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In ferner Zukunft leben zwei junge Menschen auf einer matriarchalen Welt: Sirrah, Tochter einer Gutsbesitzerin, und Tihal, Sohn eines Landarbeiters. Während Sirrah alle Wege offen stehen, bleibt Tihal nur das Leben auf den Feldern. Tihal umgibt ein Geheimnis, das Sirrahs Interesse weckt. Die beiden kommen sich näher, ihre Liebe zerbricht jedoch an Sirrahs Zukunftsplänen. Als Sirrah eine Karriere bei der Raumflotte anstrebt, verlässt Tihal seine Heimat und schließt sich einer Rebellengruppe an. Zunächst verdrängt Sirrah die Ungerechtigkeit des Gesellschaftssystems und stürzt sich mit Eifer in ihre Ausbildung. Als sie jedoch herausfindet, dass Tihal die Zwangsarbeit auf einem unwirtlichen Planeten droht, schmiedet sie einen waghalsigen Fluchtplan.
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Seitenzahl: 305
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Petra Gugel
Sirrah
Eine Rebellion aus Liebe gegen das System
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Der letzte Schultag
2. Alte Bekannte
3. Ferien
4. Freundschaft
5. Sternschnuppen
6. der Anschlag
7. Obsternte
8. Der Unfall
9. Das Erntefest
10. Prüfungen
11. Veränderungen
12. Ermittlungen
13. Abschied
14. Die Akademie
15. Der Plan
16. Ein freier Tag
17. Die Wette
18. Katzenjammer
19. Das Spiel
20. Besuch von Isa
21. Die Zwischenprüfung
22. Heimaturlaub
23. Die Raumstation
24. Raumpatrouille
25. Der Wendepunkt
26. Die Flucht
27. Die Ankunft
Impressum neobooks
Der Barbar schwang zähnefletschend die Streitaxt. Seine Gegnerin holte zum Schlag mit dem Schwert aus. Doch ihr Hieb ging ins Leere, und der zottelige Krieger machte ihr zum dritten Mal in Folge den Garaus.
Ein lautloser Fluch formte sich auf Sirrahs Lippen. Wieder war sie auf der vierten Ebene des Spieles gescheitert, das sie statt ihres Lernprogramms auf dem Schulcomputer laufen ließ. Dass Ardra aus der letzten Reihe sie deswegen noch nicht angeschwärzt hatte, grenzte beinahe an ein Wunder.
Sirrah guckte auf die Uhr. Noch eineinhalb Stunden! Sie strich eine blonde Strähne aus ihrem Gesicht und sah aus dem Fenster. Zwei Sonnen, die sich als Doppelgestirn gegenseitig umkreisten, brannten auf ihre Heimatwelt nieder. Wirklich kein Wetter zum Lernen, und am letzten Schultag schon gar nicht.
Ein Referat über ihren Nachbarplaneten Nardo plätscherte an Sirrahs Ohren vorbei. Nun trennte sie nur noch der Physikunterricht von den Ferien. Dann kamen die Abschlussprüfungen, und bis dahin musste sie ihre Mutter unbedingt überzeugt haben!
„Isa, noch sind keine Ferien!“ Die Stimme ihrer Lehrerin schreckte Sirrah aus ihren Überlegungen auf.
„Mit welchen physikalischen Kerngrößen lässt sich ein schwarzes Loch beschreiben?“ Denebola, deren Feldwebelstimme nicht zu ihrer unscheinbaren Erscheinung passte, sah Sirrahs Sitznachbarin fragend an.
Isas wasserblaue Augen schielten Hilfe suchend zu Sirrah.
„Masse, Drehimpuls und elektrische Ladung“, flüsterte Sirrah ihrer Freundin zu.
„Sirrah, dich habe ich nicht gefragt!“ Trotz ihres Alters verfügte Denebola über ein ausgezeichnetes Gehör.
Der Lautsprecher erbarmte sich der schwitzenden Mädchen. Fünf Minuten vor Schulschluss leierte er die Tonfolge herunter, die das Ende des Unterrichts anzeigte.
„Das größte schwarze Loch befindet sich eindeutig da drin!“ Isa tippte sich an die Stirn. „Das gesammelte Wissen des Universums verschwindet dort mühelos auf nimmer Wiedersehen!“
Sirrah schmunzelte. Isa war in Physik ungefähr so gut wie ein Stein im Fliegen. Dafür konnte sie sich sämtliche Geschichtsdaten merken. Sirrah fragte sich, wie sie das anstellte. Es gab doch wirklich nichts Langweiligeres als Geschichte!
Ihre Mitschülerinnen erwachten zu neuem Leben. Sirrah räumte ihre Schulsachen zusammen und stopfte sie in ihre Tasche. „Schöne Ferien!“, rief sie den Mädchen zu, bevor sie mit Isa das Klassenzimmer verließ.
Ein leichter Wind kühlte Sirrahs Gesicht. Die frische Luft auf dem Schulhof war eine Wohltat nach dem Mief im Klassenzimmer. Jetzt kam endlich der angenehme Teil des Tages: Isa würde heute bei ihr übernachten. Ein vergnügter Abend mit ihrer besten Freundin war genau das Richtige für den Ferienbeginn!
„Könntest du dich ausnahmsweise mal beeilen?“, drängelte Isa. „Sonst fährt uns der Zug wieder vor der Nase weg!“
Die Freundinnen rannten los und erreichten atemlos die Haltestelle, wo die silbrig glänzende Magnetschwebebahn kurz vor der Abfahrt stand. Sie huschten gerade noch hinein, bevor sich die Türen schlossen. Mit einem leichten Ruck setzte sich die Bahn in Bewegung, und die beiden Mädchen ließen sich auf zwei freie Plätze plumpsen.
Vor den Fenstern rauschte lautlos die Landschaft vorbei. Ein bunter Flickenteppich aus Feldern und Obstplantagen erstreckte sich bis zum Horizont, wo man im Dunst eine Reihe von hohen Bergen erkennen konnte.
„Ist Arneb eigentlich auch da?“, fragte Isa nach einiger Zeit.
