Simah - J. Mare - E-Book

Simah E-Book

J. Mare

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Beschreibung

An ihrem 40ten Geburtstag blickt die überaus attraktive Lea in ihrem handgeschriebenen Tagebuch auf Jahrzehnte zurück, welche von seelischen Verwirrungen geradezu geprägt waren - die Abgeschiedenheit auf ihrer geliebten Halbinsel am Meer, wo sie seit dem frühen Tod der Mutter allein mit ihrem Vater ein tristes Dasein führt; ihre erste noch immer gegenwärtige Liebe, zu ihrem zehn Jahre jüngeren Cousin; dazwischen eine Jugendliebe mit fatalem Ausgang; seit 20 Jahren ist sie die Gute Seele in einem Laientheater; erotische Exzesse fernab…und immer wieder die unsterbliche Liebe zu ihrem Cousin… Aber sie schaut gleichsam voraus, denn über allem schwebt auch jetzt noch ihr höchster Wunsch, nämlich einmal ihr eigenes Kind im Arm halten zu können. Wofür jedoch ihre unsterbliche Liebe aus moralischen Gründen nicht in Frage kommen darf. Doch wie lange dauert es noch, bis sie sich auch dieser normierten Moral entzieht? Da kommt ihr ihre einzige Freundin mit einem verlockenden Vorschlag, welcher Zweifel und Wehmut in kürzester Zeit den Kehraus bereitet: Moral hin, Moral her, sucht sie in verdeckter Weise nach der perfekten Beziehung auf Zeit. Präzise stellt die im Beruf vor Korrektheit strotzende Leiterin einer Kindertagesstätte vorab nicht nur ihre erotische Freizügigkeit auf die alles entscheidende Probe. Auch ihre unsterblich anmutende Liebe unterzieht sie einer Richtung weisenden Prozedur… Ihrem Ziel so nahe wie nie zuvor, droht sie unter anderem am unverhofften Tiefgang ihrer Gefühle zu scheitern, bis eine einschneidende Begegnung sie bekehrt: Simah…

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Seitenzahl: 436

Veröffentlichungsjahr: 2016

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1. Auflage November 2016

Copyright © 2016 by Ebozon Verlag

ein Unternehmen der CONDURIS UG (haftungsbeschränkt)

www. ebozon-verlag. com

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: media designer 24

Coverfoto: pixabay.com

Layout/Satz/Konvertierung: Ebozon Verlag

ISBN 978-3-95963-308-6 (PDF)

ISBN 978-3-95963-307-9 (ePUB)

ISBN 978-3-95963-309-3 (Mobipocket)

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors/Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Veröffentlichung, Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

J. Mare

Simah

Erzählung

Ebozon Verlag

„Das Größte, was wir uns wechselseitig geben können, ist die Einsicht in das, was wir uns niemals werden geben können.“

(Hans Kudszus)

Gutschein & Gitarrenklänge ~~~ Blümchensex & Leidenschaft

Dienstag, 2. April, 18.47 Uhr

1. April damals, vormittags, 10.10 Uhr, Lea Nielsen ist da, ein lebhaftes Widder Baby, Aszendent noch immer unbekannt!

1. April jetzt, Lea Nielsen heißt noch immer Lea Nielsen und daran wird sich auch nie etwas ändern!!!

Du weißt ja, lebhaft bin ich geblieben, jedenfalls tu ich meistens so. Jetzt gibt es mich seit 40 Jahren, einem Tag und acht Stunden und ich bin irgendwie noch immer dort, wo ich damals angekommen bin. Aber ich sag’s dir auch noch mit 40:

Feste Beziehung oder sogar Hochzeit? NIEMALS!!!

Ein Baby? JAAA…UNBEDINGT!!!

Ich geb mir noch zwei oder drei Jahre, es auf natürliche Weise hinzukriegen. Ich hab dir ja gesagt: Mit 40 start ich noch Mal durch! Und ich bin heiß, verdammt heiß!!! Und die Zeiten, wo ich mich unattraktiv fand, sind endgültig vorbei. Das einzige was ich nicht ganz abstellen kann, ist mein komischer Gang, du weißt ja, lange Beine und kurze Schritte, leider. Aber ich weiß auch, wie viele mich um meine Traumfigur (heute morgen 65,1 bei 1,80!!!) und um meinen makellosen Teint beneiden und mein Naturblond erst Mal, wow, ich gehöre ja zu den wenigen Auserwählten mit astreinem Naturblond! Ohne ein graues Haar bisher, das hab ich von Mutti, wie vieles andere auch, grins! Und Swantje sagt mir andauernd, wie toll sie meine kleinen straffen Titten findet, und bisher sind noch alle Typen darauf abgefahren! Aber gut jetzt, sonst glaubst du noch, mit 40 fang ich an, mich selbst zu besteigen, grins!!! Gedankensprung:

Auch wenn ich nicht auf Familienfeiern stehe, ganz allein mit Papa und Cousin, das war schon frustrierend, etwas jedenfalls. Ausgenommen die Präsente, da kann ich mich echt nicht beschweren diesmal! Von Papa 1000 Euro, in nem vergilbten Briefumschlag, alles in 50 Euroscheinen. Und von Elmar nen Strauß gelbe Rosen (wow!!!) und ne Einladung in ein Musical meiner Wahl, egal in welcher Stadt, mit ihm als Begleiter und Verwöhner, wo er sein großes, fast 10 Jahre älteres und mindestens 20 Jahre reiferes Cousinchen hinterher wieder Mal flach legen kann, weil er mich so gut kennt, wie mich kein anderer Typ kennt, der süße Schlawiner!!! Außerdem gab es von ihm spät abends noch ein Stündchen feinsten Blümchensex für meinen wieder Mal vernachlässigten Hormonhaushalt. Elmar war ja in den letzten drei Jahren der einzige „Erlöser“ in dieser Hinsicht, was er zum Glück nicht weiß! Ich sag dir, ich hatte schon manchmal Angst, ich könnte durch seine Verwöhnkünste „faul“ werden, denn nie im Leben käme ER als der Vater meines Kindes in Frage!!! Auch wenn er nicht mein echter Cousin ist (noch mal für die Nachwelt, auch wenn es euch nichts angeht: Elmar ist von Onkel und Tante adoptiert!!!), es gibt Grenzen! So lange er sich nicht völlig hoffnungslos in mich verliebt, lasse ich es aber laufen…wäre ja schön blöd, wenn nicht!

Trotzdem hab ich von Blümchensex langsam genug. Mit Elmar würde ich etwas anderes aber auch gar nicht zulassen. Jedenfalls kann ich es mir momentan nicht vorstellen, mich IHM als die hemmungslose tabulose Lea zu outen, die ich endlich Mal wieder sein will. Er ist eben mein lieber kleiner treuer Blümchenlover, der mir blümchenhafte Seelenorgasmen schenkt, nach denen ich richtig süchtig geworden bin, was aber trotzdem mit meinen geheimen Wünschen nichts zu tun hat!!! Trotzdem wäre ich bescheuert, ihn darum zu bitten. Er kommt ja von ganz allein, siehe Gutschein, grins…

Noch Mal zum Geburtstag: Ohne Onkel und Tante, das block ich ja leicht ab, aber Swantje hätte ruhig kommen können. Auch mit ihren Zwillingen. Sie kriegt das schon noch zu hören von mir, aber nicht zu doll, ich bin so froh, sie als „einzige“ Freundin zu haben, ich liebe sie so sehr, sie ist die Einzige, die wirklich weiß, wie die eigenartige Lea Nielsen tickt!

Bis bald, hab Paps versprochen, mit ihm ein Nachgeburtstagsgläschen zu trinken.

In der Kita nichts Besonderes heute, nur Iris ist schon wieder krank, aber das kennst du ja schon.

Bye

2. April

Resümee 45 Geburtstag:

fühle mich plötzlich wieder wie 35. Grund: Janina! Frage: bin ich das wirklich?

Noah, Julie und Clemens trudeln am Samstagmittag zur Nachfeier ein. Sie sollen alle hier schlafen. Wie wird Julie reagieren? Wie werde ich innerlich reagieren?

