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Skinborn – Hautgeburt. Nur eine von vielen Bezeichnungen, die ich mir anhören muss. Die beschreiben, wer ich bin. Oder besser: was ich bin. Mein Name ist Lynn, ich bin sechzehn Jahre alt und Expertin im Nicht-dazugehören, Zwischen-den-Stühlen-sitzen und allgemeinem Außenseitertum. Dazu vielleicht noch ein wenig frühreif, aber es wäre nett, wenn ihr das gegenüber meinen Pflegeeltern nicht erwähnt, sonst gibt’s nur wieder Ärger. Wie arg es um mich wirklich bestellt ist, erfahre ich allerdings erst, nachdem ich eines Morgens mitten im Wald aufwache. Ohne einen Fetzen Stoff am Leib und mit ebensowenig Ahnung, wie ich da hingekommen bin. Doch die Suche nach meiner Herkunft geht weit darüber hinaus, den Weg aus dem Wald zu finden. Was ich dabei erfahre, stellt mein ohnehin nicht geradliniges Leben endgültig auf den Kopf – und zwar mit Anlauf und Doppelsalto. Beziehungsweise mit Fell und Fangzähnen. Und dass in dem ganzen Chaos mein heimlicher Schwarm kräftig mitmischt, macht die Sache zwar ausgesprochen reizvoll, aber nicht unbedingt einfacher. Begonnen hat die Geschichte allerdings schon vorher und ohne meine Beteiligung, mit einer scheinbar harmlosen, wenn auch nicht jugendfreien Begegnung am Straßenrand, auf dem Weg von L.A. nach Las Vegas …
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Skinborn
Heiße Küsse, scharfe Krallen
Joy Styx
Juli 2021
Feuertanz-VerlagVeronika Aretz, Vennstraße 30, 52134 Herzogenrath • Germany
ISBN der Druckausgabe: 978-3-944824-91-8
Inhalt
Skinborn
Teil 1: Doug
Teil 2: Lynn
Über mich und das Buch
Impressum
Teil 1: Doug
Road Trip
Es gibt gute Entscheidungen.
Es gibt Entscheidungen, von denen man später denkt: Na ja, war nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss.
Und es gibt Entscheidungen, die sind dermaßen bescheuert, dass man sich anschließend wünscht, man hätte sie auf der Stelle in die Tonne getreten, in die sie von Anfang an gehört hätten.
Ich gebe zu, ich habe eine Tendenz zu Entscheidungen der Kategorien zwei oder sogar drei. Ansonsten würde ich vermutlich irgendeinem Nine-to-five-Job nachgehen, hätte vielleicht eine Familie und ein nettes Häuschen irgendwo am Stadtrand.
Stattdessen hockte ich auf dem Sattel meiner Softail und tingelte mal wieder von L.A. nach Vegas. Die Interstate 15 mied ich, wann immer möglich. Die Gefahr, da von übermotivierten Cops angehalten zu werden, war zu groß. Auf den kleinen Highways und Nebenstraßen war dermaßen wenig Betrieb, dass es sich für die Gesetzeshüter nicht lohnte, dort auf der Lauer zu liegen. Höchstens ein vereinzelter Dorfsheriff langweilte sich mal hinter einem Busch oder vergilbten Werbeplakat am Straßenrand und hoffte darauf, dass er nach einem möglichst ereignislosen Tag bald den Feierabend in der heimischen Bar bei einem abgestandenen Bier und leiernder Countrymusik antreten konnte. Die Sorte war meistens mit einer kleinen Aufmerksamkeit davon zu überzeugen, dass es nur sinnloser Aufwand wäre, in meinen Satteltaschen herumzuwühlen. Und wenn nicht, dann ergänzte ich das Angebot um einen kurzen Blick auf meine abgesägte doppelläufige Freundin. Das reichte üblicherweise, um mich unbehelligt ziehen zu lassen. Alles andere bedeutete für sämtliche Beteiligten nur Ärger und unnötigen Papierkram und fiel mindestens in die Entscheidungskategorie Nummer zwei.
Der Entschluss, Chenny mitzunehmen, gehörte aber ohne jeden Zweifel zur letzten Sorte. Zu meiner Verteidigung kann ich vorbringen, dass er nicht meinem Hirn entstammte, sondern ein paar Etagen tiefer getroffen wurde. Doch was hätte ich tun sollen? Ich habe nun mal eine Schwäche für heiße Chicas.
Fußgänger mitten in der Einöde der Mojave-Wüste sind eine Seltenheit. Kein normaler Mensch spaziert hier herum. Erst recht nicht allein. Von daher hätte ich bereits argwöhnisch werden sollen, als ich sie von Ferne entdeckte.
Anfangs hielt ich sie für eine bekloppte Hippiegöre. Cowboyhut mit Adlerfedern dran, ärmellose Wildlederweste inklusive Fransen, eine Jeans, die schon bessere Zeiten gesehen hatte, und das Fehlen jeglichen Schuhwerks waren untrügliche Zeichen. Auch der verschlissene Army-Rucksack und die in die langen schwarzen Haare geflochtenen Perlen passten ins Bild.
Ich denke, es war ihr Hinterteil, das mich dazu veranlasste, vom Gas zu gehen, als ich näher kam. Was für ein Prachtstück, von der engen Jeans perfekt in Form gehalten und – die absolute Krönung – dank einiger kleiner Risse im Stoff stellenweise sogar unverhüllt zu bewundern. Ich meine … Welcher untenrum halbwegs gesunde Mann hätte da anders entscheiden können als ich?
Sie drehte sich erst zu mir um, als ich unmittelbar neben ihr auf Schrittgeschwindigkeit abgebremst hatte. Ihr Blick bannte mich von der ersten Sekunde an. Ihre großen, weit auseinanderstehenden Augen waren viel zu hell für ihren ansonsten dunklen Typ, irgendwie glänzend, ob eher in Gold oder Silber, kann ich bis heute nicht sicher sagen. In jedem Fall fühlte es sich so an, als ob sie direkt in mich hineinschaute, durch die verspiegelten Gläser meiner Sonnenbrille hindurch bis zur Rückseite meines Schädelknochens. Gleichzeitig lag in ihrem Blick ein Versprechen, das meine ohnehin schon aktivierte Libido endgültig in Wallung brachte. Sie war jung, vielleicht Anfang zwanzig, und hatte eindeutig Indianerblut in ihren Adern, und davon mehr als nur eine Prise. Trotzdem war sie recht hochgewachsen, höchstens ein paar Fingerbreit kleiner als ich.
Ohne langsamer zu werden oder gar anzuhalten, musterte sie mich von oben bis unten. Ließ ihren Blick schweifen über meine zum Pferdeschwanz gebundenen dunkelblonden Haare, den Dreitagebart, die Lederjacke mit dem Flammenmuster und dem ›1%‹-Aufnäher sowie die Bikerstiefel auf den Fußrasten der Softail. Sie sagte kein Wort, aber der Anflug eines Lächelns huschte über ihre schmalen Lippen.
»Hi«, begann ich geistreich das Gespräch. »Wohin des Wegs, Schönheit?«
Sie ließ sich Zeit mit der Antwort, während ich weiter im Schritttempo neben ihr her tuckerte. Schließlich streckte sie den Arm aus und deutete in Marschrichtung auf den Horizont. »Da lang.«
»Vegas?«
Ihre Erwiderung bestand aus einem Schulterzucken, dem ein zaghaftes »Vielleicht« folgte.
Mit dem Daumen deutete ich auf den Soziussitz hinter mir. »Soll ich dich ein Stück mitnehmen?«
Ich konnte sehen, wie sie über das Angebot nachdachte, während sie weiter marschierte.
»Ich beiße nicht«, versuchte ich wenig überzeugend, eventuelle Vorbehalte auszuräumen.
Das Schmunzeln in ihrem Gesicht hätte mir eine weitere Warnung sein sollen. Schließlich nickte sie. »Na gut.«
Ich hielt an und rückte ein Stück nach vorn, damit sie mehr Platz hatte. Sie quetschte den Hut in ein Seitenfach ihres Rucksacks, saß auf und platzierte ihre nackten Füße auf den Rasten.
»Alles klar?«, fragte ich, den Kopf halb nach hinten gedreht.
Sie brauchte keine Aufforderung, um ihre Arme um mich zu legen. »Kann losgehen.«
Zunächst vorsichtig beschleunigte ich, aber als kein Protest von hinten kam, gab ich mehr Gas, bis der V2 zufrieden vor sich hin bollerte und die Fuhre in Bewegung setzte.
