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Andreas Bertold wollte nie mehr ein Haustier. Ausgerechnet an seinem Geburtstag musste er vor einigen Jahren seinen geliebten Schäferhund viel zu früh zum Tierarzt bringen. Wie immer blickte Rolf sein Herrchen voller Vertrauen in die Augen, als der Arzt das erlösende Gift injizierte um ihn von seinen unsäglichen Schmerzen zu befreien. Nur sieben Jahre alt war Rolf geworden. Eine lange Zeit, um eine tiefe Männerfreundschaft wachsen zu lassen. Eine viel zu kurze Spanne, wenn man sich so früh verabschieden musste. Das Leben der Familie Berthold, inmitten der Natur, wurde von immer frecher werdenden Plagegeistern beeinträchtigt. Als die Mäuse buchstäblich auf dem Tisch tanzten, erinnerte sich Andreas an die vierpfotigen Killer, die schon zu Pharaons Zeiten deren Kornspeicher einigermaßen Mäusefrei hielten. Ein wirkliches Haustier war eine Katze für den "Hundemann" Andreas sowieso nicht. Insofern blieb er seinem Grundsatz treu, sich nie mehr an ein Tier zu binden. Aber als Gary bei den Bertolds einzog, erfuhr Andreas eine Wandlung, die er selbst nie für möglich gehalten hätte. Wie sehr merkte er umso schmerzlicher, als sein Mäuseschreck von einem auf den anderen Tag verschwand. Nie gab er die Suche nach seinem Kater auf. Im Gegensatz zu der "Realistin" Ines, Andreas Frau, die ihn vor dem wehmutsvollen Bangen, ob er je seinen geliebten Kater wiedersehen würde befreien wollte, war Andreas ein hoffnungsloser Träumer und Optimist, der immer an die Rückkehr seines Katers glaubte. Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt.
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Seitenzahl: 153
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Dieter Hardo
Copyright © 2013 Dieter Hardo, Autor
Kontakt: [email protected]
1. Auflage 2013
Lektorat: GertraudBarthel
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung liegen bei dem Autor. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form, sei es in Fotokopie, Mikrofilm oder einem anderen Verfahren ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Andreas Berthold war bereits den ganzen Tag bedrückt umher geschlichen. Er hatte versucht sich abzulenken, schaffte es aber weder mit seinem Hobby, dem Klavierspielen, noch mit seinen beruflichen Aktivitäten. Zwei Räume im Souterrain seines Hauses waren vollgestopft mit Mikrofonen, Messgeräten, Equalizern und Computern. Hier erledigte er als Musikproduzent diverse Aufträge.
Zur Zeit arbeitete er an der Optimierung des Klack-Geräusches, das beim Schließen einer Autotür entsteht. Noch klang die Türe des SUVs recht blechern, keinesfalls satt und fett, wie es sein Auftraggeber erhoffte. Lustlos drehte er an den Reglern eines Breitband-Equalizers, der das Geräusch, das aus einem Computer kam und über die Lautsprecher ausgegeben wurde, beständig veränderte. Es klang wie ein Schlaginstrument, das beliebig gestimmt werden konnte. Sein kräftiger Kopf, der rundum von kräftigen, rötlich-braunen Haaren eingerahmt war, drehte sich beständig,um Richtung und Abstand zu den Monitoren zu verändern. Er stoppte das Geräusch schließlich, trat ans Fenster und blickte gedankenverlorenin den Garten. Obwohl er müde schien, blitzten seine türkisblauen Augen unter den buschigen, rot-braunen Augenbrauen hellwach, aber unstet hervor.
Er sah, wie sich rechts auf dem Kiesweg die gebückte Gestalt Jacks, der eigentlich Hans Velmich hieß, sich aber als Musiker lieber Jack nannte, der Eingangstüre näherte. Seine Zigarette behielt er in der Hand, als er eintrat, zog kurz daran und ließ prompt, wie immer,seine Asche auf den Boden fallen. Andreas sah dem grauen Krümelgebilde nach, ärgerte sich zum hundertsten Male und schluckte seinen Tadel aus Freundschaft hinunter. Jack war in Andreas Alter, sah aber gut 10 Jahre älter aus. Mit seiner randlosen Brille über meergrünen Augen, seiner langen geschwungenen Nase darunter und den schmalen aber wohl ausgeformten Lippen wäre er leicht als Intellektueller römischer Herkunft durchgegangen. Sobald er aber zu sprechen begann, war er im Jetzt und Heute der grauen deutschen Realität fest verankert. Sein fränkischer Dialekt war unverkennbar.
