Sixteen Moons - Eine unsterbliche Liebe - Kami Garcia - E-Book

Sixteen Moons - Eine unsterbliche Liebe E-Book

Kami Garcia

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Beschreibung

Liebe noch vor dem ersten Blick …

Schon bevor Ethan sie zum ersten Mal gesehen hat, hat sie ihn in seinen Träumen verfolgt: Lena, die Neue an Ethans Schule. Lena, das Mädchen mit dem schwarzen Haar und den grünen Augen. Lena, die in Ravenwood wohnt, der verrufenen alten Plantage, von der sich alle in Gatlin fernhalten – alle außer Ethan. Lena, in die Ethan sich unsterblich verliebt. Doch Lena umgibt ein Fluch, den sie mit aller Kraft geheim zu halten versucht: Sie ist eine Caster, sie entstammt einer Familie von Hexen, und an ihrem sechzehnten Geburtstag soll sie berufen werden. Dann wird sich entscheiden, ob Lena eine helle oder eine dunkle Hexe wird …

Ethan aber weiß: Auch ihm bleibt keine Wahl – ihm ist vorherbestimmt, Lena für immer zu lieben. Aber wird er bei ihr bleiben können, gleich, welcher Seite sie künftig angehört?

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Seitenzahl: 792

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Kami Garcia & Margaret Stohl

Sixteen Moons Eine unsterbliche Liebe

Aus dem Amerikanischen von Petra Koob-Pawis

cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in derVerlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2010

© 2009 by Kami Garcia und Margaret Stohl

Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Beautiful Creatures« bei Little, Brown & Company, New York

© 2010 für die deutschsprachige Ausgabe cbj, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Aus dem Amerikanischen von Petra Koob-Pawis

Lektorat: Susanne Evans

st · Herstellung: RF

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-04865-5www.cbj-verlag.de

Für Nick & StellaEmma, May & Kateund unsere Caster & Outcaster überall auf derWelt.Wir sind zahlreicher, als ihr glaubt.

Finsternis kann keine Finsternis vertreiben;

das vermag nur das Licht.

Hass kann den Hass nicht austreiben;

das vermag nur die Liebe.

Martin Luther King Jr.

Am Ende der Welt

Davor

In unserer Stadt gab es nur zwei Arten von Leuten.

»Die Dummen und die Dagebliebenen«, pflegte meinVater unsere Nachbarn mit liebevollem Spott einzuteilen. »Diejenigen, die dazu bestimmt sind, für alle Zeit hier festzusitzen, und diejenigen, die zu dämlich sind, sich aus dem Staub zu machen. Alle anderen finden einenWeg hier raus.« Es bestand keinerlei Zweifel, zu welcher Gruppe er gehörte, aber ihn nach den Gründen zu fragen, dazu fehlte mir der Mut. MeinVater war Schriftsteller, und wir lebten in Gatlin, South Carolina, und zwar weil dieWates seit Menschengedenken hier wohnten, genauer gesagt, seit mein Ururururgroßvater EllisWate im Bürgerkrieg auf der anderen Seite des Santee River gekämpft hatte und in der Schlacht gefallen war.

Allerdings benutzten die Einheimischen niemals dasWort Bürgerkrieg. Alle unter sechzig nannten ihn den »Krieg zwischen den Staaten«, alle anderen sprachen vom »Angriffskrieg der Nordstaaten«, so als hätte der Norden den Süden in den Kampf gelockt um ein paar Ballen Baumwolle. Genauer gesagt, alle außer uns. Wir nannten ihn schlicht und einfach Bürgerkrieg.

Was ein weiterer Grund war, wieso ich es kaum erwarten konnte, endlich von hier wegzukommen.

Gatlin war nicht wie diese Kleinstädte, die man immer in den Filmen sieht, es sei denn, der Film spielt vor fünfzig Jahren. Wir waren zu weit von Charleston entfernt, deshalb gab es bei uns weder Starbucks noch McDonalds, sondern nur ein Dar-ee Keen, weil einige Leute hier zu geizig waren, um komplett neue Buchstaben zu bezahlen, als sie das Dairy King übernahmen. Die Bücherei arbeitete immer noch mit vorsintflutlichen Karteikärtchen, an der Highschool schrieb man immer noch mit Kreide anWandtafeln und unser örtliches Schwimmbad war der Lake Moultrie mit seiner warmen bräunlichen Brühe. Das Cineplex brachte Filme, die es andernorts bereits auf DVD gab, aber um die zu sehen, musste man erst mal irgendwie nach Summerville ins Community College kommen. Die Geschäfte befanden sich allesamt in der Main Street, die guten Häuser reihten sich alle entlang River Street, und der traurige Rest der Bevölkerung wohnte südlich von der Route 9, wo der Straßenbelag zu Asphaltschutt zerbröckelte. Grässlich uneben, aber bestens geeignet, um mit Steinbrocken auf wütende Opossums zu werfen, die heimtückischsten Tiere, die man sich nur vorstellen kann. In Filmen zeigten sie so was natürlich nie.

Gatlin war kein komplizierter Ort. Gatlin war einfach Gatlin. Die Nachbarn saßen in der Gluthitze schwitzend auf ihrerVeranda und beobachteten ungeniert, was um sie herum vor sich ging.Was ziemlich sinnlos war, denn es tat sich nie etwas. In Gatlin blieb alles beim Alten. Morgen war der erste Schultag, mein zweites Jahr an der Stonewall Jackson High, und ich wusste schon jetzt haarklein, was passieren würde – wo ich sitzen würde, mit wem ich reden würde, wer welche Witze reißen würde, wie die Mädchen sein würden, wer wo parken würde.

In Gatlin Country gab es keine Überraschungen. Wir waren so ziemlich das Epizentrum vom Ende derWelt.

Zumindest glaubte ich das, als ich mein zerfleddertes Exemplar von Schlachthof 5 zuklappte, meinen iPod ausschaltete und das Licht löschte, an jenem letzten Sommerabend vor Schulbeginn.

Ein Irrtum, wie sich sehr bald herausstellte.

Denn da war dieser Fluch.

Und da war dieses Mädchen.

Und am Ende war da ein Grab.

Und ich hatte absolut keinen blassen Schimmer.

Träum weiter

2.9.

Ich fiel.

Ich fiel ins Bodenlose, wirbelte hilflos durch die Luft.

»Ethan!«

Sie rief nach mir und allein beim Klang ihrer Stimme raste mein Herz wie verrückt.

»Hilf mir!«

Auch sie war im freien Fall. Ich hob den Arm und versuchte, sie zu packen. Ich streckte mich, bekam aber nur Luft zu fassen. Unter meinen Füßen war nichts. Meine Hände tasteten feuchte Erde. Unsere Fingerspitzen berührten sich kurz und in der Finsternis sprühten plötzlich grüne Funken.

Doch dann entglitt sie mir endgültig und ich verspürte nur noch diesen entsetzlichenVerlust.

Zitronen und Rosmarin. Ich atmete ihren Duft ein. Sogar dann noch.

Ich konnte sie nicht festhalten.

Aber ohne sie leben, das konnte ich noch viel weniger.

Mit einem Ruck setzte ich mich im Bett auf und schnappte nach Luft.

»EthanWate!Wach auf! Ich werde nicht zulassen, dass du schon am ersten Schultag zu spät kommst«, hörte ich Amma von unten heraufrufen.

Mein Blick verharrte auf einem schwach erleuchteten Punkt in der Dunkelheit. Ich hörte, wie etwas dumpf gegen unsere alten Türläden prasselte. Offenbar regnete es. Offenbar war es früh am Morgen. Offenbar befand ich mich in meinem Zimmer.

Der Raum war heiß und dampfig vom Regen. Aber wieso stand mein Fenster offen?

In meinem Kopf pochte es. Ich ließ mich zurück aufs Kissen sinken und wie immer löste sich derTraum in Nichts auf. Ich lag sicher und wohlbehalten in meinem Zimmer, in unserem uralten Haus, in demselben ächzenden Mahagonibett, in dem vor mir bereits sechs Generationen unserer Familie geschlafen hatten und wo man nicht durch schwarze Schlammlöcher fiel und auch sonst nichts Ungewöhnliches geschah.

Ich starrte hinauf zur Stuckdecke, die himmelblau gestrichen war, um die Holzbienen davon abzuhalten, ihre Nester zu bauen.Was um alles in derWelt war nur los mit mir?

