Skipshock - Caroline O'Donoghue - E-Book

Skipshock E-Book

Caroline O'Donoghue

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Margo sitzt im Zug auf dem Weg zu ihrem Internat, als sie plötzlich in eine andere Welt gerät: vom irischen Hochsommer in die Kälte eines fremden Winters, von ihrem 24-Stunden-Tag in einen, der nur sechs Stunden dauert. Moon, ein junger Handelsreisender, nimmt sich ihrer an und zeigt ihr New Davia, das von Zeitzonen und Reiseverboten geprägt ist. Je nachdem, in welcher Zone man lebt, hat man längere oder kürzere Tage, ein längeres oder kürzeres Leben. Alle Macht wird durch Zeit bestimmt. Und davon haben weder Moon noch Margo auch nur eine Sekunde zu viel. Denn die brutale Southern Gard hat Margos Spur aufgenommen ...  Margo muss zurück in ihre Welt, doch was, wenn sie ausgerechnet hier und ausgerechnet in Moon den einzigen Menschen gefunden hat, mit dem sie die Ewigkeit verbringen will? Eine außergewöhnliche, fantastische Liebesgeschichte von der irischen Bestsellerautorin Carolin O'Donoghue. --- Shortlist des »Books Are My Bag Reader's Award«  Best Book 2025 Publishers Weekly

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 544

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Caroline O'Donoghue

Skipshock

Zwischen Augenblick und Ewigkeit

 

Aus dem Englischen von Barbara König

 

Biografie

 

 

Caroline O'Donoghue wurde in Cork, Irland, geboren und lebt heute in London. Sie hat als Journalistin für The Times und The Guardian geschrieben, bevor ihr mit »All Our Hidden Gifts« der Sprung auf die New York Times-Bestsellerliste gelang. Auch ihre Romane für Erwachsene sind hochgelobt, darunter ihr jüngstes Werk »Die Sache mit Rachel«. Darüberhinaus ist sie die Moderatorin des preisgekrönten Podcasts »Sentimental Garbage«.

Barbara König, aufgewachsen in Südostasien, Irland und den USA, studierte Slavistik, Politik und Geschichte in Bonn und Moskau. Bücher begleiten sie schon ihr ganzes Leben lang, erst als Leserin, dann als Lektorin, Programmleiterin und Verlagsleiterin. Heute lebt sie als Literaturübersetzerin und Lektorin in Hamburg.

Impressum

 

 

Erschienen bei Fischer Sauerländer E-Book

 

Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2025 unter dem Titel »Skipshock« bei Walker Books, London

Text © 2025 Caroline O'Donoghue

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2026, Fischer Sauerländer Verlag GmbH,

Hedderichstraße 114, 60596 Frankfurt am Main

Covergestaltung: Gabrielle Ragusi

ISBN 978-3-7336-0996-2

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

Die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne des § 44b UrhG bleibt explizit vorbehalten.

Hinweise des Verlags

 

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

 

Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.

 

Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.

Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.

Inhalt

[Widmung]

Prolog Moon

Teil Eins New Davia

1 Margo

2 Moon

3 Margo

4 Moon

5 Margo

6 Moon

7 Margo

8 Moon

9 Margo

10 Moon

11 Margo

12 Moon

13 Margo

14 Moon

15 Margo

Teil Zwei Alder City

16 Moon

17 Margo

18 Moon

19 Margo

20 Moon

21 Margo

22 Moon

23 Margo

24 Moon

25 Margo

26 Moon

27 Margo

28 Moon

Teil Drei Khaise

29 Margo

30 Moon

31 Margo

32 Moon

33 Margo

34 Moon

35 Margo

36 Moon

37 Margo

38 Moon

39 Margo

Teil Vier Zu Hause

40 Moon

41 Margo

42 Moon

43 Margo

44 Moon

Danksagung

[Fortsetzung folgt]

Für meine beiden Lieblingshandelsreisenden:

Natasha Hodgson, für die ich Welten durchquert habe, um sie zu treffen –

und für meine Mutter, die mich losgeschickt hat.

PrologMoon

Wenn ich den Leuten erzähle, welchem Beruf ich nachgehe, bekomme ich meistens zu hören: So einen Job könnte ich nicht machen. Damit meinen sie eigentlich: So einen Job würde ich nicht machen. Immer wieder kursieren neue grauenhafte Geschichten über Handelsreisende, darüber, was der Wechsel zwischen den verschiedenen Zeitgeschwindigkeiten mit der Gesundheit anrichtet.

Die Wahrscheinlichkeit, Alkoholiker zu werden, ist bei uns doppelt so hoch, durch Suizid zu sterben, dreimal so hoch, und zu verschwinden, ohne dass es irgendjemanden interessiert, unendlich hoch.

Doch dann sage ich immer: Du hast recht. So einen Job könntest du nicht machen. Nicht in einer Sprache feilschen, die du nicht sprichst. Nicht überall einschlafen, egal wo, deinen Körper so schulen, dass er sich mitten auf einem belebten Marktplatz ein fünfzehnminütiges Nickerchen gönnt. Und du würdest auch nicht so aufwachen, wie wir das tun.

Wir Handelsreisende wachen wie Hunde auf. In einem Moment schnarchen wir noch, im nächsten bellen wir einen Fremden an.

Ich wache im Zug auf. Irgendwo zwischen Crader und New Davia spüre ich, wie der Waggon kreischend durch einen Tunnel rast, und habe eine leise, gespenstische Ahnung – obwohl meine Augen geschlossen sind –, dass mich jemand beobachtet. Das Gewirr aus Gariperlen wird zwischen dem Sitz und meinem Nacken zusammengepresst und hinterlässt leichte Abdrücke auf meiner Haut.

»Hallo«, sage ich und öffne langsam die Augen. Alles an der Fremden verrät mir, dass sie am falschen Ort ist. Zunächst einmal ist sie eine Sie. Weibliche Handelsreisende sind dieser Tage selten, außer sie haben ein Visum, um besonderen Handel zu treiben, und dafür sieht sie zu jung, zu sehr neben der Spur aus. Jedes Detail wirft eine weitere Frage auf. Fragen wie: Warum trägt sie Sommerkleidung in einem Zug, der so weit nach Westen fährt? Warum trägt sie eine Männeruhr, die nicht um ihr Handgelenk passt? Der Lichtstrahl, der von dem Ziffernblatt reflektiert wird, lässt mich blinzeln. Die Uhr ist schwer. Teuer. Aus Silber.

»Hallo«, erwidert sie ängstlich. Je länger ich sie ansehe, desto mehr entfaltet sich ihre Fremdartigkeit, wie aufgehende Blütenblätter. Grüne Augen, voller Verzweiflung, die besorgt auf einen orangefarbenen Zettel blicken, nicht größer als ihre Handfläche. »Sie sitzen auf meinem Platz.«

Mit ausladender Geste zeige ich auf die freien Sitze um uns herum, denn der Waggon ist leer, und gebe ihr so zu verstehen, dass es etwas kleinlich von ihr ist, auf genau diesem Platz zu beharren, da genug andere frei sind.

»Meinen Platz gibt es hier nicht«, erwidere ich. »Wir sind im Nordwesten, da gibt es keine reservierten Plätze. Wer bist du?«

Sie antwortet nicht. Zeigt mir nur ihren orangefarbenen Zettel, der zerknittert in ihrer zitternden Hand liegt. Ich nehme ihn ihr ab und lese ihn laut vor, als hätte ich von einem fantasievollen Kind eine Geschichte geschrieben bekommen.

»13:05 Uhr, Einzelfahrschein«, lese ich. »Von Cork (Kent Station) nach Dublin (Heuston Station).«

Erwartungsvoll sieht sie mich an. »Sind wir bald da?«, fragt sie, doch klingt dabei nicht besonders hoffnungsvoll. »Sind wir in der Nähe von Dublin?«

Ich gebe ihr den Fahrschein zurück. Keiner der beiden Orte sagt mir etwas. Ich beschließe, mir das nicht anmerken zu lassen. Handelsreisende sollen eigentlich jeden Ort kennen. Für den Gewerbeschein muss man sich einer strengen Prüfung unterziehen. Sie geben dir eine große leere Streckenkarte, auf der man jeden Welt-Bahnhof eintragen muss, und du musst mindestens neunzig Prozent davon kennen. Falls sie dich dann in der falschen Welt mit dem falschen Visum erwischen, kannst du nicht glaubhaft bestreiten, nichts gewusst zu haben. Vielleicht ist sie ein Spitzel. Ein Test. Ein Maulwurf. Irgendein neuer Plan Sempers, um unser Gedächtnis auf die Probe zu stellen, unsere Gesinnung und unseren Widerstand gegenüber einem hübschen Gesicht.

Das hübsche Gesicht kommt mir ganz ungebeten, unwillkürlich in den Sinn, so wie »Träum süß« auf ein leise geäußertes »Schlaf gut« folgt, auf kindliche Art, denn obwohl sie etwa in meinem Alter ist, erinnert sie mich an die Kindheit. Die verwuschelten Haare – rot, doch eindeutig keine natürliche Farbe. Die großen Augen. Die Bereitschaft, einem Fremden ihre Angst zu zeigen.

