Sinnesrauschen - Yanne Schillberg - E-Book

Sinnesrauschen E-Book

Yanne Schillberg

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Beschreibung

Die Gedanken- und Lebenswelt Heranwachsender, die teils ungeschliffen und roh daherkommt: Die junge Hauptfigur Julia durchläuft ihre reifende Phase und ist dabei nicht nur mit den Freund- und Feindschaften ihrer Mädchenclique, drängender erwachender Sexualität oder der Frage nach dem Verhältnis zu ihrer Umwelt, wie Kirche konfrontiert – sondern auch mit ihrer Verbindung zur Geisterwelt jenseits des Erfassbaren. Sie verbringt die Ferien in einer Jugendherberge, wo sie weltliche wie auch transzendente Erfahrungen macht und zu einem neuen Menschen heranreift. Ein authentischer Coming-of-Age-Roman – auch für Erwachsene –, der empfindsam und mit tragikomischer Note die wohl prägendsten Jahre im Leben eines Menschen darlegt.

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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Impressum 2

Vorgeschichte - als einem die Welt noch erklärt wurde 3

1. Kapitel - Ministranten 16

2. Kapitel - Blues tanzen 21

3. Kapitel - Freibad 28

4. Kapitel - Nacht 37

5. Kapitel - Entscheidung 48

6. Kapitel - Familienbande 52

7. Kapitel - Eisdiele 56

8. Kapitel - Ankunft 69

9. Kapitel - Waffenruhe 81

10. Kapitel - Wald 87

11. Kapitel - In Inneren 96

12. Kapitel - Von Jägern und Sammlern 106

13. Kapitel - Ein neuer Tag 123

14. Kapitel - Hallenbad 133

15. Kapitel - Moorleiche 143

16. Kapitel - „Chez Iris“ 164

17. Kapitel - Unentschieden 189

18. Kapitel - Vor Anbruch der Dunkelheit 198

19. Kapitel - Einschneidende Nacht 212

20. Kapitel - Ein letzter Tag 230

21. Kapitel - Totem 241

Nachschlag - Epilog 245

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-518-6

ISBN e-book: 978-3-99131-519-3

Lektorat: Volker Wieckhorst

Umschlagfoto: Isselee, Konradbak | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Vorgeschichte - als einem die Welt noch erklärt wurde

Es war ein Sonntag und noch früh. Erst wenige Stunden zuvor war ihr Mann zuerst neben sie ins Bett gefallen und eine kurze Weile später in komatösen Schlaf, der nach wie vor unbehelligt anhielt. Einzig seine Morgenlatte stand pünktlich um acht Uhr stramm. Erfrischt von ihrem Acht-Stunden-Gesundheitsschlaf, schnappte Marlis sich das zum Bersten geladene Glied, behutsam, damit es nicht zu früh kam, schob es, ihrem ersten Trieb folgend, in ihre Vagina und ritt dem Tag entgegen. Lonely Ranger. Der Sonne entgegen, die Hüfte schwingend, den zweiten Trieb, ihre Morgentoilette verrichten zu müssen, unterdrückt. Weder allzu stark noch allzu lange musste sie anhalten, der Akt minderte den Drang und war nach wenigen Stößen vorbei. Kurz, aber heftig. Die Eruption mächtig, die Ejakulation entsprechend. Klatschnass stieg Marlis ab, hinunter vom Bett in direkter Ziellinie zum Klo. Spermadurchtränkt strudelte ihr Morgenurin in die ewige Kanalisation. Sie zog ab, stand auf und verzichtete darauf, sich einen Slip anzuziehen. Sie schlüpfte in ihr blaues Sonntagskleid, nahm einen Kaffee mit Kondensmilch zu sich und besuchte die Sonntagsmesse. Ein Bruchteil des Spermas floss an ihren Beinen hinunter und verklebte, andere Spermien fanden erfolgreich ihren Weg nach oben.

9 ½ Monate später, an einem heißen Sommertag, schob sich Marlis mühsam zwischen Rüben- und Weizenfelder umher. Sie keuchte schwer. Der Weizen stand schon in voller Ähre, strohblond sog er die Mittagshitze in sich auf, die flirrend über windstille Felder glitt. Marlis hatte einen Strauß Lupinen und Klatschmohn gepflückt, wohl wissend, dass die Blumen am späten Abend in ihrer Vase vertrocknen würden. Dennoch, sie zog die schweißtreibende Aufgabe, an den Wegesrändern staubiger Feldwege Blumen zu pflücken, einem weiteren zähen Tag auf dem Sofa vor. Sie hatte das stundenlange Dösen mit der Ungewissheit einer längst überfälligen Mutter nicht mehr ertragen können. Es konnte jederzeit soweit sein, und Marlis hoffte inbrünstig, dass mit Verblühen dieses Straußes ihr Kind nun endlich das derzeit durchaus sonnige Licht der Welt erblicken würde.

Die Sträuße verblühten. Wieder und wieder. Es wurde schwül, der angedachte Regen blieb aus. Marlis spürte, dass ab und zu das Leben in ihrem stetig wachsenden Bauch tobte, die Wehen allerdings blieben ihr verwehrt. So begann sie, ihren Zustand froher Hoffnung als Dauerzustand zu akzeptieren und ließ von da an ihre erste Tochter, die sich offensichtlich dort, wo sie war, sehr wohl fühlte, vollends am irdischen Leben teilnehmen. Marlis räumte dem Baby in ihrem Bauch ein Bleiberecht ein. Sie entspannte sich.

Eine Taufzeremonie! Das war Marlis erster Gedanke, als sie am nächsten Morgen voller Vorfreude auf einen neuen, gemeinsamen Tag mit ihrem Kind erwachte. So konnte es nicht weitergehen, die Kleine brauchte einen Namen, sagte sich Marlis und ließ ein wohltemperiertes Schaumbad mit Zusätzen von frischem Thymian, Rosmarin und Meersalz ein. Das ganze Badezimmer duftete bereits nach mediterranem Sommer, als Marlis ihren schweren Körper eintauchte. Die Wanne schwappte über, und Rinnsale von salzigem Meerwasser ergossen sich über den gelb gefliesten Boden. Marlis kam sich vor wie ein Wal in den Gewässern des weiten Ozeans, als sie ihren riesengroßen Bauch immer wieder und wieder mit Wasser benetzte und sprach: „Meine liebe kleine Tochter, hiermit taufe ich dich auf den Namen Julia Cäcilia Helene. Julia, weil du göttlich sein wirst, und Cäcilia und Helene, damit du deine Großmütter niemals vergisst.“ Sprach’ s, stieg aus der Wanne und rutschte mit einem einzigen Schwung über die salzigen Bächlein quer durch das feuchte Badezimmer.

