Skiria - Fran Rubin - E-Book

Skiria E-Book

Fran Rubin

0,0

Beschreibung

Skiria lebt in dem beschaulichen Dorf Runa in Tragonien. Doch als sie unschuldig als Diebin verdächtigt wird, muss sie ihre Heimat überstürzt verlassen. Schutzlos irrt Skiria in den umliegenden Wäldern umher. Als sie in Gefahr gerät, eilt ihr ausgerechnet ein Drache zur Hilfe. Aber auch der Drache Ramin kann nicht verhindern, dass Skiria von Drachenjägern entführt wird. Während Ramin verzweifelt versucht, den Magier Hazaar für ihre Rettung zu gewinnen, macht Skiria in der Hauptstadt Tragoniens Bekanntschaft mit finsteren Gestalten, die das ganze Land in Angst und Schrecken versetzen. Skirias Schicksal führt sie schließlich zum Drachenberg, wo eine menschenhassende Drachenkönigin herrschen soll. Und auch dort gehen sonderbare Dinge vor sich...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 412

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Fran Rubin

Skiria

Am Berg der Drachen

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Tragonien

Prolog

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

Impressum neobooks

Tragonien

Prolog

Nathael spürte einen Windstoß im Rücken, der sein Wams aufblähte, als zöge ein Sturm über das Weizenfeld herauf. Bis zu diesem Moment war es ein wolkenloser, windstiller Frühjahrstag gewesen. Doch nun war das Vogelgezwitscher, das die Feldarbeiten den ganzen Tag untermalt hatte, jäh verstummt.

Irritiert von dem Luftzug und der plötzlichen Stille ließ Nathael die Hacke sinken und sah hinüber zu seinen beiden Kindern, die ein wenig von ihm entfernt am Rande des Ackers standen.

Sein Sohn Janus schrie ihm etwas zu, doch Nathael konnte ihn nicht verstehen. Janus’ Schwester Skiria schlug die Hände vor den Mund, als sei sie Zeugin eines schrecklichen Vorfalles. Mit ausgestrecktem Arm deutete Janus schräg nach oben. Der Wind ließ Nathaels Hemd flattern.

Langsam drehte sich Nathael um und tastete dabei unwillkürlich nach dem Messer, das stets in seinem Hosenbund steckte. Er bereitete sich auf einen Kampf vor. Wer immer ihn bedrohte, sollte kein leichtes Spiel haben. In den vielen Jahren seines Lebens hatte er mehr als einmal bewiesen, dass ihn keiner so leicht besiegen konnte. Diebe und Raufbolde hatte Nathael zur Genüge in die Flucht geschlagen.

Doch hinter ihm stand kein Gauner, der nach seinem Hab und Gut gierte und auch kein streitlustiger Trunkenbold. Ein Schatten fiel auf ihn, als verdunkele eine Wolke die Sonne. Er blickte nach oben. Was Nathael dort sah, ließ ihn für einen Moment an seinem eigenen Verstand zweifeln.

Er hatte von diesen Geschöpfen gehört, die Geschichten darüber jedoch stets für baren Unfug gehalten. Unsinniges Geschwätz besoffener Männer, die sich wichtig machen wollten.

Das Ungeheuer stand mehrere Armlängen von ihm entfernt in der Luft und wartete scheinbar einen günstigen Augenblick ab, um von dort herabzustoßen. Sein Flügelschwingen fachte ihm kühle Luft zu. Nathael fröstelte. Für einen Moment empfand er Faszination. Nie zuvor war ihm etwas derart Schreckliches begegnet, das gleichzeitig eine so vollkommene Schönheit ausstrahlte. Die Sonnenstrahlen ließen die grauen Schuppen des Drachen grünlich schillern.

‚Wie Smaragd’, dachte Nathael und wunderte sich, welche Gedanken ihm durch den Kopf schossen, während er sich in Lebensgefahr befand. Gegen die monströsen Klauen des Ungetüms wirkte Nathaels Messer beinahe lächerlich. Aus scheinbar weiter Ferne drangen die Rufe der Kinder an sein Ohr.

