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Die Zeit der Erdbeerküsse
Ein aufregender Liebesroman - mit Sehnsucht verfeinert
Von Hella Lichtenau
Sie beschwindeln sich nach allen der Kunst - nur ihre Küsse sind ehrlich gemeint. Trotzdem: Irgendwann muss Dennis erfahren, dass Jill die vernichtende Reportage über seine Restaurants geschrieben hat. Und Jill muss erfahren, dass er für all die warmen Drinks, kalten Suppen und grässlich pappigen Hamburger verantwortlich ist, die sich auf ihrer Testfahrt antun musste.
Es kommt die Stunde der Wahrheit - und wie erwartet fliegen die Funken ...
Freuen Sie sich auf das aufregendste Rendezvous dieses Frühlings! Zwischen einem Mann, an dem man sich die Finger verbrennen muss, und einer Frau, von der man nicht die Finger lassen kann ...
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Seitenzahl: 136
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
Die Zeit der Erdbeerküsse
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: PeopleImages / iStockphoto
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar
ISBN 9-783-7325-7883-2
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
Die Zeit der Erdbeerküsse
Ein aufregender Liebesroman – mit Sehnsucht verfeinert
Von Hella Lichtenau
Sie beschwindeln sich nach allen der Kunst – nur ihre Küsse sind ehrlich gemeint. Trotzdem: Irgendwann muss Dennis erfahren, dass Jill die vernichtende Reportage über seine Restaurants geschrieben hat. Und Jill muss erfahren, dass er für all die warmen Drinks, kalten Suppen und grässlich pappigen Hamburger verantwortlich ist, die sie sich auf ihrer Testfahrt antun musste.
Es kommt die Stunde der Wahrheit – und wie erwartet fliegen die Funken …
„Es ist eine Unverschämtheit, was einem heutzutage so geboten wird!“
Jill Summers warf den blonden Lockenkopf in den Nacken. Ihre meerblauen Augen funkelten zornig, als sie ihre Handtasche auf den Schreibtisch des Chefredakteurs Don Sherman schleuderte. Schweratmend ließ sie sich ihm gegenüber in den Sessel fallen und blickte Don herausfordernd an.
„Hat man dir im Speisewagen des Zugs von Atlantic-City nach New York das Steak versalzen?“, fragte Don und musterte die temperamentvolle junge Kollegin über den Rand seiner Brille hinweg.
„Ich hab unterwegs kein Steak gegessen, sondern Chili!“, fauchte Jill zurück. „Ich rede auch nicht vom Essen im Speisewagen, sondern ich meine diese Imbisskette, die sich im ganzen Land breitmacht und sich zu allem Überfluss auch noch Gourmet’s Paradise nennt. Es ist echt ein Skandal!“
Der Zorn hatte Jill nicht länger auf ihrem Platz gehalten. Aufgeregt lief sie im großzügigen Büro des Chefredakteurs der Fachzeitschrift Gourmet auf und ab.
„Was war denn so schlecht?“, fragte Don Sherman ruhig und stand von seinem Sessel auf. Er nahm die Brille ab und legte freundschaftlich die Hand auf die Schulter der Kollegin.
Sherman wusste, dass Jill mit viel Engagement ihren Beruf ausübte. Doch so aufgeregt wie heute hatte er sie noch nie gesehen, seit sie vor einigen Monaten als Journalistin und Testerin von Hotels und Restaurants im Verlag angefangen hatte.
Don wartete geduldig auf eine Antwort. Er war ein besonnener Mensch, den so leicht nichts aus der Ruhe brachte. Jills Entrüstung amüsierte ihn. Diese jungen Kollegen waren so hitzig wie er damals.
„Don“, begann Jill, „es muss was geschehen. Man kann den Leuten doch nicht so einen Fraß zumuten. Nicht genug, dass das Essen in diesen Etablissements kalt und die Getränke lauwarm sind. Das Personal ist absolut miserabel. Hilfskräfte, die nicht die Spur einer Ahnung haben, wie man Gäste bedient. Zuerst dachte ich, es sei nur in Baltimore der Fall. Doch ich fand die gleiche Situation in Washington, Philadelphia und Atlantic-City. In den letzten drei Wochen, in denen ich unterwegs war, wurde es mir schon fast zu einem Sport, neben den Hotels, die ich testen sollte, auch diverse Filialen dieser GP-Kette aufzusuchen.“
„Es wundert mich nur, dass du bei diesem Testessen-Stress deine schlanke Linie bewahrt hast“, bemerkte Don Sherman trocken.
