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Eines der letzten ungelösten Rätsel der Existenz ist die Frage nach dem Zeitpunkt und vor allem dem Grund für die Entstehung von Intelligenz. Kommandant Shrieez stellt sich dieser Herausforderung täglich und erkundet mit dem modernsten Raumschiff des Universums, der Sinnzepp 505, die unerforschten Tiefen des Weltalls. Dabei stößt er auf einen kleinen blauen Planeten, dessen Bewohner die niedrigste Intelligenz im ganzen Universum aufweisen. Dem muss natürlich nachgegangen und nach der Ursache geforscht werden. Doch Shrieez ist nicht der Einzige, der Interesse an der Erde hat - auch der Weltraumpirat Zunkle Deichen und der Schwallonier Don Blablo Abstrusius verfolgen ihre ganz eigenen Ziele mit dem neu entdeckten Planeten.
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Sinnzepp 505 oder: Gibt es Gehirn im Weltall?
Für Anram Fleury,
ohne den dieses Buch
auch möglich gewesen wäre.
SINNZEPP 505
ODER:
GIBT ES GEHIRN IM WELTALL?
Ahorn Amyen
© Oktober 2019 Ahorn Amyen
Satz: Buch&media GmbH, München
Umschlaggestaltung: Franziska Gumpp
Coverbild und Zeichnungen: The Odenwood
Malwettbewerb: Tanika Herfurth
Lektorat: Jonas Westhoff
strategisches Lektorat: Jine Irreschlau
ISBN 978-3-95780-173-9
Printed in Europe
INHALT
VORWORT
KAPiTEL 1
Unbekannte Intelligenz voraus
KAPiTEL 2
Wartezeit & Zartemaid
KAPiTEL 3
Unverzichtbar: Morgenmantel
KAPiTEL 4
Zunkle Deichen
KAPiTEL 5
Don Abstrusius
KAPiTEL 6
Nachrichten
KAPiTEL 7
Zinterhick Primaris
KAPiTEL 8
Einsatzbesprechung
KAPiTEL 9
Duell im Weltall
KAPiTEL 10
Die Erde macht mobil
KAPiTEL 11
Quadruplizität der Ereignisse
KAPiTEL 12
Goblindiplomatie
KAPiTEL 13
Florvill
KAPiTEL 14
Das Leben ist ein Bier
KAPiTEL 15
Zahltag
KAPiTEL 16
Supragalaktische Rechtsmängelhaftung
KAPiTEL 17
Gut gemeinte Ratschläge
KAPiTEL 18
Das Reintasch-Prinzip
KAPiTEL 19
Baustellenprobleme
KAPiTEL 20
Zeitgäriges Kegelbier
KAPiTEL 21
Der Komödie geilster Teil
KAPiTEL 22
Der Klügere kippt nach
KAPiTEL 23
Kurz und bündig
VORWORT
(»Vorwort« – Bedeutung: Übersetzung in gängige Sprachen: Goblinisch: Raffsdavor; Ätherelfisch: Logikhappen; Hulamalungisch: VordaZenk; Iridisch: Zwitscherglitscher; Dürrdunklerisch: Mischnichzwisch; Natrumisch: Dreck-Fakt)
Viele tragische Schicksale idealistischer Forscher waren der Dünger, aus dem die Sinnzepp505 erwuchs. Sie bildete die greifbare Verkörperung einer technischen Evolution. Tatendrang und Neugier einiger weniger Individuen sämtlichen intelligenten Lebens waren seit jeher der Grund für Anstrengungen jenseits der Befriedigung biochemischer Befindlichkeiten. Nüchtern betrachtet bedeuteten Weltraumforschung und die damit verbundene Entwicklung technischer Hilfsmittel – wie Raumschiffe – für das Individuum einer gesellschaftlich strukturierten Lebensform nicht viel mehr als hohe Steuern und langweilige Nachrichten. Dies änderte sich jedoch mit der Entdeckung der sogenannten Sinnzwangerkenntnislogik durch die Gattung der »Ätherelfen« vor sehr langer Zeit.
Die Sinnzwangerkenntnislogik wurde begründet von Prof. Dr. Hapse Hegnwinkt, einem hochintelligenten Ätherelf, dem es jedoch zu Lebzeiten nie gelang, seine Entdeckungen anderen Lebensformen verständlich zu machen, was zu Verzögerungen von mehreren Milliarden Jahren bei der Entwicklung der Sinnzepp-Raumschiffe führte. Dr. Hegnwinkt behauptete seinerzeit, es sei unlogisch, von einem Universum auszugehen, das so groß sei, dass selbst Licht lediglich ein Drittel seines Raumes durchqueren könne, bevor das Universum aus physikalischer Notwendigkeit kollabieren würde. Er folgerte, dass die riesigen Freiflächen des Weltalls auch zu irgendetwas gut sein müssten und stieß bei deren Erforschung auf etwas, das er Mitred-Knaeuel1 taufte, ein ständig in allen Sprachen des Universums plapperndes Energiesystem, das ihm Dinge verriet, die er letztlich in großen Teilen für sich behielt.
Seit der Entdeckung der Sinnzwangerkenntnislogik und des Mitred-Knaeuels befand sich das Universum in einem Zeitalter umwälzender Ereignisse. Die Sinnzepp505 war das neueste Modell im Bereich der Erkenntnisraumschiffe, und da bisher nur ein einziges Exemplar ihres Typs existierte, war sie eher ein Unikat als ein Prototyp. Sie konnte im Weltall binnen des logischen Teils einer Nanosekunde nach Belieben umherspringen, indem sie unter Zuhilfenahme der Biegung der physikalischen und der logischen Sinnzwangerkenntniskonstanten einfach Entfernungen zwischen Orten kurzzeitig aufhob. Die Entwicklung dieses Raumschiffs kostete viel Geld und nahm neun Milliarden Jahre in Anspruch.
Die aufgrund ihrer einzigartigen technischen Leistungsmerkmale hohen Erwartungen des Betrachters an ihren optischen Eindruck enttäuschte die Sinnzepp505 schon auf den ersten Blick: Sie sah aus wie ein Schuhkarton aus rötlich-matt gebürstetem VA-Stahl (Krassonitlegierung), mit den Maßen I750*400*380 Kilometer. Während die meisten anderen Raumschiffe aus Gründen von Prestige, Eitelkeit und persönlichem Übereifer ihrer Designer wie aus dem Luftkanal geschnitten daherkamen, hatte die Sinnzepp505 das nicht nötig. Da es im Vakuum des Weltalls keinen Luftwiderstand gab, bestand auch keine Notwendigkeit, dem Äußeren des Raumschiffs durch ein kompliziertes Design eine sportliche oder ästhetische Note zu verleihen. Große Teile ihrer Außenhülle waren von leinwandähnlichen Bildschirmfolien überzogen, auf denen ständig wechselnde Werbungen ausgestrahlt wurden, zugunsten von Marken, Produkten und Firmen, deren Inhaber sich als gönnerhafte Mäzene an den Forschungs- und Herstellungskosten der Sinnzepp505 maßgeblich beteiligt hatten. Die größte dieser Werbetafeln nahm die ganze Rückseite des Raumschiffs ein und bewarb den universumsweit tätigen Eilpaketdienst »PSU2«, beziehungsweise »Paket-Spezialisten-Unverzug«. Auf den langen Seitenflächen wiederum warben viele kleine Leuchttafeln für Firmen aller Art, wie etwa »Heuschreck & Salamander – Bankenlotto für Jedermann«, »Zipfelmütz KG – Zwergeninkasso«, »Trommler, Hosenlatz & Partner – Rechtsberatung«, »Dr. Knieknecht – Orthopädische Chirurgie bei Ihnen zu Hause«, »Rechtsberata Reintasch – Rechtsvertretung auch an allen imperiell nicht geschützten Stellargerichten«, »Graus & Hund – Interessenvereinigung Planetenbesitzer«, »Gebrüder Brandfels Trutzwehr AG – Fällst Du von der Brüstung, brauchst Du unsre Rüstung«, »WWD – Wummenwagenz-Deichen GoH3«, »Achdach al Machkasach –Ihr seriöser Verdenkenankäufer Nr. 1 in Netusien«, »Romans preiswerte Privatproblemprüfer – Mit ein paar Groschen sind Sie dabei«, »You-Niverse-Gamma – Jeder blamiert sich selbst, so gut er kann«, »Schutzwaffenschmiede Schmettertritt – Die beste Verteidigung ist eine gute Offensive«, »Abdichtungstechnik Schlimmepilz – Je größer der Dachschaden, desto besser der Ausblick auf den Himmel«, »Dominus Devotus – Planet für Erotikmessen«, »Schlimmbumm GmwH4 Konsortium für Quasar-Sanierung –Wir reißen ganze Galaxien ein«, »Privatdetektei Siebensinn – Wer im Dreck gräbt, findet Gründe«, »Escape-Room-Planet Skeletoria – Hier ist Battlecat pinkfarben«, »Raumschifftuning Vager – Scher – Wust: schiffsgebundene Großkaliberunikate und Individualtuning«, »Dreckloch & Kuehn – Automatikwaffen für den Alltagsgebrauch«, »Sicherheitsdienst Baltewrack – Wer uns als Freund hat, braucht keine Feinde mehr« und viele, viele mehr.