Als der Drache herabstieß, rannte Janus los, um seinem Vater beizustehen. Nathael warf sich in eine Ackerfurche, um den Krallen zu entgehen, die sich wie Krummdolche aus den Pranken des Ungetüms bogen, doch sie erwischten ihn an der Schulter. Wie mit einem unsichtbaren Pinsel gemalt, breiteten sich auf Nathaels Gewand rote Spuren aus. Schreiend zuckte er in den Fängen des Ungeheuers, das Flügel schlagend darum kämpfte, mit seiner Beute in die Luft zu gelangen.

Während Skiria wie erstarrt Nathaels Martyrium verfolgte, erreichte Janus seinen Vater zu spät. In der Hoffnung, der Drache stiege so langsam auf, dass er Nathaels Beine noch greifen und ihn befreien könne, streckte der Sohn verzweifelt seine Arme aus. Sie verfehlten ihr Ziel um Längen.

I.

Zwei Jahre später

Skiria schlenderte über den Marktplatz, vorbei an Händlern, die lauthals ihre Ware anpriesen, an grunzenden Schweinen und duftenden Pilzen. Dieser Ort faszinierte das Mädchen bei jedem Besuch erneut, obwohl sie sich die meisten der angebotenen Güter nicht leisten konnte. Auch an dem ausladenden Obststand des Gutsbesitzers Nestor Gamm ging sie schweren Herzens vorbei, denn für seine makellosen Früchte verlangte Gamm sehr viel. Zu seinen Stammkunden gehörten die angesehensten Familien des Dorfes - Skiria hatte noch nie etwas bei ihm gekauft.

Doch wenig später blieb sie vor einem Tisch stehen, auf dem sich Honiggläsern stapelten, deren Preis ihr erschwinglich schien. Schnell wurde sie sich mit der Marktfrau einig und ließ die Leckerei in ihrem Weidenkorb verschwinden.

Gut gelaunt verließ Skiria den Markt und begab sich auf den Heimweg. Im tief stehenden Sonnenlicht wirkten die kalkweißen Mauern der Häuser Runas wie frisch gestärkte Leinentücher. Lange Zeit begegnete ihr niemand auf den einsamen Nebenstraßen. Als sie jedoch plötzlich trappelnde Schritte hinter sich hörte, schaute sie sich um. Ohne von Skiria Notiz zu nehmen, lief eine kleine, ausgemergelt wirkende Frau heran, die sie bereits einige Male im Dorf gesehen hatte. Ihren Rock hielt sie an beiden Enden hoch, als diene ihr dieser Teil ihres Kleides als Behältnis.

Als sie an Skiria vorbei rannte, stießen ihre Ellbogen gegen das Mädchen, das ihr scheinbar im Weg stand. Dabei glitt der Stoff aus ihren Fingern, sodass der Inhalt ihres Rockschoßes auf die Straße kullerte.

„So bleib doch stehen!“, rief Skiria ihr nach, „Deine Äpfel!“

Aber die Frau reagierte nicht. Stattdessen bog sie flugs in eine Seitengasse ab und ließ Skiria inmitten der am Boden liegenden Äpfel stehen. Kopfschüttelnd sah sie ihr nach, bevor sie sich bückte, um das Obst aufzuheben, das sich, abgesehen von einigen angeschlagenen Stellen, in hervorragendem Zustand befand. Es wäre eine Schande gewesen, es einfach liegen zu lassen. Konzentriert sammelte sie die Früchte ein und merkte dabei nicht, dass Nestor Gamm seinen Marktstand verlassen hatte und auf Skiria zueilte. Erst als er keuchend vor ihr stand, blickte sie überrascht auf.

„Was“, hechelte er, „was machst du mit meiner Ware?“

Verwirrt sah sie auf.

„Verzeihung, ich wusste nicht, dass es deine sind. Hier, nimm sie dir ruhig“, entschuldigte sich Skiria rasch, denn sie wollte diesen im Dorf äußerst angesehenen Mann keinesfalls verärgern. Doch als sie ihm einen der Äpfel reichen wollte, packte Nestor grob zu.

„So leicht kommst du mir nicht davon!“, polterte er.