Bin emotional sehr aufgewühlt ob Janinas Leidenschaft und Frauenpower. Wohin geht die Reise mit ihr? Sensibel ausgewählte Geschenke, die von Herzen kommen. Meine Hotels und meine Villa interessieren sie kaum, sie ist nur bemüht, mir in jeder Minute nahe zu sein. Sie fragt viel und dankt mir jede Auskunft mit Zärtlichkeit. Eine perfektere Zuhörerin als sie gibt es nicht.

Tour mit ihr die Küste entlang; Strandspaziergang; Sekt aus Dosen; Fotoalben; Kerzenschein; ihr Spiel auf der Gitarre; ihre Leichtigkeit und Eleganz trotz smarter Fülle; ihre unvergleichlich ergiebige Art körperlich und seelischer Hingabe. Ich mag sie sehr, ich bin verliebt, doch liebe ich sie?

Ich freu mich sehr auf Samstag, ganz besonders auf Julie.

Hoch im Norden fügte man sich nur widerwillig dem eisigsten Frühjahr seit Jahrzehnten. Der Boden war noch immer tief gefroren wie schneebedeckt und der schneidende Ostwind wehte unnachgiebig von der nahen See über das flache Land, als Lea Nielsen und Simon Hans unwissend voneinander am 1. April ihren 40ten und 45ten Geburtstag begingen. Beide konnten sich nicht daran erinnern, je an ihrem Geburtstag so gefröstelt zu haben, geschweige denn, dem solch leidenschaftliches Vorglühen in ihren so unterschiedlichen Tagebüchern entgegen setzen zu können…

Lea Nielsen und Simon Hans. Was verband die beiden bis hierher? Nichts! Außer dem Faktum, am selben Tage, fünf Jahre und etwa 100 Kilometer voneinander entfernt das Licht der Welt erblickt zu haben. Klar könnte man noch einige unwirkliche Begegnungen in der Theatergruppe hinzufügen, in der sich Lea seit 20 Jahren unter anderem um die Kostüme der emsigen Darsteller, zu denen seit einiger Zeit auch eine gewisse Swantje gehört, kümmerte. Aber im Gegensatz zu Swantje hatte Lea bislang kaum Notiz von dem unauffällig charmanten Gelegenheitsgast genommen. Der nämlich schien in einer besonderen Beziehung zu Anna Resy zu stehen, der profilierten, in jeder Hinsicht, in jeder Sichtweise alternativ gesinnten Regisseurin der Laientheatergruppe. Doch wie gesagt, bei Lea ging dieser Mann bislang lediglich als gefällige Randerscheinung durch. Erstens widersprach es ihrer Wesensart, auf Menschen, die sie kaum kannte, ohne zwingenden Anlass ungeniert zuzugehen. Zweitens, wie hätte sie ahnen können, welch brisante Rolle dieser überaus sympathische, attraktive Mann noch in ihrem Leben spielen sollte?!

Freitag, 5. April, 18.30 Uhr

Was denkst du, ich bin fix und fertig, FIX UND FERTIG!!! Die saublöde Lea hat die Pille vergessen, Montag und Dienstag, kannst du dir das vorstellen? Nein?! Frag MICH Mal!!! Da vergesse ich sie seit Jahren nicht und dann: ausgerechnet einen Tag vor Elmar und zur Krönung auch noch einen Tag nach Elmar! Wenn ich noch nie richtig gebetet habe in meinem Leben, dann jetzt. Ich will ein Kind, jaaaaa! Aber bitte bitte bitte nicht von Elmar!!! Jetzt sag nicht, ich soll mich nicht so haben, wer weiß ob es sonst noch klappt. Klar klappt es sonst noch. Und ja, ich weiß, Elmar ist nicht blutsverwandt, aber verwandt ist er trotzdem irgendwie. Wenn ich jetzt schwanger wäre von Elmar, nein, das darf einfach nicht sein! Ja, fang du auch noch an mit Kondom und so, aber bei Elmar, spinnst du??? Das geht ja gar nicht!!! Er ist doch quasi mit mir verwachsen, schon so lange, verstehst du???!!! Ich müsste abtreiben, das erste Mal in meinem Leben. Und das, obwohl ich mir nichts sehnlicher wünsche, als endlich Mami zu sein. Ich, die ich Kinder über alles liebe, Kinder sind mein Leben, mein Beruf, meine Berufung. Und plötzlich müsste ich so ein kleines Leben am leben hindern! Aber ein Baby von meinem Fast-Cousin, das geht einfach nicht. Was die Leute denken, das wäre mir alles Schnuppe, aber Onkelchen und Tantchen, und Paps, mein Gott, der hat ja mit Mutti schon so viel durchmachen müssen! Und Elmar ist mir auch alles andere als Schnuppe, unsere Beziehung wäre hundert pro niemals mehr so frei und unbelastet wie jetzt. Und ich liebe es mit ihm so sehr, genau so wie es jetzt ist, so und bitte nicht anders. Ich könnte die Wahrheit nicht vor ihm verbergen, und ich würde das auch gar nicht wollen und dann würde ich das bekommen, was ich nicht will. Elmar ist eine Seele von Mensch. Er steht mir viel zu nahe, um mit ihm etwas zu zelebrieren, was nicht (jedenfalls jetzt noch nicht) in mein Leben passt!!! Lieber Gott, bitte lass es nicht sein!!! Ich telefoniere nachher noch mit Swantje, konnte heute nicht zur Probe gehen. Ich muss sie unbedingt morgen sehen!!!

Bitte, drück mir die Daumen, bye

Während die engagierte KiTa-Leiterin Lea Nielsen auf ihrer Halbinsel, weit außerhalb der Stadt, von einer Panikattacke in die nächste schlitterte und es nicht mehr abwarten konnte, sich ihrer einzigen Freundin anzuvertrauen…schlitterte der einfühlsame Hotelier Simon Hans in seiner von der Wucht einer uralten Eiche geschützten Villa von einem Zweifel in den nächsten…

6. April

Heut kehrt Julie nach 3 Jahren erstmals wieder in unser einst gemeinsames Zuhause zurück, wenn auch nur auf Besuch, mit unserem Sohn Noah und mit Clemens, ihrer einzig wahren Liebe, meinem einzig wahren Freund.

Ein großer Schritt nach 2 Jahren Funkstille und einem Jahr vernünftiger Annäherung.

Ich achte und liebe sie dafür. Die Frau, die ich liebte, ist mir eine warmherzige Freundin geworden, woran ich immer geglaubt habe, was mir viele auszureden versuchten.

Hoffe und wünsche mir, sie fühlt sich bereit dafür, mit Clemens und Noah unten in der Einliegerwohnung zu schlafen. Die Lindenwohnung war damals ihr ganzer Stolz, hier haben wir die schönsten Stunden miteinander erlebt, hier hat sie mich geliebt, aber eben nicht nur mich.

4 Tage sind vergangen seit Janina hier war, seit wir unsere beiden Geburtstage feuchtfröhlich aber auch höchst leidenschaftlich und zärtlich gefeiert haben. Sie ist 44 geworden, am 28.März, also nur ein paar Tage älter als Julie.

Mit ihrem alten Renault ist sie zurück nach Leipzig. Ich weiß sie noch immer nicht so recht zu beschreiben, sie passt einfach in keine Schublade. Ohne Frage verkörpert sie die pure Leidenschaft, wenn sie sich mir sexuell hingibt, aber eben nur dann, habe ich das Gefühl. Bislang kann ich es mir nicht vorstellen, dass wir für ein Leben miteinander geschaffen sind. Es genügt sicher nicht, sie als einen edlen, unendlich selbstlosen Menschen kennen und schätzen gelernt zu haben. Vor allem gehört sie nicht zu der Spezies Frau, welche genau berechnen, was sie tun.

Urlaubsflirt am Bodensee, Liebeswochenende in Potsdam, und nun hier bei mir. Ich bin entzückt, aber reicht das aus? Würde sie in dieses Haus, in mein Leben, würde sie wirklich zu mir passen? Vor allem: würde sie dies überhaupt wollen? Ich kenne sie zu wenig und das Leben besteht nicht allein aus Leidenschaft.