Angst. Etwas, über das ich versucht habe hinauszuwachsen. Ich bin kein Idiot, und ich halte mich nicht für übermenschlich. Ich bin den gleichen Gedanken und Gefühlen ausgeliefert wie jeder andere auch. Dennoch glaube ich, dass man in fast allen Fällen große Gefühle in kleinere unterteilen kann – Angst in Besorgnis, Liebe in Zuneigung, Mitleid in Bedauern – und sich so vor denjenigen schützen kann, die zuverlässig jede Situation zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Auf dieselbe Art und Weise wie Insekten sich tarnen, indem sie ihre Umgebung nachahmen, reagiere ich immer ausdruckslos und vage in der Hoffnung, dass mich das schützt und daraufhin Frieden einkehrt.

Ves hat mir mal gesagt, dass nur sehr traumatisierte Menschen Stillstand mit Frieden verwechseln.

Doch einstweilen ist da dieser Mensch. Dieser Mensch, der kein Hehl aus seinen Gefühlen macht. Den die Angst ganz und gar im Griff hat, und ein paar Sekunden lang starre ich das Mädchen einfach an. Ihr unsteter Blick, der durch den Eisenbahnwaggon irrt. Ihr keuchender Atem. Ihre Finger, die nervös in ihrem Haar nesteln, dann über ihre Kopfhaut kratzen, dann an ihrer Nagelhaut knibbeln.

»Warum setzt du dich nicht hin?«, schlage ich vor.

In unbehaglichem Schweigen sitzen wir da und betrachten einander. Jetzt, da sie mir auf Augenhöhe gegenübersitzt, kann ich spüren, wie sie mein Erscheinungsbild in sich aufnimmt. Um fair zu sein, ist das eine Menge. Die Mondsichel, die über meiner linken Augenbraue anfängt und sich um meinen Wangenknochen schmiegt, ist viel größer als die meisten Tattoos der Handelsreisenden, die Größe steht in direktem Verhältnis zu ihrem Unwillen, einem Lunati-Jungen einen Gewerbeschein auszuhändigen. Sie haben tief gestochen, scharf und – trotz ihres Beharrens darauf, sich professionell und neutral zu verhalten – mit ziemlicher Gehässigkeit. Am Anfang war die Narbe brutal rot. Nun, sechs Jahre später, ist das Rot einem glatten Beige gewichen. Ich beobachte sie dabei, wie sie mich beobachtet. Einen Moment lang vergisst sie ihre Angst, weil sie sich fragt, wie ein Mensch eine Narbe aufweisen kann, die gleichermaßen brutal wie akkurat ist.

»Die Antwort ist Ja«, sage ich. Aus irgendeinem Grund bin ich erpicht darauf, ihre Gedanken ans Tageslicht zu zerren. »Es hat wehgetan, und ja, ich war bei Bewusstsein. Und ja, ich habe zugestimmt.«

Da lacht sie, ihre Verlegenheit setzt für einen kurzen Moment lang ihre schreckliche Angst außer Kraft. »Tut mir leid«, sagt sie. »Ich habe Sie angestarrt, nicht wahr?«

»Oh, nicht so, dass es auffällig gewesen wäre.«

Kurz tauschen wir ein entschuldigendes Lächeln aus. Dann tritt Stille ein.

 

Bevor es weitergeht, möchte ich etwas über diesen Austausch, diese Stille sagen, weil es so schnell passiert ist und niemand es bezeugen kann. Unter Handelsreisenden gibt es eine Gepflogenheit, die sich Einsammeln nennt. Das bedeutet, dass der Handelsreisende zu einem günstigen Preis ein Häuflein seines alten Warenbestands für dich in ein Taschentuch »einsammelt«, und während das meiste davon unbrauchbar ist, billig oder veraltet, befindet sich merkwürdigerweise immer etwas Kostbares darunter. Ein kleiner Edelstein oder eine seltene Münze oder eine Scherbe aus Glas, von dem du dachtest, dass es nicht mehr hergestellt wird. Vielleicht war dem Handelsreisenden gar nicht bewusst, dass er es dir gegeben hat. Vielleicht schätzt er dich mehr, als du gedacht hast.

So war das mit ihr, auf dieser ersten Zugfahrt. In aller Stille wurde für einen kurzen Moment ein Edelstein enthüllt.

Sie hat mich eingesammelt, meine ich. Oder vielleicht war es auch umgekehrt. Dieses Gesicht und diese Augen und diese absurden Haare. Nicht rot wie Feuer. Rot wie Rost. Rot wie Metall. Rot wie ein Chemieunglück.

 

Der Augenblick vergeht. Ihr fällt wieder ein, dass sie keine Ahnung hat, wo sie ist, und wieder wird ihr Atem schwer. Sie legt sich die Hände an die Brust, als wolle sie verhindern, dass ihr das Herz entflieht.

»Ich heiße Moon«, sage ich schließlich. »Du kannst mich gerne duzen. Und ich glaube, du bist am falschen Ort.«

Teil EinsNew Davia

1Margo

Die Schule drängte auf eine Therapie.

Donna-Anne erklärte sich einverstanden, nicht weil sie an Therapien glaubte, sondern weil sie Margo klarmachen wollte, wie ernst die Lage geworden war. Schließlich hatte sie die Armbanduhr verkauft. Und nicht irgendeine Uhr. Richards Uhr.

Donna-Anne sagte das so, als hätte Margo ihre Mutter gezielt bestohlen. Als hätte sie absichtlich die letzte Verbindung ihrer Mutter gekappt, und zwar aus reiner Boshaftigkeit. Doch Donna-Anne hatte viele Sachen, ihr Haus mit eingeschlossen, um sich an Richard zu erinnern. Margo hatte nur die Uhr. Genau genommen war es ihre, also war es ihr gutes Recht, sie zu verkaufen.

Der Therapeut legte nahe, dass Margo an einer Depression litt. Er deutete an, dass immer schon etwas in Margo gebrodelt hatte, auch vor dem Absturz. Dass der Tod ein Wesen zum Vorschein gebracht hatte, welches von Natur aus schwermütig war. Alte Schulzeugnisse wurden hervorgeholt und begutachtet. Viel Wirbel wurde um Anmerkungen aus der Grundschulzeit gemacht.

Margo ist gern für sich, hieß es in einer.

Margo scheint bei Gruppenprojekten immer etwas verloren zu sein, hieß es in einer anderen.

Und – bei näherer Betrachtung klang diese etwas grausam – Margo hat bei den anderen Mädchen keinen besonderen Eindruck hinterlassen.

Der Therapeut stellte die Behauptung auf, dass es eine Verbindung gab zwischen dieser früheren Margo und der sechzehnjährigen Margo, die die Uhr ihres toten Vaters verkauft, ihr Haar metallisch rot gefärbt und versucht hatte, von zu Hause wegzulaufen. Er meinte, die Ursachen lägen tiefer, als einfach einen toten Vater zu haben. Er sagte, dass irgendwann, nach weiteren Sitzungen, Medikamente helfen könnten. Erst einmal aber, sagte er, würde er Atemübungen empfehlen.

Donna-Anne nahm ihre Tochter und verließ das Behandlungszimmer des Therapeuten.

Es sei nicht so, sagte Donna-Anne, dass irgendetwas an Margo falsch sei. Wenn jemand schuld war, dann sie, Donna selbst, weil sie zugelassen hatte, dass die Leine zu lang geworden war. Sie hatte ihre Tochter sich selbst überlassen, und das hatte dazu geführt, dass sie kriminell geworden war. Das Ganze hatte die Fähigkeiten Donna-Annes überstiegen. Es war Zeit für eine Veränderung. Es war Zeit fürs Internat.

(Die Uhr hatten sie natürlich zurückbekommen. Der Besitzer des Pfandhauses, Geld für Gold, der auch Silber annahm, hatte Donna-Anne angerufen, nachdem er festgestellt hatte, dass der dritte Zeiger nur dann funktionierte, wenn man den Timer drückte. Die Gravur – Richard Madden III. – machte es nicht schwer, den Besitzer ausfindig zu machen. So schnell vergisst ein kleiner Ort keinen Flugzeugabsturz, geschweige denn seine Opfer.)

Und so steht es um Margo in dem Augenblick, bevor sie durch die Welten fällt. Eine Sechzehnjährige, die erfolglos versucht hat auszureißen, mit einer Armbanduhr, in unpassender Kleidung. Sechs Tage vor ihrem Geburtstag, in einem Zug von Cork nach Dublin.

Durstig.

So, so durstig.

Der Sommer war in Irland spät eingekehrt, so wie das meistens der Fall ist. Die hohen Temperaturen waren von solcher Seltenheit, dass keiner wusste, wie man sich dagegen schützen konnte. Sie hatte keine Sonnenbrille gegen das grelle Licht dabei, das durch das Fenster fiel. Sie hatte keine Wasserflasche mitgenommen. Ihr einziger Proviant war ein schwitzendes Schinkensandwich, klebrig vor Hitze. Sie pulte an dem Sandwich rum und wurde von Minute zu Minute durstiger.

Der Zug kam in einem schwarz gewordenen Tunnel kreischend zum Stehen. Sie wartete einen Moment. Eine Stimme war über den Lautsprecher zu hören, die Worte des Zugführers gingen in knisterndem Rauschen unter. Es gab irgendeine Störung. Er wiederholte die Ansage, und Margo hörte genau hin. Sie verstand kein Wort. Dann war es still.

Als sie in Cork eingestiegen war, war eine Handvoll Leute mit im Waggon gewesen. Aber sie waren alle in Mallow ausgestiegen, und nun war sie allein auf dem Weg nach Dublin. Ihr wurde unbehaglich zumute. Als wäre sie in einer kaputten Achterbahn festgeschnallt, nicht wissend, ob ihre Angst normal oder ein Teil dieser Erfahrung war.