„Nein, meine Mutter hat ihn gestern an eine reiche alte Schachtel verkauft!“ Sirrah grinste. Sie wusste, dass Isa ein Auge auf ihren zwei Jahre älteren Bruder geworfen hatte. „Was willst du bloß mit ihm? Immerhin wird er bald neunzehn! Such dir lieber etwas Jüngeres, alt und hässlich werden sie früh genug. Wobei bei meinem Bruder nicht viel zu verderben ist!“
Eine leichte Röte überzog Isas Wangen. „Arneb ist wirklich sehr nett, du verstehst ihn bloß nicht!“
„Eben, wie könnte ich das auch beurteilen. Ich bin ja nur seine Schwester!“
Isa gab auf. Für Sirrah würde Arneb stets der nervende Bruder bleiben, der nur zum Aufräumen und Putzen taugte.
Für weitere Diskussionen über Arnebs Vorzüge blieb keine Zeit mehr. Der Zug näherte sich der Haltestelle, bremste ab und kam zum Stillstand. Die Türen öffneten sich mit einem leisen Zischen. Die beiden Freundinnen stiegen aus und sprangen den Bahndamm hinunter.
Dort, wo der staubige Trampelpfad in einen von hohen Alleebäumen gesäumten Weg mündete, begann das Land von Sirrahs Mutter. Ein goldgelbes Ährenmeer erstreckte sich linker und rechter Hand des Weges und wogte sanft im Wind. Im Gegensatz zu ihrer Freundin konnte Sirrah dem Anblick jedoch nichts Idyllisches abgewinnen. Für sie bedeutete er lediglich eine Menge Arbeit.
Sirrah kniff die Augen zusammen. Hatte sich im Feld nicht soeben etwas bewegt? Tatsächlich, aus dem Kornfeld lugten mehrere Paare hellbrauner Öhrchen heraus. Sie gehörten einer Kolonie Pfeifhasen, die sich über das reife Korn hermachte. Der selbst gebastelte Raubvogel, der an einer Stange über dem Feld baumelte, schien die kleinen Nager nicht besonders zu beeindrucken. Erst als Sirrah laut in die Hände klatschte, stießen die Tierchen einen hohen Pfeifton aus und flitzen in ihre Erdlöcher.
Am Ende der Allee erhob sich ein zweistöckiges Gebäude. Das Licht der tief stehenden Sonnen spiegelte sich in den hohen Fenstern und ließ die Sonnenkollektoren auf dem Dach wie Insektenflügel schillern. Dass die Fassade dringend einen neuen Anstrich benötigte, nahm Sirrah schon gar nicht mehr wahr.
„Klopf dir den Staub ab und zieh die Schuhe aus“, ermahnte Sirrah ihre Freundin, als sie das Wohnhaus erreichten. „Sonst nörgelt mein Vater wieder, weil er ständig putzen muss!“
Sirrah öffnete die Tür. Im Gegensatz zu Isa, die ihre Sandalen ordentlich beiseite stellte, ließ Sirrah ihre Schuhe mitten im Flur zu Boden fallen.
Als sie das Wohnzimmer betrat, fiel ihr auf, dass der Tisch noch nicht gedeckt war. Seltsam, eigentlich müsste es doch bald Abendessen geben!
Wo waren denn alle? Sirrah spähte durch die Glasfront auf der Westseite. Niemand war zu sehen, weder auf der Terrasse noch im Garten. Nur von der Wendeltreppe, die ins obere Stockwerk führte, wummerte laute Musik herunter. Also war Arneb zu Hause.
Sirrahs Blick fiel auf seine Bilder. An der Wand hinter dem Esstisch klebte eine Reihe von Zeichnungen, auf denen Arneb sämtliche Familienmitglieder verewigt hatte: Ihren Vater Menkar, der auf einem Portrait bestanden hatte, weil er nicht stundenlang den Bauch einziehen wollte. Ihre Mutter Adhara, die ihre markante Adlernase auch auf dem Papier mit Stolz und Würde trug. Sein Selbstbildnis hatte Arneb ein wenig geschönt. Sirrah wusste, dass er den von Adhara geerbten Zinken hasste. Sie selbst störte sich an dieser Mitgift ebenso wenig wie an der Tatsache, dass sich ihr langes Haar nie zu einer ordentlichen Frisur bändigen ließ. An die Frage, ob andere sie hübsch fanden, verschwendete Sirrah keine Gedanken. Solche Unsicherheiten plagten nur das männliche Geschlecht.
Sirrahs Magen knurrte. „Hallo, ist jemand zu Hause?“, rief sie.
„Hier bin ich!“ Das runde Gesicht ihres Vaters erschien in der Durchreiche zur Küche. Seine Wangen waren gerötet, und sein spärliches Blondhaar probte den Aufstand. „Ihr kommt gerade rechtzeitig, das Abendessen ist gleich fertig. Könntest du Arneb sagen, dass er endlich den Tisch decken soll? Dieser Faulpelz hat sich schon wieder verkrümelt!“
„Ich mach das schon!“, rief Isa und sauste die Treppe hinauf.
„Was gibt’s eigentlich zum Essen?“ Sirrah guckte in die Küche. Die Kochexperimente ihres Vaters waren immer für eine Überraschung gut. Sie erinnerte sich an das geschmorte Gemüse, das er an Adharas Geburtstag serviert hatte. Die brennend scharfe Soße hatte ihr und der gesamten Verwandtschaft die Tränen in die Augen getrieben.
Menkar wischte sich die Hände an seiner Schürze ab und begrüßte Sirrah mit einem Lächeln. „Ich hoffe, du hast Appetit auf Gemüseauflauf!“
Sirrah atmete auf. Auflauf gehörte zu den Gerichten, die ihr Vater hervorragend hinbekam. Als er die Ofentür öffnete, stieg Sirrah ein verführerischer Duft in die Nase. Sie spülte sich im Küchenwaschbecken den Staub von den Fingern und schnappte sich einen Löffel. Während sie ein Stück Frühlingsrübe aus dem Auflauf fischte, betraten Isa und Arneb die Küche. Isas Wangen glühten, und Arnebs Gesicht zierte ein glückliches Lächeln.
„Was treibst du nur so lange da oben?“, schimpfte Menkar. „Vor einer halben Ewigkeit habe ich dich gebeten, den Tisch zu decken!“
„Wieso kann Sirrah das nicht mal machen?“
„Weil dasch Jungscharbeit ischt“, nuschelte Sirrah mit vollem Mund.