Seit Monaten hatte ich nun schon diesenTraum. Zwar konnte ich mich nicht an alle Einzelheiten erinnern, aber etwas blieb immer gleich. Das Mädchen stürzte in die Tiefe, ich stürzte in die Tiefe.Verzweifelt versuchte ich, sie festzuhalten. Denn sobald ich sie losließ, würde ihr etwas Schreckliches zustoßen. Genau darum ging es. Ich durfte sie nicht loslassen. Ich durfte sie nicht verlieren. Ich schien sie leidenschaftlich zu lieben, obwohl ich sie doch gar nicht kannte. Es war sozusagen Liebe vor dem ersten Blick.

Was ja wohl ziemlich verrückt war angesichts derTatsache, dass es nur ein Mädchen in einemTraum war. Ich wusste ja nicht einmal, wie sie aussah. Seit Monaten quälte mich dieserTraum und noch nie hatte ich ihr Gesicht gesehen. Falls doch, erinnerte ich mich nicht daran. Lediglich dieses grauenhafte Gefühl kehrte immer wieder zurück; dieses Gefühl, sie für alle Zeit verloren zu haben. Sie entglitt meinen Händen – und dann stülpte sich mein Magen um, etwa so, wie wenn man auf der Achterbahn steil nach unten saust.

Schmetterlinge im Bauch.Was für eine bescheuerte Metapher.Tatsächlich waren es eher Killerbienen.

Vielleicht war ich gerade dabei überzuschnappen, vielleicht brauchte ich auch nur dringend eine Dusche. Ich hatte die Ohrstöpsel noch um den Hals hängen, und als ich auf meinen iPod starrte, entdeckte ich einen Song, den ich nicht kannte.

Sixteen Moons.

Was war das? Ich klickte den Song an. Die Melodie war betörend und geheimnisvoll. Ich konnte die Stimme nicht zuordnen, auch wenn es mir so vorkam, als hätte ich sie schon einmal gehört.

Sixteen moons, sixteen years

Sixteen of your deepest fears

Sixteen times you dreamed my tears

Falling, falling through the years …

Es war melancholisch, unheimlich, irgendwie hypnotisch.

»Ethan LawsonWate!«, übertönte Ammas laute Stimme die Musik.

Ich schaltete den iPod aus und schlug die Decke zurück. Das Laken fühlte sich sandig an, aber das kannte ich schon.

Es war nicht Sand, sondern Erde. Und unter meinen Fingernägeln waren schwarze Ränder vom Dreck, genau wie beim letzten Mal, als ich aus demTraum erwachte.

Ich zerknüllte das Laken und stopfte es in den Wäschekorb unter die verschwitzten Sportsachen vomVortag. Dann stieg ich in die Dusche und versuchte, nicht länger zu grübeln, während ich mir wie wild die Hände schrubbte und die letzten schwarzen Reste im Abfluss verschwanden.Wenn ich keinen Gedanken mehr an denTraum verschwendete, würde sich das Problem in Luft auflösen. So war ich in den vergangenen Monaten mit den meisten Dingen fertig geworden.

Aber nicht, wenn es um sie ging. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach immerzu an sie denken. Immer wieder kreiste alles um diesenTraum, keine Ahnung, warum. Das also war mein ganzes Geheimnis: Ich war sechzehn Jahre alt, hatte mich in ein Mädchen verliebt, das nicht existierte, und ich verlor langsam denVerstand.

Ganz egal wie fest ich auch schrubbte, mein Herz wollte einfach nicht ruhiger werden. Und trotz der duftenden Efeuseife und des Stop & Shop-Shampoos roch ich es immer noch. Zart wie ein Hauch war dieser Duft und trotzdem war er da.

Der Duft von Zitronen und Rosmarin.

Ich ging nach unten und traf dort auf tröstliche Alltäglichkeit. Am Frühstückstisch stellte Amma denselben alten blau-weißen Porzellanteller – Drachengeschirr hatte meine Mutter es immer genannt – mit gebratenen Eiern, Schinken, gebuttertemToast und Maisgrütze vor mich hin. Amma war unsere Haushälterin, aber eigentlich war sie mehr eine Großmutter, wenn auch sehr viel schlauer und starrsinniger als meine echte Großmutter. Amma hatte mich großgezogen und mich aufwachsen sehen, und obwohl ich einsfünfundachtzig bin, erachtete sie es als ihre ureigene Aufgabe, noch mindestens zwanzig Zentimeter dranzuhängen. An diesem Morgen hatte ich seltsamerweise einen Riesenhunger, so als hätte ich schon seitTagen nichts mehr gegessen. Ich schaufelte die Eier und zwei Stück Schinken in mich hinein und gleich ging es mir wieder etwas besser. Mit vollem Mund grinste ich sie an.

»Nörgel nicht an mir herum, Amma. Du weißt doch, heute ist der erste Schultag.«

Amma knallte mir ein riesengroßes Glas O-Saft und ein noch größeres mit Milch hin – natürlichVollmilch, etwas anderes wurde hierzulande nicht getrunken.

»Haben wir keine Schokomilch mehr?« Ich war süchtig nach Schokomilch wie andere Leute nach Cola oder Kaffee. Schon zum Frühstück brauchte ich meine erste Zuckerration.

»A.K.K.L.I.M.A.T.I.S.I.E.R.E.N.« Amma hatte einen Kreuzworträtsel-Begriff für jede Gelegenheit parat, je länger, desto besser, und liebte es, sie anzuwenden. »Sprich: Gewöhn dich dran. Und komm ja nicht auf die Idee, auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen, ehe du diese Milch ausgetrunken hast.«

»Ja, Ma’am.«

»Wie ich sehe, hast du dich fein gemacht«, sagte sie daraufhin.Was nicht stimmte. Ich trug Jeans und ein ausgeblichenes T-Shirt wie fast jedenTag. Nur die Aufschriften wechselten. Heute war es Harley Davidson. Und die schwarzen ChuckTaylors an meinen Füßen waren bestimmt schon drei Jahre alt.

»Ich dachte, du wolltest dir die Haare schneiden lassen.« Sie sagte es in vorwurfsvollemTon, aber ich hörte etwas ganz anderes heraus: ihre unerschütterliche Zuneigung.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Weißt du denn nicht, dass die Augen die Fenster zur Seele sind?«

»Vielleicht will ich aber gar nicht, dass jemand durch dieses Fenster schauen kann.«

Amma bestrafte mich mit einem weiterenTeller Schinken. Sie war knapp einssechzig groß und wahrscheinlich älter als das Drachengeschirr, obwohl sie seit Jahren steif und fest behauptete, dreiundfünfzig zu werden. Allerdings war Amma alles andere als eine liebenswürdige alte Dame. In unserem Haus war sie die ungekrönte Königin.

»Du willst doch nicht etwa bei diesemWetter mit nassen Haaren nach draußen gehen? Mir gefällt dieser Sturm nicht. An so einemTag weht das Böse und lässt sich von nichts aufhalten. Dieser Wind hat seinen eigenen Willen.«

Ich verdrehte die Augen. Nicht der Wind, sondern vor allem Amma hatte ihre eigenenVorstellungen. Und wenn sie in dieser Stimmung war, die meine Mutter immer »ins Dunkle reisen« genannt hatte, dann vermischten sich Religion und Aberglaube miteinander, wie es das nur im Süden gibt.Wenn Amma ins Dunkle reiste, dann ging man ihr besser aus demWeg, so wie es auch besser war, ihre Amulette auf dem Fensterbrett liegen zu lassen und ihre handgemachten Püppchen nicht aus den Schubladen zu nehmen.

Ich schaufelte eine weitere Portion Ei auf die Gabel und beendete das Frühstück für Helden mit einem Spezialgericht – Eier, eisgekühlte Rhabarbermarmelade und Schinken zwischen zwei ScheibenToast. Während ich einen Riesenbissen davon nahm, schweifte mein Blick wie gewohnt den Flur hinunter. Die Tür zum Arbeitszimmer meinesVaters war bereits geschlossen. MeinVater schrieb die Nacht hindurch und schlief tagsüber auf dem alten Sofa in seinem Arbeitszimmer. Das machte er, seit meine Mutter im April gestorben war. Man könnte meinen, er sei einVampir, hatteTante Caroline gesagt, als sie im Frühjahr bei uns wohnte. Wie es aussah, hatte ich die Chance, ihn zu sehen, für heute verpasst.War die Tür erst einmal zu, war die Gelegenheit vorbei.