Die offenen Fenster, die einzige Klimaanlage, die der Zug aufzuweisen hatte, ließen nichts als lähmende Hitze und einen dumpfen erdigen Geruch hinein. Ein schwacher Hauch von Pisse war auch zu riechen, und sie fragte sich, ob Leute sich nachts im Tunnel unterstellten.

Während die Dunkelheit den Zug umgab und der Lautsprecher weiter stammelnde Laute von sich gab, spürte Margo, wie die Angst ihr die Kehle zuschnürte. Eigentlich passierte gerade nichts wirklich Schlimmes, sagte sie sich. Sie hatte einfach nur zu wenig getrunken. Deswegen hatte sie auch Kopfschmerzen. Deswegen geriet sie gerade in Panik. An Bord gab es bestimmt ein Bistro. Musste es. Sie brauchte etwas zu trinken. Sie stand von ihrem Sitz auf und tastete sich mit den Händen von Kopfstütze zu Kopfstütze, falls sich der Zug wieder in Bewegung setzen sollte.

Während Margo einen leeren Waggon nach dem nächsten durchquerte, stieg in ihr eine Ahnung auf, dass sie in Schwierigkeiten steckte, die auch eine Coke Zero nicht lösen würde.

Schließlich erreichte sie eine verschlossene Theke, wo normalerweise Snacks und Getränke verkauft wurden. Durch das Rollgitter konnte sie Getränkedosen sehen. Margo steckte ihre Finger sehnsüchtig durch die Zwischenräume, wie eine Mutter, die ihren Sohn im Gefängnis besucht. Sie guckte auf ihre silberne Armbanduhr runter, die über ihren Handrücken gerutscht war, und überlegte, dass sie die Uhr ein weiteres Mal für eine einzige Dose verkaufen würde.

Sie war allein in einem kaputten Zug. Eine unbändige Traurigkeit flutete durch sie hindurch, nicht wegen der Situation an sich, sondern weil sich dieser Augenblick anfühlte, wie all die davor, die zu diesem hier geführt hatten. Fast ihr ganz Leben lang war sie ein ordentliches, gut funktionierendes Ding gewesen. Sie war ein Einzelkind, und zwar keines, das einen Haufen Cousins und Nachbarn hatte, um das auszugleichen. Etwas Stilles, etwas Seltsames zeichnete ihre Familie aus. Liebe wurde durch Leistung erworben und durch gutes Benehmen aufrechterhalten. Sie war eine gute Schülerin gewesen und hatte ein paar Freundinnen, ungeachtet dessen, was die Zeugnisse von früher angedeutet hatten.

Dann war ihr Vater gestorben. Ihre üblichen Schlafstörungen und Stimmungstiefs wurden ihre ständigen Begleiter. Sie stand unter Schlafentzug und Schock. Sie sprach mit niemandem mehr, ging nicht mehr zur Schule, und irgendwann hörten ihre Freundinnen auf, sich bei ihr zu melden. Das Leben lastete zu schwer auf ihr, um es noch einen Moment länger auszuhalten, also beschloss sie, abzuhauen. Weit war sie nicht gekommen. Das Internat sollte ein Kompromiss sein. Ein neuer Anfang.

Doch hier war sie nun: Sie steckte fest, drohendes Unheil ballte sich über ihr zusammen, und sie war ganz allein. Kein neuer Anfang und auch keine schlecht gefärbten Haare würden daran etwas ändern. Wie dumm sie gewesen war, das zu glauben.

Der Zug nahm wieder Fahrt auf. Ein schrilles, kreischendes Geräusch war zu hören, wie Metall auf Metall, und sie wusste, dass der Zug schwer gegen die Dunkelheit ankämpfte. Bevor sie überhaupt auf den Gedanken kommen konnte, das auch auf sich zu beziehen, wackelte der Waggon so sehr, dass Margo taumelte. Sie fand ihr Gleichgewicht wieder und stützte sich verzweifelt an der Wand ab. Als der Zug immer schneller wurde, bewegte sie sich Stück für Stück auf den Übergang zwischen den Waggons zu.

In dem schmalen Zwischenraum wurde ihr schlecht. Es fühlte sich plötzlich an, als hätten sich all ihre Organe zusammengedrängt, um durch ihren Hals zu entkommen. Würde sie sich übergeben? Hier? In der Staatsbahn der Republik Irland? Margo schloss die Augen und dachte an Cork, wo alle immer den Bus nahmen. Sie konnte sich nicht länger an der Wand abstützen, also hockte sie sich auf den Fußboden, das Gesicht auf den angezogenen Knien.

Während der Wagenübergang wackelte und kreischte, fragte Margo sich, ob es sich wohl so anfühlte, zu sterben. Sie drückte den Timer auf der Uhr ihres Vaters, den dünnen Zeiger, der nur für sechzig Sekunden tickte und dann wieder stehen blieb. Sie machte die Atemübung, die der Therapeut ihr gezeigt hatte. Atmete im Abstand von zehn Sekunden, sah zu, wie der dritte Zeiger erst bei zwei, dann vier, dann sechs landete. Atmete ein. Atmete aus.

Und als sie die Augen wieder öffnete, hatte der Zug sich vollkommen verändert.

Alles war aus Holz. Der Kunststoff war durch mattes Mahagoni ersetzt worden. Die dumpfe, uringeschwängerte Luft verflüchtigte sich. Es war mit einem Mal kühl, als wäre ein Fenster offen und würde kalte Winterluft hineinlassen. Margo rieb sich die Arme in ihrer dünnen Jeansjacke, ihr Kleid darunter war schweißdurchtränkt.

Sie stolperte zu ihrem Sitz zurück, der Waggon war immer noch leer. Bestimmt nicht, weil Passagiere in Mallow ausgestiegen waren. Der kratzige Sitzbezug, der vor Kurzem noch ihre Beine gepiekst hatte, war tiefrotem Samt gewichen, der ramponiert war und an der einen und anderen Stelle die Polsterung durchschimmern ließ. Ihre Beine zitterten, während sie weiterging.

Doch es hatte sich noch etwas verändert.

Sie war nicht mehr allein.

Eine Gestalt, ein Mann, schlief mit dem Kopf am Fenster. Seine Anzugjacke hatte er wie eine Decke über sich gebreitet, und seine Schuhe – ein Paar dunkle, abgenutzte Halbschuhe – lagen auf dem Sitz gegenüber.

Auf ihrem Sitz.

Sie würde sich woanders hinsetzen. Schließlich war sonst niemand an Bord. Doch jetzt auf die 57B zu verzichten, bedeutete, die Realität loszulassen. Sie musste mit jemandem reden. Egal mit wem. Einem Erwachsenen. Sie beobachtete ihn, ihr Blick voller Bedürftigkeit, und fragte sich, ob das genügen würde, ihn aufzuwecken.

Seine grauen Augen öffnete sich mit einem Mal, wanderten von ihren Haaren bis zu ihren Füßen, nahmen jede Einzelheit in sich auf. Margo konnte nichts anderes tun, als zurückzustarren.

Wie sich herausstellte, war er gar nicht erwachsen.

Wie alt er tatsächlich war, konnte sie nicht sagen. Jede Einzelheit seiner Erscheinung belegte und widersprach gleichzeitig jeder Vorstellung von Reife. Sein strubbeliges dickes braunes Haar sprach für: Junge. Die grauen Strähnen darin sagten: Mann. Sein schnelles, spitzbübisches Lächeln war eindeutig: Junge. Sein dunkler Anzug ohne Frage: Mann.

Die einzige Sache, die in Bezug auf sein Alter nicht in Rechnung gestellt werden konnte, war das Tattoo, das an seiner Schläfe anfing und sich um sein linkes Auge wölbte. Das Tattoo einer schmalen Mondsichel.

»Hallo«, sagte er endlich.

2Moon

Um Höflichkeiten auszutauschen, bleibt nicht viel Zeit, denn kaum hat mir Margo ihren Namen genannt, taucht das Schwein auf.

Die Maske des Schweins ist aus Eisen und nimmt zwei Drittel seines Gesichts ein, was mich vermuten lässt, dass es ganz am Anfang des Reiseverbots tätowiert wurde, als es noch etwas härter zuging. Sein rechtes Auge, sein Wangenknochen und seine Schläfen sind nach wie vor rosa und fleischig. Doch seine Nase ist eine Schnauze, seine Wangen poliertes Grau. Langsam geht es durch den Waggon und tauscht währenddessen die Papierrolle seines Fahrkartengeräts aus. Es versucht zwei Dinge gleichzeitig zu machen, etwas, das die noch nie gut konnten.

Es ist traurig und wahrscheinlich falsch, die Schweine zu hassen. Nach dem Krieg, als Semper angefangen hat, Arbeiter aus dem Norden für die Züge zu rekrutieren, wurde viel darüber diskutiert, wie man für Sicherheit sorgen kann. Semper musste sich darauf verlassen können, dass die Fahrkartenkontrolleure sowie das Reinigungspersonal und andere Hilfskräfte ihren Job nicht dafür nutzen würden, um in den Süden zu fliehen. Also haben sich Männer angestellt – in der Regel Familienväter, die durch den Niedergang ganzer Industriezweige in Folge des Reiseverbots mittellos geworden waren –, um verstümmelt und plattiert zu werden. Die Nasenscheidewand der Männer wurde durch Schmiedearbeiten verunstaltet und ihre Worte dadurch von Grunzlauten verzerrt, obwohl sie einst ganz normal geatmet hatten. Wir nannten sie Schweine, weil sie schnaubten und weil wir sie hassten. Dann machte Semper den Hass offiziell. Es lag immer in Sempers Interesse, das Reisen in etwas Schauriges zu verwandeln. Semper brachte die Masken auf den neuesten Stand und verwandelte den Schweine-Witz in eine Tatsache.