Die Sinnzepp505 verfügte zwar über einige Waffensysteme, war aber ein Aufklärungsschiff und für militärische Konfrontationen prinzipiell ungeeignet. Ihr Bordcomputer war so programmiert, dass sie sogar Laserstrahlen ausweichen konnte, ohne sich besonders beeilen zu müssen. Denn selbst die Ankunft von Licht konnte die Sinnzepp505 präzise vorhersagen, indem sie mit ihren Sensoren einfach den nächstgelegenen Knoten des Mitred-Knaeuels für die nötigen Informationen anzapfte. Zielsuch-Projektile auf die Sinnzepp505 zu verschießen war beispielsweise gar keine gute Idee, sie konnte sich unmittelbar nach deren Abschuss hinter ihrem Angreifer positionieren, sodass dieser eine gute Chance hatte, sich selbst zu treffen. Ihr Waffenarsenal beschränkte sich auf einige Defensivgeschütze des Typs »Hammerhorst«, Raketensysteme mittlerer Reichweite des imperiellen Standardtyps »Starkbeule« und zwei »Fastfragger-Javelin« Geschütztürme. Überwiegend war die Sinnzepp505 in Bedrohungssituationen aber auf die Flucht angewiesen, oder musste wenigstens in Bewegung bleiben. Denn es gab auch Waffensysteme, die kaum Zeit benötigten, bis sich ihr Effekt beim Ziel bemerkbar machte, beispielsweise Divertikel-Kanonen, den Ludengong, oder spezielle Ra-Toz-Systeme mit Teleportfunktion (Ra-Toz-Telezepp) über geringe Distanzen.
In passiver Hinsicht konnte jedoch kein anderes Raumschiff im Universum mit ihr gleichziehen und schließlich gab es bisher nur ein einziges Exemplar ihres Typs. Ihre Besatzung bestand – trotz ihrer beachtlichen Größe – nur aus knapp 100 Lebensformen, viele davon Ätherelfen. Ihre Fähigkeit, jederzeit spontan zu verschwinden und praktisch gleichzeitig an ihrem Bestimmungsort zu erscheinen, verlieh ihr den Ruf der Unangreifbarkeit. Sie galt als so zuverlässig und überlegen, dass sie sogar Millionen von Bankschließfächern beherbergte, in denen privilegierte Bankkunden –gegen entsprechendes Entgelt – Wertsachen äußerst sicher, aber gleichzeitig schnell verfügbar lagern konnten. Die meisten Abläufe auf der Sinnzepp505 fanden automatisch statt, einfache Dinge wie die Reinigung von Böden, das Spülen von Geschirr oder die Zubereitung von Nahrung für die Besatzung. Als Raumschiff konnte die Sinnzepp505 zwar nicht auf atmosphärischen Planeten landen. Sie war jedoch für den Notfall mit einigen kleineren Raumschiffen und einem guten Dutzend Spezialkräften ausgestattet, um die Landung auf einer unbekannten Planetenoberfläche in der Praxis auch bewältigen zu können, ohne anschließend vom erstbesten Ungeheuer gefressen zu werden, das sich zufällig in den letzten Jahrmilliarden dort durchgesetzt hatte. Die Kommandobrücke konnte man sich gut als die kurze Frontseite des Deckels eines Schuhkartons vorstellen (also nicht die Seite, auf der die PSU-Werbung lief). Obwohl die Kommandobrücke weder über Scheiben noch sonstige durchsichtige Elemente verfügte, war es dem Kommandanten und den Brückenoffizieren möglich, durch das Megascreen des Raumschiffs wie durch ein kristallklares Fenster zum Weltall hinaus zu sehen.
Die Frage nach dem exakten Moment der Entstehung von Intelligenz und vor allem die Frage nach dem Grund für die Entstehung der Intelligenz gehörten zu den letzten, unerforschten Mysterien im Universum. Der eigentliche Sinn und Zweck der Sinnzepp505 war es mithin, die Entstehung von Intelligenz zu erforschen, und um diese Aufgabe erfüllen zu können, war das Raumschiff – jedenfalls seine sensorische Wahrnehmung betreffend – überbordend luxuriös ausgestattet: Die Sinnzepp505 war die Speerspitze aller Aufklärungs schiffe. Sie verfügte über ein nie dagewesenes Spektrum modernster Kameras, Mikrophone, Dummographen, Krassometer, Hirnoskope, Raffmelder und Durchblick-Zähler, alle in einem Raumschiff vereint, erfunden, verfeinert und aufeinander abgestimmt durch die besten Grenzforscher aller bekannten Wissenschaftszweige und aller bekannten Spezies im Universum.
Wäre das intelligente Leben ein einzelner Organismus gewesen, so wäre die Sinnzepp505 dessen einzelnes Auge gewesen.
KAPITEL 1
UNBEKANNTE INTELLIGENZ VORAUS
Die Kommandobrücke der Sinnzepp505 war dunkel. Es herrschte eine nahezu perfekte Stille, lediglich das Faxgerät im Hintergrund gab ein leises Summen von sich. Neben Kommandant Shrieez waren drei weitere Offiziere anwesend, allesamt hochintelligente Ätherelfen, die nicht glauben konnten, was sie sahen.
Kommandant Shrieez war ausnahmsweise wirklich verblüfft.
Sein elfengleiches, blasses und schmales Gesicht und seine großen, schwarzen Augen, die niemals das Licht reflektierten, waren wie gelähmt. Was ihm seine telepathischen Neurorezeptoren unter Zuhilfenahme der grandiosen Sensorenbatterie der Sinnzepp505 über den vor ihm im All schwebenden Planeten verrieten, verhieß Erstaunliches.
»Computer«, dachte Shrieez laut.
»Ja, Kommandant?«, ertönte es blechern.
»Verifiziere die Intelligenzstufe der Lebewesen dieses Planeten.«
»Sehr wohl, es handelt sich um eine PI 1.0«, stellte der Computer fest.
»Genau 1.0?«, hakte Shrieez nach, der mit den Nachlässigkeiten verwöhnter Computermodule auf Forschungsschiffen wie diesem seit Jahrmillionen konfrontiert wurde.
