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Single Malt Weihnacht Weihnachten, ein Fest für viele nur mit der Familie. Mit unserer Anthologie haben wir ein (Vor-)lesebuch geschaffen, das Sie alleine, mit der Familie oder auch mit Freunden in dieser Zeit genießen können. Gerne laden wir Sie auch dazu ein, sich dazu ein edles Tröpfchen einzuschenken. Lassen Sie sich auf das Vorlesen mit Freunden und Familie ein.
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Single Malt Weihnachten
Von Baltrum Verlag
Buchbeschreibung:
Weihnachten, ein Fest für viele nur mit der Familie. Mit unserer Anthologie haben wir ein (Vor-)lesebuch geschaffen, das Sie alleine, mit der Familie oder auch mit Freunden in dieser Zeit genießen können. Gerne laden wir Sie auch dazu ein, sich dazu ein edles Tröpfchen einzuschenken.
Autor*innen:
Susanne Ulrike Maria Albrecht, AZR, Hermann Bauer, Nella Beinen, Carsten Böhn, Bianca Brepols, Melanie Buchelt, Sarah Christiansen, Kristin Fieseler, Kai Focke, Iris Förstner, Daniela Gesslein, Brigitte Harkou, David Hassbach, Inés Maria Jiminéz, Mathias Kopetzki, Sabrina Kriwoschejew, Lara Labchir, Lisa Lamm, Isabell Langkau, Christoph Lauer, Marilyn Lonsdale, Karina Luger, Julia Mehrheimb, Sandra Mierwaldt, Tobias Miller, Frank-Thomas Mitschke, Silvia Mörschardt, Bernhard Mosner, Vincent E. Noel, Gregor Ortmeyer, I.M. Oswald, Marten Petersen, Natalie Pfeiffer, Bianca Röschl, Lena Roth, Brigitta Rudolf, Pia Seidel, Marc Siebold, Katharina Spengler, Elisabeth Schlosser-Behrens, Sebastian Steffens, Ilayda Tate, Andreas Witte, Aimée M. Ziegler-Kraska, Sven Zottnick
Single Malt Weihnachten
Von Baltrum Verlag
Baltrum Verlag
Weststraße 5
67454 Haßloch
www.Baltrum-Verlag.de
Impressum
© 2021 Baltrum Verlag GbR
BV 2135 - Single Malt Weihnachten
Umschlaggestaltung: Baltrum Verlag GbR
Illustration: Baltrum Verlag GbR
Lektorat, Korrektorat: Baltrum Verlag GbR
Herausgeber: Baltrum Verlag GbR
Verlag: Baltrum Verlag GbR, Weststraße 5, 67454 Haßloch
Internet: www.baltrum-verlag.de
E-Mail an [email protected]
Druck: epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Der Text ›Der Glühwein‹ mit freundlicher Genehmigung des ›Eigenverlag Frank-Thomas-Mitschke‹.
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Stressfreie Weihnachtszeit
Marten Petersen
Es beginnt bereits im September. Dann kommt meine Frau vom Einkaufen nach Hause und stöhnt: »Unmöglich, bei Aldi und Co. sind die Regale schon voll mit Weihnachts-Süßigkeiten. Und dabei hat der Herbst noch nicht einmal begonnen.«
»Na ja, du musst ja noch nichts kaufen«, lautet meine offensichtlich etwas dümmlich erscheinende Antwort. Denn sie wird mit einem schrägen Blick von der Seite quittiert. »Und wenn dann das Beste weg ist, bist du dich mal bequemst?«
Was soll man dagegen sagen? In Familien- und Freundeskreis nennt man sie schon das ›christkindlichste aller Christkinder‹. Sie empfindet dies als Ehrentitel, ich bin da nicht so sicher.
Ein paar Tage später bringe ich so unauffällig wie möglich ein Argument ins Gespräch: »Letztes Jahr haben wir doch beschlossen, nicht so viele Geschenke zu kaufen. Das sollten wir dieses Jahr umsetzen.«
»Nicht so viel auf einmal«, lautet prompt die Korrektur meines lieben Christkindes, »daher habe ich auch schon einen Teil meiner Liste abgearbeitet!«
»Eine Liste? Welche Liste denn?«
»Ach weißt du, ich mache mir ab Neujahr einen Zettel und schreibe Geschenkideen auf. Im Laufe der Zeit kommen weitere dazu, andere werden wieder gestrichen. Auf diese Art habe ich dann rechtzeitig zum Fest einen Geschenkeplan.«
»Aha, und diesen Plan hast du schon abgearbeitet?«
»Bei Weitem nicht alles, aber doch schon einen Teil. Ich habe schon die alte Truhe ausgeräumt und die gekauften Sachen reingepackt.«
Ich erwiderte nichts, denn Anfang Oktober schon eine heiße Diskussion über Sinn und Unsinn von Weihnachtsgeschenken zu führen, das will ich nicht.
Anfang November traue ich meinen Augen nicht. In unserer Stadt ist eine ganze Horde von Elektrikern und Arbeitern dabei, Lichterketten quer über die Einkaufsstraßen und rund um den Marktplatz zu installieren. Wegen der vielen Leitern und der herumliegenden und -hängenden Leitungen und Kabeln ist der Straßenverkehr ziemlich eingeschränkt. Fußgänger müssen die Fahrbahn benutzen, an anderen Stellen werden die Autos über den Bürgersteig umgeleitet. Mit einer guten Stunde Verspätung komme ich zu Hause an. Ich berichte meiner Frau davon. Sie beschwichtigt mich mit den Worten:
»Aber eingeschaltet wird die Weihnachtsbeleuchtung erst am Montag nach Totensonntag.«
Wie beruhigend, also erst ab Monatsende.
»Muss man denn schon so früh an Weihnachten denken?«, zweifle ich.
»Na klar, und dann beginnt auch die schöne ruhige Vorweihnachtszeit. Denk nur an all die schönen Gerüche vom Backen, die durch die Wohnung ziehen. Zimt, Nelken, Rosenwasser und so weiter.«
Na, so weit ist es ja noch nicht, denke ich und erinnere mich an voriges Jahr. Gebacken wurde bis spät in die Nacht. Mindestens zwölf Sorten Kekse mussten es schon sein, zwei Tabletts von jeder Sorte.
»Sonst sieht der bunte Teller ja nicht bunt aus!« Ist die christkindliche Logik meiner Frau. Eine gute Woche Nachtarbeit steht uns also bevor. Ich sage uns, denn ein bisschen helfe ich immer mit. Ich will ja auch kein Spielverderber sein. Und das ist immer noch besser als ein Streit. Meine Frau belohnt meinen Eifer mit einem abendlichen Single Malt.
Als Erstes krame ich zwölf unterschiedlich große, aber allesamt mit Weihnachtsmotiven versehene Blechdosen hervor. Der darin befindliche Restbestand vom Vorjahresweihnachtsfest wird einmal durch die Getreidemühle gejagt. So haben wir genügend Vogelfutter für einen durchschnittlichen mitteleuropäischen Winter.
Es ist Anfang Dezember, meine Liebste kommt von der Arbeit nach Hause. Sie hat einen Plan: Die Wohnung soll nicht so stark auf Weihnachten dekoriert werden, eher dezent, überwiegend in Rot gehalten. Es soll nichts an Dekomaterial hinzugekauft werden, die Schränke sind ja voll davon, man könnte damit drei Wohnungen ausstatten. Erst verblüfft, dann erfreut stimme ich ihr zu. Das hört sich gut an.