Julia war zwar nicht draußen, aber da! Ein mächtiges Ruckeln schleuderte sie von einer Wand zur anderen, weich prallte sie ab, als sie ihre Mutter beruhigend auf sie einreden hörte: „Mein Liebelein, keine Bange, es ist noch immer alles gut gegangen, jetzt brauchen wir erst einmal ein gutes Frühstück auf diesen Schreck!“ Julia verkroch sich daraufhin in eine obere Bauchfalte mit der Intention, dort noch so lange wie nur möglich zu verweilen und dem eigentümlichen Drang nach unten zu widerstehen. Sie leistete Widerstand, und das schon eine ganze Weile. Heute war ein neuer Tag, es war ein guter Tag, der Tag drehte sich um sie: Zum Frühstück gab es einen Extra-Schuss Milch in den Kaffee, und sie machte ihre erste Erfahrung mit der Polizei, als ihr die Kinderbeilage des Stadtanzeigers vorgelesen wurde: „Oskar, der freundliche Polizist.“ Und nachdem Marlis mit ihrer restlichen Tageszeitung fertig war, versicherte sie, Julia sei ein braves Kind, das ihr Ruhe zum Lesen ließ, und als Belohnung würde sie ihr nun bei einem Verdauungsspaziergang ein paar schöne Geschichten aus der Zeitung erzählen. So berichtete Marlis zwischen Strommasten und Generatoren, Pusteblumen und Klatschmohn von einem fernen Land, wo die Kinder immer schwarze Haare und Schlitzaugen haben und es viel mehr Wasser und Grün gäbe als hier auf dem staubigen Trampelpfad. Eines der Kinder, ein kleines Mädchen, schmückte bunte Ansichtskarten mit ihren strahlend weißen Augäpfeln und Zähnen. Auf der Karte stünde „UNICEF“, weil die Kinder in Vietnam lebten, wo sie im azurblauen Ozean plantschen konnten. Julia plantschte mit. Währenddessen brütete die Mittagshitze ihre Ähren aus. Während Julia altersgerecht über weltliches Geschehen aufgeklärt wurde, spazierten sie noch eine Weile vorbei an einem Zuckerrübenfeld, bis hin zu den Sonnenblumen, von denen eine sie nach Hause begleiten sollte. Sie machten kehrt und ließen mit Eintritt zur Neubausiedlung die Abgeschiedenheit ländlicher Weite hinter sich. Als sie an einer Litfasssäule vorbeikamen, zeigte Marlis auf viele Gesichter, die auf einem Plakat rot eingerahmt die Säule verzierten. Eines davon war fast vollständig unter einem zotteligen Tuch versteckt, ein Rauschebart blitzte hervor. Julia erfuhr, dass es dort, wo sich dieser Mann gerade aufhielte, noch heißer und mindestens genauso staubig wie hier sei. Er wäre in der Gegend, wo Jesus herkam. Von Jesus hatte Julia schon gehört, er war so ähnlich wie Oskar, der freundliche Polizist, und half, damals zumindest, den Menschen, die brav waren, aus der Patsche. Jesus trug auch ein solches Tuch um den Kopf, wie der Mann auf dem Plakat, der gerade in Palästina lernte, wie man teilte. So wie Jesus das Brot und den Fisch und der heilige St. Martin auf seinem weißen Pferd seinen Mantel. Bei diesen Neuigkeiten fragte sich Julia, wieso die Gesichter der schwarz-weißen Menschen so grimmig dreinschauten, aber das würde sie schon irgendwann erzählt bekommen. Bestimmt, weil sie die Hitze satthatten.

Auch der nächste Tag brachte weder den ersehnten Wolkenbruch noch Julia auf die Welt. Es schien an der Zeit, dass Julia ihrem Vater nähergebracht werden sollte. Nicht, dass sie ihn noch nicht kennengelernt hatte: Immer wenn er nach Hause kam, und das war nicht allzu oft, schwieg er, wenn er nicht gerade sang. Sein Gesang war laut und tönte durch das ganze Haus, und wenn er ihr nah war, konnte Julia die Schwingungen der Töne, die sein eindringlicher Tenor erzeugte, spüren. Ob sie wollte oder nicht, den Liedern ihres Vaters konnte Julia nicht ausweichen! Es waren Lieder, die sie nicht verstand. Sie nahm sich vor, ihren Vater als Erstes, sobald sie die Möglichkeit dazu hätte, nach seinen Liedern zu fragen. Sie verstand nur so viel, dass es um Männer ging, die als Moorsoldaten mit dem Spaten durchs Moor ziehen, um Männer, denen das Bier in ihrer Kneipe nicht mehr schmeckt, die heute hier, morgen dort sind und kaum da, fort sind oder sich im Wald verstecken, weil sie den Hund des Tankerkönigs auf dem Gewissen haben.

„Heute besuchen wir deinen Vater, dann können wir ihn bewundern und anfeuern!“ Marlis packte das nötige Kleingeld sowie ein paar Kekse und Saft ein. Würde Julia ihren Vater heute zu einem Gesangsauftritt treffen? Der Weg führte sie vorbei an weitläufigen Feldern auf dem heißen Asphalt, eine leichte Brise kam nur durch den Fahrtwind auf, da Marlis sich für ihr Fahrrad entschieden hatte. Mühsam kamen sie voran, wobei der gigantische Bauch beinahe ans Lenkrad stieß. Es machte es nicht leichter, dass heute Piloten in ihren Starfightern im nahen Himmel Tieffliegen übten. Die Erschütterung erhöhter Dezibel drang vom Kopf bis in den Bauch. So mussten aufklärende Geschichtenerzählungen leider ausfallen, man war froh, das Ziel überhaupt zu erreichen.

In einer seichten Bucht hinter wenigen Pappeln tat sich ein grünes Feld auf, vereinzelt standen Gruppen von Menschen um das Feld herum. Gesungen wurde auch, allerdings wenig melodisch, es war eher ein rhythmisches Grölen, das den Hügel hinaufschallte. „Rudi vor, noch ein Tor! Rudi vor, noch ein Tor!“ Als sie den Rand des Spielfelds erreichten, wurden sie überschwänglich von einem athletischen Kerl begrüßt, der so nah kam, dass er an den Bauch stieß: „Na, wie geht es dir und der Kleinen? Dein Rudi macht seinem Ruf als Torschützenkönig wieder mal alle Ehre. In der ersten Halbzeit hat er einen seiner berühmt berüchtigten Kopfbälle geschossen, der hat gesessen. Aber noch haben wir nicht gewonnen, schön, dass du jetzt da bist, kannst das Maskottchen spielen!“ „Ichbindas Maskottchen und bringe mit meinem kleinen Maskottinchen im Bauch gleich doppeltes Glück!“ „Na, dann schauen wir mal, will’s dir gerne glauben!“ Grinsend widmete der Mann sich wieder ganz dem laufenden Spiel. Trotz oder gerade wegen des etwas ruppigen Klangs seiner Worte empfand Julia ein wohlig entspanntes Gefühl, ihr kam die sonore Stimme vertraut vor, als ihre Mutter sie aufklärte: „Das, mein Schatz, ist Jupp. Er ist unser Nachbar und der Mitspieler deines Vaters, mit dem er am besten lachen und Bier trinken kann. Jupp hat sich beim letzten Spiel einen Bänderriss zugezogen und kann deshalb heute nicht mitspielen. Aber wir sind hier, damit du deinen Vater in Aktion erlebst und um ihn anzufeuern!“ Sprach’ s und machte erst einmal kehrt in Richtung Suppenkanone. Es gab zwei Eintöpfe zur Auswahl, Erbsensuppe oder Erbsensuppe mit Einlage. Marlis entschied sich für Erbsensuppe mit Einlage. Gerade als die klebrige grüne Masse sich im Plastiknapf verteilte, ging ein Raunen durch die Zuschauer, und dann zerschnitten Pfiffe die Luft. Neugierig wand sich Marlis mit einem Ruck Richtung Feld, wobei ein üppiger Teil der Mahlzeit auf dem Bauch landete. Ein grüner Teich breitete sich auf ihrem weißen Blümchensommerkleid aus, auf dem auch die Einlage kleben blieb und langsam am säumenden Ufer des Teiches entlangrutschte. Julia wurde es warm, fast unangenehm heiß, und zu gerne wäre sie selber auf der Einlage gerutscht, hinabgesaust, um am Ende ein Stückchen abzubeißen. Vertieft in die Vorstellung eines rutschigen Ritts auf der Riesenbockwurst, bemerkte sie gar nicht, dass sie ihrem Ziel Stück für Stück näherkam und in Richtung Ausgang strampelte, bis sie von einem Sog erfasst wurde, aber da war es schon zu spät für eine Umkehr. Julia wehrte sich mit Händen und Füßen, gleichzeitig verspürte sie jedoch Vergnügen bei ihrer Rutschpartie, gegen die jegliche Abwehr erfolglos erschien. Also ließ sie sich treiben, bis es auf einmal ungemütlich eng wurde. Da wünschte sie sich nichts sehnlicher, als zurück. Sie glaubte, ihr Kopf müsse in tausend Teile zerspringen, Luft bekam sie auch nicht mehr. Mit einmal war alles vorbei. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde merkte sie gar nichts mehr, bis sie von ihrem eigenen Schrei erschrak und erwachte. Der Schreck ließ ihre Augen aufgehen. Aber nur kurz, denn es war unerträglich hell, und mit einem Blinzeln erhaschte sie einen Blick auf die Bockwurst, unter grünem Brei begraben. Vorerst hatte sie genug gesehen, und durch die ganze Aufregung war ihr der Appetit gründlich vergangen. Sie wollte wieder weg, zurück, ob einschlafen half? Sie versuchte es, doch es gelang ihr nicht: „Tor, Tor, Tor!“, dröhnte es über den Platz. Und dann bekam sich auch noch einen ordentlichen Klaps auf den Hintern.

