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In nicht ganz geordneten Verhältnissen
Ihr Leben ist ein Chaos - doch nie zuvor war sie glücklicher
Von Paola Abendroth
Nicola Walden hat es wirklich nicht leicht, ihren Beruf als Frauenärztin, ihren Haushalt und ihre Zwillinge unter einen Hut zu bringen. Vor allem seit der Scheidung von Robert geht es in dem weißen Einfamilienhaus oft drunter und drüber. Trotzdem hat Nicola sich geschworen: Lieber chaotisch und fröhlich als in »geordneten Verhältnissen« und zutiefst unglücklich. Und ihre beiden Jungs pflichten ihr bei: Zwei »Männer« im Haus reichen völlig aus, um die Mama zu beschützen.
Doch dann muss Nicola mit Jens zum Zahnarzt - und als Dr. dent. Stefan Mensing den Bohrer startet, treffen sich für einen Moment die Blicke der Erwachsenen - und »es« passiert!
Doch wie soll Nicola das ihren Kindern klarmachen? Erstens dulden sie keinen neuen Mann an ihrer Seite - und einen Zahnarzt, der mit Bohrern kleine Kinder quält, erst recht nicht!
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Seitenzahl: 107
Veröffentlichungsjahr: 2019
Cover
Impressum
In nicht ganz geordneten Verhältnissen
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: PeopleImages / iStockphoto
eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar
ISBN 9-783-7325-8290-7
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
In nicht ganz geordneten Verhältnissen
Ihr Leben ist ein Chaos – doch nie zuvor war sie glücklicher
Von Paola Abendroth
Nicola Walden hat es wirklich nicht leicht, ihren Beruf als Frauenärztin, ihren Haushalt und ihre Zwillinge unter einen Hut zu bringen. Vor allem seit der Scheidung von Jürgen geht es in dem weißen Einfamilienhaus oft drunter und drüber. Trotzdem hat Nicola sich geschworen: Lieber chaotisch und fröhlich als in »geordneten Verhältnissen« und zutiefst unglücklich. Und ihre beiden Jungs pflichten ihr bei: Zwei »Männer« im Haus reichen völlig aus, um die Mama zu beschützen.
Doch dann muss Nicola mit Jens zum Zahnarzt – und als Dr. dent. Stefan Mensing den Bohrer startet, treffen sich für einen Moment die Blicke der Erwachsenen – und »es« passiert!
Doch wie soll Nicola das ihren Kindern klarmachen? Erstens dulden sie keinen neuen Mann an ihrer Seite – und einen Zahnarzt, der mit Bohrern kleine Kinder quält, erst recht nicht!
„Mama spinnt!“, schimpfte Jens und tippte sich unmissverständlich mit dem rechten Zeigefinger an die Stirn.
„Lass Sie das nur nicht hören – und überhaupt, das sagt man nicht von seiner Mama“, belehrte ihn sein Zwillingsbruder Robin entrüstet.
„Ach, halt den Mund!“ Jens trat mit voller Wucht gegen den Fußball, der mitten im Kinderzimmer lag.
Peng! Klirr …
„Jetzt hast du die Fensterscheibe kaputtgeschossen“, jammerte Robin.
„Na und? Habe ich doch nicht extra gemacht. Eigentlich sollte der Ball direkt in der Spielzeugkiste landen. Was kann ich dafür, dass er da nicht hineingeflogen ist? Nicht einmal die Profis in der Bundesliga treffen in der Sportschau jedes Mal das Loch in der Torwand. Oder hast du das schon einmal gesehen?“
„Ich weiß es nicht so genau. Aber du hast extra auf das Fenster gezielt.“
„Nö, das stimmt nicht!“, brüllte Jens.
„Doch, du lügst! Ich hab es ganz genau gesehen.“ Robin zeigte in diesem Augenblick wirklich Mut, seinem Bruder zu widersprechen. Doch kaum hatte er den Satz beendet, da stürzte sich Jens auch schon mit wildem Geschrei auf ihn.
„Au, da tust mir weh!“
„Wollt ihr wohl aufhören, euch zu streiten!“ Nicola Walden, die sogar in ihrem Arbeitszimmer am Ende des Korridors den Lärm gehört hatte, kam herbeigeeilt und trennte die beiden Kontrahenten mit festem Griff. „Jens, Robin, kann mir einer von euch erzählen, was hier eigentlich vorgeht?“
Sie sah ihre Söhne nacheinander an, doch die senkten die Köpfe, ein untrügliches Zeichen, dass wenigstens einer von ihnen etwas ausgefressen hatte.
