Sinfonie der Liebe - Yvonne Martens - E-Book

Sinfonie der Liebe E-Book

Yvonne Martens

0,0
3,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Tess Braun liegt die Welt zu Füßen: Sie hat einen tollen Verlobten, einen guten Job und viele Freunde. Voller Überzeugung, dass sie keinen Mann braucht, der ihr ein Leben bieten muss, lässt sich Tess auf ein sexuelles Abenteuer mit ihrem Kollegen Patrick ein. Die junge Frau muss allerdings erfahren, dass ihr Schicksal etwas ganz anderes mit ihr vor hat und präsentiert ihr einen unbekannten Mann. Von da an läuft Tess diesem Mann und ihrem Schicksal hinterher, um zum Schluss am Ende der Welt zu landen...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meine liebe Familie, die mit Geduld meinen Ideen lauscht und mich in Ruhe schreiben lässt.

Ein herzliches Dankeschön auch an die Band von Silbermond, deren wunderschönes Lied „Symphonie“ mich zu meinem Titel inspirierte.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

KAPITEL 1

Jede Liebesgeschichte beginnt mit einem Drama. Meist erwischt die ahnungslose Frau ihren geliebten Mann beim Sex mit – im schlimmsten Fall- einer Frau, im weniger schlimmeren Fall mit einem Mann. Mit Fassungslosigkeit und einem „Wieso mir?“-Ausdruck schaut sie den Sünder anklagend an, der sich in der Hilflosigkeit der Floskel „Es ist nicht das, wie es aussieht“, und „Ach, sie bedeutet mir doch gar nichts“, versucht, herauszureden. Wenn dann der erste Schock vorbei ist, gesteht er ihr unter Tränen seine wahre Liebe, und da Frauen Männer besonders anziehend finden, wenn sie Gefühle zeigen, bekommen sie plötzlich Mutterinstinkte, den armen Mann beschützen zu wollen, lassen sich manipulieren, wie eine Mutter von ihrem Kind, und verzeihen. Das machen sie so oft, bis ihre Haarpracht grau wird, doch das Fass zum Überlaufen bringen die grauen Schamhaare. Das ist der Augenblick, wo Frauen ihrem Partner sagen „Raus!

Männer dagegen sagen gleich beim ersten Mal „Raus“, sie warten nicht auf die grauen Haare, die zu vielen Pfunde und die Cellulite, sie sind hart und konsequent, ohne Kompromisse, denn Vatergefühle zeigen sich meist anders als Muttergefühle.

So geschah es mir: Mein Name ist Theresa, genannt Tess, Braun, ich bin Mitte dreißig und erfolgreich in meinem Beruf. Ich bin Abteilungsleiterin einer Marketingabteilung in einer Bank, habe BWL mit Nebenfächern Jura und Psychologie studiert und fahre einen 3er BMW Cabriolet. Jung, erfolgreich und glücklich liiert mit einem Anwalt, Torsten, so würden mich meine Freunde beschreiben. Wir hatten uns an der Universität kennengelernt, er studierte Jura im Hauptfach, und fand mich köstlich, da es für ihn keinen Sinn ergab, dass ich ein Fach wie Jura im Nebenfach studierte. Meine Freundinnen waren der Meinung, ich hätte das Paradies auf Erden, aber wir kennen ja das wahre Ende der Geschichte. Schlange kommt, bietet Apfel vom verbotenen Baum an und Ende vom Paradies.

Meine Schlange kam in Form der vielen Cocktails, die auf der Weihnachtsfeier im obersten Stockwerk unseres Firmen-Gebäudes serviert wurden. Von dort aus hatte man einen traumhaften Blick über Frankfurt, der Main schlängelte sich sichtbar zwischen den Ufern entlang. Die sich im Anflug befindenden Flugzeugen rundeten den Ausblick zu einem fast romantischen Bild ab. Der Apfel war mein langjähriger Kollege, seines Zeichens Pressesprecher der Firma, der im gleichen Jahr angefangen hatte wie ich. Wir konnten uns nicht von Anfang an nicht leiden, denn wir fürchteten, dass unsere Karrieren durch den anderen behindert würden. Doch mit fünf Sex on the Beach im Magen betrachtet man seinen schärfsten Konkurrenten plötzlich mit anderen Augen, dieser Kampf machte ihn geradezu sexy für mich.