Die kräftige Suppenverkäuferin entpuppte sich als erfahrene Landwirtin und Hebamme. Einerseits machte es für sie keinen Unterschied, ob sie ein kleines Mädchen, ein Ferkel oder ein Kalb in die Welt holte, andererseits empfand sie schon eine gewisse Freude darüber, dass jenes kleine frische Lebewesen nicht im Laufe seines Lebens als Einlage ihrer zünftigen Eintöpfe enden würde. Die ganze Angelegenheit ging ruck, zuck, kaum, dass die Wehen eingesetzt hatten, war das Kind auch schon zur Welt gebracht. Die resolute Bauersfrau griff nach ihrem Messer, mit dem sie ansonsten die Würstchen zerteilte, schnitt souverän die Nabelschnur durch und versetzte dem Winzling einen ordentlichen Klaps. Sie legte die Kleine sanft in die Arme ihrer Mutter, der sie zuvor ein Bett zur raschen Niederkunft aus ihrer wuchtigen Jacke und einer Plane, die für gewöhnlich zum Abdecken ihrer Suppenkanone diente, hergerichtet hatte. Friedlich lagen Mutter und Tochter im Schatten rauschender Pappeln. Erhobenen Hauptes machte sie sich auf den Weg in Richtung Spielfeld, um die frohe Botschaft zu verkünden. Sie beobachtete Rudi, der Blicke in Richtung seines Kameraden Jupps zum Spielfeldrand warf, so, als würde es ihn irritieren, dass seine Frau nicht wieder aufgetaucht war, um ihrer Funktion als persönliches Maskottchen nachzukommen. Dennoch: Er hatte durch einen geschickten Fallrückzieher seiner Mannschaft zum nahen Sieg verholfen. Die Mannschaft führte inzwischen 2:0 und hatte nur noch wenige Minuten zu spielen. Abpfiff! Endlich konnte die Bauersfrau ihre Mission zu Ende bringen und die Familienzusammenführung vollziehen.

Zwar hatte Julia sich noch nicht von ihrem Schrecken erholt, doch döste sie, von der Anstrengung noch ganz mitgenommen, in den Armen ihrer Mutter, was die Situation für sie erträglicher gestaltete. Eigentlich wünschte sie sich zurück dahin, woher sie gekommen war. Das ließ sich nicht einrichten, und so musste sie sich mit dem Leben arrangieren. Auf einmal spürte sie, dass ihr jemand über den Handrücken strich und sie willkommen hieß. Sie erkannte die Stimme ihres Vaters, und ihre Neugier siegte. Sie zwang sich, kurz ihre Augen zu öffnen, um einen Blick auf ihren Erzeuger zu haschen. Ziemlich groß erschien er ihr, doch das vermochte sie noch nicht zu beurteilen, denn alles um sie herum war einfach riesig. Eigentlich ein Grund mehr, gar nicht erst hinzuschauen. Sein markantes Gesicht wurde von dunklen dichten Haaren umsäumt, aus dem funkelnde braune Augen blickten. Seine Nase stach hervor und warf einen kleinen Schatten auf seine schmale Oberlippe, die einen ebenso schmalen Schnauzbart trug. Er schien sich zu freuen, denn seine Gesichtszüge waren zu einem Dauerlächeln entgleist. So viel stand fest, ob es nun an ihr oder dem gewonnenen Spiel lag, konnte Julia nicht beurteilen. Das Gesicht ihrer Mutter glich einer wellenförmigen Hügellandschaft, weich umhüllte sie eine Aura erschöpfter Glückseligkeit. Alle Formen waren geschwungen, rund und gebogen: ihre großen grünen Augen mit den sich Richtung Himmel biegenden, dichten schwarzen Wimpern, die beim Aufschlag an halbmondförmige Brauen stießen, ihre von wenigen Sommersprossen getupfte Stupsnase zwischen gewölbten Wangenknochen und ihre vollen, flügelförmigen Lippen, die beim Lächeln kleine Grübchen in ihre Wangen formten.

Behutsam wurde Julia nach Hause gebracht. Es war zwar nicht das, was sie sich unter einem Zuhause vorstellte, denn da kam sie gerade her, und dorthin gab es kein Zurück, jedoch, übel war es nicht. Sie erwachte in einem kleinen Bett, und kaum, dass sie einen Laut von sich gab, war ihre Mutter zur Stelle. So ließ es sich aushalten. Einzig die Bewegungsunfähigkeit machte ihr zu schaffen. Während sie in ihrem Ursprungs-Zuhause herangewachsen war, wurde es dort zwar täglich enger, bis sie sich zum Schluss nicht einmal mehr hatte umdrehen können, doch ständig war sie in Bewegung. Es ging von einem Ort zum anderen, was ihr Wohlbehagen verursacht hatte. Nun fühlte sie sich wie abgelegt und konnte an ihrem Zustand nichts ändern. Natürlich wurde sie hin und wieder per Kinderwagen chauffiert, doch ohne ständigen Mutterkontakt fehlte ihr der bisherige Tagesablauf, in Bewegung zu sein. Als sie wieder einmal nicht einschlafen konnte, brüllte sie und wurde überraschenderweise nachhaltig verstanden: Mal wurde sie auf dem Arm hin- und hergetragen, mal einfach ins Auto verfrachtet und gab Ruhe.

Sie lernte immer mehr Menschen kennen, die ihr meist wohlgesonnen waren. Nach ihrem Mittagsschlaf empfing sie Besucher, die sich neugierig um ihr Bett versammelten, manchmal lächelte sie versonnen, was dazu führte, dass sie als Wonneproppen bezeichnet wurde. Fußballkumpel Jupp kannte sie bereits, er hatte seine Frau Hilde im Schlepptau. Hildes erste Worte irritierten sie: „Huch, was ist das denn für ein Riesenbaby?“ Jupp lenkte gleich ein. „Aber deshalb nicht so zerknautscht, und schau dir lieber ihre langen Haare an!“ Egal, was er auch sagte, der singende Tenor seiner Worte beruhigte Julia augenblicklich, als ihre Mutter erklärte: „In den drei Wochen, die sie länger als erwartet in meinem Bauch war, hat sie vermutlich einen Entwicklungssprung gemacht und ist dann zügig als fertiges, glattes Baby auf die Welt gekommen. Es hätte mich zwar fast zerrissen, aber es war allein ihre Entscheidung.“ Bei den Worten „fast zerrissen“ zuckte Julia zusammen, aber schon lag sie auf Jupps Brust, und alles war wieder friedlich. Ein ewiges Hin und Her, so kam es ihr vor. Es war fraglich, ob sie sich daran je gewöhnen würde. So war es auch mit ihren Omas, die regelmäßig und leider oft gemeinsam um ihr Bett standen. Zwar feindeten sie sich nicht offen an, allerdings war das auch nicht nötig, um zu bemerken, wie unterschiedlich die beiden waren, was häufig zu Spannungen führte. Cäcilie, Zilli genannt, war die Mutter ihres Vaters. Zäh und markant war nicht nur ihr Erscheinungsbild, sondern auch ihre Art, mit Menschen umzugehen. Sie hatte es nicht anders gelernt und eine wilhelminische Erziehung in die Wiege gelegt bekommen, nach dem Krieg ihr Hab und Gut verloren und ihre zwei Söhne alleine großgezogen. Sie war ruppig im Umgang, hatte Haare auf den Zähnen und überlegte nicht übermäßig, bevor sie sprach. Über ein Thema wurde grundsätzlich nicht gesprochen: Gefühle jedweder Art. Dafür konnte sie ihrem Lachen umso mehr freien Lauf lassen, was sie gerne und oft herzhaft tat. Dann schüttelte sie ihre rote Mähne in den Nacken, ihre braunen Augen wurden zu Schlitzen, und ihre Nase nahm das ganze Gesicht ein, das von starken Wangenknochen und einem kräftigen Kinn zusammengehalten wurde.