„Dafür bekommst du eine fette Spesenabrechnung.“ Jill lachte. „Das Essen in den Luxushotels in Washington, Baltimore, Philadelphia und Atlantic City war gut und teuer.“
„Mach dir über die Spesenabrechnung keine Gedanken. Ich weiß, dass das Geld bei dir eine gute Investition ist. Du bist unsere beste und schärfste Kritikerin. Deshalb habe ich dich auch für Miami ausgesucht. Du fliegst übermorgen und quartierst dich im Beach Plaza ein.“ Don hatte sich auf die Schreibtischkante geschwungen und sah Jill erwartungsvoll an.
„Miami?“ Jills Augen leuchteten. „Das ist ja wundervoll, Don! Ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht in Miami gewesen.“
„Ich hoffe, ich habe dir damit eine Freude gemacht.“
„Ja, das hast du.“ Jill strahlte. Sie fuhr sich mit der Hand durch die Locken. „Wie lange soll ich bleiben?“
„Ich denke, drei Tage werden reichen. Möchtest du?“ Don hielt ihr eine Tasse hin, in die er frisch gebrühten Kaffee gegossen hatte. Jill nahm dankend an und schlug lässig die Beine übereinander.
„Sag mal, hat das mit deinen Verkleidungskünsten eigentlich immer geklappt?“, wollte Don wissen.
„Ganz toll.“ Jill grinste. „Ich habe drei Perücken, zwei verschiedene Brillengestelle und eine ordentliche Menge Theaterschminke mitgenommen. Niemand hat was gemerkt. Ich glaube, ich bin den Hotelmanagern als zickige ältere Dame ganz schön auf die Nerven gegangen.“
Don lachte. „An dir ist wirklich eine Schauspielerin verloren gegangen. Übrigens hatten deine Artikel über die letzte Testtour bereits Resonanz. In deiner Abwesenheit haben sich einige Hoteliers gemeldet, die aufgrund deiner Kritiken um ihre Sterne fürchten.“
„Einige hätten echt verdient, dass man sie ihnen aberkennt“, murmelte Jill. „Schließlich zahlen die Gäste horrende Preise. Dafür kann man schon einen perfekten Service verlangen.“
„Alle wollten ,Lukullus‘, den Verfasser dieser Artikel, sprechen. Aber du weißt ja, dass dein Inkognito bei uns gut gewahrt bleibt. Sonst hätte deine Maskerade ja keinen Sinn. Dass ich diese Verkleidungsgeschichte für eine gute Idee halte, wollte ich dir schon immer mal sagen“, lobte Don.
„Apropos Inkognito …“ Jills Gesicht verzog sich ärgerlich. „Dabei fällt mir wieder diese GP-Kette ein. Weiß man eigentlich, wem sie gehört? Diesem verantwortungslosen Besitzer sollte man einen Denkzettel verpassen, der sich gewaschen hat. Ich werde mich sofort daran machen, rauszufinden, wem diese Dinger gehören.“ Jill stellte die Tasse auf den Schreibtisch zurück und erhob sich.
„Das wird nicht nötig sein. Schreib nur den Artikel. Sicher wird sich der Chef dieses Unternehmens bei uns melden“, meinte Don. „Warst du hier in New York schon einmal in einem dieser Gourmet’s Paradise?“
„Nein, und ich kann auch gut darauf verzichten. Was ich in anderen Städten gesehen und erlebt habe, reicht völlig aus, um mir ein Bild von diesem Unternehmen zu machen. Kann ich mal deinen Computer benutzen? Ich möchte, dass du dabei bist, wenn ich einen gepfefferten Artikel über diesen Laden schreibe.“
Wortlos wies Don auf seinen Schreibtisch.
Jill atmete tief ein und aus. „Danke.“ Sie schaute Don noch einmal kurz an und hämmerte dann wie eine Besessene auf die Tastatur.
Don pfiff durch die Zähne, als er nach etwa zwanzig Minuten den fertigen Artikel las.
„Du gehst mit den Leuten ganz schön hart ins Gericht. Aber du wirst deine Gründe haben. Ich vertraue dir in dieser Sache vollkommen. Deshalb werde ich den Artikel auch genauso drucken lassen.“
Jill fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatte doch ein bisschen Angst vor der eigenen Courage gehabt. Dass Don ihren Artikel nun bedenkenlos in Druck gab, machte sie stolz und sicher.