Ich sehe Margo an. »Du bist dir sicher, dass du wirklich keinen Fahrschein hast?«

Wieder zückt sie das orangefarbene Ding.

»Nicht das, das ist keiner.«

Warum gerate ich jetzt in Panik? Dieses Mädchen geht mich nichts an.

»Ich wollte doch nur zur Schule. In mein neues Internat.«

Das Schwein lässt die Papierrolle fallen, und sie kullert unter einen Sitz. Es seufzt und kniet sich langsam hin, um danach zu angeln. Beim Aufstehen und Hinsetzen müssen sie immer Vorsicht walten lassen. Ihr Gleichgewichtssinn ist durch die Plattierung zerstört worden, und ihr Innenohr sorgt dafür, dass ihnen schwindelig wird.

»Hast du ein Visum?«, frage ich sie mit leiser Stimme.

»Ein Visum? Warum sollte ich denn für Dublin ein Visum brauchen?«

Wieder mustere ich sie von Kopf bis Fuß. Die dünne Kleidung, die schwere Armbanduhr, die seltsamen Haare. Der Akzent, melodisch und tief, der mich entfernt an gewisse Hausangestellte in Semper erinnert, die mir früher begegnet sind. Nur klingt er bei ihr noch voller, stärker. Es gibt Schulen in langsameren Welten, in die Menschen aus den Achsenländern früher ihre Kinder geschickt haben. Während eines Vierzigstundentages kann man so viel mehr lernen. Dein Kind kehrt als Kind wieder zu dir zurück, nur ist es auch noch Rechtsanwältin. Ich dachte ja, das wäre inzwischen verboten.

»Du kommst aus einem Ort namens Dublin?«, frage ich und behalte das Schwein weiter im Auge.

»Nein. Ich komme aus einem Ort namens Cork.« Sie ist verärgert. »Und ich bin auf dem Weg nach Dublin. Ins Internat.«

Die Verbundenheit, die wir für einen kurzen Moment gespürt haben, bevor das Schwein aufgetaucht ist, scheint sich jetzt in Luft aufgelöst zu haben. Als wären wir beide zu Partnern in einem Spiel gemacht worden, dessen Regeln der jeweils andere nicht kennt. Sie kann es nicht fassen, dass mir diese Orte nichts sagen, diese Wörter. Sie ist frustriert und schäumt vor Wut, weil sie glaubt, gewinnen zu können, wenn sie nur mit jemandem spielen könnte, der weiß, wie es geht.

Vielleicht gibt es offene Welten, von denen ich nichts weiß. Vielleicht gibt es wieder Visa fürs Internat. Ich habe keine Kinder, also habe ich die Meldung vielleicht verpasst. Vielleicht ist dieses Mädchen einfach in den falschen Zug gestiegen und braucht nur Hilfe, um den richtigen zu finden.

»Tja, wenn du in den nächsten dreißig Sekunden nicht mit einem Visum und einem Fahrschein aufwarten kannst«, sage ich, »dann landest du gleich draußen im Schnee.« Das sage ich ein wenig zu gehässig, als wolle ich sie daran erinnern, dass sie sich nicht an meine Spielregeln hält, nicht umgekehrt.

Das arme Mädchen. Sie sieht aus, als würde sie gleich vor lauter Panik aus den Latschen kippen. Sie scheint keine Ahnung zu haben, warum man für den Zug ein Visum braucht. Und einen Fahrschein. Irgendwo hat sie ihren ja her, klar, aber der gilt nicht für einen Semper-Zug. Und es gibt nichts anderes als Semper-Züge. Das ist schon seit Jahren so.

Margo bekommt endlich mit, dass das Schwein auf uns zupoltert, und für einen kurzen Moment sieht sie erleichtert aus angesichts der Anwesenheit einer älteren Person in Uniform. Doch dann bemerkt sie die Schmiedearbeiten und erbleicht.

Ein weiterer Vorteil, dass die Schweine so aussehen, wie sie aussehen: Niemand in einem Semper-Zug würde auf den Gedanken kommen, dass ihm jemand an Bord helfen könnte.

»Fahrschein, Visum«, sagt er zu mir, aber sein Metallauge schwenkt zu Margo, während er spricht. Es ist nicht zu übersehen, dass auch er sie nicht einordnen kann. Solche Kleidung? Bei diesem Wetter?

Mein Tattoo gibt mir die Erlaubnis zu reisen, aber mein Visum informiert ihn darüber, wo ich genau hindarf. Ich kann in den Norden fahren. Den Nordwesten, den Nordosten, in den Hohen Norden. In bestimmte Welten entlang der Mittelachse. Aber nicht in den Süden.

»Handelsware«, sage ich zu dem Schwein. »Rohstoffe wie Halbedelmetalle, Heizmaterial, Kurzwaren.«

Er locht meinen Fahrschein, grunzt und dann wendet er sich an Margo.

»Fahrschein, Visum«, wiederholt er.

Sie sieht zu mir, hofft auf eine Antwort, eine Ausrede, fleht inständig, jemand möge sich für sie einsetzen.

Eine kurze Pause tritt ein. Eine Pause, in der ich verschiedene Möglichkeiten abwäge: Was mich das kosten wird, was es wert ist und wie viele Probleme am Ende wohl daraus entstehen werden.

Wenn sie ein verlorenes, reiches Schulmädchen ist, dann wird ihre Familie dankbar sein, dass ich mich um sie kümmere. Eine Geldprämie. Oder wenn nicht, dann eine neue Handelsverbindung, ein Sponsor für ein Visum in den Süden. Ich brauche langsamere Welten auf meinem Dienstplan. Ich werde, im wahrsten Wortsinn, nicht jünger.

Wenn sie kein verlorenes, reiches Schulmädchen ist, sondern … etwas anderes, von irgendwo anders, dann läuft das auf weit mehr hinaus. Dann sind manche der versiegelten Welten vielleicht doch nicht so versiegelt, wie wir das mal gedacht haben. Dann gibt es Reisemöglichkeiten, von denen Semper noch nichts weiß, oder doch, und es wird geheim gehalten. Es bedeutet, dass jemand in einen Zug eingestiegen und dann in einem anderen gelandet ist, also muss es irgendwo einen Riss geben.

Und wo ein Riss ist, da tun sich Möglichkeiten auf.

Für Vesna und auch für die Allianz. Aber vor allem für mich, für die Person, die ihnen dieses seltsame Mädchen auf dem Silbertablett präsentiert.

Möglichkeit eins ist gewinnbringend, einfach, und ich kann als Handelsreisender aufhören.

Möglichkeit zwei ist gefährlich, tödlich und könnte das Ende der Zivilisation bedeuten. Eine Zivilisation, die – wie Ves oft sagt und dem ich auf benommene, unverbindliche Art immer zustimme – unbedingt zerstört werden muss. Und in diesem Szenario gibt es keine Handelsreisenden, also gehe ich so oder so als Sieger hervor.

Wenn man Handelsreisender wird, lernt man schnell, zwischen den Regeln und dem Gesetz zu unterscheiden. Über deine Stückzahlen zu lügen, heißt die Regeln zu brechen. Deine Steuern nicht zu zahlen, heißt das Gesetz zu brechen. Eine Nachricht von einer Welt in eine andere zu übermitteln, bedeutet, die Regeln zu brechen. Einer Person ohne Papiere dabei zu helfen, Welten zu durchqueren, heißt das Gesetz zu brechen.

Ich breche manchmal die Regeln. Ich breche nie das Gesetz.

Jedenfalls nicht, seit ich Handelsreisender geworden bin.

»Das ist mein Lehrmädchen«, sage ich so heiter, wie ich kann. Ich hole mein Portemonnaie raus und vermeide es, den Schlagstock anzublicken, der an der Hose des Schweins befestigt ist. »Und ich kann ihre Ausweisdokumente nicht finden.«

Die meisten Leute, da wird wohl ein jeder zustimmen, könnten so einen Job wirklich nicht machen.

3Margo

Wo immer sie auch gelandet war, ihr Gepäck hatte nicht die Freundlichkeit besessen mitzukommen. Sie besaß nichts als die Kleider am Leib. Sogar ihr Handy war irgendwie im Zug aus Cork geblieben.

Wenn einem etwas Schlimmes passiert, rekapituliert man gewöhnlich das eigene Handeln, um herauszufinden, in welchem Moment das Schicksal seinen verhängnisvollen Lauf genommen hat. In Margos Fall war dieser Moment nicht zu finden. Anders als Dorothy in Der Zauberer von Oz, die sich zunächst aus Kansas wegwünschte, wollte Margo nach Dublin.

Der Schweinemann ließ sie in New Davia aussteigen und nahm das Schmiergeld an, das Moon ihm anbot. Vor ihrem inneren Auge erschien immer wieder das Gesicht des Schweinemanns. Er war klein und eher füllig, wie der Türsteher vor einem Club, nur dass sein Gesicht hauptsächlich aus Metall bestand. Wie eine Maske, die auf seine Haut geschweißt worden war oder diese vielleicht ersetzte. Und die Maske war … tja, schweinisch. Hatte er noch eine Nase unter dieser Schnauze? Oder war seine Nase die Schnauze?