Ihre zweite Großmutter Helene hatte ihre runden, weichen Züge an Marlis weitergegeben. Zwar lachte sie auch gerne, wobei oftmals kleine Tränen die Wangen herunterkullerten, aber sie ließ auch anderen Gefühlen freien Lauf. Wenn sie schlecht gelaunt war, zogen sich ihre Mundwinkel nach unten, und sie hatte nicht die Absicht, in kürzerer Zeit etwas daran zu ändern. Gefühlvoll war sie nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen gegenüber, sie empfand tiefes Mitgefühl und strahlte die klassische Wärme einer gesunden Großmutter aus, mit rosigen Wangen und weißem Haar, das sie wöchentlich legen ließ. Beide meinten es gut mit Julia, wenn sie mit strahlend stolzen Augen um ihr Bett standen. „Mein Herzchen, hast du schöne lange schwarze Haare! Hier habe ich dir ein rosa Schleifchen mitgebracht, dann bist du noch schöner“, sagte Helene, meinte allerdings: „Dann sieht man, dass du ein Mädchen bist“ – was Zilli natürlich gleich durchschaute. „Klar, und in ein paar Wochen fangen wir an, ihre Haare legen zu lassen“, sagte sie und schmunzelte breit. Was Helene allerdings gar nicht komisch fand, und automatisch zogen sich ihre Mundwinkel nach unten, sie konnte gar nichts dagegen tun. „Immerhin habe ich ihr etwas mitgebracht, was man von dir nicht erwarten dürfte.“ „Aber sicher“, sprach Zilli und packte einen Möhrenbrei aus. „Selbst gemacht, damit die Kleine gesund groß wird.“ Helene entgegnete: „Dass du die Möhre nicht am Stück mitgebracht hast, ist ja schon ein Fortschritt. Und in ein paar Wochen fangen wir an, das Kind an deinen selbst gemachten Heringssalat zu gewöhnen. Mit viel Glück wird sie ihn dann in einigen Jahren freiwillig essen und hat so dem Rest der Verwandtschaft einiges voraus!“, stichelte sie weiter, und ihre Mundwinkel richteten sich wieder nach oben auf, wenn auch ein wenig verkniffen. Das änderte sich, sobald sie Julia aus ihrer Wiege gehoben hatte und an ihre Brust gedrückt hielt. Ihre Züge wurden sanft, und sie nahm die Gestalt einer rosigen Putte an. Die Küsschen kamen später, noch reichte es, der Kleinen sanft über den Rücken zu streicheln und dabei leicht zu schunkeln. Allzu lange konnte die Ruhe nicht währen. „Wenn du so weitermachst, wird ihr schwindelig und schlecht, gib sie mir lieber mal rüber“, forderte Zilli ungeduldig. „Klar, damit ihr von deinem Kölnisch Wasser übel wird.“ Widerwillig legte Helene ihrer Mitstreiterin die geliebte Enkelin in deren Arme.

Julia blieb ruhig, für sie spielte es keine Rolle, in welchen Armen sie sich gerade befand. Zumindest wenn es um ihre Großmütter ging, da machte sie keinen Unterschied, zumal beide den unwiderruflichen Geruch des Alters ausdünsteten. Die eine versuchte ihren Eigenduft mit Kölnisch Wasser zu übertünchen, die andere mit Maiglöckchen-Spray und Deodorant, das wechselte, je nach Sonderangeboten. Das jeweilige Ergebnis war nahezu identisch, denn der Altersgeruch war über jede Unterdrückung erhaben. Julia war geruchsneutral, noch war sie unantastbar und gefeit, gelegentlich meinte sie, ihre Haut rieche nach Milch und je nach dem auch nach frischen Möhren, besonders nach der Mittagszeit. Als es ihr langsam auf Großmutter Zillis Armen zu ungemütlich wurde, zog ihr der Duft von frisch gemahlenem Kaffee in die Nase. Den kannte sie bereits, und zwar mit einem Extra-Schuss Kondensmilch zum Frühstück. Jetzt lockte der Geruch ihre beiden Großmütter zum Nachmittagskaffee fort ins Wohnzimmer. Da waren sich beide ausnahmsweise einig: Es gab nichts über frisch gebrühten Kaffee mit Kuchen, vorzugsweise Apfelriemchentorte und je nach Saison Erdbeer- oder Pflaumenkuchen, mit einem ordentlichen Klacks Schlagsahne, die es immer häufiger aus einer fertigen Sprühflasche gab, wodurch sie ein wenig nach Chrom schmeckte. Julia war wieder alleine und konnte sich ausführlich mit ihrer neuen Schleife beschäftigen. Zum Einschlummern stellte sie sich einfach vor, sie läge auf der breiten Brust von Nachbar Jupp, der sie mit seinem gleichmäßigen Atem in die Traumwelt führte. Dort angekommen, plantschte Julia im Fruchtwasser der Gezeiten, ohne den Unterschied zur Welt im Wachzustand zu kennen.

Die Zeit verging, die Siebzigerjahre hatten sich langsam eingespielt, Julia hatte laufen und sprechen gelernt, und wenn sie nicht gut einschlafen konnte, weil ihre Eltern gerade nicht zu Hause waren, ging sie einfach nach gegenüber, wo Jupp und Hilde wohnten. Dort war immer ein warmes Plätzchen im Ehebett der beiden für Julia frei, wo sie wohlig zu dritt in Löffelchen-Stellung in friedlichen Schlaf sanken. Marlis erzog, oder besser, zog ihre Tochter im Geiste der Zeit groß. A. S. Neills Kinderbuch „Die grüne Wolke“ war das erste Buch, das Julia vorgelesen bekam. In diesem Buch durften die Kinder alles, es gab keine Regeln und keine Verbote. Vollends sich dem antiautoritären Prinzip zu unterwerfen, hielt Marlis allerdings für keine gute Idee. Sie bevorzugte das abgeschwächte Prinzip des Laissez-faire. Sprich: Zwar durfte Julia tun und lassen, was sie wollte, wenn es allerdings zu brenzlig wurde und sie kurz davor war, beim wilden Schaukeln von der Wippe zu fallen, sorgte Marlis wenn möglich dafür, dass es nicht so weit kam. Denn „Aus Schaden wird man klug“ oder „Lerne fürs Leben“ und ähnlichen allgemeingültigen Weisheiten schenkte sie keine Bedeutung, zumal es letztendlich an ihr hängen blieb, ihr Kind zu verarzten, was sie sich ersparen wollte. Obwohl Julia etwas gegen Vitamine zu haben schien, wurde sie selten krank. Julia mochte weder Fleisch noch Gemüse oder frisches Obst essen, was die Auswahl an Speisen reduzierte. So gab es Nudeln mit Tomatensoße, Tomatensoße mit Spaghetti, bevorzugt „Mirácoli“, Eierravioli aus der Dose, Pfannkuchen, Apfelpfannkuchen, in Maßen Bratkartoffeln, Pommes frites, Fischstäbchen, Chips, Kartoffelpüree, falsches Schnitzel, also die übrig gebliebene Schnitzelpanade mit einem extra Ei ausgebacken und mit der Erfindung von Tiefkühlpizza gerne auch als besondere Delikatesse Pizza Margherita oder Tonno.

Julia durfte essen, was und wie viel sie wollte, und da sie außerdem weder Süßigkeiten noch Kuchen mochte, brauchte Marlis sich weder um Julias Leibesfülle noch um ihren Geldbeutel zu sorgen. Sie sorgte sich in der Regel sowieso nicht sonderlich, die Dinge kamen schon immer wieder ins Lot. Ein klein wenig sorgte sie sich über die Ruhe, mit der sich Julia stundenlang allein beschäftigen konnte, und damit aus ihrer Tochter kein Sozialkrüppel wurde, schlug sie Rudi vor, ein Geschwisterchen für Julia in Erwägung zu ziehen. Als das vom Familienvorstand abgelehnt wurde mit der Begründung, dass ein Kind reichen würde, holte Marlis ständig Ersatzkinder ins Haus. Sie lud Kinder aus der Nachbarschaft zum Essen und Spielen ein, und die, mit denen Julia Freundschaft schloss, durften über Nacht bleiben. Das konnte auch Rudi nicht stören, da sein Rhythmus konträr zum Familienleben stand.

Rudi lebte in seiner eigenen Welt, die eine kleine Schnittmenge mit der seines Familienlebens aufwies, was sich an gelegentlichen Waldspaziergängen und seltenen geselligen Abenden an der Seite seiner Lieben festmachen ließ. Neben seiner gelegentlichen Arbeit als städtischer Angestellter, für die er sich nicht sonderlich interessierte, verbrachte er seine restliche Zeit auf dem Fußballfeld. Am Wochenende fanden seine Spiele bei der Landesliga statt und abends nach der Arbeit das Training. Und wenn er selber nicht trainierte, dann trainierte er die Jugend oder schmiss sich in seine schwarze Schiedsrichterkluft und verdiente sich so hier und da noch einen Groschen dazu, den er noch am selben Abend mit seinen Sportsfreunden wieder an der Theke bei einem oder auch zehn kühlen Bieren vertrank. In solchen Fällen wusste die Nachbarschaft am nächsten Morgen Bescheid, denn Jupp und er mutierten auf ihrem nächtlichen Heimweg zu munteren Straßenmusikanten und trällerten lauthals Duette, mehr oder weniger melodisch. Wenn in Ausnahmefällen kein Fußball gespielt wurde, schwang sich Rudi auf sein Rad oder zog seine Bahnen im Schwimmbad mit anschließendem ausgiebigem Saunabesuch. Da blieb wenig Zeit für seine Familie, was diese ihm nicht übel nahm, denn sie konnte sich sehr gut ohne ihn beschäftigen. Dazu kam: Wenn er ausnahmsweise einmal länger als eine Stunde am Stück zu Hause war, sprach er kaum ein Wort und versteckte sich hinter seiner Zeitung. So störte er niemanden, und niemand störte ihn.

1. Kapitel - Ministranten

Es hätte ewig so weitergehen können, aber natürlich konnte dem Fluss der Zeit nicht Einhalt geboten werden. Zwar schmückten weiterhin Plakate mit finster blickenden Gestalten in roten Rahmen die Litfasssäulen, doch inzwischen waren Palästinensertücher in Mode gekommen und verloren an politischer Bedeutung. Als auch der letzte Familiengoldfisch aus seinem runden Glashaus ohne Sauerstoff gesprungen war, ein Teil des staubigen Feldwegs asphaltiert, Pfützen mit Kaulquappen selten geworden waren und der Fluss offiziell nicht mehr zum Baden einlud, da es erste Messungen über PH-Werte gab, fasste Marlis den Entschluss, ihre rosarote Brille abzulegen und arbeiten zu gehen, um mit beiden Beinen mitten im Leben zu stehen. Die traute Zweisamkeit mit ihrer Tochter wurde Schritt für Schritt aufgelöst, denn auch die Kleine sollte ihre Weltfremdheit verlieren, mit der sie bisher liebevoll großgezogen worden war – in kleinen Schritten, damit der Aufprall nicht zu hart werden würde. Was war da naheliegender, als sie dem Schutz der katholischen Kirche anzuvertrauen? Dieser Schutz sollte ihre Tochter behüten, während sie ihren eigenen Interessen nachgehen konnte. So kam es, dass Julia zuerst zur Schola und dann zur Ministranten- und Vorbetergruppe angemeldet wurde. Schola bedeutete, dass Julia zusammen mit einer Gruppe von Kindern die Kirchenbänke füllte und gemeinsam Kirchenlieder lauthals geträllert wurden, die man zuvor geprobt hatte. Das fiel Julia leicht, denn sie hatte schon immer gerne gesungen. Weniger leicht fiel ihr das wöchentliche Ministranten-Treffen, und sie war die Einzige ihrer Gruppe, die sich nicht zum Messdiener ausbilden ließ, trotz der Fortschrittlichkeit, dass man sie als Mädchen überhaupt danach fragte. Umso schlimmer schien ihre Absage, denn Mädchen hatten zu gehorchen, und ihr Wille sollte gebrochen werden. Es existierte nur ein Wille, und zwar der Wille der Gruppe, der wiederum der Wille des Pfarrers, seiner Kirche, und somit Gottes Wille war.

Im Kreise der Gruppe schaute Pfarrer Simmrath mit seinem ihm eigenen süffisanten Lächeln in die Runde, bis sein stechender Blick auf Julia haften blieb. „In unserem kleinen Kreis gibt es ein Mitglied, das unserem Herrgott nicht dienen möchte.“ Schweigen. Julias Vorliebe für das Vorbeten und Abneigung gegen Messdienerkutten und Gebräuche waren niemandem verborgen geblieben. Alle starrten sie an, neugierig auf das, was passieren würde. Julia schaffte es, nicht rot zu werden, auch wenn ihre Brust vor Aufregung pochte. Dann hob sie den Kopf und schaute dem Pfarrer direkt in die Augen. Seine Pupillen flackerten und hatten sich auf Stecknadelgröße zusammengezogen, in seinem Schoß hütete er die Bibel. Julia sprach kein Wort und wartete ab, was folgen würde. Sie wollte das Schweigen nicht brechen, um es bis ins Unerträgliche in die Länge zu ziehen. Deutlich vernahm sie im Hintergrund das monotone Surren eines Staubsaugers. Unermüdlich wieselte des Pfarrers Vorstehdame Frau Ackermann in der Nähe des von Gott Gesandten umher, um bloß nicht den Radius der Rufweite verlassen zu müssen. Der Pfarrer brach das tickende Schweigen. Eins zu null.

„Julia, du bist die Einzige in unserem Kreis, die sich nicht zum Messdiener ausbilden lässt. Wieso möchtest du dich von unserer Gruppe distanzieren?“

Julia überlegte einen Moment, bevor sie antwortete und unterdrückte ihren Impuls, den Raum einfach zu verlassen. „Ich distanziere mich nicht von der Gruppe, wenn die Gruppe sich nicht von mir distanziert“, stellte sie fest.

„Du grenzt dich ab, wenn du nicht die gemeinsamen Vorbereitungen der Eucharistie mitgestaltest, nicht nur von der Gruppe, sondern auch von Gott.“

„Gott kann mich nicht ausgrenzen, denn er ist in mir. Und Sie haben einen vergessen, der mich ausgrenzt, und zwar gerade jetzt in diesem Moment, und das sind Sie selbst mit Ihrer Ansprache hier vor der Gruppe.“ Ihre Stimme war zittrig, sie hatte ihren ganzen Mut zusammengenommen, um sich gegen den Mann zu erheben. Den Mann Gottes.

„Ich muss mich außer vor Gott vor niemandem rechtfertigen, von daher werde ich nicht auf deine Anschuldigung eingehen. Und wenn du ein Gespräch unter vier Augen vorziehst, so komme in den Beichtstuhl, denn da bist du richtig aufgehoben.“ Julia nutze das kurze Schweigen seiner Rede aus: „Ich bin nicht diejenige, die das Gespräch sucht.“

„Das solltest du aber, es täte dir sicher gut“, warf der Pfarrer ein. Schnell erwiderte Julia: „Mag sein, aber dann freiwillig, wenn ich es mir aussuche und mit wem ich möchte.“

„Willst du damit sagen, du möchtest nicht mit mir hier in unserer Gruppe sprechen?“

„Das habe ich nicht gesagt, es kommt in diesem Fall ganz auf das Thema des Gesprächs an.“

Der Pfarrer verdrehte die Augen gen Himmel, als hoffte er auf Hilfe von oben. Aber die kam nicht, jedenfalls nicht sofort und nicht für ihn.

„Du bist hier das Thema des Gesprächs und ich derjenige, der das so möchte. Also, Julia, wieso möchtest du keine Messdienerin werden?“ Julia ließ einige Sekunden verstreichen und im Geist das vorausgegangene Gespräch Revue passieren.

„Diese Frage kann ich besser beantworten als die Frage, wieso ich mich vermeintlich von der Gruppe distanziere. Im Übrigen mag es sogar sein, dass ich mich von der Gruppe distanziere, und auf das,Wieso‘ kenne ich keine Antwort. Vermutlich bin ich nicht besonders sozial.“ Dabei huschte ein Schmunzeln über ihr Gesicht, das sie nicht verbergen konnte. „Nun gut, das war nicht die Frage. Wieso ich keine Ministrantin werde, ist ganz einfach: Ich bevorzuge den Dienst als Vorbeterin und Sängerin während des Gottesdienstes, da mir diese beiden Tätigkeiten liegen und ich so lieber Gott diene.“

„Und so wirst du nie erfahren, ob dir der Dienst als Messdiener ebenfalls läge“, vollendete der Pfarrer Julias Antwort.

„Was ich allerdings weiß“, entgegnete Julia, „ist, dass mir weder langes Stehen noch der Geruch von Weihrauch gut tut.“ Bei der bloßen Erinnerung an ihre eigene Übelkeit während einer Messe, als vorne am Altar plötzlich und völlig unerwartet Messdiener Gregor kreidebleich auf die Erde fiel, wurde es Julia beinahe wieder mulmig zumute. Doch es war nicht an der Zeit, sich diesem unangenehmen Gefühl hinzugeben. Ein stärkeres Ärgernis überkam Julia, als ihr bewusst wurde, dass sie soeben ihre eigene Schwäche ausgeplaudert hatte. Was ging es den Pfarrer schon an, dass sie ein Problem mit Stehen und Weihrauch hatte? Zumal er dies nun als Makel abtun, sich darauf stürzen, ihre Schwäche thematisieren und sezieren konnte. In dieser Hinsicht erwartete Julia nicht mehr von Pfarrer Simmrath als von den meisten anderen Erwachsenen, von denen sie es gewohnt war, auf wenig Verständnis zu stoßen. Erwachsene wollten einen „formen“, hieß es dann. Das war nichts anderes, als ihren eigenen Willen den Jungen aufzudrücken, was ihnen auch meistens gelang, allein schon wegen ihres Erwachsenenstatus.

Wie aufs Stichwort ging Pfarrer Simmrath darauf ein: „Alles eine Frage der Übung. Du bist noch jung, Julia. Nimm die älteren Herrschaften als Vorbild, die trotz Gelenkschmerzen tapfer auf den Bänken knien. So zeugen sie Gott den verdienten Respekt. Und du schaffst es noch nicht einmal, in jungen Jahren länger zu stehen? Was soll Gott von dir denken?“

So langsam wurde es albern. In diesem Zusammenhang zu fragen, was Gott dachte. Wer konnte das schon wissen? Dem Pfarrer jedenfalls konnte sie es sowieso nicht recht machen und hatte auch gar keine Lust dazu. Die Aufregung vor dem Gespräch war Langeweile gewichen. Es war müßig, weiter mit dem Pfarrer zu diskutieren. Klein beigeben, ohne ihm noch einen Stich zu versetzen, dazu konnte Julia sich allerdings bei aller christlichen Nächstenliebe dann doch nicht überwinden: „Dafür schaffe ich andere Sachen, die nur Gott kennt, und nur Gott weiß, was ich denke, und das ist niemals schlecht. Deshalb wird Gott nicht schlecht von mir denken können. Sie werden hingegen niemals wissen, was ich denke, und wie oder was Sie über mich denken, das ist nicht Gottes Angelegenheit, sondern Ihre persönliche.“ Er fiel ihr ins Wort: „Möchtest du wissen, was ich über dich denke?“ „Nein.“ „Aha, dir fehlt wohl der Mut zur offenen Konfrontation!“

Dass Erwachsene immer irgendwelche Schlüsse ziehen mussten! Sollten sie nur, es war ihr egal, es sollte einfach nur aufhören! Das Gespräch würde nur unnötig in die Länge gezogen, ein schlüssiges Ende für beide Seiten war nicht in Sicht.

Der Pfarrer würde ihren Entschluss, kein Messdiener zu werden, nie akzeptieren, musste ihn allerdings hinnehmen. Ein Bruch mit ihm war also vorprogrammiert, und sie würde es in Zukunft nicht leicht haben. Sie antwortete: „Ja.“ Pfarrer Simmrath widmete sich mit dem schmalen Lächeln eines billigen Sieges nach kurzen abschließenden Worten seinen anderen Schäfchen.

Eines davon hatte besonders blaue, besonders kullernde Augen und natürlich blonde Locken. Sie konnte es leicht haben. Es sei denn, sie würde es sich selbst schwermachen. Bettina war das am weitesten entwickelte Mädchen der Gruppe, zumindest körperlich betrachtet. Geistig sah das anders aus: Ihr fiel der Schulunterricht schwer. Um etwas zu begreifen, brauchte sie viel Zeit, manchmal half auch das nicht. Zwar schaffte sie ihre Abschlüsse, allerdings musste sie auch einiges dafür tun, und insbesondere dann, wenn es sich um weibliche Lehrkörper handelte, halfen nur noch Nachhilfestunden. Im Kreise der katholischen Kirche war das nicht nötig, und Bettinas Radius fing bei Pfarrer Simmrath an und hörte eben dort auf. Ihr Interesse schloss nicht nur Pfarrer Simmrath ein, sondern außerhalb der Gruppe auch Lehrer Meier Ludwig, Mitschüler Thomas oder Jan oder Nachbarssohn Jörg oder Thilo oder Nachhilfelehrer Dietmar oder Chris de Burgh oder nicht zuletzt ihren Vater wegen seiner Ähnlichkeit mit Chris de Burgh – oder war es Chris de Burgh wegen der Ähnlichkeit zu ihrem Vater? Jedenfalls hatte jedes Mädchen sein Hobby. Die einen verbrachten ihre Zeit im Reitstall, die anderen mit Musikhören und lesen und wieder andere mit Jungs. Bettina gehörte eindeutig zu Letzteren, alles drehte sich bei ihr um Jungs, auf andere Ideen kam sie erst gar nicht. Das machte es so einfach.

2. Kapitel - Blues tanzen

Ideenreichtum gehörte nicht zu den Stärken der Kinder, mit denen Julia als kleines Mädchen Umgang pflegte. In Julias Erinnerung tauchte Bettina als eines dieser ziemlich langweiligen Kinder aus der Nachbarschaft auf, die in ihrer frühen Kindheit dazu dienten, das Zuhause zu beleben und Julias soziale Kompetenz zu prägen. So viel zu Marlis Intention, wenn sie ihrer Tochter die Kinder anderer Mütter vorstellte oder Julias frisch gebackene Freundin beim ersten Besuch zu Hause so empfing, als wäre es ihr eigenes zweites Kind, das sie nie bekommen hatte. Jedes Mal aufs Neue. Julia überlegte, welche dieser zahlreichen Gefährtinnen Bettina gewesen sein mochte. Ist sie diejenige gewesen, deren Gesichtszüge von einer auf die andere Minute aus unerfindlichen Gründen entglitten und die eben noch ausdruckslosen Züge in eine Fratze aus Wut verwandelten, deren Ursprung nicht zu ergründen war? Der Grund schien nie wichtig genug, um ernsthaft zu versuchen, ihn zu finden, selbst dann nicht, wenn das Mädchen sich zu guter Letzt mit tosendem Gebrüll auf die Kacheln schmiss. Oder ist Bettina das Mädchen gewesen, das einen besonderen Gefallen daran fand, ihren chronisch dünnflüssigen Nasenschleim mit den Fingern über die Oberlippe in den Mund zu schieben, bis sich eine regelrechte Hasenscharte bildete? Oder war es Bettina, die immer davon sprach, dass ihr „Herz blute“, sobald eine Auseinandersetzung drohte, womit diese sofort im Keim erstickt wurde? Schuld an einem vor Blut triefenden Herzen zu haben wollte niemand, sodass dieses Mädchen letztendlich immer seinen Willen bekam. Eines hatten die zahlreichen Spielgefährtinnen gemeinsam: keine Vorstellung davon, was sie spielen wollten. So blieb es an Julia, sich Spiele auszudenken und vorzuschlagen. Ihre Vorschläge wurden meist ohne Gegenvorschlag mit der Begründung, keine Lust zu haben und etwas anderes spielen zu wollen, abgelehnt. Daraufhin gehörten zu Julias ersten Wörtern, die sie schreiben lernte, fünf Spielmöglichkeiten, unter denen ihre jeweilige Spielpartnerin eine ankreuzen konnte. Der Vormittag war gerettet, meistens damit, in der Küche alles leidlich Appetitliche, das der Kühlschrank bot, mit Chips zusammenzumatschen, sodass es essbar war. Man probierte sich als Köchin aus, Graus aller anderen Mütter, deren Küche heilig war. Nicht so Marlis: Sie freute sich über Julias Selbstständigkeit und darüber, dass sie zu Mittag nur noch die übrig gebliebenen Reste zu verwerten brauchte.

Welches Kind Bettina war, spielte letztendlich keine Rolle mehr. Eines unter vielen, das nun wieder in Julias Leben aufgetaucht war. „Julia, heute habe ich meine neue Freundin Britta eingeladen und ihre Tochter Bettina gleich mit. Als ihr noch klein ward, habt ihr eine Weile miteinander gespielt.“ Sagte Marlis. „Dein Vater und ich treffen Bettinas Eltern Britta und Adi bei unseren Kegelabenden, und da dachten wir, ihr beide solltet euch auch näher kennenlernen.“ Marlis lächelte. „Wir kennen uns bereits aus der Ministranten-Gruppe“, erläuterte Julia. „Na ja,,kennen‘ ist da wohl nicht ganz richtig, du hast Bettina noch nicht nach Hause eingeladen oder von ihr erzählt. Das Kennenlernen holen wir heute gleich nach. Kommt alle mit ins Wohnzimmer, Kaffee und Kuchen stehen bereit!“, rief Marlis energisch aus. Britta stelle sich während des Kaffeekränzchens als unglaubliche Quasselstrippe heraus, und wenn es aus ihr gerade nicht heraussprudelte, so aus Marlis, die jede freie Sekunde nutzte, ihren Sermon hinzuzufügen. Julia hörte nur so lange zu, bis sie sicher war, dass es bei den Kennenlern-Geschichten weder um sie noch um Bettina ging. Bei Bettina ging es nur um Jungs, und bei ihrer Mutter drehte sich alles um sie selbst. „Julia?“, drang Bettinas Stimme zu ihr durch. „Kommst du am Samstag auch zur KJG-Party?“ Die Katholische Jugend Gemeinschaft vereinte alle ortsansässigen Jugendlichen, abgesehen von den drei evangelischen Seelen, die bereits bei allen Kommunionsfestivitäten ausgeschlossen wurden. Die KJG vereinte alle unter dem Dach der Kirche, auch die älteren Jungs, von denen erstaunlich attraktive dabei waren. Es sollten also Ausreichende am Start sein, damit Bettina sich in ihrem Element fühlen und Julia Party machen konnte. „Klar! Dann sehen wir uns am Samstag dort.“ Der Tisch versank erneut in Wasserfällen voller Redefluss.

Für Julia war die Begegnung mit Jungs noch unverfänglich, und lediglich ein vages Prickeln ließ sie erahnen, was noch auf sie zukommen würde. Dieses Prickeln, eine leichte Aufregung, kam immer, wenn sie Michael auf der Straße traf. Inzwischen lächelte er sie an, manchmal grüßten sie sich auch. Michael war schon älter, was die Tatsache, dass er Julia überhaupt wahrnahm, umso erstaunlicher machte. Julia empfand die leichte Aufregung als angenehm und unangenehm zugleich. Der Magen kräuselte sich, Unsicherheit machte sich breit, gleichzeitig eine gewisse Erregung, die Vorbote etwas Verbotenen sein konnte. Bisher kannte sie Freude und Aufregung, die sich auch in Ärger wandeln konnte. Konnte sich dieselbe Aufregung letztendlich in Wut oder Trauer ausdrücken?

So genau wollte Julia es dann doch nicht wissen, als sie Michael wenige Tage später auf der KJG-Party erspähte. Er stand ein wenig abseits und nippte versunken an seinem Bier. Sein angewinkelter Unterarm wurde in rotes Partylicht getränkt und stellte markante Adern zur Schau. Der Anblick von Michaels drahtigen Unterarmen versetzte Julia ein schummriges Gefühl im Bauch, jetzt hatte sie sich endgültig verknallt! Doch sein Blick verlief im Leeren, sie versuchte, ihn zu fangen, als sie von Bettina gestört wurde. Wenn Bettina sich auskannte, dann mit Jungs: „Der Micha scheint ja langsam bierselig zu werden. Wenn du dich für ihn interessierst, solltest du die Lage ausnutzen! Komm mit!“, forderte sie. Julia fühlte sich ertappt. Es war fast unerträglich schwül, flimmernde Pünktchen vor Augen mahnten Julia, dass ihr Blutdruck den Bach runterging. Bettina packte sie am Arm, boxte den Weg frei, über die Tanzfläche vorbei an Luftgitarren rockenden langhaarigen Jungs, die den ganzen Nachmittag ihrem Auftritt zu AC/DCs „Hells Bells“ entgegengefiebert hatten. Der nass geschwitzte Oberkörper eines stadtbekannten, verhaltensauffälligen Herbie kam Julia mit unaufhaltsamer Wucht entgegen. Als sie sich an ihm vorbeizwängen wollte, schob Herbie sich ruckartig an ihre Seite, wobei sein Achselschweiß ihre Wange benetzte und sein überbordender Pubertätsspeck feuchte Flecken auf Julias neuem Fruit-of-the-Loom-T-Shirt hinterließ.