„Hi Andy, haste ne Minute ?”, fragte er grimmig, „die Arschlöcher haben meinen Jingle schon wieder zurück geschickt, es müsste mehr ‚grün’ klingen, verstehst du, grün, grüne Musik.“ Andreas nickte verständnisvoll. Er kannte das Problem, das Jack hier ansprach, zur Genüge. Mal sollte die Telefonmusik erdig klingen, weil es der Direktor des Tiefbauunternehmens für seinen Jingle so passend fand, oder locker flockig, oder eben grün, wie für jenen Solarzellen-Anbieter. Keiner wusste, warum die Telefonmusikeiner solchen Firma grün klingen sollte, aber wer bezahlt, hat das Recht zu bestellen. In der freien Hand hielt Jack eine CD, mit der er, wie zum Beweis, dauernd herumfuchtelte.
Sie gingen in den Nebenraum, wo Andreas sein Tonstudio eingerichtet hatte. Aufmerksam hörte er denzwanzig Sekunden langen Jingle in einer Endlosschleife an. Dann schaltete er ab.
„Hast Du gewusst, dass Oboen einen total grünen Sound haben“,sagte er todernst. Zum Spaßen war er ohnedies nicht aufgelegt. Jack schaute ihn entgeistert an. „Ja“, fuhr Andreas fort, „komponiere eine Gegenstimme zur Melodie mit einer Oboe .Du wirst sehen: es grünt so grün, wenn Oboen holzig grün erklingen.“
Jack musterte seinen alten Freund aufmerksam, konnte aber keinen Anflug von Ironie entdecken.
„Haste’nenFingerbreit, Andy?“, sagte Jack mit seiner Bittsteller-Stimme und der Mimik eines indischen Straßenbettlers. Er hieltzur Verdeutlichung Zeige- und Mittelfinger ausgestreckt unter Andreas Nase. „Es ist wegen Gary“,fuhr er fort, „heute ist es auf den Tag ein Jahr, wenn ich mich nicht irre“.
„Ja“, bestätigte Andreas über die Schulter, als er sich zu einer alten Lautsprecherbox bückte, die Bespannung abklappte und eine halb volle Flasche Jack Daniels hervorholte.
Jack wusste, wo die Gläser standen. Auf einem stand ‚Sheraton Grand Hotel’, ein Zahnputzglas, das andere war aus blau-grünem Muranoglas und sah richtig teuer aus. Das erhielt der Hausherr. Nachdem Andreas eingegossen hatte, nickten sie sich schweigend zu und tranken bedächtig.
Während Jack und Andreas schwiegen, herrschte im Hause Berthold eine Stille, die man fast schneiden konnte, so dicht fühlte sie sich an.
Dennoch hatte niemand Horst Quastmeier, den alle nur Quastel oder den Kubanernannten, kommen hören, als er ohne anzuklopfen eingetreten war. Möglichst nicht gehört und nicht gesehen zu werden war eine von QuastelsVorsichtsmaßnahmen, die sich für ihn in der Drogenszene Südamerikas als überlebenswichtig heraus gestellt hatten. Er war schmal und klein und erinnerte mit seinen braunen Knopfaugen an ein Wiesel. Seine grün-rote Wollmütze, die er bei jedem Wetter über seinen kahl geschoren Schädel stülpte, hatte er über beide Ohren gezogen. Die Mütze war eine Reminiszenz an Cuba, wo er einige Jahre gelebt oder eigentlich mehr vegetiert hatte, da er dort im Gefängnis gewesen war. Er zog frierend die Schultern hoch und wandte sich aufgebracht zu seinen Freunden:
„Habt ihr von der krassen Alten gehört, die gestern eine Katze in eine Mülltonne versenkt hat, einfach so? Die müsste man in einen Sack stecken, zubinden und in die Themse schmeißen.“ „Wieso in die Themse?“, fragte Jack .„Weil sie in London lebt“, antwortete der Kubaner.