»Ich werde aber eine neue Holzwand bauen und sie nahe beim Ofen montieren. Dann werde ich eine zweieinhalb Meter lange Girlande aus Buchsbaum und Tanne winden und an der neuen Holzwand befestigen. Dazu kommen einige kleine Regale. So kann ich eine ganz individuelle Weihnachtsdekoration anbringen!«
Mir schwant schon, dass ich das Tannengrün besorgen soll. Die Holzkonstruktion macht meine Liebste selber. Sie ist handwerklich sehr begabt und vor allem: So wird das Werk so, wie sie es haben will. Meine Liebste geht lieber in den Baumarkt als in die Parfümerie, trägt lieber den Makita-Werkzeugkoffer als eine feine Gucci-Handtasche. Mir dagegen bleibt nur die Rolle des Handlangers. Ich hole also Handkreissäge, Hobel, Werkzeugkiste und die Kiste mit Schrauben, Dübeln und Nägeln hervor. Während meine Frau werkelt, darf ich nur einige wenige Handreichungen leisten. Danach gehe ich in den Garten und schneide das notwendige Grünzeug für die Girlande.
»Das hast du fein gemacht. Mache eine Pause, ich mache noch weiter.«
Das Angebot nehme ich doch gern an und lege mich auf die Couch.
»Fertig! Schluss für heute, morgen geht es weiter.« Ich schrecke aus meinem Halbschlaf auf.
»Schon?«, frage ich verschlafen.
»Ja. Und zum verdienten Feierabend gibt es deinen geliebten Single Malt, den hast du dir verdient.« Ist das ehrlich gemeint? Oder es doch nur ehrlicher Sarkasmus?
Weihnachten findet auch draußen statt! Vor dem Haus wird die Herbstdekoration durch Tannengrün, durchsetzt mit einer Lichterkette, ausgetauscht. Ein paar Laternen, ein Weihnachtsmann, einige rot-gelb angemalte Holzkerzen vervollständigen die sparsame Dekoration außen.
Zeitgleich und pünktlich vor dem ersten Advent wird die Wohnung dezent umdekoriert: Rot-weiße Tischdecken, Geschirrtücher aus eben denselben Farben, sogar eine rote Klobürste wird angeschafft (die Alte muss vorübergehend ihr Dasein in der Garage fristen). Sie passt ausgezeichnet zum weihnachtlichen Dekor auf der Papierrolle. Auf dem Rand des Waschbeckens finden sich fein drapiert zwei frische Seifenstückchen mit Goldstaub, ein silberner Engel und ein roter Weihnachtsmann. Dann viele gläserne Tannenzapfen, bunte Farben aussendende Prismen, lang gezogene Glastropfen, pausbäckige himmlische Wesen, Weihnachtsmänner und Rentiere aus verschiedenen Materialien, klitzekleine Lichterketten, Weihnachtssterne aus Stroh und diverse rot-grüne Blumen werden in der Wohnung unauffällig und zurückhaltend verteilt. Die bisherigen Sofa- und Stuhlkissen werden gegen andere, überwiegend in Rot und Grün gehaltene Weihnachtskissen ausgewechselt. Die alten Fotos der Großeltern müssen Stickbildern mit Weihnachtsmotiven weichen, wenn auch nur vorübergehend bis nach Neujahr. Die Katze fühlt sich in ihrem rot-grünen Strickpullover nicht wohl. Noch nerviger findet sie aber das ewige Gebimmel der kleinen Glasglöckchen, die an ihrem Schwanzende angebracht sind. Am meisten Zeit nimmt aber das Umwickeln sämtlicher zweiundvierzig Blumentöpfe mit dünnem Weihnachtspapier in Anspruch. In sämtlichen Töpfen Amaryllis und Weihnachtsstern.
Auch das neue weihnachtliche Sammelgebiet meiner Frau entwickelt sich erfreulich-erschreckend: Sie sammelt Trinkbecher aus Porzellan, die mittlerweile etwa fünfzehn Exemplare umfassende Sammlung zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass die Wand der Becher plastisch ausgeformt ist, und natürlich – wie könnte es anders sein – jeweils einen pausbäckigen Weihnachtsmann darstellt. Als sie mir das neueste Exemplar zeigt, ist es gefüllt – mit einem Single Malt! »Prost mein Liebling!«, flötet mein Christkind.
Mittlerweile haben wir den Ton der Haustürglocke vom wohlbekannten »Avon-Ding-Dong« auf das weihnachtliche »Jingle Bells« umgestellt. Unter dieser gravierenden Veränderung hat unsere Katze sehr zu leiden. Passend dazu habe ich den Briefkasten an der Gartenpforte ausgetauscht. Der übliche Kasten mit dem Posthorn muss dem »Weihnachtskasten« weichen: Die Front ist mit einem zauberhaften »Winter-Wonderland-Motiv« versehen.
Zum zweiten Advent ist die Wohnung trotz dieser nur dezent und sehr gefühlvoll vorgenommenen Dekorationen nicht sofort wiederzuerkennen. Aber ich will auch etwas zur perfekten Weihnachtsstimmung beitragen und entwickele eine Schneeberieselungsanlage für das Wohnzimmer. Ähnlich einer Sprinkleranlage, kombiniert mit einer Gefrierzerstäubungstechnik, werden wir somit in den Genuss frischen Schnees vor dem Kaminofen kommen.
Da werden sich dann auch die beiden Stroh-Elche ganz wohl fühlen. Zur Belohnung für meine Kreativität stellt mein liebstes Christkind mir ein Gläschen Schnaps hin – Single Malt natürlich. Ich genieße ihn.
Kurz vor dem Fest kommt mir dann noch eine kleine Idee, unserer weihnachtlichen Wohnung ein authentisches Aussehen zu verleihen: Der Freund des Schwagers eines Kollegen aus dem Fußballverein lebt auf einem Bauernhof auf dem Lande. Neben vielen anderen Tieren hat er auf seinem Hof auch ein Eselspaar, das vor Monaten Nachwuchs bekommen hatte. Dieses kleine Eselchen kann ich ausleihen und bereite ihm in der Nähe des Christbaumes ein Heulager. Das permanente I-aaa, I-aaa stört uns nicht allzu sehr in unserer Nachtruhe.
Das i-Tüpfelchen aber ist auf dem Klo zu finden. Sobald der Sitz sich durch Hautkontakt auf 30 Grad erwärmt hat, ertönt ein schmetterndes »Halleluja« aus Händels Weihnachtsoratorium. Ich habe es ausprobiert, mit einem Glas Single Malt in der Hand. Es funktioniert, auch wenn dabei ein paar Tropfen des guten Whiskys verschüttet wurden.
Wenn mein Christkind glücklich ist, bin ich es auch. »Das wäre es für dieses Jahr«, sagt meine Liebste und reicht mir ein weiteres Glas meines Lieblingswhiskys. Die vielen Gläser Single Malt zeigen erste Folgen. Fröhlich singe ich statt »Jingle Bells, Jingle Bells« jetzt »Single Malt, Single Malt«.
Ich weiß nicht, wie andere Familien mit ihrem überzogenen Weihnachtstohuwabohu zurechtkommen. Da lobe ich mir das Minimalprinzip meiner Frau.