Außerdem, was konnte ihr passieren? Sie hatte schließlich nur die Wahrheit geschrieben, von der sich jeder selbst überzeugen konnte. Vielleicht hatte der Chef seinen Filialen noch nie einen Besuch abgestattet. Möglicherweise wusste er von dem miserablen Zustand gar nichts.
Jill verwarf diesen Gedanken jedoch schnell wieder. Was wäre das für ein Chef, der sein Geschäft nicht kannte! So etwas gab es nicht. Für sie war dieser Mensch jemand, der schnelles Geld verdienen wollte. Es war deshalb richtig, dass man auf solche Missstände aufmerksam machte. Dazu waren Journalisten schließlich da.
Don hatte zwar seine Zustimmung zu diesem Artikel gegeben, aber richtig wohl war ihm bei der Sache doch nicht. Es würde sicherlich eine Menge Ärger geben. Zudem war es schwierig, mit einem Gegner zu kämpfen, den man nicht kannte.
„Ich würde dich gern einmal in einer deiner Verkleidungen sehen“, versuchte er sich und Jill von dem Gedanken an den Artikel abzulenken. „Ein Jammer, dass ich keine Gelegenheit dazu habe …“ Das Telefon unterbrach sie. Sekunden später war Don in ein Gespräch vertieft.
Jill fühlte sich überflüssig und verließ das Büro des Chefredakteurs, um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.
♥♥♥
Ihr Kollege Peter Prentiss begrüßte sie knurrend.
„Na, auch mal wieder eingetrudelt?“ Prentiss war etwas eifersüchtig auf die hübsche junge Kollegin.
Bevor diese Jill aufgetaucht war, war er Don Shermans bester Mann gewesen, Jill wusste das und ignorierte seine ständige Bissigkeit. Peter interessierte sie zu wenig, als dass sie ihn hätte ernst nehmen können. In ihren Augen war er ein schmieriger Kriechertyp.
Sie war davon überzeugt, dass er auch nicht davor zurückschreckte, Bestechungsgelder von Hoteliers und Restaurantbesitzern anzunehmen, damit sie eine gute Kritik bekamen. Doch sie hütete sich, solche Vermutungen laut auszusprechen.
Sie lächelte Peter unbefangen an. „Hast du hier gut die Stellung gehalten, Kollege?“, fragte sie mit unüberhörbarer Ironie.
„Es wird Zeit, dass du wieder da bist. Die Arbeit häuft sich. Allein komme ich bald nicht mehr durch“, brummte Prentiss.
„Du wirst es aber müssen“, gab Jill zurück. „Übermorgen fliege ich nach Miami.“ Sie konnte sich diesen Triumph nicht verkneifen.
Sie wusste, dass sich Peter nach dieser Aufgabe gedrängt hatte. Dass Don sie für den Job ausgesucht hatte, erfüllte sie mit einer gewissen Genugtuung. Sie war beileibe nicht bösartig, aber Peter gönnte sie diese Schlappe, denn er war ein Angeber und Aufschneider.
Die erwartete Reaktion kam auch prompt. Peter Prentiss sprang wutentbrannt von seinem Stuhl auf.
„Was? Du fliegst nach Miami? Du?“, schrie er aufgebracht. „Sherman hat mir den Job versprochen! Aber es wundert mich nicht. Du hast ihm sicher wieder schöne Augen gemacht, und schon fällt er auf dich herein. Mich übergeht er. Er versucht, mich rauszuekeln!“
„Du hast eben nicht so schöne Augen wie ich“, konterte Jill trocken und steigerte Peters Wut nur noch mehr.
„Ich werde ihm zeigen, dass er so nicht mit mir umspringen kann.“ In rasendem Zorn verließ Prentiss das Büro und knallte die Tür heftig hinter sich zu.
Jill lächelte und machte sich daran, ihre Notizen zu ordnen, die sie über die einzelnen Hotels gesammelt hatte. Sie war jedoch nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.
Wie konnte sie nur herausbekommen, wem diese GP-Kette gehörte?
Sie begann zu googeln, doch das brachte sie nicht weiter. Nur gut, dass Peter diese Schlappe nicht mitbekam. Sicherlich wäre er in höhnisches Gelächter ausgebrochen.