Torsten war wegen eines Klienten in Hamburg, so dass ich das Wochenende mal wieder für mich hatte. Meine Gedanken erhellten sich, ich fing an zu bezweifeln, dass Alkohol einem die Sinne vernebelte. Meine wurden plötzlich klar und wach. Die Musik wechselte zu langsamen Rhythmen, das Ambiente veränderte sich vom gediegen zu leicht schummrig, und der Alkohol ließ meine Sinne sagen: „Nimm ihn dir!“

Ich sehe nicht schlecht aus. Mittelgroß, weibliche Figur, dunkelblondes Haare und haselnussbraune Augen. Ich trug ein kornblumenblaues Strickkleid, mit einem tiefen Ausschnitt. Ich geizte nicht mit meinen Reizen, dafür war ich zu jung.

Patrick war großgewachsen, sportlich und durchtrainiert, er hatte das netteste Lachen – halt- stopp- das zweit netteste Lachen nach Torsten natürlich. Er war liiert, seit Jahr und Tag mit der Sekretärin des Vorstands, aber das kümmerte mich nicht, denn Silke wohnte dem Abend nicht bei.

Na ja, so kam eins zum anderen. Wir redeten erst über die Arbeit, über die Kollegen, dann wechselten wir ins Persönlichere, Abfrage nach dem Wohlbefinden der Partner. Warum eigentlich? War es wahres Interesse oder nur, um zu eruieren, ob der jeweilige Partner existierte. Mit einem aufgesetzten Lächeln und einem „Gut, danke“, hakten wir dann dieses Kapitel ab. Dass Silke nicht anwesend sein konnte, hatte mich schon befremdet, da sie als Sekretärin bzw. Assistentin des Vorstandes zur Feier einlud, aber da ihre Schwester zwei Tage vorher beschlossen hatte, Mama zu werden, reiste Silke sofort zu ihrer Familie. Patrick fürchtete sich vor den glücklichen Blicken der Familie seiner Freundin und den neugierigen Fragen, wann denn endlich das holde Glück bei ihnen einzöge bis hin zu der Spekulation, dass es keinen Nachwuchs gebe, da der Mann ja viel arbeitet, was ja zu Impotenz führe. Auf die mitleidigen Blicke zu Ende des Besuchs verzichtete Patrick gerne, so ließ er freundlichst grüßen und schob die Weihnachtsfeier als Grund vor, dem Familienfest fernbleiben zu können.

Ich kannte diese Fragen ebenfalls. Der Unterschied zu Patrick war nur, dass man mir verdeutlichte, dass die biologische Uhr tickte, während Torsten mit 50 sich eine Jüngere suchen könnte, um dann Vater zu werden. Mein Zug sei dahin aber abgefahren, weshalb ICH jetzt und heute eine Entscheidung treffen müsse. Ich fand das Leben unfair, und fragte mich, wer auf die bescheuerte Idee kam zu glauben, Gott sei eine Frau. Denn wäre es so, würde sie dafür sorgen, dass Frauen in der Pubertät keine sichtbaren Veränderungen am Körper erleiden müssten. In einer Zeit in der das Selbstbewusstsein am Boden liegt, mit monatlichen Fress- und Motztiraden, die sich im Alter auf zwei Wochen vor und einer Woche nach dem Ereignis ausdehnen; sie sorgte dafür, dass sich Frauen mit 45 nicht alt und biologisch unbrauchbar fühlen. Ich verstehe nicht, dass die Natur den Männern keinen Strich durch die Rechnung macht. Mit 70 nochmal Papa zu werden, wie natürlich ist das denn?