Arneb holte Geschirr und Getränke aus der Küche und trug sie ins Wohnzimmer. Menkar stellte den dampfenden Auflauf auf den Tisch und häufte jedem eine große Portion auf den Teller. „Lasst es euch schmecken!“
Sirrah ließ sich auf einen Stuhl fallen und schob sich einen Löffel Auflauf in den Mund. "Mmh, lecker!“
Arneb zog die Augenbraue hoch. „Man hört’s!“
„Klappe“, murmelte Sirrah und spülte den Bissen mit einem Schluck Obstsaft hinunter.
„Könnt ihr nicht einmal aufhören mit dem Gezänk?“ Menkar schüttelte den Kopf. „Sirrah, wie war eigentlich dein letzter Schultag?“
„Langweilig.“ Die Schule war das Letzte, worüber sie sich unterhalten wollte. „Wo ist Mutter eigentlich?“
„Wenn du mir hin und wieder zuhören würdest, wüsstest du es. Ich habe dir schon mindestens dreimal erzählt, dass sie auf diesem Landwirtschaftstreffen ist.“ Menkar nahm sich noch eine Portion Auflauf. „Hättest du etwas von ihr gebraucht?“
„Ich wollte sie noch einmal wegen der Akademie fragen!“
Arneb verdrehte die Augen. „Nicht schon wieder!“
Sirrah schenkte ihm ein liebenswürdiges Lächeln. Sie ahnte, was ihn wirklich wurmte: Dass seine eigene Zukunft nie zur Debatte stand.
„Isa, was machst du eigentlich nach der Prüfung?“, fragte Arneb.
„Ich gehe auf die Kunsthochschule“, antwortete Isa. „Gestern habe ich die Zusage bekommen.“
Arnebs Gesicht bekam einen wehmütigen Ausdruck. „Ich habe letzte Woche etwas Neues gezeichnet. Möchtest du es dir ansehen?“
„Gerne!“ Wieder hatte Isa diese leichte Röte im Gesicht. Sirrah kicherte, als die beiden nach oben verschwanden.
Menkar sah seine Tochter fragend an. „Weißt du etwas, das ich nicht weiß?“
„Ich glaube nicht, dass du schon ein Rezept für die Hochzeitstorte brauchst“, antwortete Sirrah. „Übrigens, wann kommt Mutter eigentlich wieder?“
„Wenn der Zug pünktlich ist, morgen Mittag.“
Sirrah zog einen Flunsch. „Nie ist sie da, wenn man sie mal braucht!“
„Du weißt, dass sie viel Arbeit hat!“ Eine steile Falte bildete sich auf Menkars Stirn. „Dieser Tatsache verdanken wir unser sorgenfreies Leben. Nicht alle haben so viel Glück. Denk nur einmal an Mizar!“
Sirrah kannte das. Bei solchen Diskussionen musste immer Mizar als mahnendes Beispiel herhalten. Schon oft hatte ihr Vater erzählt, wie verzweifelt Mizar ausgesehen hatte, als er vor fünfzehn Jahren hier aufgetaucht war. Ein Witwer ohne Ausbildung, der ein kleines Kind zu versorgen hatte. Adhara gab ihm trotzdem Arbeit, und seitdem bewohnte er zusammen mit seinem Sohn Tihal ein kleines Haus in der Obstplantage.
Inzwischen war Tihal genauso alt wie Arneb, aber da endeten die Gemeinsamkeiten auch schon. Tihal war anders als alle Jungs, die Sirrah kannte. Weder kümmerte er sich um Benimmregeln, noch interessierte er sich für modische Kleidung. Überhaupt schien er irgendwie nicht in diese Welt zu passen. Sirrah hatte Gerüchte über Tihals Herkunft gehört, doch ihre Mutter war der Meinung, dass es ihm lediglich an Erziehung fehlte. Allerdings sah Tihal ungewöhnlich aus, und dass es ihn und seinen Vater in diese abgelegene Gegend verschlagen hatte, erschien ihr seltsam. Wer zog schon freiwillig in diese Einöde?
Es war fast Mittag, als Adhara nach Hause kam. Sie trug einen ihrer dunklen Hosenanzüge für offizielle Anlässe und zog einen rumpelnden Rollkoffer hinter sich her. Er hinterließ eine deutlich sichtbare Schmutzspur auf den frisch geputzten Bodenfliesen. Menkar lächelte seine Frau nachsichtig an, bevor er mit einem leisen Seufzer einen Putzlappen holte.
Adhara küsste ihn zur Begrüßung auf die Wange. Dann nickte sie den Mädchen zu, die soeben ihr verspätetes Frühstück beendet hatten. „Na, wie geht’s euch?“
„Bestens!“ Sirrah grinste. „Wir haben uns gestern mit Musik und Süßkram einen schönen Abend gemacht!“
„Da hattet ihr eindeutig mehr Spaß als ich!“ Adhara, der man ihre fünfzig Jahre sonst nicht ansah, wirkte heute müde und gestresst. Auch die grauen Strähnen in ihrem braunen Haar schienen ein wenig zahlreicher geworden zu sein.
„Was gibt es Neues?“, fragte Menkar.
„Nicht viel, außer dass man im Norden den Anbau einer neuen Getreidesorte ausprobiert hat. Hauptsächlich wurde über diese Unruhen gesprochen, die es neulich in der Hauptstadt gegeben hat.“
„Hast du inzwischen noch einmal darüber nachgedacht?“, fragte Sirrah. „Die halten mir den Platz auf der Akademie nicht ewig frei!“
„Ich bin doch gerade erst angekommen“, stöhnte Adhara. „Lass uns später darüber reden. Aber du könntest etwas für mich erledigen.“ Sie drückte Sirrah einen prall gefüllten Stoffbeutel in die Hand. „Ich werde die neue Getreidesorte testen. Möchtest du nicht mit Isa einen Spaziergang machen und das Saatgut Mizar geben? Er soll es auf dem kleinen Feld aussäen.“
Sirrah schluckte ihre Enttäuschung hinunter. Warum hatte ihre Mutter nicht wenigstens ein bisschen Verständnis für sie? Das dämliche Grünzeug war anscheinend alles, was ihr wichtig war.
Lustlos stopfte Sirrah die Getreidekörner in ihre Umhängetasche und machte sich mit Isa auf den Weg. Sie nahmen die Abkürzung durch den Garten, am Gewächshaus vorbei und über das angrenzende Rübenfeld. Dahinter standen in ordentlichen Reihen die Obstbäume, inmitten derer Mizar sein kleines Haus bewohnte.