»Hast du’n Namen?« Ich musste meine Stimme erheben, um gegen den Fahrtwind und den Motor anzukommen.
»Chenny.«
»Jenny?«
»Chenny. Mit ›ch‹.«
»Sehr erfreut. Ich bin Doug.«
Falls ich eine Antwort erwartet hatte, wurde ich enttäuscht. Aber zugegebenermaßen hatte ich sie nicht aufgegabelt, um tiefgründige Unterhaltungen zu führen.
Hatte ich Hintergedanken? Was für eine Frage! Natürlich hatte ich Hintergedanken. Das Ausweichen auf die Nebenstraßen machte die Tour zu einem Zwei-Tages-Trip, wenn man sich nicht den Allerwertesten wundsitzen wollte. Als ich sie mitgenommen hatte, war es schon Nachmittag. Mein Stammmotel erwartete mich. Die Aussicht darauf, die Nacht dort nicht allein verbringen zu müssen, war verführerisch. Ich malte mir gute Chancen bei ihr aus. Immerhin hielt ich mich auch für ganz ansehnlich. Mein einziger Schönheitsfehler, die Narbe am Kinn, hatte auf den Typ Frauen, den ich bevorzugte, oft sogar eine anziehende Wirkung. Und falls sie sich wider Erwarten zierte … Ich war kein Vergewaltiger oder so, aber mit ein bisschen Nachdruck würde ich sie schon in die Waagrechte kriegen.
Allein ihre schlanken Hände auf meinem Bauch sorgten bereits dafür, dass meine Hose während der Fahrt eng wurde. Und das, obwohl noch eine Schicht Leder den direkten Hautkontakt verhinderte. Passend zum restlichen make-up-losen Outfit waren ihre Fingernägel kurz und unlackiert. Aber auf Kriegsbemalung legte ich ohnehin nicht viel Wert. Und bei einer derartigen Naturschönheit wie meiner Mitfahrerin war das auch gar nicht notwendig.
Meine Gedanken richteten sich erwartungsvoll auf den abendlichen Zwischenstopp. Nicht dass es unterwegs außer Steinen, Geröll, gelegentlichen krüppeligen Sträuchern und einzelnen abgeschiedenen Häusern viel gegeben hätte, das man bewundern konnte. Das aufregendste Ereignis der Fahrt war die kurze Pinkelpause. Ich hatte extra ein Plätzchen gewählt, an dem ein Stück abseits der Straße etwas Grünzeug wuchs. Aber falls Chenny meine freundliche Geste bemerkte, ignorierte sie sie. Völlig ungeniert ließ sie keine drei Meter neben der Fahrbahn kommentarlos die Hose runter – wobei ich nicht umhinkam zu bemerken, dass sie auf Unterwäsche komplett verzichtete – und ging in die Hocke. Ich konnte nicht anders, als sie ungläubig anzustarren, was sie lediglich mit einem unschuldigen Lächeln quittierte.
Der Nachteil ihres offenherzigen Auftritts war, dass es mir nun schlecht zu Gesicht gestanden hätte, mir ein abgeschiedeneres Örtchen zu suchen. Ich wollte ja nicht prüde rüberkommen. Also öffnete ich meinen Hosenlatz und drehte mich nur halb von ihr weg. Der mittelgroße Ständer, den ihr Anblick mir verpasst hatte, war nicht geeignet, das Wasserlassen zu beschleunigen. Ebenso wenig das Gefühl, intensiv beobachtet zu werden. Aber irgendwann gelang es und ich schaffte es, ungefähr gleichzeitig mit ihr die Hose wieder zu schließen.
Da sie so gut wie kein Wort sagte, fühlte ich mich ebenfalls nicht genötigt, eine Unterhaltung zu beginnen. Tiefsinnige Gespräche waren, wie bereits erwähnt, ohnehin nicht meine höchste Priorität, was sie betraf. Nachdem wir beide einen ausgiebigen Schluck aus meiner Feldflasche genommen hatten, ging’s auch schon weiter.
Pünktlich vor Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Etappenziel. Eine Tankstelle mit angeschlossenem Laden für alles vom Kaugummi bis zum Ersatzreifen, ein kleiner Diner, ein Motel und ein halbes Dutzend verstreute Bretterbuden bildeten die wenig beeindruckende Kulisse.
Ganz oben auf der To-do-Liste stand Tanken, also steuerte ich zuerst die nächste Zapfsäule an. Ohne die leiseste Klage über den harten Soziussitz oder Ähnliches stieg Chenny ab und schaute sich um. Die Lässigkeit, die sie bis jetzt an den Tag gelegt hatte, verschwand mit jedem Schritt, den sie tat. Sie wirkte beunruhigt. Hob immer wieder den Kopf. Fast so, als würde sie schnuppern.
Als ich vom Bezahlen zurückkam, stand sie neben der Softail und wandte rastlos den Blick hin und her.
Ich sah sie an. »Alles okay?«
»Müssen wir heute Nacht hierbleiben?« Sie wirkte ernsthaft besorgt.
»Das nächste Motel ist mehr als dreißig Meilen weit weg. Außerdem muss man sich da das Bett mit Kakerlaken teilen.« Ich deutete zu dem flachen Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite. »Das hier ist recht sauber. Hab da schon öfter gepennt. Alles safe.«
Der Widerwille war ihr anzusehen.
»Wo ist das Problem?«, wollte ich wissen.
Sie zögerte. »Nur so ein Gefühl. Hier riecht’s komisch.«
Ich hielt die Nase in die Luft. »Ich riech nur Benzin.«
»Vielleicht täusche ich mich auch«, räumte sie ein. »Ist möglicherweise was Altes.«
Was auch immer sie meinte. Aber dass sie ein bisschen schräg drauf war, hatte ich ja bereits mitbekommen. Trotz ihres Eingeständnisses hielt sie die Umgebung weiterhin aufmerksam unter Beobachtung, während ich die Softail zwischen parkenden Trucks und Pick-ups zum Motel schob.
Bei dem alten Inder an der Rezeption kam der Augenblick der Entscheidung.
»Sollen wir uns ein Zimmer teilen?« Ich schaute sie so unschuldig an, wie ich konnte. »Spart ’ne Stange Geld.«
Sie nickte geistesabwesend. »Ja. Klar.«
Das war jetzt zu einfach. Da fehlte mir ja fast die Herausforderung. Aber nur fast.
Im Zimmer angekommen, ließ ich die Satteltaschen auf den Boden sinken. Chenny drapierte ihren Army-Rucksack daneben.
»Noch’n Happen essen?«, schlug ich vor. »Der Diner ist besser, als er aussieht.«
»Haben die’n ordentliches Steak?«
Ich nickte. »Hatte noch nie einen Grund zur Beschwerde.«
Damit war es entschieden.
Viel Betrieb war nicht. Der Laden stammte aus der Zeit vor der Interstate, als erheblich mehr Leute hier eine Rast eingelegt hatten. Auch die Einrichtung hatte sich seit den 60ern nicht wesentlich verändert. Die Bedienung ebenfalls nicht, außer in der Anzahl ihrer Falten. War bestimmt mal ein heißer Feger gewesen, aber da ich bereits in Begleitung war, musste ich gar nicht erst darüber nachdenken, ob ich ihr trotz des Altersunterschieds eine Chance geben sollte oder nicht. Ich hielt mich an Chenny.
Den kritischen Blick der Kellnerin auf die bloßen Füße meiner Begleiterin konterte ich mit einer Fünfdollarnote als vorgezogenem Trinkgeld. Damit war die Sache erledigt und wir bekamen einen gemütlichen Tisch.
»Von welchem Stamm bist du?«, versuchte ich mich dann doch anstandshalber ein wenig in Konversation, während wir auf das Essen warteten und ich an meinem Bier nippte.
Chenny setzte ihr Wasserglas ab. »Kennst du nicht.«
»Versuch’s!«
Mit dem Handrücken wischte sie sich den Mund ab und fixierte mich mit ihren glänzenden Augen. »Ma’ii Tsoh.«
Ich überlegte einen Moment. »Nie gehört.«
»Sag ich doch. Aber jetzt kennst du eine davon.«
»Und woher kommst du?«
»Kalifornien.«
Mit einem ›Ach nee …‹-Gesicht schaute ich sie an.