So diskutierten wir über die Liebe im hohen Alter und die Ungerechtigkeit der biologischen Uhr. Anders als Torsten war Patrick gar nicht meiner Meinung. das männliche Gen sei so wichtig, dass es mit 45 nicht aussterben dürfe. Und schließlich müsse ja die Frau das Kind auf die Welt bringen, was im Alter ja nicht mehr einfach sei.

Bei klarem Verstand hätte ich, wie ich es im beruflichen meistens tat, Patrick eine vor den Latz geknallt, aber ich war nicht mehr bei klarem Verstand. Ich hatte zu viel Alkohol intus. Als ich dabei war, die Party zu verlassen, versperrte mir Patrick den Weg. Da er weniger getrunken hatte als ich, meinte er, ich würde mich eher den nächsten Baum wickeln als er. Ach, wie süß! Wenn er sich doch im geschäftlichen so sorgte, aber da versuchte er so viele Projekte wie möglich auf meinen Etat zu buchen. Er war ein Kotzbrocken, aber gerade fand ich ihn süß.

„Wo steht dein Auto?“ fragte er.

Er wusste, wo mein Auto stand, unsere Parkplätze lagen nebeneinander, aber ich hatte das Gefühl, er testete mich. Er lauerte darauf, dass ich mich blamierte, denn ich wusste es nicht mehr. Ganz ruhig, sagte ich mir. Wo bin ich? Himmel, wo ist denn Osten? Wieso will ich wissen, wo Osten ist? Mein Gott, riecht er gut! Wie lautete die Frage?

Ich versuchte, ihn so intelligent wie möglich anzusehen, aber ich erinnerte mich nicht mehr an seine Frage. Er grinste und schleppte mich zu meinem Wagen. Mir kam überhaupt nicht in den Sinn, dass es irrwitzig war, meinen Wagen zu nehmen. Ich wohne in Bad Homburg, er in Frankfurt. Wie wollte er denn nach Hause kommen? Da er nicht Goethe war, hielt ich es für ausgeschlossen, dass er von Bad Homburg nach Frankfurt heimlief. S- und U-Bahnen fuhren zu dieser späten Stunde nicht mehr. Ach ja, dachte ich seufzend, das war wahre Liebe, als die Männer kilometerweit liefen, um ihre Geliebten zu sehen. Halt-Moment, was hatte Patrick vor? Bei mir schlafen?

Patrick schnallte mich an, und sein Gesicht befand sich jetzt nahe an meinem.

„Und wie kommst du dann nach Hause?“

„Ich laufe!“

Er zwinkerte mir grinsend zu. Hoppla, hatte ich den Gedanken um Goethe etwa laut ausgesprochen? Ich hatte doch nur gedacht, wie toll die Männer früher waren. Nein, ich schüttelte den Gedanken ab, es handelte sich hier um Patrick: Auf viele meiner Fragen gab er dumme Antworten. Während ich es mir auf dem Beifahrersitz gemütlich machte, schossen mir tausend Fragen durch den Kopf: Hatte ich die Küche aufgeräumt? Mein Bett gemacht?

Ich hörte die Stimme meiner Mutter: „Theresa, du musst die Wohnung so verlassen, dass man sie jederzeit aufbrechen kann, ohne über die ersten Stolpersteine zu fallen.“

Ich verfluchte meine Mutter dafür, dass sie immer Recht hatte. Die typischen Mama-Sprüche holen einen leider immer mal ein.

Patrick hatte sich auf meinem heiligen Sitz niedergelassen und ließ den Motor an. Rosenstolz „Irgendwas das bleibt“ fing sofort an, auch das noch, jetzt lernt er meinen persönlichen Musikstil kennen. Ich drehte den Kopf zum Fenster und dachte mir, egal, er sitzt schließlich in meinem Auto.

Patrick lenkte den Wagen aus der Garage, es war nichts mehr los in Frankfurt, vereinzelt fuhren noch ein paar Autos und Taxis, aber die Straßen waren frei. Patrick nutzte die Leere, die PS meines Wagens zu testen.

„Hey, pass auf, dass du keinen Strafzettel bekommst“, raunte ich.