„Was ist, wollt ihr mich im Trockenen stehen lassen?“, fuhr er mit einem Kopfnicken in Richtung Whiskyflasche fort.
Jack holte ein weiteres Sammelglas und Andreas goss ein. „Wann steigst Du auf Jim Beamum?“, moserte der Kubaner. „Lass es einfach stehen“, sagteJack, als ob er gemeint gewesen war, „mir schmeckt er.“
Andreas hakte nach: „Wie war das noch mal mit der Katze?“.
„Sie saß einfach nur auf der Mauer, die durchgeknallte Alte streichelte sie , packte dann plötzlich das ahnungslose Tier im Nacken, öffnete den Deckel der Mülltonne, die ein paar Schritte daneben stand und schmiss sie hinein, Deckel zu und ging weiter.“
Er schnaubte und schüttelte angewidertseinen bemützten Kopf. „Wie kam man ihr auf die Schliche?“, wollte Jack wissen.
„Die Besitzer hatten eine Überwachungskamera, da war alles genau festgehalten, deshalb wurde auch die Katze gerettet. Sie stellten den Film ins Netz, wollten wissen, wer die Alte kennt und Bingo – kurze Zeit später stand ihre Identität fest.Ihren Job ist sie schon los. Sie kriegt jetzt Morddrohungen, traut sich nicht mehr aus dem Haus. Geschieht ihr Recht, der Sadistin.“
Wieder sah Andreas zum Fenster hinaus, als erwarte er jemanden.
Der Kubaner trat neben ihn. Angewidert verzog er das Gesicht. „Wisst ihr, wie viel Grad die drüben gerade haben?“Ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr er fort:„ 35 Grad im Schatten.“
„Wo sonst“, sagte Jack trocken, dem die Sprüche des Kubaners zum Halse heraus hingen. Er trank aus. „Vielen Dank für den Oboen- Tipp“, sagte er zu Andreas gewandt und ging nach draußen in den kalten Herbstnebel. Kurz darauf schlürfte auch der Kubaner sein Glas leer, bedankte sich wortlos mit einem Kopfnicken und ließ Andreas alleine.
Immer wieder versuchte Andreas, den Tag, als sein Kater Gary verschwand, vor seinem geistigen Auge ablaufen zu lassen. Er hoffte immer noch herauszufinden, was vor einem Jahr an diesem Tag geschehen war. Aber je länger er darüber nachdachte, desto mehr entzogen sich die Ereignisse rund um das Verschwinden des Katers seiner Erinnerung.
Andreas hatte bereits vor dem Einzug seines neuen Mitbewohners gewusst, dass in diesem Ort auffallend viele Katzen überfahren wurden. Davor wollte er Gary schützen, falls er doch einmal ins Freie entwischen würde, denn sie hattendie Absicht gehabt, die Katzeals reines Haustier zu halten. Mit Hilfe seiner Frau Ines hatten sie deshalb dem jungen Kater bald nach seinem Einzug in sein neues Heim ein Katzengeschirr um seinen Hals undKörper gelegt. Dann gingen sie an die Straße. Ines sollte den Kater festhalten und Andreas wollte mit Motorgeheul, Hupen und Reifenquietschen knapp an Gary vorbei fahren. So sollte er ein für alle Mal im Sinne einer klassischen Konditionierung Autosfürchten lernen und ihnen schon von weitem aus dem Wege gehen.
Der Schreck war so groß, dass sich der Kater mit einem Ruck aus Geschirr befreit und im nahen Gebüsch Schutz gesucht hatte.
Andreas hatte ihn in der Folgezeit des Öfteren beobachten können, wie er Autos schon von Weitem ausmachte und ihnen rechtzeitig aus dem Wege ging.