„Ich warte noch immer auf eine Antwort“, sagte sie jetzt mit Nachdruck.
„Wirklich, es ist alles in Ordnung, Mama!“, beteuerten die Zwillinge. Dieses Mal waren sie sich verdächtig einig.
Aber das Loch in der Fensterscheibe war nicht zu übersehen. Man konnte keine Hand davor halten oder es sonst wie tarnen. Der Wind pfiff ungeniert hindurch, und zu allem Überfluss zogen am Himmel dunkle Gewitterwolken auf. Es würde bestimmt gleich anfangen zu regnen.
All das ging Jens im Kopf herum – ohne Reue natürlich, aber sein kleines sommersprossiges Gesicht sah kreidebleich aus.
„Jens hat gesagt, du hast einen Freund. Wir wollen aber keinen neuen Vater“, meldete sich nun Robin mit hochrotem Kopf zu Wort.
„Und schon überhaupt nicht den Onkel Baldwin. Außerdem ist der viel zu alt für uns!“
So, nun war es heraus. Jens fühlte sich richtig erleichtert.
„Wie kommt ihr nur auf diesen Unsinn? Onkel Baldwin ist ein lieber Freund aus meiner Jugendzeit. Wir führen eine gemeinsame Praxis, aber heiraten will ich ihn ganz bestimmt nicht“, versicherte die Mutter jetzt energisch und konnte ein Lachen kaum unterdrücken.
„Ehrenwort?“, fragte Jens seine Mutter noch immer skeptisch.
„Großes Ehrenwort!“, bekräftigte Nicola und nahm den einen Bruder in den rechten und den anderen in den linken Arm. Dann erst sah sie das Loch in der Fensterscheibe und die Scherben, die überall auf dem Boden herumlagen.
„Lügen finde ich ausgesprochen feige“, bemerkte sie leise und fügte seufzend hinzu: „So, in einer halben Stunde gibt es Abendbrot und bis dahin habt ihr zwei die Jalousie heruntergelassen, die Scherben vorsichtig aufgekehrt und euch gewaschen, sonst gibt es ein Donnerwetter. Habt ihr mich verstanden?“
„Klar, Mama!“
„In Ordnung, Mama!“, versprachen ihre Söhne.
Es folgten schnelle, dankbare Küsschen, dann waren Nicolas Arme wieder frei. Blitzschnell machten sich Jens und Robin nämlich nun an die Arbeit. Sie waren heilfroh, noch einmal so glimpflich davon gekommen zu sein.
♥♥♥
Nicola Walden ging indessen nachdenklich in die Küche. Frau Heuel, ihre langjährige Haushälterin, hatte am Morgen einen Auberginenauflauf für den Abend vorbereitet. Diesen schob sie jetzt in den Backofen. Danach deckte sie liebevoll den ovalen Tisch im Esszimmer und stellte Kerzen und Blumen darauf.
Während sie Milch in die Gläser der Jungs und für sich ein Glas Wein eingoss, gingen ihr so allerhand Gedanken im Kopf herum. Soeben hatte sie einen kleinen Vorgeschmack davon bekommen, wie es sein würde, wenn sie sich ernstlich in einen neuen Mann verliebte. Es könnte dann zu einer Zwergenrevolte im Hause Walden kommen.
Sie musste lächeln. Nur gut, dass dies noch kein ernstliches Problem darstellte. Von Männern hatte sie nämlich vorläufig die Nase noch gestrichen voll!
Die Scheidung von Jürgen lag erst drei Jahre zurück, und die Trennung war alles andere als freundschaftlich verlaufen. Nicht nur, dass er die Hälfte ihres Vermögens verlangt und bekommen hatte, nein, er wollte damals sogar einen der Zwillinge mit in sein unruhiges Junggesellenleben nehmen, das er auch während ihrer Ehe nie abzulegen bereit gewesen war.
Doch wenn es um ihre Söhne ging, dann konnte Nicola kämpfen wie eine Löwin.
Am Ende war es ihr schließlich gelungen, den Richter davon zu überzeugen, dass man Zwillinge nicht trennen durfte. Außerdem traute man einer Ärztin mit einer fast Halbtagsbeschäftigung wohl doch eher zu, Kinder zu erziehen, als einem Sportreporter mit einem unsteten, bewegten Leben, in das auch wechselnde Freundinnen gehörten.