Weihnachten – niemals ohne
Single Malt
Brigitta Rudolf
Ian hatte sich damit abgefunden, dass sein Leben eine Wendung genommen hatte, nachdem Caitlin ihn verlassen hatte. Nicht ohne Grund, zugegebenermaßen. Aber danach hatte er komplett den Halt verloren und war endgültig auf der Straße gelandet. Er hatte unter den Tippelbrüdern sogar Verbündete gefunden. Meistens zogen sie zu dritt los und hatten auch einen Platz unter einer Brücke, den sie miteinander teilten. Das Leben als Obdachloser war nicht ganz ungefährlich in einer Stadt wie dieser. Allerdings gab es mindestens einen Tag im Jahr, an dem er sich komplett von seinen Freunden abschottete. Das war der Heilige Abend. Dann übermannte ihn der Kummer über seine scheinbar ausweglose Situation jedes Mal von Neuem. Früher, ja früher, da hatte er am Heiligen Abend mit seiner Frau Caitlin daheim in ihrem gemütlichen kleinen Haus vor dem Kamin gesessen. Sie hatten sich an ihrem Weihnachtsbaum gefreut und zum krönenden Abschluss des Tages hatte er die Flasche Single Malt geöffnet, die er von ihr erhalten hatte. Dieses Geschenk erhielt er seit Jahren zu jedem Weihnachtsfest. Und er kam lange damit aus, er war kein Trinker. Damals nicht. Seitdem er auf der Straße lebte, sah das anders aus. Es waren selten harte Sachen, die seine Freunde und er tranken, aber der Alkohol half ihnen letztlich auch die kalten Winternächte zu überstehen. Gelegentlich setzte er sich an den Eingang des großen Einkaufszentrums und erbettelte sich etwas Geld. Seinen Malt zu Weihnachten, den brauchte er einfach. Allerdings hielt die Flasche nie lange, sondern war spätestens nach dem ersten Feiertag leer. Dann kehrte Ian zu seinen Freunden zurück. Die kannten seine Marotte und stellten keine Fragen mehr. So hatte er es auch in diesem Jahr geplant. Nachdem er sich von Tom und John verabschiedet und zwei Flaschen seiner Lieblingsmarke besorgt hatte, suchte er seinen geheimen Platz auf. Dort ließ er sich nieder, breitete eine Decke aus und setzte die Flasche gleich an den Hals. Heute wollte er sich betrinken. Seine Gedanken kreisten, wie immer zu Weihnachten, auch um Caitlin. Wie mochte es ihr gehen? Wie und wo mochte sie jetzt leben? Er hatte seit Jahren nichts mehr von ihr gehört. Wenn ich doch nur noch einmal mit ihr sprechen könnte, dachte er sehnsüchtig. Aber sie hatte viel zu lange Geduld mit ihm gehabt, und als sie endgültig gegangen war, konnte er es ihr im Grunde nicht einmal verübeln. Er wusste, er war oft sehr unzuverlässig gewesen, und das bereute er nun zutiefst. Nur aus diesem Grund hatte er diverse Jobs verloren, deshalb hatte Caitlin eines Tages die Nase voll gehabt und ihn verlassen. Wieder nahm er einen tiefen Schluck aus der Flasche. Die meisten Leute saßen jetzt in der Kirche oder zu Hause und feierten Weihnachten mit ihrer Familie. Er fühlte sich einsam, wie immer an diesen Tagen. Jetzt begann es auch noch zu schneien. Dicke Flocken fielen vom Himmel, schnell hatte der Schnee auch über ihn ein weißes Laken gebreitet. Ian begann zu frieren und wickelte seine Decke fester um sich. Auch dagegen half der Whisky, also trank er noch einen Schluck und noch einen. Es dauerte nicht lange, da war die erste Flasche leer. Er warf sie achtlos fort und öffnete die zweite. Langsam verschwamm die Welt um ihn immer mehr und er sank zur Seite und schlief ein.
Als er erwachte, beugte sich ein goldhaariger Engel über ihn. Träumte er oder hatte er sich durch den Suff schon ins Himmelreich katapultiert? Vorsichtig blinzelte er und murmelte: »Was is´n los?«
»Das fragen Sie noch? Sie haben verdammtes Glück gehabt, dass einige Leute Sie gefunden und uns alarmiert haben. Diese Nacht ist kalt, Sie hätten erfrieren können. Aber jetzt nehmen wir Sie erst mal mit ins Krankenhaus«, antwortete der Engel.
Ian schluckte. Er lebte also noch. Ob er sich allerdings darüber freuen sollte, wusste er nicht. Willenlos ließ er sich aufhelfen und auf eine Trage betten. Um dagegen zu protestieren, fühlte er sich zu schwach. Dann dämmerte er kurzfristig wieder weg. Als er zum zweiten Mal erwachte, lag er, mit einem Krankenhauskittel bekleidet, in einem weichen und sauberen Bett. Ein fast vergessenes Gefühl von Wohlbehagen stieg in ihm auf. Vorsichtig sah er sich um. Sein Schädel brummte und er erinnerte sich, dass er einige Stunden zuvor eine ganze Flasche Single Malt getrunken und sogar noch eine zweite angebrochen hatte. Gewohnheitsmäßig wollte er wieder danach greifen, aber die hatte man ihm wohl abgenommen. Stattdessen standen eine frische Flasche Mineralwasser und ein sauberes Glas auf seinem Nachttisch. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an, daher setzte er sich mühsam auf, öffnete die Flasche und trank einen Schluck Wasser. Brr, fast hätte er sich daran verschluckt. Wo hatte man seine Sachen hin geräumt? Einen Augenblick später fühlte er sich so weit, dass er aufstand und in dem schmalen Spind an der Wand nachsah. Stimmt, darin fand er seine Plastiktüten. Seine Kleidung lag ordentlich zusammengefaltet daneben, ganz hinten in der Ecke stand die angebrochene Flasche mit dem restlichen Whisky. Erleichtert griff er danach und nahm die Flasche an sich. Er wollte sich noch einen Moment ausruhen, dann würde er sich anziehen und das Krankenhaus verlassen. Was sollte er hier? Gerade, als er wieder auf dem Bett saß, klopfte es an der Zimmertür und im nächsten Moment stand die blonde Frau wieder vor ihm, die dabei gewesen war, als man ihn aufgegriffen hatte. Mit einem Blick erfasste sie die Situation. Sie ging schnell auf ihn zu, nahm ihm die Flasche sanft aus der Hand und sagte: »Das wollen Sie doch nicht wirklich. Heute ist Heiligabend und ich habe Feierabend. Deshalb wollte ich noch einmal nach Ihnen schauen. Wie fühlen Sie sich?«
Ian schaute sie an. Schließlich raffte er sich auf und antwortete. »Wie soll es mir schon gehen? Lassen Sie mich in Ruhe, ich möchte mich anziehen und gehen.«
»Wohin wollen Sie denn?«
»Das kann Ihnen doch egal sein«, gab er genervt zurück.
»Ist es aber nicht. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Ich bin ebenfalls allein. Wollen wir den Rest von Weihnachten gemeinsam verbringen?«
»Aber«, stotterte Ian. »Sie kennen mich doch gar nicht ...«
»Nein, aber ich finde, jeder hat eine zweite Chance verdient und Sie sehen aus wie ein anständiger Kerl. Ihre Blutwerte haben ergeben, dass Sie kein Gewohnheitstrinker sind. Sehen Sie, meinem Bruder konnte ich nicht helfen, als er vor einigen Monaten verschwand. Ich glaube, er ist in der Obdachlosenszene abgetaucht. Vielleicht können Sie mir sogar helfen ihn zu finden. Ich würde mich wirklich freuen, Sie, zumindest über die Feiertage, bei mir zu haben. Danach sehen wir weiter.«
Ian glaube zu träumen, aber diese Frau schien es wirklich ehrlich zu meinen. Und hatte Caitlin nicht immer gesagt, dass zu Weihnachten noch immer kleine Wunder geschehen konnten? Stumm nickte er.
»Ich heiße Nancy«, stellte seine Wohltäterin sich vor.
»Ian«, murmelte er.
»Ich weiß«, sagte sie leise und begann damit seine Habseligkeiten zusammenzupacken, während er sich anzog.
»Brauchen Sie den Whisky wirklich?«, fragte sie.
Wortlos nahm Ian ihr die Flasche aus der Hand und schüttete sie ins Waschbecken. Erstaunt registrierte er, dass es ihm nicht einmal schwerfiel.
»Gehen wir«, antwortete er.