Nein, er war sich sicher: Tod durch Überfahren schied aus. Schließlich hatte man auch kein totes Tier gefunden. Allenfalls vergiftet durch irgendwelche Katzenhasser. Mit letzter Kraft, so malte er sich die Szene aus, hatte sich sein langsam verendender Kater in ein Erdloch verkrochen um dort zu sterben. Ratten und Mäuse hatten schließlich den Kadaver ihres Erzfeindes in gnadenloser Wut beseitigt, nicht ahnend, dass sie ihrerseits an dem vergifteten Fleisch sterben würden.
Natürlich war das Unsinn, wie er sich bald eingestehen musste. Bekanntlich gibt es bei Ratten Vorkoster. Allenfalls würde daher eine einzelne Ratte einen Fressversuch unternehmen und die anderen Abstand nehmen, sobald es der einen Versuchsratte nicht wohl bekommen oder sie daran gar sterben würde. Nein, sollte Gary Gift gefressen haben, würde er wohl als erstes nach Hause gekommen sein, um Hilfe von seinen Menschen zu erhoffen, denn kein verwendetes Gift wirkt, wie zum Beispiel manches Schlangengift, auf der Stelle. Bliebe nur noch eine Reise, aus Versehen oder als Entführung, die für das Verschwinden verantwortlich sein könnte.
Er wunderte sich über sich selbst, wie sehr er an dem Tier hing. Ein Jahr schon hoffte er, es wieder zu finden. Er war überzeugt, dass es noch lebte und seine Freunde taten ihm den Gefallen, auch daran zu glauben. Nur seine Frau Ines war realistischer. Sie glaubte nicht an Wunder. Weder in der Medizin noch bei Haustieren. Und sie versuchte, Andreas von seiner, wie sie meinte, fixen Idee abzubringen.
Andreas war eigentlich ein ‚Hundemann’. Er liebte die ‚Männerfreundschaft’ zwischen Hund und Mensch, wie zu seinem ehemaligen Schäferhund Rolf. Die Verhältnisse waren klar. Er, Andreas, war das Alphatier, also Rudelführer, dann Rolf, sein Rüde, das Betatier, und dann die übrige Familie.
Kein Präsident der Vereinigten Staaten hatte je eine Katze besessen - außer Bill Clinton. Doch nach seiner Wahl zum Präsidenten gab er seine Katze ‚Socks’ ab und mutierte zu einem Hunde - Liebhaber.Die Botschaft war klar: „Seht her, ich werde mit meinem Hund fertig, also kann ich auch eine Nation führen“, oder so ähnlich.
Das Verstehen, ja das Vorausahnen der nächsten Handlung, die es nur bei Hunden gibt, wie Andreas überzeugt war, gab ihm ein tiefes Gefühl der Verbundenheit, das er sonst bei keinem Menschen, geschweige denn bei einer Katze gefunden hätte, wie er damals noch überzeugt gewesen war. Als allerdings sein geliebter Rolf an einem Tumor gestorben war, hatte er Angst, dieses innige Gefühl der Zusammengehörigkeit bei einem neuen Hund nicht mehr finden zu können. Er erachtete es daher als vernünftiger, sich besser gar nicht mehr an ein Tier zu binden als vielleicht nur halbherzig.
Am Anfang glich seine Katzenliebe mehr einer Vernunftehe. Eigentlich war auch das übertrieben, denn von Liebe konnte überhaupt keine Rede sein.
So wie die alten Ägypter die Katze domestiziert hatten, nur um ihre Kornspeicher vorMäusen zu schützen, musste eine Katze angeschafft werden, weildie Mäuse im Hause der Bertholds immer frecher wurden. Hemmungslos spazierten sie auf dem Sideboard umher oder hangelten sich an der Grastapete in seinem Schlafzimmer entlang, immer auf der Suche nach etwas Fressbarem.
Einmal hätte er beinahe Krachmit seiner Ehefrau Ines bekommen, als sie behauptete, eben eine Maus auf der Couch gesehen zu haben und er dies dann so hinstellte, als sähe sie bereits weiße Mäuse. Ein sicheres Zeichen für Sturzbesoffenheit.