»Sierra Nevada. Nicht weit vom Yosemite Valley.«
»Gibt’s da noch viele India… Natives?«
Sie nahm einen weiteren Schluck. »Nicht sonderlich.« Mehr kam nicht.
Irgendwie entwickelte sich die Unterhaltung recht einseitig. Mein Versuch, selbst die Klappe zu halten, veranlasste sie nicht dazu, mehr zum Gespräch beizutragen. Sie schien keinerlei Probleme damit zu haben, das Schweigen zu ertragen. Auch gut.
Das Essen erlöste uns davon, untätig nebeneinanderzusitzen. Ich ließ mir meinen Burger schmecken und beobachtete fasziniert, wie sie sich höchst effizient ihr bluttriefendes Steak einverleibte. Beinahe wirkte es so, als hätte sie am liebsten auf Messer und Gabel verzichtet und ihre Zähne direkt in das nahezu rohe Fleisch versenkt. Sie war definitiv etwas Besonderes. Wie besonders, ahnte ich allerdings noch nicht, selbst wenn die Anzeichen sich mehrten. Aber ich war viel zu beschäftigt, auf ihren Ausschnitt zu starren, statt eins und eins zusammenzuzählen und schnellstens das Weite zu suchen. Nun ja, im Nachhinein ist es immer einfacher, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nur eben zu spät dafür.
In jedem Fall hatte der Verzehr ihres Mahls, so seltsam er auch vonstattenging, sie endgültig wieder entspannt. Doch während sie die letzten Salatblätter in ihren Mund schaufelte, hielt sie plötzlich inne. Die gehetzte Miene, die sie bereits beim Tanken gezeigt hatte, kehrte abrupt zurück. Hektisch schaute sie sich um.
»Was ist?« Fragend musterte ich sie.
Ihre Augen blieben gebannt an der Eingangstür hängen. Ich wollte meine Frage gerade wiederholen, als jemand hereinkam. Chenny erstarrte.
Ich nahm den Neuankömmling, der ihr einen derartigen Schrecken einzujagen schien, genauer in Augenschein. Im Laufe meiner Karriere habe ich ein gewisses Gespür für Menschen entwickelt. Anders überlebt man in meinem Gewerbe nicht lang. Man muss die üblen Burschen von den ganz Üblen unterscheiden können, um nicht unter die Räder zu kommen. Und der Kerl, der da gerade den Diner betrat und den Blick schweifen ließ, gehörte eindeutig in die Kategorie ›Sieh zu, dass du so schnell und reibungslos wie irgend möglich deine Geschäfte erledigst und anschließend Land gewinnst‹.
Seine Kleidung war nicht sonderlich beeindruckend. Wanderstiefel, Flecktarnhose und ein Holzfällerhemd, alles in mäßigem Erhaltungszustand. Das in Piratenmanier um seinen Kopf gebundene Tuch war schon eine andere Kategorie und zeigte eine großformatige Südstaatenflagge. Entscheidend war aber sein Gesicht. Der ungepflegte Backenbart war von mehreren langen, parallel verlaufenden Narben durchkreuzt, die meine eigene kleine Verunstaltung wie einen unbedeutenden Pickel erscheinen ließ. Eine davon lief direkt über sein rechtes Auge beziehungsweise dessen trübes Relikt. Mit seinem verbliebenen Auge scannte er den gesamten Raum wie der verfluchte Terminator in Person. Er hatte zwar nicht ganz Schwarzeneggers Statur, aber dafür war er noch ein Stück größer, bestimmt an die zwei Meter.
Als sein Blick mich traf, zuckte mein Fluchtinstinkt und ich musste all meine Willenskraft zusammennehmen, um nicht verschämt auf den Boden zu schauen. Die Inspektion war jedoch nur von kurzer Dauer, dann hatte er sein endgültiges Ziel ins Visier genommen: meine geheimnisvolle Begleiterin.
Die Sekunden zogen sich unangenehm in die Länge, während die beiden sich gegenseitig anstarrten. Es wirkte wie ein Duell.
Erleichterung durchflutete mich, als er von ihr abließ und nicht unseren Tisch, sondern den Tresen ansteuerte und dort ein Bier bestellte.
»Kennst du den Kerl?«, flüsterte ich.
Sie schüttelte stumm den Kopf. »Lass uns trotzdem gehen!«
Widerspruchslos trank ich mein Bier aus und bezahlte.
Draußen angekommen, sog ich die kühle Nachtluft ein, als müsste ich nach der unheimlichen Begegnung das Atmen nachholen.
Mir entging nicht, wie Chenny sich auf dem kurzen Weg zum Motel wieder unruhig umschaute, als könnte jeden Moment hinter einem der geparkten Trucks oder Autos der Einäugige mit einer Kettensäge in der Hand hervorspringen.
Erst als ich die Tür zu unserem Zimmer von innen abgeschlossen hatte, senkte mein Puls sich langsam wieder auf Normalniveau. Chenny benötigte noch etwas länger, um die Nervosität abzuschütteln.
»Jetzt erzähl aber!« Ich bemühte mich, drängend, aber dennoch freundlich zu klingen. »Du weißt doch, was das für ein Kerl ist, oder? Was geht hier vor?«
»Unwichtig.« Sie rang sich ein wenig überzeugendes Lächeln ab. »Alte Geschichten.«
»Ich mag Geschichten«, wandte ich ein. »Lass hören!«
Sie nahm einen tiefen Atemzug, dann entspannte sie sichtlich. »Mir wär nach was anderem zumute.« Ihre Augen fixierten mich, so wie eine Katze die Maus ansieht.
Einen Moment fragte ich mich, was nun passieren würde, doch die Antwort ließ weder lang auf sich warten, noch war sie unerfreulich.
Mit wiegenden Schritten kam sie auf mich zu. Ohne viel Federlesens öffnete sie die Fransenweste und bestätigte meinen Verdacht, dass sie auch von BHs nicht viel hielt.
Ich schätze, ich habe in dem Moment ein ziemlich dämliches Gesicht gemacht. Erstens, weil der Übergang von dem kurzen Schrecken im Diner zu eindeutigen sexuellen Angeboten ein wenig plötzlich kam. Und andererseits, weil all meine Überlegungen, wie ich sie in die Kiste locken könnte, spontan hinfällig waren. Doch schnell wich die Bestürzung darüber, dass ich ganz offensichtlich eine offene Tür einzurennen versucht hatte, der Freude über die sich bietende Gelegenheit.
Und ja, auch der abrupte Umschwung von der Begegnung mit dem Südstaaten-Terminator zu ihren unverblümten Avancen hätte bei mir sämtliche Alarmsirenen aufheulen lassen sollen. Aber wenn das Blut weiter unten benötigt wird, leide ich nun mal unter akutem Kurzzeitgedächtnis. ›Lebe im Jetzt!‹, könnte man mein Lebensmotto zusammenfassen. Was interessierte mich die unschöne Vergangenheit, selbst wenn sie erst wenige Minuten zurücklag? Von der unmittelbaren Zukunft ganz zu schweigen. Ich gab mich dem hin, was sich in diesem Augenblick anbot. Und das war äußerst appetitlich. Und – noch wichtiger – weniger als eine Armeslänge von mir entfernt.
Innerhalb von Sekunden landete meine Lederjacke irgendwo auf dem Boden und erhielt sofort Gesellschaft von meinem Shirt. Was meine Gespielin zu sehen bekam, gefiel ihr offensichtlich. Ihre Finger glitten über meine nackte Brust und den Sixpack darunter. Verharrten kurz auf den Narben, die ich mir im Laufe einer ereignisreichen Gangsterkarriere erworben hatte. Zogen die verschlungenen Muster der Tribal-Tattoos auf Hals, Brust und Bauch nach, um dann noch eine Etage tiefer zu gehen, meinen Gürtel mit der schweren Schnalle zu öffnen und schließlich unter den Bund meiner Jeans zu gleiten. Halleluja! Die Squaw ließ nichts anbrennen!