Es blieb ihr nichts anderes übrig, als Moon hinterherzugehen. Er war irgendeine Art von Risiko für sie eingegangen. Eindeutig ein finanzielles, aber vielleicht auch noch ein anderes? Wo immer sie auch gelandet war, hier schien es wichtig zu sein, ein Visum zu besitzen, und sie hatte keins. Konnte sie sich eins besorgen? Vage erinnerte sie sich an einen Augenblick in ihrer Kindheit, als ihre Mutter ihren Pass kurz vor einem Familienurlaub verloren hatte. Anträge mussten ausgefüllt, langweilige Behörden aufgesucht werden, aber die Angelegenheit war an sich schnell erledigt gewesen. Sie könnte das auch tun. Ein Visum war eigentlich nichts anderes als ein Pass, und sie hatte einen. Sie wusste nicht, wo er war, aber er existierte, und bestimmt gab es für solche Dokumente irgendeine Art von internationaler Datenbank. Die Leute sagten immer, sie würden heimlich überwacht werden. Das war nun ein Augenblick, in dem das sowohl nützlich als auch wahr sein könnte. Sie würde mit Moon mitgehen, sich aufwärmen – es war so kalt, es war zu kalt, es war geradezu verboten kalt –, und dann würde er ihr den Weg zur nächsten Passbehörde erklären, sie vielleicht sogar begleiten.

Der Bahnhof bestand aus einem großen Raum mit einer geschlossenen Bar. Auf einem Schild stand: Hauptbahnhof New Davia.

Darunter, in kleinerer Schrift: NWS – 6 – nur eingeschränkter interweltlicher Handel.

Sie wollte ihn bitten, das Schild für sie zu entschlüsseln, doch er war schon vorausgeeilt und durchquerte den Bahnhof in beeindruckendem Tempo. Margo musste sich selbst einen Reim darauf machen, eine verwirrende Aufgabe. Von New Davia hatte sie noch nie gehört. Doch der Begriff »interweltlich« war noch viel beunruhigender. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete sie das Schild und fragte sich, ob das vielleicht einfach nur ein Markenname war. Amazon war schließlich auch keine Firma mit Sitz im Regenwald.

Ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den Zug, aus dem sie gerade ausgestiegen waren.

Er wurde von einer Dampflokomotive gezogen und sah sehr alt aus, aber die Gleise waren das eigentlich Interessante. Die abgenutzten Holzschwellen waren auf dem Gleisbett eng verlegt, aber je weiter sie sich vom Bahnhof entfernten, desto größer war der Abstand dazwischen, und dann bogen die Gleise sich in die Höhe. Sie reichten immer höher, erstreckten sich in einem großen Bogen in den Himmel, wie bei einer Achterbahn. Der Himmel war dunkel, und es schneite, sodass nicht zu sehen war, wo die Gleise aufhörten. Doch zwischen den Sternen konnte Margo eine Art Naht am Himmel ausmachen, eine verzerrte, gedehnte Stelle, die ein Stück des bleichen, runden Mondes verwischte. So seltsam diese Welt auch war, der gute alte Mond schwebte ganz vertraut über ihr.

»Kommst du?« Er war schon am anderen Ende des Bahnhofs. Sein Tempo vermittelte den Eindruck, dass er sie einfach hier allein zurücklassen würde, wenn sie nicht Schritt hielt.

Sie rannte durch den leeren Bahnhof und stürzte auf die Straßen von New Davia. Die eiskalte Luft traf sie wie ein Schlag, der Schnee fiel leicht und stetig. Innerhalb von wenigen Minuten klebte Margos Kleid wie eine zweite Haut an ihr. Die zähneklappernde, geradezu verbotene Kälte traf sie unvorbereitet und schmerzhaft. Es war die Art von Wetter, die dafür sorgte, dass einem die Nase abfiel, wenn man noch eine hatte, um damit zu atmen.

Moon war schon ein Stück die Straße hochgegangen. Die Welt war so dunkel, und abgesehen von diesem jungen Mann, war nichts zu sehen. Sie fühlte sich wie in einem Videospiel, einem, das nur schrittweise lädt. Und wie in einem Videospiel blieb er immer mehrere Schritte voraus, gerade nah genug, um greifbar zu erscheinen.

»Kannst du bitte mal warten?«

Er erwiderte irgendetwas, aber der Schnee verschluckte seine Antwort.

»Was?«, rief sie zurück. »Was hast du gesagt?«

Er wiederholte sich nicht. Das erschien ihr unglaublich unhöflich, aber da er in dieser Situation der Überlegene war, besaß er auch die Freiheit, unhöflich zu sein. Schnellen Schrittes ging sie ihm hinterher, ihr Atem durchdrang die Luft in großen, heißen Wolken.

Leise fing sie an zu weinen. Es machte keinen Unterschied. Nicht für den Schnee, nicht für den Weg hindurch.

Also lief sie weiter. Und je weiter sie kam, desto kleiner wurde ihre Hoffnung auf eine Passbehörde mit internationaler Datenbank.

Immer wieder warf ein Laternenpfahl gedämpftes, gelbes Licht auf den kleinen Ort. Denn sie befand sich in einer Stadt, wurde ihr klar: Es gab Geschäfte und Häuser und Schilder, auf denen BROT stand und FUSEL und BENZIN. Es war zu dunkel, um Farben auszumachen, doch sie konnte die glänzenden Stellen erkennen, wo die Häuser gestrichen worden waren, und die grauen, bröckeligen, wo die Farbe abgeblättert war. Das hier war kein reicher Ort. Er war heruntergekommen und gefroren. Düster. Trist. Kerzen leuchteten durch die Fenster, und in den Straßenlaternen brannte Gas. Einen Moment lang überlegte Margo, ob sie vielleicht nicht nur an einem neuen Ort gelandet war, sondern auch in der Vergangenheit. In irgendeinem verlassenen sibirischen Nest um die Jahrhundertwende. Doch wie konnte das sein?

Sie dachte an Geschichten über Zeitreisen, den Schmetterlingseffekt und halb vergessene Videos auf YouTube über Wurmlöcher. Sie arbeitete sich an moralischen Fragen ab, wie Baby Hitler umzubringen. Sie versuchte sich an ihre Vorfahren zu erinnern und dachte an die Möglichkeiten, ihre eigene Existenz zu verhindern. Dann sah sie zu Moon auf, der endlich langsamer geworden war, gerade in dem Moment, als sie fast mit ihm Schritt halten konnte. Die Sache mit Baby Hitler hatte sie in Schwung gebracht. Kurz knallten sie wegen der plötzlich fehlenden Geschwindigkeit gegeneinander, ihre Füße stießen gegen seine Hacken, ihre Stirn landete fast in seinem Nacken. Der Weg war glatt, und Moon fiel beinahe hin, hielt sich aber gerade noch rechtzeitig am Zaun fest.

»Tut mir leid, tut mir leid.«

»Das warst du, oder?« Er wirkte mit einem Mal ganz panisch. »Du bist in mich reingerannt?«

Margo sah sich um, unsicher, ob das eine Fangfrage war. »Ja, entschuldige. Das war keine Absicht.«

Er hielt sich noch einen Augenblick am Zaun fest, sein Gesicht vollkommen ausdruckslos. Er sah so aus, als würde er sich selbst einem Neustart unterziehen. Dann war er wieder da, plötzlich voller Entschlusskraft. Mit einer seltsamen beruhigenden Geste drückte er ihre Schulter.

»In Ordnung«, sagte er. »Alles gut. Weiter geht’s.«

Ihr war nicht ganz klar, was das gerade gewesen war, nur dass es irgendein persönliches Grauen sein musste und dass sie es nicht wieder ansprechen sollte.

Das Mondlicht wurde von der Uhr ihres Vaters reflektiert, die immer noch verlässlich tickte. Sie war um 13:05 Uhr in Cork eingestiegen. Dem Ziffernblatt zufolge war es jetzt gerade mal 14 Uhr. Sie bogen von der breiten Straße ab und in einen schmalen Pfad ein. Im Laternenlicht erblickte sie etwas so Unwahrscheinliches, dass sie bei dem Anblick fast laut aufgelacht hätte.

Orangen.

Überall waren Orangen. Dichte Hecken, undurchdringlich und üppig, säumten den Pfad, und die Beleuchtung bestand jetzt aus Papierlaternen. Überall Orangen. Sie war sich sicher, dass die Früchte eigentlich an Bäumen wuchsen, nicht an Hecken, aber so war es nun mal. Umgeben von leuchtend weißen Blüten strahlten sie so voller Freude, dass sie ihr entgegenzutanzen schienen.

»Orangen«, sagte sie, weil sie an nichts anderes denken konnte. »Orangen.«

Verständnislos sah er sie an. Der Pfad war enger geworden, sodass sie jetzt nah beieinanderstanden. Sie blickte zu ihm auf. Die Narbe war natürlich das Auffälligste an ihm. Eine schmale Mondsichel, das letzte Zwinkern am Monatsende, bevor der Himmel wieder schwarz wurde. Doch draußen sah er anders aus, in der Dunkelheit. Er war weiß, aber mit einem Anflug von etwas anderem, etwas, für das sie keinen Vergleichswert hatte. Seine Haut war leicht silbern, fast fliederfarben. Es war wie eine Sinnestäuschung, eine Farbe, die man nur sehen konnte, wenn man nicht genau hinschaute. Mit seinem Haar war es ähnlich. Im Zug war es von einem gewöhnlichen Braun gewesen, eher lang und wellig. Doch unter den mit Reif bedeckten Laternen brach sich das Licht in seinem Haar und verwandelte die Strähnen in Silberfäden. Nicht grau und drahtig wie bei alten Leuten. Sondern wie fein gesponnenes Silber.

