – ja, vielleicht würde er gar nie mehr etwas essen und langsam immer dünner werden, bis er nur noch ein Klappergerüst war und starb. Das hätten sie dann davon, jawohl! Silas warf sich auf die Couch und schaltete den Fernseher ein. Er stellte auf extra laut und tat so, als ob er nicht hören würde, wie die Wohnungstür ging und sein Dad zu Mom in die Küche trat.

„Hmm, das riecht ja wieder fantastisch…“ Dad beugte sich herunter, um seine Mom auf den Mund zu küssen (igitt!) und betrat dann das Wohnzimmer. Silas starrte in den Fernseher, wo gerade eine Werbung für Unkrautdünger lief. Er tat so, als ob es äusserst interessant wäre.

„Na, Sohnemann, alles klar?“ Dad wollte ihn abklatschen doch Silas ignorierte ihn und widmete sich konzentriert dem Dünger.

„Was ist denn los, Kleiner? Du bist doch wohl nicht immer noch sauer wegen der Sache heute Mittag?“ Er grinste und tätschelte ihm den weizenblonden Wuschelkopf. Silas wich ihm aus. Er war doch kein Baby.

„Na komm, es gibt Abendessen. Du könntest schnell den Tisch decken, ich muss mir noch die Hände waschen!“ Dad drückte auf den Off-Knopf und verliess pfeifend das Wohnzimmer in Richtung Bad.

Heisshunger

Wiedermal lag Silas auf seinem Bett und starrte an die Zimmerdecke. Nachdem er sich geweigert hatte, zu Tisch zu kommen hatte Dad den Fernseher erneut ausgeschaltet und die Fernbedienung gleich mitgenommen. Daraufhin hatte Silas das Ihr-könnt-mich-mal! von vorhin nicht nur gedacht sondern rausgebrüllt, war Türe knallend in sein Zimmer gestürmt, wo er nun missmutig und todtraurig lag. Er tat sich selbst ungemein leid. Endlich konnte er auch ungestört weinen, hier sah ihn ja keiner. Heisse Zornestränen rollten über seine Wangen und tropften eine nach der anderen aufs blaue T-Shirt.

Begonnen hatte alles heute Morgen. Ein paar von den Jungs aus der Fünften hatten in der Pause davon gesprochen, heute Abend im ChickenMcKing abzuhängen, wie sie es genannt hatten. Es waren welche, die sogar wirklich in Ordnung waren (nicht so wie Jans Bruder – aber der war ja auch schon in der Sechsten), richtig coole Jungs mit Schlabbershirts und Caps und so. Silas und einige seiner Freunde standen daneben. Jonas hatte sein neustes Playstation-Game mitgebracht und sie waren gerade damit beschäftigt, es zu bewundern, als Silas plötzlich von Cédric einen Stoss in die Seite erhielt. Früher hatten sie beide in derselben Hockeymannschaft gespielt, bevor Cédric, als er in die fünfte Klasse kam, die Mannschaft gewechselt hatte.

„Hey Alter, wollt ihr mitkommen? Wir hängen heute im ChickenMcKing ab nach der Schule… ein paar Mädels sind auch noch dabei, Svenja und so. Mein Dad hat gestern ne Provision gekriegt und hat mir genug Kohle für uns alle gegeben…“ Cédric grinste. „Wär echt cool, wenn ihr kommt, je mehr desto besser und die Loser aus unserer Klasse will ich nicht dabeihaben! Also, was ist?“

Silas hatte keine Ahnung, was eine Provision war, doch das war auch egal. Er wusste nur, dass Cédrics Vater ungeheuer reich sein musste, denn er fuhr ein schwarzes Auto, das unglaublich teuer aussah. Und seit er von Cédrics Mom getrennt lebte, bekam Cédric ständig die coolsten Geschenke, einfach so. Ohne Geburtstag oder Weihnachten oder so. Erst letzte Woche hatte Cédric ein Fussballshirt rumgezeigt. Original von Ribéry getragen und mit Autogramm, hatte er gesagt.

„Klar Mann, Provision, cool!“, sagte Silas, die Schultern gestrafft, um etwas grösser zu wirken und versuchte, eine möglichst lässige Pose einzunehmen. Er wusste genau, dass ChickenMcKing zu Hause Diskussionen auslösen würde, seine Eltern hatten da diese dämliche Regel… Fastfood nur am Wochenende. Doch da mussten sie jetzt durch! Er würde sich durchsetzen, schliesslich war er schon fast erwachsen, jawohl. Naja, bald jedenfalls.

