Beschreibung

Hugo Kükelhaus (1900-1984) hat in seinem umfangreichen Werk als Designer, Philosoph, Pädagoge, Architekt und Umweltdenker Antworten gegeben auf Probleme, die uns heute mehr denn je bedrängen. Wie geht der Mensch mit sich und dem Planeten um, wie muss eine menschengerechte Umwelt beschaffen sein? Wie können wir die künstliche Evolution bewältigen, die wir selbst ausgelöst haben? Dabei spielen die Sinne eine besondere Rolle, denn unsere Wahrnehmungsformen haben existenzielle Auswirkungen. Nicht das Auge sieht, der ganze Mensch sieht, lautet eine Formel von Kükelhaus. Wir können sie täglich erproben. Der vorliegende Band versammelt Essays zum vielgestaltigen praktischen und theoretischen Werk von Hugo Kükelhaus.

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Seitenzahl: 77

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Inhalt

Vorwort

Organerfahrung und Weltgestaltung

Zum Leben und Werk von Hugo Kükelhaus

(1981)

Sinn und Sinne

Rede am 24.3.1990 zum 90. Geburtstag von Hugo Kükelhaus

Das erste und das letzte Buch

Urzahl und Gebärde

Auswahlbibliographie

Vorwort

Als Hugo Kükelhaus 1984 im Alter von 84 Jahren starb, hinterließ er ein umfangreiches Werk: Bauten, Geräte, Projekte, Ideen, Schriften und Zeichen. Allmählich beginnt nun die Zeit, in der wir uns fragen müssen, wie wir dieses Bündel an Impulsen in unseren jeweiligen Wirklichkeiten umsetzen können. Kükelhaus’ Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne mit seinen Geräten und Stationen bewegt sich seit Jahren durch die Lande, befasst, berochen und erlebt von vielen tausend Besuchern. Architekten haben seine Ideen aufgegriffen, Pädagogen haben sie in ihre Arbeit integriert. Die ersten Magisterarbeiten sind erschienen, Filme gedreht worden.

Die vorliegenden Versuche verstehen sich als weitere Schritte im Sinne eines Nachdenkens über Kükelhaus. Ich habe ihn zuerst in meiner Kindheit erlebt, dann durfte ich als Student sein Erfahrungsfeld mitbetreuen. Das freundschaftliche Gespräch über Jahre und die Auseinandersetzung mit seinen Ideen führte schließlich zu einer Reihe von Veröffentlichungen über sein Werk. Die wichtigsten sind nun in dieser Publikation zusammengestellt worden. Der erste Beitrag ist eine Einführung in sein Leben und Werk, die 1981 im Merkur erschien, der letzte Beitrag eine Besprechung seines ersten und letzten Buches. Der mittlere Teil, »Sinn und Sinne«, ist die leicht veränderte Wiedergabe einer Rede, die ich zum 24. März 1990, dem Tag, an dem Kükelhaus 90 Jahre alt geworden wäre, in Soest/Westfalen gehalten habe. Der Arbeitskreis Organismus und Technik hatte mich dazu eingeladen, sowohl eine Bestimmung des Ortes von Kükelhaus in der geistigen Landschaft der Gegenwart vorzunehmen als auch persönliche Erinnerungen einzuflechten. Entstanden ist so etwas wie ein Übersetzungsversuch, der Versuch, mit eher spielerischen Mitteln an die Wirklichkeit von Kükelhaus anzuknüpfen.

Eine andere Form der Übersetzung findet in einem Gedicht des englischen Lyrikers Charles Tomlinson statt, den ich 1985 mit Kükelhaus’ Denken bekanntmachen konnte. Das Gedicht ist eine Reaktion auf dieses Gespräch. Wir danken dem Autor für die freundliche Erlaubnis, diesen unveröffentlichten Text abdrucken zu dürfen.

Charles Tomlinson

Here and There

You cannot go

down a pyramid in Mexico

looking at your feet,

but a glance

at the horizon

will convert your stance

from a wavering

to a way

found, for to walk

even on level ground

is to fall

almost, each step

a faltering prevented

and transformed to movement

as you begin and re-begin with limbs, looks, words

gathering the distance in

you are travelling towards

Hier und dort

Du kannst nicht eine/ Pyramide in Mexiko hinabsteigen/ und auf die Füße schauen,/ aber der Blick/ zum Horizont/ wird deine Haltung verwandeln/ von Schwanken/ zu einem gefundenen/Weg, denn selbst auf ebenem Boden zu gehen/ heißt zu fallen/ beinah, jeder Schritt/ ein aufgefangenes Stolpern/ und in Bewegung übertragen/ während du anfängst und wieder-/ anfängst mit Gliedern, Blicken, Worten/ und die Entfernung einholst,/ auf die du zureist.