„Kannst du dich eigentlich noch an Tihal erinnern?“, fragte Sirrah ihre Freundin, während sie über das Rübenfeld stapften.
„Klar. Das ist doch dieser schmächtige Junge, mit dem wir früher manchmal Pi-Tzi-Ball gespielt haben!“
Schmächtiger Junge? Sirrah lächelte in sich hinein. Isa würde sich wundern!
Fünf Minuten später erreichten die Mädchen Mizars Häuschen, dessen weiß getünchte Wände zwischen den Apfelbäumen hervorleuchteten. Es bestand aus drei Zimmern: Einer großen Wohnküche im Erdgeschoss und zwei kleineren Räumen im Obergeschoss, zwischen die noch ein winziges Badezimmer hineingequetscht war. Um etwas zusätzlichen Platz zu schaffen, hatte Mizar vor einigen Jahren eine überdachte Veranda angebaut, die mittlerweile von einer blühenden Kletterpflanze überwuchert war.
Die Tür stand offen, und die Mädchen traten ein. Nach dem blendenden Sonnenschein draußen konnten sie in dem dämmrigen Raum kaum etwas sehen. Doch Mizars Wohnküche hätte Sirrah sogar in völliger Dunkelheit erkannt. Der intensive Duft nach Kräutern und Gewürzen war unverwechselbar, die milde Süße getrockneter Apfelblüten vermischte sich mit dem würzigen Aroma wilden Pfeffers.
Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an das Halbdunkel, und die Einrichtungsgegenstände nahmen Gestalt an: Eine altmodische Küchenzeile, ein schlichter Holztisch mit vier unterschiedlichen Stühlen und eine große Regalwand. Die Dosen und Schachteln, die sich auf den Brettern stapelten, waren mit getrockneten Kräutern, Wurzeln und Rinden verschiedenster Arten gefüllt. Mizar kurierte damit alle möglichen Krankheiten. Sirrah konnte sich nicht erinnern, dass er oder sein Sohn jemals eine Arztpraxis aufgesucht hätte. Sie fand es ein wenig seltsam, dass sich die beiden so konsequent von sämtlichen öffentlichen Einrichtungen fernhielten.
Sirrah mochte dieses Haus. So hatte sie sich als Kind die Häuser der Zauberer und Feen aus ihren Märchen vorgestellt. Mizar hatte jedoch nichts mit einem unheimlichen Magier gemeinsam. Er war ein kräftiger Mann und von der ständigen Arbeit im Freien so braun gebrannt, dass seine Haut beinahe dieselbe dunkle Farbe wie das Holz der Obstbäume hatte. Die hellen Haare auf seinem Kopf wurden zu seinem Leidwesen jedes Jahr weniger, seine blauen Augen blitzten jedoch noch immer so jugendlich wie früher.
Als Mizar die Mädchen rufen hörte, kam er von der Veranda herein und lächelte sie freundlich an. „Kann ich euch etwas anbieten?“
„Eigentlich haben wir gerade erst gefrühstückt.“ Sirrah gab ihm den Beutel mit den Getreidekörnern. „Meine Mutter schickt mich. Du sollst das Saatgut auf dem kleinen Feld aussäen.“
„Mach ich“, versicherte Mizar. „Ihr könnt aber doch nicht schon wieder gehen. Trinkt wenigstens eine Tasse Tee mit mir. Ein alter Knabe wie ich bekommt ja leider nicht so oft Besuch von jungen Damen!“
Er holte eine grüne Kanne und dazu Tassen in verschiedenen anderen Farben. Sirrah unterdrückte ein Grinsen. Ihr Vater hätte niemals ein solches Durcheinander auf dem Tisch geduldet.
Mizar schienen solche Details nicht zu stören. Er goss den dampfenden Kräutertee ein und stellte eine Schale mit Gebäck auf den Tisch. Die Mädchen setzten sich auf die Holzstühle, die genauso wenig zueinander passten wie die Tassen, und tranken den aromatischen Kräutertee. Dazu knabberten sie die knusprigen Kekse, die nach einem Hauch Minze schmeckten.
Die Mittagshitze trieb auch Tihal nach Hause. Er hatte kein Hemd an und stapfte, nur mit einer ausgefransten Hose und einem Paar abgetragener Schuhe bekleidet, in die Küche. Schwungvoll wuchtete er einen riesigen Korb voller Äpfel auf die Anrichte.
Isa starrte ihn überrascht an. Aus dem schlaksigen Jungen, der Unmengen von Essen verputzen konnte und doch nie zuzunehmen schien, war ein gut aussehender junger Mann geworden. Er hatte von der Feldarbeit kräftige Muskeln bekommen und war ebenso groß und sonnengebräunt wie sein Vater. Nur die strahlend blaue Augenfarbe hatte er nicht von ihm geerbt. Tihals mandelförmige Augen waren genauso dunkel wie sein tintenschwarzes Haar. Es schien, als würden seine Augen das einfallende Licht geradezu verschlucken.
„Sieh an, wir haben Besuch! Einen schönen guten Tag, die Damen“, begrüßte Tihal die Freundinnen.
„Hallo, Tihal“, sagte Isa lahm. Sie verschluckte sich an ihrem Kräutertee, und ein feines Rinnsal lief über ihr Kinn.
„Isa, mach den Mund wieder zu! Du wirst Arneb doch nicht untreu werden“, stichelte Sirrah. Irgendetwas an Isas Gesichtsausdruck störte sie.
„Eifersüchtig?“ Tihal grinste Sirrah herausfordernd an. „Bevor ich die Damen noch restlos verwirre, hole ich mir lieber etwas zum Anziehen!“
„Bilde dir bloß nichts ein!“, rief Sirrah ihm hinterher. Zweifellos fehlte es ihm nicht nur an Erziehung, sondern auch an Bescheidenheit.
„Was sich neckt, das liebt sich, heißt es immer“, sagte Mizar zu Isa. „Wenn das stimmt, dann hat es Sirrah schlimm erwischt. Einmal hat sie sogar Juckkäfer in Tihals Bett versteckt.“
Isa gluckste vor Vergnügen.