Ich ließ mich nicht lang bitten und revanchierte mich, indem ich meine Hände mit ihren Brüsten bekanntmachte. Ihre Oberweite war überschaubar, aber wohlgeformt. In freudiger Erwartung reckten die dunklen spitzen Nippel sich mir entgegen. Ich setzte an, meine Lippen den ihren zu nähern, doch sie verfolgte andere Pläne. Im Nu hatte sie sich ihrer Hose entledigt und stand nun, abgesehen von dem gefiederten Cowboyhut, vollkommen nackt vor mir. Ihr natürlicher Look setzte sich unterhalb der Hüfte konsequent fort. Ihre Pussy hatte wohl in ihrem ganzen Leben noch keinen Trimmer oder gar eine Rasierklinge gesehen. Heutzutage ein seltener Anblick und eigentlich nicht mein Ding, aber bei ihr passte der Busch ins Gesamtbild. Sogar der dezente Ausläufer in Richtung Bauchnabel sah irgendwie sexy aus, fast schon animalisch.
Animalisch war auch das Stichwort für ihr Verhalten. Mit einem nur bedingt zärtlichen Stups verfrachtete sie mich rücklings aufs Bett, packte meine Hosenbeine und zog sie mir vom Leib. Die Boxershorts erlitten nur Sekunden später dasselbe Schicksal. Ehe ich mich versah, hockte sie auf mir und bearbeitete mein bestes Stück mit den Händen. Der Blick, mit dem sie mich von oben bis unten taxierte, passte nicht so recht zu ihrem Verhalten. Die unbändige Lust, die ihre Finger mir präsentierten, schien ihre Augen noch nicht vollständig erreicht zu haben. Aber das Versprechen, das sie mir manuell gab, reichte mir als Bestätigung dafür aus, was sie wollte.
Ich stemmte die Arme in die Matratze und wuchtete mich hoch. Sie leistete keinen Widerstand, als ich sie packte und ihre Handgelenke auf das Bett pinnte. Der Hut flog in hohem Bogen davon und ihre pechschwarzen Haare verteilten sich wie eine Krone rund um ihren Kopf, mit den in die dünnen Zöpfe eingeflochtenen Perlen als Juwelen. Ihr Lächeln vertrieb meine Zweifel an ihren Absichten endgültig. Ihre Miene und ihre Körpersprache waren eine einzige Aufforderung, der ich nur zu gern nachkam. Mein Schwanz rieb sich an ihrer haarigen Spalte. Stöhnend reckte sie mir ihr Becken entgegen, flehte geradezu danach, dass ich in sie eindrang. Also kürzte ich das Vorspiel ab und tat ihr den Gefallen.
So richtig feucht war sie ungeachtet ihres sonstigen Gebarens noch nicht. Aber mit viel gutem Willen beider Seiten und ein wenig Spucke flutschte es nach ein paar Versuchen dann endlich und schon bald füllte ich sie bis zum Anschlag. Sie keuchte und wand sich mit geschlossenen Augen unter mir. Geriet von Stoß zu Stoß mehr in Ekstase. Klatschend prallten meine Lenden gegen ihre weit offenen Schenkel. Sie breitete ihre Arme aus, krallte die Finger tief in die Matratze. Hob ihren Unterleib und zuckte rhythmisch zu mir empor. Allzu schnell bahnte sich die Entladung dessen an, was sich seit meinem ersten Blick auf ihren Hintern in meinem Unterstübchen aufgestaut hatte. Und sie tat nichts, um das Unvermeidliche auch nur eine Sekunde hinauszuzögern. Ganz im Gegenteil beantwortete sie meine Versuche, ein wenig Tempo rauszunehmen, damit, sich noch weiter zu strecken. Und als ich mich so weit zurückzuziehen drohte, dass selbst ihr gelenkiges Becken mir nicht mehr folgen konnte, landeten ihre Finger blitzartig in meinem Rücken und zogen mich zu ihr heran. Ich keuchte, als ihre Nägel sich in mein Fleisch bohrten, und gab nach.
Na gut, wenn sie es offensichtlich so wollte, dann sollte sie halt einen Quickie bekommen.
Ich ließ endgültig alle Hemmungen fallen und schaltete das Hirn vollständig auf Standby. Überließ die Kontrolle über meinen Körper irgendwelchen Urinstinkten, deren Ziel es war, meine Gene so weit in der Welt zu verstreuen wie möglich. Immer härter und schneller stieß ich in sie hinein. Rauschhaft zuckend trieb ihr Leib mich weiter an, bis ich, tief in ihr versunken, innehielt und mich, vor purer Erregung bebend, in sie ergoss. In mehreren Schüben und laut stöhnend, füllte ich ihre Pussy mit Sperma. Ihre zuvor genussvoll geschlossenen Augen öffneten sich und leuchteten mich voller Lust und Wonne an. So lang ich die Spannung irgendwie halten konnte, verharrte ich, vollkommen mit ihr verschmolzen. Dann ließ ich die angehaltene Luft geräuschvoll aus meinen Lungen entweichen und sackte über ihr zusammen. Legte meinen Oberkörper auf ihren Bauch und meinen Kopf zwischen ihre Brüste. Hörte ihren keuchenden Atem. Fühlte, wie ihr Leib sich rhythmisch hob und wieder senkte.
In diesem Augenblick war ich eins mit ihr. Eins mit der ganzen Welt, deren Schrecken und Kummer nicht weiter hätten entfernt sein können. Mein gesamtes Dasein reduzierte sich auf ihre weiche, schweißnasse Haut unter mir, den steifen Nippel, der mein Sichtfeld ausfüllte, die Luft, die aus ihrer Nase über mein Ohr strich, und meinen langsam erschlaffenden Schwanz.
Aber es war nur ein Augenblick.
Er endete, als draußen ein Geräusch erklang. Sie hörte es einen Wimpernschlag vor mir und ich fühlte, wie ihre postkoitale Entspannung plötzlicher Alarmbereitschaft Platz machte. Zuerst vermochte ich den seltsamen Klang nicht einzuordnen, dann glaubte ich, ein Heulen zu erkennen.
Ehe ich mich erheben konnte, stieß sie mich mit einer Kraft, die einer Person wie ihr eigentlich nicht zustand, von sich und sprang aus dem Bett. Völlig verdattert sah ich zu, wie sie eilig die Tür aufsperrte und splitternackt hinausrannte.
Ich wollte ihr etwas hinterherrufen, aber sie war schon weg, bevor ich auch nur genügend Luft, geschweige denn Verstand für eine artikulierte Äußerung gesammelt hatte.
Unbekleidet und reichlich vor den Kopf geschlagen blieb ich eine unbestimmte Zeitspanne lang zwischen den zerwühlten Bettdecken hocken und glotzte auf die weit offenstehende Tür, bis endlich genügend Blut in mein Hirn zurückgekehrt war, um zumindest grundlegende Funktionen auszuführen. Ungelenk zog ich meine Hose an, nestelte meine Abgesägte aus den Satteltaschen, füllte die beiden Rohre mit Patronen und trat in die Nacht hinaus.
Zu sehen war nichts, aber neben einem laufenden Motor in der Ferne sowie Musik und Gesprächen aus dem Diner hörte ich undefinierbare Geräusche von den geparkten Autos her. Mit der Waffe in den Händen marschierte ich, barfuß, wie ich war, über den rissigen Asphalt. Da! Ein gequältes Jaulen. Das kam von den beiden Trucks, die nebeneinander am äußersten Rand des Parkplatzes standen. Es klang zwar eher wie ein Tier als ein Mensch, aber momentan war es der einzige Anhaltspunkt, den ich hatte. Im Laufschritt eilte ich zu den Lastwagen und bremste erst kurz davor ab. So leise, wie ich vermochte, schlich ich in die schmale Gasse zwischen den Sattelaufliegern. Tatsächlich bewegte sich dort etwas. Die Waffe im Anschlag, näherte ich mich vorsichtig. Das ohnehin fahle Licht vom Mond und der funzeligen Straßenbeleuchtung offenbarte Fell. Es waren wirklich zwei Tiere, die sich balgten. Anscheinend Hunde, wenn auch recht große. Um nicht zu sagen, riesige. Doggen-Bernhardiner-Mischlinge oder so was in der Richtung. Ich wollte gerade von ihnen ablassen, als plötzlich Ruhe einkehrte. Eines der beiden Viecher hob den Kopf und starrte mich an, eines seiner Augen golden leuchtend, das andere milchig trüb. Leises Knurren entsprang dem Schlund zwischen den gefletschten Zähnen, ging langsam über in ein drohendes Grollen. Dann löste die Kreatur sich von der anderen, die unter ihr lag, und machte einen Satz auf mich zu.