Zur 2. Auflage

Der Band wird abgeschlossen mit zwei Texten über Kükelhaus’ erstes sowie sein letztes Buch. Der Text über Urzahl und Gebärde wurde als Nachwort für die tschechische Ausgabe des Buches 2017 geschrieben (und hier leicht verändert) und ersetzt die Rezension zum selben Buch, die in der 1. Auflage dieser Publikation erschienen war. Ein etwas umfassenderer Ansatz erschien mir notwendig, da in den letzten Jahren häufig über Kükelhaus’ Tätigkeit und Haltung während des Nationalsozialismus diskutiert wurde und diese aus meiner Sicht verzerrt dargestellt werden. Die Quellen werden derzeit entweder missachtet oder so selektiv zitiert, dass nicht nur ein unscharfer, sondern auch ein seitenverkehrter Eindruck entsteht. Man muss auch einen Unwillen registrieren, Kükelhaus’ philosophischanthropologisches Werk als das wahrzunehmen, was es ist: eine Kritik des totalitären Denkens und Handelns, das Machtausweitung und Sinnesfeindlichkeit auf seine Fahnen geschrieben hat.

Leipzig, Januar 2018

Elmar Schenkel

Organerfahrung und Weltgestaltung

Zum Leben und Werk von Hugo Kükelhaus (1981)

Die Menschen haben aber keinen aufrechten Gang, wenn das gesellschaftliche Leben selber noch schief liegt. (Ernst Bloch)