Von draußen kam ein lautes Hupen. Link. Ich schnappte mir den abgewetzten schwarzen Rucksack und rannte in den Regen hinaus. Es hätte genauso gut sieben Uhr abends sein können, so dunkel war es. SeitTagen spielte dasWetter verrückt.

Links Schrottkiste hielt auf der Straße mit stotterndem Motor und dröhnender Musik. Seit dem Kindergarten fuhren Link und ich täglich gemeinsam zur Schule. Seit demTag, als er mir im Bus die Hälfte seines Twinkies geschenkt hatte und wir beste Freunde geworden waren. Erst später kam ich dahinter, dass es vorher auf den Boden gefallen war. Obwohl wir beide seit diesem Sommer unsere Fahrerlaubnis hatten, besaß nur Link ein Auto, falls man seine Rostlaube überhaupt so nennen konnte.

Immerhin, der Motor röhrte so laut, dass er sogar den Sturm übertönte.

Amma stand mit missbilligend verschränkten Armen auf derVeranda. »Mach hier nicht so einen Krach,Wesley Jefferson Lincoln. Andernfalls müsste ich womöglich zu deiner Mama gehen und ihr verraten, was du den Sommer über so alles im Keller getrieben hast, als du neun Jahre alt warst.«

Link zuckte zusammen. Kaum einer außer seiner Mutter und Amma nannte ihn je bei seinem vollen Namen. »Ja, Ma’am.«

DieVerandatür fiel ins Schloss. Link lachte und ließ beim Losfahren die Räder auf dem nassen Asphalt durchdrehen, als wären wir auf der Flucht.Wozu auch sein üblicher Fahrstil passte. Nur dass wir leider nie von hier wegkamen.

»Was hast du in unserem Keller gemacht, als wir neun Jahre alt waren?«

»Frag lieber, was ich nicht in eurem Keller gemacht habe, als wir neun Jahre alt waren.« Link drehte die Musik leiser, zum Glück, denn sie war schrecklich, und er würde mich bestimmt gleich fragen, wie sie mir gefiel, so wie jedenTag. DieTragödie seiner Band Who shot Lincoln bestand darin, dass keines der Bandmitglieder richtig singen oder ein Instrument spielen konnte. Was Link nicht daran hinderte, ständig darüber zu reden, dass er Schlagzeug spielte und nach dem Schulabschluss nach New York gehen würde, um dort Aufnahmen imTonstudio zu machen.Was wahrscheinlich nie im Leben passieren würde. Eher würde er sturzbesoffen und mit verbundenen Augen vom Parkplatz aus einen Three-Pointer im Korb versenken.

Link würde wohl nie aufs College gehen, trotzdem hatte er mir etwas voraus. Er wusste genau, was er später machen wollte, auch wenn es wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Ich dagegen hatte nur eine Schuhschachtel voller College-Broschüren, die ich meinemVater nicht zeigen konnte. Es war mir egal, was für ein College es später einmal sein würde, solange es nur tausend Meilen weg von Gatlin war.

Ich wollte nicht so enden wie mein Dad, der immer noch in demselben Haus, derselben Stadt lebte, in der er aufgewachsen war, und mit denselben Leuten, die nicht einmal in ihrenTräumen von hier wegkamen.

Rechts und links reihten sich alte viktorianische Häuser die Straße entlang, die alle noch genau so aussahen wie an demTag vor über hundert Jahren, als sie erbaut worden waren. Unsere Straße hieß Cotton Bend, weil hinter den alten Häusern einst riesige Baumwollfelder gelegen hatten. Jetzt lag die Route 9 dahinter und das war so ziemlich die einzige Neuerung hier in der Gegend.

Ich fischte einen altbackenen Donut aus der Schachtel auf dem Boden des Autos. »Hast du mir gestern Abend einen abgefahrenen Song auf meinen iPod geladen?«

»Was für einen Song? Ach übrigens, was hältst du von dem hier …?« Link drehte seine neueste Demo-Version auf.

»Ich finde, er braucht noch ein bisschen Feinschliff wie alle deine Songs.« Das sagte ich mehr oder weniger jedenTag.

»Ja, schon klar, und deine Visage braucht einen Arzt, wenn ich dir eine verpasst habe.« Das sagte er mehr oder weniger jedenTag.

Ich durchsuchte meine Playlist. »Das Lied. Es hieß Sixteen Moons oder so ähnlich.«

»Keine Ahnung, wovon du sprichst.«

Das Lied war nicht da. Es war weg, dabei hatte ich es heute Morgen erst gehört. Und ich war sicher, dass ich es mir nicht eingebildet hatte, denn die Melodie geisterte noch in meinem Kopf herum.

»Wenn du einen guten Song hören willst, dann spiel ich dir einen vor«, sagte Link und suchte nach demTrack.

»Hey, Mann, schau auf die Straße.«

Aber er hörte nicht auf mich und in diesem Moment sah ich aus den Augenwinkeln ein seltsames Auto vor uns auftauchen …

Eine Sekunde lang lösten sich die Geräusche von der Straße und der Regen und Link in nichts auf. Alles schien plötzlich in Zeitlupe abzulaufen. Ich konnte meine Augen nicht von dem Auto abwenden. Es war nur so ein vages Gefühl, nichts, was ich hätte inWorte fassen können. Dann glitt das Fahrzeug auch schon an uns vorbei und bog in die andere Richtung ab.

Ich kannte denWagen nicht, hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Und das war eigentlich unmöglich, denn ich kannte jedes Fahrzeug in der Stadt. Und um diese Jahreszeit verirrten sich auch keineTouristen hierher. Nicht während der Hurrikan-Saison.

Das Auto war lang und schwarz und sah aus wie ein Leichenwagen. Ich war mir sogar ziemlich sicher, dass es genau das war – ein Leichenwagen.

Vielleicht war das ein Omen. Vielleicht würde dieses Jahr sogar noch schlimmer werden als befürchtet.

»Ich hab ihn gefunden. Der Song heißt Black Bandanna. Dieses Lied wird mich zum Star machen.«

Als Link endlich den Kopf hob, war das Auto verschwunden.

Die Neue

2.9.

Acht Straßen. So weit war es von der Cotton Bend bis zur Jackson Highschool. Offensichtlich reichten mir acht Straßen gerade so, um mein ganzes Leben Revue passieren zu lassen und einen seltsamen schwarzen Leichenwagen wieder aus meinem Hirn zu verbannen. Vielleicht habe ich deshalb nichts zu Link gesagt.

Wir kamen am Stop & Shop vorbei, auch bekannt als Stop & Steal. Es war der einzige Lebensmittelladen der Stadt und das, was bei uns einem 7-Eleven-Markt am nächsten kam. Jedes Mal wenn man mit Freunden vor dem Laden herumhing, musste man froh sein, wenn man nicht der Mutter von irgendjemandem in die Arme lief, die gerade fürs Abendessen einkaufte, oder, was noch schlimmer war, auf Amma traf.

Vor dem Eingang parkte ein bekannter Chevrolet Grand Prix. »Oh-oh, Fatty hat schon seine Zelte aufgeschlagen.« Er saß auf dem Fahrersitz und las die Stars and Stripes.

»Vielleicht hat er uns ja nicht gesehen.« Link blickte angespannt in den Rückspiegel.

»Falls doch, dann sind wir jetzt dran.«

Fatty spürte im Auftrag der Stonewall Jackson Highschool Schulschwänzer auf und war stolzes Mitglied der Polizeitruppe von Gatlin. Seine Freundin Amanda arbeitete im Stop & Steal, und Fatty parkte beinahe jeden Morgen vor dem Laden und wartete darauf, dass die Backwaren angeliefert wurden.Was ziemlich lästig war, wenn man immer zu spät kam wie Link und ich.

Wenn man auf die Jackson High ging, dann musste man Fattys Dienstplan genauso gut kennen wie den eigenen Stundenplan. Heute winkte uns Fatty durch, er blickte nicht einmal vom Sportteil auf, er winkte uns einfach durch.