Ärgerlich hatte sie ihn sofort aufgefordert nach zu sehen. Und tatsächlich, als er ein Sofakissen anhob, saß da eine Maus und blinzelte ihn neugierig an. Wenn er sich bei Freunden über seine Mäuseplage beschwerte, kam immer der Hinweis darauf, dass dies nun mal der Preis dafür sei,inmitten von Mutter Naturwohnen zu wollen. Tatsächlich war das Haus der Bertholds das letzte am Ende der Straße, wo die Bebauung endete. In nächster Nachbarschaft nur noch Wiese und hundertMeter weiter der Wald. Was den altenÄgyptern Recht war, sollte den Bertholds billig sein. Der Entschluss stand fest. Der Mäuseplage sollte Einhalt geboten werden.
In einem idyllischen Dorf, circa 20 km von Andreas Wohnort entfernt, lebte eine junge Familie, ganz im Einklang mit der Natur. Stallhasen gruben sich fröhlich Erdröhren unter einem liederlich angebrachten Schutzzaun, um in den Gemüsebeeten in Nachbars Garten zu wildern. Manchmal mit tödlichen Folgen, denn der Nachbar war Jäger. Hühner sorgten für frische Eier, drei Gänse bewachten das Grundstück, die vierte Gans hatte vor acht Tagen ein Fuchs geholt. Ein Mischlingshund,halb Husky halb Schäferhund, versuchte noch wachsamer zu seinals die Gänse. Und schließlich bevölkerten noch mehrere Katzen das Grundstück. In einem umzäunten Gehege, abgetrennt von den übrigen Haustieren, wachte eine stolze, grau getigerte Katzenmutter über ihren wuseligen Wurf von sechs, circa sieben Wochen alten munteren Kätzchen.
Ines hatte in ihrer Apotheke erfahren, dass die Kätzchen kostenlos ‚in gute Hände abzugeben’ wären.
Beide waren neugierig und gespannt zu dem Anwesen gefahren und standen jetzt ein wenig ratlos vor dem vielfältigen Katzenglück. Ein Junges schien Herz erwärmender als das andere und löste sofort Beschützerinstinkte bei den Besuchern aus. Schließlich verließ energisch ein kleiner Tiger das Katzen-Knäuel und lief unbeholfen, aber neugierig auf Andreas zu. Dieser kleine, grau weiß gemusterte Kater, der seiner Mutter am ähnlichsten sah, schien der mutigste und intelligentestedes Wurfs zu sein. Das imponierte Andreas und er schloss den kleinen Wichtel gleich in sein Herz. Ines überließ das Aussuchen des neuen Familienmitgliedes großzügig ihrem Mann, schließlich war er den ganzen Tag zu Hause und würde die Erziehung und Versorgung des Katers übernehmen. Das hatten sie bereits im Vorfeld so abgesprochen.
Andreas wurde das Kätzchen ausgehändigt, nicht ohne zuvor von der Hausherrin mit ein paar Fragen geprüft worden zu sein, ob die Familie Berthold das Tier auch artgerecht halten würde. So wollte sie wissen, ob möglicherweise kleine Kinder die Katze quälen würden oder ein Kampfhund auf Futter wartete und ob man wüsste, wie eine solche Katze zu ernähren sei. Irritiert aber folgsam ließ sich Andreas examinieren und hatte sogar Verständnis dafür, dass diese schlanke Frau in den derben Stiefeln, grüner Latzhose und einem alten Norweger- Pulli ihre Tiere nur in gute Hände, wie sie in ihrem Inserat geschrieben hatte, abgeben wollte.
Andreas gab der strengen Katzenmutter einen Obolus für Futter, der gerne entgegengenommen wurde. Sie verabschiedeten und bedankten sich und stiegen mit ihrem jungen Katzenglück ins Auto.
Während Ines am Steuer saß, versuchte Andreas das kleine Energiebündel zu beruhigen. Die plötzliche Trennung von der Mutter und den Geschwistern, die fremden Menschen, die nun doch groß und bedrohlich wirkten, und ein Zustand in einem schaukelnden Blechkasten, der für die feinen Gleichgewichtsorgane des jungen Kätzchens völlig neu und beängstigend war, zerrten an seinen Nerven. Mehrmals musste es sich übergeben. Andreas ließ es geduldig über seine Hände rinnen, ohne seinen Griff zu lockern. Unerfahren wie sie waren, hatten sie nicht daran gedacht, einen Transportkäfig mit zu bringen.
