Silvia-Gold 29 - Andrea Fleming - E-Book

Silvia-Gold 29 E-Book

Andrea Fleming

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Beschreibung

Christina verschlägt es den Atem, als sie Jorgos zum ersten Mal sieht. Dass es einen solchen Mann wirklich und wahrhaftig gibt! Groß, schlank, leidenschaftlich, schön wie ein griechischer Gott.

Doch als er sie küsst und sie in seine Arme nimmt, merkt sie schnell, dass dieser "Gott" nur allzu menschlich ist. Wunderbar menschlich. Sie ist glücklich - bis Jorgos sie fortschickt. Denn er glaubt, dass Christina seiner Insel nur Unglück bringen kann ...

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Seitenzahl: 141

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Vor Amor auf der Flucht

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock / HannaMonika

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4687-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Vor Amor auf der Flucht

Warum sich Christina auf keinen Fall in diesen Traummann verlieben will

Von Andrea Fleming

Christina verschlägt es den Atem, als sie Jorgos zum ersten Mal sieht. Dass es einen solchen Mann wirklich und wahrhaftig gibt! Groß, schlank, leidenschaftlich, schön wie ein griechischer Gott.

Doch als er sie küsst und sie in seine Arme nimmt, merkt sie schnell, dass dieser »Gott« nur allzu menschlich ist. Wunderbar menschlich. Sie ist glücklich – bis Jorgos sie fortschickt. Denn er glaubt, dass Christina seiner Insel nur Unglück bringen kann …

Christina träumte, obwohl sie eigentlich ja keine Zeit zum Träumen hatte. In ihrem Beruf konnte man es sich nicht leisten, die Zeit mit Träumen zu verschwenden. Christina war freie Journalistin.

Dennoch – sie träumte. Sie tippte einen Satz in ihren Computer, hielt inne und verlor sich wieder in ihren Gedanken. Sie sah die Sonne blutrot im Meer versinken, und es roch nach Fisch und Thymian. Sie fühlte den weichen, heißen Sand zwischen ihren Fingern und hörte die schwermütige griechische Musik.

Sie schrieb wieder einen Satz und starrte an die Decke, die trotz allen Starrens weiß blieb und sich einfach nicht in einen tiefblauen, wolkenlosen Himmel verwandeln wollte. Wenn das so weiterging, wurde aus ihrer wissenschaftlichen Abhandlung über Insekten noch eine erotische Bettgeschichte – Griechenland war, ihrer Meinung nach, eines der erotischsten Länder, die es gab. Waren die Statuen griechischer Helden und Götter nicht einfach traumhaft schön?

Christina träumte, sie starrte, nur eines tat sie nicht – arbeiten.

»Hat wohl keinen Sinn mehr, weiterzumachen«, gab sie sich schließlich frei und tat das, was alle lebenslustigen Menschen so gern tun: Sie verschob die Arbeit auf morgen, um schließlich, wenn der Abgabetermin schon überschritten war, in eine Hektik zu verfallen, die Nerven, Gesundheit und Energie kostete und den Ärzten ein Vermögen einbrachte.

Noch stand der Abgabetermin jedoch nicht bevor. Sie stand auf, tauschte die Jogginghose gegen Jeans und ging ins »El Greco«. Das »El Greco« war so etwas wie ihre Stammkneipe. Wahrscheinlich gab es kaum jemanden, der des Essens wegen nach Griechenland reiste. Thomas, ein Freund und Kollege, behauptete sogar: »Die Touristen kommen trotz der griechischen Küche.«

»Warum sind dann die griechischen Lokale hier immer so voll?«, hatte sie ihn gefragt.

»Weil es die einzige Möglichkeit ist, die Urlaubserinnerungen aufzufrischen«, war seine Antwort gewesen.

Und wie recht er hatte. Der Willkommens-Ouzo, den sie nur trank, um Nikos, den Wirt, nicht zu beleidigen, die kitschigen Plastiksäulen, die sich zur Decke streckten, die Fotos an den Wänden und die Sitte, die Gäste in die Küche zu führen, die Nikos lobenswerterweise beibehielt, ließen die Träume von vorhin wenigstens ein bisschen wirklicher erscheinen.

»Ah, Christina!« Nikos drückte ihr die Hand, bis sie wehtat, warf ihr aus feurigen Augen feurige Blicke zu und führte sie an einen Platz, den er »ganz allein für sie« reserviert hatte, wo aber schon etliche andere Leute saßen, alles leicht verruchte Typen.