3 Fotos liegen vor mir. 3 Frauen schauen mich an, als bäten sie mich alle 3 darum, ich solle mich für sie entscheiden, für sie mein funktionierendes Singledasein aufgeben. Julie und Janina sehen sich sehr ähnlich, sind aber vom Wesen her Lichtjahre voneinander entfernt. Anna Resy dagegen hebt sich in scheinbarer Erhabenheit von beiden ab, nicht nur, da sie 10 Jahre älter ist. Als einzige presst sie die Lippen fest aufeinander, versucht nicht einmal, für den künftigen Betrachter ihr Mienenspiel zu verändern. Trotzdem erscheint sie mir von allen Dreien am wärmsten, am unzweifelhaftesten und was mich am heftigsten berührt: am geheimnisvollsten. Geheimnisvoll und liebenswert vertraut zugleich, ein Mixtum compositum, wie es mir unerwartet magisch zugetan ist. Anna Resy scheint mir der lebende Beweis dafür, wie intensiv mich die innere Schönheit einer Frau betören kann. Wie jedes Mal, befinde ich mich nur in der Gegenwart. Ich fühle, wie ihr Mund nicht immer sagt, was sie denkt, wie sie mich lockt, in ihr Inneres vorzudringen, wie sie mich lockt, mich bei ihr einzuladen, wie sie sich danach sehnt, dort weiter zu machen, wo wir vor Monaten aufgehört hatten. Und dies tut sie mit einer beinahe überirdischen Gelassenheit und Geduld! Dabei ist es bislang nichts anderes als Freundschaft, eine kreative Freundschaft, die uns verbindet.

Anna Resy! Ich sehe hier nur ihr etwas fülliges Gesicht, große, hellbraun und grün funkelnde Augen, flauschige Wangen und eben diese fest aufeinander gepressten, vollen Lippen. Unter dem Kinn die einzigen Beweise, dass sie die 50 leicht überschritten hat, was sie nicht im Ansatz zu verdecken sucht. Ein Gesicht, welches nur wenig von ihrem mit femininen Reizpunkten gespickten Körper widerspiegelt, den sie blutvoll einzusetzen versteht, mit jedem Millimeter innerer und äußerer Haut. Bei ihr spürte ich das Fließen echter Fusion, wenn wir uns liebten. Manchmal scheint es, als müssten wir es wiederholen, immer und immer wieder, und manchmal wieder scheint dieses Wunder ganz weit weg von uns. Ich bin entzückt von Anna Resy, sehr entzückt. Aber Liebe? Nein. Wenn doch, so hat diese den Fixpunkt in mir noch nicht erreicht.

Julie kann mir nie wieder mehr als eine Freundin sein, egal was geschieht.

Janina würde mein Leben auf den Kopf stellen, wonach ich mich nicht sehne.

Anna Resy ist die Einzige von den Dreien, wo ich nichts auszuschließen wage, wo mir jede Richtung möglich erscheint. Ihr Leben war und ist die Kunst, das Schauspiel, aber auch eine besondere Art der Spiritualität, wie auch der Philosophie und nicht zu letzt: der puren Leidenschaft! Sie lebt und liebt so verführerisch unkonventionell und zeigt doch so viel Verständnis für alles Konventionelle. Ich kenne keine Frau, die so langanhaltend zuhören kann und die dabei eher als ihr Gegenüber bemerkt, wenn dieser ihren Gesten und Worten nicht folgen kann oder mag. Sie leitet ein erfolgreiches Laientheater, dem sie auf spielerische Weise disziplinarisch ihren alternativen Stempel aufdrückt. Vor einem Jahr bei einer Ü 40 Party bin ich ihren mystischen Reizen zum ersten Mal verfallen. Verfallen jedoch, ohne ihnen zu erliegen! Vom ersten Augenblick an, wo sich unsere Blicke trafen, wussten wir, wo dieser Abend für uns beide enden wird. Obwohl weder sie für mich noch ich für sie dem Typ entsprach, welcher uns besonders attraktiv erschien. Nachdem wir uns am frühen morgen in ihrer hell erleuchteten Wohnung lediglich wie gute Freunde voneinander verabschiedeten, glaubte ich nicht wirklich an eine Wiederholung. Es fühlte sich seltsam an, so unwirklich real. Ich brauchte lange dafür, es auch nur ansatzweise einordnen zu können. Vor allem war mir eines klar, ich musste sie wieder sehen. Es war viel zu intensiv, als es in irgendeiner Weise abhaken zu können! Heute noch, ein Jahr danach, ist mir Anna Resy gleichermaßen sinnlich wie mental sehr zugetan, auch wenn man unsere sexuellen Begegnungen seitdem an einer Hand abzählen kann. 80 % Freundin und 20 % Geliebte, Tendenz Freundin eher steigend. Ohnehin lehnt sie den Begriff „Geliebte“ strikt ab. Gebundene Männer sind für sie tabu. Es gibt für sie nichts Erfüllenderes, als Körper und Seele zu teilen. Nicht aber mit einem Partner, der an ihr lediglich seine sexuellen Bedürfnisse gestillt haben möchte. Ich weiß es genau, spürte sie ernsthaftere Absichten von mir, wäre sie bereit für mich, bereit, ihre naturreine Leidenschaft auf mich, auf UNS, zu fokussieren. Mir aber ist es so, als würde etwas Undurchdringliches zwischen uns stehen. Etwas, was ich klarer sehe als sie. Sie aber scheint zu ahnen, was ich sehe und sie trägt es mit Geduld und Empathie. Jedoch ist ihr dies nicht Anlass genug, auf ihr Amüsement zu verzichten. Sie liebt das Leben und ihr Leben besteht nicht allein aus ihrem Bürojob und dem Theater. Trotzdem glaube ich, sie hofft auf mich. Ich möge anmaßend klingen. Gott aber ist mein Zeuge: Es ist nicht an dem! Ich unterstütze ihr Theater finanziell und materiell. Anna Resy wäre die Letzte, die sich auf diese Unterstützung einlassen würde, verspräche ich mir irgendwelchen Nutzen dafür. Auch wenn mir ihre Worte vom letzten Mal im Gedächtnis haften: „lieben“ und „helfen“ sind die schönsten Dinge im Leben!

Gewiss, genau wie Janina würde auch Anna Resy einen Teil ihres „Egos“ für mich aufgeben, aber: Will ich das wirklich?

Fazit: Ich bin mir alles andere als sicher, auf einem der Bilder die Frau zu sehen, mit der ich mein künftiges Leben verbringen möchte.

Eben hat sich Clemens gemeldet, er und Julie werden im Hotel schlafen. In einer Stunde sind sie da.

Endlich sah es so aus, als würde sich die Schneeschmelze behaupten. Aber der ewig eisige Ostwind stand wie eine Wand, hüllte nicht nur Leas Halbinsel in Frust und Ungeduld. Lea versteckte sich an diesem trüben Samstagmorgen noch lange unter ihrem kuschelweichen Federbett und Vater Lars fiel aus gutem Grund nicht im Traum ein, sie zum Frühstück herunter zu holen…

‚Was wäre wenn?’ Fast im Minutentakt wirbelten diese drei Worte Leas Sinne durcheinander. Am Abend zuvor hätte sie zwischen Fähre und dem elterlichen Reihenhaus mit ihrem schwarzen Beatle fast einen Radfahrer über die Motorhaube geworfen. In der KiTa spürten die Kolleginnen, etwas stimmte nicht mir der sonst so akribischen Chefin. Seit Jahren zum ersten Mal schwänzte sie die Theaterprobe. Gerade jetzt, wo sie so gespannt darauf war, wie ihre einzig vertraute Freundin Swantje damit klar kam, nun den kühlen Schönling Hans und nicht mehr den Kumpeltyp Fred auf der Bühne küssen zu müssen. Fred lag mit Oberschenkelbruch im Krankenhaus und Anna Resy hatte wie immer „alles im Griff“. So forderte sie auch von dem neuen Bühnenpaar 100 Prozent Engagement und Echtheit. Und das, obwohl Swantje diesen ihr so arrogant erscheinenden, sieben Jahre jüngeren Hans alles andere als anziehend fand. Damit hatte auch Swantje derzeit ihr intimes Dilemma zu überwinden. Gerade erst hatte die agile Sport- und Kunstlehrerin ihrer besten Freundin anvertraut, wie steil es in ihrer Ehe bergab ging und auch, wie sehr sie sich danach sehnte, endlich einmal wieder echt begehrt zu werden, nicht nur gespielt auf der Bühne. Vor kurzem erst hatte sie willig Freds Drängen nachgegeben und sich hinter der Bühne zu einer wilden Knutscherei hinreißen lassen…mit dem Mann, dem sie so etwas am allerwenigsten zugetraut hätte! Eine leidenschaftliche Liaison bahnte sich an zwischen zwei emotional „vernachlässigten“ Eheleuten…was Lea erneut in ihrer Maxime bestärkte, sich niemals mehr fest an einen Partner zu binden. Dabei verriet sie Swantje nicht, wie sehr sie selbst ein „wachsames“ Auge auf den adretten, ewig gut gelaunten Kumpeltypen Fred geworfen hatte, dem fast 50jährigen, jungenhaften Zeitungsreporter. Obgleich sie kein Fan von Dreitagesbärten war, beneidete sie ihre beste Freundin um die heiße „Knutschorgie“ mit dem sonst so treuen Familienvater, über dessen Ehe einzig bekannt war, wie wenig man diese noch als Solche bezeichnen konnte. Lange schon waren Lea verheiratete Männer verlockendes Ziel, ging die gertenschlanke, unsichtbar reifende, naturblonde, einsachtzig große Lea mit strahlend hellbraunen Augen und animalisch breiten Mundwinkeln auf die „Pirsch“…In den vergangenen drei Jahren jedoch teilte sie mit keinem dieser Eroberungen mehr das Bett…als hätte dort einzig ihr (Fast)Cousin Option erhoben…