Peter! Jill kam plötzlich ein Gedanke. Prentiss kannte viele Leute. Vielleicht wusste er, wer hinter der ganzen Sache steckte.
„So, dem hab ich’s gegeben!“ Händereibend betrat Prentiss einige Minuten später den Raum.
„Fliegst du nun nach Miami?“, wollte Jill wissen.
„Nein, ich habe großzügig darauf verzichtet, nachdem Don mir klargemacht hat, dass du nur eine Chance bekommen sollst.“ Bevor er sich wieder an seinem Schreibtisch niederließ, rückte er seine geschmacklose Drei-Dollar-Krawatte zurecht.
Auf Jill machte er irgendwie immer den Eindruck eines kleinen Ganoven. Mit seinen stets zurückgegelten pechschwarzen Haaren und dem kleinen Schnurrbärtchen sah er eher aus wie der Vasall eines Gangsterbosses und nicht wie ein Journalist der größten Hotel- und Gaststättengewerbe-Fachzeitschrift des Landes. Das billige Rasierwasser, das er benutzte, verbreitete einen üblen Geruch.
Jill war froh, nicht jeden Tag mit ihm zusammenarbeiten zu müssen. Doch nun brauchte sie seine Hilfe, und sie musste es geschickt anfangen, sodass er keinen Verdacht schöpfte.
„Bist du eigentlich schon mal in diesem neuen Restaurant von Gourmet’s Paradise gewesen?“, fragte sie und schaute ihn mit gespielter Gleichgültigkeit an.
„Ja, gestern erst. Das Essen ist nicht mal schlecht. Aber du bist natürlich nur die Menüs der feinsten Hotels gewöhnt. Für dich ist das sicher nichts. Oder bist du schon mal dort gewesen?“
„Nein“, antwortete Jill wahrheitsgemäß, denn die New Yorker Filialen hatte sie in der Tat noch nicht getestet.
„Wem gehören diese Läden eigentlich? Einem unserer Stammkunden?“, tastete sie sich vorsichtig vor.
„Die Idee stammt wohl von William Fletcher. Doch mit diesem Projekt hat er sich irgendwie übernommen. Nachdem er zwanzig Restaurants eingerichtet hatte, die über das ganze Land verteilt sind, warf er das Handtuch. Nun soll sie irgendein Industrieller übernommen haben. Doch wer es ist, weiß niemand. Er will wohl mit dieser Restaurantkette nicht in Zusammenhang gebracht werden. Möglicherweise hat er sich aus steuerlichen Gründen hineingehängt.“
„Komisch, dass Fletcher noch nicht geplaudert hat“, überlegte Jill laut.
„Du kannst es ja mal bei ihm versuchen. Vielleicht fällt er auf deinen Charme herein und erzählt es dir“, bemerkte Prentiss spitz.
„Vielleicht werde ich das tun. Allerdings erst, wenn ich aus Miami zurück bin.“ Jill merkte, wie Peter bei dem Wort Miami zusammenzuckte. Offensichtlich hatte er sich immer noch nicht damit abgefunden, dass sie nach Florida fliegen durfte.
Jill erhob sich. „Ich will noch ins Archiv!“
Sie musste einfach hier heraus! Bevor sie sich an die Artikel machte, wollte sie ein freundliches Gesicht sehen.
Sie dachte dabei an Maggie und lenkte deshalb ihre Schritte auch nicht ins Archiv, sondern in die entgegengesetzte Richtung. Wenig später klopfte sie an die Tür, hinter der ihre Kollegin Maggie Stone saß, mit der sie auch privat befreundet war.
Maggie begrüßte sie herzlich.
„Schön, dass du wieder hier bist“, sagte sie und umarmte die Freundin. „Seit wann bist du zurück?“
„Ich bin mit dem Nachtzug gekommen. Ich war so müde und bin gleich ins Bett gefallen. Entschuldige, dass ich mich noch nicht bei dir gemeldet habe“, bat Jill. „Zuerst war ich bei Don, um ihm Bericht zu erstatten. Seit ungefähr einer Stunde sitze ich in meinem Büro. Jetzt muss ich mal raus.“
„Hat Peter dir wieder zugesetzt?“, fragte Maggie besorgt.
„Du kennst ihn ja.“ Jill seufzte und ließ sich auf einen Stuhl neben Maggies Schreibtisch fallen.
„Komm, wir trinken einen Cappuccino, und dabei erzählst du mir alles“, schlug Maggie vor.