Jetzt lächelte Nancy: »Frohe Weihnachten, Ian!«
»Frohe Weihnachten, Nancy.«
Irish Wedding Wish
Marylin Lonsdale
Die Müdigkeit eines Langstreckenfluges inklusive Umsteigens in den Knochen, der ungewohnte Linksverkehr rund um Dublin und keine Ahnung, was er im Shop einer Whiskey-Destillerie kurz vor Ladenschluss kaufen sollte, lies Ryan Wilson den Kopf schwirren, als hätte er einen Hieb von einem gegnerischen Eishockeyspieler abbekommen. Unter seinen Füßen knarzte der dunkle Holzboden und es war ihm unangenehm, dass seine derben Boots kleine Pfützen hinterließen. Schnell wischte er mit dem Fuß darüber und hoffte, dass es niemand bemerkte. Der Laden war so übertrieben weihnachtlich geschmückt, dass er sich wie in einem Bostoner Einkaufszentrum fühlte. Lediglich die ohrenbetäubende Beschallung mit kitschiger Weihnachtsmusik fehlte.
Ziellos griff Ryan nach einer Flasche mit bernsteinfarbenem Inhalt. Er überflog das Etikett und stellte sie wieder zurück. Ziemlich ratlos rieb er sich den Nacken. Was war besser: Einen möglichst teuren Whiskey oder lieber der Bestseller? Was würde Cathys Eltern imponieren? Ryan war überfordert mit der Auswahl eines passenden Geschenks für Professor Hurley und seiner Frau. Nicht das er noch nie Whiskey getrunken hätte. Nur eben nicht oft, und bei den wenigen Malen hatte er es am nächsten Tag bitter bereut, während er die Toilettenschüssel umarmt hatte. Schon bei dem Gedanken an die Nachwirkungen der gewonnenen Meisterschaft im letzten Jahr musste er schlucken. Es war widerlich gewesen und dazu noch schrecklich peinlich. Cathy hatte das ganze Badezimmer putzen müssen und ihn liebevoll mit Brühe und viel Wasser wieder aufgepäppelt, während er jammernd wie ein Baby auf der Couch gelegen hatte.
Langsam ging Ryan an dem hohen Holzregal entlang und betrachtete die farbenfrohen Etiketten. Dabei erregte eine Flasche seine Aufmerksamkeit. Sanft strich er mit einem Finger über das Gefäß, dessen Inhalt die gleiche Farbe wie Cathys Haare hatte. Dieses sanfte Rotgold, das in der Sonne zu schimmern schien. Wenn ihre wilden Locken im Wind tanzten oder sich auf dem Kopfkissen neben ihm kringelten, gefiel es ihm noch besser. Leider hasste Catherine ihre Locken und benutzte oft ein Glätteisen oder steckte die Haare in einem strengen Knoten nach oben. Außerdem versteckte sie ihre Sommersprossen gerne unter einer Schicht Puder. Er liebte es, wie die kleinen Punkte auf ihrer Nase zu tanzen schienen und machte sich oft einen Spaß daraus sie zu zählen, was Cathy wahnsinnig machte.
»Darf ich mal vorbei?«, erklang eine freundliche Stimme. Ryan, der in seinen Tagtraum abgedriftet war, fuhr zusammen, als ein Mann ihn ansprach und trat zur Seite. Er fühlte sich ertappt, weil er gerade an nicht jugendfreie Dinge gedacht hatte. Immerhin hatten sie sich seit drei Wochen nicht gesehen. Peinlich.
Er hatte gestern das letzte Training geschwänzt, nur um von Boston nach Dublin zu seiner Freundin zu fliegen und sie damit zu überraschen, dass er mit ihr und ihrer Familie Weihnachten feiern und um mit ihrem Vater dieses eine lebensentscheidende Gespräch führen zu können. Eines über das er seit Wochen nachgrübelte. Zum Üben hatte er sich sogar im Anzug mit seinem eigenen Spiegelbild unterhalten.
Was würde Professor Hurley wohl über ihn denken?
»Ach sieh mal einer an, da stiefelt ein ungehobelter Eishockeyspieler aus einem verpennten kanadischen Nest in mein Haus. Der Typ hat keinen Uniabschluss und weiß vermutlich nicht einmal, wie man das Wort Defibrillator schreibt. Und dann ist er auch noch so dreist, mich um die Hand meiner Tochter zu bitten. Dr. Catherine Hurley, Assistenzärztin in der sportchirurgischen Abteilung am Harvad MGH am House of Gods! Was denkt der sich? Ist der einmal zu oft mit dem Kopf an die Bande geknallt?«
Ryan schluckte. Wahrscheinlich sah er auch noch aus wie ein armer Irrer oder man hielt ihn für einen Ladendieb. Mit dem dunklen Parker, der roten Santa Mütze und seinem Rauschebart.
»Einen schönen guten Tag. Kommen Sie zurecht oder schauen Sie sich nur um, Mr. Santa?«
»Meinen Sie mich?«, fragte er verwirrt und sah auf die kleine Frau neben ihm herab.
»Ja, sehen Sie hier sonst einen bärtigen Mann mit einer roten Mütze?«, bemerkte sie lächelnd und rückte ihre dicke Hornbrille zurecht. Gegenüber ihr kam er sich vor wie ein Riese.
»Ach so, ja entschuldigen Sie«, verlegen zog er sich die Mütze vom Kopf und stopfte sie in seine Jackentasche. Er hatte sie eben am Flughafen gekauft, um Cathy, die ein absoluter Weihachsfreak war, damit zu überraschen. Nun sah er sicher total dämlich damit aus.
»Wegen mir müssen Sie die nicht ausziehen. Die Mütze ist sehr hübsch. Wir sind hier nicht im Restaurant oder der Kirche, mein Junge. Es ist ja bald Weihnachten.« Sie zwinkerte, dann stemmte sie die Hände in die Hüften und räusperte sich. »Also, was darf es denn sein? Sind Sie Whiskey Trinker? Haben Sie schon eine Vorstellung?«
Ryan rieb sich wieder den Nacken »Na ja, ich suche ein Geschenk für einen Arzt«, sagte er und hätte sich am liebsten mit der Hand vor die Stirn geschlagen. Er kam sich wie ein Elefant im Porzellanladen vor: völlig fehl am Platz.
Die alte Dame lächelte und zog ihre grüne Strickjacke zurecht, an der ein Namensschild ihren Namen verriet: Margret. Ein grauer Haarzopf wand sich um ihren Kopf wie ein Heiligenschein.
»Ich nehme an, es soll zum Genuss sein und kein Desinfektionsmittel?«, fragte sie verschwörerisch grinsend. »Ach, Ihre Mütze ist aus Ihrer Tasche gefallen!«
Ryan fluchte leise, hob die Mütze vom Boden auf und knete sie zwischen seinen großen Händen. »Vielen Dank, Ma´am«.
Sie lächelte und rückte sich erneut die Brille zurecht »Ah Kanadier. Was treibt Sie auf unsere schöne Insel?«.
»Das haben Sie gesehen?«, fragte er und wich erstaunt einen halben Schritt zurück.
»Nein, gehört! In meinen jungen Jahren war ich Flugbegleiterin. Ich war auf der ganzen Welt unterwegs. Und hatte auch den ein oder anderen netten Abend mit Männern aus Kanada. Tja, aber nun bin ich zu alt für diese Arbeit. Ich helfe meinen Freunden hier im Laden aus, wenn Not am Mann ist. Ich hab ja sonst nichts zu tun, seit mein Patrick nicht mehr ist«, erklärte sie und sah zu ihm auf. »Sie erinnern mich ein wenig an ihn.«
»Wirklich?« Wieder kam er sich doof vor. Heute redete er nur Schwachsinn. Das lag sicher am Jetlag.
»Was sind Sie denn so hibbelig? Müssen Sie zur Toilette oder noch weit fahren ?«, erkundigte sie sich.
»Ich weiß gar nicht, wie weit ich noch fahren muss. Ich möchte meine Freundin und ihre Familie zu weihnachten überraschen. Ist Bantry in der Nähe?«, fragte er unsicher.