»Du starrst mich an«, sagte er, als sie ihm wieder folgte.

»Nein«, erwiderte sie, obwohl sie das tat. »Ist Moon dein richtiger Name?«

»Nein.« Er sah sie an, als müsste sie das eigentlich wissen. Seinen richtigen Namen sagte er ihr jedoch nicht. »Ist dein richtiger Name Margo?«

»Ja.«

Sie gingen weiter. Ihre Theorien über Zeitreisen und faschistische Säuglinge schob sie beiseite. Sie glaubte nicht wirklich, dass sie in der Vergangenheit gelandet war. Diese Haut, diese Narbe. Der Zaun. Der Neustart. Wenn ein Mensch wie er je existiert hätte, hätte sie davon gehört. Dann hätte sie in der Schule davon erfahren.

Die Orangenhecken hatten sie hinter sich gelassen und fanden sich vor einem großen Haus wieder. Vier Stockwerke hoch, kirschfarben, mit einer Veranda, die um das gesamte Gebäude verlief. Von allen Seiten war es mit allerlei weißen Mustern dekoriert: Wirbel und Blumen, Vögel und untergehende Sonnen.

Obwohl sie fror, Angst hatte und unsicher war, ob es falsch gewesen war, ihm nachzugehen, kam sie nicht umhin zu erkennen, dass sie vor etwas sehr Schönem stand. Nicht allein das Haus war schön, sondern alles um sie herum: die Orangen und ihr freundlicher Duft, die Laternen, die ihr den Weg geleuchtet hatten, und ein Schild, das im Fenster stand, auf dem zu lesen war Handelsreisende sind willkommen – billige Unterkunft.

4Moon

Vesnas Hintertür ist eigentlich der Dienstboteneingang und für Handelsreisende verboten, aber im Austausch für Rabatt auf Rote Kristalle gestattet Vesna mir, durch die Küche reinzukommen. Ich taste nach dem Schlüssel in meiner Tasche. Heimat. Oder vielmehr heimatlich. Irgendwie.

Margo sieht durchgefroren aus und verwirrt, und doch hält mich irgendetwas davon ab, sie zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Vielleicht verhalte ich mich ihr gegenüber komisch. Ich glaube, ich verhalte mich ganz bestimmt komisch. Aber ich habe gleichzeitig das Verlangen, sie so schnell wie möglich loszuwerden und ihr das Haar sanft mit einem Handtuch zu trocknen. Außerdem habe ich gerade einen Semper-Beamten bestochen, was möglichweise mein Untergang sein wird. Tja, insofern ist es schwierig zu wissen, wie ich mich verhalten soll.

»Warte kurz«, sage ich zu Margo. Der Schnee verfängt sich in ihrem dichten Haar, legt sich wie ein Brautschleier darüber, bevor er sich sofort in Wasser verwandelt. Ich wende mich ab.

In der Küche riecht es nach ausgekochten Knochen. Ves steht am Herd, rührt etwas mit der einen Hand und erledigt mit der anderen Papierkram. Ihr großes grünes Kassenbuch füllt sich schnell mit Zahlen, akribisches Krickelkrakel für den schwindelerregenden Schwarm von Summen, den sie im Kopf hat. Die Küche ist der Maschinenraum ihres gesamten Betriebes. Kochen ist dabei das Geringste. Es gibt einen Schreibtisch, wo sie ihre Bestellformulare und Rechnungen verwahrt. Doch weil ein Job allein nicht ausreicht, ist dies auch der Platz, wo sie näht, Tiere häutet und leichte Schmiedearbeiten verrichtet. Es ist nichts Ungewöhnliches, eine Rechnung von Vesna zu bekommen, auf der schwache Spuren von Tierblut zu erkennen sind.

»Da bist du ja«, sagte sie. Als wäre ich ein Knopf, der verloren gegangen ist.

»Hier bin ich«, erwidere ich. Wir nehmen uns in den Arm, so wie Freunde mit ungewissem Schicksal das tun. Ich überprüfe, wie sehr ihre Knochen hervorstehen.

»Deine Post stapelt sich schon. Ich war kurz davor, alles wegzuwerfen«, sagt sie, und ihre Worte sind eine Warnung. Ihr freundliches Herumkommandieren soll meine Panik in Schach halten. Plötzlich habe ich Angst.

»Wie viele Tage war ich weg?«

Ich verlasse kurz die Küche, um einen Blick in das Regal im Flur zu werfen, in mein Fach. Insgesamt sind es zweiundzwanzig Fächer, jedes für einen Handelsreisenden. Handelsreisende unterliegen vielen Regeln, und hier ist noch eine: Man darf keinen festen Wohnsitz haben. Man muss immer in Bewegung bleiben, nie mehr als dreißig Stunden an einem Ort sein. Drei Verwarnungen, und sie entziehen dir deinen Gewerbeschein. Deine Post wird an die Pensionen geschickt. Es ist ein ziemlich enges Netzwerk, diese Herbergen, in denen Handelsreisende übernachten dürfen, also bekommt man seine Briefe früher oder später. Ves war es müde, die immer gleichen Gespräche mit den immer gleichen Herumstreichern zu führen, und hat in jedem Fach einen Messingschieber installiert, der anzeigt, wie viel Zeit vergangen ist, seit ihr Gast das letzte Mal hier übernachtet hat. Jeder Schieber geht bis neunundneunzig, und wenn diese Zahl überschritten ist, wird dein Fach an jemand anderes vergeben, deine Post entsorgt, nachdem sie nach Wertgegenständen durchsucht worden ist.

Es ist nicht so, dass dir etwas Schreckliches passiert, wenn du neunundneunzig Tage weg warst. Das sind einfach ihre Richtlinien, um den Verwaltungsaufwand klein zu halten. Ich setze das nicht aufs Spiel. Es kann lange dauern, bis wieder ein Fach zur Verfügung steht.

Ich überprüfe meinen Messingschieber, befürchte schon das Schlimmste.

Sechsunddreißig.

Ich stoße einen Pfiff aus.

»Wie lange hast du denn gedacht, dass du weg warst?«, fragt sie, schließt das Kassenbuch und legt es in das Regal über ihrem Kopf.

»Ich weiß es nicht«, erwidere ich, und das tue ich tatsächlich nicht. Ich bin auf der Suche nach Ware durch den Norden gehetzt und war dann eine Weile im Osten, um sie zu verkaufen. Es war keine besonders erfolgreiche Reise, wenn ich ehrlich bin. Im Hohen Norden war alles nur zu Wucherpreisen zu haben, und keiner konnte mir erklären, warum. Rote Kristalle kosteten dreimal so viel wie sonst.

»Und wie war es?«

Ich zucke mit den Schultern. »Teuer.«

Sie probiert etwas mit einem Holzlöffel. »Das höre ich gerade ständig.«

»Ves.« Ich gehe meine Post durch, gebe mich ungezwungen. Vesna und ich haben die Art von Beziehung, die in der Lücke zwischen Freundschaft und Familie existiert. Oder vielleicht so: Keiner von uns hat Zeit für Freundschaften, und wir haben beide unsere Familien verloren. »Wie nachsichtig ist deine Laune?«

»So nachsichtig wie immer, Mo«, antwortet sie und zerstößt etwas in einem Mörser. »Also: gar nicht. Willst du diese Bummelantin da draußen weiter im Schnee stehen lassen, oder holst du sie rein?«

»Woher …?«

Mit dem Holzlöffel zeigt sie in Richtung Dachsparren, wie ich sehen kann, hat sie dort Spiegel angebracht. Dünne Streifen aus Glas, die einem nur auffallen, wenn man weiß, dass sie da sind. Mit zusammengekniffenen Augen blicke ich nach oben und kann durch das kleine Fenster gucken, wo Margos Atemwolken gerade noch zu sehen sind.

»Ich muss meine Augen überall haben. Du weißt, wie es ist. Taiyo hat sie angebracht. Na los, ruf sie rein.«

»Woher weißt du, dass es eine Sie ist?«

Ves kneift die Augen zusammen und wirft mir ihren Pensionsmutterblick zu. Nach dem Motto: Jemandem wie mir kannst du nichts vormachen. Ich weiß, was ihr Typen anstellt.

Margo steht in Vesnas Küche und sieht völlig fehl am Platz aus. Ihr Körper, durchgefroren und wachsam, in starrer Pose, wie eine Tänzerin. Die Panik scheint sie aufrecht zu halten, und wenn sie sie loslässt, bricht sie wahrscheinlich zusammen.

»Moon«, sagt Ves in scharfem Ton und dreht sich wieder zum Herd. »Was hast du dir dabei gedacht, sie draußen warten zu lassen? Ihre Lippen sind blau.«

»Ich dachte, ich warne dich erst einmal vor. Margo, warum wärmst du dich nicht am Feuer auf?«

In dem riesigen Kamin brennt es lichterloh. Das muss ich Margo nicht zweimal sagen. Sie zieht sich einen Hocker ran.

Hinter Margos Rücken wirft mir Ves einen Blick zu: Mich warnen?