Swantje allein wusste von Leas speziellen „Vorlieben“ und sie wusste auch von den „Hormonkuren“ mit Elmar…aber sie ahnte nichts von Leas schmerzhaften Sehnsüchten, welche sie visionär immer wieder auch, jedoch nicht nur, in Richtung Fred richteten…

Der „Hammervorschlag“ ~~~ Hand in Hand am Elbufer

Sonntag, 7.April, 11 Uhr

Klar, was sonst, der Abend mit Swantje war super, wenn mir der Spaß auch nen glatten Hunderter gekostet hat. Oh Mann, Papa, was will der den schon wieder?! Wenn ich dir ehrlich verraten soll, wie sehr mich das manchmal ankotzt, aber ja gut, er kann ja nichts dafür…

So, jetzt hat er sein Essen, isst er heute eben mal früher und ohne mich, auch gut! Ich krieg jetzt eh nichts runter, erstens wegen der Drinks von gestern (Swantje verträgt aber auch ne Stange!) und zweitens hab ich meine Tage noch nicht! Ja, ich weiß, es ist noch Zeit, aber trotzdem, es soll BITTE ganz schnell kommen!!! Swantje hat auch sofort gesagt, ein Kind von Elmar wäre nicht das Günstigste, ausgenommen, ich liebte ihn total und er liebte mich total. Aber du weißt wie ich darüber denke und fühle. Swantje hat ja nun zum ersten Mal gehört, wie sehr ich mir ein Kind wünsche. Wie sehr ich aber auch keinen festen Partner will, weiß sie schon lange, wenn sie mich auch immer wieder mit der Weisheit nervt, man solle niemals nie sagen. Jedenfalls steht es fest, wenn ich von Elmar schwanger bin, werde ich es wegmachen lassen, so weh es auch tun wird. Es wäre aber auch hart, verdammt hart! Dafür steht eines umso fester: Ich werde mir erfüllen, was mir zum absoluten Glücklichsein fehlt, ich werde mein Kind bekommen, jetzt erst Recht!!! Aber von einem Typen, der dafür in Frage kommt! Dazu später, grins. Themawechsel: Es hat mich logisch interessiert, was mit Fred ist. Der hat sich ja nun beim Fußballspielen den Oberschenkel gebrochen, ist operiert und liegt noch in der Klinik. Ich hätte ihn ja besucht, aber jetzt wo ich weiß, was zwischen ihm und Swantje läuft, neee!!! Was soll’s, ich hab mal wieder die größte Chance verpennt, jetzt hat Swantje ihn und ich glaube, sie hat ihn richtig. Trotzdem komm ich nicht los von der Vorstellung, Fred wäre der perfekte Lover für mich gewesen! Auch weil er nicht größer ist als ich, ich mag keine Typen an mir, die viel größer sind als ich, ausgenommen Elmar natürlich, der aber auch nicht so viel größer ist. Aber zurück zu Swantje: Ist ja auch ne Schweinerei, was sich Robert mit ihr erlaubt. Dazu hat sie nun auch noch ein echtes Problem auf der Bühne. Anna Resy hat ihr einfach den „schönen“ Hans als Fred-Ersatz verordnet. Mit mir hätte sie das nie tun können, aber Swantje, sie ist eben der kleine liebe Schwan, mit schwarzen wuscheligen Haaren und dem verständnisvollsten Wesen von der Welt. Trotzdem, Swantje und Hans, das geht ja gar nicht! Jedenfalls kann ich es mir noch nicht vorstellen. Ich meine, er sieht schon geil aus und er ist außer Anna Resy auch der Einzige, der früher mal seine Moneten mit der Schauspielerei verdient hat, aber er passt einfach nicht zu Swantje. Und ich weiß, wie wenig sie auf Schönlinge mit zerzausten Haaren steht. Mir würde der Typ schon mal gefallen, auch weil er genau so ein Einzelgänger ist wie ich und obwohl er ungebunden ist, glaub ich jedenfalls, aber das nur nebenbei, grins! Zwei Vorstellungen sind ja nun geplatzt, weil Fred eben nicht Mal von einem Profi so schnell zu ersetzen ist. Oh Mann, da ist meine Swantje Mal so richtig gefordert. Es war ihr bisher ja immer alles richtig auf den Leib geschneidert, glaub ich, weiß ich! Ich war auch gar nicht überrascht, als sie mir grinsend verklickerte, wie sich Hans gleich beim zweiten mal traute, was sich Fred heut noch nicht traut: der Typ versucht doch tatsächlich bei jeder „geeigneten“ Kussszenen seine Zunge in ihren Mund zu stecken, logisch hat er es auch schon geschafft. Und Swantje ist es zu blöd, ihn verbal anzugreifen, sie glaubt erst Mal das richtige zu tun, in dem sie einfach nicht erwidert, was ich mir fast abartig vorstelle!!! Wenn es ihr zuviel wird (wenn???), will sie sich ihn zur Brust nehmen, was ich nicht glaube. Eher wird sie bald erwidern und ihre Rolle mit dem geforderten Herzblut weiter spielen, nun eben mit Hans Moreno, dem attraktiven Halbschweizer, dem „Liebling“ von Anna Resy! Swantje ist ja auch Genießerin und sie hat ja nichts zu verlieren, noch nicht jedenfalls. Und Lea ist ja auch nicht dumm. Lealein hört ja auch zwischen den Silben, grins! Ich hoffe nur, es schadet ihren Gefühlen zu Fred nicht!!! Ja, ich weiß, egoistisch gesehen, könnte ich mir ihn dann doch noch schnappen, aber eben nicht sofort. Und Zeit nehme ich mir nicht mehr viel, das weißt du auch. Bin so was von gespannt!!! Ja, wie weiter? Ach so: Nach dem zweiten Drink hab ICH dann losgelegt und natürlich hat sie mich dann gleich erst Mal in die Arme genommen. Ich solle ganz cool bleiben, meinte sie, noch ständen die Chancen 50:50, ob ich von Elmar schwanger sei oder nicht. Und wenn, dann sei sie 100 pro für mich da. Sie hat selbst schon zweimal abgetrieben, vor Robert aber, wusste ich gar nicht. Aber mit 40, zum ersten Mal, noch dazu in meiner Seelenlage, das wäre schon hart, meinte sie. Kurze Zeit später haben wir aber schon wieder rumgefeixt und die Typen um die Bar herum auf die Linse genommen, alles Schrott, sag ich dir, alles! Dann kam Swantje plötzliche mit einem „Hammervorschlag“! Ich sollte mir einfach mal einen Stift nehmen und dann fein leserlich zu Papier bringen, welche Art von Typen wirklich als Erzeuger-Papi für mein Kind in Frage kommen könnten. Und ich solle auch auf die Kleinigkeiten achten, weil ER ja nun mal nicht nur der Samen, sondern damit auch der Erbgutanlagenspender sein soll. Eine Liste sollte ich mir machen, mit allem Für und Wider. Und dann gäbe es viele Wege, IHN zu finden. Und sie hätte eine Heidenfreude daran, mir dabei zu helfen, mit ihrem Stilempfinden und ihrer Menschenkenntnis, weil sie eben auch aus eigener Erfahrung weiß, wie schnell man sich verirren oder irren kann! „Versuchskaninchen“ wolle sie aber besser nicht spielen, schließlich tanze sie derzeit mit Fred im Verborgenen und Hans auf der Bühne schon auf zwei Hochzeiten und verheiratet sei sie ja auch noch, grins. Man, ich sag dir, wenn sich erwachsene Frauen einen hinter die Rübe kippen!!! Aber im Ernst: Swantje meinte auch, Ich solle keine Zeit mehr verlieren! Auch wenn ich noch mit Anfang 30 durchgehen könnte, ich bin 40!!! Rate Mal, woran ich bei Anfang 30 sofort dachte? Klar, an Elmar! Bestätigung pur! Er ist 31 und man sieht bei uns tatsächlich keinen Altersunterschied, wow! Komisch, ich musste sofort an Elmar denken, ich war regelrecht verrückt nach dieser Bestätigung, obwohl es jetzt gar nicht UM IHN gehen darf!!! Swantje sagte, es gäbe sogar Internetseiten, wo sich Typen genau DAFÜR anbieten, aber für eine reine Samenspende müsse ich mir einfach zu schade sein und das bin ich mir auch! ES MUSS ja trotzdem AUCH ein klein bisschen ein Kind der Liebe werden!!! Ich hätte soviel Spaß und Liebe nachzuholen – bums, Nagel auf dem Kopf!!! Tja, sie hat verdammt Recht!!! Wie sehr ich auch dafür, gerade dafür, verheiratete Typen bevorzugen würde, hab ich ihr nicht gesagt, ist mir ja auch erst später klar geworden. Weißt du, da verliebt sich vielleicht einer in mich und ich mich vielleicht auch, ein ganz klein bisschen, in ihn…und irgendwann kapiert er, wie wenig Sinn es macht, wegen mir seine gesicherte Existenz aufzugeben. Fred wäre so ein Fall, oder nicht? Egal, es gibt unzählige Freds dort draußen…ja, dort draußen…und ich sitze hier drinnen…dabei würde ich zu gern sofort beginnen, mit der Skizze erst Mal, meine ich. Aber ich muss noch warten, du weißt warum.