»Bei dem Wetter noch ungefähr eine Stunde. Ich hoffe, dass Sie nicht so ein komisches Elektroauto haben wie der Sohn von James, dem der Laden hier gehört. Collin musste nämlich an der Haussteckdose laden. Das hat ewig gedauert und dann haben sie sich gestritten, wegen einer Wallbox. Was auch immer das sein soll.«
Ryan musste lachen. In Boston hatte er wirklich einen Tesla. Dort war es allerdings nie ein Problem, zu laden. »Keine Sorge, ich habe mir einen Diesel SUV geliehen. Meine Freundin meinte, damit kommt man hier am besten klar, sie fährt auch einen.«
»Schlaues Ding ihre Freundin. Die sollten sie sich warmhalten. Kennen Sie sich schon lange?«
»Nicht so lange, wie ich es gern hätte. Wir sind jetzt etwas über zwei Jahre zusammen und ich musste echt lange auf sie einreden, damit sie mit mir ausgeht. Und dann musste ich mit ihr ins Museum und in einen riesigen Buchladen«, sprudelte es aus ihm heraus.
Sie schnalzte mit der Zunge. »Oh, sie war nicht hingerissen von Ihnen? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Sie sind doch so ein stattlicher Kerl!«, stellte sie fest und ihre Wangen färbten sich rot.
Ryan lachte und schüttelte den Kopf. Dabei klingelte das Glöckchen am Bommel seiner Mütze, die er wieder aufgesetzt hatte. »Im Gegenteil! Sie war stink sauer auf mich. Eigentlich hätte sie Feierabend gehabt und dann hat ihr Chef verlangt, dass sie mich versorgen soll. Sie hat mir eine fiese Narbe an der Augenbraue genäht. Dabei hat sie keinen Hehl draus gemacht, dass sie es fürchterlich fand, dass ich sie mir bei einer Schlägerei auf dem Eis zugezogenen habe. Sie hat die ganze Zeit vor sich hin gebrummt sowas wie »Rüpel« und »Höhlenmensch«. Dabei musste ich ihr die ganze Zeit in die Augen sehen. Als sie fertig war, musste ich sie einfach fragen, ob sie mit mir ausgehen will. Sie hat mir einen Vogel gezeigt und mir einen Eisbeutel empfohlen, für die Narbe und für meine Eier. Ich stand da wie der größte Depp aller Zeiten aber verdammt, ich hatte noch nie so wundervolle grüne Augen gesehen. Ihre Augen sind wirklich so grün wie das Gras hier, das ist unglaublich«, sprudelte es aus ihm heraus und sein Herz schlug einen Gang schneller.
»Oh ja, hier in Irland gibt es das schönste Grün und die Frauen mit den schönsten Augen«, kicherte sie, dann nickte sie in Richtung des hinteren Verkaufsraumes. »Kommen Sie mal mit, ich glaube, wir sind hier falsch. Sie brauchen was Besonderes für den Vater dieser besonderen Frau.« Gespannt wie ein kleiner Junge folgte Ryan der Frau, die er mit seinen 1,93 um einiges überragte. Dabei musste er aufpassen nicht mit dem Kopf gegen einen Kronleuchter aus Whiskeyflaschen zu laufen.
Dann folgte er ihr eine Treppe hinauf, die zu einer kleinen Empore führte. Hier standen noch mehr Regale mit Flaschen. In der Mitte des Raumes blieb sie schließlich vor einem riesigen, umgedrehten Fass stehen, auf dem drei Flaschen standen.
Er beugte sich vor. Sie sahen sehr edel aus und der Inhalt jeder der aufwendig gestalteten Flaschen hatte eine etwas andere Farbe.
»Wissen Sie, ich treffe ihre Eltern heute zum ersten Mal außerhalb eines Video-Calls«, erklärte er mit heiserer Stimme. Ihm war plötzlich ganz flau im Magen.
Vielleicht sollte er sich auch etwas mitnehmen.
Doch er überlegte es sich schnell, denn würde er Cathy mit einem Whiskey in der Hand begegnen, hätte er nichts mehr von dem Abend. Sie wäre mit Sicherheit schneller voll als er und sie würde anfangen, schmutzigen Limericks zu singen, statt schmutzige Sachen mit ihm zu machen. Verdammt wurde ihm die Hose eng. Er sah nach unten und zog seinen dunklen Pullover ein Stück tiefer. Dabei lief er beinahe in Margret hinein, die stehen geblieben war. »Ich verstehe: ein Antrittsbesuch! Denken sie an Blumen für die Mutter.« Sie hob belehrend den Zeigefinger und präsentierte dann die Flaschen vor sich. »Das sind die Kronjuwelen unserer Produktion: der Kronprinz.« Sie deute auf die Flasche zur Linken. »Die Königin.« Die Flasche zur rechten Seite war die Aufwändigste. »Und der König, das Beste vom Besten, Kings Choice«, präsentierte sie die bauchige Flasche in der Mitte. »25 Jahre alt, ein reifer und perfekt abgerundeter dreifach destillierter Single Malt im ehemaligen Bourbon-Fass und Cherry-Fass, gereift in den Kellern unter der Produktion. Ein stiller, aber sehr guter König unter den Whiskeys.« Sie erklärte das so ehrfürchtig und mit einem solchen Funkeln in den Augen, das Ryan eine Gänsehaut bekam.
»Ich nehme an, ich kann ihn vorher nicht probieren?«, fragte er verlegen. Die Flasche sollte 250 Euro kosten. Nicht, dass er sich das bei seinem Gehalt als Eishockeyprofi nicht leisten konnte, aber er wollte auch keinen teuren Schrott kaufen.
Margret zwinkerte »Natürlich. Warten Sie kurz«, dann verschwand sie und er stand allein in dem Zimmer voller Whiskey-Flaschen, die ihn allesamt auszulachen schienen. Seht ihn euch an den Trottel, er hat keine Ahnung. Oh er wird sich fürchterlich bei Professor Hurley blamieren.
»Hier, bitte sehr.« Er zuckte zusammen als sie wie herbeigezaubert wieder vor ihm auftauchte und ihm ein bauchiges Glas auf einem kleinen ovalen Holztablett servierte.
»Und ich muss dann nicht die ganze Flasche nehmen?«, fragte er unsicher, bevor nach dem Glas griff.
»Nein, für gute Kunden sind die besonderen Proben natürlich gratis. Keine Sorge ich hab da schon noch mehr Flaschen, mein Junge.« Sie zwinkerte ihm zu.
Ryan schnupperte an dem Glas. Es roch umwerfend gut.
»Oh, der riecht phantastisch!«, begann er und wollte das Glas an die Lippen setzen, da legte sich Magrets Hand auf seine. Klein, weich und warm. Die Haut, die sich um ihre Finger spannte, glich dünnem Papier.
»Trinken Sie und denken Sie an Ihre Freundin. Ich weiß nicht, ob ihr Leute aus Kanada auch so abergläubisch sind wie wir Iren, aber dies ist ein besonderer Tropfen und wie manche meinen, dass im Wein die Wahrheit liegt, so liegt sie für uns im Whiskey. Wir kennen ihren Vater nicht, aber Ihr Gesicht verrät einiges, zum Beispiel, dass Sie die Hose voll haben, obwohl Sie so ein riesen Kerl sind. Reißen Sie sich mal zusammen! Wenn Sie mit eingezogenem Kopf vor der Tür stehen, dann wird das nichts. Sie sind doch Sportler! Stehen Sie auch mit eingezogenem Kopf auf dem Rasen?« »Es ist eher eine Eisfläche«, bemerkte er lachend und kratze sich am Bart. Margaret hob eine Augenbraue. »Sie sind Eiskunstläufer? So sehen Sie gar nicht aus. Aber heute geht das ja alles.« Er musste lachen, als er ihr fragendes Gesicht sah: »Nein, nein, ich spiele Eishockey. Sie wissen schon Helm, Schläger und eine kleine Plastikscheibe? Und wir sind so ziemlich die abergläubigsten Sportler unter der Sonne«, erklärte er.