Margo streckt die Hände aus, reibt sie, um sie wieder aufzuwärmen.

»Ich habe sie im Zug entdeckt«, fahre ich fort, mein Ton leicht. »Es war ziemlich aufregend. Stell dir vor, sie war in einem ganz anderen Zug, auf dem Weg nach … wohin wolltest du fahren, Margo?«

»Nach Dublin«, erwidert Margo. Jetzt, wo sie sitzt, ihr Kreislauf wieder in Schwung kommt, scheint ihr die Situation, in der sie sich befindet, wieder bewusst zu werden. »Aus Cork.«

Vesna ist jetzt einfach nur verwirrt. Sie hat nicht kapiert, dass weder Dublin noch Cork Welten sind, die auf unserer Landkarte auftauchen. Und warum auch? Sie ist keine Handelsreisende.

»Was komisch ist«, sage ich und versuche, beiläufig zu klingen, »weil ich von beiden Orten noch nie etwas gehört habe.«

Dem nie gebe ich eine starke Betonung.

Vesnas Verwirrung verwandelt sich in rasches, dringendes Interesse. Ich behalte sie im Blick, mein strenger Gesichtsausdruck ein wortloses: Pass auf, dass das Mädchen nicht durchdreht.

»Ach«, sagt Vesna und fummelt mit dem Geschirrhandtuch rum. »Na, so was. Da bleibt mir die Spucke weg.«

Margo sieht von ihrem Platz beim Kamin auf. Im Licht von Vesnas Küche kann ich ihren herausgewachsenen Haaransatz sehen, ein ziemlich dicker Streifen ihres ursprünglichen Ichs.

»Tut mir leid – wo habe ich bloß meine Manieren gelassen? Margo, ja? Ich bin Ves. Vesna.«

Ves streckt die Hand aus, und sie schütteln sich die Hände. Vesna ist nur etwa ein Jahr älter als ich, zwanzig oder einundzwanzig, aber das Leben als Pensionswirtin hat dafür gesorgt, dass sie eine Rüstung trägt. Eine zwischen Bemuttern und oberer Führungsebene.

Ves kümmert sich mit viel Aufhebens um das Essen, gibt ihrem Gast ein Handtuch zum Abtrocknen. Unter dem Vorwand, ihr zu helfen, beobachtet sie Margo genau. Jung, verloren, anständig. Das Kind reicher Eltern? Altes Geld, neues Geld?

Und natürlich beobachtet Margo uns auch. Was sieht sie? Eine große, warme Küche und zwei Fremde, deren Worte voller Hintergedanken sind. Ich und mein grässliches Tattoo, mit dreckigen Haaren und müden Augen. Ves, die fast zwei Meter groß ist, mit Haut in der Farbe von Rost und einem geflochtenen Zopf aus blondem Haar. Vesna ist Einwanderin, was bedeutet, dass ihre Narben ihren Körper schmücken, nicht ihr Gesicht. Zwei lange s-förmige Streifen, die unter ihren Schlüsselbeinen eingeritzt wurden.

Margo erzählt: »Eigentlich war ich auf dem Weg ins Internat, aber irgendetwas ist passiert, und … ich glaube, ich bin aus meiner Welt in eure gefallen.«

»Wie … überaus seltsam«, sagt Vesna, unsicher, wie sie darauf reagieren soll. »Nun, das hier ist eine Pension. Normalerweise sind hier nur Handelsreisende zu Gast, aber im Prinzip ist jeder willkommen, nicht, dass jemals jemand anderes auftaucht. Du kannst das Zimmer auf dem Dachboden haben.«

Wer sich mit Pensionen auskennt, weiß, dass es Unglück bringt, auf dem Dachboden zu schlafen. Wenn ein Handelsreisender ans Ende seiner Reise kommt – also entweder der Skipshock oder die Lebensweise an sich ihn eingeholt hat –, dann wird er zur nächstbesten Pension humpeln und um ein Zimmer auf dem Dachboden bitten. Vielleicht bleibt er dort ein paar Wochen oder Monate, doch seine Abmachung mit der Pensionsmutter ist eindeutig. Er ist bereit aufzuhören. In der Regel hat er nicht genug Geld, um die Kosten zu decken, und ohne eigene Familie wird er seine Reisedokumente der Pensionsmutter vermachen, die sie auf dem Schwarzmarkt für eine ordentliche Summe verkaufen wird.

Ist man irgendwie abergläubisch – die meisten Handelsreisenden sind das –, übernachtet man nicht auf dem Dachboden.

»Danke schön«, sagt Margo, und in ihrem Gesicht ist nichts als Dankbarkeit zu sehen. »Weißt du, wie ich nach Dublin kommen kann?«

Vesna runzelt die Stirn, denkt nach. Aber auch sie weiß nicht, wo das ist. »Wie viel Uhr ist es da?«

Die Frage überrascht Margo, doch sie schaut auf ihre Uhr. »Zwei Uhr dreißig.«

»Morgens oder nachmittags?«, fragt Ves.

»Nachmittags.« Margo hält inne und versucht es dann von Neuem. »Wenn du nicht weißt, wo Dublin ist, gibt es vielleicht eine Passbehörde oder eine Art Konsulat, wo ich hingehen kann. Oder vielleicht zur Polizei?«

Als sie das Wort Polizei hört, blickt Vesna zum Spiegel auf. Sie blinzelt Margo an, bedenkt ihre hoffnungsvollen, vorsichtigen Worte, wobei es Ves nicht so sehr um den Inhalt geht, sondern mehr um den Hinweis darin, was für ein Mensch Margo ist. »Komm mal mit. Wir suchen dir was zum Anziehen, und ich zeig dir, wo du übernachten wirst.«

»Übernachten?« Margo ist entsetzt. »Ich muss doch ins Internat.«

»Noch wissen wir nicht, wie wir das hinkriegen sollen«, sage ich so sanft wie möglich. »Bis dahin tun dir eine Mahlzeit und trockene Kleidung sicher gut. Ich muss mich vor dem Abendessen noch frisch machen. Aber Ves gehört zu den Guten und wird sich um dich kümmern.«

»Du kannst in dein übliches Zimmer«, erwidert Vesna und schiebt Margo aus der Küche.

Sie führt Margo durch das riesige Haus, und ich gehe nach draußen, um in den umgebauten Keller zu gelangen. Er ist feucht, eng und hässlich, aber hat seinen eigenen Eingang zur Straße.

Auf dem Weg die Treppe hinunter zu meinem Zimmer geschieht es. Ich kann nicht genau erklären, was, nur dass ich in einem Moment oben stehe, meine Hand am Geländer, und im nächsten auf dem Boden liege. Auf dem harten Beton habe ich mir das Kinn aufgeschlagen, Blut tropft in den Schnee. Mein erster Gedanke ist, dass mich jemand gestoßen hat. Aber wenn dich jemand die Treppe runterschubst, dann weißt du das: Du spürst den Schubser, den Sturz, den langsamen Verlust an Würde, während dein Körper heruntersaust. Jeder fällt in Zeitlupe, jedenfalls in der eigenen Wahrnehmung.

Nein, das hier ist etwas anderes. Ich klopfe mich ab, verletzt und verlegen und zu alt für neunzehn. Was passiert ist: Ich habe kurz das Bewusstsein verloren. Oder: Ich bin eingeschlafen, ohne es zu wollen oder ohne es zu merken.

Im Zimmer gibt es ein Bett, ein Fenster und einen Kamin. Es gibt ein paar Haken, an die man Sachen hängen kann. Eine Metallwanne, um zu baden, und einen Wasserhahn, der den geschmolzenen Schnee von draußen filtert. Ich ziehe mich aus und öffne meinen Koffer. Kleine Beutel mit Allerlei, ordentlich sortiert in schmalen Fächern mit Unterteilern aus Holz und grob alphabetisch geordnet wie auf einem Warentablett. Abelbusch, Axiom, Bronzefrucht, Damapulver. Ich wasche mir die Hände in dem eiskalten Wasser, nehme dann eine Prise Dama und schmiere es in die Schnittwunde auf meinem Kinn. Um das orangefarbene Pulver herum gerinnt das Blut, und es bildet sich umgehend Schorf. Für einen Teelöffel von dem Zeug muss man fünfunddreißig Gen hinlegen, und die Gewinnspanne ist winzig, insofern kann ich es mir nicht leisten, jeden Tag eine Treppe hinunterzufallen.

»Es wird nicht jeden Tag passieren«, sage ich zu niemand Bestimmtem. Dann, lauter: »Das passiert mir nie wieder.«

Mit dem Finger gleite ich zum Fach mit dem K für Kristalle. Rote Kristalle, die nach Fleischabfällen und Schweiß riechen. Sie haben, wie mir mit einem Mal klar wird, fast genau die gleiche Farbe wie Margos Haar. Ich schütte etwas davon in meine Handfläche, zerdrücke die harten Flocken zu Staub und streue sie dann ins Wasser. Mit einer Hand rühre ich einmal um, sehe, wie die Kristalle sich auflösen und das Wasser rosa färben. In zwei Minuten wird es heiß genug sein, um ein Bad zu nehmen.

Doch zwei Minuten reichen genau aus, um über den Schorf an meinem Kinn nachzudenken.

Seit sechs Jahren mache ich diesen Job. Sieben, wenn man meine Lehrzeit bei Mitwatch miteinbezieht. Die Berufslaufbahn eines Handelsreisenden dauert im Durchschnitt ein Jahrzehnt, mehr oder weniger, je nachdem wie viel schlechte Aufträge man erwischt.