bye, bis bald wieder.

Zur selben Zeit, als sich Lea und Swantje gegenseitig ihre Herzen ausschütteten, schwelgte der smarte Hotelier Simon (der von den beiden Frauen bei seinen gelegentlichen Besuchen im Theater bislang nur Swantje wirklich wahr genommen hatte) in einem Umstand, wie er diesen vor Jahresfrist noch kaum für möglich gehalten hätte: Julie, Clemens und Noah waren tatsächlich im 3er Pack zu einer zünftigen Nachgeburtstagsfeier angereist…

Simon zeigte sich weitaus mehr erfreut als überrascht, wie leicht es seinem alten Freund Clemens mit einem male fiel, Julie zum Mitkommen zu überreden. Vor einem Jahr noch hätte man dies als Absurdität bezeichnen können. Das vergangene Jahr war ein Jahr der Wiederannährung, was jedem der vier Beteiligten mehr als gut tat! Auch Dank Simons Nachsichtigkeit und Geduld fand Julie eine Brücke über ihr Gewissen, welches ihr Ego nach der Trennung von Simon arg belastete. Hatte sie sich doch vor ein paar Jahren ausgerechnet hier, im gemeinsamen Heim, auf impulsive Weise ihrer alten Liebe Clemens rückbesonnen. Eine Liebe, die all die Jahre ungebrochen in ihrem Herzen weitergelebt hatte, der sie sich letztlich vergeblich zu widersetzen suchte! Ein Faktum, welches die alten Freunde Clemens und Simon umgehend auf objektive Weise zu akzeptieren und zu klären verstanden. Was zu verstehen, kaum jemanden aus dem bescheidenen Verwandten- und Bekanntenkreis leicht fiel. Für jeden der Drei jedoch hatte sich dieser aufhellend wegweisende Tag nicht ohne Voranzeichen angekündigt. Julie wählte einst den konfrontierenden Augenblick mit Bedacht. Den kleinen Noah in sicherer Obhut bei seiner Oma, bat sie Clemens unter geschickt gewähltem Anlass an einem Samstagmorgen zu sich, an welchem sie Simon in den Mittagsstunden von einer Tagung zurück erwartete. Sie wusste sich keinen anderen Ausweg als die direkte Konfrontation, den direkten Beweis, wie sehr sie und Clemens füreinander bestimmt seien. Bis dato konnte sich Julie nicht erinnern, je an einem Tag soviel Tränen vergossen zu haben. Selbst als sie mit Clemens schlief, flossen ihr die Tränen in einem nie erfahrenen Gemisch von Glücksgefühl und Traurigkeit…

Obwohl Simon im Herzen noch viel mit Julie verband, empfand er es damals wie heute als eine himmlische Fasson der Erlösung. Noah war noch zu jung, um zu verstehen. Heute jedoch weiß auch der, was er wissen muss und er liebt Clemens auf vergleichbar innige Weise, wie er seinen Vater liebt…

Simon war schnell klar geworden, wie weit er sich mit dem Vorschlag aus dem Fenster lehnte, Julie und Clemens die „Lindenwohnung“ zur Verfügung zu stellen…dies war der Ort, den sie am innigsten mit ihren Gefühlen für Simon verband. Es war aber auch der Ort, wohin sie sich einst liebend gern allein zurückzog, auch um ihren verpassten privaten und beruflichen Sehnsüchten nachzutrauern. Hier hatte sie sich auch von Simon unbemerkt ein geheimes Fach einbauen lassen, wo sie ihre intimsten Erinnerungen an die unerloschene Liebe zu Clemens aufbewahrte. Aber auch Beweise für ihre Verzweiflung, für ihre zeitweilige Untreue hielt sie hier im Verborgenen. Niemand sollte je von dem Mann erfahren, der sie in einer Phase aufzufangen verstand, als Simon nichts von ihren seelischen Attacken mitbekam. Es hätte sie fast in den Suizid getrieben, als sie plötzlich von diesem stadtbekannten Handwerksmeister schwanger wurde, in einer Entwicklungsperiode, als sie gerade wieder auf ein gemeinsames Kind mit Simon zu hoffen wagte. Eine ihrer vielen alleinigen Kulturreisen nutzte sie dazu, sich das Kind nehmen zu lassen. Sie wollte die Liaison beenden, doch dieses Szenarium zog sich noch einmal ein halbes Jahr hin…bis sie erneut schwanger wurde, dieses Mal von ihrem trotz allem geliebten Simon. Sie weiß, sie wird dieses Geheimnis mit in den Tod nehmen. Ihr Liebhaber von einst ist ihr diesen Schritt schon voraus. Was sie nicht ahnte, Simon hatte jenes Geheimfach nicht lange nach ihrem Auszug entdeckt. Aber er verbat es sich und er wird es sich immer verbeten, auch nur eine der Schatullen zu öffnen…

10. April

habe mich lange nicht so einsam und verlassen gefühlt.

Sonntagabend sind die 3 wieder zurück nach Hannover. Nun herrscht eine seltsame Melancholie im Haus.

Ich beneide Julie; ich beneide Clemens; ich bin überglücklich, was Noahs Entwicklung angeht.

Sie sind nicht einsam, ich aber bin es. Julie hat es gespürt, ich habe das Mitgefühl in ihren Augen lesen können. Manchmal denke ich, ich habe ihren Feinsinn erst richtig kennen und schätzen gelernt, als es schon zu spät war. Aber auch dann habe ich nicht versucht, etwas zu ändern. Heute kann ich nur noch zufrieden sein, dass Clemens und kein anderer der Mann an ihrer Seite ist. Die Beiden sind das perfekte Paar, was sie und ich niemals gewesen sind. Bei Gott: ich gönne es ihr!

Den dritten Tag schon habe ich nichts Sinnvolles getan, außer täglich einmal mit Noah zu telefonieren, ich bin so stolz auf ihn.

Morgen Vormittag gehe ich ins kleine Hotel, es gibt einige Ungereimtheiten. 13 Uhr bin ich mit Anna Resy zum Essen verabredet.