Nur meinen seit der recht gewalttätigen Kindheit geschulten Reflexen verdankte ich, dass ich rechtzeitig die Flinte hob und abdrückte. Die grobe Schrotladung traf das Viech mitten im Flug, aber sein Schwung reichte aus, um trotzdem auf mir zu landen. Der massige Leib warf mich rücklings zu Boden. Lange Krallen kratzten auf dem Asphalt unmittelbar neben meinem Kopf. Fauliger Atem drang auf mich ein. Zwei riesige Kiefer öffneten sich kaum mehr als eine Handbreit von meiner Nasenspitze entfernt … und zuckten zurück, als ich die zweite Schrotladung in den Bauch des Untiers entließ. Panisch kroch ich rückwärts, versuchte, so viel Distanz wie möglich zwischen mich und die Bestie zu bringen. Ich schalt mich, nicht mehr Munition mitgenommen zu haben. Aber wer zur Hölle hätte mit so etwas gerechnet? Mal ganz abgesehen davon, dass die beiden Treffer ausreichen sollten, um einen tollwütigen Stier zu erlegen. Doch das Vieh kam schon wieder auf die Beine, humpelnd, aber es stand. Und der Blick, den es mir aus seinem einzelnen Auge zuwarf, war alles andere als freundlich.
Mit gemächlichen Schritten folgte es mir, während ich weiter nach hinten kroch, ohne mich abzuwenden, die Flinte schlagbereit in der Rechten. Sobald etwas mehr Licht zu uns drang, erkannte ich endgültig, dass ich es mit einem Wolf zu tun hatte. Einen derart großen seiner Art hatte ich allerdings noch nie zu Gesicht bekommen. Blut tropfte von seinem graubraunen Pelz. Zumindest hatte ich ihn verwundet. Aber ein Sparring wollte ich dennoch lieber vermeiden.
Plötzlich schoss hinter dem Ungeheuer eine weitere Gestalt heran, ebenfalls von Fell bedeckt, diesmal in schwarz. Das zweite der Biester, die bei meiner Ankunft miteinander gerungen hatten. Es war offenbar bereit, den Kampf wieder aufzunehmen, sprang auf den Rücken meines Widersachers und senkte seine Fangzähne in dessen Genick. Innerhalb einer Sekunde verknäulten die beiden Wölfe sich zu einem unübersichtlichen Gewühl aus Fell, Zähnen und Klauen. Dann löste sich der Graubraune, hechtete an mir vorbei und rannte, so schnell seine Verletzungen es zuließen, in die Dunkelheit. Der Schwarze rappelte sich ebenfalls auf, blieb einen Moment vor mir stehen und sah mich aus glänzenden Augen an, ehe auch er sich davonmachte.
Atem- und fassungslos schaute ich ihm hinterher und fragte mich, ob meine Fantasie mir einen Streich spielte. Ich glaubte doch tatsächlich, eine eingeflochtene Perle in seiner Mähne zu erspähen.
Dann waren sie beide verschwunden und Stille legte sich über den Parkplatz.
Mehrere keuchende Atemzüge lang blieb ich auf dem Asphalt sitzen, bevor ich mich auf wackeligen Beinen erhob und mit weichen Knien die weit offenstehende Tür zu meinem Motelzimmer ansteuerte.
Meine Finger bebten so stark, dass es mir kaum gelang, den Schlüssel im Schloss zu drehen. Sobald abgesperrt war, sackte ich auf den Boden und schluckte mehrmals.
War das gerade wirklich passiert? Oder hatte ich das alles nur geträumt? Mein Blick fiel auf den Army-Rucksack, der rechts von mir an der Wand lehnte. Wanderte weiter zu der Wildlederweste und der löchrigen Jeans neben dem Bett. Zumindest die Begegnung mit Chenny war wohl real gewesen, aber das da draußen auf dem Parkplatz … So etwas durfte es eigentlich nicht geben. Insbesondere nicht, wenn meine Schlussfolgerung bezüglich Perlen und milchiger Augen korrekt war.
Ich weiß nicht mehr, wie lang ich da hockte, den Rücken an die Tür gelehnt, und den Kopf voller Irrsinn. In jedem Fall stockte mir der Atem, als ich leise, patschende Schritte hörte und kurz darauf ein Rappeln, als jemand versuchte, die Tür zu öffnen.
Mit bebenden Händen griff ich nach den Satteltaschen und wühlte hektisch darin herum, um die Patronenschachtel zu finden.
»Mach auf!«, erklang Chennys Stimme dumpf von draußen. »Er ist weg.«
Die Patronen fielen mir mehrmals aus der Hand, ehe es schließlich gelang, sie in die Läufe zu stecken und den Knicklauf einrasten zu lassen. Ich musste mich an der Wand abstützen, um aufzustehen.
»Mach endlich auf, bevor mich noch jemand sieht!«
In der Rechten die Flinte im Anschlag, tastete ich mit der Linken nach dem Schlüssel und drehte ihn herum. Sobald das Schloss entriegelt war, sprang ich zwei Schritte zurück und stützte den Lauf der Waffe mit der zweiten Hand.
Eilig huschte Chenny herein und drückte die Tür hastig hinter sich zu. Sie war ebenso unbekleidet wie bei ihrem Aufbruch. Allerdings zierten zahlreiche Kratzer und kleine Wunden ihre zuvor makellose Haut. Sie warf mir einen undefinierbaren Blick zu – irgendwo zwischen mitleidig und vorwurfsvoll – und deutete auf die abgesägte Doppelläufige. »Die kannst du runternehmen. Ich tu dir nichts.«
»Sicher?« Vermutlich eine der dümmsten Fragen der Menschheitsgeschichte, aber angesichts dessen, was ich kurz zuvor gesehen hatte, plädiere ich für mildernde Umstände.
Sie kam einen Schritt auf mich zu, streckte die Hand aus und drückte die Waffe nach unten. »Sicher.« Ihre Augen wanderten meinen Körper entlang. »Du bist unverletzt?«
Zum ersten Mal prüfte ich selbst meine Unversehrtheit. Außer ein paar Abschürfungen entdeckte ich nichts, also nickte ich.
»Gut.« Sie marschierte an mir vorbei ins Badezimmer. »Ich geh duschen.«
Immer noch entgeistert beobachtete ich, wie ihr nackter Hintern durch die Tür verschwand.
Die Schrotflinte in der Hand, stand ich im Raum und fragte mich erneut, in welchem Film ich gelandet war. Den bisherigen Ereignissen zufolge irgendwas zwischen Roadmovie, Porno und Horror.
Während nebenan das Wasser zu rauschen begann, erwägte ich, schleunigst meine Sachen zu packen, auf die Softail zu verfrachten und zu verschwinden. Ab nach Vegas und so tun, als wäre die kleine Episode hier nie geschehen. Warum ich trotzdem blieb, kann ich nicht sagen. Neugier? Eher nicht. Ich tendiere dazu, lieber dem Ärger aus dem Weg zu gehen, als Erkenntnis zu suchen. Die Erinnerung daran, wie ich sie gefickt hatte? Wobei die Rückschau durch das, was ich anschließend gesehen hatte, doch arg beeinträchtigt wurde. Ich glaube, simple Furcht war der ausschlaggebende Faktor. Furcht davor, dass sie meine Flucht bemerken würde, mich verfolgte, sobald ich das Zimmer verließ, mich von hinten anfiel und zerfleischte. Furcht davor, dass mich jenseits der Tür noch Schlimmeres erwarten könnte. Wobei ich keine Idee hatte, was das sein sollte. Vielleicht ein ungeduschtes Monster?
Was auch immer mich bewog, nicht zu verschwinden, ich setzte mich aufs Bett, die Flinte auf dem Schoß, lauschte dem strömenden Wasser und versuchte vergeblich, meine Gedanken zu sortieren.