Danach steigst du entweder auf oder aus. Suchst dir einen Job in der Beschaffung. Machst ein Büro oder Geschäft auf. Wenn du genug gespart hast. Und wenn nicht? Tja. Dann machst du weiter, solange du noch kannst. Vielleicht schaffst du zwölf Jahre oder fünfzehn. Doch ein Handelsreisender, der zu lang unterwegs ist, ist wie ein Hund, den die Halter nicht einschläfern wollen. Dann ist dir der Skipshock bis in die Knochen gedrungen. Dein Gedächtnis ist hin. Deine Nerven kaputt. Dein Sehvermögen so durcheinander, nach den Jahren mit unzuverlässigen Lichtmustern, dass du deinen Blick nicht mehr auf etwas scharf stellen kannst. Bauchschmerzen. Blutende Gedärme. Bei jedem tritt es anders in Erscheinung, aber es fängt immer gleich an.

Es fängt an, indem man auf der Treppe das Bewusstsein verliert.

Nein, Moon, du machst dir wieder etwas vor. Es hat früher angefangen. Der Schwindel letzten Monat, das blutende Zahnfleisch letzte Woche, der Augenblick am Zaun mit Margo, vor weniger als einer halben Stunde.

Ich hebe das Warentablett aus meinem Koffer heraus, um an die nächste Lage darunter zu kommen. Das Geld von den Verkäufen in diesem Monat. Es ist nicht viel. Jedenfalls nicht genug, um mich rauszukaufen. Aber das ist das Einzige, was jetzt zählt, da ich den Abschnitt meiner Laufbahn erreicht habe, in dem ich die Treppe runterfalle.

Wie viel mir die Allianz wohl für Margo geben wird? Vesna hat sofort verstanden, dass sie wertvoll ist. Sie hat ihr umsonst ein Zimmer gegeben. Vesnas Auskommen ist viel zu gering, als dass sie sich so eine Großzügigkeit leisten könnte.

Vesna wird die Anführer aus der Umgebung zusammenrufen – so viel Einfluss hat sie – und ihnen klarmachen, was für eine Gelegenheit das ist. Der entscheidende Dreh wird wohl sein, zu behaupten, dass Margo mir gehört und ich sie verkaufen kann. Es besteht das Risiko, dass sie Margo einfach überzeugen und sie sich ihnen von selbst anschließt. Dann werde ich von Taiyo ein süffisantes Die Revolution dankt dir für deine Mühen zu hören bekommen und werde für nichts und wieder nichts mein Leben riskiert – und ein Schwein bestochen – haben.

Frische Kleider, Rasierzeug und eine braune Flasche mit etwas Starkem, von dem ich den Namen nicht mehr weiß. Das Badewasser ist jetzt heiß, und ich lasse mich langsam hineingleiten, bis das Wasser mir fast ans Kinn reicht. Die Garikette um meinen Hals taucht ins Wasser ein. Dreißig Perlen, leicht wie Regentropfen.

Mit der einen Hand nestle ich an den Perlen, in der anderen halte ich meinen Drink. Bete im Wechsel zu den Göttinnen und saufe trotzdem. Die Perlen fangen an sich aufzuwärmen, fühlen sich zwischen meinen Fingern wie heiße kleine Käfer an. In ein paar Tagen steht die Waschung an, dann ist die Wartezeit von dreißig Tagen um.

Ich bete den Mond an und all seine Phasen. Ich bete, dass ich mehr angespart habe, als ich glaube. Ich bete, dass der Skipshock mir nicht schon zu sehr zugesetzt hat. Ich bete, dass meine Eltern mir verzeihen werden.

Da sitze ich und schrumpele vor mich hin und wäge alles ab, und während das Wasser immer kälter wird, schwindet auch meine Hoffnung.

5Margo

Vesna führte sie an einer Tür vorbei, hinter der sich männliche Stimmen verbargen. Der Flur roch furchtbar nach Zigaretten, der Rauch strömte aus dem Zimmer der Männer und legte sich auf Gemälde, Haken und die Tapete, die aus Notenblättern zusammengesetzt war. Margo blickte sich nach Steckdosen um, nach Fotos. Da, wo Technologie sein sollte, waren nur Gebrauchsgegenstände. An den Haken hingen nicht nur Hüte und Jacken, sondern auch Aktenkoffer, baumelnde Notizblöcke, Beutel mit Besteck. Mit jeder ihrer Bewegungen schien sie etwas an den Haken durcheinanderzubringen. Vesna führte sie die Treppe hinauf.

»Was hast du noch mal gesagt? Wo kommst du her?«, fragte Vesna, als sie das erste Stockwerk erreichten. Eine magere Ansammlung von Schlafzimmern, manche von ihnen belegt. Vesna pflückte ein Paar Stiefel von einem Haken, das dort an den Schnürsenkeln hing.

Da das Gespräch über Cork und Dublin ein Reinfall gewesen war, versuchte Margo, weiter auszuholen. »Irland?«

»Wie lang ist es da?« Vesna drückte Margo die Stiefel in die Hand. »Hier, die sollten passen.«

»Danke schön«, sagte sie, bezweifelte das jedoch. »Wie bitte? Hast du gesagt, wie lang?«

»Wie lang«, wiederholte Vesna.

Ihr fiel allmählich auf, dass Vesna sehr, sehr genau beobachtete, wie sie reagierte.

»Na ja, es ist ein kleines Land. Im Vergleich zum Vereinigten Königreich. Mein Dad hat gesagt, dass man einen halben Tag braucht, um es der Länge nach zu durchqueren.«

Vesna nickte, obwohl sie kein Wort verstanden hatte, aber genau das schien sie ganz offensichtlich interessant zu finden. Am nächsten Treppenabsatz saß ein Mädchen auf einem dicken Kissen am Fenster und nähte Knöpfe an ein Hemd.

»Ani«, sagte Vesna, »das ist Margo.«

»Hey«, sagte Ani und blickte neugierig auf. Sie sprach mit Akzent, aber Margo konnte ihn nicht einordnen. Ani hatte braune Haut, war sehr hübsch und seltsam gekleidet, dafür, dass sie nähend am Fenster saß. Ihr Augen waren dick mit schwarzem Kajal umrandet, ihr roter Rock bauschig und gerüscht. Sie blickte zu Vesna auf.

»Zwei von uns kannst du nicht haben«, sagte Ani und machte ihre Gebietsansprüche geltend.

»Entspann dich«, erwiderte Vesna. »Niemand will dich ersetzen.«

Vesna nahm einen Stapel Wäsche in die Hände und führte Margo weiter nach oben.

»Du sprichst die Handelssprache«, sagte sie zu Margo. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Wie meinst du das?«

»Du sprichst die Handelssprache, obwohl …«

In dem Moment tauchte plötzlich ein sehr dünner Mann aus seinem Zimmer auf. Es sah aus, als hätte er sich gerade die Hände gewaschen, ängstlich drückte er sie gegen seine Hosenbeine.

»Vesna«, sagte er, begierig sie aufzuhalten. »Kann ich dich unter vier Augen sprechen?«

»Nach dem Abendessen, Heckley«, sagte Vesna und legte ihm eins der Hemden, die Ani gerade genäht hatte, in die Hände. »Kannst du nicht sehen, dass ich in Begleitung bin?«

Der Mann guckte an ihr vorbei und winkte nervös mit den Fingern. »Hallo.« Er nickte Vesna kurz zu, beschämt, dass er überhaupt ihre Zeit in Anspruch genommen hatte. »Nach dem Abendessen. Okay.« Dann verschwand er wieder in seinem Zimmer.

Sie stiegen weiter die Treppe hoch, und Vesna hinterlegte auf dem Weg nach oben in jedem Stockwerk ein paar Hemden, bis sie den Dachboden erreicht hatten. Hier gab es nur ein Schlafzimmer.

»Gleich klingelt die Glocke zum Abendessen«, sagte Ves und machte sich nicht die Mühe, ihr alles zu zeigen. Sie gab ihr die übrigen Kleider von dem Stapel, ein Hemd und ein Paar Hosen. »Groß. Aber wenigstens trocken. Ich werde nicht wieder nach oben kommen, also verlasse ich mich darauf, dass du dein Bettzeug selber wechselst.«

Bettzeug? Sie würde doch wohl kaum lang genug hier sein, dass ihr Bett frisch bezogen werden müsste?

»Wie meinst du das, dass du nicht mehr nach oben kommst?«, fragte Margo. Sie fühlte sich wie eine Missionarin, die zurückgelassen wird, um die Leute in einem weit entfernten Land zu konvertieren. War das hier nicht Vesnas Haus?

Aber Vesna war schon mit leichten, schnellen Schritten halb die Treppen hinuntergegangen.

Eigentlich sollte Margo dankbar für das Schlafzimmer sein und für die Kleider. Schließlich war sie verloren und auf die Güte von Fremden angewiesen. Dennoch konnte sie nur hoffen, dass keiner sie fragte, wie es ihr hier gefiel. Das Zimmer war deprimierend kahl, nicht mal die Tapete aus Notenblättern, die sie unten im Flur bewundert hatte, war hier zu sehen. Der Geruch nach Essen und Tabak war durch das Haus nach oben gezogen, um hier zu verschmelzen, und ihr wurde übel. Es gab zwei Haken und ein schmales Bett und sonst nichts, abgesehen von den Kleidern, die Ves ihr dagelassen hatte.