Überhaupt tut sie mir jetzt eher gut als Janina. Ihre noblen Strategien, den Dingen seinen Lauf zu lassen; ihre patente Distanziertheit, sogar dann, wenn alle Welt annehmen müsste, sie und ich seien tatsächlich ein Paar.

Ich werde sie bitten, mit mir nach Dresden zu fliegen. Ich kann mir nicht vorstellen, jetzt allein zu verreisen. Aber ich muss an dieser Konferenz teilnehmen, unbedingt. Anna Resy würde mir die innerliche Kraft und Ruhe geben, die ich jetzt brauche. Ich liebe sie nicht, aber ich liebe sie. Wie nur soll ich das verstehen?

Fazit: Julie hat ihren Ankerplatz gefunden. Ich nehme an ihrem Glück teil und ich bin endlich davon überzeugt: sie würde es mir gleich tun!

Es geschah, wie Simon es sich in dieser Situation von Herzen wünschte: An drei der fünf Konferenztage in Dresden genoss er genau die Art charmanter weiblicher Begleitung, welche ihm bis dahin allein Anna Resy kredenzen konnte. In einer legeren Lebendigkeit, die partout nicht darauf schließen ließ, wie wenig es sich bei den beiden um ein wirkliches Paar handelte. Für die fast zehn Jahre ältere Künstlerin erfüllte sich zum einen der lang gehegte Wunsch, einmal diese herrliche Stadt mit seinen unschätzbaren kulturellen Werten hautnah erleben zu dürfen…während sie zum anderen mit femininer Finesse die Chance beim Schopfe zu erfassen suchte, sich der Erfüllung ihrer verhüllten Träume ein Stück weit anzunähern. Diese erste gemeinsame Reise mit dem Mann, der ihr vor Jahresfrist auf ungewohnt sensible Weise den Kopf verdrehte, für den ihr Herz vom ersten Augenblick an in vergessen geglaubter Intensität klopfte, kam für sie einem Ausflug ins Überirdische gleich. Sensibilität, Dankbarkeit, Liebe und Freiheit verband sie mit ihm. Doch sie wusste auch, dieser Mann ist kein Mann von der Sorte, die ihr leicht verfielen. Dieser Mann war ihr nicht nur Verlockung, er war ihr auchReiz de luxe…denn in ihm sah sie sich bestätigt: es gab ihn tatsächlich, den Mann, um den eine Frau noch kämpfen müsse. Sie aber fühlte sich weit davon entfernt, allein um ihn als Mann zu kämpfen, denn ohne den Gewinn seiner Gefühle schien ihr alles andere aussichtslos…jene Gefühle, welche sie selbst für ihn noch längst nicht ausgereift sah!

So überlegte sie keinen Augenblick, für diesen ungeplanten Traumkurzurlaub gar zwei Theaterproben sich selbst zu überlassen. Und noch weniger scherte es sie, ihren Urlaubsplan umzukrempeln. Eine weibliche List musste jedoch sein: Einfach so ganz schnell Mal zwei Theaterproben und zwei Arbeitstagen fern zu bleiben? Unmöglich! Zwei Tage, das lohnte sich ja gar nicht! Aber drei Tage? Das hörte sich doch schon lohnender an! So könne sie schon am Mittwochvormittag bei ihm in Dresden sein. Lange Autotouren liebte sie ohnehin. Er solle dann entscheiden, ob er den Flieger zurück nimmt oder ob er sich auf ihre Fahrkünste verlassen würde. Simon überlegte freilich genau wie sie keinen Augenblick, wofür er sich entschied, wobei er darauf bestand, ihr seinen schwarzen Cayenne zur Verfügung zu stellen. Zwar erkannte er, wie unecht ihr Zögern dahingehend war, von ihrer List jedoch schnallte er in seiner Gutgläubigkeit nichts.

Freilich nahm sich die stets etwas extravagant weiblich daherkommende, mit ihren Einssiebzig nur unwesentlich kleinere, bewanderte Mittfünfzigerin die ganzen fünf Tage frei. Der Montag ging für Friseur, Kosmetik, Shoppen und Koffer packen drauf. Den Dienstag nutzte sie, bei ihrer Hamburger Freundin vorbeizuschauen, um sie in ihre verführerische List einzuweihen - und Mittwochnacht düste sie mit der noblem Karosse und zwei prall gefüllten Koffern los Richtung Elbmetropole…nicht nur der Kunst wegen!

22. April

welch fantastische Woche liegt hinter mir!

welch fantastisches Gefühl, endlich wieder Mal alles richtig gemacht zu haben!

Ohne Anna Resy hätte ich kaum wahrnehmen können, was diese einmalige Stadt zu bieten hat.

Sie war die richtige Frau am richtigen Ort für mich.

Semperoper, Staatsschauspiel, Kulturpalast, Zwinger, Herkuleskeule, Theater – mit keiner anderen hätte ich dieses kompakte Programm gemeinsam wahrnehmen, mehr noch genießen können!

Anna Resy’s kulturelle Beschlagenheit hat mir dabei sogar die Wunder dieser Stadt in den Schatten gestellt.

In ihrer Ausgeglichenheit, in ihrer Empathie, in der Art wie sie sich neben mir bewegt, erinnert sie mich sehr an Julie. In ihrer weisen Geradlinigkeit hingegen ist sie ein Unikat.

Nicht eine Sekunde, in der ich mich nicht von ihr verstanden fühlte.

Nicht eine Minute, in der ich ihre Nähe nicht genoss.

Nicht eine Stunde, in der ich nicht wenigstens einmal spürte, wie sehr sie nicht nur das kulturelle, sondern auch die Zweisamkeit mit mir aufsaugte.

Die ersten zwei Tage waren die wichtigsten der Konferenz, ab Mittwoch habe ich den Nachmittag „geschwänzt“.

Wie soll ich es deuten? Ich habe Anna Resy beim Gehen und Kommen begrüßt, sie hat mich begrüßt, so wie Julie und ich uns damals immer begrüßt haben, mit einem mehr oder weniger zärtlichen Kuss auf den Mund, als wäre sie meine Frau, und ich ihr Mann, was mit hoher Wahrscheinlichkeit niemals sein kann.

Wenn sie mir nur eine Darbietung wider ihren Vorstellungen gegeben hat, dann hat sie es perfekt getan. Aber bei meiner Seele: so hat es sich nie angefühlt!

Gleichdem, ob wir allein waren oder ob wir uns der Öffentlichkeit präsentiert haben, Anna Resy hat sich gegeben, als wäre sie die mich liebende Frau an meiner Seite; Respektvoll, empathisch, liebevoll, sanftmütig, zärtlich und: leidenschaftlich!

Als wären wir in den Flitterwochen, sind wir jede Nacht miteinander ins Bett, haben wir nur Eines der Betten benutzt. Es bedurfte keiner Gesten, keiner Worte, wir haben es einfach nur getan, und es war traumhaft schön! Auch am Tag haben wir kaum eine Stunde ohne Kuss verstreichen lassen; wir sind Hand in Hand am Elbufer entlang; auf einer Wiese hat sie ihren weichen Kopf auf meinen Schoß gelegt, genau wie es Julie, die süße kleine Archäologiestudentin, damals bei der Uni getan hat. Am Abend hat sich Anna Resy zauberhaft zurecht gemacht, um den Tag mit mir im Theater und danach an der Hotelbar zweisam ausklingen zu lassen, ehe wir…

Sie war in allen Facetten, darauf bedacht, mir so viel wie möglich von dem zurück zu geben, was ich ihr kredenzte.

Trotzdem, bei aller Harmonie ließ mich das Gefühl nicht los, über unserem Tun eine undurchschaubare Kluft zu wissen, die uns ständig daran hinderte, darüber zu reden, was wir fühlten. Ich kann es mir nur mit Zweifel, sogar mit Misstrauen, erklären. Vielleicht hat uns gerade dies die Leichtigkeit verliehen, völlig unbefangen miteinander umzugehen, nicht nur, aber vor allem eben auch in den vielen Stunden, in denen wir die Nacktheit des Andere genossen, in denen wir unser Zusammensein regelrecht feierten!