Den Rest des Morgens bekam er von der Mathestunde nicht viel mit, vielmehr schweiften seine Gedanken immer wieder ab zum ChickenMcKing und er malte sich aus, was er bestellen würde. Pommes, das war klar. Aber dazu? Den neuen DarkChicken wollte er schon lange mal probieren, er hatte die Werbung im Fernsehen schon oft gesehen, die war richtig cool. So mit einer magischen Welt und finsteren Figuren, welche in den Burger bissen und danach ein unheimliches Geräusch ausstiessen, das entfernt an ein grausiges Lachen erinnerte. Oder vielleicht doch lieber den BigChickenPrince mit den Speckstreifen extra? Das war sein Lieblingsburger. Und Livia wäre auch da… ganz bestimmt. Die beste Freundin von Svenja hatte ihn letztes Mal auf dem Heimweg sogar hallo gesagt, das allererste Mal. Silas hatte einen ganz flatterigen Bauch bekommen und hatte nur ein „He..ey“ gestottert. Er wusste auch nicht genau, warum. Sonst war er eigentlich nie so. Vielleicht lag es an ihren unglaublich langen dunklen Haaren… oder an den grünen Augen, jedenfalls schaute sie ein bisschen aus wie eine Prinzessin. Nicht, dass er sich mit Prinzessinnen auskennen würde, auf keinen Fall. Aber in King of Dragons sah die entführte Prinzessin haargenau so aus wie Livia. Deshalb musste er sie sich immer angucken. Natürlich nur, wenn niemand hinsah. Und wenn sie es nicht merkte. Aber wenn sie auch mitkam, hiesse das, dass er sie einen Abend lang heimlich immer wieder anschauen konnte…

„Silas?“, riss ihn die Stimme des Mathelehrers schlagartig aus seinen Träumen. Und bis die Mittagsglocke dann schliesslich läutete, wurde er von Herrn Sieber geplagt, welcher es liebte, unaufmerksame Schüler so richtig zu quälen. Nachdem er etwa zum hundertsten Mal „Ääähm… das weiss ich nicht…“ gesagt hatte, erlöste ihn endlich die Schulglocke.

Bester Laune stürmte er nach Hause (die Mathestunde war ihm ja so was von piepegal), schleuderte den Rucksack in eine Ecke, driftete auf seinen Ringelsocken über das Parkett (das war einer seiner besten Tricks) und warf sich auf seinen Stuhl, wo Mom und Dad bereits am Tisch sassen und Dad schon ungeduldig auf die Uhr in der Küche spähte.

„Ratet mal, was…“, begann Silas und strahlte die beiden an.

„Wo sind deine Hausschuhe, Mister? Und schleif nicht immer so über den Boden, deine Socken bekommen Löcher.“, unterbrach ihn Mom und stiess den Löffel in die Auflaufform.

„Ach, lass ihn doch, beginnen wir jetzt lieber endlich, du weißt doch, dass ich heute nur kurze Mittagspause habe, Lisbeth!“, unterbrach sie wiederum Dad, gereizt auf die Lasagne starrend. Das begann ja super.

„Ratet mal, wozu mich Cédric heute einlä…“, startete Silas einen zweiten Versuch, brennend darauf, seine News loszuwerden.

„Ach, pass doch auf, jetzt muss ich mir ein neues Hemd anziehen, verflu...ixt nochmals!!“, brachte ihn der Ausruf von Dad zum Schweigen, welcher hektisch mit der Serviette über den roten Saucenfleck auf seiner Manschette wischte, welcher Mom vom Löffel getropft war. Durch das Gewische wurde der Fleck nur immer grösser. Fasziniert starrte Silas auf Dads weisses Hemd, dessen rechtes Ärmelende jetzt hellorange gefleckt war.

„Himmel, nun schrei mich doch nicht an, Harald, man kann auch anständig mit mir reden!“ Mom setzte ihren in-diesem-Ton-unterhalte-ich-mich-nicht-Blick auf und musterte Dad mit hochgezogenen Augenbrauen. Silas rollte die Augen himmelwärts. Langsam wurde es ihm zu bunt. Gerade als er erneut Luft holen wollte, um zwischen zwei Bissen (die Lasagne war wirklich gut) endlich von seinen Neuigkeiten zu berichten, erhob sich Dad vom Stuhl, warf die Serviette neben den Teller, grummelte etwas von „Muss jetzt eh los, war ja mal wieder eine erholsame Mittagspause…“ und knöpfte sich bereits das Hemd auf, während er in Richtung Tür lief.

„Könnte mir jetzt vielleicht mal irgendjemand zuhören??!“, explodierte Silas in diesem Moment und knallte seine Gabel auf den Tisch. Erschrocken hielten seine Eltern inne und starrten Silas verblüfft an. Na also.

„Cédric lädt mich und ein paar Freunde heute Abend zum Essen ein. Ich komme also erst spät.“, informierte er und liess bewusst den Hinweis ChickenMcKing weg und auch die Erklärung, was spät genau bedeutete. Dann nahm er seine Gabel wieder in die Hand und schob sich seelenruhig eine weitere Ladung Lasagne in den Mund, äusserst zufrieden mit sich selbst.

„Mooment mal, Kleiner“, meinte Dad und kam langsam an den Esstisch zurück. „Was genau verstehst du unter ‚spät’?“ Silas hasste es, wenn sein Dad ihn Kleiner nannte. Er war doch kein Baby.

„Ja, und wo genau esst ihr und wer ist alles dabei?“, wollte Mom sofort wissen.

Silas seufzte ergeben. Es hätte ja sein können. Das war mal wieder typisch, kaum war mal was mit ihm, verstanden sich seine Eltern urplötzlich wieder und verbündeten sich gegen ihn.

„Naja, Cédric, Kevin, Jan, Jonas und ich… und noch so ein paar Fünftklässler“, murmelte er und steckte sich ganz schnell die nächste Gabel Lasagne in den Mund.

„Ein paar Fünftklässler? Kennen wir die?“, fragte Dad misstrauisch.

„Und die Antwort auf das Wo…?“ Das war Mom, hartnäckig wie immer.

„Chknmgkng“, nuschelte er mit vollem Mund und tat so, als ob der Bissen in seinem Mund besonders schwer zu zerkauen wäre.

„Bitte?“, fragte sein Vater, blickte ungeduldig auf die Uhr und klopfte mit den Fingern auf die Tischkante.

Es hatte keinen Sinn. „Wir gehen in den ChickenMcKing! Alle kommen und es wird super… bitte, ich muss...“

„Das kannst du mal gleich vergessen, du kennst die Regel, Silas. Kein Fastfood unter der Woche.“, sagte seine Mom entschieden, schöpfte sich von der Lasagne nach und für sie war das Thema scheinbar damit erledigt.

„Bitte, ich muss da einfach hingehen, alle kommen!! Bitte, ich wasche dafür auch ab und räume den Tisch ab und…“, bettelte Silas und schaute verzweifelt von Mom zu Dad.

„Diskussion beendet, Kleiner!“ Dad erhob sich, schlüpfte aus dem Hemd und verliess den Raum mit raschen Schritten und einem erneuten Blick auf die Uhr. Kurz darauf sein übliches „Ich muss los!“, woraufhin Mom zur Türe eilte, um ihn zu verabschieden. Dasselbe Theater wie jeden Tag. Silas blieb alleine am Tisch zurück. Bittere Enttäuschung und ungeheure Wut durchströmten ihn. Alles war verdorben, nur wegen der ewigen blöden Regeln. Er schob seinen noch halb vollen Teller weg. Sollte seine doofe Mom doch alleine zu Ende essen. Wenn er genau darüber nachdachte, war die Lasagne gar nicht so gut wie er zunächst gedacht hatte.

Das war heute Mittag gewesen. Der Nachmittag wurde dann noch schlimmer. Er musste seinen Freunden nach der Schule erklären, dass er nicht mitkommen konnte und kam sich dabei vor wie ein Baby. Silas schämte sich zu Tode und kam sich so furchtbar uncool vor, als Cédric nur mit den Schultern zuckte.

„Schade auch! Hey, was meint ihr, probieren wir den DarkChicken oder sollen wir lieber doch den BigChickenPrince….?“, und sich an der Seite von Kevin und Livia inmitten der Gruppe zum Bus abwandte, Silas bereits vergessen.

Ein Horrortag. Und jetzt lag er auf seinem Bett, der Magen schmerzte vor Heisshunger und er hasste die ganze Welt.

***

Finsternis

Lavendula war beinahe nicht zu erkennen auf ihrem Ast vor der Höhle. Es war fast dunkel und nur wenn man ganz genau hinsah, bemerkte man ihre leuchtenden Augen – mal eines, dann beide, dann wieder nur eines. Seit Stunden schon sass sie so da und wartete auf die Nacht. Lavendula war heute viel zu früh erwacht, ein ungutes Gefühl hinderte sie am Schlafen. So wachte sie über das langsame Eindunkeln, blinzelte ab und zu und dachte nach. Wenn sie ein Auge schloss, konnte sie besser denken. Das ungute Gefühl war da, seit sie die Geburt des Serins gespürt hatte. Und es schien, als ob es von Tag zu Tag stärker würde.

Die Tiere hatten sich wieder in ihre Bereiche des Waldes verzogen, den Serin hatten sie auch nach langer Suche nicht finden können. Auf den ersten Blick schien es, als ob wieder alles so wie vorher wäre. Nur das ungute Gefühl bewies, dass irgendetwas im Gange war. Lavendula wusste nicht weiter. Sie schloss das rechte Auge. Es kam ihr so vor, als ob es heute früher dunkel geworden wäre. Noch war es nicht Nacht, doch es war bereits finster. Finsterer als sonst. Mit einem leisen Aufschrei erhob sie sich in die Luft und schwang sich durchs Geäst aufwärts, dem Blätterdach entgegen. Es war still. Auf einem der obersten Äste hielt Lavendula inne. Es war zu still. Wo waren die Bewohner des oberen Teils? Mit scharfem Blick sah sie sich um. Und da bemerkte sie es. Sie war alleine. Keine Vögel. Keine Hörnchen. Leere Nester… Noch aufmerksamer liess sie ihren Eulenblick durchs Gehölz schweifen. Ihr Eulenherz zog sich vor Entsetzen zusammen. Abgestorbene Blätter. Verwelkte Blüten. Faule Früchte. Ein unangenehmer Geruch lag in der Luft. Der Geruch nach Verwesung. Lavendula schwang sich erneut in die Luft, stieg lautlos noch höher, immer höher, bis über das Blätterdach hinaus. Schwere, schwarze Wolken hingen über dem Abendhimmel. Blitze zuckten lautlos und tauchten den Wunderwald in regelmässigen Abständen in unheimliches Licht. Es war kalt. Lavendula erschauderte. Währenddem sie ihre Kreise zog, durchströmte sie unerklärliche, durchdringende Furcht. Der oberste Teil des Baumes war tot. Grau und abgestorben. Die Blätter waren weg, die feinen Ästchen abgebrochen und verschimmelt. Überall wucherten Pilze, schwarz und übel riechend wie kranke Geschwüre. Vorsichtig liess sie sich nieder, bereit sich sofort wieder zu erheben, falls der morsche, dünne Ast unter ihrem Gewicht nachgeben sollte. Und da hörte sie es. Das leise Seufzen. Das fast unhörbare Ächzen des Baumes. Der Baum des Lebens war dabei, zu sterben. Und das bedeutete, der Wald und all seine Bewohner mit ihm. Lavendula erbebte. Der Serin. Sie musste ihn finden!

***

Der kleine Waldserin in seiner Baumhöhle hinter dem Efeuvorhang lag eingerollt in seinen Schwanz in das Daunennest gekuschelt. Seine riesigen grauen Augen waren offen, geschlummert hatte er fast den ganzen Tag über und konnte jetzt beim besten Willen nicht schon wieder schlafen. Zudem grummelte sein Bauch so sonderbar. Die letzten Tage hatte er damit verbracht, sich zuerst von der Aufregung vor seiner Höhle zu erholen, zitternd hatte er danach eine ganze Weile im hintersten Winkel gesessen und kaum gewagt, zu atmen, aus Furcht, eine der schwarzen Schnüffelnasen könnten ihn hören. Dann, nachdem es lange Zeit still geblieben war und er sich langsam wieder zu bewegen getraut hatte, wollte er diese Welt da draussen nochmals in aller Ruhe betrachten. So hatte er seinen Vorhang ein kleines Bisschen auseinander geschoben und mit einem Auge hinaus gespäht, überwältigt von der schieren Grösse der Pflanzen und Bäume, die ihn umgaben. Als es ruhig geblieben war, hatte er das Efeu noch etwas weiter auseinander geschoben und staunend um sich geguckt. Dann hatte er sich blitzschnell wieder in sein Nest zurückgezogen. Rausgehen konnte er auf keinen Fall. Die Schnüffelnasen… sie könnten noch in der Nähe sein. Die restliche Zeit über war er grübelnd in seinem Loch gesessen, etwas ratlos und verwirrt, und hatte sich gefragt, was das alles sollte. Warum war er hier? Was sollte er jetzt machen? WER war er? Von Zeit zu Zeit hatte er einen scheuen Blick durch den Vorhang gewagt. Und dann hatte er sich wieder ins Nest gesetzt, ein bisschen geschlafen und nachgedacht. Und heute Morgen als er erwacht war, hatte auf einmal sein Bauch so sonderbare Geräusche gemacht. Er war erschrocken und schnell wieder eingeschlafen. Zur Sicherheit. Doch beim nächsten Aufwachen war das Grummeln immer noch da gewesen, sogar etwas lauter als zuvor. Deshalb hatte er nochmals eine Runde geschlafen.