Silent Pain - Jasmin Kempter - E-Book

Silent Pain E-Book

Jasmin Kempter

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Beschreibung

Die junge, alleinerziehende Mutter Jessy ist auf der verzweifelten Suche nach der großen Liebe, bis sie den ehemals drogensüchtigen Tim kennen lernt. Jessy erlebt mit Tim den Höhenflug der Liebe - und den dramatisch tiefen Fall in Verzweiflung und Abhängigkeit als Tim rückfällig wird. Ein Spagat zwischen Liebe und Hass, Vertrauen und Mißtrauen, Glück und stillem Schmerz beginnt...

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Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Für A. und L.

Ich liebe Euch von ganzem Herzen!

Für meine Eltern

Danke für Eure Unterstützung in dieser schweren Zeit!

Und für Susi, meine Beste

Danke fürs Korrekturlesen, fürs Mitleiden, Mitfiebern und Deine Freundschaft!!

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Nachwort

1

Ich fühle mich schrecklich.

Sehr, sehr schrecklich.

Es fühlt sich an als hätte mir jemand ein Stück aus meinem Herzen gerissen, es schlägt weiter, aber es blutet, tut verdammt weh.

Die Musik dröhnt in meinen Ohren, irgendein altes Liebeslied über einen „Hero“, aber in meiner Stimmungslage genau das Richtige. Ich dröhne mich zu damit, pumpe mich voll mit Musik, damit ich nichts mehr denken muss, nur noch fühlen. Und es tut so weh.

Ich fahre viel zu schnell, morgens um halb neun, muss mich immer wieder bremsen um nicht auch noch einen Geschwindigkeitsrausch zu bekommen, bin ja bald zuhause.

Er fehlt mir so sehr. Gerade vor zehn Minuten haben wir uns verabschiedet, und es ist ja nur für acht Monate in denen wir uns alle zwei bis drei Wochen einen Tag sehen dürfen, aber es kommt mir vor wie ein Abschied für immer.

Die Autos ziehen an mir vorbei, aber ich bekomme es nicht mit, bin so in meinem Schmerz und meinen Gedanken gefangen, dass ich sicher nicht einmal mitbekommen würde wenn neben mir eine Bombe einschlägt.

Ich weiß ja noch nicht einmal sicher, ob ich ihn jetzt für längere Zeit nicht sehe oder ihn heute Abend noch einmal abholen muss, ihn noch einmal für eine Nacht bei mir habe – zitternd, mit Schmerzen im Kreuz, einem dicken Schnupfen und so blass, als wäre er eine Wand. Und mit dem brennenden Gedanken in mir, ob er den einen Tag noch durchhält, ob der Druck sich noch einmal Stoff zu besorgen nicht doch zu groß wird.

Ich weiß nicht was mir lieber wäre, wenn er noch eine letzte Nacht hier bei mir ist, ich ihn bei mir spüren, halten und für ihn da sein darf, oder wir uns ab jetzt nicht mehr sehen, für eine schier unendlich lange Zeit?

Ich atme tief ein, den ganzen Schmerz, die Trauer, das Vermissen, mit jedem Atemzug tief in meine Lungen ein und pruste sie lautstark durch den Mund wieder aus. Der Druck, der auf mich drückt, mag immer noch nicht so recht weichen und macht mir meine Brust eng, legt sich wie flüssiger Beton über meine Atemwege, auf den Magen und das Zwerchfell.

Ich blinke automatisch als ich die Ausfahrt erreiche und schere auf die Ausfahrtsspur ein, noch fünf Minuten und ich bin zuhause. Zuhause. Wo alle seine Sachen noch liegen, seine Wäsche noch in meiner Waschmaschine ihre Runden dreht, seine gepackten Taschen stehen mit Klamotten für ein paar Tage, die blaue Tasche. Die Tasche für die nächsten zwei Wochen. Danach braucht er die große Rote. Mit all seinen Kleidern, die jetzt noch ordentlich in meinem Schrank liegen, in der Waschmaschine oder im Trockner stecken, mit Schuhen, Büchern, und allem was man für 8 Monate Therapieaufenthalt braucht.

8 Monate Therapie und diese genehmigt zu bekommen war ein verdammt langer Kampf, der ihn und mich fast unsere gesamte Kraft gekostet hat. Eine Hoffnung auf ein sauberes, drogenfreies Leben zusammen, aber auch eine Angst sich zu sehr voneinander zu entfremden. Angst, dass er danach nie wieder der ist, den ich kenne. Aber kenne ich diesen Menschen eigentlich, der er jetzt ist, vernebelt von Drogen, unklar in sich und seinen Gefühlen?