Natürlich schien Herbie von all dem rein gar nichts mitzubekommen, ebenso wenig wie Bettina, die sich gerade darüber ereiferte, dass ihr Dekolleté ein paar Spritzer Apfelsaftschorle abbekommen hatte. Sie zupfte ihren ausladenden Ausschnitt zurecht, der durch die perlende Apfelnote noch mehr zur Geltung kam. Dann plusterte Bettina sich vor Michael auf, Julia hinter sich im Schlepptau: „Na, Micha, bist du morgen im Schwimmbad dabei, wenn Pfarrer Simmrath zum Wasserball einlädt?“, fragte sie ihn auffordernd. Julia bemühte sich derweil, ihre schweißdurchtränkte Seite hinter Bettina zu verstecken und hoffte, dass der strenge, ranzige Geruch nach Testosteron, den ihr T-Shirt angenommen hatte, durch Bettinas Apfelduft übertüncht wurde. Sie lächelte verkrampft, und die latente Verzweiflung ließ ihr Lächeln, das so lieblich wie möglich erstrahlen sollte, aufgemalt erscheinen. Julia kam sich wie Barbie vor und hoffte inständig, dass keine unbemerkten Essensreste zwischen ihren Zähnen hervorblinkten. Doch selbst wenn, so wäre es Ken kaum aufgefallen, allzu sehr hatte Bettina sich im Vordergrund positioniert. Julia stand im Abseits, von wo aus sie Michael untersuchte und feststellte, dass dessen Blick nicht nur ganz glasig war, sondern auch bedächtig an Bettinas Busen hängenblieb. Sein Zustand schien von dumpfer Partylaune in dumpfe Geilheit zu gleiten. „Was haste noch mal gefragt?“ Er hatte seine Zunge nicht mehr gänzlich unter Kontrolle. „Ob du morgen auch zum Wasserball kommst!“ „Ja, klar doch!“ Die Worte tröpfelten aus seinem Mund, wie die kleinen Schweißperlen aus seiner Schläfenhaut. „Klasse, dann sehen wir uns morgen schon wieder“, flötete Bettina. Es folgte ein Moment der Stille, der durch eine Unterbrechung der Musik betont wurde. Scheinbar irritiert von unerwarteter Ruhe, schielte Michael benebelt über Bettina hinweg und schien Julia überhaupt erst wahrzunehmen. Er versuchte zum Gruß zu lächeln, doch heraus kam ein breites Grinsen, das Julia so ausdeutete, als amüsiere er sich über ihre angestrengte, auffallend nach Herbie müffelnde Erscheinung. Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht, denn nach der Stille entschied der Diskjockey, die Zeit sei nun reif für einen Blues. Mit dahin gehauchtem „Bada dada, bada dada“ setzte Flying Pickets „Only you“ ein, und Unruhe machte sich breit. Man tat so, als wolle man sich unsichtbar machen, und so trafen schelmische Blicke in der vorgegaukelten Leere aufeinander.

Es gab keinen Ausweg, der Blues musste getanzt werden, und jedem noch so unmusikalischen Tänzer gelang es, mehr oder weniger eng umschlungen mit seiner Partnerin hin und her zu wippen, wobei das Taktgefühl weniger eine Rolle spielte als die Nähe zum Partner. Die ganz Verliebten und Mutigen umarmten sich so, dass das Mädchen seinen Kopf auf die Brust seines Partners legte und seine Arme um dessen Nacken schlang, während der Junge seine Hände auf der Taille oder gar tiefer posierte. Besonders verwegene Jungs steckten ihre Hände tief ins Hosenbund ihrer Partnerin, manche funktionierten den Po als Trommel um und klopften mit den Fingern im Takt auf den Pobacken auf und nieder. Weniger resolute Anwärter wahrten mit angespannten Unterarmen Distanz, die Hände prüfend auf den Hüften ihrer Partnerin geparkt. Julia rechnete sich zwar schlechte Karten aus, aber hoffte dennoch, dass Michael mit ihr tanzen wollte. Sie nahm ihren Mut zusammen und schaute in seine Richtung. Bettina hatte bereits ihre Arme um Michaels Taille geschwungen. Das mit dem Nackenumschlingen konnte ja noch werden, und später würde Bettina ihr glaubhaft versichern, dass sie Julia lediglich demonstrieren wollte, wie man die Lage von Bierseligkeit nun konkret ausnutzen konnte. Dass Michaels Hände zum Ende hin immer tiefer rutschten, dafür konnte sie schließlich nichts. So war das. Und Julia hatte ja auch nur das Ende auf der Tanzfläche mitbekommen können, weil sie selber ganz innig den Blues getanzt hatte. So könne sie sich jetzt nicht beschweren.

Den Blues getanzt hatte sie wohl, allerdings zwangsläufig und gezwungenermaßen mit Herbie. Noch ganz benebelt von seinem Auftritt mit der Luftgitarre, fiel er Julia regelrecht um den Hals, um geschickt seinen Schwindel zu kaschieren. An Julia konnte er sich festhalten, und so eierte er triefend mit ihr zwischen den anderen Paaren vorbei, wobei er an jedem seine Duftmarken hinterließ. Takt für Takt hatte er Julia im Griff und speiste dabei die eingetrockneten Flecken auf Julias T-Shirt mit frischem, hormongetränktem Schweiß. Schweiß war normal, als prüde und zimperlich galt, wer sich davon beirren ließ. Julia hielt durch, einen unangenehmen Abgang wollte sie sich ersparen, zumal sie gar nicht sicher sein konnte, dass ihr bei diesem festen Griff eine Flucht überhaupt möglich war. Herbies Hände griffen immer fester zu und schoben ihre Taille in seine Richtung, während sich sein Becken beharrlich mit kräftigen kleinen Kreisen nach vorne schob, immer ein Stückchen näher im Anmarsch, bis Julia seinen Schwanz beim Aufprall an ihren Hüftknochen fühlte. Es musste der Schwanz sein, es fühlte sich hart, aber nicht knochig an. Da Julia bisher noch keinen Kontakt mit einem Schwanz gehabt hatte, konnte sie nur vermuten, dass es sich bei der Erhebung um einen erigierten Penis handeln musste. Sie fühlte sich mulmig und war froh, als die Flying Pickets endlich Ruhe gaben. Mit einem harten Break schmiss der Discjockey „We will rock you“ ein, und Herbie konnte sich schlagartig auf den Boden knien und luft-trommeln, wie die Mehrzahl der Jungs, die einen Ständer hatten. Der DJ verstand sein Handwerk. „Wie peinlich!“, wurde Julia von Bettina begrüßt. „Peinlich“, das war Bettinas bevorzugte Bezeichnung für geradezu alles und jeden. Ihr war zwar nie wirklich selber etwas peinlich, aber umso schicker fand sie es, etwas peinlich zu finden. Darauf hatte Julia jetzt keine Nerven. Sie überhörte Bettinas künstlich aufgebaute Spannung, nach dem „Was?“ zu fragen und schlug stattdessen vor, eine Cola zu trinken und sich dann gemeinsam auf den Heimweg zu machen. Sie waren mit dem Fahrrad hergekommen, und es begann zu dämmern. Bettina setzte dazu an, eine mürrische Abwehrhaltung einzunehmen, doch dann überlegte sie es sich anders und stimmte Julia zu. „Na, wie fühlte es sich an, mit Michael Blues zu tanzen?“, fragte Julia, zwei kleine Cola-Flaschen in der Hand, wovon sie eine Bettina reichte. „Wie sollte es sich schon anfühlen. Er hatte feuchte Handflächen und eine Bierfahne. Ein wenig gewankt hat er auch beim Tanzen.“ „Was anderes fällt dir nicht ein?“, stocherte Julia weiter. „Es hat dir doch gefallen, das konnte man sehen! Ich hatte schließlich nichts anderes zu tun, als ich in Herbies Armen gefangen war.“ „Ihm