„Befehle ausgeführt. Alles okay!“, meldete sich Jens jetzt lautstark zu Wort.
Robin zeigte seiner Mutter sogar stolz die gewaschenen und gebürsteten Hände vor.
„Prima, dann setzen wir uns jetzt alle an den Tisch und fassen uns an die Hände. So, und was wünschen wir uns jetzt?“
„Einen guten Appetit!“, brüllten Robin und Jens aus Leibeskräften und überschrien mit Leichtigkeit die Stimme ihrer Mutter.
Doch noch ehe die kleine Familie ein paar Bissen zu sich genommen hatte, läutete das Telefon im Wohnzimmer. Jens sauste sofort los und hinterließ dabei einen umgestürzten Stuhl.
„Hier bei Walden!“, rief er in die Sprechmuschel.
„Papa, au fein, du bist es! Wann kommst du uns morgen abholen? Wir haben deine Reportage am Sonntag im Radio gehört. Du bist der Größte, einfach echt spitze!“
„Gib mir auch mal den Hörer“, unterbrach Jens seinen Bruder ungeduldig und schubste ihn zur Seite. Der ließ sich das natürlich nicht gefallen, und beinahe hätte es die nächste Rangelei gegeben, wenn Nicola nicht im letzten Moment das Schlimmste verhindert hätte.
„Zankt euch doch nicht schon wieder!“, ermahnte sie die Zwillinge.
„Er will dich sprechen.“ Jens hielt seiner Mama mürrisch den Hörer entgegen.
Nicola übernahm das Gespräch und hörte sich die blumenreichen Ausreden ihres Exmannes eine Weile lang stumm an, ehe sie aufbegehrte.
„Nein, Jürgen, das musst du deinen Söhnen schon selbst klarmachen. Sie freuen sich nämlich schon sehr auf das Wochenende mit ihrem Vater. Wenn dir jetzt eine andere Verabredung wichtiger ist, dann habe gefälligst den Mut und teile es ihnen selbst mit.“
„Och nö!“, meldeten sich die Zwillinge enttäuscht zu Wort. Danach war nur noch Jens bereit, mit dem Vater zu sprechen.
„Gut, Papa, natürlich, Papa. Und du meldest dich ganz bestimmt bald wieder, ja? Aber lass uns nicht wieder so lange warten wie das letzte Mal! – Ach, wie es so in der Schule geht? Nicht so toll, glaube ich, aber das liegt nicht an mir. Die Lehrerin mag mich einfach nicht leiden. Ja, Papa, ich grüße Robin und die Mama von dir. Tschüss dann, tschüüüs!“
Trotz seiner altklugen Sprüche glänzten nach dem Gespräch mit seinem Vater Tränen in Jens’ vorwitzigen braunen Augen. An den Tisch zurückgekehrt, schob er seinen Teller weit von sich. Auch Robin schien der Appetit vergangen zu sein. Er stocherte nur noch unlustig in seinem Gemüse herum.
„Was sollen wir denn jetzt am Sonntag machen?“, fragte er kleinlaut.
„Wir gehen in den Zoo“, schlug Nicola vor.
„Ne, nicht schon wieder! Papa hatte versprochen, uns mit zu einem Bundesligaspiel zu nehmen.“ Jens sah angewidert auf seine Milch und beschloss, sie nicht auszutrinken.
„Damit kann ich natürlich nicht konkurrieren. Aber wie wäre es mit einem Besuch im Erlebnisbad?“ Nicola sah neugierig in die Runde.
„Au fein! Gehst du auch mit uns auf die Rutsche, Mami?“, wollte Robin wissen, sprang auf und umarmte sie stürmisch.
„Natürlich!“ Nicola war an diesem Abend fast zu jedem Zugeständnis bereit.
Hauptsache, die Zwillinge vergaßen die soeben erlebte Enttäuschung möglichst schnell wieder.
♥♥♥
Draußen fing es inzwischen an zu donnern und zu blitzen.
„Mami, Mami, ich hab Angst wegen des Lochs in der Scheibe. Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?“ Robin sah sie bittend an. Seine Nickelbrille hatte sich bei der brüderlichen Rauferei ein wenig verbogen. Nicola nahm sie ihm ab und versuchte, den Schaden an den Bügeln selbst zu beheben.