Mir kommt ein Gedicht von Erich Fried in den Kopf:

Es ist Unsinn sagt die Vernunft

Es ist was es ist sagt die Liebe

Es ist Unglück sagt die Berechnung

Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst

Es ist aussichtslos sagt die Einsicht

Es ist was es ist sagt die Liebe

Es ist lächerlich sagt der Stolz

Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht

Es ist unmöglich sagt die Erfahrung

Es ist was es ist sagt die Liebe

Und damit ist alles umschrieben was in meinem Kopf und in meinem Herzen vor sich geht. Bangen und Zweifeln, Hoffen und Leiden, Hassen und Verzweifeln. Und Lieben. Die Liebe, die alles übersteht.

Tränen rollen mir über die Wangen als ich den blauen Kleinwagen vor meiner Haustür parke und in eine leere, stille Wohnung zurückkehre – ohne ihn.

2

‚Lieben werde ich nicht mehr können’, denkt sie und fragt sich was Liebe denn überhaupt bedeutet. Treue? Zeit miteinander verbringen? Sich gegenseitig zu akzeptieren? Miteinander zu reden?

Sie seufzt laut, schiebt ihre rechte Augenbraue mit dem Zeigefinger mittig nach oben. Wie dumm das aussieht wenn man sich dabei im Spiegel betrachtet. Sie probiert verschiedene Grimassen, formt ihre eher etwas schmal geratenen Lippen zu einem Kussmund und kommt sich dabei einfach nur sehr albern und kindisch vor.

Zwei Pickel fallen ihr ins Auge und kurz überlegt sie sich, ob sie ihnen mit ihren Nägeln zu Leibe rücken soll um ihnen den Garaus zu machen, entscheidet sich dann aber doch dafür sie mit Zahnpasta auszutrocknen.

‚Jetzt sehe ich noch bescheuerter aus als vorher’, sagt sie sich als sie ihr Zahnpastawerk betrachtet. Zwei weiße Flecken direkt über der Nasenwurzel. ‚So will mich doch sowieso kein Mann – aber was solls, es gibt keinen Mann für mich, ich werde auch keinen finden und damit basta. Und wenn doch werde ich sowieso wieder nur verletzt. Also bleibe ich lieber Single’.

Single – mit Kindern!

Zwei Kinder hat sie, die diesen Abend - wie jeden Freitag - bei ihrem Vater verbringen, dort wahrscheinlich gerade vor dem Fernseher abgestellt werden damit sie nicht zu viel Mühe machen. Aber im Prinzip darf sie sich darüber gar nicht aufregen. Sie macht es ja meistens genauso. Weil sie nicht gelernt hat sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, weil sie zu ungeduldig mit ihnen umgeht. Weil sie oft mit ihnen überfordert ist, was sie vor sich selber und vor allem natürlich vor anderen nie zugeben würde.

Die Kinder nehmen ihr die wenige Freizeit, die sie hat, die sie lieber für sich selber verbringen würde, mit Freundinnen bei Kaffee und Kuchen, mit Sport, in der Disco oder auch einfach nur in ihrem Bett.

Die meisten verstehen das nicht und sie selber ja eigentlich auch nicht. Das schönste auf der Welt sind Kinder, sagt man, aber sie hat wohl nicht gelernt sie zu lieben, hatte gar keine Chance dazu. Zumindest redet sie sich das ein.

Aber heute ist Freitag, sechzehn Uhr und drei Minuten auf ihrer glänzenden Armbanduhr aus Edelstahl. Weihnachtsgeschenk von den Eltern. Und eigentlich sollte sie sich freuen, sie ist allein, die Bude leer, die Kinder verräumt und sie hat jede Menge freie Zeit für sich alleine. Das wünscht sie sich doch die ganze Zeit.

Sie verlässt das Bad, geht durch die Diele an den Kinderzimmern und am Schlafzimmer vorbei. ‚Die Betten hab ich wieder nicht gemacht, ach egal, ist ja bald Wochenende’.

Der Fliesenboden fühlt sich kalt unter ihren Füßen an, sie läuft nur in Strümpfen, hat vor lauter Pickel-Zahnpasta-Gedanken die Hausschuhe im Bad stehen lassen. Aber nun ist sie zu faul um zurück zu gehen und sie zu holen, stattdessen legt sie sich im Wohnzimmer auf die braune Microfasercouch in LForm und schaltet den Fernseher an. Zappt durch die Programme, aber außer einer Reportage über Fischfänger in Helsinki und etlichen Talkshows und Seifenopern ist nichts richtig Interessantes dabei.

Sie fühlt sich einsam, alleine und verlassen, spürt das Gefühl schon im Bauch hochsteigen, es drückt nach oben und möchte hinaus. Die Augen brennen, aber sie will nicht weinen, denn das macht es auch nicht besser – nicht leichter.