Die alte Dame überlegte. »Eishockey? Ja, da hab ich von gehört. Ich erinnere mich an eine Werbung. Gab es da nicht diesen Wayne Grrr ...« »Gratzky, Wayne Gratzky«, sagte er und dachte an seinen großen Helden. »Wie auch immer, ich glaube, der Typ war ziemlich erfolgreich. Also strengen Sie sich ein bisschen an für Ihr Mädchen, guter Mann. Ich war auch mal eine Tochter, müssen Sie wissen.« »Meine Mutter würde mir die Ohren langziehen, wenn ich das nicht tun würde. Sie liebt Cathy über alles und sagt immer, dass mit keine Bessere passieren könnte« , erklärte er im Brustton der Überzeugung. »Richtig so, ich mag Ihre Mutter«, lobte sie. »Geht mir genauso«, lachte er und dachte an seine Mutter Claire, die ihm vor ein paar Wochen in vollstem Vertrauen und mit Tränen in den Augen den wunderschönen Ring seiner Großmutter für Cathy gegeben hatte.
»Gut, dann probieren Sie mal, ob dieser die richtige Wahl ist«, forderte sie ihn auf und nickte aufmunterend.
Ryan nahm das Glas hoch. Sobald die Flüssigkeit sich in seinem Mund ausbreitete und seine Kehle hinab rann, sah er Cathy vor sich. Wie sie verschlafen, nur mit seinem T-Shirt bekleidet die Treppe von ihrem Schlafzimmer hinunterkam, wie sie ihn im Stadion anfeuerte, wie sie in der Küche kochte oder nach einer Doppelschicht heimkam und sich einfach nur auf die Couch fallen ließ, um dort einzuschlafen während er ihr einen japanischen Ramen holte. »Ich denke, die ist es«, grinste er Magaret, zu als er das Glas abstellte. Sie tippte sich an den Rand ihrer Brille »Hab ich mir gedacht. Bin gleich wieder da. Ich verpacke Sie Ihnen noch schön.« Dann verschwand sie wieder hinter dem Vorhang und lies Ryan allein zurück. Durch den Alkohol war ihm warm geworden und er zog seine Jacke aus, legte sie sich über den Arm und atmete erleichtert den würzigen Geruch der Holzregal und Fässer ein, die um ihn herum standen. Ob in Whiskey wirklich eine Wahrheit lag? Er liebte Cathy über alles und dieses Weihnachten würde ihm sicherlich in bleibender Erinnerung bleiben. Er hoffte in einer Guten.
»So, ich hab Sie Ihnen noch schön und bruchsicher verpackt«, holte Margret ihn aus seinen Gedanken, dann reichte sie ihm einen Karton, den sie in rot glänzendes Papier eingeschlagen und eine grüne Schleife darum gewickelt hatte.
»Das sieht wirklich toll aus, ich danke Ihnen«, sagte er erleichtert. »Auch für die nette Hilfestellung.« Sie winkte ab: »Ich hab zu danken, wir müssen ja noch zur Kasse«, erklärte sie und lachte leise. Natürlich. Sie freute sich bestimmt, dass sie die teure Flasche an ihn verkauft hatte. Der Whiskey hatte wirklich außergewöhnlich gut geschmeckt und allein die Beratung war es wert.
Er folgte ihr zur Kasse und reichte ihr seine Kreditkarte über den hölzernen Tresen. Dann kicherte sie, während der Kassenbon aus dem Gerät ratterte.
»Vielen Dank, Mr. Wilson.«
»Ich danke ihnen Mrs ...?«, er überlegte kurz.
»Magaret für sie«, sagte sie sanft und reichte ihm das Paket über die Theke.
»Vielen Dank, Magaret. Drücken Sie mir die Daumen? Ich könnte ein bisschen Glück gebrauchen.« Er nahm das Paket hoch.
Sie nickte. »Das wird schon. Möge der Weg euch zusammenführen, der Sturm euch nicht entzweien, und die Sonne wärme eure Herzen. Der Regen sei ein Segen für euch und die Welt. Seine Frische möge euch Glück bringen.«
Ryan war kein Fan von Schnulzen, aber der Spruch gefiel ihm gut. Am liebsten hätte er ihn aufgeschrieben. Wahrscheinlich kannte Cathy ihn längst und würde sich über ihn lustig machen. Sie behauptete immer, dass sie eine Irin war, die nur ein klitzekleines bisschen abergläubig sei. Das war sehr untertrieben. Sie hatte Glücks OP-Hauben, Glückssocken und Schuhe und wehe, er hatte am St. Patricks Day keine grüne Kleidung an.
»Danke Ihnen nochmal. Tut mir leid, dass Sie wegen mir länger geöffnet haben mussten und frohe Weihnachten!« Verabschiedete er sich als sie gemeinsam zur Tür gingen und sie hinter ihm das Schild umdrehte » Wie gesagt, ich hab Zeit. Gute Fahrt und Ihnen und Cathys Familie auch ein schönes Weihnachten«, Magaret lächelte ihm aufmunternd zu.
Als Ryan aus der Tür trat, regnete es und der Wind zupfte an seinen Haaren. Schnell schob er das Paket in seine Jacke, um es vor der Nässe zu schützen, und ging über den Parkplatz zum Auto. Dort verstaute er seine kostbare Fracht sicher. Bevor er den Motor startete, betrachtete er sich im Rückspiegel. Er hatte rote Wangen und sah wirklich aus wie ein junger Santa Claus. Grinsend wackelte er mit dem Kopf, damit das Glöckchen klingelte. »Ho, ho, ho, ich seh´ aus wie ein Idiot«, lachte er und verdrehte die Augen.
Dann stellte er im Navi die Adresse von Cathy ein und fuhr los. Er konnte es kaum erwarten, zu ihr zu kommen.
Während der Fahrt übte er das letzte Mal, was er zu ihrem Vater sagen wollte. Das tat er auch für wichtige Interviews. Auf dem letzten Stück verstummte er und summte nur noch leise die Weihnachtssongs mit. Wie Magaret vorhergesagt hatte, brauchte er zum Haus von Cathys Familie knapp über eine Stunde. Auf dem Weg dorthin hatte er sich mit einem Energiedrink von der Tankstelle wachgehalten. Und noch einen Blumenstrauß für ihre Mutter gekauft. Für Cathy hatte er ihre geliebten Toastwaffeln mit Zimt dabei. Bald teilte das Navi ihm mit, dass er in der Peter-Griffin-Street 5 angekommen war. Endlich hatte er das Haus gefunden. Es hatte einen großen Vorgarten, der von einer niedrigen Steinmauer umrahmt war. Ein Kiesweg führte zum Haus. Es hatte eine gelbe Fassade, sah nicht mehr ganz neu, aber sehr gepflegt aus.
Er parkte seinen Wagen neben einem grauen Kombi, nahm das Geschenk, die Blumen und die Toastwaffeln, die er an Flughafen schon aus dem Koffer gewühlt hatte. Er richtete sich die Santa Mütze und atmete tief durch. »Auf in den Kampf«, beschwor er sich selbst wie vor einem Spiel. Dann stieg er schwer bepackt aus, ging gegen den Wind kämpfend zum Haus und klingelte. Sein Herz schlug schneller. Es dauerte einen Moment, dann öffnete sich die Tür. Licht blendete ihn. Er blinzelte einmal, zweimal. Da stand doch nicht wirklich Magaret aus dem Whiskey Laden vor ihm?
»Magaret? Wie kommen Sie denn hier her?«, fragte er unsicher und blinzelte nochmal. Das konnte nicht wahr sein. Die alte Dame grinste nur verschwörerisch. Dann drehte sie sich um.