Da war einmal Yolanda, eine Schriftstellerin, die noch nie etwas veröffentlicht hatte und von der niemand wusste, wovon sie eigentlich lebte. Neben ihr saß Pit, ein Fotograf; Sibylle, eine Malerin, die sogar schon in New York ausgestellt hatte; und Gregor, der Bildhauer, der sich ständig – und je mehr er getrunken hatte – umso weinerlicher beklagte, dass er sich in seinem engen Atelier nicht frei entfalten konnte. Frei entfalten bedeutete für ihn, dass er seine vollbusigen Statuen noch vollbusiger und runder machen konnte. Allerdings musste er sie wegen des Platzmangels schweren Herzens auf Normalmaße reduzieren.

Christina wurde mit lautem Hallo, einem Glas Demestika und einem Ouzo begrüßt. Na, das konnte wieder heiter werden.

Irgendwann, als Krönung des Abends, schaute Raphael vorbei.

»Ich sag nur schnell hallo, Leute.« Sprach’s und zwängte sich zwischen Christina und Yolanda.

Raphael war Musiker, hatte goldene Locken, babyblaue Augen und war hoffnungslos in Christina verliebt. Hoffnungslos, weil sie nun einmal schwarzhaarige Männer mit dunklen Augen bevorzugte.

»Hallo, Tina«, begrüßte er sie. Mehr als das fiel ihm beim besten Willen nicht ein. Also verbrachte er den restlichen Abend damit, sie fast stumm anzuhimmeln. Man musste Christina eines lassen: Sie war eine wirklich schöne Frau.

Sie war groß und schlank und herausfordernd sexy. Ihre Figur war hinreißend, ihre Haut hatte einen warmen Goldton.

»Tina, ich hab für morgen noch eine Konzertkarte. Sie spielen Brahms«, meinte Raphael jetzt schüchtern.

Im selben Moment kam Nikos, um sie in die Küche zu führen.

»Tut mir leid«, antwortete Christina und stand auf. »Morgen muss ich meinen Artikel fertig schreiben.«

Raphael hatte wirklich Pech. Ihr gefielen nicht nur blonde Haare und blaue Augen nicht, sie mochte auch keine klassische Musik. Und in diesem Moment bevorzugte sie ohnehin Nikos und die verlockenden Töpfe in der Küche, in die sie jetzt hineinsehen durfte, um auszuwählen, was sie essen wollte.

Christina entschied sich für Lammlachs, gedünstetes Gemüse und einen Vorspeisenteller.

»Vielen Dank«, sagte sie auf Griechisch.

Als sie zurückkam, spielte eine Band, und es wurde eifrig Sirtaki getanzt. Auch Yolanda, Pit, Sibylle und Gregor tanzten. Nur Raphael war sitzen geblieben und zählte schmachtenden Blickes jeden Bissen, den Christina zum Mund führte.

»Hast du Hunger?«, fragte sie.

»Nein«, stotterte er und wurde rot. »Ich hab nur geschaut.«

»Das hab ich gemerkt. Willst du was?« Sie schob ihm den Vorspeisenteller hin.

»Danke«, antwortete er und probierte. Dann holte er tief Atem und setzte zum Sprechen an: »Tina, ich lie …«

Weiter kam er nicht.

»Ich kann es nicht leiden, wenn man Tina zu mir sagt«, fiel sie ihm ins Wort und beobachtete Nikos, wie er mit einem neuen Gast flirtete. Natürlich war er weiblich und blond, dieser Gast.

»Ach so, entschuldige bitte, ich …«

»Warum entschuldigst du dich eigentlich ständig?«

»Tut mir leid, ich …« Raphael wurde rot.

»Raphael, wie alt bist du?«, fragte Christina jetzt.

»Achtzehn.«

»Und ich bin dreißig.« Sie sah ihn lange an. »Es würde nicht gutgehen.«

»Was würde nicht gutgehen?« Er sah sie groß an.

Meine Güte, irgendwann würden diesem engelsgleichen Knaben tatsächlich Flügel wachsen. Er war einfach zu naiv für diese Welt.

»Wenn wir zwei ein Verhältnis hätten«, antwortete sie und säbelte genüsslich ein Stück vom Lammbraten ab.

»Oh«, machte Raphael nur und sah auf einmal sehr traurig aus.

»Komm, probier mal!«, forderte Christina ihn auf. Im Moment fiel ihr leider nichts anderes ein, als ihn zu füttern. Dabei vergaß sie ganz, dass auch bei ihr Liebeskummer auf den Magen schlug.