Hugo Kükelhaus auf einer seiner Vortragsveranstaltungen: Mit starker Stimme und dem sanften Dröhnen eines tibetanischen Gongs lässt der Achtzigjährige Schwingungsfelder entstehen. In der richtigen Entfernung wird ihre Wirkung geradezu materiell; man glaubt, bei der Entstehung des Instruments vor 300 Jahren anwesend zu sein, als es Wochen hindurch unter den heiligen Gesängen buddhistischer Mönche von Handwerkern angefertigt wurde. Von einem Teilnehmer der letzten Tibet-Expedition Sven Hedins erhielt der westfälische Handwerker Kükelhaus den Gong, den er nun immer auf seine Veranstaltungen mitnimmt. Sie hinterlassen Spuren nicht nur im Großhirn, sondern – und das ist für Kükelhaus mindestens ebenso wichtig – auch im körperlichen Gedächtnis der Zuhörer. Nicht anders ein Besuch in seinem Haus in Soest. In den fünfziger Jahren, lange bevor es zur Masche wurde, richtete Hugo Kükelhaus sich in der Innenstadt ein altes Bauernhaus ein, das mittlerweile eine Art lebendiges Weltmuseum geworden ist. Man spürt hier das Glück kultureller und natürlicher Vielfalt des Planeten sinnlich, handgreiflich: Räuchergefäße aus Asien, olmekische Reliquien, australische Einritzungen; Kultgeräte, Figuren, alte Manuskripte unter westfälischem Gebälk. Eine nachgebaute Pyramide – hebt man sie hoch, so erscheint darunter der Handabdruck eines Philosophen. Ein Stehpult, Bücher, Kristalle. Schließlich geometrische Körper zum Ein- und Ausstülpen, eine gekoppelte Schwingung an der Decke; in ihrer Bewegung gegenseitiger Ablösung von Spannung und Ruhe sieht Kükelhaus ein Bild gelungener Partnerschaft (als Kind wollte er sich nicht mit einfachen Schaukeln zufriedengeben und konstruierte sich deshalb eine, mit der man um die Ecke schaukeln konnte). Alles das nun nicht als Bildungsattrappe hinter Glas, sondern zum Anfassen, Beschnüffeln, Begreifen. Diese Art des Umgangs mit Dingen, die Darstellungsweise seiner Veranstaltungen sind nicht beliebige Methoden, eine Denksache zu vermitteln; vielmehr sind sie aus ihr entstanden. Die Methode – Versinnlichung, Sicht-, Hör- und Fühlbarmachung des Gegenstands – ist nicht nur Weg, sondern auch Ziel, ist Zentrum seines Denkens. Denn dem zunehmenden Verlust an Erfahrungsfähigkeit ist nicht abzuhelfen, indem man theoretische Texte über ihn verliest. Das ist, nach Kükelhaus, der letzte Schritt vor dem ersten. Der erste wäre, am eigenen Leibe zu erleben, was Erfahrung und deren Zerfall uns bedeuten. Das Reden über Umwelt, Städteplanung, Architektur hat nur dann einen Sinn, wenn es wieder den Menschen zur Orientierung nimmt, als »körperliche Erkenntnismöglichkeit« (Max Raphael). Ein neuer Anthropozentrismus? Der Organismus bezeichnet die Grenze, an der wir sowohl Bewusstsein als auch Umwelt sind, Zentrum und Peripherie zugleich. Für Kükelhaus hat keine Weltgestaltung einen Wert, wenn sie sich nicht auf diese Grenze bezieht. An ihr hat sich historisch akkumuliert, was im 20. Jahrhundert Katastrophenausmaße annahm. Naturbeherrschung, die Quantifizierung des Lebens (Kükelhaus spricht auch von der »ontologisch neutralen Logik«) als Signum der Neuzeit ist nicht ein vom Subjekt gesteuerter Prozess, der sich nur linear auf die Außenwelt richtet, wie die cartesianische Dichotomie von res cogitans und res extensa irreführend andeutete. Vielmehr hat er als Folge der Wirkeinheit von Subjekt und Objekt im gleichen Maße das Subjekt erfasst und jene Trennung in ihm als eine von Körper und Geist verinnerlicht. Ein Schüler Adornos, der Sozialphilosoph Rudolf zur Lippe, hat historisch aufweisen können, wie diese sich in den körperlichen Abläufen der neuzeitlichen Menschen niedergeschlagen hat (Naturbeherrschung am Menschen, Frankfurt 1974). Dem äußeren Angriff auf Rohstoffe, Natur und menschliche Arbeitskraft entspricht der innere am Subjekt. Dessen Selbstentfremdung reproduziert sich im verfehlten Städte- und Wohnungsbau und führt unter den Bedingungen einer profit- und konsumorientierten Gesellschaft zu einer verhängnisvollen Rückkopplung, die man Lebensentzug nennen könnte. Brutalität, Rauschgift, Depression sind die sichtbare Seite dieses Vorgangs. Der Geist, der seine materiell-leibliche Bedingtheit aufgrund dieser Zwänge nicht mehr erfahren kann, zerstört in sich das, was ihn ermöglicht, und gerät dadurch in eine Logik der Vernichtung; um sich erzeugt er das wüste Land von Produktion und Konsum, die in ihrer Verselbstständigung immer weiter auf die Vernichtung des Planeten und seiner Bewohner drängen.

Kükelhaus setzt bei dieser Diagnose ein. Als Einzelgänger sind ihm gesellschaftliche Lösungen suspekt. Regeneration geht ihm von den Organerfahrungen des Einzelnen aus. Aber, so muss man einwenden, dieser so unmittelbar erscheinende Subjektraum, den er für ideologiefrei hält, ist immer schon konstruiert aus Geschichte und Gesellschaft, ohne die Selbst-Wahrnehmung nicht möglich wäre. Es kommt daher darauf an, die Kükelhaussche Perspektive in ein größeres gesellschaftliches Konzept einzubringen, wie das ansatzweise von Lippe versucht wurde (Am eigenen Leibe, Frankfurt 1978), statt beides aus ideologiekritischen Gründen gegeneinander auszuspielen. Erst dann gewinnt Kükelhaus’ Methode für uns alle ihre Relevanz und wird nicht fälschlich als eine Neuauflage von Biozentrismus verstanden. So ist die Humanisierung des Arbeitsplatzes eine wesentliche Forderung der Gewerkschaften geworden, denn nicht einzig das Einkommen entscheidet mehr über die Lebensqualität. Aber was heißt Humanisierung und auf welches Humanum kann man sich berufen? Solange wir nicht wissen, wovon uns Entfremdung entfremdet, wird es schwerfallen, diesem Humanum auf die Spuren zu kommen. Kükelhaus, als Vorbote einer künftigen Wissenschaft der Zusammenhänge, lokalisiert es im Organismus und ist einer der ersten, der zu verifizierbaren Ergebnissen gekommen ist, die entsprechend genutzt werden oder beispielsweise in die Kritik an Schul- und Klinikbauten eingehen sollten.