»Sportteil und ein klebriges Hörnchen. Du weißt, was das heißt.«

»Wir haben noch fünf Minuten.«

Wir ließen die alte Karre im Leerlauf auf den Schulparkplatz rollen und hofften, uns unbemerkt an den Aufpassern vorbeistehlen zu können. Aber draußen schüttete es immer noch, und als wir das Schulgebäude betraten, waren wir völlig durchweicht, und unsereTurnschuhe quietschten so laut, dass wir genauso gut freiwillig einen Abstecher ins Sekretariat machen konnten.

»EthanWate!Wesley Lincoln!«

Triefend nass standen wir im Büro und warteten darauf, dass wir zum Nachsitzen verdonnert würden.

»Schon am ersten Schultag zu spät. Ihre Mutter wird Ihnen was erzählen, Mr Lincoln. Und Sie, MrWate, schauen Sie nicht so neunmalklug drein, Amma wird Ihnen das Fell gerben.«

Miss Hester hatte recht. In spätestens fünf Minuten würde Amma wissen, dass ich zu spät gekommen war, wenn sie es nicht sowieso schon wusste. So war es hier eben. Meine Mutter war stets überzeugt davon gewesen, dass Carlton Eaton, der Briefträger, jeden Brief las, der ihm auch nur halbwegs interessant zu sein schien. Er machte sich nicht einmal die Mühe, sie nachher wieder zuzukleben. Nicht dass es jemals etwas wirklich Neues zu berichten gegeben hätte. Jedes Haus hatte seine Geheimnisse, aber jeder in der Straße kannte sie. Nicht einmal das war ein Geheimnis.

»Miss Hester, ich musste langsam fahren, weil es so stark geregnet hat.« Link versuchte, seinen Charme spielen zu lassen. Miss Hester nahm die Brille ab und blickte Link völlig unbeeindruckt an. Die kleine Kette, an der ihre Brille hing, baumelte an ihrem Hals hin und her.

»Ich habe jetzt keine Zeit, mit euch zu schwatzen. Ich bin beschäftigt. Hier steht drauf, wo ihr heute Nachmittag nachsitzen werdet«, sagte sie und drückte jedem von uns ein blaues Formular in die Hand.

Sie war wirklich beschäftigt. Kaum dass wir ihr den Rücken zugewandt hatten, roch man schon den Nagellack. Auf ein Neues und herzlich willkommen.

In Gatlin ist ein erster Schultag wie der andere. Die Lehrer, die dich alle von der Kirche her kennen, haben schon im Kindergarten beschlossen, ob du dumm oder schlau bist. Ich war schlau, denn meine Eltern waren Wissenschaftler. Link war dumm, weil er während der Bibellesung mit den Seiten der Heiligen Schrift raschelte und einmal sogar während des weihnachtlichen Hirtenspiels gekotzt hatte. Und weil ich schlau war, bekam ich immer gute Noten auf meine Arbeiten; und weil Link dumm war, bekam er immer schlechte. Ich glaube, niemand machte sich je die Mühe, meine Arbeiten zu lesen. Manchmal schrieb ich ausgemachten Blödsinn in meinen Aufsätzen, meist irgendwo in der Mitte, nur um zu sehen, ob die Lehrer es merkten. Aber bisher hatte keiner was gesagt.

Dummerweise funktionierte das nicht bei Multiple-Choice-Fragen. In der ersten Stunde, in Englisch, fiel mir siedend heiß ein, dass meine siebenhundert Jahre alte Lehrerin, die tatsächlich auch noch Mrs English hieß, uns aufgetragen hatte, während der SommerferienWer die Nachtigall stört zu lesen. Prompt bestand ich denTest nicht. Na toll. Ich hatte das Buch vor zwei Jahren gelesen. Es war eins der Lieblingsbücher meiner Mutter gewesen, aber weil es schon eineWeile her war, konnte ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten erinnern.

Was nur wenige von mir wissen: Ich lese so gut wie jede freie Minute. Bücher sind so ziemlich das Einzige, womit ich aus Gatlin entfliehen kann, wenn auch nur für kurze Zeit. An derWand meines Zimmers hängt eine Landkarte, und jedes Mal, wenn ich von einer Stadt lese, die ich mir irgendwann mal anschauen will, markiere ich sie auf der Karte. New York, das war DerFänger im Roggen. In die Wildnis führte mich nach Alaska. Als ich Unterwegs las, fügte ich Chicago, Denver, L. A. und Mexico City hinzu. Mit Kerouac kam man ziemlich weit herum. Alle paar Monate verband ich die Orte mit einer Linie. Mit einer dünnen grünen Linie, der ich folgen wollte, in dem Sommer, ehe ich aufs College gehen würde – falls ich jemals aus dieser Stadt herauskommen sollte.Von den Büchern und der Landkarte erzählte ich niemandem. Bücher und Baseball, das passte hier in der Gegend nicht zusammen.

Chemie lief auch nicht viel besser. Mr Hollenback verdammte mich dazu, mit der Ethan-Hasserin Emily, gemeinhin als Emily Asher bekannt, zusammenzuarbeiten. Emily verachtete mich seit dem Schulball im letzten Jahr, als ich den Fehler begangen hatte, meine Chucks zum Smoking zu tragen und uns beide von meinemVater in seinem rostigenVolvo chauffieren zu lassen. Das kaputte Fenster, das sich nicht mehr hochkurbeln ließ, hatte ihre perfekt gelockte Ballfrisur ruiniert, und als wir in derTurnhalle ankamen, sah sie aus wie Marie Antoinette gleich nach dem Aufstehen ohne Betthäubchen. Während des ganzen Abends hatte Emily keinWort mehr mit mir gesprochen, stattdessen hatte sie Savannah Snow geschickt, um, keine drei Schritte von der Punschbowle entfernt, mit mir Schluss zu machen. Das war’s dann so ziemlich gewesen.

Für die anderen Jungs war das ein ständiger Anlass zur Belustigung, und sie rechneten fest damit, dass wir irgendwann wieder zusammenkommen würden.Was sie nicht wussten, war, dass ich mir aus Mädchen wie Emily nichts machte. Sie war hübsch, aber mehr auch nicht. Sie anzusehen, entschädigte einen nicht für den Stuss, den sie von sich gab. Ich sehnte mich nach einer anderen Freundin, einer, mit der ich über andere Dinge als nur über Partys reden konnte und wer im Winter wohl Ballkönigin wird. Ein Mädchen, das klug war oder lustig oder wenigstens eine nette Partnerin bei den Chemie-Experimenten.

Vielleicht existierte ein solches Mädchen nur in meinenTräumen, aberTräume waren immer noch besser als Albträume. Selbst dann, wenn der Albtraum ein Cheerleader-Röckchen trug.

Die Chemiestunde überlebte ich, aber von da an ging’s an diesemTag nur noch bergab. Auch in diesem Jahr hatte ich mich wieder für Geschichte der USA eingeschrieben, das war ohnehin die einzige Geschichte, die in der Jackson High unterrichtet wurde, die Bezeichnung »Geschichte der USA« war also überflüssig. Ich würde mich das zweite Jahr hintereinander mit dem »Angriffskrieg der Nordstaaten« beschäftigen, und zwar bei Mr Lee, der übrigens nicht mit seinem berühmten Namensvetter verwandt war. Aber, und das war allgemein bekannt, Mr Lee und der General der Konföderierten waren einig im Geiste. Mr Lee war einer der wenigen Lehrer, die mich wirklich hassten. Letztes Jahr hatte ich mit Link gewettet und einen Aufsatz über das Thema »Der Angriffskrieg der Südstaaten« geschrieben. Mr Lee hatte mir prompt eine Fünf gegeben. Manchmal lasen die Lehrer die Aufsätze also doch.

Ich setzte mich ganz hinten hin, neben Link, der gerade die Aufzeichnungen von dem Fach, das er zuvor verschlafen hatte, abschrieb. Sofort hörte er mit dem Schreiben auf. »Hast du schon gehört, Mann?«

»Was soll ich gehört haben?«

»Von dem neuen Mädchen in Jackson.«

»Es sind jede Menge neuer Mädchen da, eine ganze erste Highschool-Klasse, du Idiot.«

»Ich rede nicht von den Anfängern. In unserem Jahrgang ist eine Neue.« In jeder anderen Highschool wäre eine neue Schülerin in der Zehnten kein Thema gewesen. Aber wir waren in der Jackson High und hatten keine neue Schülerin mehr gehabt, seit KellyWax in der dritten Klasse mit ihren Großeltern hierhergezogen war, nachdem man ihrenVater eingebuchtet hatte, weil er in seinem Keller in Lake City eine Spielhölle betrieb.