Gegen Mitternacht verabschiedete sie sich von ihren Freunden und trat auf die Straße. Es war noch warm, und am Himmel glitzerten unendlich viele Sterne, sie waren nur nicht ganz so hell wie in Griechenland.

Christina schwebte. Wein und Ouzo ließen sie ganz leicht werden und beinahe vom Boden abheben. Was gingen sie eigentlich die blöden Insekten an? Am besten, sie packte ihre Koffer, buchte den nächsten Flug nach Athen und machte erst einmal Ferien.

Urlaub … Ihr Vater würde sich bestimmt freuen, wenn sie plötzlich vor ihm stand – mitten auf einem griechischen Ruinenfeld. Stephan Braun war Archäologe, den es vor drei Monaten auf eine vom Tourismus noch unentdeckte Insel in der Ägäis verschlagen hatte. Normalerweise bevorzugte Christina Inseln wie Mykonos, Rhodos, Kos und Korfu. Dort war wenigstens etwas los, im Gegensatz zu dem Eiland, auf dem ihr Vater Maulwurf spielte, wie sie es liebevoll ausdrückte.

Griechenland. An diesem Tag war es für Christina zum Ziel sämtlicher Sehnsüchte geworden.

***

Manchmal gibt es zwischen Eltern und Kindern, die gut miteinander auskommen, so etwas wie telepathisches Verstehen. Offenbar hatte Stephan Braun die Gedanken seiner Tochter auch über Tausende von Kilometern hinweg erraten, denn am nächsten Morgen läutete das Telefon.

»Hallo?« Christina nahm den Hörer ab.

»Hallo, ich bin’s …« Eine vertraute Stimme klang durch den Draht.

»Papa!«, jubelte sie. »Schön, dass du dich meldest. Wie geht es dir?«

»Fantastisch. Wir haben eine hochinteressante Entdeckung gemacht.« Er machte eine effektvolle Pause. »Ich glaube, wir sind auf ein zweites Atlantis gestoßen.«

»Das ist ja wunderbar!«

»Das ist es. Hast du nicht Lust, zu kommen und drei sehr nützliche Dinge miteinander zu verbinden?«

»Und die wären?«

»Deinen alten Vater besuchen, Urlaub machen und ganz nebenbei die Reportage über unsere sensationellen Funde zu schreiben. Was hältst du davon?«

»Die Idee ist großartig. Ich muss nur noch einen Artikel über Insekten beenden.«

»Was?«

Die Verbindung wurde schlechter, das Rauschen stärker.

»Insekten!« Das Rauschen wurde noch stärker.

»Was?«

»Ich komme!«

»Prima!«

Ein Knacken. Die Verbindung war unterbrochen.

»Ich komme.« Damit war entschieden, dass der langweilige Insektenartikel im Raketentempo fertiggestellt, der Koffer gepackt und ein Ticket besorgt werden musste.

***

Nur eine Woche später saß sie in einem Taxi, das sie von Athen nach Piräus bringen sollte. Das goldene Nachmittagslicht verschönte sogar das triste Hafenviertel. Der Wagen schob sich durch eine undurchdringliche Wand aus Menschen und Fahrzeugen. Der Lärm war kaum auszuhalten.

Lastwagenmotoren dröhnten, Hupen heulten auf, Verladekräne rasselten, Männer brüllten sich gegenseitig an, und die Schiffspaßagiere mit ihren Koffern, Rucksäcken und Bündeln versuchten, sich über den Lärm hinweg zu verständigen. Es war heiß und stickig wie in einem Wartesaal, in dem der Ventilator ausgefallen war.

Endlich hielt das Taxi in der Nähe der Fähre, die ganz so aussah, als würde sie bei stärkerem Seegang kentern. Unwillkürlich zählte Christina die Rettungsringe und -boote.

Dann schob sie sich mit den anderen Passagieren über die Gangway. Bestimmt waren jetzt schon mehr Menschen an Bord, als erlaubt war, dachte Christina. Und jeder trug etwas, sogar die kleinen Kinder. Sie schleppten Bündel, Körbe, Koffer, zusammengerolltes Bettzeug, Babys in Windeln, lebendige Hühner, Käse, Knoblauchzöpfe. Einige zerrten widerspenstige Ziegen hinter sich her, die meckernd protestierten.