„Ruf doch an!“ meckert sie ihr Handy an das neben ihr liegt, aber es schweigt beharrlich. „Herrgott nochmal, irgendeine von Euch Mädels wird doch mal vor zweiundzwanzig Uhr an mich denken können! Ruft an, schreibt eine SMS, aber macht doch verdammt nochmal was!“

Sie nimmt das Handy in die Hand, drückt sich durch das Menü zum Adressbuch und blättert die Namen durch. Alles nur flüchtige Bekannte, frühere gute Freunde oder Leute mit denen sie keine Lust hat etwas zu unternehmen, wirkliche Freundinnen sind nur zwei oder drei dabei, aber denen hat sie schon vor einer halben Stunde geschrieben und die haben bisher nicht geantwortet. Ein Anflug von ‚keiner hat mich lieb’ schleicht sich in ihren Kopf, doch den Gedanken schiebt sie rigoros beiseite, so undankbar darf man gar nicht sein! ‚Ich hab doch meine Kinder die mich lieben, meine Eltern die mich lieben, meine Freundinnen die mich lieben, halt einfach keinen Mann der mich liebt, aber daran darf man sich doch nicht so festhängen!’

Sie weiß selber dass sie in Selbstmitleid badet, dass sie sich immer wieder Gedanken darum macht, dass und warum sie keinen passenden Partner hat. Dass sie jedes Wochenende in der Disco verzweifelt nach einem Mann Ausschau hält von dem sie sich ein wenig Liebe und Zuneigung ersehnt, dass sie sich regelrecht daran festbeißt nach einem passenden Mann zu suchen, das weiß sie auch. Und dass es so nicht funktioniert braucht man ihr auch nicht jedes Mal zu sagen, sie möchte ja nicht suchen, aber sie fühlt sich halt so allein. Piep macht das Handy und sie sieht wie ein geschlossener Briefumschlag im Display auftaucht. „Eine neue Nachricht“ liest sie und ist ganz kurz ein wenig aufgeregt, denn man weiß ja nie, ob nicht doch ein unbekannter Verehrer ihre Nummer herausgefunden hat, sich unsterblich in sie verliebt hat und ihr jetzt schreibt…

„So ein Schwachsinn, das passiert nur im Märchen, hör auf zu träumen“, das ist sicher nur Sanne, ihre beste Freundin mit der sie jeden Freitagabend los zieht. Sanne, die sie seit Jahren kennt, die auch mal wieder Single ist, aber kinderlos, und die ihr Leben einfach leicht nimmt, es genießt und das Beste daraus macht, nicht um Kerle weint sondern sie sich einfach nimmt.

Sanne ist so unbeschwert, ein kleiner Feger mit ihren 1,59 m die sie nur hat, nicht gerade dürr, aber die Rundungen an den richtigen Stellen und mit ihren langen schwarzen Haaren und dem südländisch anmutenden Gesicht bei allen Männern sehr beliebt. Sanne ist aufgeschlossen, geht mit viel Selbstbewusstsein auf die Männer zu und führt sie wie Marionetten, spielt mit ihnen, lächelt kokett und lässt sie dann abblitzen. Oder nimmt sie mit nach Hause, gerade wie sie Lust hat.

‚Das könnte ich nicht’ denkt sie und drückt auf die Bestätigungstaste ihres Handys. Ja, es ist Sanne, die ihr schreibt sie komme gleich auf eine Zigarette vorbei und dann könne man ja vor der Disco heute abend noch etwas essen oder trinken gehen.

Immerhin ist sie dann nicht mehr allein. Ist abgelenkt von ihren Selbstmitleidsgedanken und dem „Ich-fühl-mich-so-allein-und-verlassen“. Kurz überlegt sie, ob sie sich die Zahnpasta aus dem Gesicht waschen und aus der labberigen Jogginghose in eine Jeans schlüpfen soll, aber Sanne kennt sie ja und eigentlich ist es auch egal, sie kann sich nicht von der Couch bewegen, es reicht wenn sie aufsteht wenn Sanne da ist.

Sie sieht aus dem Fenster in ihren Garten, es fängt langsam an grün zu werden, der Frühling steht vor der Tür und die ersten Zarten Knospen suchen sich ihren schweren Weg aus der Erde um zu blühen anzufangen. Wenn nur auch ihr endlich mal der Frühling bevor stehen würde, denkt sie und schimpft sich gleichzeitig selber über diese blöden, blöden Gedanken, die sie sich immer wieder durch den Kopf gehen lässt. Selbstzerstörung nennt man das wohl. Sadismus. Und darüber muss sie schon fast wieder ein wenig grinsen.

Sie kratzt sich am Kopf und beschließt nun doch aufzustehen und sich noch einen Kaffee aus der Padmaschine zu lassen, schlürft in die Küche mit immer noch kalten Füßen und drückt auf den Einschaltknopf. Er blinkt in schnellen Abständen. Na toll, das Wasser ist leer. Auch das noch. Warum nur kann nichts einfach einmal so funktionieren wie es soll.

Sie schnappt sich den Wassertank der Maschine und trottet mit kalten, nackten Füßen zum Wasserhahn, dreht auf und lässt den Tank volllaufen.

Wieder zurück, Wassertank rein, Pads aus der Dose – genau zwei Stück für eine große Tasse – und wartet bis die Maschine aufgehört hat zu gurgeln und der Knopf zu leuchten.

Dann drückt sie auf den Startknopf und bemerkt im gleichen Moment, dass sie vergessen hat eine Tasse drunter zu stellen.

„Scheiße“ ruft sie laut aus und rennt zum Schrank, stellt schnell eine Tasse unter die schon laufende Maschine, die den Rest des dampfenden Kaffeestrahls auffängt.

‚Wie kann man denn so unfähig sein? Wie soll man so Kinder erziehen geschweige denn einen Partner bekommen?’

Die Maschine hat den Kaffee komplett ausgespuckt, die Tasse ist nur zu dreiviertel voll, aber egal, da kommt ja sowieso noch Milch drauf.

Gerade macht sie mit einem Schwung die Kühlschranktür auf, als sie die Haustürglocke läuten hört.

Sie erschrickt kurz mit einem freudigen Gefühl im Bauch, lässt die Kühlschranktür offen stehen und rennt zur Haustür. „Ich komme“ ruft sie, obwohl das außer ihr sowieso niemand hört, denn zwischen Ihrer Haustür und der gemeinsamen Haustür für Ihr Wohnhaus liegt noch ein großer, kalter Flur. Sie macht die Tür auf, drückt auf den Summer und hört die große Eingangstür um die Ecke mit einem lauten Knacken aufgehen.

Sanne kommt schwungvoll ums Eck, strahlt wie immer eine Energie und Lebensfreude aus, die einen mitreißt.

„Jessy“ schreit sie und eilt federnden Schrittes auf die geöffnete Tür zu „gibt’s Kaffee? Ich riechs ja schon! Für mich auch eine Tasse“ grinst, nimmt Jessy kurz in den Arm, drückt sie euphorisch und drängt sich an ihr vorbei in die Wohnung. „Was hast Du denn für eine Sauerei gemacht? Wohl die Tasse vergessen“ Sanne lacht und deutet mit ausgestrecktem Arm auf die braune Pfütze um die Kaffeemaschine.

„Hmm, leider ja“ grinst Jessy verlegen und holt schnell den Lappen um die Kaffeepfütze aufzuwischen.

„Ich nehm gleich die Tasse, kannst Dir ja nochmal einen machen“ ruft Sanne, schnappt sich die volle Tasse und rauscht damit ins Wohnzimmer wo sie sich auf die Couch fallen lässt, in ihrer Handtasche nach ihren Zigaretten kramt und sich gleich eine anzündet.

So ist sie halt. Euphorisch, bestimmend, lebensfroh und ab und zu ein wenig launisch. Aber die liebste Freundin auf der ganzen Welt.

Jessy seufzt laut, holt sich eine weitere Tasse aus dem Schrank und lässt sich Kaffee durch.

Sie hört wie nebenan im Wohnzimmer auf einen Musikkanal gezappt und die Musik lauter gedreht wird. Pink. Perfekte Partymusik um sich auf den Abend einzustimmen. Jessys Laune steigt mit einem Schlag und sie fühlt sich richtiggehend aufgeputscht in dem Gedanken ans Feiern, Alkohol, Tanzen und Party machen in ein paar Stunden. ‚Das ist das Leben’ denkt sie und geht mit ihrer Tasse ins Wohnzimmer zu Sanne.

Die hat es sich bereits bequem gemacht, die Schuhe ausgezogen und sich im Schneidersitz auf die Couch gelümmelt.

„Ich hab mir folgendes überlegt“ sagt Sanne geheimnisvoll und schlürft laut aus ihrer Tasse „auf was trinken gehen hab ich heut irgendwie keine Lust, außerdem muss ich noch was einkaufen, ich würd sagen Du machst Dich bis halb elf fertig und dann holst du mich ab und wir fahren ins Nachtwerk. Ich hab noch zwei zwanzig-Euro-Gutscheine, da kannst einen haben, dann haben wir frei Saufen heut Abend, und für den Rest lassen wir uns von irgend einem Typen einladen“. Sie grinst verschmitzt und schaut Jessy mit schief geneigtem Kopf erwartungsvoll an.

„Puhh, ja, das geht klar. Dann kann ich noch zwei Stunden vorschlafen bis wir gehen. Freu mich schon, meinst dass der geile Typ von letztem Mal auch wieder da ist?“ Sie zieht lächelnd die Schultern hoch und Endorphine schießen in ihren Kopf bei dem Gedanken heute Abend vielleicht den Typen von letztem Freitag oder gar den Mann ihres Lebens zu treffen.

„Denk schon, den hab ich ja auch schon öfter gesehen. Also dann machen wir es so, dann fahr ich jetzt wieder, muss ja noch einkaufen und essen und um halb elf holst Du mich zuhause ab. Läuft!“

Sanne steht auf, zieht sich ihre Schuhe an, drückt die Zigarette nach einem letzten tiefen Zug im Glasaschenbecher aus, schaut kurz in ihre Tasse und stellt sie wieder auf den Couchtisch, nachdem sie festgestellt hat dass sie wohl leer ist.

Sie beugt sich zu Jessy, die auf der Couch sitzt und ihrerseits an ihrer Zigarette zieht und drückt sie. „Brauchst nicht mitkommen, ich weiß wo die Tür ist“ und rauscht mit einem fröhlichen Lächeln davon.

Krachend fällt die Haustür ins Schloss.

3

Wieder dröhnt „Hero“ aus dem Radio. Doch diesmal fühl ich mich besser, ruhiger. Beruhigter.

Gestern Abend hab ich seine Sachen wieder einmal durchwühlt. Ich konnte es einfach nicht lassen. Seinen Rucksack, die Taschen seiner schwarzen Kunstlederjacke die er über den Stuhl gehängt hatte, schnell, schnell, bevor er von der Toilette zurückkommt.

Ich habe nichts gefunden außer den normalen Dingen wie Tempotüchern, Sonnenbrille, Geldbörse – aber selbst die habe ich eilig durchwühlt. Das Geld, das ich ihm mitgegeben hatte war noch da – so viel zum Thema Vertrauen. Doch wie soll man denn Vertrauen aufbauen, wenn man belogen und bestohlen wurde? Auch wenn es lange zurück liegt, dass er ich zuletzt belogen hat, Vertrauen ist schwer wieder aufzubauen.

Manchmal gelingt es mir und ich habe ein immenses Vertrauen, weil ich weiß er hat mich lange nicht mehr enttäuscht, mich nicht mehr angelogen oder betrogen. Mir nicht mehr erzählt, dass er sich mit einem Freund trifft nur um ohne mein Wissen in der Stadt Drogen kaufen zu gehen. Und dann kommen die Momente in denen das Misstrauen in einem brennt wie Säure, in denen man nur noch handelt und sich Sicherheit verschaffen muss – wie gestern.

Er war so erstaunlich gut drauf im Gegensatz zu den letzten zwei Tagen. Sein ständiger Schnupfen war beinahe weg, er war nicht mehr so nervös und zappelig, keine Rückenschmerzen und hat sich mir gegenüber wieder viel mehr geöffnet, mir seine Gefühle gezeigt, mich in den Arm genommen und sich an mich gekuschelt. Aus schlechtem Gewissen? Oder weil es ihm einfach besser ging, der Körper sich an die geringere Dosis Methadon gewöhnt hatte? Aber die Augen waren klar, die Pupillen normal. Ich kann nur versuchen zu vertrauen. Wenn er es jetzt, nach dem ganzen Kampf der letzten vier Monate um Therapieplatz und Kostenzusage noch nicht kapiert hat und seine Chance auf ein sauberes Leben ohne Kriminalität und Beschaffungsdruck, mich noch dazu, aufs Spiel setzt, dann ist es nicht meine Schuld. Ich darf mir keine Schuld daran geben, ich habe es nicht in der Hand. Nur er kann etwas daran ändern, kann weiterhin stark bleiben und kämpfen. Ich kann ihm nur den stabilen Rahmen und die Sicherheit geben, dass ich ihn liebe und immer für ihn da bin. Und hoffen, dass er weiß was er tut.

Irgendwo in einem Teil von mir ist es mir auch gleichgültig, da ich weiß es liegt nicht in meiner Hand. Kann nur abwarten und beten. Und vertrauen.

Kann ihn am Morgen zur Tagesklinik bringen und abends wieder von dort abholen. Doch heute mache ich mir Gedanken, alte Ängste kommen in mir hoch, ich kann ihn nicht wieder holen heute abend, denn heute ist Donnerstag und ich habe Termine, die ich einhalten muss, muss ja auch an mein Geschäft denken, das mir den Lebensunterhalt sichert, an meine Kinder, die zu essen brauchen und ihre Mama sowieso.

„Hero“ ist mittlerweile verklungen, ich fahre meine Strecke in einer einigermaßen normalen Geschwindigkeit, wahrscheinlich weil ich heute wieder eher bei mir bin als ich es gestern Morgen war. Obwohl es mir immer noch schlecht ist, seit dem Aufstehen ist mir übel im Magen und das schon seit Montag. Mir ist bis mittags übel, ich könnte kotzen aber es geht nicht, von was denn auch? Ich esse ja beinahe nichts, versuche mich wenigstens zu zwingen mittags mit den Kindern zu essen, um für die beiden alles normal erscheinen zu lassen und auch ein wenig was im Magen zu haben. Und auch das wenige im Magen kommt als Wasser wieder raus. Das ist bei mir immer so, Stress schlägt mir auf den Magen und auf die Verdauung.

Aber jetzt habe ich ja kurzzeitig etwas womit ich mich ablenken kann, was mich auf andere Gedanken bringt. Es ist jetzt viertel nach acht, die Landschaft fliegt ungesehen an mir vorbei und ich bin auf dem Weg in eine große Diskountkette, denn dort gibt es heute Inlineskates im Angebot für meine Kinder. Ich hoffe nur, dass ich noch zwei Paar bekomme, dort sind die Angebote meist schon fünf Minuten nach Öffnungszeit vergriffen. Die wünschen sie sich halt schon seit langem, zu Ostern soll es dann endlich soweit sein, dass sie mit den Inlinern und passender Schutzausrüstung überrascht werden. Die zwei werden Augen machen und ich freue mich jetzt schon auf die lachenden Gesichter! Sofort bin ich etwas entspannter und gelöster, befreie mich aus meiner verkrampften Haltung und kann auch schon wieder etwas lächeln als ich an meine Kinder denke.

Aber ich warte auch. Ich weiß genau, dass ich mich heute trotz Ablenkung in einer Wartehaltung befinde, die Gedanken immer wieder abschweifen werden, meine Hand nervös zum Handy greift, schweißnass weil ich so unter Spannung stehe, und schaue ob ich nicht doch eine Sms verpasst habe. Eine Sms von ihm, in der er mir mitteilt ob er jetzt nach oben auf die geschlossene Station kann oder nicht. Ob ich endlich durchatmen und loslassen darf oder nicht. Ob ich endlich wieder zu mir selber finden darf.

Heute geht er wieder um 0,5ml runter mit der Dosis, ich weiß dass der Druck dann wahrscheinlich noch größer wird, weil es ihm wieder schlecht geht. Wobei er sagt, am ersten Tag spürt man noch nichts, das kommt dann erst am zweiten und am dritten Tag, bis sich der Körper wieder dran gewöhnt hat und aufhört mit Schmerzen, Übelkeit, nachlassendem Hungergefühl und Unwohlsein dem Entzug gegenzuwirken.

Aber ich will es eigentlich auch nicht mehr sehen, ich will nicht ständig sehen wie es ihm schlecht geht und merken wie ich mitleide, will nicht mehr ständig die Angst haben müssen , dass der Druck vielleicht zu groß wird und die Sucht gewinnt und er sich doch noch ein letztes Mal etwas in seine Adern ballert.

Es ist ein hin und ein her, soll ich glauben soll ich vertrauen, soll ich hoffen oder zweifeln? Nein ich will nicht, ich will einfach nur lieben!

Ich will einfach nur Ruhe, ich will einfach nur endlich, dass alles in ruhigen Bahnen verläuft und ich mich auch wieder auf mich konzentrieren kann. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als in Ruhe und Sicherheit mit ihm zuhause ankommen zu dürfen.

Ich fahre jetzt viel zu schnell, merke ich, im Radio läuft schon wieder ein Liebeslied, das ich nicht kenne, und drehe die Geschwindigkeit langsam nach unten. 120km/h sind erlaubt und auf 150km/h war ich schon, also viel zu schnell. Ich kann es nicht riskieren, dass mir jetzt etwas passiert, ich muss stark bleiben, für meine Kinder, für meine Arbeit, für mein Leben und für Tim.

Es hat mich jetzt nicht zu interessieren was er tagsüber macht, obwohl sich diese Gedanken ganz automatisch in meinen Kopf schleichen, was macht er gerade, wo ist er, warum meldet er sich nicht? Ist er noch in der Tagesklinik oder hat er sich einen Grund einfallen lassen um zwei Stunden gehen zu können damit er sich doch noch was für einen letzten Schuss besorgen kann?

Ich glaube es nicht, er hat mir im letzten halben Jahr so viel bewiesen, er hat mir bewiesen, dass er stark sein kann, dass er Kraft hat durchzuhalten und den richtigen Weg zu gehen, er hat mich nicht angelogen sondern mir sein Leben und das, was er tut, durchsichtig gemacht, er gab mir sämtliche Beweise. Beweise, dass er wirklich keinen Beigebrauch hat wie so viele, dass er nur substituiert ist und das auf sehr geringer Dosis. Obwohl das auch für mich schon zu viel ist. Ich möchte ein Leben mit ihm, das clean ist. Ich möchte ein normales Leben mit ihm, aber ich weiß nicht ob das jemals geht?

Ich habe Angst, ja, große Angst, denn ich liebe diesen Mann. Aber ich habe Angst, dass ein normales Leben mit diesem Mann nicht möglich ist. Ich habe Angst, dass er irgendwann rückfällig werden könnte wenn ihn irgendwas zu sehr belastet, Angst, dass er in seine alten Kreise zurück findet zu denen er den Kontakt seit langem abgebrochen hat.

Wir haben beschlossen hier weg zu ziehen wenn er von der erfolgreich abgeschlossenen Therapie wieder kommt, aber ob das so realisierbar ist? Auch davor hab ich Angst. Manchmal bestimmt die Angst mein ganzes Leben. Aber ich kämpfe dagegen an, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde. Ich bin ein Kämpfertyp der nicht aufgibt und habe bisher nicht oft einen Kampf verloren geben müssen. Aber die Sucht ist ein Gegner, den man nicht einschätzen kann, der von heute auf morgen hinterrücks mit der Axt zuschlägt und ein ganzes Leben zerstört.

Ich freue mich auf ein Leben mit Tim, natürlich, ich wünsche mir nichts sehnlicher als mit ihm glücklich zu werden, ich möchte ihn heiraten, mein Leben mit ihm verbringen, vielleicht auch ein Kind mit ihm haben. Aber ich habe Angst, dass genau das ihn irgendwann vielleicht überfordert.

4

‚Oh Gott, wo ist denn nur die Hose hin? Und die Haare hab‘ ich auch noch nicht gemacht’. Voller Panik und mit einem Blick auf die Uhr rennt sie wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Wohnung, vom Badezimmer ins Schlafzimmer und wieder zurück, kann keinen klaren Gedanken fassen.

‚Ganz ruhig durchatmen!’ sagt sie sich, bleibt kurz stehen, schließt die Augen, spürt wie ihr das Herz bis zum Hals klopft und der Druck im Kopf langsam nachlässt. Sie wird ruhiger, hört die Musik aus dem CD-Player im Bad und lässt langsam das Gefühl der Freude auf den heutigen Abend wieder Oberhand gewinnen.

Schließlich findet sie die gesuchte Hose unter zwanzig anderen verschiedener Größen in ihrem chaotischen Kleiderschrank, zieht sie über den String Tanga in unaufdringlichem Schwarz und hüpft – den Knopf schließend – ins Badezimmer, um sich die Haare fertig zu stylen.

Das Handy klingelt kurz und penetrant, ist kaum zu überhören, selbst wenn sie es wollte. Dann schweigt es wieder.

‚Sanne’ weiß Jessy nach einem Blick auf das Display, drückt mit nervösen Fingern die richtigen Tasten und das Freizeichen erklingt nach kurzem Zögern. „Hi Jessy, wo bleibst Du, ich warte schon vor meiner Haustür?“ Sannes Stimme klingt fröhlich, locker, kein bisschen aufgeregt, aber voller Vorfreude auf das, was der Abend ihr und der besten Freundin bieten wird.

Jessy fühlt sich unter Stress, die Haare liegen nicht so wie sie sich das vorgestellt hat, schnell schlüpft sie in die schwarzen Turnschuhe, steckt sich Zigaretten, Handy und Geld in die Hosentaschen der dunkelblauen Jeans, schnappt sich den Schlüssel von der Ablage in der Diele und wirft krachend die Tür hinter sich ins Schloss.

‚Jaaaaa!!’ denkt sie, muss aus vollem Halse lachen, so sehr freut sie sich jetzt doch auf den Abend in der Disco, auf Lachen und Tanzen, auf Flirten und Fröhlichkeit.

Sie geht zügig den dunklen Weg von der Haustür zum Parkplatz vor dem großen Mehrfamilienhaus, wo ihr kleiner blauer Wagen schon auf sie wartet, bereit in die Partynacht mit ihr zu fahren.

Die kurze Fahrt zu Sanne und dann zusammen weiter zu ihrer Stammdiskothek verläuft in lautem Weibergeschnatter über das Abendoutfit und Männer, die sie beide in der Disco erwarten, die jede Woche dort sind und nach der passenden Frau Ausschau halten, jedoch aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Art im Umgang mit Mädels wohl nie finden werden.

„Es gibt Typen, die gibt’s gar nicht“ prustet Sanne los und erzählt Jessy in belustigtem Ton, wen sie letzten Samstag kennengelernt hat.

„Weißt Du, er heißt Manfred – wie kann man denn schon Manfred heißen“, Sanne lacht während sie erzählt, „und sieht aus als hätte Mama ihn persönlich angezogen. Weißt schon, so ein Schnösel in Bundfaltenhose und gestreiftem Strickpullover, und so geht der dann in eine Disco, ich dachte ich sehe nicht richtig! Und das einzige Gesprächsthema was er hatte war seine verstrahlte Exfreundin. Und dann wollte er noch meine Handynummer, aber da hab ich abgewinkt und gesagt er soll sie sich in seinen Allerwertesten stecken, ein Mamasöhnchen mit Exfreundinsyndrom kann ich jetzt wirklich nicht gebrauchen“.

Wie offen und direkt Sanne immer ist, sagt was sie denkt und sich nicht einen Deut drum schert was andere von ihr halten, Jessy bewundert das. Wenn sie doch auch nur ein kleines bisschen von dem Selbstbewusstsein hätte, was Sanne an den Tag legt.

Jessy bringt das kleine blaue Auto mit einem apprubten Tritt auf die Bremse auf dem großen, dunklen Parkplatz vor der Dorfdisco zum Stehen. Die Türen werden aufgestoßen, Jacken ausgezogen und ins Auto gelegt, Jessy zieht nervös ihre Hose noch ein Stückchen höher, damit diese nicht gleich wieder über ihre etwas zu üppig geratenen Hüften nach unten rutscht.

Sie hakt sich bei Sanne unter und geht erwartungsvollen Schrittes mit ihr zum Discoeingang.

Die Türsteher begrüßen die zwei Stammgäste mit einem fröhlichen Lächeln und schon empfängt sie ein Schwall warmer Luft, dämmeriges Licht und das Wummern der Bässe.

‚Wie schön das doch ist und wie sehr ich mich die ganze Woche auf diesen einen Abend freue’, geht Jessy durch den Kopf während sie an der Kasse ihren 20-Euro-Gutschein zeigt und den Eintritt bezahlt.

„Oh ne“ sagt Sanne, verdreht genervt und ein bisschen angeheitert die Augen, und zupft Jessy auffällig am Ärmel, „da vorne steht der dicke Gregor, da müssen wir gleich mal hin. Und der Porno-Paule ist auch dabei, das wird ein Spaß!“ Gregor hat die beiden schon gesehen und breitet sofort seine wuchtigen Arme aus, drückt Sanne und Jessy lange und fest an seine breite Brust, gerät dabei fast außer Atem.

‚Porno-Paule’ hat wie immer schon einiges an Alkohol getrunken, schwankt ein wenig und lässt leicht lallend einen seiner tollen Sprüche los: „Ich wär so gern Dein Tampon, Sanne, dann würd ich immer in Dir stecken“. Grinst leicht schräg, seine Augen ruhen auf Sannes üppigem Ausschnitt, und hofft sichtlich auf eine Reaktion, die auch nicht lange auf sich warten lässt: „Ihhhgitt!“ rufen beide Mädels und drehen angeekelt den Kopf in alle Richtungen, „Du bist so widerlich Porno-Paule, Du trägst Deinen Namen zu Recht!“

Porno-Paules Grinsen wird noch breiter und auch Gregor kann sich ein breites Lachen nicht verkneifen, der kennt seinen besten Freund und seine immer gleich schlüpfrigen Kommentare.

„Also wir gehen jetzt einen Tequila trinken“ schreit Sanne Gregor ins Ohr, schnappt sich Jessy und zieht sie durchs Discogetümmel zur oberen Bar, wo sie sich sofort den Barkeeper schnappt und für jeden der beiden Mädels Tequila und Wodka-Energie bestellt.

„Die nächste Runde zahlst Du, Jessy, und dann gehen wir tanzen, ich bestell gleich noch unser Lieblingslied beim DJ, aber jetzt erst mal Prost!“ hält Sanne ihr ein kleines Schnapsglas hin auf dem eine halbe Orangenschale liegt und darauf wartet heruntergenommen und nach dem Leeren des Glases gegessen zu werden.

Jessy kippt den Alkohol in einem Schwung in ihren Mund, spürt das angenehme Brennen und die Wärme darin und in der Kehle, schüttelt sich kurz und beißt in ihre Orange.

Mit einem lauten Knall, der allerdings bei der ohrenbetäubenden Musik gar nicht zu hören ist, landet das leere Schnapsglas auf dem Tresen.

Die Leute um Jessy herum schubsen und drängeln um einen Platz an der Bar ergattern zu können, doch es stört sie nicht, der Alkohol wärmt und löst sie schon ein klein wenig, sie genießt die Wärme um sich herum und das Lachen der Diskogäste, die laute Musik und die Atmosphäre. Sie reckt den Kopf aufgeregt nach links und rechts, versucht irgendwo einen hübschen Kerl ausfindig zu machen, den sie nicht kennt, der vielleicht DER Traummann ist, doch außer altbekannten Gesichtern kann sie kein neues entdecken.

Sie beschließt noch eine Runde Tequila zu bestellen, während Sanne zwei Meter weiter mit einer Freundin am Kichern ist, die sie gerade entdeckt hat.

Der Barkeeper zwinkert ihr zu, Jessy lächelt etwas schüchtern zurück.

‚Arroganter Schnösel’ denkt sie, ‚glaubst auch Du bist der tollste hier, keinen Arsch in der Hose und dürr wie ein Ast, aber Hauptsache der große Macker’. Sie beschließt, dass sie Lust hat zu tanzen, da der Männermarkt bisher noch nicht wirklich etwas zu bieten hat, geht mit den Getränken zu ihrer Freundin, streckt ihr ein Glas entgegen und gemeinsam stoßen sie an, ein Lachen auf den Lippen, gelöst und fröhlich und in freudiger Erwartung dessen, was ihnen der Abend noch zu bieten hat.

5

Ich weine und weine und weine, Tränen laufen unaufhaltsam meine Wangen hinunter, ein Strom, der nicht aufzuhalten ist.