„Gut, mein Schatz, ausnahmsweise“, erlaubte sie zögernd. Dann sah sie zu Jens hinüber. „Und wie steht es mit dir, mein Sohn? Möchtest du auch mit uns im großen Doppelbett schlafen? Ausnahmsweise versteht sich!“ Jens saß auf dem Fußboden und blätterte aufmerksam im Sportteil der Tageszeitung.
„Nee“, bequemte er sich endlich zu antworten. „Ich habe doch keine Angst vor einem Gewitter, und das Loch in der Scheibe stört mich auch nicht.“ Sein sommersprossiges Gesicht sah richtig aufmüpfig aus, als er jetzt prahlerisch eine abwehrende Geste mit den Händen ausführte.
„Na schön, da bin ich aber beruhigt.“ Nicola begann lächelnd den Esstisch abzuräumen.
„Angsthase! Angsthase! Dabei bist du doch zehn Minuten älter als ich und sogar ein paar Zentimeter größer!“, versuchte Jens jetzt erneut seinen Zwillingsbruder zu reizen. Die kleine blaue Ader an seiner rechten Schläfe schwoll dabei dick an.
„Pah, ich bin aber in der Schule viel fleißiger und in fast allen Fächern besser als du, außer im Sport“, konterte Robin daraufhin prompt.
„Weil du ein ekliger Streber bist und sowieso Lehrer werden willst. Ich werde Sportreporter wie Papa, dafür brauche ich keine Eins in Mathematik“, triumphierte Jens.
„Jetzt gebt aber endlich Ruhe! Für heute reicht es mir nun wirklich“, versuchte Nicola einen erneuten Streit zu beenden. Für eine Weile sah es wirklich so aus, als würde für den Rest des Abends Frieden einkehren.
Draußen hatten sich die Naturgewalten einigermaßen beruhigt, da musste es ja nicht unbedingt drinnen zu neuen Turbulenzen kommen, dachte die stressgeplagte Mutter.
Sie öffnete die Terrassentür und ließ frische Luft herein. Es war kühl geworden, richtig herbstlich. Im Garten blühten zwar die Dahlien noch in verschwenderischer Fülle, aber die Sonnenblumen verloren bereits ihre Blätter, und auch die alte Trauerweide hinten im Garten hatte in den letzten Tagen schon viele kahle Äste bekommen.
War es denn erst vier Wochen her, dass sie sich mit ihren Söhnen in den Fluten des Mittelmeers vergnügt hatte? Nun waren die Ferien längst vorbei. Die Tage begannen langsam kürzer zu werden und die Abende dunkler und länger. Das Familienleben würde sich jetzt wieder verstärkt im Haus abspielen. Das würde wohl noch so manches Problem mit sich bringen, denn der guten, alten Frau Heuel tanzten die Jungs manchmal ganz schön auf dem Kopf herum.
Nachdenklich ging Nicola ins Kinderzimmer hinüber und klebte mit mehreren Tesastreifen ein dickes Stück Pappe vor das Loch in der Fensterscheibe. Vor Montag würde sie wohl keinen Handwerker finden, der das zerbrochene Fensterglas ersetzte! Auf dem Teppich lag noch eine Scherbe, die die Buben beim Zusammenfegen vergessen hatten. Sie hob sie auf und warf sie in den Mülleimer.
„Mama, ich hab Zahnschmerzen. Guck mal, ich glaube meine linke Backe ist schon ganz dick geworden“, meldete sich Jens plötzlich mit weinerlicher Stimme und zerknüllte das Zeitungsblatt, in dem er noch soeben gelesen hatte.
„Zeig mal her, mein Schatz. Tatsächlich! Da wird es wohl das Beste sein, ich versuche schnell noch Dr. Hagenbach zu erreichen.“
Nicola holte das Telefonbuch, um die Rufnummer des Zahnarztes herauszusuchen, den die Familienmitglieder für gewöhnlich konsultierten. Doch dieser meldete sich auch auf ihre wiederholten Anrufe nicht. Schließlich war es an diesem Freitagabend inzwischen schon sieben Uhr geworden.
„Was sollen wir denn jetzt machen?“, jammerte Jens. Über sein blasses Gesicht kullerten die ersten Tränen.
„Keine Sorge, ich versuche mal Kontakt mit dem zuständigen Notarzt aufzunehmen“, versprach seine Mutter und betätigte erneut die Tasten des Telefons. Endlich – am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Dr. Mensing.