Seine Gesichtsfarbe erinnerte dabei an Beerenmus und die winzigen Äuglein wirkten, als lugten darin gerade noch zwei faulige Früchte hervor. Wie Fesseln hielten seine grobschlächtigen Hände Skirias Unterarm umklammert.

„Du hast nicht dafür bezahlt, stimmt’s?“, fragte er sie drohend.

„Aber nein, es ist anders, als du denkst. Die Frau...“

„Kleines Miststück!“, unterbrach Gamm sie barsch. „So zu lügen. Das werde ich dir austreiben!“

„Das ist ein Missverständnis“, versuchte Skiria ihn aufzuklären. Der Schreck und die Empörung über die Anschuldigung ließen Tränen in ihre Augen treten. Nestor Gamm schien das zu freuen. Sein dickes Gesicht beugte sich über ihres, versucht, die Nase in ihrem duftenden Haar zu vergraben.

„Na, mein Fräulein, wer wird denn gleich weinen“, säuselte er und blies dabei muffigen Atem in ihr Antlitz. „Du kannst dich ganz einfach revanchieren, dann vergessen wir diesen kleinen Vorfall.“

„Wie?“, erkundigte sich Skiria Hoffnung schöpfend. Nestor grinste dreckig.

„Komm heute Abend in mein Gemach. Es dauert auch nicht lange.“

Die junge, schlanke Skiria stellte eine willkommene Abwechslung für Nestor dar, dessen Frau den Taillenumfang eines hundertjährigen Eichenstammes besaß. Wie jeden Abend bediente die stämmige Matrone auch heute in der örtlichen Dorfschenke, sodass sie ungestört sein würden. Erwartungsvoll blickte Gamm auf die vermeintliche Diebin, die sich in seinem Griff wand. Er wähnte sich bereits sicher, dass Skiria zu ihm käme, denn jeder wusste von seinem guten Verhältnis zu den wichtigsten Personen des Dorfes. Gewiss interessierte den hiesigen Wachmann, dass eine Diebin in Runa ihr Unwesen trieb. Schon zog er Skiria mit sich, doch das Mädchen beendete seine Vorfreude jäh und spie ihm mitten ins Gesicht.

„Niemals würde ich das tun“, schleuderte sie ihm entgegen.

Für einen Moment fassungslos, begriff Nestor nur langsam diese ungeheure Frechheit, während etwas Nasses unterhalb seines rechten Auges hinab lief. Als Gamm sich mit dem Ärmel über seine feiste Wange wischte, nutzte Skiria die Gelegenheit, um sich loszureißen. Geschwind lief sie davon und bog in die nächste Gasse ein, begleitet von Nestors donnernden Flüchen, die zwischen den Häuserwänden widerhallten.

Er schien sie nicht zu verfolgen. Immer wieder blickte sich Skiria um, doch von der untersetzten Gestalt war nichts zu sehen. Sicher wusste Nestor, dass ihr schlanker Körper zu flink für ihn war. Trotzdem lief Skiria erst langsamer, als das kleine Haus zu sehen war, das sie zusammen mit Janus bewohnte. Die Tür knallte hinter ihr zu. Keuchend legte sie die Hände auf ihre Oberschenkel und wartete, bis ihr Atem sich beruhigte. Es war töricht von ihr gewesen, einen so wichtigen Mann zu bespucken. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Wenn wenigstens ihr Bruder hier gewesen wäre, doch Janus arbeitete noch auf dem Feld.

Ein wenig später beschloss Skiria, das Abendessen vorzubereiten und ging zu dem Schrank, in dem einige Vorräte lagerten. Als sie an dem kleinen Fenster vorbeikam, nahm sie draußen eine Bewegung wahr. Sie wagte kaum, hinauszusehen. Bestimmt kam Janus etwas früher nach Hause, versuchte sie sich zu beruhigen. Langsam drehte sie ihren Kopf, um durch das Glas zu blicken.

Es waren gleich mehrere Männer, die sich zwar noch etwas entfernt, jedoch eindeutig auf dem Weg zu ihr befanden. Die königsblaue Uniform des Wachmannes stach aus der Menge der tristen Joppen hervor, mit denen seine Begleiter bekleidet waren. