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Der durch seine kühne Flucht nach dem Fall von Tsingtau und später aus der englischen Kriegsgefangenschaft bekannt gewordene "Flieger von Tsingtau" erzählt die Abenteuer, die er mit wenigen Gefährten erlebte, als er Ende 1927 mit einem kleinen Kutter von Hamburg über den Ozean bis zu den Feuerlandinseln, die vor der Südspitze Südamerikas liegen, fuhr, und dann mit einem Flugzeug über den Hochgebirgen, Seen und Meeresarmen dieser einsamen Gegenden kreuzte. Eine sehr unterhaltsame Lektüre für Fans klassischer Literatur über Expeditions- und Abenteuerreisen.
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2025
Silberkondor über Feuerland
GUNTHER PLÜSCHOW
Silberkondor über Feuerland, G. Plüschow
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
86450 Altenmünster, Loschberg 9
Deutschland
ISBN: 9783988682710
Quelle: https://rcin.org.pl/dlibra/publication/edition/159422/content
www.jazzybee-verlag.de
Vorwort des Verfassers1
1. Die Holzpantine des Ozeans. 2
2. Der Tanz beginnt!10
3. Smutje steigt aus. 18
4. Neptuns Schimmel26
5. Land! Land!36
6. Wir werden wieder Menschen!45
7. Oh Paraiso!52
8. Ein Traumbild steigt aus der Flut57
9. Fallende Urwaldriesen. 67
10. Bei den letzten Botokuden. 83
11. Piraten des Ozeans. 95
12. Auf Legerwall107
13. Das Feuerland ruft!120
14. Der Silberkondor des Feuerlandes138
15. Feuerlandsweihnacht152
16. Der Hafen der Träume. 162
17. Der große Feuerlandsflug. 172
18. Feuerlands-Abschied. 179
19. Kordillerenflüge. 186
20. Indianer heulen durch die Nacht212
Groß ist die Zahl der Freunde in Deutschland, die mir durch Unterstützungen‚ Lieferungen, Beiträge oder Zahlungserleichterungen geholfen haben, die „Feuerland“ und den „Silberkondor“ auszurüsten und die Expedition durchzuführen. Sehr groß ist auch die Zahl der Freunde draußen in der Welt, die sich der kleinen „Holzpantine“, ihrer Besatzung oder des Flugzeuges ans genommen haben, uns Gutes und Liebes taten uns gastlich aufnahmen und — Freunde wurden.
Sie alle in diesem Buche namentlich zu erwähnen, war mir unmöglich, ihnen allen sei daher hiermit herzlich gedankt.
Und nun soll das große Erleben dieser Expedition auch in Form dieses Buches hinaus in die Welt, soll Kunde tun von all dem Schönen, das wir erschauen durften. Nicht als genau geführtes Tagebuch, das drei bis vier solche Bücher beanspruchen würde‚ nicht als wissenschaftlich nüchterner chronologischer Bericht, der langweilen müsste‚ sondern so, wie dies große Erleben, für das ich meinem Schicksal dankbar bin, von mir erlebt wurde, wie es in mir, in meiner Erinnerung, in meiner Seele nachklingt.
Warnen, dringend warnen vor übereilten Schritten möchte ich aber alle diejenigen, die auf Grund dieses Buches den Entschluss fassen sollten, der alten Heimat den Rücken zu kehren und auszuwandern.
Es ist nämlich ein gewaltiger Unterschied, ob jemand wie ich als Weltreiseschriftsteller durch Länder und Meere zieht, oder ob jemand in dieselben Länder kommt, um sich dort unter völlig anderen Verhältnissen, unter erschwerten Bedingungen, bei allerschwerster Arbeit ein neues Leben auf bauen zu müssen.
Wo die kleine „Holzpantine des Ozeans“, wo der „Silberkondor des Feuerlandes“ gewesen sind, sei es in Brasilien, Argentinien oder in Chile, überall wurden sie von den Regierungen, den Behörden, der Bevölkerung gastlich aufgenommen und aufs allerfreundlichste unterstützt; nur so war mir die Durchführung meiner oft nicht leichten Aufgabe möglich: Darum auch ihnen allen meinen herzlichen Dank!
Gesichert wurde die Expedition aber erst, als das Ullstein-Haus, Berlin, wieder mal mir, seinem alten Mitarbeiter, treu zur Seite sprang!
Knirschend fährt der breite Bug gegen das Eis. Splittern und Krachen ertönt, das Eis schiebt sich einen Augenblick zusammen, türmt sich aufeinander, wird seitlich weggedrückt, gurgelnd schießt braungraues Meerwasser von unten herauf. Die Fahrt des Schiffes wird langsamer, ein eigenartiges Zittern durchläuft nun den festen, breiten Rumpf, nun steht das Schiff,
Christiansen, mein Steuermann, steht achtern am Ruder. Er ist Büsumer Kind, er kennt diesen kleinen Hafen und die Fahrrinne, die herausführt, seit seiner frühesten Kindheit, er ist ja eigentlich Fischer von Beruf, deutscher Hochseefischer. Der Motor hat gestoppt, nun wirbelt die Zeise-Patentschraube rückwärts, man hört und fühlt, wie sie gegen die dicken Eisstücke schlägt, vor uns bildet sich eine schmale Fahrrinne, wieder lässt Christiansen unsern guten Deutz-Diesel-Motor vorwärts gehen.
Mit den höchsten Umdrehungen, die der Motor laufen kann, schießen wir voraus, wie ein Rammbock, wie ein Eisbrecher gegen die dicke, weiße Barre, die das Wetter uns in diesem November 1927 schon beschert. Etwas besorgt schaue ich vorne am Vorsteven über die Bordwand, die Farbe ist längst vom Eise abgeschabt wie mit scharfem Messer, doch dem festen deutschen Eichenholz, aus dem nicht nur der breite mächtige Steven, sondern das ganze Fahrzeug gebaut ist, kann das Eis gottlob nichts anhaben.
Und wieder und wieder stehen wir still wie festgerammt.
Gespannt schaue ich nach achtern zu Christiansen herüber. Der verzieht keine Miene, blickt mit seinen scharfen blauen Möwenaugen belustigt um sich, nimmt einen neuen Anlauf.
„Herrgott“, geht es mir durch den Sinn, „sollten wir etwa zu guter Letzt auch noch hier einfrieren, macht uns das Eis womöglich einen Strich durch die Rechnung?!“ Da kracht und splittert es mit Donnergroll um uns herum, die ganze Eisschicht ist durch den letzten Anprall der Länge nach gespalten, schnell bedeckt sich das Eis mit Wasser.
Und nun noch ein allerletzter Ansturm, wir laufen dazu fast den ganzen Weg zurück, nun treffen wir den Riss, nun hebt sich der Vorsteven etwas hoch, um uns poltern und schieben sich Eisschollen, die Schraube wühlt und mahlt und quirlt, schlägt gegen Eis, dann verlangsamt sich die Fahrt, nur noch einige Meter fehlen. Da bricht auch das letzte Stück Eis auseinander, das freie Meer spritzt salzige Wellen gegen den Bug, die kleine „Feuerland“ ist frei!
Nun atmen wir paar Menschen an Bord etwas erleichtert auf, blicken um uns, sehen das kleine, saubere Nordseebad Büsum über den Deich lugen, sehen winkende Menschen am Ufer, die mit allen ihren Wünschen und Gedanken bei uns sind. Zu meiner Freude war auch Dr. Bernhard Draeger aus Lübeck, dessen Tauchretter wir mit an Bord haben, persönlich zum Abschied nach Büsum gekommen nur wenig später starb dieser prächtige Mensch und Freund.
Ganz vorne am Ufer steht allein eine kleine Gestalt, ein Kind in schmucker Matrosenuniform, mit wehenden goldblonden Locken, die blauen Augen schauen etwas verwundert und traurig zu dem enteilenden Fahrzeug herüber, der kleine Kindermund ist krampfhaft zusammengepresst, um ja vor den vielen Menschen keine Rührung sehen zu lassen — es ist Guntolf, mein Sohn, dessen Eltern auf dieser Nussschale einem ungewissen Schicksal entgegenfahren.
Jetzt hebt sich die kleine Hand am Ufer, ein Tüchlein flattert, ganz fein klingt noch ein „Auf Wiedersehen!“ als letzter Abschiedsgruß. Mit Tränen in den Augen lehnt achtern am Heck der „Feuerland“ eine schlanke feine Gestalt mit den gleichen blonden Haaren, wie das Kind sie trägt. Mit dem scharfen Zeissglas hält sie das Bild am Ufer fest, bis es bei einer Biegung verschwindet — Smutje verlässt zum ersten Mal ihren Jungen.
Die grauen Molen strecken sich rechts und links von uns weit in See hinaus, an unserer Backbordseite liegt die kleine Büsumer Schiffswerft, auf der die „Feuerland“ geboren und getauft wurde und von fleißigen, unermüdlichen Händen vollendet ward zu langer Fahrt, die Flagge am Mast senkt sich nochmals zum Gruß, unsere Sirene heult auf, vor dem Flaggenmast an Land steht ein breitschultriger Mann, mein alter Kriegskamerad Friedrich Vagt, der Schöpfer und Erbauer meines Fahrzeuges.
Ein paar Eisschollen treiben vorüber, nun gleiten wir zwischen den Molenköpfen hindurch, Christiansen hat dem Schiffsjungen das Ruder gegeben‚ springt mit den andern an die Segel, wirft die Zeiser los, setzt Segel auf Segel, leise neigt sich die „Feuerland“ nach Backbord über, das Wasser am Bug rauscht auf, kaum merklich tanzt das schmucke weiße Fahrzeug in der leichten Dünung, nun hat es die freie Nordsee erreicht — die „Holzpantine des Ozeans“ hat ihre abenteuerliche Fahrt begonnen!
„Komm, Geliebte“, sage ich, „reiß dich los, unserm Jungen wird es gut gehen, mach dir darob keine unnötigen Sorgen. Nun beginnt deine Pflicht, sieh, wie schön ruhig die Nordsee liegt, wie zum Gruß, das ist ein gutes Zeichen für unsere Fahrt!“
Einen letzten, langen Blick wirft die blonde schlanke Frau zur Küste hinüber, lässt ihre Augen über das graue, ihr unheimliche Meer gleiten, nimmt mich noch einmal in ihre Arme, ich fühle ihre warmen weichen Lippen, dann eilt sie den Niedergang zu meiner Kajüte hinab.
Einen Augenblick steht sie unten noch ratlos vor der Engigkeit. Das leise Schwanken ist ihr ungewohnt, noch nie fuhr sie bisher zur See! Dann aber reißt sie sich zusammen. Im Nu sind elegante Kleider, Pelzmantel und Hut verschwunden. Als ich noch in Gedanken versunken an Deck auf und ab gehe, den Kompass und die Karte studiere, mit meinem Steuermann Christiansen abwechselnd nach vorne durch unsere Gläser starre, erscheint ein lachender Kopf am Niedergang, mit rotem Kopftuch umwunden, nun taucht ein blauer, schlanker Matrose aus der Versenkung mit langen blauen Hosen, quer über der blauen Bluse steht in roten Lettern der Name „Feuerland“. Die Füße stecken in hohen Gummistiefeln, Marke „Kanalarbeiter“, in den bis jetzt noch gepflegten Händen schwingt ein Kochlöffel — Smutje, unser neuer Schiffs- und Reisegenosse, unser Koch, als „Kochsmaat“ richtiggehend an Bord der „Feuerland“ angemustert, Löhnung nach Vereinbarung, tritt ihren Dienst an.
Mit dröhnenden Schritten trampelt „Smutje“ in ihren schweren Seestiefeln, als sei sie niemals etwas anderes gewohnt gewesen, über Deck und verschwindet im Niedergang zum Mannschaftsraum, wo die kleine Kombüse liegt.
Ich atme auf, wie aus schwerem Traum erwachend.
Da liegt nun endlich die Nordsee, das unendliche Meer, ruhig, wie atmend, dehnt sie sich im Kreis, senkt sich auf und ab — der atmende Busen einer wunderschönen, schlafenden Frau!
„Geschafft‚ geschafft!" tönt es in meinem Innern! Eine unbezwingbare Freude, eine tiefe Genugtuung durchströmt mich, ich stehe an Deck meines Schiffes, setze mich auf unser Reserveölfaß, das an Steuerbordseite gezurrt ist.
Meines Schiffes!!!
Meine Augen schweifen in die Runde, Meer, Meer, Meer, so weit sie blicken, meine Augen gleiten nach oben zur Takelage, an der die Segel leise gebläht stehen, steif wie ein Brett, da sie noch völlig neu sind, gleiten zum Vorsteven, über das ganze Deck, zum Ruderhaus, bis zum Heck, es ist klein, mein Fahrzeug, aber gut und fest gebaut, und — mein Schifflein!
Wo sind nun alle Mühen und Sorgen vergangener arbeitsreicher Monate, voller Enttäuschungen und bitterer, verzweiflungsvoller Kämpfe, voller Aufregungen, Freuden, Entmutigungen, Verhöhnungen, treuer Hilfe und Anhänglichkeit?!
Das war ja alles nur ein Traum, jetzt bin ich erwacht zur Wirklichkeit, denn nun habe ich es geschafft, die kleine „Feuerland“ durchfurcht die See, strebt unaufhaltsam nach Südwest, dem Ozean entgegen.
Zwar ist es bereits Ende November 1927, ein bisschen spät für eine solche Nussschale, und wir sollten auch „eigentlich“ Anfang September los. Aber gehen die anderen Fischkutter nicht auch im Winter zum Fischen in die Nordsee hinaus? Warum soll ausgerechnet unser Schiff, das ganz besonders fest und sorgfältig und ganz und gar aus allerbester deutscher Eiche gebaut wurde, es nicht schaffen?
Dann haben wir doch unsern wundervollen 50-PS-Deutz-Diesel-Motor, haben unsere extra für unser Fahrzeug konstruierte Zeise-Patentschraube, haben mächtige Masten mit extra starken Wanten und Spannschrauben, feste Segel, absichtlich etwas verkürzt, damit sie von den paar Mann an Bord in jedem Wetter bedient werden können, eine wackere Besatzung ist an Bord, ich bin zufrieden,
Meine Gedanken schweifen ein Stück zurück.
„Mensch, was wollen Sie denn bloß im Feuerland“, tönte es mir entgegen, als ich am 1. Januar 1927 mit meinen Vorarbeiten zu der neuen Expedition begann und um Freunde und Hilfe warb.
„Ausgerechnet Feuerland“, lachten andere mitleidig. Meine besten Freunde zuckten nur die Achseln, selbst mein treuer Lebenskamerad, nunmehr Smutje der Feuerland, strich mir traurig über den Kopf, wenn ich brütend und rechnend und Pläne entwerfend an meinem Schreibtisch saß.
Ich aber wusste, was ich wollte, ich ließ mich durch nichts beirren, durch niemand entmutigen, mein Ziel stand unverrückbar fest vor meinem geistigen Auge, ich fühlte ganz deutlich, ganz eigenartig stark, dass ich mein Ziel erreichen würde.
Briefe über Briefe flatterten ins Land, Gesuche, Bitten, Pläne, ich lief persönlich von Zeitung zu Zeitung, von Filmgesellschaft zu Filmgesellschaft, überall wurde ich mehr oder wenig freundlich angehört, mit Versprechungen hingehalten oder mitleidig belacht. Als der Frühling 1927 ins Land kam und ich noch keinen Schritt weitergekommen war, wollte ich, bevor ich meinen Plan als zwecklos aufgab, noch einen letzten Versuch machen — ich veranstaltete eine Lotterie!
„Sieh, Liebste, diese zwanzig Bittbriefe schrieb ich heute Nacht, sie sind meine Lotterie. Wenn die Antworten zurückkommen, will ich irgendeine unter ihnen herausgreifen und öffnen. Ist wieder mal eine Ablehnung darin, stecke ich jede weitere Arbeit an meiner Expedition als fruchtlos auf. Wird mir aber Hilfe zugesagt, dann geht’s mit neuen Kräften los.“
Langsam kamen die Antworten an. Wahrscheinlich hatten es die braven Leute, die ich mit meinen Bitten belästigen musste, nicht halb so eilig wie ich, der auf diese Antworten brannte. Doch endlich hatte ich zwanzig gewichtige Briefe in der Hand.
Da wurde ich plötzlich feige.
Ich trug diese Briefe einige Tage mit mir in der Tasche herum, sie enthielten ja mein Schicksal, mir bangte doch vor dem Augenblick, wo es sich entscheiden sollte.
Dann riss ich mich zusammen, die Lotterie wurde gezogen! Den dicksten unter den Briefen, den wichtigsten, zog ich heraus, er war von den Deutzer Motorenwerken.
Einen Augenblick holte ich noch tief Luft, einen Augenblick zögerte | noch meine Hand, dann riss ich den Umschlag auf, las mit fliegenden Augen, mit wild schlagendem Herzen die wenigen Zeilen, dann ergriff ich meinen Rotstift, schrieb mit großen Buchstaben unter den Brief: Wie fein, die Expedition ist gemacht!
Am nächsten Morgen wanderte ich lachend und fröhlich, meine innere Unruhe gut verbergend, zu meinem alten befreundeten Ullsteinhaus,
Als ich einige Stunden später nach Hause kam, wo zwei blonde Köpfe erwartungsvoll und voller Angst in den Augen aus dem Fenster schauten, versagte mir die Stimme, ich konnte nur noch bejahend nicken, die beiden treuen Wesen an mich ziehen, stumm saßen wir so eine ganze Weile zusammen.
Aber dann ging es mit verdoppelten Kräften an die Arbeit.
Ein Telegramm flog nach Büsum, hoch an der westlichen Nordseeküste in Holstein, holte meinen alten treuen Kriegskameraden Vagt herbei, dem ich den Bauauftrag für den Kutter und die erste Ratenzahlung geben konnte, ein anderes flog an den Rhein, zu den Deutzer-Motorenwerken, um die Seele des Schiffes fest zu bestellen, und dann, ja, und dann war es für mich wie im Traum so schön, als nun, wo mein Plan feste Gestalt angenommen hatte, von allen möglichen Seiten die Hilfe kam. Bosch stellte mir die elektrische Anlage, Minimax schrieb: „Dem Flieger von Tsingtau stehen selbstverständlich so viele Minimaxe zur Verfügung, wie er braucht“, das Sporthaus S. Adam-Berlin rüstete die ganze Besatzung aus, die deutsche Seewarte in Hamburg half, drei Suhler Drillinge und drei wundervolle Mauser-Repetierbüchsen kamen, dazu reichlich Munition von Utendoerffer, Lorenz gab einen Radioapparat, die Akkumulatoren und Batterien die Akkumulatorenfabrik Berlin, langsam sah ich, wie mein Plan gedieh. Nun kamen auch Kompass und Apparate von Askania und Fueß und zuletzt noch zwei schwarze, sorgfältig verpackte und verlötete Kisten — die ersten fünftausend Meter wundervoller Agfas Filme! Doch als ich alles beisammen hatte, als das Schiff seiner Vollendung entgegenging und die Kisten mit Ausrüstungen und Geschenken sich zu einem Berg häuften, da hatte ich erst den einen Teil meiner Expedition zusammen!
„Herrgott, was schreibst du denn nun noch zusammen, ich denke, du bist endlich fertig, was kommt denn jetzt noch?!“ fragte mich verwundert meine Frau, die spätere „Smutje“.
„Mein Flugzeug !“ — klappernd rasen die Tasten meiner kleinen Klapperkiste über das Papier — ich war ungehalten über diese Störung.
Da drehe ich mich um, hinter mir sitzt wie entgeistert, mit aufs gerissenen, angsterfüllten Augen, mit bebenden Lippen meine Frau, starrt mich an, haucht fast tonlos: „Flugzeug, Herrgott, willst du etwa auch noch fliegen? Im Feuerland fliegen?!“
Als ich nur noch nicke und an meinem letzten der wiederum zwanzig Bittbriefe klappere, erwacht meine Frau aus ihrer Erstarrung.
„Fliegen, ausgerechnet fliegen, und dazu noch im Feuerland, denkst du denn gar nicht an uns, hast du noch nicht genug, dass du vor und im Kriege fünf Jahre lang geflogen bist, willst du denn durchs aus ins Unglück rennen ?!“
All ihre Liebe, ihre Sorge, ihre rührende Angst um mich sprachen aus ihren Worten, lachend zog ich die Widerstrebende an mich. „Na; aber Gott sei Dank“, und das war wohl ihr letzter Trumpf, „ein Flugzeug bekommst du ja doch nicht, wer soll es dir auch wohl geben, und dann kannst du ja gar nicht mehr fliegen, vor zehn Jahren bei Kriegsschluss flogst du das letzte Mal, du hast jetzt deine Gesundheit für deinen Jungen zu hüten, du bist ja viel zu alt zum Fliegen!“
Da küsste ich Smutje die Tränen von den Wangen, löste sie von mir los, ging zum Briefkasten, plumpsend fielen die zwanzig Briefe hinab.
Mit einer wahren Angst im Herzen sah Smutje den Antworten entgegen. Als immer mehr und mehr von ihnen abschlägig lauteten, hellte sich ihr Gesicht auf, ja jetzt frohlockte sie sogar und rief wie ein übermütiges Kind: „Siehst du, ich wusste es ja! Gott sei Dank, dass du das grässliche Flugzeug nicht bekommst!“
„Und gerade, weil du das gesagt hast, setze ich mich doppelt dahinter, dass ich den Vogel erhalte!“
Der Weg über die Briefe war misslungen, das stand leider fest. Umso mehr hatte ich mich aber über die paar Antworten gefreut, die mir Hilfe brachten, ein winziger Schritt war damit vorwärts getan.
Doch eines Tages war ich derjenige, der jubelnd nach Hause kommen konnte, alle meine Erwartungen, ja meine kühnsten Träume waren übertroffen worden, ich hatte ein wundervolles neues Heinkel-Seeflugzeug in Charter erhalten!
Jeden Morgen stieg ich in meinen kleinen Selver-Rennwagen, jagte hinaus nach Staaken, neben mir Smutje, die sich mit Angst im Herzen auch darein ergeben hatte und mir getreulich half, stieg in eins der Schuflugzeuge, drehte, wie einst vor fünfzehn Jahren als Flugschüler, Kreise um Kreise in der Luft, Landung auf Landung, stieg wieder in meinen Rennwagen über, jagte nach Hause an die Klapperkiste, ans Telefon, zu Ullstein zu Verhandlungen, dann mal wieder hoch hinauf zur Nordsee, um den Bau der kleinen „Feuerland“ zu überwachen, hinüber zur Ostsee nach Warnemünde, wo mein Flugzeug gerade seinen wunderschönen Silberanstrich bekam, besorgte mir von Zeiß noch eine Luftkamera, holte mir von den Askania-Werken leihweise meinen Flugzeugwart und Flugbegleiter Dreblow. — Arbeit, Arbeit, Jagen, Hetzen.
Schiffstaufe bei strahlender Sonne — leider um unwiederbringliche kostbare Wochen zu spät wegen des entsetzlich schlechten Wetters Probeflug bei Heinkel in Warnemünde, Probefahrt nach Helgoland mit dem fertigen Schiff, Einnahme des Brennstoffs, den die Deutsch-amerikanische Petrol gestiftet hatte, Kompensieren, Proviant verstauen. Nestle, Berlin, hatte Milch geschickt, von anderer Seite liefen Fleisch- und Gemüsekonserven, prachtvolle Marmelade und Flüssigkeiten zur „inneren“ Erwärmung ein.
Abschied, Abschied, mir wirbelte der Kopf, alles geschah nur noch im Traum.
Aus diesem Traum erwache ich jetzt.
Das alles liegt hinter mir, oh, wieviel schöner ist die Wirklichkeit in der mein Motor unablässig brummt, die Segel leise mitziehen, das Wasser sich am Bug kräuselt, die Heimatküste eben im Osten im Meer verschwindet.
Da erscheint vorne im Niedergang ein rotes Kopftuch.
Eine Hand reckt sich herauf, hält eine Bratpfanne, eine andere Hand einen Kochlöffel, nun trommelt der Löffel auf die Pfanne, das ist unser Schiffsgong, Smutje ruft zum ersten Mittagessen.
Die Wache löst ab, Seppl Schmitt steht nun am Ruder, den ich von der Reederei Laeisz in Hamburg bekam. Er ist alter Kap-Horn-Fahrer, und bevor er die Schulbank der Seemannsschule drücken muss, will er noch einmal Seeluft schnappen.
Es wird schon empfindlich kalt, das Meer bedeckt sich mit feinen Schaumköpfen, die Segel straffen sich, das Schiff legt sich noch mehr auf die Seite, der Motor dröhnt sein wundervolles Lied von unten herauf.
Vorne am Vorsteven meines nur sechzehn Meter langen und fünf Meter breiten Kutters sitzt Smutje, dick in Wolle gehüllt. Auf dem Schoß hält sie wie eine Wärmflasche Schnauf, unsern vierbeinigen Freund und Reisegefährten, einen rauhaarigen Terrier, den ich von meinem Berliner Schnauferl-Club zur Fahrt bekam. Schnauf ist erst rund acht Wochen alt. Er fuhr noch nie zur See, ebenso wenig wie Smutje, ebenso wenig wie die andere frierende Gestalt, die neben Smutje sitzt und gleich ihr emsig Kartoffeln schält. Kurt Neubert ist dieser neue Jünger Neptuns, mein Kinooperateur im roten Flanellhemd, Er wurde schon, als er das erste Mal in diesem roten Hemd erschien, das sich späterhin, als wir nie Waschwasser hatten, vorzüglich und dauerhaft bewährte, von mir „Garibaldi“ genannt. Seitdem heißt er nur noch allgemein und an der ganzen amerikanischen Küste „Garibaldi“!
Ich trete lachend zu den beiden Kartoffelschälern, sehe, wie sich zwei einst schön gepflegte Hände „fischkuttermäßig“ verwandeln, streichle leise über einen blonden Kopf.
„Sieh, da ist ein Dampfer“, ruft mir Smutje zu, und zeigt mit ihrem Kartoffelmesser über die Reling. Für Smutje ist ja alles neu, noch gar nicht so recht fasslich, sie freut sich über alles — selbst über das Kartoffelschälen und Geschirrabwaschen — sie ahnt ja noch nicht, was ihr alles bevorstehen wird, wenn der Wind erst auffrischt und der Tanz beginnt.
Drei Augenpaare schauen angestrengt durch die Zeißgläser zu dem qualmenden Fahrzeug, von dem man fast nur noch die Brücke und den Schornstein sieht, der Dampfer hat den gleichen Kurs wie wir.
Endlich setze ich mein Glas ab. ‚‚Das ist der ‚Planet‘, ich erkenne ihn an den Schornsteinringen, es ist derselbe ‚Planet‘, der mich von meiner ‚Segelfahrt ins Wunderland‘ nach Hause brachte, auf ihm ist jetzt Kapitän Töpper Herr und Gebieter, der damals auf dem Segler ‚Parma‘ Kapitän war und mit mir ums Kap Horn fuhr. Das ist ein gutes Omen, denn der ‚Planet‘ hat mein Flugzeug an Bord, behütet von Dreblow. Nun eilt uns der ‚Silberkondor‘ auf unserm Weg voraus.“
Der Reederei Laeisz, die mir wiederum hilfreich zur Seite steht, danke ich still im Herzen, als ich dem enteilenden Dampfer nachwinke.
Das Wetter wird schlecht.
Der Schreibbarograf fällt steil nach unten, der Himmel bezieht sich, Wolken kommen angejagt, Nebel fegen einher, die See wird höher und rauer, Spritzer zischen über Deck, das Schiff tanzt schon ganz gehörig, besorgt blicke ich zu Smutje herüber, die immer noch tapfer an Deck aushält.
Doch plötzlich sehe ich Smutje und Garibaldi ihre Kartoffelschälmesser beiseite werfen, sie stehen nebeneinander weit über die Reling gebeugt, als schauten sie begeistert ins Wasser, ihre Körper krümmen sich, zucken wie unter Peitschenhieben zusammen, Gurgeltöne erklingen — Smutje und Garibaldi opfern zum ersten Male Neptun,
Auch dem kleinen Schnauf scheint nicht wohl zu sein, traurig hängt sein sonst lustig wackelndes Stummelschwänzchen. nach unten. Als ich mich hilfreich der Gruppe nähere, sinkt mir Smutje in die Arme, Schnauf schaut mich bloß flehend an, als wolle er sagen: ‚Was hast du mich denn ohne meinen Willen hierher auf diesen entsetzlichen Wackelpott geschleppt, lass mich an Land, ich will doch wirklich kein Seehund werden!‘
‚Besser jetzt, und dann gründlich‘, denke ich bei mir, umso eher wird die Besatzung seefest.‘
Voraus tanzt ein aufblitzendes Licht, das Borkum-Riff-Feuerschiff.
Da ist die Wetterscheide. Wir stampfen und schlingern darauf zu, die Segel stehen eben noch voll, so hoch wir können, liegen wir am Wind, können eben noch Kurs halten. Um uns herum ist völlige Winternacht, und es ist doch erst fünf Uhr nachmittags! Diese Dunkelheit, diese entsetzliche Dunkelheit, wie leicht ist alles im Sommer, wo man sehen kann, was passiert, jetzt haben wir schon bald sechzehn Stunden Finsternis pro Tag, bald ist Dezember, dann wird es noch schlimmer. An Deck poltert und kullert alles durcheinander, im Schein der Seitenlaternen blinken gespensterhaft die Schaumkronen der Wogen, wir tanzen und torkeln, heben und senken uns, schlingern nach beiden Seiten tief über, der Großbaum ist schon eisern gezurrt, damit er nicht samt Segel unfreiwillig übergeht. Endlich ist es zwölf Uhr nachts, ich bin müde zum Umfallen, triefend nass trotz des Ölzeugs und der hohen Gummistiefel. Aus dem Auspuffrohr des Motors kommt es dick und schwarz und verschmiert alles an Deck, auch unsere Gesichter und Hände. Die Dunkelheit und dieser Dreck sind das Allerschwerste.
Christiansen kommt mit lachendem Gesicht, als ob er sich jetzt erst wohl fühle, aus dem Logis nach achtern zur Wachablösung. Eine Zigarre brennt ihm lustig im Munde, er spricht wie immer kein Wort, sieht sich bloß um, schaut über die ihm so vertraute See, sieht den Motor gründlich nach, der ohne Pause sein beruhigendes Lied singt; schaut zu den Segeln empor, zu dem fast dicht neben uns blitzenden Licht des Feuerschiffes, ergreift die Speichen des Steuerrades, schaut nun auf Kompass und Seekarte mit dem eingetragenen Kurs, er ist im Bild.
„Gute Wache, Christiansen, wecken Sie mich, bitte, nur, wenn was los ist, Sie müssen gleich das Borkumfeuerschiff umrunden, und ich fürchte, dann müssen Sie kreuzen, ich traue dem Frieden nicht!“
Langsam poltere ich nach unten in meine kleine Kajüte.
Da liegt an Backbordseite, ein Bild des Jammers und Elends, meine arme Smutje. Sie krümmt sich vor Schmerzen in ihrer fürchterlichen Seekrankheit. Für sie, die noch nie zur See gefahren ist, ist es kein Kinderspiel, auf einem Fischkutter im Winter durch die stürmische Nordsee zu schippern. Selbst mir altem Torpedobootsmann, der auch das Kap Horn umfuhr, ist doch nicht so ganz geheuerlich zumute bei diesen mir vorläufig noch völlig neuen und ungewohnten Bewegungen.
„Bitte, setz mich von Bord“, haucht ersterbend Smutje, ‚,das ist ja grauenhaft, diese Seefahrt!“
Da holt das Schiff mit einem furchtbaren Krach über, an Deck poltern schwere Stiefel hin und her, eine See rauscht über die Planken, mit Krach geht das Großsegel über, Christiansen hat das Feuerschiff; umrundet, hat gewendet, der Sturmwind bläst natürlich von jetzt ab von vorne, ausgerechnet aus der Richtung, in die wir hinein müssen. Nun können wir kreuzen, kreuzen und wieder kreuzen!
„Arme Smutje, ich kann dir nicht helfen, gegen Seekrankheit gibt es nur ein Mittel: viel zur See fahren und sich an die Bewegungen gewöhnen. Versuch zu schlafen, und — spuck mir nicht die Kajüte voll! Denn da bin ich, in unserm eigenen Interesse, unerbittlich! Musst du opfern, so musst du an Deck klettern, hier unten darf das nicht geschehen!“
„Oh, wie könnt ihr Männer doch roh sein, was bist du für ein entsetzlicher Barbar“, das ist alles, was Smutje an Lebenszeichen noch von sich gibt.
Mehr tot vor Übermüdung als lebendig, falle ich, so wie ich bin, auf meine Koje. Das hohe Brett davor verhindert, dass ich herausfalle, die Müdigkeit, dass ich die Nässe und Kälte und die Bewegungen des Schiffes fühle.
Wir tanzen jetzt wie im Tollhaus gegen die schwere See an, selbst Schnauf fängt leise an zu wimmern und stöhnt mit Smutje um die Wette. —
Jemand rüttelt mich an der Schulter, holt mich mühsam wieder aus dem Nirwana heraus. Entsetzt fahre ich hoch, schaue in das Licht, sehe die Kajüte und alles, was drin ist, um mich herumtanzen, sehe zu meinem Entsetzen, dass über dem Fußboden Wasser steht, das mit Gurgeln hin- und her schießt, so oft wir überholen, erblicke die triefend nasse Gestalt meines Steuermanns, der über mich gebeugt steht und mich endlich wachbekommen hat.
„Herr Kapitän, das Schiff macht Wasser!“ sagt er ruhig und ernst.
„Haben Sie schon gelenzt, Christiansen?“ Wie plötzlich ernüchtert springe ich hoch, um im gleichen Augenblick mit voller Wucht durch die ganze Kajüte und bis zur Koje Smutjes an Backbordseite geworfen zu werden.
„Die Motorpumpe lenzt nur den Maschinenraum, der ist leer, aber für die anderen beiden Abteilungen haben wir nur eine Handpumpe, daran arbeiten wir schon seit Stunden.“
An Deck ist die Hölle los. Wie wild türmen sich um das Schiff die Wellenberge, der eiskalte Winterwind faucht über die See, wir rennen mit aller Kraft, so hoch wir mit den Segeln liegen können, gegen die grünen, schaumgekrönten Berge an, wir kommen kaum schrittweise vorwärts.
Mit der Taschenlampe sehe ich eine Gestalt an Deck an der Pumpe arbeiten, ein dicker Wasserstrahl schießt daraus hervor, dann verstopft sich die Pumpe zum hundertsten Male, muss abgeschraubt, gereinigt, wieder angesetzt werden, die Sisyphusarbeit beginnt von neuem.
Dass vorne im Mannschaftsraum Wasser steht, ist kein Wunder, die Klüsenverschalung ist von einer See fortgerissen, mit jedem Sturzbach läuft Wasser die Klüse herab und in die erste Abteilung hinunter. Wäre es nur das, so hätte mich Christiansen ganz bestimmt nicht geweckt. Aber auch die zweite, mittlere Abteilung macht Wasser. Es stand ja eben in meiner Kajüte schon handhoch über den Fußbodenbrettern! Wieviel Wasser muss da schon eingedrungen sein, wenn es so hoch stehen kann, und woher kommt überhaupt dieses Wasser?!
Die Handpumpe wird nun wieder mittschiffs angeschlagen, der Junge der Wache arbeitet aus Leibeskräften, dann kommt Christiansen, dann ich, dann die anderen Leute der Besatzung an die Reihe, selbst der halbtote Garibaldi muss aus seiner Koje raus, nun heißt es alle Mann an Deck, an die Pumpe, das Schiff ist in Not!
Will es denn gar nicht mehr Tag werden, damit man vielleicht sehen kann, was los ist? Diese Nacht, diese nie enden wollende Winternacht!
Als der Morgen graut und ich einen Augenblick nach unten in meine Kajüte eile, bietet sich mir ein Bild des Jammers. Das Wasser ist noch höher gestiegen, schwappt nun sogar schon bei jeder Schiffsbewegung in die Koje, in der Smutje als Seeleiche liegt, der arme kleine Schnauf ist fast ertrunken, mit seiner letzten Kraft schwimmt er in der Kajüte herum und sucht hilfeflehend einen Platz, auf dem er sich vor dem Wasser retten kann.
„Gehen wir unter, Liebster?“ fragt mich Smutje leise mit großen, fiebrigen Augen.
„Nein, Smutje, ganz im Gegenteil, wir sollen bloß mal ein bisschen zeigen, dass wir Seeleute und dieses guten Schiffes wert sind, ich habe jetzt keine Zeit für dich, wenn du was willst, komm an Deck, hilf pumpen!“ Und damit ergreife ich den nassen, übelriechenden Schnauf am Kragen, werfe ihn nicht gerade sanft zu Smutje in die Koje, poltere, wanke, mich krampfhaft festhaltend, wieder an Deck.
„Über Backbordbug, Kurs Süd auf die Küste zu, scharf aufpassen, wenn Seezeichen oder Land in Sicht kommt!“ sage ich zu Seppl, der nunmehr Wache hat.
Der Tag dämmert auf, Nebel umfängt uns, der hat auch gerade noch gefehlt!
Jetzt, wo wir mit halbem Wind segeln, hören die furchtbaren Bewegungen des Schiffes etwas auf, die ganze Besatzung steht an der Pumpe oder vorne an Deck und starrt in den Nebel hinein, wo mögen wir bloß sein?
Regelmäßig fällt das Lot ins Wasser, regelmäßig verstopft sich die Pumpe, langsam, aber sicher steigt das Wasser im Schiff.
Doch alles ist ruhig und vertrauensvoll, diese Prüfung ist zwar etwas viel fürs erste Mal, aber sie hat ihr Gutes an sich, selbst Garibaldi ist kaum noch seekrank. Das erste Mal gründlich, das ist schon viel wert.
Meine Seekarte ist kaum mehr leserlich, so nass und schmierig ist sie über Nacht geworden. Es ist eine Übersichtskarte der ganzen Nordseeküste. Da ich ja vor Spanien nicht anlaufen wollte, habe ich keine Spezialkarten mitgenommen.
„Da ist eine Boje“, haucht wie ein Gespenst eine Stimme neben mir.
Christiansen und ich, die dicht nebeneinander stehen und uns die Augen fast aus dem Kopfe schauen, fahren herum, wie von einer Tarantel gestochen.
Ein, bleicher, schlotternder Matrose, dem Umsinken nahe, steht neben uns, zeigt mit zitternder Hand auf ein rundes schwarzes Ding, das gerade im Nebel verschwinden will, ich kann die arme Smutje eben noch auffangen, ehe sie über Bord fällt.
„Klar zum Halsen, hol an Großschot, hart Backbord!“ Wie die Teufel jagen meine braven Jungens über das Deck.
„Da ist die Boje wieder“, sagt Christiansen, der sie mit seinen Möwenaugen durch den Nebel erblickt; wir jagen direkt darauf zu.
Wir umrunden die Boje mehrere Male, sie trägt keinerlei Bezeichnung, runde schwarze Tonnen gibt es ja leider genug in der Nordsee, bei dem Nebel sagt uns dieses eine Ding nur, dass wir wahrscheinlich an irgendeiner Küste sind und dass nun doppelte Vorsicht geboten.
„Und da ist noch eine“, tönt es ruhig aus Christiansens Mund.
Ich schaue durch mein Glas, endlich kann ich die Aufschrift entziffern.
„Rif“ steht in weißen Buchstaben auf dem dicken runden Bauch.
„Rif“? Die gibt es wahrscheinlich viele, aber welches Riff?
Ich suche die Seekarte ab — da steht weit unter der Emsmündung auf holländischem Fahrwasser tatsächlich neben einer schwarzen Tonne „RIF“
Ob es das ist?
Ich lasse das Schiff herumwerfen, nehme neuen Kurs, wir wollen nach Emden. Es ist ziemlich das schwerste Fahrwasser der Nordsee, zudem sind wir ohne Sonderkarte, nun muss uns der Himmel helfen.
Langsam lichtet sich für Augenblicke der Nebel, wieder haben wir eine Boje vor uns, nun ist es klar, dass wir parallel zur Küste segeln, zur deutschen Küste zurück. Die Stunden vergehen, wir stehen alle an Deck, ohne es zu merken. Nun nimmt schon leise die Dämmerung zu, die See ist etwas ruhiger geworden, das Lot hat endlich auf zwanzig Meter Grund gefunden.
„Ein Schiff, ein Segler, backbord voraus!“ Wie ein Jubelruf klingt es über Deck. Wie der Fliegende Holländer, so gespenstig in dem Nebel, gleitet das fremde Fahrzeug näher.
„Das ist ein Emdener Fischlogger“, sagt Christiansen, der fast jedes Fischerboot der Nordsee persönlich kennt. „Nun brauchen wir nur hinterher zu fahren, dann kommen wir klar.“
Der Abstand verringert sich, wir mit Motor und Segel vor dem Wind sind etwas schneller, wir schieben uns langsam an den Fliegenden Holländer heran.
„Hallo, wohin des Wegs?“ rufe ich mit dem Sprachrohr hinüber.
„Nach Emden, wir gehen aber gleich zu Anker, wir können bei der hereinbrechenden Nacht und dem Nebel jetzt nicht weiter“, tönt es zurück.
„Im Kielwasser des Loggers bleiben, Anker klarmachen zum Fallen, Christiansen“, sage ich wie erlöst.
Ob das Wasser in unserm Schiff noch zu halten ist, bis wir Emden erreichen?
Neben uns schießt der Logger in elegantem Bogen in den Wind, seine Vorsegel rauschen nieder, er ist gut dreimal so groß wie unsere Holzpantine. Als sein Anker rauschend in den Grund fällt, rasselt auch unsere Kette durch die Klüse.
Ich teile die Wache ab und bestimme, wie die Nacht hindurchabwechselnd gepumpt werden muss, dann fallen alle übrigen über Brot und Wurst her und in die nassen Kojen.
Als ich nach unten komme, mit hohen Stiefeln durch das Wasser wate, liegt die so tapfere Smutje blass und abgemagert hinter ihrem Schlingerbett, ein tiefes Mitleid erfasst mich mit ihr, ich streichele ihr tröstend über die wilden Haare, die einst ein wohlondulierter Pagenkopf waren.
„Nicht wahr, ich darf doch in Emden das Schiff verlassen, wenn wir es je erreichen sollten, und du versprichst mir, die Fahrt aufzugeben? Ihr könnt ja mit der Nussschale nicht über den Ozean!“
„Ja, Smutje, du kannst in Emden an Land“, antworte ich traurig und sinke in meine Koje.
Langsam steigt das Wasser trotz alles Pumpens, die Segel stehen wieder, der Motor läuft, wir fahren wie in einer grauen Tinte im Nebel, ganz dicht neben oder hinter dem großen Fischlogger, der hier ja zu Hause ist,
„Wieviel Stunden können wir das Schiff noch halten?“ frage ich Christiansen, der neben mir unbeweglich an Deck steht.
„Bis heute Mittag noch, dann müssen ...“
In diesem Augenblick reißt der Nebel auseinander, die Sonne bricht durch und bescheint eine eisschollenbedeckte Fläche, aus der zwei hohe Molen ragen ... die Einfahrt von Emden!!!
„Maschine stopp, alle Segel fest!“ Wie einen Jubelruf brülle ich das über Deck.
Endlich liegen wir in der Schleuse.
„Wo ist hier ein freies Dock?‘ frage ich einen biederen Zollbeamten, der zu meiner größten Verwunderung zu uns an Deck steigt.
„Hinter der Schleuse, doch — zuerst muss ich Sie untersuchen und Sie verzollen, wo kommen Sie denn her, wer sind Sie überhaupt?“
„Mann Gottes, verzollen? Ich bin doch deutsches Schiff, ich komme aus Büsum, bin dort erst vorgestern ausgelaufen, ich bin in Not, ich muss ins Dock!“
„Das tut mir herzlich leid, für uns sind Sie aus dem Ausland kommend, ich tue nur meine Pflicht, ich muss Sie untersuchen und Ihre Proviantlast versiegeln!“ Sehr höflich ist das gesagt, sehr bestimmt, sehr korrekt, in mir kocht die Wut!
Nun kommen noch zwei andere Zollbeamte, sie beraten sich über diesen schwierigen Fall, der sicher nicht in ihren Vorschriften steht, dann durchsuchen sie das Schiff, holen eine riesige Zange, plombieren mein unschuldiges Petroleumfass, plombieren umständlich meine kleine Proviantlast, in der nun das Frischbrot verschimmeln kann. Dann verabschieden sich die drei Herren in ihren tadellosen Uniformen (Herrgott, was für Ferkel sind wir in unseren nassen Seepäckchen dagegen!), das Schiff ist endlich frei.
Als das Wasser im Raume schon bedenklich gluckst und steigt liegen wir im Dock, werden gehoben.
Und wieder wird fieberhaft gearbeitet.
Das Übel ist schnell geflickt. Schlimm sieht es nur im Schiff aus, wo das Seewasser überall hin gedrungen ist, in die Spinde, in die Proviantlast, in die Backskisten, unter die vollgeladenen Kojen und — unter die Fußbodenbretter, unter denen Hunderte von Konservenbüchsen lagern.
Die Sachen werden zum Trocknen in die eisige Winterluft gehängt, die Konservendosen alle an Deck geholt, trockengerieben, mit Öl eingefettet, wieder sorgfältig verstaut, leider sind bei dieser Arbeit alle Schilder von den Dosen verschwunden, wir haben keine Ahnung mehr, was drin ist.
Als wir dann später mitten im Atlantik an unsere Dosen gingen und Sauerkohl oder Spinat haben wollten, bekamen wir — Marmelade! Wochenlang nichts als Marmelade! Aber nachher im Feuerland, als wir uns nach Marmelade sehnten, da — kam endlich der Sauerkohl!
Traurig sieht es jedoch mit meinen wunderschönen Ullsteinbüchern aus, die bis oben unter die Kojen gestaut waren, sehr viele sind leider restlos vernichtet, einige hundert kann ich getrost über Bord werfen, schwer trifft mich dieser Verlust ...
Das Schiff ist wieder seeklar, wir liegen mitten in der Stadt an der Mole.
Ich gehe nach unten in meine Kajüte, will die Seekarte holen — Smutje hockt still und traurig vor ihrem Koffer und packt.
„Also willst du uns doch verlassen, Smutje?“ sage ich etwas gedrückt.
Smutje schaut mich groß, mit Tränen in den Augen, an, zögert noch einen Augenblick, fällt mir plötzlich um den Hals (unerhört für einen Schiffskoch dem Kapitän gegenüber!), dann schiebt sie mit einem energischen Ruck den Koffer in die Ecke, wirft Mantel und elegante Kleider ab, holt ein schmutziges, nasses blaues Bündel hervorzieht Feuerlandshose und -bluse und Trampelstiefel „Marke Kanalarbeiter“ an, polternde Schritte über Deck und nach der Kombüse hin, und lieblicher Duft nach Bratskartoffeln (jawohl, diese Dinger heißen an Bord Bratskartoffeln, mit einem s hinter der ersten Silbe!) künden den „Feuerländern“ bald an, dass „Smutje“ den Dienst wieder angetreten hat.
„Leinen los, Motor äußerste voraus!“
Das Wasser quirlt, einige Butjer stehen mit triefenden Nasen an der Mole, aus einem Fenster winkt ein weißes Tuch — Abschied aus Deutschland!
Und nun hat uns die Nordsee wieder. Gerade noch rechtzeitig, ehe der Nebel die Küste verschluckt. Wir sind wieder allein auf weiter Wasserflur.
Der Wind frischt draußen auf, wir schlingern und torkeln wieder zum Erbarmen. Smutje und Schnauf sind längst wieder Leichen, doch Garibaldi muss seine Wache gehen, gegen ihn darf ich keine Rücksicht kennen,
Mitten in der Nacht eine neue Hiobsbotschaft — die Wassertanks sind vorne im Schiff durch das schwere Arbeiten des Kutters geplatzt.
‚„Ausgerechnet jetzt, wo wir gutes Wetter und günstigen Wind haben und morgen schon im Kanal sein könnten“, brumme ich wütend, „Hart backbord, nach Holland hinein!“
In tiefster Nacht erreichen wir den holländischen Hafen, die Flussströmung ist so stark, dass wir nur mühsam gegen ankommen, dann liegen wir fest.
„Oben auf der Mole steht ein uniformierter Mann. „Der Zollbeamte“ fährt es mir durch den Kopf.
„Guten Abend, meine Herren“, tönt es nun von oben. „Brauchen Sie etwas, ich bin der Zollinspektor, ich werde Ihnen gerne helfen, kommen Sie hier in mein Haus, da haben Sie Wasser, morgen früh schicke ich Ihnen frische Semmel an Bord, einen Blacksmith, der Ihre Tanks repariert, verfügen Sie ganz über mich und mein Haus.“
Keine Zange kommt, keine Plomben, etwas wehmutsvoll stimmt es mich, dass ich auf diese Weise daran erinnert werde, dass wir nicht mehr in Deutschland sind.
Und nun sind wir im Kanal, laufen schon an der französischen Küste entlang.
„Nein, Christiansen, sehen Sie sich das Barometer an, es gefällt mir gar nicht. Trotzdem es noch so schön ruhig und günstiger Wind ist, will ich doch lieber zur englischen, strömungs- und klippenreinen Küste hinüber, ändern Sie Kurs auf Nordwest!“
Wieder ist ein Tag vergangen, die englische Küste ist in Sicht, eben verschwindet die Insel Whight das Barometer fällt schnell,
Als die ersten Lichter und Feuer aufleuchten, die Nacht früh hereingebrochen ist, fegt der Südoststurm bereits über den Kanal, wie ein Gespenst jagt die „Feuerland“ mit berstend gefüllten Segeln und voll laufendem Motor an der englischen Südküste entlang. Wenn wir jetzt so durchhalten könnten, wie schön wäre das, denke ich bei mir.
Da kommt der Junge von vorne: „Herr Kapitän, nun ist der andere Wassertank auch noch geborsten!“
„Alle Mann auf, klar zum Manöver!“
So, Jungens, nun müssen wir zeigen, ob wir bisher was gelernt haben!
Vor uns blitzt es auf, das sind die Einfahrtsfeuer von Falmouth, es ist stockdunkle Nacht, der Sturm heult und rast hinter uns her, eine Spezialkarte der Einfahrt besitze ich nicht, an Lotsen ist selbstredend nicht zu denken, niemand von uns war jemals hier, nun, Seemann, sperr deine Augen auf, nun zeig, was du kannst!
„Klar zum Segelbergen, hol an, Großschot, hart Backbord!“
Wie die Teufel springen meine Fahrtgenossen auf ihre Stationen, ich selbst stehe am Ruder, Smutje hält Ausguck, jetzt ist jeder Arm, jedes Auge vonnöten.
Nun liegen wir im Wind, nun „killen“ die Segel wie wahnsinnig, das Boot stampft in der hohen, aufgewühlten See, der laufende Motor erleichtert es mir, das Schiff in Wind und See zu halten.
Jetzt rauscht das Großsegel nieder, Christiansen und Schmitt stürzen sich wie Berserker darauf, unter ihren Fäusten und Zähnen verschwindet langsam die Leinewand. Nun ist auch schon der Treiber achtern geborgen, nur noch ein Vorsegel haben wir stehengelassen.
Schmitt kommt nun ans Ruder, Garibaldi gibt die Kommandos von vorne zum Ruderhaus weiter, Christiansen und ich starren uns fast die Augen aus dem Kopf, um in dieser dunklen Nacht etwas sehen zu können, auch Smutje tut wacker ihre Pflicht.
„Hart Steuerbord!“ brüllt Christiansen, etwas Schwarzes fegt an unserer Backbordseite vorbei. „Hart Backbord!“ brülle nun ich, wir umrunden eine dunkle Masse, die gespensterhaft aus der Flut ragt, das Schiff liegt plötzlich ruhig wie an der Mole in Büsum — wir haben die Einfahrt glücklich geschafft!
Als das Schiff endlich gut und sicher festliegt, über uns hinweg der auf Südwest umgesprungene Sturm heult und tobt und ich mit einem wundervollen Gefühl der Befriedigung nach unten in meinen Raum poltere, fliegt mir Smutje stumm und ergriffen um den Hals, auch sie ist jetzt stolz und voller Zuversicht auf „unser“ Schiff und seine wackere Besatzung.
Nach der eisigen Kälte der Nordsee tut uns die linde Luft der englischen Südküste ordentlich wohl. Blumen wachsen sogar noch in den Vorgärten eine einsame hohe Araukarie winkt und ruft mir Grüße für ihre Heimat in Südamerika zu, wohin wir wollen. Die erste Dezemberwoche ist schon vorüber, endlich hört der Sturm auf, die Wolken teilen sich sogar, wie etwas ganz Ungewohntes erblicken wir für Stunden die wärmende Sonne.
Die Wassertanks sind wieder mal geflickt. Das Schiff seeklar, mit leichtern Wind, umflossen vom Gold der sinkenden Sonne, laufen wir aus dem schützenden Hafen von Falmouth aus.
An der Küste, von der schäumenden Brandung umtobt, liegen einige graue Ungetüme wie tote Walfische, — ehemalige deutsche U-Boote, auf denen so viele meiner ehemaligen wackeren Kameraden stritten und fielen und die nun der englischen Jugend im Sommer zur Badebelustigung dienen. Sic transit gloria mundi!
Das Wetter ist herrlich, die See ruhig, die Luft wunderbar warm, leise ziehen die Segel mit halbem Wind, der Motor brummt gleichzeitig sein altes Lied.
Wir haben Kurs direkt auf die französische Insel Ouessant, die wie ein riesiges Bollwerk, an dem sich Sturm und Brandung und gefährlicher Strom brechen, vor der Nordwestecke Frankreichs aufs gebaut ist. Wenn man irgend kann, geht man diesem Recken, namentlich in der Nacht, aus dem Wege.
Eigentlich wollte ich zwischen Insel und Festland durch und nach Brest laufen, nun ändere ich aber meine Absicht, das Wetter ist zu schön, da will ich den großen Sprung durch die Biskaya zur spanischen oder gar portugiesischen Küste mit einem Satz wagen.
Der Morgen dämmert schwach. — Blitz, Blitz, kommt es mit scharfen weißen Lichtbündeln warnend aus dem Dunkel, nun rot, rot, — die Feuer von Quessant.
Wir halten zwei, nun schon drei und vier Strich weiter von der Insel ab, trotzdem ändert das Leuchtfeuer nicht seine Peilung‚ der mächtige Strom setzt uns direkt auf die Insel zu.
Wir kämpfen Stunde um Stunde, jetzt kentert endlich der Strom, ungefährdet laufen wir nunmehr dicht unter den hohen Felsen dieser wunderbaren Insel vorüber, zischend und schäumend und dröhnend bricht sich die furchtbare Brandung am Gestein.
Die Nacht bricht wieder herein, wir sind am Eingang der Biskaya.
Smutje steht mit aufgerissenen Augen neben mir, die ganze Besatzung ist an Deck, wie etwas Unfassbares rollt von weit her, aus der Unendlichkeit, die riesige Ozeandünung von Steuerbordseite an, unsere kleine Nussschale liegt darin wie ein Atom, wie eine Winzigkeit, wird eben hoch, hoch hinaufgehoben auf den Rücken einer schaumlosen Dünungswoge, steht einen Augenblick wie verloren dort oben. Nach beiden Seiten blicken wir in tiefe, ausgewühlte Täler, dann rutschen wir, mit der Nase etwas nach unten geneigt, abwärts, immer tiefer, nun schauen wir von unten aus dem Tale heraus nach allen Seiten zu hohen Wasserbergen hinauf, die, wenn sie wollten und könnten, wie mit einem einzigen Prankenschlag uns zertrümmern, uns erdrücken würden. Jetzt richtet sich unser breiter weißer Bug auf, Segel und Schraube schieben uns einen langen dunkelgrünen Berg hinauf, wieder stehen wir eine Weile hoch oben und blicken über ganze Reihen von Bergen, Gebirgen und Gebirgszügen, — von neuem beginnt das alte Lied.
O wie schön, wie herrlich ist dieses Spiel, solange es so ruhig und friedlich zugeht, solange keine Schaumkronen, keine grimmig aufs gesperrten Rachen diese Bergzinnen zieren, solange vor allem — See und Wind nicht von vorn kommen!
Ich habe meinen Arm um Smutje geschlungen, versuche ihr klarzumachen, warum und wie wir das Meer lieben, lieben müssen, wie es uns Seeleute hält und packt und nie wieder loslässt, wie es uns vertraut, uns Freund ist!
Smutje hört zu, lächelnd, für sie ist dieses Meer etwas ganz Unheimliches, Unfassliches, Unbegreifliches, sie schauert zusammen, wenn sie über diese ungeheure, wogende, tanzende Wasserfläche sieht, über das winzige Deck unserer kleinen Nussschale, sie krümmt sich fast vor Schmerzen, wenn sie bloß daran denkt. dass es wieder zu wehen und zu toben anfangen könnte, und die entsetzliche Seekrankheit sie wieder packt.
„Sieh doch den Mond, wie eigenartig der plötzlich wird!“ rufe ich in Smutjes Gedanken hinein.
Ein wunderbares Naturschauspiel erleben wir hier auf freier See. Der Vollmond bedeckt sich plötzlich, tiefschwarze Nacht tritt an Stelle des Silbergeflimmers, eine totale Mondfinsternis spielt sich vor unseren Augen ab. Andächtig lehnen wir paar Menschen auf der kleinen „Feuerland“ an der Reling‚ niemand spricht ein Wort, bis der Vorgang vorüber, der Bann gebrochen und neues, diesmal schon rötliches Gefunkel über das Wasser zittert.
„Ein gutes Vorzeichen, Smutje‚ nun sei lustig und guter Dinge, diese lumpigen paar hundert Seemeilen bis zur spanischen Küste werden wir auch noch schaffen!“
Doch als ich unten bin, meinen Schreibbarographen befrage, zu meiner Trauer gewahre, wie die feine blaue Linie sich wiederum steil abwärts senkt, da weiß ich, dass wir uns unsern Weg erst bitter werden erkämpfen müssen.
Eine unheimliche Dünung läuft uns plötzlich von vorn entgegen, prallt gegen die bisherige aus Nordwest an, kabbelt und kämpft, läuft nun wild und regellos durcheinander, die kleine Holzpantine des Ozeans ist ihr Spielball.
Wir torkeln stark, noch ist kein Wind, die Segel schlagen und killen wie toll, die Bäume sind eisern gezurrt, was an Deck nicht niet- und nagelfest war, kullert längst durcheinander, wird eingefangen, festgelascht.
Skylights und Niedergänge sind schon geschlossen, werden nun auch noch mit dem Marlspiker „eisern“ angezogen, wir rüsten uns für das Kommende.
„Na ja, Christiansen, sagte ich es nicht gleich, ausgerechnet aus Süden muss dieser verdammte Wind wehen, wieder mal daher, wohin wir wollen. Wann werden wir endlich mal guten Wind erhalten!“
Von Süden laufen die ersten Schaumköpfe an, bringen Wind mit, wir müssen abfallen, gut sechs Strich von unserm bisherigen geraden Kurs, jetzt können wir wieder mal kreuzen. Denn gegen die Ozeansee und Ozeandünung‚ gegen den Wind können wir mit unseren lumpigen 50 PS nicht an, gegen diese See, die jetzt anrollt, schon gar nicht erst.
Was eben noch um uns herum friedliche Dünung war, ist aufgewühltes Element, der Wind fegt aus Süd, wird stärker und steifer, es braucht nicht immer Sturm zu sein, um für die kleine „Feuerland“ zu genügen.
Immer stärker wird der Wind, heult nun schon mächtig in der Takelage, immer höher wird die See, grimmiger die weißen Kronen und Rachen, die ab und zu schon auslaufend in Schaum und Gischt zerrollen, — die „Feuerland“ tanzt und wirbelt, die Segel schlagen, der Motor brummt sein wunderbares Lied, am Ruder steht der Rudermann der Wache, hat sich festgebunden, stemmt sich mit aller Macht gegen die Rückwand des kleinen Ruderhauses, um nicht fortgeschleudert zu werden, und hält mit eiserner Faust die Handspeichen. Der zweite Mann der Wache steht so lange an Deck, hält Ausguck und räumt Enden und Tauwerk auf.
Alle paar Stunden, vom zweiten Tage ab alle zehn bis zwölf Stunden, wird gewendet, über den anderen Bug gegangen, kreuzen, kreuzen, kreuzen, wer weiß, ob wir dabei überhaupt ein Stück vorwärtskommen.
Und wo mögen wir sein?
Mitten in der tobenden Biskaya noch, schon tief drin etwa, nahe der französischen Küste, von der wir uns dann schlecht wieder freikreuzen können, wenn der Wind nicht umspringt? Oder sind wir vielleicht schon weit draußen im Ozean und müssen nach Osten zurück? Das wissen wir nicht genau. Denn seit wir von Büsum fort sind, haben wir nicht ein einziges Mal Sonne zur Höhenmessung gehabt, seit wir Ouessant aus den Augen verloren, auch kein Feuer, keinen Stern, es regnet, stürmt, nebelt, dick, grau in grau ist alles, der Wind pfeift mit konstanter Bosheit und Hartnäckigkeit weiter aus Süden.
An Deck ist es nass von dem ewig strömenden Regen, von der überkommenden See, von den fegenden Spritzern, unter Deck sieht es nicht anders aus.
Es läuft, sickert, tropft durch Skylights und Decksnähte und Niedergänge, nass ist alles, das Zeug in den Spinden, die Kojen, der Fußboden, — das Zeug, das wir auf den Leibern tragen.
Und dazu das wirbelnde, tanzende Fahrzeug‚ kein Besteck, keinen genauen Schiffsort, draußen nur anrollende, sich hier und da brechende Wogen‚ — drinnen mittschiffs an Backbordseite meiner Kajüte ein armes blasses Wesen, ein Hauch nur von dem Einst, sich krümmend vor Schmerzen und Übelkeit.
Mir schneidet der Anblick der wie tot in ihrer Koje liegenden Smutje tief ins Herz. Ich bin aber ganz hilflos dagegen, kann nur zugreifen, wenn sich Smutje mühsam aufrichtet, um beim nächsten tiefen Überholen, besser gesagt Übergeworfenwerden des Schiffes, kraft- und leblos in die kalte nasse Koje zurückzusinken. Zu ihrem Haupte liegt, ein fast ebensolches Bild des Jammers, in sich zusammengerollt und leise wimmernd Schnauf, den fortzujagen Smutje nicht mehr die Kraft hat und der sich auch durch mich nicht fortbringen lassen will.
Ich nehme mir fest vor, den nächsten spanischen Hafen anzulaufen und Smutje, nunmehr von mir aus, endgültig von Bord zu setzen.
Doch eins erfüllt uns Seeleute an Bord mit großer Freude und Genugtuung: wie wunderbar seetüchtig die kleine „Feuerland“ ist, wie sie sich in der See hält, wie sie tanzt und immer obenauf schwimmt, wie der brave Deutz-Diesel-Motor trotz dieser wahrlich grotesken Bewegungen ohne Pause gleichmäßig weiterläuft, — nur die Wassertanks, die sind selbstverständlich beide wieder mal geplatzt!
Kreuzen wir nun schon drei Tage, sind es gar vier oder fünf? Wir wissen es nicht mehr, wir wissen nur eins mit tödlicher Sicherheit, dass der Wind immer noch mit unverminderter Stärke aus Süden bläst und dass wir so lange noch kreuzen müssen, bis es dem Wind gefällt, endlich aufzuhören oder umzuspringen.
Wie ein Toter liege ich in meinen nassen Kleidern nachts in meiner Koje, ich zog sie noch keine Minute in See aus, seitdem wir die Heimat verließen!
In meinem traumlosen, todesähnlichen Schlaf fühle ich aber ganz stark und zwingend, dass es ruhiger geworden ist, dass ich aufwachen, an Deck gehen muss. Dieses Gefühl wird so stark, dass ich tatsächlich aufwache — das lernt man ja so wunderbar bei der Seefahrt, man wird fast hellsehend, hellhörend, Ereignisse fühlt man wie unter einem hypnotischen Zwang voraus — und an Deck eile.
Sterne blinken freundlich vom Himmel, die See ist noch hoch, läuft aber nur noch in langer schwerer Dünung ohne weiße Köpfe, der Wind ist wie fortgeblasen.
Der Wachgänger steht gerade an Deck, schaut durch das Glas.
„Mensch, was ist denn das? Da sind ja Lichter, ein weißes, da auch ein grünes, Mann Gottes, da ist ja ein Dampfer, und Sie holen mich nicht an Deck?“
Ich springe nach achtern ans Ruder. „Hart Backbord! Auf den Dampfer zuhalten!”