„Da war ich erst zehn!“ Sirrah verzog das Gesicht. Musste Mizar unbedingt diese uralte Geschichte aufwärmen? „Außerdem hat er beim Pi-Tzi-Spielen geschummelt, da ist Rache erlaubt!“
„Ist doch gar nicht wahr!“ Tihal kam in einem frischen Hemd die Treppe herunter. „Die Einzige, die dabei immer mogelt, bist du!“
„Du kannst es nur nicht ertragen, dass ich besser spiele als du!“
„Ich stehe jederzeit zur Verfügung! Dann kannst du beweisen, dass du auch ohne Schummeln gewinnst!“
„Du wirst dein blaues Wunder erleben!“, brummte Sirrah.
„Wir werden sehen.“
„Nächste Woche, abgemacht?“ Irgendjemand musste diesen Kerl in seine Schranken weisen. Im nächsten Moment bereute es Sirrah, dass sie sich zu dieser Dummheit hatte hinreißen lassen. Sie nahm sich vor, mit Arneb zu trainieren. Gegen Tihal ein Pi-Tzi-Spiel zu verlieren wäre eine zu große Blamage.
„Darf ich zusehen?“, fragte Isa.
Das fehlte gerade noch. „Wir müssen leider los!“ Sirrah stand auf und zog ihre Freundin vom Stuhl.
„Warte, ich gebe dir noch einige von den neuen Äpfeln für deine Mutter mit“, sagte Mizar. „Aber esst sie unterwegs nicht alle auf!“
„Ich bin doch nicht Tihal und denke den ganzen Tag nur ans Essen!“
„Stell dir vor, ich denke hin und wieder auch an etwas anderes!“
„Kümmere du dich um deine Obstbäume und überlasse das Denken den Frauen!“
„Jetzt hört schon auf, ihr beiden!“ Mizar gab Sirrah einige Äpfel, die sie in ihrer Tasche verschwinden ließ. „Sag deiner Mutter einen schönen Gruß von mir!“
Sirrah nickte und machte sich mit Isa auf den Weg. Da sie es nicht wirklich eilig hatten, unternahmen sie noch einen Spaziergang durch das Wäldchen hinter der Obstplantage. Es war ein Überbleibsel der endlosen Wälder, die sich einst über die gesamte Tiefebene erstreckt hatten. Die Stämme der Urwaldriesen wirkten wie die Säulen einer Kathedrale, deren Gewölbe aus armdicken Ästen und einem undurchdringlichen Blättergewirr bestand. Die Flechten, die wie wirres Haar von den Ästen hingen, verliehen dem Wald ein verwunschenes Aussehen.
Früher hatte Sirrah ihn deshalb ein wenig unheimlich gefunden. Doch gerade die Hoffnung, dass sich womöglich etwas Gruseliges darin verbergen mochte, hatte sie immer wieder hinein gelockt. Hier draußen war es für sie der einzige Ort, der ein wenig Spannung verhieß.
Sirrah kannte einen schmalen Pfad, der sich zwischen den Farnbüscheln hindurchwand. Unter dem schützenden Blätterdach war es kühler als auf den schattenlosen Feldern, und es roch angenehm nach Moos und Pilzen.
Der Weg führte an einem Teich vorbei, dessen glitzernde Oberfläche zu einem Bad einlud. Die beiden Mädchen beschlossen, eine Rast zu machen und den Geschmack der Äpfel zu testen. Sie setzten sich auf den hölzernen Steg und tauchten die Zehen ins kalte Wasser.
Genüsslich biss Isa in das saftige Fruchtfleisch. „Also, Tihal hat mit dem dünnen Kerlchen, das er früher einmal war, ja nicht mehr viel gemeinsam“, stellte sie kauend fest.
„Das habe ich gemerkt, dir sind ja beinahe die Augen aus dem Kopf gefallen!“
„Na und? Bist du etwa doch eifersüchtig?“
„Du spinnst ja. Diese Nervensäge hat mir gerade noch gefehlt!“
„Warum reagierst du dann so komisch?“
„Ich bin gar nicht komisch! Ich will nur nicht über ihn reden, er geht mir sowieso schon ständig auf den Keks. Er ist so, ach, ich weiß auch nicht. Irgendwie anders als Jungs sein sollten.“ Sirrah wusste nicht, wie sie es Isa erklären sollte. „Liegt vielleicht daran, dass er nicht ganz so ist wie wir.“
„Wie, nicht wie wir?“
„Na ja, es gibt da so ein Gerücht.“
Isa wurde hellhörig. „Was für ein Gerücht?“
„Mein Vater hat es von einem Nachbarn gehört, und der weiß es wiederum von seinem Schwager.“
„Lass dir doch nicht alles aus der Nas ziehen!“
„Das ist wirklich eine schräge Geschichte. Angeblich ist vor einem halben Jahrhundert ein Raumschiff aus Nardo hier in der Nähe abgestürzt. Nur ein Besatzungsmitglied hat überlebt, und in den Mann soll sich Tihals Großmutter verliebt haben. Wenn das stimmt, dann haben wir die Erklärung für die schwarzen Haare und die dunklen Augen.“
„Du solltest unbedingt herausfinden, ob an der Geschichte was dran ist!“
Sirrah seufzte. Hätte sie bloß nichts gesagt.
„Jetzt müssen wir aber wirklich los!“ Isa warf ihren Apfelbutzen ins Gebüsch und zog ihre Schuhe an.
Sirrah zog es vor, barfuß zu gehen. Sie hatte fast vergessen, wie gut sich das anfühlte. Der Waldboden war angenehm kühl unter den Füßen und federte bei jedem Schritt ein wenig nach.
Nachdem sich Isa kichernd und flüsternd von Arneb verabschiedet hatte, begleitete Sirrah ihre Freundin noch bis zur Haltestelle.
„Melde dich bald wieder bei mir. Ohne dich ist es hier todlangweilig!“
„Also, mir wäre an deiner Stelle ganz sicher nicht langweilig!“ Isa stieg in ihr Abteil und sah grinsend aus dem Fenster.
Sirrah winkte ihr nach, bis der Zug verschwunden war. Nachdenklich stand sie am Bahnsteig. Wie kam Isa nur darauf, dass sie eifersüchtig sei? So ein Blödsinn! Und überhaupt, wenn ihre Mutter ihr erlaubte, auf die Akademie zu gehen, dann wären solche Dinge ohnehin nicht mehr wichtig.
Am frühen Morgen klapperte Arneb lautstark mit dem Frühstücksgeschirr. Sirrah vergrub den Kopf unter dem Kissen. Aus ihrem wichtigsten Vorhaben für die Ferien, morgens lange zu schlafen, schien nichts zu werden. Mürrisch tappte sie ins Badezimmer und gönnte sich eine ausgiebige Dusche. Als sie in ihren Wohlfühlklamotten die Wendeltreppe hinunterschlurfte, waren Menkar und Arneb mit dem Frühstück längst fertig.
Menkar goss seiner Tochter eine Tasse Tee ein und legte ihr ein Stück Obstkuchen auf den Teller. „Guten Morgen, du Langschläfer!“, begrüßte er sie fröhlich.
Wie man am frühen Morgen schon so gut gelaunt sein konnte, war Sirrah rätselhaft. „Von wegen Langschläfer. Ihr habt einen solchen Radau veranstaltet, der würde sogar einen Toten aufwecken!“
Arneb schnitt eine Grimasse. „Entschuldigung, dass du dich durch unsere Arbeit belästigt fühlst!“
Sirrah biss lustlos in ihren Kuchen. Sie hasste Gebäck vom Vortag. Die Früchte waren matschig und der Teigboden durchgeweicht.
„Übrigens, eure Mutter hat eine wichtige Aufgabe für dich und Arneb“, erklärte Menkar. „Die Gemüsepflanzen im Gewächshaus sind von Fliegenraupen befallen. Dagegen muss dringend etwas unternommen werden. Also beeil dich mit dem Frühstück, die Raubkäfer warten schon!“
Sirrah verzog das Gesicht. Sicher, die einfachste Methode der Schädlingsbekämpfung war, die Schmarotzer von ihren natürlichen Feinden beseitigen zu lassen. Trotzdem fand sie es grausam. Die Raubkäfer legten ihre Eier in die Fliegenraupen, und wenn die Käferlarve schlüpfte, fraß sie ihren Wirt bei lebendigem Leib auf. So elend sollte niemand zu Grunde gehen, nicht einmal ein Pflanzenschädling.
Sirrah war der Appetit vergangen. Sie ließ den Kuchen liegen und schob den Teller beiseite.
„Schon fertig? Dann könnt ihr ja gleich loslegen!“, stellte Menkar ungerührt fest. Er gab Sirrah und Arneb je einen Korb voller durchsichtiger Behälter, in denen es von schwarzen Käfern nur so wimmelte.
Seufzend machte sich Sirrah auf den Weg. Sie öffnete die Tür des Gewächshauses und stöhnte, als sie die schier endlosen Pflanzenreihen erblickte. Wahrscheinlich würde es den halben Tag dauern, die Raubkäfer zu verteilen.
Draußen rumpelte der Roder über das Rübenfeld. Sirrah sah hinüber. Tihal saß auf dem Fahrersitz und lenkte das lärmende Ungetüm mit einer Hand über die Ackerfurchen. Er trug ein abgetragenes Hemd und dazu eine ausgefranste Hose. Arneb hätte in diesem Aufzug vermutlich nicht einmal den Müll hinausgetragen.
Als ob er ihren Blick gespürt hätte, drehte sich Tihal herum und lächelte sie an. Die gigantische Staubwolke, die ihn einhüllte, schien er nicht wahrzunehmen.
Tihal brachte die Erntemaschine vor den Geschwistern zum Stehen. Er ignorierte die Leitersprossen, die zum Hinabsteigen angebracht waren, und sprang mit einem gewandten Satz hinunter. „Na Sirrah, wie steht’s mit der Revanche?“
Arneb machte ein fragendes Gesicht. „Welche Revanche?“
„Hast du ihm das gar nicht erzählt?“ Tihal sah Sirrah spöttisch an. „Du möchtest wohl keine Zuschauer bei deiner Niederlage haben!“
„Niederlage? Wovon träumst du eigentlich nachts?“
Tihal grinste spitzbübisch. „Na, von dir natürlich!“
„Dann hoffe ich sehr, dass es Albträume sind!“, giftete Sirrah. Doch ohne dass sie es verhindern konnte, machte sich ein seltsames Kribbeln in ihrer Magengegend bemerkbar. Sie fragte sich, wie das möglich war. Tihal gab sich ja nun wirklich keine Mühe, ihr zu gefallen.
„Worum geht’s eigentlich?“, fragte Arneb.
Als Sirrah es ihm erklärte, konnte sie ihm ansehen, wie er mit sich kämpfte. Dass seine Schwester mit ihrer großen Klappe einmal den Kürzeren ziehen könnte, wäre für ihn bestimmt eine Genugtuung. Andererseits ahnte er wohl das Dilemma, das auf ihn zukam. „Lass mich da bloß raus. Ihr fangt immer an zu streiten, und wenn ich nicht auf deiner Seite bin, bist du wieder tagelang sauer auf mich!“
„Sei kein Spielverderber!“
„Ich hab ’nen Haufen Käfer zu verteilen“, murmelte Arneb und verdrückte sich eilig ins Gewächshaus.
Doch so einfach kam er nicht davon. Sirrah ließ Tihal auf dem Acker stehen und stellte ihren Bruder zwischen Bohnenranken und Eierfruchtpflanzen zur Rede.
„Stell dich nicht so an! Da ist doch nichts dabei, wenn du den Schiedsrichter spielst. Außerdem brauche ich dich zum Trainieren!“
„Von wegen, du bist sowieso besser als ich!“
„Damit hast du ausnahmsweise sogar einmal Recht. Aber ich muss gewinnen, das fordert die Familienehre!“
„Du spinnst ja. Es ist doch piepegal, wer von euch besser in diesem blöden Spiel ist!“
Sirrah verkniff sich das Schimpfwort, das ihr auf der Zunge lag. Hier war Taktik gefragt. „Isa wird nicht gerade begeistert sein, wenn ich ihr erzähle, dass du mich im Stich gelassen hast. Schade, ich hätte ihr gerne etwas Nettes über dich gesagt! Ich könnte sie sogar zu uns einladen, wenn wieder Sternschnuppenzeit ist. Dann könnt ihr euch zusammen auf die Terrasse setzen und zusehen. Stell dir nur vor, wie romantisch das wird!“
Sirrah verdrehte die Augen und machte einen Schmollmund, ihrer Meinung nach das typische Aussehen eines schmachtenden Verehrers. Sie wusste, dass jedes Jahr zur Erntezeit ein großer Meteorstrom an ihrer Heimatwelt vorbeizog. Viele dieser Gesteinsbrocken wurden von der Schwerkraft des Planeten eingefangen und verglühten als leuchtende Sternschnuppen in der Atmosphäre. Dieses Feuerwerk am nächtlichen Himmel durften zwei Frischverliebte keinesfalls verpassen.