Zuhause angekommen wollte das Tierchen sofort Reißaus nehmen. Es versuchte, durch ein Loch in der Wandverkleidung der Küche zu flüchten. Nur ein rascher, beherzter Griff von Ines, deren Hand gerade noch hindurch passte, packte das Energiebündel entschlossen und konnte es gerade noch rechtzeitig wieder hervor holen. Von alleine hätte der kleine Kater nicht mehr in die Freiheit gefunden und ein Schreiner hätte die ganze Wandverkleidung abmontierten müssen. Endlich wurde dieses kleine Kraftpaket auch einmal müde.
Nachdem der Kater unter ständigem Rufen nach seiner Mutter alles auf seiner Augenhöhe untersucht hatte, ließ er sich endlich mit einem hörbaren Seufzer neben einem Kissen auf dem Steinboden nieder. Die Vorzüge einer weichen Unterlage sollte er erst später schätzen lernen.
Während Andreas Vorstellungswelt dem Hund eine wichtige Stellung in der gemeinsamen Evolution von Mensch und seinem treusten Jagdgefährten einräumte, reichte seine Erfahrungswelt mit Katzen nicht über das hinaus, was er aus einem bekannten Comic über Katzen ‚gelernt’ hatte. Er hattezu gerne ‚Garfield’ gelesen, schien dieser doch alle negativen Klischees, die er Katzen zu schrieb und die so viele Menschen in ihren Bann zog, zu erfüllen.Gefräßig und faul,immer auf seinen eigenen Vorteil aus, hinterlistig und in ihren Absichten nicht einzuschätzen. Mit einem Wort: die Konterkarierungdes Charakters eines edlen Hundes. Die Kurzform von Garfield könnte ‚Gary’ sein, so sein einfaches Kalkül. Ines hatte nichts gegen diesen Namen einzuwenden. Vorsichtshalber hatte er ihr die Herleitung des Namens verschwiegen.
Nach Meinung von Andreas galt es, bei einem sozial so hoch stehenden Tier wie dem Hund, möglichst keine Erziehungsfehler zu begehen. Vor der Anschaffung seines geliebten Rolf hatte er sich Bücher über Hundeerziehung besorgt und sich bei Hundekennern Rat geholt. Schon einige Wochen, bevor derWelpe in sein neues Heim geholt werden konnte, hatte er ‚seinem’ Hund einige Besuche abgestattet, um jeweils einige Stunden intensiv mit ihm zu spielen. So sollte der beizeiten auf sein neues Herrchen geprägt werden. Was auch prompt geklappt hatte. Die ersten Nächte hatten sie im Partykeller gemeinsam auf einer alten Matratze geschlafen, um dem ängstlichen Bündel das Heimweh und die Angstvor der Nacht zu nehmen. Natürlich hatte das auch die Bindung von Herr und Hund enorm gefördert.
All diese Bemühungen schienen ihm bei seinem neuen Mäuseschreck nicht angebracht. Eine Katze erzieht allenfalls ihr Herrchen, nicht umgekehrt, so viel wusste er bereits, und erhattesich darauf eingerichtet abzuwarten, was ihm sein neuer Hausgenosse beibringen würde. Was sollte er schon falsch machen?
Bald sollte er merken, was man alles falsch machen konnte, indem man einem Mitbewohner,der von einem ganz anderen Universum,als von dem eines Hundes zu kommen schien, mit völligem Unverständnis begegnete. Garfield hatte irgendwie Recht, Hunde alsDeppen hinzustellen, die nur ihrem Herrchen gefallen wollten. Ohne eigenen Willen und Charakter, immer nach der Laune seines Futterspenders schielend, um ja nichts falsch zu machen. Schwanzwedelnd und Hände leckend würden sie nur um die Gunst und das Futter des Herrchens betteln.