Als nach wenigen Minuten Ruhe einkehrte und sie kurz darauf – immer noch nackt – ins Zimmer zurückkehrte, war ein Großteil der Kampfspuren verschwunden. Sie ließ sich neben mir nieder und rubbelte ungerührt ihre Haare trocken. »Schätze, du hast ein paar Fragen.«
Oh ja, die hatte ich allerdings. Blieb nur die Frage, in welcher Reihenfolge ich sie stellen sollte. Ich fing mit dem weniger Offensichtlichen an. »Wer war der Kerl? Auch ein … Wie hast du es genannt? Ma’ii Tsoh?«
»Nein.« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Er gehört zu unseren ärgsten Feinden. Er ist ein Wrukolakas.«
»Ein was?«
»Der europäische Zweig unserer Art. Sie kamen mit den Einwanderern. Seit die ersten von ihnen amerikanischen Boden betreten haben, führen wir Krieg.«
»Aber … Wenn du sagst: von eurer Art … Prinzipiell seid ihr dasselbe, oder?«
Sie nickte zaghaft. »Mehr oder weniger. Ja.«
Ich kämpfte damit, das Wort auszusprechen, das seit den Geschehnissen auf dem Parkplatz durch mein Hirn tobten. »Werwölfe?«
Meine Hoffnung, sie würde laut auflachen und mich für verrückt erklären, wurde abrupt zerstört, als sie wieder nickte. »So wurden eigentlich nur die Wrukolakas genannt. Aber ja. Darauf läuft es hinaus.«
Angesichts ihrer vollkommen ruhigen Erläuterung erwartete ich fast, dass ihr jeden Augenblick Fangzähne und Krallen wuchsen, sie über mich herfiel und mich ausweidete. Doch stattdessen trocknete sie weiter ihre Haare und legte das Handtuch neben sich auf die Matratze, als sie fertig war.
»Und wenn du mich beißt?«, setzte ich die Fragestunde fort, »werde ich dann auch …«
Sie winkte energisch ab. »Dazu wird man geboren. Wenn ich dich beiße, dann wirst du ein blutender Mensch. Sonst nichts.«
»Okay …« Das war schon mal beruhigend.
»Danke übrigens, dass du mir zu Hilfe gekommen bist.« Ihr Lächeln sah ehrlich aus.
»Gern geschehen«, erwiderte ich automatisch. »Wollte er dich umbringen?«
»Nein. Er wollte mich begatten.«
Angesichts dieser Eröffnung klappte mein Unterkiefer herunter. »Er wollte was?«
»Mich schwängern. In der Hoffnung, dass sein Samen stärker ist als deiner und sich durchsetzt. Aber das hast du mit deinem Eingreifen verhindert.«
Die Implikation dessen, was sie mir berichtete, sickerte nur tröpfchenweise in mein Bewusstsein. »Schwängern? Du … Ich … Haben wir …? Verhütung und so? Pille?«
Sie schüttelte den Kopf. »Keine Pille. So was mache ich nicht.«
»Verfluchte Scheiße!« Ich sprang auf und starrte auf sie herab. »Du … Wir … Du riskierst, dass ich dir ein Kind …?«
»Darum ging es doch.«
Ich gestikulierte linkisch im Raum herum und suchte ebenso verzweifelt wie vergeblich nach Worten, um das auszudrücken, was in mir tobte. Schließlich gab ich auf und ließ mich wieder neben ihr nieder. »Verfluchte Scheiße!« Ja, ich denke, das drückte es ganz gut aus. »Und?«, brachte ich mühsam hervor, während meine Augen unwillkürlich auf ihren Bauch fielen. »Hat es …?«
»Ich kann’s noch nicht mit Sicherheit sagen. Aber es fühlt sich vielversprechend an.«
Ich konnte spüren, wie mir das Blut aus dem Gesicht wich. Die Schrotflinte, die ich während der Unterhaltung weiter in der Hand gehalten hatte, entglitt mir und polterte auf den Boden. »Scheiße …«
Sie ließ sich von meinem Selbstmitleid nicht beeindrucken und streckte den Finger aus. »Bringst du das nach Vegas?«
Der plötzliche Themenwechsel beanspruchte meinen desolaten Verstand aufs Äußerste. Nur langsam begriff ich, dass ihre Frage dem dick eingewickelten Päckchen galt, das neben den Satteltaschen lag. Das war wohl bei meiner Suche nach der Munition herausgepurzelt, ohne dass ich es in der Hektik bemerkt hatte.
»Ja.« Wie ferngesteuert stand ich auf und verstaute meine Fracht wieder ganz unten in der Tasche.
Falls sie irgendwelche Vorbehalte gegen Drogenschmuggler hatte, ließ sie es sich nicht anmerken. Aber nach dem, was ich mittlerweile über sie wusste, war das wohl ein Kavaliersdelikt im Gegensatz zu dem, was sie so trieb. Oder zumindest dem, was meine Fantasie sich diesbezüglich ausmalte.
»Fährst du danach zurück nach Kalifornien?«, fragte sie weiter.
Ich nickte stumm.
»Nimmst du mich mit?«
Vermutlich hätte ich sagen sollen: ›Bist du irre? Du bist ein verfluchter Werwolf! Dich nehme ich nirgendwohin mit.‹ Doch stattdessen wiederholte ich das Nicken.
Sie schien zufrieden. »Lass uns schlafen!«, schlug sie vor und legte sich hin, ohne die Decke über ihren nackten Körper zu ziehen. »War ein anstrengender Tag. Alles Weitere klären wir morgen.«
Erwartete sie jetzt tatsächlich, dass ich mich neben ihr niederließ? Die Augen schloss und Seite an Seite mit einem Werwolf einschlief? Morgen früh aufwachte und eine krallenbesetzte Pranke um meine Schulter geschlungen vorfand?
»Leg dich hin!«, forderte sie mich auf. »Als wir uns getroffen haben, hast du versprochen, dass du mich nicht beißt. Ich vertraue dir, dass du dich daran hältst.«
War das Werwolfshumor? Dem anzüglichen Grinsen auf ihren Lippen zufolge ja.
Ich zog in Erwägung, auf dem Boden zu nächtigen, doch ich wollte nichts tun, was meine Zimmergenossin verärgern könnte. Also rollte ich mich auf der äußersten Kante meiner Seite der Matratze zusammen und starrte mit offenen Augen die Wand an.
Ja, Chenny mitzunehmen, um die Nacht angenehmer zu gestalten, war ohne jeden Zweifel eine Entscheidung der Kategorie drei gewesen.
Geschäfte
Als ich aufwachte, zuckte ich auf der Stelle zusammen und tastete meinen Körper ab, ob sich irgendwo Klauen an ihn kuschelten oder Teile herausgebissen waren. Erleichtert stellte ich fest, dass beides nicht der Fall zu sein schien.
Vorsichtig drehte ich mich um und inspizierte im hellen Tageslicht, das durch das Fenster fiel, den Rest des Bettes. Er war leer. Für einen flüchtigen Moment keimte die Hoffnung in mir auf, das alles wäre lediglich ein böser Traum gewesen. Doch ein Blick auf den Army-Rucksack neben der Tür des Motelzimmers zerrte mich gnadenlos zurück in die Realität. Wobei ich immer noch nicht so recht wahrhaben wollte, dass in dem, was ich bislang als Realität kennengelernt hatte, Platz für die schrägen Erlebnisse von gestern war.
Zu meinem eigenen Erstaunen fühlte ich mich einigermaßen ausgeschlafen. Hatte ich tatsächlich neben diesem … also neben Chenny tief und fest gepennt? Ich setzte mich auf und kratzte mich ausgiebig, insbesondere an den minimalen Abschürfungen, die ich bei dem gestrigen Kampf davongetragen hatte. Dies wäre wohl mal wieder ein geeigneter Zeitpunkt für einen spontanen Abschied gewesen. Doch nachdem ich die Nacht ohne weitere Blessuren überlebt hatte, erschien mir blinde Panik noch weniger angebracht als gestern Abend. Tatsächlich überwog die Neugier den Fluchtreflex. Ein ungewohntes Gefühl. Aber ja, ich wollte mehr erfahren über die Welt, deren Eingangstor sich für mich einen Spalt weit geöffnet hatte. Spalt … interessantes Wortspiel an der Stelle, fällt mir gerade auf. Und natürlich darüber, ob mein Stelldichein mit einem gestaltwandelnden Monster dauerhafte Folgen nach sich ziehen würde – sowohl für mich selbst als auch für das, was aktuell in ihrem Unterleib geschah. Also beschränkte ich mich darauf, das Bad aufzusuchen.
Schon von der Kloschüssel aus hörte ich den Schlüssel in der Tür. Nach einer anschließenden kurzen Dusche fand ich Chenny im Schneidersitz auf dem Bett vor, wieder in ihre löchrige Jeans und die Weste gehüllt. Hatte sie nicht gestern tiefe Kratzer auf dem Oberarm gehabt? Heute befanden sich an der Stelle nur noch ein paar blasse Narben.