»Wer ist sie?«

»Weiß nicht. Ich hatte in der zweiten Stunde Gemeinschaftskunde mit den Typen von der Band, und die wussten auch nichts Genaues, außer dass sie Geige spielt oder so was. Meinst du, sie ist scharf?« Wie die meisten Jungs dachte Link sehr eingleisig. Der Unterschied zu den anderen Jungs bestand nur darin, dass dieses eine Gleis bei ihm direkt zum Mund führte.

»Das heißt also, sie ist eine Band-Tussi?«

»Nein. Sie ist Musikerin. Vielleicht steht sie ja wie ich auf klassische Musik.«

»Klassische Musik?«Wenn Link jemals klassische Musik gehört hatte, dann höchstens beim Zahnarzt.

»Du weißt doch, die Klassiker. Pink Floyd. Black Sabbath. Die Stones.«

Ich konnte nicht anders, ich musste lachen.

»Mr Lincoln, MrWate. Es tut mir leid, dass ich Ihre Unterhaltung unterbrechen muss, aber ich würde gern anfangen, wenn Sie nichts dagegen haben.« Mr LeesTonfall war noch genauso sarkastisch wie im letzten Jahr und seine fettigen, glatt gekämmten Haare und die Schweißflecken unter den Achseln noch genauso widerlich. Er teilte Kopien desselben Unterrichtsplans aus, den er vermutlich schon seit zehn Jahren benutzte.Verlangt wurde, eine Schlacht aus dem Bürgerkrieg nachzuspielen. Na klar doch. Aber ich hatte Glück, ich würde mir einfach eine Uniform von meinenVerwandten borgen, die solche Schlachten zum Spaß an denWochenenden nachstellten.

Nach der Stunde hingen Link und ich in der Aula bei unseren Garderobeschränken herum in der Hoffnung, die Neue zu Gesicht zu bekommen.Wenn man Link so zuhörte, dann war sie bereits seine Seelenverwandte und Bandpartnerin und was sonst noch alles, worüber ich lieber nicht so genau nachdenken wollte. Aber das Einzige, das wir zu Gesicht bekamen, war eine Überdosis Charlotte Chase in einem Jeansrock, der zwei Nummern zu klein war. Das bedeutete, wir würden bis zur Mittagspause gar nichts herausfinden, denn in der nächsten Stunde hatten wir ASL, Amerikanische Gebärdensprache. In diesem Fach war es strikt verboten zu reden, und niemand von uns konnte die Gebärdensprache gut genug, um auch nur »neues Mädchen« zu buchstabieren.Was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass ASL der einzige Kurs war, den wir gemeinsam mit dem Rest der Basketballmannschaft von Jackson besuchten.

Seit der Achten spielte ich in diesemTeam mit, damals war ich während des Sommers in die Höhe geschossen und nach den Ferien einen ganzen Kopf größer als alle anderen in meiner Klasse gewesen. Und überhaupt, wenn beide Eltern Professoren sind, dann muss man etwas Normales machen. Wie sich bald herausstellte, war ich ein guter Basketballspieler. Ich hatte ein Gespür dafür, wohin der Gegner den Ball werfen würde, und das brachte mir einen Stammplatz in der Cafeteria ein. So etwas zählte in Jackson.

Heute war dieser Platz in der Cafeteria noch mehrwert, denn Shawn Bishop, unser Aufbauspieler, hatte die Neue tatsächlich schon gesehen. Link stellte die einzige Frage, die uns interessierte. »Also, ist sie scharf?«

»Verdammt scharf.«

»So scharf wie Savannah Snow?«

Wie auf ein Stichwort hin betrat Savannah, das Maß für alle Mädchen in Jackson, die Cafeteria, Arm in Arm mit der Ethan-Hasserin Emily, und wir alle guckten hin, denn Savannah bestand praktisch nur aus perfekt geformten Beinen. Savannah und Emily glichen sich fast wie ein Ei dem anderen, selbst wenn sie ihre Cheerleader-Uniformen nicht trugen. Beide waren blond und sonnenstudiogebräunt, beide trugen Flip-Flops und Jeansröcke, die so kurz waren, dass sie auch als Gürtel hätten durchgehen können. Savannah hatte die perfekten Beine, aber nach Emily reckten alle die Hälse, wenn sie im Sommer im Bikini am See lag. Die beiden hatten offenbar nie Bücher bei sich, nur winzige metallicfarbene Täschchen, die sie sich unter den Arm klemmten und in die kaum ein Handy passte, wenn Emily ausnahmsweise mal keine SMS schrieb.

Der einzige Unterschied zwischen den beiden war im Grunde die Position, die sie bei den Cheerleadern hatten. Savannah warTeamcaptain und Base, eines der Mädchen, die in der berühmten Wildcats-Pyramide eine oder zwei Reihen anderer Mädchen auf den Schultern trugen. Emily war Flyer und an der Spitze der Pyramide, sie war diejenige, die fast einen Meter hoch in die Luft geworfen wurde, wenn sie einen Salto oder eine andere verrückte Cheerleader-Nummer vorführten, bei der man sich leicht das Genick brechen konnte. Emily wäre jedes Risiko eingegangen, nur um an der Spitze der Pyramide bleiben zu dürfen. Savannah hatte das nicht nötig.Wenn Emily in die Luft geworfen wurde, blieb die Pyramide auch ohne sie stehen.Wenn sich Savannah aber nur ein paar Zentimeter bewegte, dann brach das Ganze zusammen.

Ethan-Hasserin Emily bemerkte, dass wir sie anstarrten, und warf mir einen finsteren Blick zu. Die Jungs lachten. EmoryWatkins klopfte mir auf die Schulter. »Das ist ’ne Sünde wert,Wate. Du weißt doch, wie Emily ist: Je finsterer sie dich anblitzt, desto lieber sie auf deinem Schoß sitzt.«

Aber heute wollte ich nicht an Emily denken. Ich wollte an ihr Gegenteil denken. Seit Link in der Geschichtsstunde davon angefangen hatte, ließ er mich nicht mehr los: der Gedanke an die Neue. Der Gedanke, dass sie vielleicht ganz anders war, von woanders herkam. Vielleicht war sie jemand, der ein aufregenderes Leben geführt hatte als wir, zumindest ein aufregenderes als ich.

Vielleicht war sie sogar das Mädchen meinerTräume. Ich wusste, es war ein Hirngespinst, aber ich wollte daran glauben.

»Habt ihr schon von der Neuen gehört?« Savannah setzte sich auf Earl Pettys Schoß. Earl war unser Mannschaftskapitän, mal gingen die beiden zusammen, dann wieder nicht. Zurzeit gingen sie miteinander. Er fuhr mit den Händen über ihre gebräunten Beine, gerade so weit nach oben, dass man nicht wusste, wo man hinsehen sollte.

»Shawn hat uns auf den neuesten Stand gebracht. Er sagt, sie ist scharf. Nehmt ihr sie insTeam auf?« Link schnappte sich ein paar knusprigeTaterTots von meinemTablett.

»Wohl kaum. Ihr solltet mal sehen, was die anhat.« Tiefschlag Nummer eins. »Und wie blass die ist.« Tiefschlag Nummer zwei. Für Savannahs Geschmack konnte man nie zu dünn oder zu gebräunt sein.

Emily setzte sich neben Emory und beugte sich einen Tick zu weit über den Tisch. »Hat er euch auch gesagt, wer sie ist?«

»Was meinst du damit?«

Emily machte eine dramatische Pause, dann sagte sie: »Sie ist die Nichte vom alten Ravenwood.«

Für diesen Knalleffekt hätte sie keine Pause einlegen müssen. Es war, als hätte sie mit einem Schlag alle Luft aus dem Raum entweichen lassen. Ein paar von den Jungs fingen an zu lachen. Sie dachten, Emily würde einen Witz machen, aber ich wusste, sie meinte es ernst.

Das war Tiefschlag Nummer drei. Die Neue war out. Sie war so sehr out, dass ich sie mir nicht einmal mehr vorstellen konnte. DerTraum von meinem Mädchen war schon ausgeträumt, noch ehe ich an unsere ersteVerabredung denken konnte. Ich war zu drei weiteren Jahren unter all den Emily Ashers verbannt.