»Wir haben Besuch. Catherine, da ist ein netter Junger Mann für dich!«, rief sie und zwinkerte ihm zu. »Oh Gran, hast du wieder Pater O´Brian eingeladen?« Cathys Lockenkopf erschien im Flur. Sie hatte eine grüne Schürze umgebunden und hielt ein rot-weiß kariertes Küchenhandtuch in der Hand. Ihre Augen weiteten sich. Mit einem kreischen ließ sie das Handtuch fallen und stürmte durch den Flur, in dem es köstlich nach Weihnachten roch, auf ihn zu. »Ryan, Schatz, was machst du denn hier?«, lachte sie und warf sich in seine Arme. »Ich wollte Weihnachten nicht ohne Dich verbringen, Cathy«, antwortete er, zog sie an sich und schnupperte an ihren Locken. Ja, sie war die Richtige, da war er sich sicher, so sicher wie Irland grün war und er sich von mehr als einem Glas Whiskey übergeben musste.
Kathrine
Bianca Brepols
Der erste Schluck lief ihm die wohltuend die Kehle runter. »Wild Turkey«– seine liebste Whiskey-Sorte. Bourbon. Die hellgelbe Flüssigkeit leuchtete im Kerzenschein. Mehr Licht brauchte er nicht. Es war Heiligabend – und er war allein. Das erste Weihnachten ohne sie. Kathrine. Heute war es drei Monate her. Nachdem ihr Körper innerlich aufgefressen war, schlief sie abends ein und wachte nicht mehr auf. Jetzt war er allein auf der Farm - mitten in Kansas, dem »Sunflower State«.
Seine Söhne wollten keine Farmer werden. Also musste er, als sein Körper die Belastungen des Ackerbaus und der Viehzucht nicht mehr wegstecken konnte, die riesigen Felder verpachten und die Büffel verkaufen. Nur das Haupthaus und der Schuppen waren ihm geblieben. Dort befand sich sein liebstes Gefährt, der John Deere Modell 80 Diesel, gerade im Winterschlaf.
Heute hatte es geschneit. Das geschah nicht oft im Jahr. Knietief hatte er am Nachmittag in der weißen Pracht gestanden und auf seine ehemaligen Felder geschaut. Einmal Farmer, immer Farmer. Er vermisste die Arbeit mit den Tieren. Den Geruch von frischem Heu und Stroh. Der Bourbon erinnerte ihn daran.
Er blickte rüber zum Kamin. Das zweihundert Jahre alte Farmhaus besaß keine Heizung, keine Klimaanlage. Sie waren stets ohne Schnickschnack ausgekommen. Als Kathrine schwer erkrankte, kauften ihnen die Kinder ein schnurloses Telefon. Das einzige moderne Gerät in diesem Haus. Damit sie immer und überall nach Hilfe rufen konnten. Die nächsten Nachbarn wohnten eine Meile weit weg.
Jetzt lag es auf seiner Ladestation. Anrufe bekam er wenig. Viele seiner früheren Farmerkollegen waren verstorben oder weggezogen. Große Gesellschaften betrieben nun den »Brotkorb der USA«. Diese Entwicklung machte ihn traurig. Die Arbeit des Farmers wurde, seiner Meinung nach, immer weniger geschätzt.
Müde ging er die Treppen zu ihrem - jetzt seinem - Schlafzimmer hoch. Vorbei an der Wand, wo sein jüngster Enkel vor ein paar Jahren in einem unbeobachteten Moment seine »Kunst« direkt auf die Tapete brachte. Während die Eltern das Kind ausschimpften, hatte er gelacht und einen Holzrahmen um das Bild genagelt. Zu seinem Enkel sagte er, dass es das erste und letzte Bild sein würde, welches er ungebeten auf eine Wand malte.
Er zog sich um, putzte seine Zähne und legte sich ins Bett. Löschte das Licht und schlief ein. In dieser Nacht beschloss sein Herz, dass es Zeit war, Kathrine zu folgen.
Zwei Singles, ein Malt
Tobias Miller
Er half seiner blonden Begleitung galant aus dem schwarzen Mantel, bevor sie sich auf den Lederstuhl fallen ließ. Sofort war ich zur Stelle und nahm dem Gast das Kleidungsstück ab, um es an der Garderobe neben dem Eingang auf einen Bügel zu hängen. Ihr Haar verzierte den angerauten Stoff wie Goldfäden eine Uniform. Ich strich darüber und lächelte. Ohne mir etwas anmerken zu lassen, verschwand ich hinter der Bar und bereitete den Aperitif vor. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich das Pärchen weiter. Die geröteten Lider der Dame verrieten eine schlaflose Nacht, die das Make-up nicht überdecken konnte. Doch der Lippenstift verlieh ihrem Lächeln eine Frische von Waldluft am Morgen. Nicht nur ich bemerkte das – es fing auch ihren Begleiter ein. Er vollführte eine linkische Handbewegung und setzte sich ihr gegenüber.
»Warum wohnst du im Hotel? Ich sehe dich viel zu selten.« Der raue Tonfall des Herrn im perfekt sitzenden Nadelstreifenanzug war unüberhörbar. Noch ist er nicht in diesem Moment angekommen, noch hat er nicht losgelassen. Ihn umgab weiterhin eine Aura, die es erschwerte, ihm zu widersprechen.
»Weil ich es so wollte.« Meine Mundwinkel zuckten. Ihre Stärke imponierte mir. Die knallroten Lippen formten die Worte mit aller Bestimmtheit, ohne einen Anflug von Ärger preiszugeben. Ich hing an ihnen und konnte mich nicht sattsehen. Er beugte den Oberkörper vor.
»Wie lange ist es her?« Er schenkte Wasser aus der Glaskaraffe ein.
»Das weißt du genau.«
Der Anzugträger nickte und senkte den Blick auf die Tischplatte.
»Eine Ewigkeit seit Paris.« Heiserkeit lag in seiner Stimme. Er räusperte sich und rieb sich ein Auge unter der Brille. In aller Stille polierte ich die Whiskeytumbler. Gemeinsam verloren sich unsere Blicke aus dem Fenster. Vom sechsundsechzigsten Stock betrachtet glichen die Häuser Spielzeugbausteinen. Einzelne Lichtpunkte aneinandergereiht zu endlosen Straßenzügen zeichneten ein chaotisches Muster auf die Erdoberfläche. Niemals erlaubten sie der Finsternis, auf die Stadt hinabzusinken.
»Das war eine wunderbare Auszeit«, flüsterte er, bevor er mit den Fingerkuppen sanft über ihre Hand strich.
»Hoffentlich vergeht nicht mehr so viel Zeit bis zu deinem nächsten Besuch.«
»Ich bin doch gerade erst angekommen«, schmollte sie. Er nickte.
»Hoffentlich bist du nicht enttäuscht. Wir feiern Weihnachten nicht so, wie du es ...«
»In dieser Stadt ist mir nie langweilig«, unterbrach sie ihn und deutete mit dem Blick auf den bunt erleuchteten Tokyo-Tower. Diesmal war er es, der eine Schnute zog. Ich schniefte auf und schüttelte den Kopf. Er hatte wohl erwartet, sie wäre wegen ihm gekommen.
»Wie war dein Flug?«
»Zu lang ... – ein tolles Restaurant. Danke.« Sie ließ den Blick durch den Saal schweifen und zupfte die Träger ihres Abendkleids zurecht.
»Alles in Ordnung?«
»Der Jet-Lag ... Die Zeitumstellung haut mich immer um.«
»Wie lange bleibst du? Das hast du mir über Skype nicht gesagt.« Sie schaute wieder aus dem Fenster, antwortete aber nicht.
»Wie geht es deinem Vater? Kommt er allein klar?«, fragte sie stattdessen.
Er neigte den Kopf von links nach rechts, was sein schwarzes Haar hin und herfallen ließ.
»Seit meine Mutter ihn verlassen hat, trifft er sich zweimal die Woche in einem Izakaya zum Kartenspielen. Er gewinnt immer ...«
Sie lachte lauthals auf und zwinkerte ihm zu.