Arneb begann zu verhandeln. „Das mit dem Schiedsrichter kannst du vergessen. Aber ich trainiere mit dir. Dafür reservierst du mir den Platz neben Isa!“
„Mann, muss Liebe schön sein!“ Sirrah verzog das Gesicht. „Hoffentlich ist das nicht ansteckend!“
Am Ende der Woche hatte sie es geschafft: Das letzte Getreidefeld war abgeerntet. Sirrah parkte den Mähdrescher in der Maschinenhalle und betrachtete die Flut aus Getreidekörnern, die sich aus dem Laderaum in den Container ergoss. Wenn dies nur die letzte Erntezeit wäre, die sie zu Hause verbrachte!
Das Rauschen des Korns übertönte seine leisen Schritte. „Na, hast du inzwischen fleißig trainiert?“ Wie aus dem Nichts erschienen, stand Tihal plötzlich vor ihr.
„Brauch ich nicht.“ Sirrah straffte die Schultern. „Arneb habe ich neulich fünf zu eins besiegt!“ Warum hatte Tihal das blöde Spiel nicht einfach vergessen?
„Tatsächlich?“ Mit einem liebenswürdigen Lächeln lehnte er sich an den Container. „Dein Bruder ist allerdings auch kein ernsthafter Gegner!“
„Das können wir gerne nachprüfen. Ich bin hier gleich fertig, du kannst schon mal einen Ball holen!“
„Ist bereits erledigt!“ Tihal hielt Sirrah einen kleinen, elastischen Ball vor die Nase.
Misstrauisch betrachtete sie ihn von allen Seiten. „Du hast damit doch nicht irgendwas angestellt?“
„Du weißt, dass ich das nicht nötig habe!“
Sirrah ließ die Luke des Containers mit einem Knall zufallen. Was nahm sich dieser Kerl bloß heraus? Ihre Großmutter würde jetzt vermutlich sagen, dass er die einem jungen Mann geziemende Zurückhaltung vermissen ließ.
Sirrah stieß das Tor der Maschinenhalle mit einem Fußtritt auf. Entschlossen stiefelte sie zu dem Spielfeld, das Adhara vor vielen Jahren für ihre Kinder hatte anlegen lassen. Tihal folgte Sirrah mit einem zuversichtlichen Grinsen.
Pi-Tzi war ein Ballspiel, das die ersten Siedler aus ihrer alten Heimat mitgebracht hatten. Man benötigte dazu ein rechteckiges Spielfeld von mindestens sechs Metern Länge und drei Metern Breite, das an den Längsseiten von dreieinhalb Meter hohen Mauern begrenzt wurde. Dort war in zwei Metern Höhe je ein Ring mit dreißig Zentimetern Durchmesser angebracht, der das Ziel darstellte. Zwei Spieler oder zwei Mannschaften mussten nun versuchen, einen kleinen Ball durch einen der beiden Ringe zu schießen. Um diese Aufgabe etwas schwieriger zu gestalten, durfte man den Ball jedoch nicht mit den Händen berühren. Erlaubt waren nur alle anderen Körperteile wie Arme, Beine und Hüften. Somit war bei diesem Spiel reine Körperkraft weniger ausschlaggebend als Ausdauer und Geschicklichkeit.
„Du bekommst den ersten Wurf!“, rief Sirrah großzügig.
Tihal eröffnete das Spiel mit einem kräftigen Wurf an die Seitenwand. Doch der Ball prallte in die falsche Richtung ab, und Sirrah erwischte ihn noch vor Tihal mit dem Arm. Mit einer sicheren Bewegung beförderte sie den Ball durch den Zielring.
Sie grinste Tihal spöttisch an. „Weißt du eigentlich, dass in grauer Vorzeit die unterlegene Mannschaft den Göttern geopfert wurde?“
„Mach dir keine falschen Hoffnungen. Wir haben ja gerade erst angefangen!“
Das Spiel ging in die nächste Runde. Diesmal hatte Sirrah weniger Glück, und Tihal machte seinen ersten Treffer mit einem gut gezielten Kopfball. „Wird wohl nichts mit dem Opfer!“
„Freu dich bloß nicht zu früh!“ Lässig lupfte Sirrah den Ball mit dem rechten Bein nach oben, zielte jedoch nicht genau genug und verfehlte den Ring um einen halben Meter. Der Ball kullerte über die Bodenplatten und blieb außerhalb des Spielfeldes liegen.
„Ball im Aus!“, rief Tihal.
„Das sehe ich selber, du Schlaukopf!“
Als Sirrah den Ball aufhob, löste sich ein Schweißtropfen von ihrer Stirn. Er hinterließ einen dunklen Fleck auf dem Boden. Ihre Zunge klebte am Gaumen, und ihr Rachen fühlte sich an wie Schleifpapier. Warum hatte sie bloß nicht daran gedacht, etwas zu trinken mitzunehmen?
Sie warf den Ball zurück auf das Spielfeld, wo Tihal ihn mit dem Arm erwischte und mit traumwandlerischer Sicherheit durch den Ring schoss.
„Zwei zu eins!“, rief er grinsend.
Sirrah biss sich auf die Lippe. Jetzt bloß nichts anmerken lassen!
Die nächste Runde begann. Doch obwohl sie von einer Seite des Spielfeldes auf die andere hetzte, konnte sie keinen Treffer erzielen. Endlich flog der Ball in ihre Richtung. Sirrah machte eine Faust und schoss den Ball mit aller Kraft durch den Ring.
„Handspiel!“, reklamierte Tihal.
„Quatsch!“
„Ich hab’s genau gesehen!“
„Dann lass dir die Augen untersuchen. Ich hab den Ball mit dem Gelenk getroffen!“
„Von wegen, du schummelst schon wieder. Das ist vermutlich auch der einzige Grund, warum du gegen deinen Bruder gewinnst!“
„Was bildest du dir eigentlich ein?“ Diesmal war er eindeutig zu weit gegangen.