Macon Melchizedek Ravenwood war der Sonderling der Stadt. Sagen wir mal so: Ich kann mich noch gut genug anWer die Nachtigall stört erinnern, um zu wissen, dass Boo Radley imVergleich zum alten Ravenwood wie ein Salonlöwe wirkte. Ravenwood wohnte in einem heruntergekommenen alten Haus auf der ältesten und verrufensten Plantage von Gatlin, und soviel ich weiß, hatte ihn seit meiner Geburt und noch länger niemand mehr zu Gesicht bekommen.

»Willst du uns auf den Arm nehmen?«, fragte Link.

»Nein, im Ernst, Carlton Eaton hat es gestern meiner Mutter erzählt, als er die Post ablieferte.«

Savannah nicke. »Meine Mutter hat es auch gehört. Die Neue ist vor ein paarTagen beim alten Ravenwood eingezogen, sie kommt aus Virginia oder Maryland, so genau weiß ich das nicht mehr.«

Sie zerrissen sich weiter das Maul über sie, ihre Klamotten, ihre Frisur und über ihren Onkel und dass sie vermutlich total durchgeknallt war. Das war es, was ich an Gatlin am meisten hasste. Egal was man sagte oder tat, oder, wie in diesem Fall, was man trug, jeder musste seinen Senf dazugeben. Ich starrte auf die Nudeln auf meinemTablett, die in einer orangefarbenen Brühe schwammen, die nur wenig Ähnlichkeit mit Käse hatte.

Noch zwei Jahre und acht Monate. Ich musste raus aus dieser Stadt.

In derTurnhalle übten nach dem Unterricht die Cheerleader. Da es endlich zu regnen aufgehört hatte, fand das Basketballtraining im Freien statt, auf dem Sportplatz mit dem rissigen Beton, den krummen Körben und den Pfützen. Man musste achtgeben, nicht in die Rinne zu treten, die tief wie der Grand Canyon durch die Mitte des Spielfelds verlief. Aber wenigstens konnte man von hier aus fast den ganzen Parkplatz überblicken und beim Aufwärmen die Creme de la Creme der Jackson High beobachten.

Heute hatte ich Zielwasser getrunken. Ich hatte sämtliche Freiwürfe versenkt, aber das hatte Earl auch, der mit jedemTreffer von mir gleichzog.

Wusch. Acht. Es war, als müsste ich nur aufs Netz schauen, und schon fiel der Ball hindurch. An manchenTagen lief es einfach.

Wusch. Neun. Earl war sauer. Ich merkte das daran, wie er den Ball jedes Mal, wenn ich einenTreffer gelandet hatte, noch härter auf den Boden aufschlug. Er war unser zweiter Center. Wir hatten eine stillschweigende Übereinkunft: Er war der Boss, dafür ließ er mich in Ruhe, wenn ich keine Lust hatte, jedenTag nach demTraining vor dem Stop & Steal rumzuhängen. Irgendwann war eben alles über die ewig gleichen Mädchen gesagt, und die Zahl der Slim Jims, die man verdrücken konnte, war auch begrenzt.

Wusch. Zehn. Ich traf einfach immer. Vielleicht war esVeranlagung, vielleicht aber auch etwas anderes. Ich hatte noch nicht herausgefunden, woran es lag, aber seit demTod meiner Mutter hatte ich aufgehört, darüber nachzudenken. Es war ja schon fast einWunder, dass ich mich aufraffen konnte, zumTraining zu gehen.

Wusch. Elf. Hinter mir stöhnte Earl auf und knallte den Ball noch fester auf den Boden. Ich unterdrückte ein Grinsen und schaute zum Parkplatz hinüber, während ich zum nächstenWurf ansetzte. Und dort sah ich ein Gewirr langer schwarzer Haare hinter dem Lenkrad eines langen schwarzen Autos.

Es war ein Leichenwagen. Ich erstarrte.

Dann wendete das Auto, und durch das offene Seitenfenster sah ich ein Mädchen, das zu mir herüberschaute. Zumindest glaubte ich, es zu sehen. Der Ball traf den Rand des Korbs, prallte ab und krachte in den Zaun. Hinter mir hörte ich ein vertrautes Geräusch.

Wusch. Zwölf. Earl Petty konnte aufatmen.

Als das Auto wegfuhr, schaute ich mich auf dem Spielfeld um. Die anderen standen da, als hätten sie soeben einen Geist gesehen.

»War das nicht …«

BillyWatts, unser Forward, nickte und hielt sich mit einer Hand an der Absperrkette fest. »Die Nichte vom alten Ravenwood.«

Shawn warf ihm den Ball zu. »Ja. Genau wie sie gesagt haben. Sie kutschiert mit seinem Leichenwagen durch die Gegend.«

Emory schüttelte den Kopf. »Die ist wirklich scharf.Was für eineVerschwendung.«

Sie spielten weiter, aber als Earl zu seinem nächstenWurf ansetzte, fing es wieder an zu regnen. Dreißig Sekunden später ging einWolkenbruch auf uns nieder, es schüttete so stark wie den ganzenTag über nicht. Ich stand einfach nur da und ließ den Regen auf mich herabprasseln. Die nassen Haare hingen mir in die Augen, ich sah die Schule nicht mehr, ich sah die anderen vomTeam nicht mehr.

Das böse Omen war nicht allein der Leichenwagen. Das böse Omen war das Mädchen.

Für ein paar Minuten hatte ich der Hoffnung Raum gegeben. Der Hoffnung, dass dieses Jahr nicht wie jedes andere Jahr verlaufen würde, dass sich etwas ändern würde. Dass ich jemanden hätte, mit dem ich mich unterhalten könnte, jemanden, der mir nahe wäre.

Aber alles, was ich hatte, war ein guterTag auf dem Spielfeld, und das war einfach nicht genug.

Ein Loch im Himmel

2.9.

Gebratenes Hühnchen, Kartoffelbrei mit Bratensoße, grüne Bohnen und Brötchen – alles wartete vorwurfsvoll und kalt und zusammengefallen auf dem Herd, wo Amma es hatte stehen lassen. Für gewöhnlich hielt sie mein Essen warm, bis ich vomTraining zurückkam, aber heute nicht. Ich musste mich auf jede Menge Ärger gefasst machen. Amma war wütend, sie saß am Tisch, lutschte ihre geliebten Zimtpastillen und kritzelte Buchstaben in das Kreuzworträtsel der New York Times. MeinVater hatte insgeheim die Sonntagsausgabe abonniert, denn das Rätsel in den Stars and Stripes hatte zu viele Rechtschreibfehler und mit den Kreuzworträtseln im Reader’s Digest war sie zu schnell fertig. Keine Ahnung, wie er es schaffte, dass Carlton Eaton nicht Wind davon bekam, denn der hätte schnurstracks in der ganzen Stadt verbreitet, dass wir uns für etwas Besseres hielten und die Stars and Stripes nicht lasen. Aber es gab eben nichts, was mein Dad nicht für Amma getan hätte.

Sie schob denTeller zu mir her und blickte mich an, ohne mich dabei anzublicken. Ich schaufelte kalten Kartoffelbrei und Hühnchen in den Mund. Es gab nichts, was Amma so sehr hasste, als wenn man seinenTeller nicht leer aß. Ich versuchte, ihrem speziellen schwarzen Bleistift der Härte 2 nicht zu nahe zu kommen, den sie nur benutzte, um ihre Kreuzworträtsel auszufüllen, und der immer so scharf gespitzt war, dass man damit jemanden hätte verletzen können. Und heute Abend bestand diese Gefahr.

Ich hörte auf das gleichförmigeTrommeln des Regens auf dem Dach. Amma klopfte mit dem Bleistift auf die Tischplatte.

»Elf Buchstaben. Haft oder körperliche Bestrafung wegen Fehlverhaltens.« Sie sah mich scharf an. Ich schaufelte mir einen Löffel Kartoffelbrei in den Mund. Ich wusste, was jetzt kam. Neun waagrecht.