Es stehen aber auch unwiderlegbare Fakten im Raum: Ich habe ihrer Theatergruppe mit finanziellen Mitteln wieder festen Halt gegeben, denn ihr Leben ist das Theater; als die Frau an meiner Seite würde sie auch mit 54 nichts, oder fast nichts, von ihrer Art zu leben, aufgeben; sie ist nicht dafür geschaffen, ihrem Partner in allen Facetten Begleiter sein zu können, geschweige denn, sich begleiten zu lassen; sie würde sich die Option erhalten, zwischen ihrer modernen Penthous - Wohnung und meiner rustikalen Villa zu pendeln; mehr noch als mit Julie damals würde jeder von uns strikt auch seine eigenen Wege gehen; auch in fester Beziehung mit mir würde sie ihr Vorhaben verwirklichen wollen, im kommenden Jahr wieder Arrangements zu Filmaufnahmen anzunehmen – Anfragen sind lange da! Auch einen Nachfolger für ihre Theatergruppe hat sie schon parat, dieser „wilde Hans“, wie sie ihn nennt, einst Musicaldarsteller; ihr Leben ist so verschieden von dem meinigen verlaufen, vor allem ihre jungen Jahre, wo sie sich einige male als Sexdouble und in so genannten Softpornos verdingte, Aufnahmen zu denen sie uneingeschränkt steht, wie sie es mir damals im Bungalow ihrer Freundin ohne Scheu offenbarte. Sie betrachtet es als Teil ihrer Persönlichkeitsentwicklung, nachdem sie als stark übergewichtiges Kind und Jugendliche erst nach dem Abitur in den Genuss sexueller Erfahrungen kam, obwohl sie dieses Verlangen schon sehr früh verspürte. Sie brauchte damals diese „unmoralische“ Bestätigung, die Bestätigung, begehrt zu werden, nachdem sie den harten Kampf gegen ihre Pfunde gewonnen hatte. Plötzlich war ihr Körper ob seiner ausgereift femininen Rundungen mehr als gefragt, nicht nur bei den Filmemachern, auch bei den Kollegen, die sie mit ihrer unverfälschten Offenheit beeindruckte, gleich dem ob sie gerade mit jemandem zusammen war oder nicht. Es sind ihre Worte, nicht die meinen. Leider aber bleib ihr ansonsten die große Karriere versagt, bisher. Die Hoffnung darauf wird sie aber niemals aufgeben. Einige aus der Theatergruppe wissen von ihren schauspielerischen Anfängen, aber nur ich weiß, weshalb es dazu kam! Ich bin mir ganz sicher: alles was sie tat, tat sie aus Überzeugung und sie hüllte diese in die ihr eigene Lebensphilosophie. Bislang ist sie nicht wirklich dafür belohnt worden, denn je näher ich Anna Resy komme, um so überzeugter bin ich davon, sie verstand, und sie verstünde sich genau wie die großen Stars in der Kunst, sich mit ihrer Rolle in aller Echtheit zu identifizieren – wie sie es auch heute über das Geforderte hinaus tun würde! Dabei gehört das echte Darstellen freizügiger Liebesszenen für sie ebenso zum Genre wie alle anderen Facetten des Lebens. Ich müsste mir darüber im Klaren sein: Anna Resy wäre nicht die Partnerin, von der ich jene Art bedingungsloser Treue erwarten könnte, wie es das Gros der Menschheit versteht. Ihren Körper könnte ich mir niemals sicher sein, ihn ganz für mich zu haben, ihr Herz jedoch, ohne Wenn und Aber! Dies sind Fakten, mit denen ich mich vertraut machen müsste, würde ich mich für ein Leben mit ihr entscheiden. Wie würde ich damit umgehen? Könnte ich überhaupt damit umgehen? Der ewig abwägende Hotelier Simon Hans und die beinahe ein Jahrzehnt ältere, alternativ gesinnte, begehrliche Künstlerin, Philosophin, Schauspielerin Anna Resy Dobrind? „Die Kunst ist die Antwort auf die Schöpfung der Natur.“ Ich denke oft an diese ihre Worte!

Sicher, Anna Resy ist bereit, sich an mich zu binden. Ich bräuchte nur zum Hörer zu greifen, oder ins Auto zu steigen, oder ihr mailen, oder oder oder…jedoch, sie wäre nicht dazu bereit, ihrem Leben dafür eine entscheidende Wende zu geben, ihren Kognitionen auch nur ein Stück weit abzuschwören. Dies, genau dies ist es, was unsere Zerrissenheit begründet, weshalb wir es nicht wagen, über unsere Gefühle füreinander zu reden. Es ist noch keine wahre Liebe, aber wir befinden uns auf dem Weg dorthin. Und wir wissen beide, dieser Weg kann aber muss nicht ans Ziel führen…

Es ist lange her, einer Frau hier soviel Platz eingeräumt zu haben. Anna Resy, so scheint mir, ist die erste Frau nach Julie, die sich tatsächlich in mein Leben eingebrand hat! Ich muss noch einmal ihre Direktheit, ihre Noblesse, ihre Natürlichkeit und vor allem ihre Leidenschaft in einem tiefen Atemzug erwähnen! Auch ohne Gardemaße zieht sie verführerische Blicke auf sich, wie es auch mich immer wieder neu entzückt. Sie lebt und begehrt auf ihre authentische Weise und sie versteht es vorzüglich, ihrem Gegenüber sogar ihre Schwächen, selbst ihre Sünden schmackhaft zu machen. Nimmt man sie genau so wie sie ist, gibt sie einem Mann vielmehr, als er sich vorzustellen vermag! Ich habe es erfahren und ich gebe zu, ich habe Angst davor, süchtig danach zu werden! Ich habe Angst davor, bedingungslos zu lieben, ohne bedingungslos geliebt zu werden. Für mich war es nie ein Thema, mich einzig der Lustbefriedigung zu ergeben. Julie hat sich damit zu trösten gesucht, für Anna Resy hingegen ist es ein nicht unwichtiger Teil ihres Lebensflusses! Sie ist eine Fanatikerin, wenn es darum geht, dem Leben auch die alternativen Köstlichkeiten herauszufiltern. Ich müsste damit leben. Wider der Angst empfinde ich auch Reiz und eine bislang mir unerklärliche Form von Dankbarkeit bei diesen Vorstellungen.

Wenn wir miteinander schlafen, und nicht nur dann, auch davor und danach…entschwindet der weiche Klang ihrer Stimme, fokussieren sich meine hörbaren Sinne allein auf ihre funkelnden Augen und auf ihren blutvoll vibrierenden Körper...dann nimmt sie alles und mehr noch: sie gibt alles, mehr als ein Mann erwarten kann! Ich kann mir nicht vorstellen, dies alles für mich allein in Anspruch nehmen zu können. Obwohl ich dann alles und mehr von ihr bekommen, etwas Entscheidendes fehlt…noch?!

Gewiss, wie wir uns lieben, wie wir miteinander kommunizieren, harmonieren, philosophieren, uns austauschen, als kennen wir uns schon von einem früheren Leben, es kommt einem Wunder gleich, aber ein Wunder bedeutet nicht immer auch Erfüllung!

Vielleicht würde ich es irgendwann bereuen, uns beiden die große Chance zu verwehren? Sie wäre ganz sicher dazu bereit und ich habe ihr lautloses Ultimatum sehr wohl verstanden. Der Altersunterschied wäre uns beiden das Unwichtigste dabei, ich würde jetzt auch neben dir liegen, wenn du 30 wärst, oder 70, wenn du nur DER wärst, der du bist…man hat das Glück, zur gleichen Zeit auf der Erde sein zu dürfen, das große Glück, sich begegnet zu sein, man sollte das Glücklichsein nie irgendeiner Richtlinie unterwerfen…’, es gibt Sätze, die ihre Lippen, ihre prägnanten Mundwinkelgrübchen verlassen haben, die sich schon jetzt in meinem Gedächtnis, in meinem Herzen, eingebrand haben. Aber noch mal: für ein Leben und eine Liebe mit mir würde sie nur wenig von ihrem Lebensfluss und weniger noch von ihren künstlerischen Plänen abrücken. Was ich jedoch annehme ist, sie würde versuchen, mir mehr als nur einen Schritt entgegen zu kommen, wenn ich es auch tue. Nur, wie viel Schritte wäre ich bereit zu gehen?