»Das passt zu dem alten Schlitzohr.«
Er prustete los. Sie hatte es geschafft. Der knallharte Geschäftsmann hatte sich innerhalb von Minuten in einen fühlenden Menschen verwandelt.
»Siehst du Akira oft? Du sprichst nur noch selten von ihr.« Aus seinem Gesichtsausdruck entwich jede Fülle wie Luft aus einem kaputten Fußball.
»Sie ist mit ihrer Mutter nach Osaka gezogen ...«, sagte er mit gesenktem Blick.
»Ah, daher bist du öfter in der Zweigstelle.«
Er lächelte und wandte den Kopf kurz ab.
»Auch ...«
»Läuft die Firma gut?«
Eifriges Nicken. »Wir übernehmen gerade einen amerikanischen Konkurrenten. Ich werde in der nächsten Zeit öfter nach San Francisco fliegen.« Dabei lehnte er sich zurück und streckte sich über die Rückenlehne des Stuhls aus.
»Mmmhhh«, knurrte sie.
»Keine Angst, wenn du kommst, bin ich hier.« Er grinste breit, doch sie reagierte nicht darauf.
»Und bei dir?«, fragte er mit gerunzelter Stirn.
»Alles steht Kopf.«
»Klingt nicht begeistert.«
»Immer dasselbe. Die Firma will Stellen abbauen ...«
»Deine Abteilung ist wohl kaum betroffen.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Ich überlege trotzdem, ob ich was anderes mache.«
Er zog die Brauen hoch und schaute sie gespannt an.
Lautlos pirschte ich mich an ihren Tisch und entzündete eine Kerze in der Mitte. Ich reichte die Aperitifs, die sie dankend annahmen.
Plötzlich vibrierte ihr Telefon.
»Ganz genau. Lagern Sie die Sachen bitte ein, bis ich mich melde.« Sie legte auf. Ihr Gegenüber wog den Kopf schräg. Sein jungenhaftes Gesicht verriet weder sein wahres Alter noch eine emotionale Regung. Nur die zusammengekniffenen Augen zeugten von Misstrauen.
»Mein Gepäck. Ich lasse es später liefern.«
»Wieviel hast du dabei?«, fragte er irritiert.
»Zu viel für einen Koffer ...«
Ihr Lächeln war aufrichtig, trotzdem verbarg sie etwas. War sie verlegen? Er bedeutete ihr mit der Hand, fortzufahren.
»Ich habe gekündigt.«
Der Herr im Anzug zuckte zurück. Mit geöffnetem Mund saß er da und hielt sich an der Tischkante fest.
»Ich verstehe nicht. Der Job kam bei dir immer an erster Stelle ...«, antwortete er einen Moment später.
»Ich fange neu an«, sagte sie felsenfest überzeugt.
»Mit weniger Gehalt.«
»Mit mehr Verantwortung.«
»Mit längeren Arbeitszeiten.«
»Mit freien Wochenenden.«
»Ohne Dienstwagen.«
»Mit weniger Reisen.«
»Was für ein Job soll das sein?« Die Schroffheit kehrte in seine Stimme zurück.
»Ich bin Großunternehmen leid. Es ist ein Mittelständler.«
Er wog den Kopf hin und her, als taumelte er wie Treibgut im Wasser.
»Wann?«
»Zum neuen Jahr.«
»Mmmh, du fliegst in ein paar Tagen zurück«, seufzte er. Sie griff in ihre Handtasche und wühlte darin umher. Unter dem Tisch blätterte sie in einem roten Büchlein, bis sie die Seite gefunden hatte. Sie legte sie ihm vor.
Ungläubig nahm der das Heft in die Hand. Erst lehnte er sich zurück, nickte dann aber anerkennend. Ehrfürchtig fuhr er mit den Fingern über das Visum.
»Du bleibst ...«
Er schaute sie mit leuchtenden Augen an, rieb sich mit der Hand das Kinn und stützte die Ellenbogen auf den Tisch. Gebannt starrte er erneut auf das Dokument, um ihm all die Geheimnisse zu entlocken, die er noch nicht entschlüsselt hatte.
»Warum hast du nichts gesagt? Lass mich raten: Weil du nicht wolltest?« Er lachte auf.
»Mmmh.«
»Daraus soll einer schlau werden. Und wie geht’s weiter?«
»Die Firma vermittelt mir eine Wohnung. Bis dahin bleibe ich im Hotel.« In ihren Augen blitzte es, aber er schien ihr Spiel nicht zu durchschauen.
»Ah ...« Er reichte ihr den Pass. Eine Weile schwiegen sie und nippten an ihren Gläsern.
»Was hast du?«, fragte sie schließlich, um die Stille zu durchbrechen. »Ich dachte, du würdest dich freuen.«
»Ich freue mich ...«
»Aber?«
»In einem solchen Fall ...«
»Ja?«
»Du könntest auch zu mir ziehen ...«
Sie kicherte wie ein kleines Mädchen. »Wir haben nie zusammen gewohnt.«
Er zuckte mit den Schultern.
»Ich würd’s riskieren ...« Sie lachte herzhaft auf.
»Und was ist mit mir?«
»Du weißt, wie gut meine Miso-Suppe ist.«
Sie legte ihm eine Hand auf den Arm.
»Deine Nudeln sind auch nicht von schlechten Eltern.« Sein Blick entspannte sich wieder und der Mund formte ein verschmitztes Lächeln.
»Wirst du Frankfurt nicht vermissen?«
»Ein wenig, aber das ist es mir wert.«
»Was ist dir was wert?«
»Mein neues Leben.«
»Mmmh. Und die nächsten Tage? Hast du Pläne?«
»Ein paar Wohnungsbesichtigungen ...« Sie wickelte die Haarspitzen um ihre Finger.
»Ah.« Er nickte verständnisvoll.
»Vielleicht kommst du ja mit?« Er verschränkte seine Hand in ihrer. Dann legte er den Kopf zur Seite und sagte: »Nimm etwas nach deinem Geschmack.«
»Ich kenne die Stadt nicht so gut.« Sie freute sich wie ein Kind über sein empörtes Gesicht. »Oooh, nein, das nicht«, prustete er heraus, »du bekommst keinen Touristenführer.«
»Aber ich möchte dich an meiner Seite.«
In diesem Moment rappelte er sich auf und winkte mir zu.
»Wir haben etwas zu feiern.«
Ich nickte verständnisvoll. »Darf ich etwas empfehlen?« Die Blicke des Paares hafteten auf mir.
»Yamazaki, 18 Jahre, Single Malt. Ein würdiger Toast auf das neue Leben.«
Er stockte und sah mich mit geweiteten Augen an.
»Ich lese Lippen. Entschuldigen Sie.« Ich trat einen Schritt zurück. »Ist nicht meine Art, Leute zu belauschen. Aber sie sehen beide so glücklich aus.«
Das Paar lächelte und nickte mir zu.
»Dann zwei Yamazaki«, sagte er. Darauf hob sie die Hand zum Protest und zeigte mit dem Finger in meine Richtung.
»Einen Doppelten. Das zweite Glas können wir uns sparen.« »Heißt das, ich soll ...?« Mit gerunzelter Stirn hob er die Schultern.
Ich eilte zur Bar und holte den edlen Tropfen aus einem Kabinett unter der Theke hervor. Geübt füllte ich einen Tumbler.
»Wenn du willst. Deine Wohnung ist doch eh zu klein für zwei.«
Kurze Zeit später reichte ich den Drink.
»Das Glück kommt zu denen, die lachen«, sagte ich und beide griffen zum Glas.
Uisge beatha
Aimée Ziegler-Kraska
Sie ward am heiligen Abend gesegnet
mit den Geistern des Landes.
Toniken auf ihrer Stirn.
Anschließend, Feierlichkeiten.
Wasser des Lebens
hinter jedem Lachen,
Torf und Heidekraut
unter der Zunge.
Familie heißt hier Clan.
Die Besucherin
Sarah Christiansen