Der Kontrast zwischen der Großstadt und den Inseln wurde augenscheinlich. Die Athenerin war schick und modern und konnte es mit der Pariserin und der Römerin ohne Weiteres aufnehmen. Die Frauen von den Inseln waren jedoch häufig noch von Kopf bis Fuß in strenges Schwarz gehüllt. Die Jüngeren hatten beinahe klassische Gesichtszüge, die Älteren von Sonne und Wind gegerbte Haut, die manchmal so zerfurcht und dunkel wie altes Leder war.

»Es ist besser, wenn Sie sich schnell einen Platz suchen«, sagte eine junge Rucksacktouristin zu ihr. »Die Fahrt dauert acht Stunden und kann anstrengend werden, wenn man es nicht gemütlich hat.«

Das ohrenbetäubende Heulen der Schiffssirene hätte ohnehin jede Antwort erstickt. Deshalb nickte Christina nur und folgte dem Mädchen durch das Gewimmel. Sie kam sich mit ihrem Gepäck jetzt fast lächerlich vor. Koffer konnten auf einer Fähre zu schier unüberwindlichen Hindernissen und Sperren werden. Ständig stieß sie jemanden an, rammte ihm die Koffer gegen die Beine oder blieb mit ihnen irgendwo hängen. Fluchen, Schimpfen und böse Blicke waren die Folge, die sie, wie sie sich eingestand, auch verdiente. Das Mädchen mit seinem Rucksack war da schon besser dran.

Schließlich ergatterten sie einen Platz unter Deck.

»Wenn Sie nach oben wollen, passe ich auf Ihre Koffer auf«, schlug Christinas Begleiterin vor. »Und umgekehrt.«

»Einverstanden. Ich heiße Christina.«

»Und ich Miriam.« Das Mädchen lächelte. »Wenn Sie beim Ablegen der Fähre zusehen wollen, nur zu. Ich habe das schon so oft erlebt. Außerdem bin ich den ganzen Tag gelaufen und froh, die Beine ausstrecken zu können.«

»Danke«, sagte Christina. »Bis später dann.«

Sie ließ das Mädchen und die Koffer zurück. An Deck war der Lärm inzwischen unerträglich geworden. Die Gangway wurde eingezogen und dann für einen atemlos heranhetzenden Nachzügler noch einmal ausgelegt.

Die Schiffsmotoren dröhnten, das Deck zitterte und bebte; bestimmt war jede an Bord befindliche Schraube und Niete gerade dabei, sich zu lösen. Langsam entfernte sich die Fähre vom Pier. Die Reise hatte begonnen.

Während das Schiff sich seinen Weg durch den lebhaften Verkehr im Hafen bahnte, lehnte sich Christina gegen die Reling und schloss für einen Moment die Augen. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass sie hier war und nicht vor dem Computer saß und über Insekten nachdachte. Bald würde die Sonne wirklich so glutrot untergehen, wie sie es sich in ihren Träumen vorgestellt hatte. Der leuchtend blaue Himmel über ihr und der typische Geruch nach Meer waren schon da.

Sie fuhren auf das offene Meer hinaus. Weiße Schaumkronen tanzten auf dem Wasser. Auf der Fähre war es still geworden. Der Abend legte sich über das Schiff wie ein kühlendes Tuch.

Eines der altersschwachen griechischen Linienschiffe glitt in der Ferne vorüber. Wie lange würde es sie noch geben, diese Schiffe mit ihren holzgetäfelten Speisesälen, charmant-schmuddelig, mit ihren winzigen Kombüsen, die harte Hühnchen und zu weich gekochte Spagetti hervorbrachten! Gemütlich schaukelten sie auf den Wellen, schafften nur elf statt siebzehn Knoten und transportierten Kälber an Deck statt Lastwagen im Rumpf des Schiffes.

Einige Frauen hatten Decken ausgebreitet, die Kinder gefüttert und dann schlafen gelegt. Die Männer saßen in Gruppen beisammen und redeten über Gott und die Welt.

»Im Süden gilt das Wort noch etwas«, hatte Nikos einmal gesagt. Und mit genau dieser Ernsthaftigkeit diskutierten die Männer. Wohl überlegt drückten sie nur das aus, woran sie wirklich glaubten.

Dann kam die Nacht. Es war die längste Nacht, die Christina je erlebt hatte. Sie konnte nicht einschlafen. Neben ihr schnarchte eine Frau, es war kalt geworden. Es roch nach Knoblauch, und es war eng.

Das alte Holz ächzte, immer wieder war ein geheimnisvolles Klirren zu hören, das sich in unregelmäßigen Abständen wiederholte, außerdem legte die Fähre zwischendurch immer wieder an, und jeder Aufenthalt wurde von schrillen Pfiffen, Stimmen, Glockengebimmel und gebrüllten Befehlen begleitet.