»Z.U.E.C.H.T.I.G.U.N.G. Sprich: Strafe. Sprich:Wenn du’s nicht schaffst, rechtzeitig zur Schule zu kommen, dann wirst du keinen Fuß mehr vor die Tür setzen.«

Ich fragte mich, wer sie wohl angerufen haben mochte, um ihr zu sagen, dass ich zu spät gekommen war, oder, was vermutlich einfacher war, wer sie nicht angerufen hatte. Sie drehte ihren Bleistift knirschend in der alten Spitzmaschine, die auf der Anrichte stand, obwohl er noch spitz war.

Immer noch sah sie betont an mir vorbei, was schlimmer war, als wenn sie mir geradewegs in die Augen geblickt hätte.

Ich ging zu ihr hinüber – sie spitzte weiter ihren Bleistift –, legte den Arm um sie und drückte sie ganz fest. »Komm schon, Amma. Sei nicht böse. Es hat geschüttet heute Morgen. Du hättest doch auch nicht gewollt, dass wir bei diesemWetter zu schnell fahren, oder?«

Sie zog eine Augenbraue hoch, aber ihre Miene wurde freundlicher. »Wie’s aussieht, regnet es so lange, bis du dir die Haare schneiden lässt. Also überleg dir lieber, wie du rechtzeitig zur Schule kommst.«

»Zu Befehl, Ma’am.« Ich drückte sie noch einmal, dann kehrte ich zu meinen kalten Kartoffeln zurück. »Du wirst nicht glauben, was heute passiert ist. In unserer Klasse ist eine Neue.« Keine Ahnung, weshalb ich das sagte. Ich glaube, es war mir den ganzenTag nicht aus dem Kopf gegangen.

»Meinst du etwa, ich wüsste nicht von der Sache mit Lena Duchannes?« Bei ihrenWorten blieb mir fast der Bissen im Hals stecken. Lena Duchannes. Hier im Süden wird der Nachname so ausgesprochen, dass er sich auf »rain« reimt. Und so wie Amma dasWort auswalzte, hätte man meinen können, dass es noch eine zusätzliche Silbe hatte. Du-kay-yane.

»Heißt sie so? Lena?«

Amma schob mir ein Glas Schokoladenmilch hin. »Ja und nein, das geht dich nichts an. Du solltest deine Nase nicht in Dinge stecken, von denen du rein gar nichts verstehst, EthanWate.«

Amma sprach immer in Rätseln, und sie gab nie mehr preis, als man unbedingt wissen musste. Seit meiner Kindheit hatte ich ihr Haus inWaders Creek nicht mehr betreten, aber ich wusste, die meisten Leute in der Stadt gingen dorthin. Amma war die angesehensteTarot-Kartenleserin im Umkreis von hundert Meilen, so wie zuvor schon ihre Mutter und davor ihre Großmutter. Ihre Familie, das waren sechs Generationen von Kartenlegern. Gatlin war voll von gottesfürchtigen Baptisten, Methodisten und Pfingstlern, aber derVerlockung, die die Karten ausübten, der Möglichkeit, mit ihrer Hilfe den Lauf des eigenen Schicksals zu verändern, konnte keiner widerstehen. Denn in den Augen der Leute war eine mächtige Kartenleserin genau dazu fähig. Und wenn Amma etwas hatte, dann war es Macht.

Manchmal stieß ich in meiner Sockenschublade auf eines ihrer selbst gemachten Amulette, manchmal hing eines über der Tür, die ins Arbeitszimmer meinesVaters führte. Anfangs hatte ich einmal gefragt, wozu sie gut seien. MeinVater neckte Amma jedes Mal, wenn er eines fand, aber ich bemerkte, dass er es niemals abnahm. »Vorsicht ist besser als Nachsicht.« Ich glaube, er meinte vorsichtig gegenüber Amma, bei der man schnell mal das Nachsehen hatte.

»Was weißt du sonst noch von ihr?«

»Pass bloß auf und kümmere dich um deine eigenen Sachen. EinesTages starrst du noch ein Loch in den Himmel und dann fällt uns das ganzeWeltall auf den Kopf. Dann sitzen wir erst richtig in der Patsche.«

MeinVater kam im Schlafanzug in die Küche geschlurft. Er schenkte sich eineTasse Kaffee ein und holte eine SchachtelWeizenflocken aus der Speisekammer. Ich sah, dass er die gelbenWachsstöpsel noch in den Ohren hatte. Die PackungWeizenflocken bedeutete, dass seinTag jetzt gleich anfing. Die Ohrenstöpsel bedeuteten, dass er noch nicht richtig angefangen hatte.

Ich beugte mich zu Amma hinüber und raunte: »Was genau hast du gehört?«

Sie riss mir denTeller aus der Hand und trug ihn zur Spüle. Dann ließ sieWasser über ein paar Knochen laufen, die nach Schweineschulter aussahen, was komisch war, denn es hatte heute ja Hühnchen gegeben, und legte sie auf einenTeller. »Das geht dich nichts an. Und überhaupt, ich möchte wissen, warum dich das so interessiert.«

Ich zuckte die Schultern. »Ich bin einfach neugierig, das ist alles.«

»Du weißt doch, was man über neugierige Menschen sagt.« Sie steckte eine Gabel in mein Stück Buttermilchpastete, dann funkelte sie mich an und weg war sie.

Sogar meinemVater entging es nicht, dass die Küchentür hinter Amma ins Schloss krachte, und er zog einen Stöpsel aus dem Ohr. »Wie war’s in der Schule?«

»Gut.«

»Was hast du Amma getan?«

»Ich bin zu spät zur Schule gekommen.«

Er sah mich wissend an und ich erwiderte seinen Blick.

»Härte 2?«

Ich nickte.

»Gespitzt?«

»War schon gespitzt, aber dann hat sie ihn noch mal gespitzt«, seufzte ich. Dad lächelte beinahe, was selten vorkam. Ich war froh, ja fast ein bisschen stolz darauf, das geschafft zu haben.

»Weißt du, wie oft ich als Kind an diesem alten Tisch gesessen habe, während sie mit dem Bleistift auf mich zeigte?«, fragte er, aber es war eigentlich gar keine Frage. Dieser Tisch, schartig und fleckig von Farbe, Leim und Filzstiftspuren, die all dieWates bis hin zu mir auf ihm hinterlassen hatten, war einer der ältesten Gegenstände im ganzen Haus.

Ich schmunzelte. MeinVater nahm seine Müslischale und fuchtelte mit dem Löffel in meine Richtung. Amma hatte schon meinenVater großgezogen, ein Umstand, an den ich in meiner Kindheit immer dann mahnend erinnert worden war, wenn ich auch nur versucht hatte, ihr eine freche Antwort zu geben.

»M.Y.R.I.A.D.E.N.« Er buchstabierte dasWort, während er seine Schüssel in die Spüle stellte. »Oder: U.N.Z.A.E.H.L.I.G. Sprich: viel öfter als du, EthanWate.«

Als er unter das Licht der Küchenlampe trat, wich sein halbes Lächeln bereits einem Viertel Lächeln, und dann war es auch schon ganz verschwunden. Er sah sogar noch schlimmer aus als sonst. Die Schatten unter den Augen waren dunkler und man sah die Knochen unter der Haut hervortreten.

Seine Gesichtsfarbe war grünlich, weil er das Haus so gut wie nie verließ. Er sah aus wie eine lebende Leiche und das nun schon seit Monaten. Kaum vorstellbar, dass dies dieselbe Person war, die stundenlang mit mir am Ufer von Lake Moultrie gesessen hatte, um Sandwiches mit Hühnchensalat zu verdrücken und mir beizubringen, wie man eine Angelleine auswirft. »Zurück und los. Zehn und zwei. Zehn und zwei. Wie die Zeiger einer Uhr.« Die vergangenen fünf Monate waren schwer für ihn gewesen. Er hatte meine Mutter wirklich geliebt. Aber ich auch.

Dad nahm seinen Kaffee und schlurfte in sein Arbeitszimmer zurück. Es war an der Zeit, derWahrheit ins Auge zu blicken. Wie es aussah, war Macon Ravenwood nicht der einzige Sonderling bei uns. Dabei war unsere Stadt eigentlich gar nicht groß genug für zwei Boo Radleys. Aber das eben war das längste Gespräch gewesen, das mein Dad und ich seit vielen Monaten geführt hatten, und ich wollte nicht, dass es vorüber war.

»Wie geht’s mit dem Buch voran?«, platzte ich heraus. Bleib und rede mit mir!, sollte das heißen.