„Ach, Liebes“, antwortete er spöttisch, „bis du den Strafzettel bekommst, erinnerst du dich an gar nichts mehr, kannst Widerspruch einlegen und Torsten kann dich verteidigen.“

Sehr logisch, gehörte Torsten doch dem Stamme der Vulkanier an. Ich stellte ihn mir mit spitzen Ohren vor und grinste. Er sähe sexy aus.

„Woran denkst du?“

Er beobachtete mich.

„Kopf nach vorne, sonst wickelst du uns drei um den Baum!“

„Drei?“

Er fragte sich gewiss, ob ich halluzinierte.

„Das Auto und uns beide.“

Er schwieg, das kam bei Patrick selten vor, aber es gefiel mir. Ich hatte ihn zum Schweigen gebracht.

„Und?“ Patrick ließ nicht locker.

Was und, Himmel, ich hatte keine Lust, während der Fahrt nach Hause zu reden.

„Was du denkst?“

Hey, Wahnsinn, Patrick realisierte, dass Frauen dachten, meist versuchte er mir diese Eigenschaft abzusprechen. Sollte ich ihm das sagen, oder meine Idee mit Torstens Öhrchen offenbaren? Ich betrachtete seine Ohren und fand sie zum Anbeißen. Vorsichtig, Tess, das will er! Er will, dass du ihn attraktiv findest. Patrick machte nie etwas aus Nettigkeit, er hatte das Ganze kalkuliert.

Wir fuhren von der Autobahn ab. Für mich stand die Allee aus Pappeln nach Bad Homburg als ein Symbol des Nach-Hause-Kommens, des Feierabends, des Privatlebens, und diese Alleenstraße fuhr ich mit unserem Macho vom Dienst entlang. Einem Kollegen, der nie mehr sein sollte, als das. Allerdings hatte ich diese Kollegen schon alle nach Hause eingeladen, sie kannten mein Privatreich. Aber meine geliebte Alleenstraße mit einem Kollegen entlangzufahren, fand ich doch befremdlich.

Sicher fuhr Patrick die Straße entlang. Da ich die Augen geschlossen hatte, bekam ich nicht mit, wie er fluchend vor einer Schranke stand.

„Was ist passiert?“ fragte ich schlaftrunken.

„Schranke“, antwortete Patrick knapp. Wobei ich das Gefühl hatte, er stellte mir eine Frage.

„Ach so, ja, du musst wenden und über den Hessenring fahren.“

Patrick schüttelte den Kopf und wendete mein Auto mit quietschenden Reifen.

„Habt ihr Angst, es könnte Gesindel in die Stadt einfallen?“

„Kurstadt“, antwortete ich kurz. „Nach 22 Uhr ist Zapfenstreich.“

Patrick grunzte nur und er fuhr zurück. Ich fing an, hellwach zu werden. Mist, dachte ich mir, hätte ich nur weitergeschlafen, dann trüge Patrick mich ins Bett. Träum weiter, sagte eine boshafte Stimme, er hätte dich brutal geweckt.

Endlich kamen wir zu Hause an. Ein schickes, kleines Häuschen hatte Torsten uns gekauft. Mit einem Grundstück, das überschaubar war. Mein Liebster plante gerne für die Zukunft, dabei wunderte es mich, dass er weder Schaukel noch einen Sandkasten in den Garten gestellt hatte. Er setzte mich nicht unter Druck, aber ich erwartete fast, diese Gerätschaften eines Tages an den Stellen zu sehen, wo die Sonnenblumen, Zucchini und Tomaten wuchsen.

Patrick hielt mir die Türe auf und ich stieg langsam aus. Ich hatte mal gehört, es sähe weniger ungeschickt aus, wenn man alles langsam machte, aber ich konnte mich auch täuschen. In den Tiefen meiner Handtasche fand ich endlich den Haustürschlüssel. Mühsam öffnete ich die Türe, dann drehte ich mich zu Patrick um.

„Und jetzt?“ fragte ich ihn.

Patrick warf mir einen vernichtenden Blick zu.

„Bietest du mir dein Gästezimmer an, ich komme nicht mehr nach Hause!“

Er sprach betont langsam.