»Genau 1.0, Kommandant.«
»Ich habe dir schon zwei Mal gesagt, nach der Begrüßung sollst du das »Kommandant« weglassen!«
»Entschuldigung!«
Shrieez konnte so etwas nicht leiden. Jeder wusste, der Bordcomputer war ein Computer. Vielleicht funktionierte die PI-Einheit nicht, vielleicht entwickelte er eine eigene Persönlichkeit, oder aber, was am wahrscheinlichsten war, der Informatiker erlaubte sich einen Scherz. Wie auch immer, er würde es herausfinden. Nur hatte er im Moment keine Zeit, denn das Telefon klingelte. Der Computer teilte mit:
»Admiral von Frutz – Oberkommandant der königlich-imperialen Flotte der Liga fortschrittlicher Intelligenz im Weltall – ist am Telefon. Soll ich durchstellen?«
»Ja«, befahl Shrieez.
»Ich glaube, es ist der Informatiker«, witzelte von Frutz.
»Ja, das glaube ich auch«, antwortete Shrieez, ohne zu lachen.
»Kommandant, es geht um den mir vorliegenden Befund. Sie haben eine 1.0 gefunden?«
»Ja Sir, eine glatte 1.0«
»Erstaunlich«, entgegnete von Frutz.
»Sie haben vor Kurzem das Handy erfunden, Sir.«
»Und trotzdem entwickeln sie sich nicht zurück?«, fragte von Frutz.
»Doch, manche von ihnen, aber andere gleichen es aus«, berichtete Shrieez
»Und wie ist es mit ihrer Kommunikation? Haben Sie schon alle Sprachen dechiffriert?«, wollte von Frutz wissen.
»Ja Sir, fast alle. Bis auf einige Dialekte in dem Land, das sie China nennen, und in einem mit Pflanzen bedeckten Gebiet namens Odenwald.«
»Haben die Erdenbewohner die Religionsausübung im öffentlichen Raum schon verboten?«, hakte von Frutz nach.
»Nein. Sie erkennen noch nicht, dass Gott sie nur erschaffen hat, damit sie ihr Leben in Zufriedenheit verbringen können. Überzeugungskriege, kultische Handlungen, Götzenverehrung und Missbrauch der Religion als politisches Instrument sind immer noch an der Tagesordnung.«
»Präzisieren Sie, Kommandant!«
»Nun ja, die einen nötigen ihre Kinder selbst sonntagsmorgens früh aufzustehen und zwingen sie dann dazu, sich in schlecht beheizten Steintempeln mucksmäuschenstill in unbequemer Kleidung überaus merkwürdige Märchen anzuhören, während andere ihre Frauen bei kultischen Handlungen aussperren und dann murmelnd an den Socken ihrer Glaubensbrüder riechen. Die weiteren Strömungen sind nicht weniger irritierend. Das Spektrum reicht von vielarmigen Götzenbildern und kastengebundenen Wiedergeburtsfantasien über dickleibige Harmonieverkünder mit Zahnproblemen bis hin zu mannigfaltigen Kleinreligionen, wie Der esoterische Orden des großen Zampano oder Das dunkelgelbe Zeichen.«
»Orden des großen Zampano?«, wunderte sich von Frutz.
»Eine Religion, die aus nur fünf Menschen besteht. Der große Zampano erlegt den Mitgliedern auf, zweimal im Monat morgens um fünf Uhr volltrunken und lärmend durch die Straßen zu ziehen.«
»Woher wissen diese fünf, dass es den großen Zampano wirklich gibt?« fragte von Frutz irritiert.
»Wir glauben, dass sie es nicht wissen und diese Religion ausschließlich gegründet haben, um Ordnungswidrigkeiten bei ihren Kneipentouren zu minimieren. Jeder weiß, dass Zampano nur ein einzelnes Trunkenheitsgebet im Monat von seinen Verehrern fordert und außerdem nicht Gott ist.«
»Merkwürdiger Zufall«, stellte von Frutz etwas gedankenverloren fest.
»Und Das dunkelgelbe Zeichen?«
»Eine Religion, deren Gott – der Mampelmann – von den Mitgliedern verlangt, wöchentlich mindestens vier Ampeln bei rotem Lichtzeichen zu überfahren, um die eigene Glaubenstreue unter Beweis zu stellen. Die Anhänger dieser Religion sind der festen Überzeugung, dass die bedingungslose Erfüllung ihrer religiösen Obliegenheiten ihnen eine göttliche Unantastbarkeit im Straßenverkehr gewährt.«
»Stimmt das?«, wollte von Frutz erstaunlich prompt und interessiert wissen.
»Nein und Ja. Die Mampler haben Aufkleber auf ihren Fahrzeugen, um sie für andere erkennbar zu machen. Mit Fahrern, die aus religiöser Überzeugung pro Woche vier rote Ampeln mitnehmen müssen, legen sich die meisten nun mal ungern an.«
»Wie ist das Sozialleben der Erdbewohner gestaltet?«
»Ihre Sitten, Zielsetzungen, Ideale und Freizeitinteressen sind noch skurriler als ihre Religionen.«
»Inwiefern?«
»Beliebt sind Freizeitaktivitäten mit Bällen, eine Art weltweite infantile Adoleszenz, wobei die Bälle mit den Füßen, den Händen, den Köpfen, Schlägern, Stöcken, Stäben und sogar von Pferden aus gespielt werden. Sie verprügeln sich gegenseitig, während ihre Artgenossen euphorisch applaudieren und um Geld wetten, wer den Kampf gewinnt. Sie fahren mit den schnellsten Autos, die sie bauen können, dauernd im Kreis. Sie klettern grundlos auf die höchsten Berge der Erde, obwohl sie längst Hubschrauber erfunden haben. Sie zünden zu Testzwecken Nuklearbomben auf ihrem eigenen Planeten. Diejenigen, die ihre Kinder gängeln, fällen einmal jährlich Millionen von Tannen, um sie sich in ihr Wohnzimmer zu stellen und den Bäumen beim Sterben zuzusehen. Die anderen, die ihre Frauen gängeln, behaupten einmal im Jahr, dass sie aus Gottesfurcht fasten, essen aber nachts doppelt so viel wie sonst. Außerdem ist der Planet der bei Weitem größte Produzent von Alkohol im ganzen Universum.«
»Das passt ins Bild. Wir haben also eine stabile PI 1.0. Ich entsende Laborund Militärschiffe zu Ihrem Standort, Kommandant. Gut gemacht!«, lobte von Frutz.
»Admiral? Ob stabil oder nicht, ist eine Frage der Zeit, wir müssen schnell …«
»Jetzt nicht, Kommandant Shrieez. Es gibt Wichtigeres zu tun. Außerdem bekommen Sie einen neuen Informatiker. Sein Name lautet Krissz von Frutz-Zwirch. Raten Sie mal, wessen Verwandter er ist. Sie werden sich sicher gut mit ihm verstehen. Bei einer Entdeckung dieser Art werde ich außerdem demnächst selbst eintreffen.«
»Wie Sie wünschen«, bestätigte Shrieez und beendete damit das Gespräch.
*
Den PI als Skala entwickelten die Ätherelfen in etwa vier Milliarden Jahre vor Entstehung der Erde. Die Abkürzung stand für »Primäre Intelligenz«. Der Wert 1.0 markierte den Punkt, an dem eine Lebensform aus eigener Kraft – also ohne relevante Interferenz bereits bestehender Intelligenzen – einen Entwicklungsstand erreichte, an dem sie sich die folgenden vier grundlegenden Fragen nach dem Sinn des Lebens stellte:
»Warum erkenne ich, dass ich sterben muss, wenn ich es doch nicht ändern kann?«
»Wie kann ich die Dinge ertragen, die ich nicht ändern kann und wie kann ich die Dinge erkennen, die ich ändern kann?«
»Warum bin ich nie zufrieden mit dem, was ich habe, wenn ich weiß, dass die Erreichung meines gewünschten Ziels Enttäuschung in sich trägt, weil neue Fragen entstehen, die mich wieder unzufrieden sein lassen werden?«
»Wäre meine Pizza früher gekommen, wenn ich per Telefon statt mit einer App bestellt hätte?«
Es wurde vermutet, dass eine Zahl die Antwort auf diese Fragen liefern musste. Diese Zahl konnte jedoch nie errechnet werden, da die »Telefonnummer des Pizza-Lieferservices« einen stets ungewissen Faktor darstellte5.
»Kommandant?«, meldete sich der Bordcomputer
»Ja, Computer?«, antwortete Shrieez vorsichtig.
»Sie wissen, dass allein ich als bloßer Rechner über einen PI 5.05 verfüge. Ist Ihnen klar, worauf Sie sich einlassen mit diesem Experiment?«
Shrieez zuckte kurz zusammen, entspannte sich dann aber und grinste breit.
»Ja, Computer, das weiß ich, das weiß ich nur allzu gut und ich freue mich darauf! Der KOMMANDANT freut sich darauf, kapiert, Computer?«
»Verstanden, Sir!«
Shrieez holte tief Luft. Dann gab er die Botschaft im ganzen Raumschiff durch:
»Hier spricht der Kommandant (*seufz*). Wir haben soeben die dümmste Form der Intelligenz im ganzen Universum entdeckt!«
*
Shrieez hatte Respekt vor der Aufgabe, die vor ihm lag.
Obwohl er selbst über eine PI von 9.87 verfügte, war er sich nicht sicher, ob er dieser Aufgabe gewachsen war. Von ihm wurde in einer Situation wie dieser eigentlich nicht viel mehr verlangt, als eine Beobachtungsposition einzunehmen und den Tarnmodus zu aktivieren. Dabei besagte der Codex der »Liga fortschrittlicher Intelligenz im Weltall« kurz »LIW« –, dass Erkundungen von Sonnensystemen aus einer beliebigen Position heraus auszuführen waren, die in mindestens doppelter Entfernung der Position des vom Beobachtungsobjekt zur Sonne nächst entfernten Planeten lag. Aber Shrieez dachte weiter, schließlich war er der Kommandant der Sinnzepp505.
»Computer?«
»Ja, Sir?«, meldete sich der Computer prompt und engagiert.
»Kurs nehmen auf Distanz von mindestens 216 Millionen Kilometern Entfernung zum Beobachtungsobjekt. Bei Möglichkeit Raumschiff hinter Planeten vor Sichtkontakt zum Beobachtungsobjekt verbergen. Die maximale Kursposition darf nicht über 350 Millionen Kilometer liegen. Nach Erreichen günstiger Koordinaten Tarnmodus einschalten«, ordnete Shrieez an.
»Sehr wohl«, antwortete der Computer und das Raumschiff bewegte sich kaum spürbar.
»Position erreicht, Kommandant«, meldete sich der Computer zügig wieder.
Shrieez zuckte kurz zusammen.
»Lass das Kommandant einfach ganz weg.«
»Auch bei der Begrüßung?«
»Ja, auch bei der Begrüßung«
Shrieez steckte seine Finger in die Ohren, obwohl er wusste, dass er nicht wirklich würde verhindern können, die Antwort des Computers zu hören.
»Verstanden«, lautete die blecherne Antwort.
Shrieez zog langsam die Finger aus seinen Ohren und entspannte sich.
»Sicherheitsabteilung«, rief er.
»Ja, Sir. Hier Sicherheitsabteilung«, antwortete eine trockene und kräftige Stimme aus dem militärischen Sicherheitsraum.
»Das hier Sicherheitsabteilung können Sie weglassen«, stöhnte Shrieez.
»Äh ja, in Ordnung, Kommandant.«
Shrieez verdrehte die Augen und ordnete an:
»Stellen Sie mir eine Spezialeinheit für planetarische Bodenlandungen zusammen. Es nehmen teil:
Zeem van Zeep
–
BrandfelsX6opro+ Rüstung, Doppelannihilator, Spwotch-Kanone
Drederik Quakem
–
Brotstein HT
75
6
6
Rüstung, Tarnmodul
Isaac Clark
–
BrandfelsRelax-Rüstung, Notfallsignalgeber
Angeführt wird das Team von
Walkürion Sackfett
–
BrandfelsCyco6yrzr Rüstung und BirnKnaxer-Hammer.
Wie lange brauchen Sie dafür?«
»Etwa zwei Stunden.«
»Sie haben eine«, antwortete Shrieez gereizt.
»Verstanden. Sicherheitsabteilung Ende.«
Shrieez stand ganz langsam auf. Er ging zu dem Schrank neben seinem Schreibtisch. Dieser hatte viele Schubladen und Türen. Sehr viele. Er öffnete eine der hinteren, die man nicht so gut erreichte, entnahm eine Glasflasche mit einer klaren Flüssigkeit, trank einen großen Schluck, stellte die Flasche wieder in den Schrank und schloss das Fach. Dann lief er zurück zu seinem Bürostuhl, setze sich und lächelte.
»Laborraum?«
»Ja, Sir?«
»Haben Sie weitere Ergebnisse zu den Getränken, die es auf der Erde gibt und die meistens aus kleinen Gläsern getrunken werden?«
»Ja, ein italienisches Rezept. Das Getränk wird aus vielen Kräutern zubereitet und schmeckt nicht süß. Sollen wir es replizieren?«
»Unbedingt«, sagte Shrieez »und gleich eine Probe davon zu mir ins Büro!«
»Verstanden.«
Auf dem Intrazepp-Postfach seines Schreibtischs materialisierte sich eine Glasflasche, in der sich eine schwarze Flüssigkeit befand.
»Irgendwie sind mir diese Erdlinge sympathisch«, dachte Shrieez und goss die schwarze Flüssigkeit in ein kleines Glas, das vor ihm auf dem Tisch stand. Er hob es an seine Nase, roch an der Flüssigkeit und trank sie mit einem Schluck. Zweimal atmete er tief durch.
»Holla die Waldfee, jetzt verstehe ich die Redewendung!«
Ihm wurde warm im Magen, er entspannte sich, betrachtete die Erde auf dem Bildschirm und dachte:
»Ein italienisches Rezept, hmm.«
KAPITEL 2
WARTEZEIT & ZARTEMAID
Shrieez hatte sich schon viele Fragen in seinem Leben gestellt, zum Beispiel jene, warum Admiral von Frutz nur eine Sinnzepp308 befehligte, die für eine Reise von lächerlichen 94 Milliarden Lichtjahren, also einmal quer durchs Universum, immerhin 14 Tage benötigte. Er hätte den Admiral auch einfach abholen können. Zudem fragte er sich, warum man den Sinnzepp505-Antrieb nicht in Raumschiffe verbaute, die bereits über Labore verfügten. Denn Laborschiffe konnten für eine solche Reise mehr als drei Wochen benötigen, je nach Modell. Hinzu kam, dass Laboreinheiten nicht übermäßig kompliziert zu integrieren waren. Eigentlich hätte er Platz für mindestens zwei Laboreinheiten in seinem Schiff gehabt. Jetzt befanden sich dort Lagerräume.
Als er über diese Lagerräume nachdachte, bekam er Kopfschmerzen.
Sie waren vermietet, denn aufgrund der Tatsache, dass die Sinnzepp505 praktisch sofort an jeden Ort des Universums reisen konnte, diente sie vortrefflich als Paketstation, Bankschließfach und Transportvehikel. Außerdem befanden sich in den Lagerräumen eine Poststation, ein zollfreier Einkaufsladen und ein Holodeck, auf dem man spielen konnte, sich in einer einsamen Einöde zu befinden. Um nicht verrückt zu werden, rechtfertigte er all dies sich selbst gegenüber damit, dass beispielsweise der Admiral einfach eine Neigung zu dramatischen Auftritten hatte. Und für die war eben immer etwas Zeit. Das mit den Laboreinheiten hatte sicherlich auch seine Gründe. Ganz bestimmt gute Gründe, die ihn interessiert hätten, wenn er nicht gerade noch einen Schluck von der schwarzen Flüssigkeit nach italienischem Rezept genossen hätte.
»So … jetzt kann es losgehen«, dachte Shrieez, stand auf und ging durch die nächste Intrazepp-Scheibe in den militärischen Einsatzraum. Srgt. Walkürion Sackfett erwartete ihn dort bereits.
*
Srgt. Walkürion Sackfett sah aus, wie er hieß. Er war äußerst korpulent, gut zwei Meter groß und glich einem unbehaarten Orang-Utan, der mindestens doppelt so schlau dreinblickte wie ein – sagen wir – unbehaarter Orang-Utan. Er war ein natrumischer Fremdenlegionär, den die Liga fortschrittlicher Intelligenz im Weltall (»LIW«) aufgrund seiner erschreckend hohen Erfolgsquote bei verbalen und – insbesondere – non-verbalen Auseinandersetzungen angeheuert hatte.
Natrumen waren mit einem PI von 2.01 in etwa doppelt so intelligent wie Menschen und körperlich äußerst stark und belastbar gebaut. Sie verfügten über fünf Lebern, 14 Nieren und drei Herzen. Sie waren zwar in gewisser Weise ungestalt, aber sie rochen keineswegs übel und waren zumeist recht angenehme Gesprächspartner, wenn man nicht allzu viel geistige Interferenz erwartete. Dennoch hatte sich Ihre Spezies nie für Geisteswissenschaften oder Mathematik begeistern können, weshalb Natrumen häufig als todesverliebte Söldner oder hochversicherte Stuntmen anzutreffen waren. Srgt. Walkürion Sackfett trug so etwas wie zwei Turbinen auf dem Rücken einer blauen, metallischen Panzerrüstung und einen großen, an beiden Enden des Schlagkopfes stumpfen Hammer in seinen Händen.
»Kommandant, haben wir überhaupt die Erlaubnis auf dem Planeten zu landen bevor die Flotte eingetroffen ist? Wir könnten die Ereignisse beeinflussen«, gab Sackfett behäbig wie nachdrücklich von sich.
»Sackfett, vielen Dank für den Hinweis, aber ich denke, der Admiral wird etwas früher hier sein als die Flotte«, entgegnete Shrieez. Es verursachte ihm körperliche Schmerzen, sich auf das Niveau des Natrumen herunter zu denken, als er fragte:
»Wo sind die anderen?«
»Im großen Landungsschiff«, entgegnete Sackfett.
»Warum?«
»Wir nehmen doch das Einsatzschiff, oder?«, wollte Sackfett verunsichert wissen.
»Welcher Umstand veranlasst Sie zu dieser Annahme?«
»Na, dass wir mit Ihnen zu fünft sind und in die Wuzz167 nur vier Leute passen«, grunzte Sackfett.
»Und was sind unsere weiteren Optionen, um dort zu landen?«, eruierte Shrieez und genoss die Wärme in seinem Bauch.
»Wir könnten den Planeten mit dem GULP-Modul8 heranziehen«, grinste Sackfett.
»Ein bisschen auffällig, finden Sie nicht?«
»Ach, wir sollen unauffällig sein?«
»Es ist nie schön, auffällig zu sein. Vor allem dann nicht, wenn andere sich dadurch gestört fühlen. Was würden Sie sagen, wenn Ihr Heimatplanet aus der Umlaufbahn gezogen würde, so weit weg von der Sonne, dass nur eine violette Planetenschutzsignatur alles vor dem sofortigen Einfrieren bewahren könnte?«, grinste Shrieez herausfordernd.
»Ich würde sagen: Schaltet die Thermoatmosphäre ein«, entgegnete Sackfett triumphierend.
»Diese Lebewesen dort haben keine Thermoatmosphäre und einen Interstellarschild gibt es ebenso wenig«, belehrte Shrieez den Sergeant nach wie vor geduldig.
»Sind das Affen?«, fragte Sackfett.
»Ja, genau, so ungefähr«, erwiderte Shrieez und starrte an Sackfett vorbei, während er sich ein Grinsen verkneifen musste.
»Und da landen wir mit den Jungs und unserer Ausrüstung?«, hakte Sackfett mit strahlenden Augen nach: Dieser Gedanke versetzte ihn in seine Kindheit zurück, in diesen ganz jungen Natrumen, der gerade seinen ersten Esel erschlagen hatte.
»So ist es. Mit dem Unterschied, dass einer der »Jungs« eine Frau ist. Aber das sind Details.«
»Endlich Spaß«, schrie Sackfett laut.
»Genau. Und noch was …«
»Ja, Kommandant?«
Eigentlich waren es jetzt schon wieder zwei Dinge, die Shrieez ansprechen wollte, aber er begnügte sich mit dem Wesentlichen: »Wenn Sie meine Befehle nicht befolgen dort unten, dann lasse ich per Teledestropathie9 Ihre ganze Familie in die Luft fliegen. Klar soweit?«
»Klar soweit!«
»Ausgezeichnet. Das Team soll sich zu den Notfallkapseln der Lagerraumebene begeben«, ordnete Shrieez an.
»Kommandant, Sie wollen doch nicht …«
»Oh doch, ich will …«, grinste Shrieez mit der Überlegenheit desjenigen, der glaubt endlich verstanden worden zu sein.
»Welcher Lagerraum?«, erklang es vorsichtig und zögerlich.
»Der mit dem Holodeck, Sackfett, der mit dem Holodeck«, antwortete Shrieez bösartig grinsend. »Außerdem nehmen wir das Holodeck-Modul mit. Es ist nicht größer als Ihre Hand, zugegeben ein schlechtes Beispiel, um diesen Verstoß gegen die Transportrichtlinien des Codex der Liga fortschrittlicher Intelligenz im Weltall zu verharmlosen und sicherlich kein mustergültiges Beispiel für einen Führungsstil, der auf eine überbordende Berücksichtigung bürokratischer Richtlinien Wert legt, jedoch … Sackfett, hören Sie mir noch zu?«
Sackfett hörte nicht mehr zu, fragte aber verwirrt:
»Also Kommandant, wie sind die Anweisungen?«
»Wir nehmen eine orbitale Notfalllandungskapsel, nachdem wir uns mit der Sinnzepp505 über der Erde positioniert haben. Unser Zeitfenster beträgt eine Picosekunde.«
»Autsch!«
*
Nein, die Erde befand sich nicht im Mittelalter. Auch nicht in der Zukunft. Sie befand sich zeitlich ungefähr dort, wo Sie jetzt sitzen, stehen, liegen oder sonst was machen oder gemacht haben, oder gleich machen werden. Ich weiß, dass es sich nicht gehört, den Leser anzusprechen, inkorrekte Zeitformen zu verwenden und ganz viele andere Fehler zu machen.
Aber, haben Sie in letzter Zeit geheiratet? Oder wollen Sie demnächst heiraten?
Die Sinnzepp505 erschien genau neben dem Mond und verschwand wieder, kein menschliches Auge konnte sie wahrnehmen. Das war schlau, denn neben den Mond blickten die wenigsten Teleskope, was der Computer ausgerechnet hatte. Fünf helle Lichter fielen vom Himmel, die als Sternschnuppen gedeutet wurden und zu vielen, ganz einzigartigen Hochzeiten führten.
*
Admiral Friedrich von Frutz gehörte der Gattung der »Hulamalunga« an.
Die Hulamalunga lebten auf dem Planeten Grompentomp im Sternensystem Adipos-Hinterlicht. Da sich das Adipos-System in der Hinterlicht-Galaxie extrem abgelegen von anderen Orten befand, die intelligentes Leben hervorgebracht hatten, waren die Hulamalunga mit einem PI von 1.42 die geistig am wenigsten entwickelte Lebensform, die bis zur Entdeckung der Erde bekannt war. Als typischer Vertreter der Hulamalunga verfügte er zwar über keine besondere Intelligenz. Das jedoch machten seine Bauernschläue, sein missverstandenes Ehrgefühl – das eigentlich eher eine chronische Geltungssucht war – und ganz besonders sein körperlich beeindruckendes Auftreten wett. Der Admiral war in etwa 3,5 Meter groß, gut 2 Meter breit und glich einem behaarten, auf zwei Beinen laufenden Rhinozeros, dem man die Zähne eines Säbelzahntigers implantiert hatte. Auf der linken Seite seines Stiernackens war das Wort »Frekkenzenk« tätowiert, und zwar in altmalungischer Zierschrift. Frekkenzenk war das am meisten genutzte Wort in hulamalungischer Sprache und bedeutete je nach Sachzusammenhang »Kopfnuss«, »Zahnverlust«, »Fresse / Schnauze polieren«, »Ohrfeigenorgie«, »blaues Auge«, »gebrochene Nase«, »Nasenbluten«, »Gesichtsnarben«, »Schädelbruch«, »üble Entstellung«, »schiefe Lippe«, »Gesichtsfasching«, »Fratzengulasch«, »Massenschlägerei«, »Schlagring«, »abgerissenes Ohr«, »Schädelfraktur«, »Kieferbruch«, »ausgerissenes Auge«, »Mundgeruch« oder einfach nur »hässlich« und / oder »geil«, wobei diese beiden Worte in Hulamalungisch bedeutungsidentisch waren.
Im Moment befand er sich in einem WoDoMonster-1000 Jäger mit einer Besatzung von 19 Söldnern. WoDoMonster-1000 Jäger waren militärische Interstellartransporter für Truppenbewegungen mit Kapazität für bis zu 20 voll bewaffnete Kampfeinheiten. Sie verfügten meistens über den Sinnzepp405-Antrieb, der es ihnen ermöglichte, binnen sechs Tagen 94 Milliarden Lichtjahre (also einmal quer, oder auch längs, durch das Universum) zu reisen. Die bunt zusammengewürfelte Truppe des Admirals bestand aus fünf Natrumen, drei Hulamalunga und elf Dürrdunklern.
Dürrdunklern eilte im ganzen Universum der Ruf voraus, nie mehr als nötig zu reden. Am liebsten redeten Dürrdunkler gar nicht. Sie waren biegsame, teufelsähnliche Lebewesen, die komplett aus Silikon bestanden, konnten fliegen, hatten kaum Emotionen, dafür aber lange und spitze Ohren. Dürrdunkler stellten die Verkörperung eines Alptraumwesens dar, jedenfalls, solange man sie anschaute. Und aufgrund ihrer Eigenschaft, fast nie zu sprechen, gaben sie im Umgang mit anderen Lebensformen auch kaum Informationen über ihr Seelenleben preis. Man erzählte sich über sie, dass sie vielfältige Gefühle hätten, aber Genaueres wusste man nicht. Dürrdunkler-Frauen waren allerdings bekannt dafür, männliche Lebensformen binnen einer Nacht zuerst zur völligen Ekstase zu treiben und danach in den Selbstmord. Das ganze Team des Admirals war ausgerüstet mit den verschiedensten Sorten schwerer, teilweise experimenteller, Waffen.
»Admiral, wir erreichen das Ziel in wenigen Minuten. Ich werde den Schockantrieb aktivieren«, meldete die Stimme des Navigators der WoDoMonster-1000.
»Nein!«, grunzte von Frutz. »Fliegen Sie einfach vorbei und reduzieren Sie die Geschwindigkeit am Orbitmond auf 1.2 DTH10.«
»Verstanden«, bestätigte der Navigator.
»Das heißt: Verstanden, Admiral!«
»Verstanden!«, bestätigte der Navigator.
Von Frutz rollte mit den Augen. Egal. Jetzt ging es los.
20 Sternschnuppen fielen vom Himmel und lösten noch viel mehr spontane und außergewöhnlichen Hochzeiten aus. In der Antarktis beobachtete Shrieez die Streifen am Himmel. Er griff in die linke Seitentasche seines dunkelviolettfliederfarbenen Mantels und zog eine kleine Flasche heraus. Er öffnete sie, trank einen großzügigen Schluck des nach italienischem Rezept hergestellten Gebräus und schloss die Augen.
»Van Zeem, Quakem, Ally, Sackfett …«, rief er seine Begleiter zur Raison. »Es ist soweit!«
*
Friedrich von Frutz – Oberkommandant der königlich-imperialen Flotte der Liga fortschrittlicher Intelligenz im Weltall – stand höchstpersönlich vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen auf der Erde. Also genau dort, wo es eigentlich laut seiner Landungsposition hätte sein müssen. Vor ihm tat sich aber nur eine öde Fläche mit nicht viel mehr als Herbstlaub, Steinen und Sand auf. Irgendetwas stimmte nicht.
»Feldvermessungssensoren starten. Nach Tarnfeld suchen. Landungskoordinaten überprüfen«, ordnete er an.
»Admiral, wir haben kein Tarnfeldmodul dabei«, stellte der erste Offizier, ein ziemlich übellauniger und grobschlächtiger Hulamalunga, klar.
»Warum nicht?« wollte von Frutz wissen.
»Weil Sie eine Destruktor-Einheit angefordert haben. Destruktor-Einheiten sind nicht mit Tarnfeldern ausgestattet und haben demgemäß auch keine Tarnfeldsensoren, sie sind taktische Angriffseinheiten.«
»Ja, da war was …« Von Frutz entfuhren fast reflexartig mehrere hulamalungische Flüche, unter anderem »Ba-tronzen ruzzanga Prompenbonff!«, »Morrza-Ruzzangabonff Morrza-Fonk!« und »Taröpsen muriba Arshusha Frekkenzenk!«, was auf Hulamalungisch soviel hieß wie »So ein beschissener Kackdreck!«, »Hingekotzt und Hingeschissen!« oder »Die Schweinsratte, die dafür verantwortlich ist, bekommt die Schnauze poliert!«
Kurzzeitig bewegte sich das Umfeld wie die Spiegelung einer glatten Wasserfläche, in die man einen Stein hineingeworfen hatte. Vor Admiral von Frutz und seinem Destruktoren-Team tanzte für einen Moment der Sand in trichterförmigen Wirbeln und in der heißen Mittagssonne schienen grundlegende Elemente von Licht, Perspektive und Form verzerrt zu sein. Der Umriss einer Gestalt, die langsam und scheinbar aus dem Nichts hervortrat, wurde in dem Bad der Elemente aus Staub, Sonne, Wind und aufsteigender Feuchtigkeit sichtbar. Es handelte sich um eine Frau, die eine BrandfelsX6opro+ Rüstung trug11. Von schlanken Frauen getragen sah diese Rüstung in etwa so gut aus wie eine Kombination aus Reizwäsche und enger Skikleidung, bestand allerdings komplett aus flüssigem Metall.
Zeem van Zeep war keine Frau, mit der man diskutierte.
Schließlich war sie eine weibliche Dürrdunklerin, und zwar eine der unangenehmeren Sorte, wobei die Betonung auf der Steigerung von unangenehm lag, denn grundsätzlich gab es sehr wenige Dürrdunkler, die angenehm waren. Sie war extrem zart gebaut, wog in etwa 40 Kilogramm und hatte die Reflexe eines Kolibris. In den rechten Arm ihrer Rüstung war eine »Spwotch-Kanone« integriert, in den linken eine Annihilatoren-Zwillingskanone12. Selbst unter den weiblichen Dürrdunklerinnen war sie eine von der sehr hübschen Sorte. Diese Eigenschaften kombinierten sich bei Zeem zu einem umwerfenden Gesamteindruck, erst optisch, dann meistens auch körperlich.
»Was gibt das denn jetzt?« Friedrich von Frutz war verblüfft.
»Ah, Admiral!«, sagte Zeem van Zeep. »Ich freue mich, Sie im Namen der Oberkommandantur auf die Sinnzepp505 bitten zu dürfen. Es gibt neue Informationen.«
»Wer hat das angeordnet?« grunzte von Frutz.