Bei allem Dafür sehe ich Probleme, die unsere Beziehung weitaus mehr belasten könnten, als wenn sie für eine Filmrolle nackt mit einem ihrer Kollegen im Bett liegt, denn: Nach 5 Jahren Trennung denken sie und ihr noch immer Ehemann, der in Singapur lebt und arbeitet, noch immer nicht an Scheidung; in Anlehnung an seine finanzielle Großzügigkeit gibt sie bei seinen Heimaturlauben noch immer die Rolle seiner Gattin, um das eingeschworene Umfeld seiner Familie nicht zu belasten; unbelastet gibt sie mir zu erkennen, welch gewichtige Rolle Sex immer in ihrem Leben spielte und noch immer spielt, eine feste Beziehung lebt und fällt mit ihr auch mit freizügig sexuellem Umgang; unumwunden gibt sie mir zu erkennen, sie fährt seit jener Trennung jeden Sommer mit einem anderen, meist jüngeren Mann, zusammen in den Urlaub, welchen sie stets sorgsam DAFÜR auswählt. Dies hat für sie nichts mit Liebe zu tun und es werden auch immer zwei Doppelzimmer gebucht, aber für sie sei vor allem im Urlaub auch der Sex entscheidender Teil tatsächlicher Regeneration. ‚Nein, ich bin nicht sexsüchtig, es ist für mich nur Teil des Elixiers, von dem ich zehre, und wenn ich mich erhole, möchte ich auch noch eine Weile davon zehren. Ich könnte nicht mehr mit einem Partner leben, der mir mehr Bruder oder Kamerad ist als Partner und Geliebter, ja Geliebter, er soll mich ab und zu so nehmen, wie er seine Geliebte nehmen würde und nicht nur so, als wäre ich allein seine Gattin…wie langweilig.’ Worte, die mir zu denken geben. Die mich aber auch wahnsinnig reizen. Und auch jene Dankbarkeit zeigt sich wieder, denn ich denke, ich bin der Einzige neben ihrer Freundin, der von ihren Urlaubsgepflogenheiten weiß. Und es lockte mich ungemein, mehr zu erfahren, mehr von ihren Urlaubsbegleitern und seltsamer Weise mehr nach davon, wohin sie diese exzentrischen Reisen geführt haben. Es schien mir, als wäre sie auf unserem Dresdener Hotelzimmer bereit, mir viel mehr von sich Preis zu geben, als sie es selbst zuvor für möglich gehalten hätte. Sie meinte, es wäre reiner Zufall gewesen, dass jeder ihrer bisherigen Begleiter mindestens fünf Jahre jünger gewesen sei als sie. Dabei hätte sie präzise darauf geachtet, nicht die Katze im Sack zu kaufen! Fakten, die sich in dieser Hinsicht beinahe obszön anhören, denen sie jedoch größte Ernsthaftigkeit abrang. Gefallen; Unverheiratet; Gesund; Potent; Charakterfest und Spontan! Genau in dieser Reihenfolge ging sie vor. Schließlich käme die Angelegenheit einem Deal gleich, dem beide Seiten größte Genugtuung abverlangen wollen. Das Unangenehmste, wie gleichermaßen Notwendigste sei ihr dabei immer gewesen, einen aktuellen Aidstest vorgelegt zu bekommen. Abstoßende Reaktionen hielten sich aber in Grenzen, gab sie demjenigen doch damit zu verstehen, wie sehr sie nicht allein an seiner Begleitung interessiert war. Anna Resy lebt und genießt nach der Devise, sich selbst einen gewissen Wert zu verleihen! Sie ist es sich wert, nur so geschätzt und auch begehrt zu werden, wie sie ist! Niemals würde sie sich jemandem hingeben wollen, der ihr den Eindruck verleiht, neben ihrem Körper nicht auch ihrem Geist gewisse Attraktivität abzuringen. So waren ihre „Auszeiten“, wie sie es selbst nennt, längst nicht nur allein sexueller Prägung, es waren auch Entdeckungsreisen mentaler, kultureller und philosophischer Natur. Ein Dozent, ein Firmenchef und ein Fleisch- und Wurstwarenverkäufer waren ihre letzten drei „Auserwählten“. Mit jedem hatte sie auf verschieden ergiebige Weise eine wunderbare Zeit. Sie kamen alle aus entfernten Regionen und keinen hat sie sich danach wieder gesehen. Eine Vereinbarung könne ja auch nicht Basis für eine Beziehung bieten, meinte sie in ernsthaftem Unterton. Und diese Reisen führten jedes Mal auf eine andere, sehr warme Insel. Sie achtete stets darauf, dass die beiden Zimmer vis a vis und nicht nebeneinander lagen, denn sie liebt es, nachts wie schlafwandelnd im Zimmer umherzulaufen und bei einem Gläschen Champagner ihrer Freundin zu Haus „Bericht“ zu erstatten. Diese müsse sich aber stets eine Woche gedulden, denn die ersten Nächte gedachte sie niemals allein zu verbringen, ehe sie ihm und sich eine Rückzugsphase kredenzte…

Ich fand es rührend, als sie sich plötzlich wie ein kleines Mädchen vor Scham das Kopfkissen aufs Gesicht drückte und ihre Offenheit mir gegenüber selbst nicht fassen konnte. Schlagartig wurde sie wieder „erwachsen“ und sagte: ‚ Weißt du, Simon, auch wenn das alles makaber klingt, nur diese Offenheit ist für mich Basis einer ernsthaften Beziehung…natürlich nur, wenn es auch hier drinnen im Herzen stimmt, ohne jeden Zweifel…’ Wenig später saßen wir auf dem Balkon und überflogen mit aufgewühlten Sinnen die Silhouetten des nächtlichen Dresden. Wir hielten jeder ein Glas Champagner in der Hand, obwohl ich Champagner nicht mag, und sie zog an einer Zigarette, wie sie es nur in besonders aufwühlenden Momenten tut - und es geschah etwas, was mich sehr beeindruckte, denn in dem selben Augenblick, als ich sie fragte, wohin und mit wem sie in nicht einmal drei Monaten ihr nächster großer Sommerurlaub führen würde, spürte ich, wie telepatisch wir miteinander verbunden waren! Genau in jenem Augenblick hatte sie eben diese Frage erwartet. Doch ehe sie antworte, forderten erst ihr Augen und dann ihre Lippen mich auf, sie zu küssen. Es lag etwas von Ergebenheit in diesem langen Kuss, nicht einer zuvor raubte mir soviel Atem wie dieser…’Simon, du weißt, mit wem ich dieses Mal am liebsten verreisen würde…aber ich bin mir sicher, du bist noch nicht so weit…ich weiß auch nicht, ob du es jemals sein wirst…du musst jetzt erst einmal verarbeiten…ich habe dich ja regelrecht bombardiert mit meinem abtrünnigen Leben…und ja, es gibt jemanden, mit dem ich sonst diese Ferien verbringe, ich werde dir aber jetzt und hier nicht sagen, wer es ist und auch nicht, wohin es geht…du bist es leider nicht…aber du könntest es sein, nicht nur in diesem Sommer…ich werde hoffen, aber nicht bis an mein Lebensende…und ich werde mich auch nicht aufheben, ich werde diesen Urlaub gewohnt genießen und wenn es sein muss, auch den nächsten…aber ich werde achtsamer sein als zuvor…ich kann von dir nicht verlangen, es zu verstehen, aber glaub mir, in mir herrscht Klarheit…du brauchst vielleicht viel Kraft, damit zurecht zu kommen, vielleicht solltest du auch noch mal neu entdecken lernen… vielleicht lehrt dir genau dies, zu erkennen, wohin dein Herz gehört…ich wünsche es dir…ich wünsche es uns…jetzt komm, bitte, auch wenn ich noch mal makaber klinge: lass uns diese Nacht genießen, als wäre es tatsächlich die Letzte…’

Ich glaube, es fast wortwörtlich wiedergegeben zu haben. Und ja, wir haben uns geliebt, verzweifelt geliebt, sind eng umschlungen eingeschlafen, sind aufgewacht, um uns noch einmal in leidenschaftlicher Verzweiflung zu lieben. Und unsere Körper schienen unlösbar miteinander verleimt, als es plötzlich ziemlich laut auf dem Hotelflur wurde. Es war seltsam am morgen unserer Abreise, als hätten wir soeben mit der Zimmertür ein Kapitel hinter uns abgeschlossen und keiner wusste, wie es weitergehen sollte, würde, könnte!