Sie hob den Blick, als ich den Raum betrat, verharrte dabei kurz auf meiner unbekleideten Brust, ehe ich mein Shirt vom Boden angelte und es überstreifte. Auch ich beäugte sie immer wieder kurz aus dem Augenwinkel. Unglaublich, dass ein dermaßen hübsches Geschöpf sich in eine derartige Bestie … Na gut … Dass sich überhaupt ein menschliches Wesen in ein Tier verwandelte, war schon abartig genug. Aber ausgerechnet sie? Die Schöne und das Biest – vereint in einer einzigen Person.
»Hab mich umgesehen«, beendete sie das gegenseitige Schweigen. »Keine Spur von ihm. Er ist weg.«
Meine Erwiderung beschränkte sich auf ein gemurmeltes »Das ist gut.«
Tausend Fragen brannten mir auf der Seele, doch anstatt sie damit zu bombardieren, kramte ich stumm meine Sachen zusammen, zog Stiefel und Jacke an und warf die Satteltaschen über die Schulter.
»Bleibt’s dabei?«, wollte ich schließlich wissen. »Vegas?«
Statt einer Antwort erhob sie sich einfach, schnallte sich den Rucksack um und folgte mir nach draußen.
Als ich die Rezeption nach dem Bezahlen verließ, hatte sie ihren trotz allem immer noch verführerischen Hintern bereits auf den Soziussitz gepflanzt. Mein Vorschlag, das Frühstück nicht im lokalen Diner, sondern später während der Fahrt zu uns zu nehmen, hatte sich damit wohl erledigt.
Ich hängte die Satteltaschen ein und setzte mich hinter den Lenker. Bollernd erwachte der V2 und schob die Fuhre vom Parkplatz. Als wäre nichts gewesen, schlossen Chennys Hände sich um meinen Bauch. Zu meiner Überraschung fiel das flaue Gefühl, das ich angesichts des unmittelbaren körperlichen Kontakts erwartet hatte, weitgehend aus. Sie hatte mich über Nacht nicht zerfleischt. Dann würde sie es während der Fahrt vermutlich auch nicht tun.
Hoffte ich zumindest.
Eine knappe Stunde später und fünfzig Meilen weiter steuerte ich im übernächsten Kaff einen Drive-In an, bestellte Kaffee und Bagels und parkte die Softail ein Stück abseits am Straßenrand. Im Stehen verputzten wir das üppige Mahl. Chenny wandte sich der Sonne zu und genoss ihre Wärme im Gesicht.
»Okay«, nahm ich mir zwischen zwei Bissen in meinen Bagel ein Herz, »erklärst du mir mal, was da gestern gelaufen ist?«
Sie mampfte ungerührt weiter. »Was willst du wissen?«
»Fangen wir mal damit an, warum du nach der Begegnung mit dem Kerl im Diner über mich hergefallen bist wie ein wildes Tier. Und erzähl mir nicht, du hättest da nicht schon gewusst, wer … oder was er ist.«
In aller Seelenruhe nahm sie einen Schluck aus dem Pappbecher. »Ich wollte verhindern, dass er mich schwängert.«
»Und deshalb lässt du dich von mir …?«
»Besser ein Halbblut als einen Wrukolakas-Bastard.«
»Halbblut?« Meine Geduld schwand zusehends. »Was meinst du mit ›Halbblut‹?«
»Dein Kind. Unser Kind. Ich bin eine Ma’ii Tsoh. Du bist ein Mensch. Wenn wir uns paaren, ergibt das ein Halbblut.«
»Also … Bist du dir mittlerweile sicher, dass …« Meine Augen wanderten zu ihrem Bauch.
»Ziemlich.«
»Sollen wir nicht lieber einen Schwangerschaftstest besorgen?«
»Nicht nötig. Wir haben ein gutes Gefühl für unseren Körper. Besser als ihr Menschen. Und das da unten fühlt sich an wie ein beginnendes Leben.«
Ich wurde ein Papa. Von was auch immer. »Fuck!«
»Tut mir leid.« Sie zuckte die Schultern. »Ging nicht anders.«
»Warum?« Der Kaffee schwappte über den Rand des Bechers, so heftig gestikulierte ich. »Was ging nicht anders? Ich denke, du schuldest mir eine Erklärung.«
Sie stellte ihren Becher auf dem Randstein ab und legte den Rest ihres Bagels darauf. »Also gut. Der Krieg, den die Ma’ii Tsoh und die Wrukolakas führen, wird nicht nur mit Waffen ausgetragen. Die Wrukos nutzen jede Gelegenheit, unsere Blutlinie zu beschmutzen. Bastarde zu zeugen und uns auf diese Weise in die Knie zu zwingen. Als der Kerl gestern in den Diner gekommen ist, konnte ich seine Geilheit riechen. Er lechzte danach, mir seinen verdorbenen Samen in den Leib zu pflanzen. Flucht kam nicht infrage. Er hätte mich verfolgt und aufgespürt. Selbst wenn wir dein Motorrad genommen hätten. Also blieb nur die Möglichkeit, ihm zuvorzukommen. Und dafür …«
Sie zuckte die Achseln.
»Dafür hast du mich benutzt«, vollendete ich den Satz. »Wow! Mich zu ficken, war das kleinere Übel. Großartige Geschichte!«
»Ach, jetzt tu nicht so, als hättest du keinen Spaß gehabt!«
Na gut, Punkt für sie.
»Du hättest mir wenigstens vorher …«
»Was?«, unterbrach sie mich. »Dir erzählen, was ich bin? Hätte dich das noch mehr in Fahrt gebracht?«
Okay … zwei zu null.
Ich lehnte mich gegen die Softail und atmete schnaufend aus. »Und was wird das jetzt?« Ich hielt den fast leeren Becher in Richtung ihres Bauches. »Ein Halbblut? Was bedeutet das?«
»Wird sich zeigen. Ist ganz unterschiedlich. Manche verwandeln sich nie. Sind nur bei Vollmond besonders erregt und reizbar. Andere wechseln beinahe so einfach die Gestalt wie wir Reinblütigen.«
»Na toll.« Ich trank den letzten Schluck Kaffee, auch wenn der mittlerweile schon fast kalt war. »Und so was verunreinigt eure superkrasse Blutlinie nicht?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Halbblute sind zwar erheblich schwächer als Reinblütige, aber ihre Kinder sind in ihren Fähigkeiten nicht von Reinblütigen zu unterscheiden. Falls sie einen Reinblütigen finden, der sich mit ihnen einlässt. Aber meistens müssen sie sich mit anderen Partnern begnügen. In dem Fall werden ihre Kinder dasselbe wie ihre nichtwandelnden Elternteile.«
»Das heißt, wenn ein Halbblut sich nicht mit einem Reinblütigen … paart, dann sind die Kinder wieder normale Menschen?«
»Wenn die Paarung mit einem Menschen stattgefunden hat, ja.«
Leicht entsetzt schaute ich sie an. »Womit paart ihr euch denn sonst noch?«
»Wölfe.«
Die Schrecken nahmen kein Ende. »Wölfe? Ernsthaft? Ihr treibt’s mit Tieren?«
»Wölfe sind den meisten Ma’ii Tsoh näher als die Menschen. Wir sind fast alle fellgeboren.«
Ich hob die Augenbrauen. »Will ich wissen, was das nun wieder bedeutet? Oder besser nicht.«
»Ist ganz einfach. Wenn wir uns in Wolfsgestalt paaren, wird das Kind auch als Wolf geboren. Fellgeburt.«
»Aha. Und wenn ihr’s in menschlicher Gestalt macht …«
»Hautgeburt.«
»Hautgeburt …«
Es gibt Worte, bei denen fühlt es sich falsch an, sie auszusprechen. Dieses gehörte eindeutig dazu.
»Und wenn ihr gemischtes Doppel spielt«, spann ich die Geschichte weiter, »Wolf besteigt Mensch oder andershe…«
Vehement schüttelte sie den Kopf. »Das tun wir nicht!«
Die Antwort kam ein wenig zu bestimmt, um sie zu glauben. Aber was auch immer für weitere Schrecken dahinterstecken mochten, mir reichte schon, was ich bisher gehört hatte.
»Nun gut«, kehrte ich zum Thema zurück. »Das heißt dann also, unser Sprössling ist eine …« Die Bezeichnung wollte mir immer noch nicht so recht über die Lippen kommen.