„Ich mag zwar zu viel getrunken haben“, maulte ich, „aber ich verstehe immer noch deutsch.“

Ich ließ ihn seufzend in mein Privatreich und schalt mich selber, denn letztendlich passierte, was ich die ganze Zeit wünschte.

Ich zeigte ihm das Gästezimmer, das Bett hatte ich gewohnheitsmäßig nach dem letzten Besuch gleich neu aufgezogen, wie gesagt, meine Mutter drang in mein Ohr. Ich zeigte ihm das anliegende Bad, das er für diese Nacht seins nennen durfte.

Dann schleppte ich mich nach oben, wo ich ihm aus meinem Badezimmer eine Zahnbürste holte, ich hatte solche Sachen immer im Vorrat. Torsten lachte meist über mich, aber solche Ereignisse wie dieses zeigten mir, dass es richtig war, wie ich meinen Haushalt führte. Einen Schlafanzug bot ich ihm nicht an, denn ich durfte nicht riskieren, dass Torstens nach Patricks roch. Ich hatte das Gefühl, dass es Patrick amüsierte, mich so durcheinander zu sehen. Er machte seine typischen anzüglichen Bemerkungen, dass sein Körper zum Schlafen nichts brauche außer einem Bettlaken, aber sie klangen anders als im Büro. Wollte ich es nur so interpretieren oder war es Fakt? Ich konnte mich nicht dazu durchringen, einen klaren Gedanken zu fassen, und so ging ich in mein Schlafzimmer und zog mich um. Ich hatte ein gemütliches, flauschiges Nachthemd, in rosa und bequem. Als ich aus meinem Schlafzimmer trat, kam mir Patrick auf der Treppe entgegen.

„Nett“, sagte er trocken, als er mich in meinem Outfit sah.

Nett? Nett ist das Schlimmste, was eine Frau zu hören bekam. Nett ist nett und ist die kleine Schwester von doof: Das ist eine Katastrophe.

„Gute Nacht“, sagte ich und verschwand im Bad. Langsam schminkte ich mich ab, gab meiner Haut wieder Freiräume zu atmen. Dann putzte ich die Zähne und schaute mich an. Ich wollte nicht nett sein. Ich war verdammt noch mal eine attraktive Frau. Nachdem ich mir die Zähne geputzt hatte, wollte ich Patrick beweisen, dass ich nicht nett war. Ich hatte das Gefühl, plötzlich wieder klar zu denken, also nahm meinen Mut zusammen und stürmte ins Gästezimmer.

Patrick saß seelenruhig nackt auf meinem Gästebett und zappte. Die Klarheit verschwand mit einem mal, ich war irritiert und entschuldigte mich stotternd.

„Sorry, hab mich im Zimmer getäuscht.“

Ich schloss die Tür und blieb stehen? Hallo? Im Zimmer getäuscht? Das war mein Haus, nicht irgendein Hotel mit 500 Zimmern, wo diese Ausrede funktionierte.

Patrick öffnete die Türe, er hatte sich sein T-Shirt und die Unterhose angezogen.

„Was soll das, Tess? Wollen wir jetzt aufhören Spiele zu spielen?“

Ich starrte verunsichert auf den Teppichboden. Ich fand dieses Spiel gut, es war ungefährlich. Das andere hingegen war das bekannte Spiel mit dem Feuer, was mir einerseits Angst einflößte, aber das Verlangen in mir weckte etwas zu probieren. Wollte ich nur nett sein? Oder vielleicht einmal der Vamp, der macht, was ihr gefällt.

Patrick nahm mir die Entscheidung ab. Er küsste mich, ohne zu fragen, ohne es anzukündigen. Ich erwiderte den Kuss nicht sofort, ich spielte mit ihm.

„Du spielst schon wieder“, flüsterte er, ohne mit dem Küssen aufzuhören.

Und dann hörte mein Verstand auf zu funktionieren. Ich stürzte mich in das Verlangen, alles andere als nett zu sein und ließ mich auf das neue Spiel ein.