„Du siehst richtig hübsch aus, wenn du dich so aufregst!“ Aus seinem überheblichen Grinsen war ein verlegenes Lächeln geworden.
„Willst du mich verarschen?“ Sirrah schnappte nach Luft. „Oder ist das am Ende der Grund, warum du mir ständig auf die Nerven gehst?“
Tihal blickte sie treuherzig an. „Was soll ich denn sonst anstellen, damit du mal Notiz von mir nimmst?“
Anscheinend meinte er es ernst. Sirrah wusste nicht, ob sie ihn erwürgen oder umarmen sollte. „Warum hast du mich nicht einfach auf eine Tasse Tee eingeladen? Macht man das nicht normalerweise so?“
„Wärst du denn gekommen?“
„Keine Ahnung“, antwortete Sirrah ehrlich. „Ich kenne dich einfach schon so lange. Irgendwie bin ich daran gewöhnt, mit dir zu streiten!“
„Siehst du? Für dich bin ich doch schon ein Teil des Inventars, wie der alte Rübenernter!“
„Das stimmt nicht“, sagte Sirrah lachend. „Außerdem siehst du wesentlich besser aus als das rostige Ding!“
„Bist du jetzt nicht mehr sauer auf mich?“
Sirrah sah ihm an, wie verlegen er war. Er verbarg es zwar hinter einem schiefen Lächeln, doch sein unsicherer Blick verriet ihn. Wie konnte jemand nur so frech und gleichzeitig schüchtern sein? Diese Mischung gehörte eindeutig verboten. Sie machte jede Art von Gegenwehr unmöglich.
„Ich verzeihe dir, wenn du mir etwas zu trinken holst!“ Inzwischen schwitzte Sirrah dermaßen, dass ihre Bluse am Körper klebte, und ihr Herz klopfte so schnell, als wollte es sich selbst überholen. Sirrah war sich nicht sicher, ob es an der Anstrengung oder an Tihals Geständnis lag.
Tihal spurtete los und kam kurz darauf mit seiner Provianttasche zurück. Er gab Sirrah einen Becher Wasser, den sie in einem Zug leerte.
„Hättest du Lust, zum Teich zu gehen?“, schlug Tihal vor. „Etwas Abkühlung könnte nicht schaden!“
„Warum nicht?“ Sirrah drückte ihm den leeren Becher in die Hand. „Warte einen Moment, ich bin gleich wieder da!“
Sirrah lief in die Küche, wo Menkar am Herd stand und in einem großen Topf herumrührte. „Ich komme heute Mittag nicht zum Essen. Kannst du mir vielleicht etwas Kaltes einpacken?“
Menkar verschloss den Topf mit einem Deckel. „Möchtest du dich vor dem Gemüseeintopf drücken?“
„Nein. Mir ist nur so heiß, deshalb wollte ich zum Teich.“
„Gehst du mit Arneb hin?“
„Nein.“
„Nur du ganz allein?“
„Ist das ein Verhör?“
„Geht’s dir nicht gut?“ Menkar sah Sirrah besorgt an. „Du bist so rot im Gesicht!“
„Warum willst du eigentlich immer alles wissen? Ich war mit Tihal Pi-Tzi spielen, und dabei ist uns eben heiß geworden. Deshalb wollten wir uns am Teich etwas abkühlen. Bist du nun zufrieden?“
Menkars verwirrter Ausdruck wich einem wissenden Lächeln. Er packte Sirrah einige Stücke Rührkuchen und eine Flasche Saft ein. „Ich wünsche euch beiden einen schönen Nachmittag!“
Sie gingen den schmalen Pfad entlang, der zum Teich führte. Sirrah fand, dass der Wald heute irgendwie schöner aussah als sonst. Die wenigen Sonnenstrahlen, die den Weg durch das dichte Blätterdach fanden, malten ein leuchtendes Muster auf den Waldboden, und die Libellen, die über den Teich hinwegbrummten, schimmerten wie polierte Edelsteine.
Sirrah setzte sich neben Tihal auf den Steg und streckte die nackten Zehen ins Wasser. Sie leerte ihre Tasche und stellte fest, dass ihr Vater außer Kuchen und Saft auch Teller, Becher und Servietten eingepackt hatte. Es war beinahe ein richtiges Picknick.
Sirrah lehnte sich zurück. Der Wind wisperte im Schilf, und Splitter aus Sonnenlicht tanzten über den Wellen. Irgendetwas sollte sie jetzt sagen. Nur was?
„Übrigens, wie lange, ich meine, seit wann…“ Mühsam rang sie nach Worten. Wie sprach man bloß mit jemandem, mit dem man bisher immer nur herumgeblödelt hatte, über seine Gefühle? Nie zuvor hatte sie sich so unsicher gefühlt.
„Du meinst, wann ich mich in dich verliebt habe?“ Wieder hatte Tihal dieses verlegene Grinsen im Gesicht. „Kannst du dich noch erinnern, als du das erste Mal mit dem Mähdrescher gefahren bist? Du hast ausgesehen wie eine Königin auf ihrem Streitwagen.“
„Ich hatte Dreck im Gesicht und Staub auf den Haaren!“
„Nun, so ein Feldzug ist ja auch eine schmutzige Angelegenheit!“, sagte Tihal lachend.
Sirrah lachte mit. Wie hatte sie diesem verrückten Kerl nur jemals böse sein können?
„Ich frage mich nur, wieso du mich als Kind dann ständig geärgert hast!“
„Damals habe ich dich auch ziemlich beneidet“, gestand Tihal.
„Weswegen denn?“
„Du kannst vielleicht Fragen stellen. Zum Beispiel durftest du zur Schule gehen, während ich mich hier mit diesem dämlichen Lernprogramm herumplagen musste!“
„Glaub mir, da hast du nicht viel verpasst. Wenn man an Langeweile sterben könnte, dann wäre ich in Staatskunde schon längst tot vom Stuhl gefallen!“
„Aber du hast eine Ausbildung, und wenn du deine Prüfungen bestanden hast, kannst du machen, was immer du möchtest. Ich dagegen werde hier Rüben ernten, bis ich verrotte!“