»Genau genommen hat Ihr Neffe, Herr Krissz von Frutz-Zwirch, gerade noch rechtzeitig eine Botschaft der imperiellen Inquisition weiterleiten können. Es darf keine Interferenz mit dem Planeten geben. Ihr Neffe ist wirklich ein hervorragender Informatiker!«
»Und wo sind die Vereinten Nationen?«
»Jedenfalls nicht in der Antarktis«, erklang die Stimme von Kommandant Shrieez. »Tarnfeld abschalten. Holodeck-Modul abschalten, Störsignal für Orbitsignalvermessung abschalten.«
Um Friedrich von Frutz und seine Destruktor-Einheit herum flackerte das Licht. Das sichtbare Bild verschwand, und zutage trat die wirkliche Umgebung, eine Einöde aus Schnee und Eis. 25 vollbewaffnete Kampfeinheiten der LIW standen mitten in der Antarktis und glotzten einander an.
»Was machen Sie denn hier, Kommandant?«, fragte von Frutz in feindseligem Ton.
»Es gefällt mir, wenn es kühl ist. Da kann man besser denken. Finden Sie nicht, von Frutz?«, entgegnete Shrieez.
»Admiral von Frutz!«, schrie der Angesprochene.
»Admiral, sehen Sie es mal so: Ihr Neffe hat gerade dafür gesorgt, dass die imperielle Inquisition Sie nicht mit einer 200 Kilometer langen Schnur an den hinteren Teil meines Raumschiffs bindet und dann einen Auftrag zur Auslieferung von zwei Millionen Paketen anordnet!«, grinste Shrieez. »Ich werde in diesem Zusammenhang nur Positives zu berichten haben, aber es wäre wirklich schön, wenn wir jetzt diesen ungastlichen Ort verlassen könnten.«
»Na gut …« Frutz war enttäuscht und wütend.
»Und ich dachte, wa könnten bisschen schloppen13«, jammerte Srgt. Walkürion Sackfett lauthals.
»Der mit dem Hammer hat Recht!«, zischte eine Dürrdunklerin aus dem Söldnerteam von Frutz.
»Das mal netter Hammer«, sagte ein Natrume und glotzte Sackfetts BirnKnaxer-Hammer an.
Merke: Ein BirnKnaxer-Hammer ist eine Nahkampfwaffe, die durch das integrierte FUK-Modul (FliehkraftUnterbrechendeKollision) die Trägheit der Masse ausnutzt, indem das getroffene Objekt kurzzeitig von der Gravitation umliegender Objekte abgeschnitten wird. Damit kann man ganze Asteroiden und Kometen wie mit einem Golfschläger im Weltraum umherprügeln.
»Mein Hammer!« Sackfett verpasste dem Boden einen leichten Hieb, sodass 200 Meter Eis aufrissen und die Erdkruste tief darunter sichtbar war.
»Wow! Mach nochma!«, spornte ein anderer Natrume ihn an.
Sackfett grinste dämlich und holte aus, Shrieez wollte ihm sein Vorhaben untersagen, aber es war zu spät. Der BirnKnaxer-Hammer traf den aufgerissenen Eisberg an der Seite. Gefrorenes Wasser von der Größe Helgolands wurde abgerissen und mit einem ohrenbetäubenden Bersten in die Luft befördert, um mehrere Dutzend Seemeilen entfernt im Meer einzuschlagen. Der Boden wackelte, kristallischer Staub verbreitete sich in der Luft und Sackfett ließ ein triumphales
»WAAAAAAGHH!«
heraus. »Und das war nur Stufe 1 von 15!«
Die Natrumen grunzten freudig, die Hulamalunga lachten, die Dürrdunkler gähnten.
»Okay, das reicht«, sagte Shrieez. »Erdbebenwarnung. Uns bleiben wenige Sekunden bis zur Erfassung durch Satelliten. Notsignal senden und Strato-Zepp anfordern. Alle 25 Einheiten evakuieren. Jetzt!«
Isaac Clark aktivierte den Notsignalgeber und dachte an die Konvergenz der unendlichen Weiten des Weltraums. Shrieez wiederum dachte an die Flasche in seinem Büroschrank, von Frutz dachte an seinen Neffen und Sackfett dachte an eine verpasste Chance. Zeem van Zeep dachte jedoch an etwas ganz anderes.
KAPITEL 3
UNVERZICHTBAR: MORGENMANTEL
Die imperielle Inquisition traf einige Zeit später mit einem Generationsschiff der Klasse »Großer Karl II« ein, das den Namen »HEIMDALL-II« trug und gut vier Milliarden Jahre alt war. Generationsschiffe der Klasse »Großer Karl« wurden seit rund sechs Milliarden Jahren gebaut und waren dafür vorgesehen, als »fliegende Planeten« zu dienen. Die modernsten (»Großer-Karl-V«) waren bis zu 65.000 Kilometer lang und dienten zur Versorgung und zum Transport von so ziemlich allen Spezies, die im Universum bekannt waren. Die »HEIMDALL-II« war ausgerüstet mit 140 Wuzz16-Landungsschiffen, zwei Dutzend WoDoMonster-1000 Interstellartransportern sowie einer Besatzung von 12 Millionen Soldaten und bot bis zu 2.2 Milliarden Lebensformen ein Zuhause.
Hochinquisitor Lonizaz, Oberkommandant der »HEIMDALL-II«, hatte keinen guten Tag gehabt. Genau genommen hatte er selten gute Tage. Er war ein Iride und hatte damit ein weitgehend menschenähnliches Äußeres, bis auf die Tatsache, dass die Köpfe von Iriden aus Metall bestanden. Metall hatte sich evolutionär als haltbarer erwiesen als Haut und Knochen und bot wesentlich besseren Schutz vor schnell fliegenden Objekte aller Art. Dieser evolutionäre Blindversuch der Natur verhalf den Iriden nicht nur in Faustkämpfen praktisch immer zum Sieg, sondern schirmte sie auch gegen jede Form unerwünschter Telepathie ab.
Das war genau das Holz, aus dem ein Topinquisitor geschnitzt sein musste.
Hochinquisitor Lonizaz saß am Kopfende eines rechteckigen Tisches in einem Konferenzraum der Sinnzepp505. Neben ihm saßen Shrieez, Friedrich von Frutz, dessen Neffe, Krissz von Frutz-Zwirch, und Srgt. Walkürion Sackfett.
»Warum genau, von Frutz, sind Sie auf dem Planeten gelandet? Und warum haben Sie die WoDoMonster-1000 benutzt, um früher als die Laborschiffe dort zu sein? Was wollten Sie da?«, fragte Hochinquisitor Lonizaz.
Von Frutz holte tief Luft, wurde jedoch von Shrieez sanft unterbrochen, der mit leicht säuselnder Stimme bemerkte:
»Hochinquisitor, dieser Planet ist bedeutungslos.« Shrieez hatte kurz zuvor noch einen Schluck des italienischen Kräuterdestillats zu sich genommen und grinste den Hochinquisitor mit verwegenem Blick an.
»Waren Sie beim Zahnarzt, Shrieez?« Der Hochinquisitor nahm den Luftstrom wahr, der von dem Kommandanten zu ihm herüberwehte.
»Mitnichten, aber mit den Neffen ist es so eine Sache. Der Neffe des Admirals, Krissz Frutz-Zwirch, fing Ihre Botschaft ab und ich habe mich – wie gewünscht – gekümmert, gerade noch rechtzeitig. Jedoch kann man auch das, wie die meisten Dinge im Leben, anders sehen«, sagte Shrieez mit der Dramaturgie eines preisgekrönten Schauspielers.
»Was meinen Sie damit, Kommandant Shrieez?«, fragte Lonizaz.
»Das Kommandant können Sie gerne weglassen, Hochinquisitor.«
»Auch bei informellen Besprechungen sollten korrekte Anreden benutzt werden« Lonizaz war froh, dass seine metallischen Gesichtszüge keine Emotionen preisgaben.