KAPITEL 2

Der Augenblick, als Torsten in das Gästezimmer trat, wird mir immer in Erinnerung sein. Es war 2:47, ich sah die Ziffern auf dem Wecker, während wir uns in heißer Missionarsstellung liebten. Die Uhrzeit wie den Gedanken, den ich zu diesem Zeitpunkt im Kopf hatte, werde ich nicht vergessen. Denn ich fragte mich, wieso es Missionarsstellung heißt. Was Sex mit Missionieren zu tun? Hat es das überhaupt? Ich war fest entschlossen, nach diesem Akt auf Wikipedia die Antwort zu finden, als die Tür aufgerissen wurde. Ich drehte mich um und schaute in die entsetzten blauen Augen, die ich je gesehen hatte.

Torsten sah mich an, dann Patrick, dann wieder mich. Dann verließ er das Schlafzimmer.

„Scheiße!“ entfuhr es mir.

Ich sprang aus dem Bett, zog mein Nachthemd an und warf Patrick einen wütenden Blick zu.

„Nimm mein Auto!“ sagte ich kurz.

Patrick widersprach nicht, und ich stürmte aus dem Zimmer.

Ich fand Torsten in seinem Arbeitszimmer. Als ich eintrat, schaute er mich kurz an.

„Torsten“, begann ich zaghaft. Nein, sagte mein Hirn, nicht der Satz.

„Es ist nicht, wie es aussieht.“

Doofi! Sagte mein Hirn.

Wenigstens sah mich Torsten wieder an, die Frage stand deutlich in seinem Gesicht.

Ich schlug die Augen nieder. Konnte er nicht etwas sagen, meinetwegen schreien oder motzen. Ich hörte, wie die Haustür zugeschlagen wurde. Dann startete der Motor meines geliebten Wagens, je weiter das Motorengeräusch sich entfernte, desto unerträglicher wurde die Stille für mich.

„Okay, es war doch das, wonach es aussah. Aber es hatte nichts mit Gefühl zu tun.“

Torsten stand auf und kam auf mich zu. Seine Augen waren müde und leer. Den ganzen Abend fuhr er von Hamburg nach Bad Homburg, und alles, was ich ihm bot, war dieser Fremdgang.

„Umso schlimmer, Tess“, sagte er traurig. „Ich denke, dass Sex mit Gefühlen zu tun haben sollte.“

Da war er: der Traummann, um den mich jede Frau beneidete. Der perfekte Schwiegersohn, der beste Vater und der einfühlsamste Partner. Und ich hatte alles zerstört. Ich wollte auf ihn zugehen, doch er wehrte mit seiner Hand ab.

„Ich habe versucht, Verständnis für dich zu haben, Tess. Dass du nicht heiraten und eine Familie gründen wolltest. Aber, was ich nicht verstehe, ist, wenn es so langweilig mit mir war, warum bist du dann nicht gegangen?“

„Weil ich dich liebe“, antwortete ich hilflos.

„Das habe ich bemerkt“, erwiderte er spöttisch.

„Mein Gott, Torsten, so was kann passieren, es passiert doch andauernd.“

Was ist das für ein blödes Argument, motzte mein Hirn.

„Und weil alle es machen, müssen wir es genauso tun?“ fragte Torsten. Er griff nach meiner Hand und führte mich zur Couch. Dort nahmen wir dann Platz.

„Tess, in einer Zeit, wo alles so schnelllebig ist, finde ich, dass Werte genau das richtige sind, um zu leben und zu überleben. Der Glaube an Werte. Nenn mich altmodisch, aber genau das will ich mit dir erleben.“

Er schaute mir fest in die Augen.

„Ich bin extra heute Nacht heimgekehrt, weil ich zu dir wollte. Und weil ich das Angebot habe, unser Büro in Hamburg aufzubauen.“

Er schwieg, während mir tausend Gedanken durch den Kopf schossen. Hamburg? Wieso sollte ich in eine fremde Stadt ziehen?

„Ich wollte es ablehnen“, fuhr er müde fort, „aber nach heute denke ich, ich werde das Angebot annehmen und nach Hamburg gehen.“