Dad blickte überrascht hoch, dann zuckte er die Schultern. »Es geht so. Hab noch viel zu tun.« Ich kann einfach nicht, sollte das heißen.

»Die Nichte von Macon Ravenwood ist in die Stadt gezogen.« Ich sagte das gerade in dem Augenblick, in dem er sich die Stöpsel wieder in die Ohren steckte. Falsches Timing, wie immer zwischen uns.Wenn ich so darüber nachdachte, schien mir das in letzter Zeit allerdings bei den meisten Menschen so zu gehen.

Dad zog einen Ohrstöpsel raus, seufzte, dann zog er auch den anderen raus. »Wie?« Er war schon wieder auf demWeg zurück ins Arbeitszimmer. Die Zeit, die für unsere Unterhaltung blieb, lief ab.

»Macon Ravenwood.Was weißt du über ihn?«

»Nicht mehr als alle anderen, nehme ich an. Er ist ein Einsiedler. Soweit ich weiß, hat er Ravenwood Manor seit Jahren nicht mehr verlassen.« Er stieß die Tür zum Arbeitszimmer auf und ging hinein, aber ich ging nicht mit. Ich blieb einfach vor der Tür stehen.

Ich setzte nie einen Fuß in das Zimmer. Einmal, ein einziges Mal, als ich sieben Jahre alt gewesen war, hatte mich meinVater dabei erwischt, wie ich seinen Roman las, ehe er ihn noch einmal überarbeitet hatte. Sein Arbeitszimmer war ein dunkler, Furcht einflößender Raum. Über dem verschlissenen viktorianischen Sofa hing ein Gemälde, das Dad stets mit einemTuch verdeckte. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich je zu fragen gewagt hätte, was sich unter demTuch befand. Neben dem Sofa, am Fenster, stand der geschnitzte Mahagonischreibtisch meinesVaters, ein weiteres Erbstück, das mit dem Haus von einer Generation auf die andere gekommen war. Und Bücher stapelten sich überall, alte, in Leder gebundene Bücher, die so schwer waren, dass sie, wenn sie aufgeschlagen waren, auf einem riesigen Holzpult lagen. Das waren die Sachen, die uns mit Gatlin verbanden und mitWates Landing, so wie sie meineVorfahren seit über hundert Jahren an diesen Ort gebunden hatten.

Damals war auf dem Schreibtisch das Manuskript gelegen, in einer offenen Schuhschachtel, und ich musste einfach wissen, was darin stand. MeinVater schrieb Gothic Horror, also eigentlich nichts, was ein Siebenjähriger lesen sollte. Aber jedes Haus in Gatlin steckte voller Geheimnisse, so wie der ganze Süden auch, und unser Haus bildete da keine Ausnahme, schon damals nicht.

Mein Dad fand mich, wie ich zusammengerollt auf dem Sofa in seinem Arbeitszimmer lag, die Blätter um mich herum verstreut, als wäre ein Feuerwerkskörper explodiert. Ich wusste damals noch nicht, wie man etwas verheimlicht, aber danach habe ich es ganz schnell gelernt. Ich erinnere mich nur noch, wie er mich anschrie und wie meine Mutter später in den Garten kam und mich weinend in der alten Magnolie entdeckte. »Es gibt ein paar Dinge, die gehen niemanden etwas an, Ethan, nicht einmal die Erwachsenen.«

Dabei war ich doch nur neugierig. Aber das war schon immer mein Problem gewesen und war es auch jetzt noch. Ich wollte wissen, weshalb mein Dad sein Arbeitszimmer nie verließ. Ich wollte wissen, warum wir für immer in diesem alten, heruntergekommenen Haus leben mussten, nur weil vor uns eine MillionWates hier gelebt hatten, ganz besonders jetzt, wo meine Mutter gestorben war.

Aber nicht heute Abend. Heute Abend wollte ich mich nur an Sandwiches mit Hühnchensalat erinnern, an zehn und zwei und an die Zeit, als mein Dad noch in der Küche gefrühstückt und dabei mit mir herumgealbert hatte. Und während ich mich daran erinnerte, schlief ich ein.

Noch ehe es am nächsten Morgen zur ersten Stunde läutete, gab es in der Jackson High nur ein Thema – Lena Duchannes. Irgendwie hatten es Loretta Snow und Eugenie Asher, die Mütter von Savannah und Emily, geschafft, zwischen zwei Stürmen und diversen Stromausfällen sowohl das Essen auf den Tisch zu bekommen als auch jeden in der Stadt anzurufen und ihm zu erzählen, dass die »Verwandtschaft« des verrückten Ravenwood mit dessen schwarzer Limousine in Gatlin herumkutschierte, mit der er sicher Leichen transportierte, wenn es niemand sah.Von da an wurde alles nur noch verrückter.

Es gibt zwei Dinge, auf die man sich in Gatlin hundertprozentig verlassen kann. Erstens: Du darfst anders sein als alle anderen, du darfst sogar durchgeknallt sein, solange du ab und zu das Haus verlässt, damit die Leute nicht denken, du seist ein Axtmörder. Zweitens:Wenn es etwas zu erzählen gibt, dann kannst du sicher sein, dass irgendwer es auch erzählt. Und eine Neue in der Stadt, die noch dazu in das Spukhaus einzog, in dem der schrullige Alte wohnte, das war ja wohl eine Geschichte, wahrscheinlich sogar die aufregendste Geschichte seit dem Unfall meiner Mutter. Ich hatte also eigentlich gar keinen Grund, überrascht zu sein, dass alle von ihr sprachen – alle, nur nicht die Jungs. Sie hatten Wichtigeres zu tun.

»Also, was haben wir denn da, Em?« Link knallte die Tür seines Garderobenschranks zu.

»Ich zähl die Neuen, die für die Cheerleader infrage kommen. Sieht aus, als hätten wir vier Achter, drei Siebener und eine Handvoll Vierer.« Emory machte sich nicht die Mühe, die Anfängerinnen aufzulisten, die er mit weniger als einer Vier bewertete.

Ich knallte die Spindtür ebenfalls zu. »Was soll das? Es sind dieselben Mädchen, die wir jeden Samstag beim Dar-ee Keen treffen.«

Emory lächelte und versetzte mir einen Schlag auf den Rücken. »Aber jetzt sind sie mit von der Partie,Wate.« Er betrachtete die Mädchen in der Aula. »Und ich bin bereit zum Spielen.« Emory hatte eine große Klappe, mehr aber auch nicht. Letztes Jahr, als wir selbst noch die Neulinge waren, hatte er sich ständig damit gebrüstet, mit welchen der coolen Älteren er sich anlegen würde, wenn er erst einmal in der Ligamannschaft war. Em war genauso durchgeknallt wie Link, aber nicht so harmlos. Er hatte etwas Fieses an sich, so wie alle aus derWatkins-Sippe.

Shawn schüttelte den Kopf. »Das ist wie Pfirsiche von den Stöcken pflücken.«

»Pfirsiche wachsen auf Bäumen.« Kaum war ich da, gingen sie mir schon wieder auf die Nerven, vielleicht weil ich die Typen schon am Zeitungsstand von Stop & Steal getroffen hatte und mir die gleiche Unterhaltung hatte anhören müssen, während Earl die paar Zeitschriften durchblätterte, die er überhaupt las – Hochglanzmagazine, in denen Mädchen in Bikinis abgebildet waren, die auf Motorhauben posierten.

Shawn blickte mich verdutzt an. »Wovon redest du überhaupt?«

Ich weiß selbst nicht, warum ich mich aufregte. Es war ein dämliches Gespräch, genauso dämlich wie der Umstand, dass sich alle Jungs am Mittwochmorgen vor der Schule versammelten. Ich nannte das insgeheim den Zählappell. Es gab einige Dinge, die musste man einfach mitmachen, wenn man imTeam sein wollte. Man saß beim Mittagessen zusammen. Man ging auf die Partys von Savannah Snow, man lud eine von den Cheerleadern zum Winterball ein, hing am letzten Schultag am Lake Moultrie herum. Man konnte sich vor fast allem anderen drücken, wenn man nur zu diesem Appell erschien. Aber mir fiel es immer schwerer, dort zu erscheinen, und ich wusste nicht einmal, weshalb.

ENDE DER LESEPROBE