»Ja, der Codex der LIW …« Shrieez starrte geistesabwesend in die Ferne. »Artikel 3283u, Absatz 234, Nr. 982.«
»Richtig!«
»Sehen Sie, Inquisitor, der Codex ist ein Regelwerk. Die Ideen dieser Regeln führen und inspirieren uns. Jedoch ist es nicht mehr als ein Buch. Geschriebene Worte. Und ich habe die Befürchtung, dass die Bewohner der Erde nicht nur das besser beherrschen als wir.«
»Wie kommen Sie darauf?«
Friedrich von Frutz und Sackfett waren erleichtert, dass sie an dem Gespräch nur in Form körperlicher Anwesenheit teilnehmen mussten. Sie heuchelten Interesse und versuchten, möglichst intelligent dreinzublicken.
»Wissen Sie, wie viele Bücher die Menschen geschrieben haben?«, wandte sich Shrieez mit einer Gegenfrage an den Hochinquisitor.
»Nein.«
»Sehen Sie, ich auch nicht. Niemand weiß, wie viele Bücher auf der Erde geschrieben wurden. Nicht mal die Menschen selbst sind darüber im Bilde. Viele ihrer Bücher sind kaputt, verbrannt, verloren. Aber es gibt noch sehr viele, die bewahrt wurden.«
»Und warum sollte mich das interessieren?« Lonizaz war sichtbar gereizt.
»Sehen Sie die Erde, Lonizaz?« Shrieez wies auf den Bildschirm, der den blauen Planeten deutlich sichtbar darstellte.
»Eine rhetorische Frage, Kommandant?«, wollte Lonizaz zynisch wissen.
»Nein, ich wusste nur nicht, ob Ihre Augen offen sind. Schwer zu sehen, Sie wissen schon, Gesicht aus Metall und so, da macht man keine Witze. Die Sicherheitsabteilung hat mich darüber in Kenntnis gesetzt, dass Sie Ihre Steuererklärung noch nicht abgegeben haben, Inquisitor. Die imperiale Finanzdirektion hat Nachricht hinterlassen, die unser Informatiker sofort weitergeleitet hat. Bevor Sie jetzt fragen, was das mit den Büchern der Erde zu tun hat, nehme ich die Antwort vorweg: Allein auf dem kleinen Fleck, den die Menschen Deutschland nennen, wurden in etwa 6,5413 Tonnen Bücher zum Thema Steuern geschrieben!« Shrieez strahlte über das ganze Gesicht und genoss die kaum sichtbare Entgleisung der Gesichtszüge seines Gesprächspartners.
»Das macht diesen Planeten erst recht bedeutsam!«, stellte Lonizaz fest.
»Wieso?«, fragte Shrieez und fühlte sich wie ein Schachspieler, der nur zwei Züge braucht, um die Partie zu gewinnen.
»Weil das einfach interessant ist … so viel Literatur zu Steuern!«
»Für Sie vielleicht, Inquisitor!« Shrieez holte Luft. »Computer, bestimm’ die PI der Lebensform Mensch auf dem Planeten Erde.«
»1.0130132«, antwortete der Computer.
Shrieez grinste Krissz von Frutz dankbar an.
»Die Entwicklung schritt offenbar voran. Es ist keine 1.0 mehr. Sie, Hochinquisitor, der Admiral und die Flotte haben leider zu lange gebraucht, bis Sie hier waren«, klärte Shrieez die Anwesenden auf. »Da mein Schiff nicht über Laboreinheiten verfügt …«
»Haben Sie die Bücher zu den Steuersachen?«, unterbrach ihn der Inquisitor gereizt.
»Nicht nur die Bücher, auch das hier, ein Getränk nach italienischem Rezept. Es dient der Verdauung und wirkt hervorragend gegen Übelkeit.«
Shrieez reichte jedem ein kleines Glas mit einer schwarzen Flüssigkeit. Danach entspannte sich die Atmosphäre, es entwickelten sich sogar freundliche Gespräche, womit der Hochinquisitor allem Anschein nach sein Einverständnis mit der Beendigung des Befragungstermins signalisierte.
»Haben Sie bitte Verständnis, dass ich mich jetzt zurückziehe«, sagte Shrieez wenige Minuten später und stand auf. Er trug einen violetten Bademantel aus feinster Schillmond-Seide, der zwar nicht unverschämt kurz war, jedoch eng anlag.
»Warum tragen Sie einen Bademantel, Kommandant?«, fragte Lonizaz.
»Ein Bademantel macht gute Laune, Inquisitor. Er liegt bequem an, ist kuschelig, leicht zu waschen, man kann sich darin frei bewegen, man kann ihn sogar direkt nach dem Duschen anziehen, er hat Seitentaschen für die Morgenpost, einen Gürtel, der sich dem Körperumfang anpasst und fällt außerdem kaum auf, jedenfalls, solange man sitzt.« Shrieez genoss die Reaktionen der anderen Konferenzteilnehmer, die ihn mit aufgerissenen Augen, begleitet von dümmlicher Mimik, anstarrten. Erst dann holte er langsam Luft und fuhrt fort:
»Inquisitor, obwohl Sie jetzt ja eigentlich nicht mehr zuständig sind, möchte ich Ihnen anbieten, Ihre Steuererklärung von unserem Computer bearbeiten zu lassen. So eine Lappalie kann man doch unbürokratisch erledigen.«
Shrieez ging langsam in Richtung der Intrazepp-Scheibe am anderen Ende des Raums und drehte sich dann noch einmal um.
»Ach ja, für die nächsten 25 Minuten muss ich Sie alle um Geduld bitten. Im Replikator finden Sie, um die Zeit zu überbrücken, neben diversen Getränken Kekse. Diese Kekse wurden mit dem Harz einer Pflanze gebacken, deren Auftreten offenbar erstmals in China dokumentiert wurde.«
Shrieez zog die Mundwinkel hoch, als hätte er einen Kleiderbügel verkehrt herum im Mund, und lachte leise.
»Und nun müssen wir 25 Milliarden Pakete ausliefern.«
Nach diesen Worten biss er sich auf die Lippe und verschwand durch die Intrazepp-Scheibe.
KAPITEL 4
ZUNKLE DEICHEN
Zunkle Deichen war ein Gammagoblin.
Gammagoblins waren klein, meistens übellaunig sowie leicht reizbar und handelten für gewöhnlich mit illegalen Waren. Vor allem aber gab es sehr wenige Gammagoblins, die etwas davon hielten, Auseinandersetzungen argumentativ zu klären. Ihre Hinterlist, ihre sinnlose Zerstörungswut und ihre im Laufe von Jahrmilliarden erworbenen technischen Errungenschaften kompensierten ihre klare körperliche Unterlegenheit gegenüber anderen Spezies. Die Technologie der Goblins war ein Thema für sich. Beispielsweise verfügte ihr größtes Kriegsschiff, die Sternenzwengler600SL, über ein Geschütz mit einem Kaliber von fünf Kilometern. Sie entwickelten Waffen, die schwarze Löcher verschossen, bauten die besten Spwotch-Kanonen14 im Universum und waren die Erschaffer des Dakka-Dakka-Gewehrs, das später weiterentwickelt und unter dem handelsfreundlicheren Namen »Annihilator« ein Verkaufs- und Exportschlager wurde. Ihr Mangel an Verhandlungsbereitschaft und ihr seidener Geduldsfaden hatten ihnen aber nicht nur ihre tiefe innere Verbundenheit zu außergewöhnlichen Waffen beschert. Sie besiedelten fast die gesamte Galaxie Zinterhick-Zentralis, aus der sich inzwischen die meisten anderen Lebensformen, nicht zuletzt wegen der rauen Sitten der expandierenden Goblins, zurückgezogen hatten. In dieser Galaxie befand sich unter anderem das riesenhafte Sternensystem Zinterhick-Primaris,