Es war gut, mit einem Menschen, wie Maggie es war, zu reden. Wie im Flug verging die Zeit.
Jill erschrak. „Ich muss noch meine Artikel schreiben. Übermorgen fliege ich nach Miami, und die neue Ausgabe erscheint am Donnerstag.“ Sie verabschiedete sich von Maggie mit einem Kuss auf die Wange.
Als Jill in ihr Büro kam, war Peters Schreibtisch leer. Er war also bereits gegangen. Sie atmete auf. So konnte sie wenigstens ungestört schreiben.
♥♥♥
Es war ein herrlicher Flug gewesen, und als Floridas Küste unter ihr auftauchte, stieß Jill einen leisen Schrei der Verzückung aus. Es war wie ein Traum.
Sanft landete das Flugzeug wenig später. Jill konnte kaum erwarten, aus der Maschine zu kommen. Endlich ging ein langgehegter Wunsch für sie in Erfüllung.
Es war Frühling. Während in New York gerade die ersten Knospen sichtbar wurden, stand hier bereits alles in voller Blüte. Die Sonne schien herrlich warm.
Jill legte ihren leichten Trench über den Arm. Das blaue Seidenkleid, das in der Farbe zu ihren Augen passte, war für diese Temperaturen genau richtig.
Der weite Rock umspielte bei jedem Schritt ihre schlanken Beine. Im Flughafengebäude drehten sich die Männer bewundernd nach der blonden Schönheit um. Jill wäre keine Frau gewesen, hätte sie diese Blicke nicht in vollen Zügen genossen.
In ihrer Hochstimmung hätte sie beinahe versäumt, sich umzuziehen. So, wie sie war, konnte sie im Hotel nicht erscheinen! Am Gepäckrollband wartete sie auf ihren Koffer und suchte dann den Waschraum des Flughafens auf.
Jill hatte Glück. Sie war allein in dem Raum und konnte sich in aller Ruhe zurechtmachen.
Selbst Don würde mich nicht wiedererkennen, dachte sie amüsiert, als sie zufrieden ihr Spiegelbild betrachtete. Aus der hübschen, siebenundzwanzigjährigen Blondine war in kurzer Zeit eine gepflegte, ältere Dame mit grauen Haaren, einer Goldrandbrille und streng geschnittenem Kleid geworden. Ihre hochhackigen Pumps hatte Jill mit bequemeren Blockabsatzschuhen vertauscht.
In dieser Verkleidung verließ sie den Waschraum. Nun folgten ihr allerdings keine bewundernden Männerblicke. Mit jedem Schritt bewegte Jill sich in ihrer Maskerade sicherer. Sie empfand es ganz und gar nicht als unangenehm, sich zeitweise eine andere Identität zuzulegen, um sich dahinter zu verstecken.
Was doch so ein „Altersunterschied“ ausmachen konnte! Jeder war hilfsbereit. Einige fühlten sich verpflichtet, der älteren Dame zu helfen. Ein junger Mann eilte herbei und bot ihr an, den schweren Koffer zum Ausgang zu tragen. Er rief ein Taxi herbei und half ihr fürsorglich beim Einsteigen.
Auch der Taxifahrer bemühte sich sehr um sie. Er half beim Aussteigen und trug den Koffer in die Hotelhalle. Jill entlohnte ihn mit einem großzügigen Trinkgeld.
Ein Hotelpage kam gelaufen, und Jill bemühte sich um einen herrischen Ton, als sie den Schlüssel für das bestellte Zimmer verlangte.
Der Empfangschef dienerte ein paar Mal und reichte ihr den Schlüssel.
„Sie haben Zimmer dreihundertsechsundzwanzig, gnädige Frau“, flötete er und wies den Pagen an, die Dame in ihr Zimmer zu geleiten. Am Lift drängten sich die Gäste, und Jill wurde ein wenig unsanft mitgezogen.
„Bitte geben Sie doch Acht auf die Dame“, hörte sie eine dunkle, wohlklingende Stimme. Als sie aufblickte, schaute sie geradewegs in ein Paar faszinierende braune Augen, die sie freundlich ansahen.
Jill war wie elektrisiert. Der Blick des Mannes traf sie bis ins Herz. Nicht nur, dass er unverschämt gut aussah. Er hatte etwas ganz Besonderes, das sie nicht zu erklären vermocht hätte. Zum ersten Mal verwünschte sie ihre Maskerade.