Miriam schlief. Offensichtlich war sie schon daran gewöhnt. Wieso auch nicht? Seit einem Monat tat sie nichts anderes, als die Inseln der Ägäis abzuklappern.

Irgendwann, der Morgen dämmerte schon, ging Christina wieder an Deck. Unzählige Inseln lagen dicht beieinander. Immer wieder schoben sich neue Kulissen aus dem Dunst. Sie sahen aus wie die Gipfel eines im Meer versunkenen Gebirges.

Der Dunst wich. Wie durch einen Zauberstab verwandelte die Sonne das Meer in flüssiges Gold. Christina musste die Augen schließen, so sehr blendeten Licht und Farben. Als sie die Augen wieder öffnete, lag die Insel vor ihr. Sie bot eines der schönsten Hafenpanoramen, die Christina je gesehen hatte, und sie hatte schon viele gesehen.

Am Kai herrschte das übliche Gedränge. Jetzt, da die Fähre anlegte, ähnelte die Menge einer Vogelschar, in die jemand einen Stein geworfen hatte. Alles flatterte und schien das Gefieder zu sträuben.

Nur einer blieb ruhig, so wie er immer gelassen blieb, wenn es sich nicht gerade um eine Ausgrabung handelte – ihr Vater. Er war sehr groß und überragte die meisten Leute, die am Kai warteten. Er war schlank und drahtig, und seine braungebrannte Haut stand in starkem Kontrast zu seinen weißen Haaren, die vielleicht eine Spur zu lang waren. Stephan Braun war ohne Zweifel immer noch ein gut aussehender Mann.

»Es wird Zeit, dass wir uns verabschieden.« Miriam war neben sie getreten.

»Du fährst weiter?«

»Natürlich, auf der Insel ist doch nichts los.«

Und tatsächlich, als Christina, mit den beiden Koffern über die Gangway balancierend, an Land ging, bemerkte sie, dass sie die einzige Nicht-Einheimische war, die die Insel betrat.

»Da bist du ja endlich!« Ihr Vater löste sich jetzt aus der Menge, bahnte sich einen Weg mit den Ellbogen und umarmte dann Christina.

Es war herrlich, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen.

»Bist du seit dem letzten Mal nicht etwas gewachsen?«

»Höchstens in die Breite.« Sie lachte. »Mit dreißig ändert sich höhenmäßig nicht mehr.«

»Dreißig bist du schon?« Ungläubig sah er sie an, mit diesem für ihn typischen versponnenen Blick, mit dem er sich in die Welt der alten Mythen und Sagen einbuddelte wie ein Maulwurf. Die Gegenwart bedeutete ihm nicht viel, er schien gar nicht zu merken, dass die Zeit verging.

Er nahm die Koffer. »Was hast du mitgebracht, Ziegelsteine?«

»Ja, ich dachte mir, du willst vielleicht ein zweites Atlantis aufbauen.« Sie lachte.

»Das Haus, das ich gemietet habe, liegt ein wenig abseits«, erzählte er. »Es ist einfach, aber sauber, und wir haben von der Terrasse aus einen herrlichen Blick über das Meer.«

Während sie zu dem klapprigen alten Lastwagen gingen, den Stephan Braun ebenfalls gemietet hatte, nahm Christina die ersten Eindrücke in sich auf. Vor den Häusern saßen alte Frauen schwatzend beieinander, verstummten jedoch, als Christina und ihr Vater auftauchten.

An manchen Fenstern tauchte blitzschnell ein Gesicht auf und verschwand wieder, und manchmal war sie nicht sicher, ob es nicht nur die Sonne gewesen war, die Schatten warf.

Sie kamen an einem Café vorbei. Auf den schiefen Holzstühlen saßen nur Männer. Sie tranken schwarzen griechischen Mokka, dazu Ouzo und diskutierten. Auch sie verstummten, als Christina und ihr Vater vorbeikamen. Bisher war Christina noch nie an einem Ort gewesen, der sich seine Ursprünglichkeit in einem solchen Maß erhalten hatte.

Sie fühlte sich fremd, abgelehnt, unbehaglich.

»Warum starren sie uns so an?«, flüsterte sie, obwohl hier wohl kaum jemand Deutsch verstand.

»Daran wirst du dich bald gewöhnt haben«, antwortete ihr Vater. »Wir sind Fremde und daher überaus interessant. Sonst sind die Leute sehr gastfreundlich und nett.«