»Hautgeburt«, half sie mir netterweise aus. »Genau. Bei Halbbluten ist die Geburtsform vorgegeben.« Sie wandte den Blick ab. »Und da liegt das Problem.«
Oha! Das, was sie mir bisher verkündet hatte, war also kein Problem? Jetzt sollte ich wohl Angst bekommen. Aber wo wir schon mal dabei waren, wollte ich alles hören. »Was noch?«
Sie zögerte, ehe sie mit leicht bebender Stimme antwortete: »Ich muss den Großteil der Schwangerschaft in Menschengestalt verbringen. Mindestens die letzten zwei Drittel. Alles andere wäre eine ernsthafte Gefahr, sowohl für das Kind als auch für mich selbst. Das …« Ein Schauer durchfuhr sie. »So lang war ich noch nie an einem Stück in Menschengestalt.«
»Tja. Neuland für uns alle, was? Hättest dich vielleicht doch besser von dem Einäugigen besteigen lassen sollen.«
»Niemals!« Übergangslos wich ihr Anflug von Unsicherheit absolutem Nachdruck. »Da hätte ich mich lieber mitsamt dem Kind umgebracht, als einen Wrukolakas-Bastard in die Welt zu setzen.«
Ich winkte ab. »Schon verstanden. Also … Wie geht’s weiter?«
Gedankenverloren nahm sie den Bagel und biss ohne Begeisterung ein Stück davon ab. »Wenn du in Vegas fertig bist, wär’s nett, wenn du mich nach Hause bringst. Dann muss ich nicht wieder trampen.«
»In dein Kaff in der Sierra Nevada. Geht klar. Und dann?«
»Ich will dich nicht noch tiefer da reinziehen, als du schon drinsteckst. Am besten wär’s, wir gehen anschließend getrennte Wege.«
»Also keine Alimente?«
Sie schüttelte den Kopf. »Keine Alimente.«
Zumindest eine Sorge weniger.
»Und du wirst alleinerziehende Wolfsmama?«
»Eben nicht Wolf … Da liegt ja das Problem.«
Ich seufzte. »Los! Raus damit! Jetzt will ich die ganze Geschichte hören.«
Der Blick, mit dem sie zu mir aufsah, wirkte fast mitleiderregend. »Das Kind wird als Mensch geboren. Und falls es sich überhaupt jemals verwandelt, wird das frühestens in der Pubertät passieren. Meistens sogar erst danach. Bis dahin … In meinem Rudel sind wir alle fellgeboren. Wir verbringen die meiste Zeit als Wölfe. Das …« Sie stockte.
»Jay! Wie im Dschungelbuch. Damit haben wir ja schon mal einen Namen. Nennen wir es Mowgli!«
»Das ist nicht witzig.«
Seufzend ließ ich mich gegen die Softail sinken. »Nein. Ist es nicht.« Ich rieb mir das Gesicht. »Was ist mit Abtreibung?«
»Kommt nicht infrage«, fuhr sie mich an.
Abwehrend hob ich die Hände. »Schon gut. Hab’s verstanden.« Ich raffte mich auf. »Bringen wir erst mal Vegas hinter uns. Danach sehen wir weiter.«
Ohne weitere Pausen legten wir die restliche Strecke zurück. Geredet wurde nicht viel. Dafür brodelte es in meinem Oberstübchen wie wild. Hätte mir vor vierundzwanzig Stunden jemand erzählt, dass hinter mir ein sexy Werwolfmädchen auf dem Bock hockt … Na gut vermutlich hätte ich lauthals gelacht. Aber mal angenommen, ich hätte das wirklich geglaubt … Die angemessene Reaktion wäre wohl Panik gewesen. Doch nun, da genau das geschah, war ich erstaunlich ruhig. Bis zu einem gewissen Grad genoss ich ihre Gesellschaft sogar. Ihre Hände an meinem Bauch. Die Wärme ihres Körpers an meinem Rücken. Ja, sie konnte sich in einen Wolf verwandeln. Na und? Machte sie das zu einem Monster? Je nach Definition vermutlich ja. Aber soweit ich das zu diesem Zeitpunkt beurteilen konnte, zumindest zu einem netten. In jedem Fall ein nett anzusehendes – wenigstens in menschlicher Form. Das war zwar mit Sicherheit keine Garantie dafür, dass sie nicht doch irgendwelche abartigen Sachen machte. Das traf auf normale Menschen allerdings auch zu. Und bislang hatte sie mir keinen Kratzer zugefügt. Abgesehen von denen zwischen meinen Schulterblättern, den Relikten unseres gestrigen Liebesspiels. Aber die gingen in Ordnung. Von daher war ich durchaus gewillt, ihr ein wenig Vertrauen entgegenzubringen.
Erst kurz nach Mittag machte ich am Stadtrand der Wüstenmetropole Halt an einer Tankstelle. Bereits hier standen mehrere Spielautomaten zwischen der Kasse und dem Regal mit den Chipstüten und nervten mit unaufhörlichem Piepsen und Klingeln. Kranke Stadt! Kein Wunder, dass die Leute hier meine Ware brauchten. Ohne eine ordentliche Dröhnung würde ich das auch nicht länger als einen Tag aushalten.
Per Handy meldete ich meine Ankunft an. Ärgerlicherweise hatte mein Kunde noch andere Termine und konnte mich erst abends empfangen. Das bedeutete, wir mussten hier stundenlang ausharren und auch übernachten, wollte ich nicht in der Dunkelheit den Heimweg antreten – und mit einem Motorrad konnte das in der Wüste unangenehm zugig werden. Also quartierten wir uns wieder in einem Motel ein.
»Willst du in die Stadt?«, fragte ich Chenny. »Auf den Strip?«
Ihr gequältes Gesicht war schon Antwort genug. »Lieber raus aus der Stadt.«
Zumindest hierbei waren wir uns einig.
Über staubige Nebenstrecken peilte ich den Lake Mead an. Auf dem Hoover-Damm stellte ich die Softail ab und genoss die Aussicht. Chenny schwang ihren Hintern neben mir auf die Betonbrüstung der Staumauer und ließ die Beine baumeln.
Ich betrachtete ihre nackten Füße. »Trägst du eigentlich nie Schuhe?«
»Nein. Wozu?« Sie wackelte mit den Zehen.
»Nicht mal im Winter? In der Sierra Nevada wird’s da doch auch kalt, oder?«
»Dafür habe ich Fell.«
Ihre knochentrockene Antwort ließ mich unwillkürlich schmunzeln. »Du hast erzählt, du wurdest als Wolf geboren?«
Sie nickte.
»Und … konntest du dich da schon verwandeln? Vom süßen Welpen in ein haariges kleines Baby?«
»Nein. Ich hab dir doch erzählt, das fängt erst gegen Ende der Pubertät an.«
Ich musterte sie von oben bis unten. »Das heißt … Du hast deine gesamte Kindheit als Wolf verbracht?«
Wieder nickte sie.
»Wow! Und wie war das? Das erste Mal in menschlicher Gestalt?«
»Ziemlich ungewohnt.« Ihr Gesicht bekam einen verträumten Ausdruck und ihre Augen schweiften zu einem unbestimmten Punkt in der Ferne. »Ich musste erst mal lernen, auf zwei Beinen zu gehen. Und sprechen und all das. Ich hatte viel nachzuholen.«
»Schräg!« Ungläubig schüttelte ich den Kopf.
»Ja, das war es. Bei meinem ersten Ausflug unter Menschen war ich unheimlich aufgeregt. Und dabei war das nur ein kleines Dorf. Hab mich da ganz langsam rangetastet. Hat noch eine Weile gedauert, bevor ich mich in die Stadt getraut habe.«
Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen. »Ich stell’s mit grad vor. Die süße Teenager-Chenny tapst zum ersten Mal mit großen Augen durch eine Mall, während links und rechts ihre Eltern die feuchten Händchen halten.«
Auch sie lachte. »So war das aber nicht. Meine Mutter hält nicht viel von den Menschen. Wenn’s nach ihr gegangen wäre, hätte ich den Wald nie verlassen. Ich musste mich davonstehlen, zusammen mit meinem Bruder. Das war ein großes Abenteuer.«
»Und dein Vater?«
Schlagartig wurde sie ernst. »Den habe ich nie kennengelernt. Er kam von woanders. Arizona, so weit ich weiß.«
»Halbwaise? Willkommen im Club.«
Sie sah mich an. So gelöst hatte ich sie nicht mehr gesehen, seit wir gestern Abend in den Diner gegangen waren. »Erzähl mal was von dir!«
Die Aufforderung überforderte mich spontan. »Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Bin nur ein langweiliger Mensch.«
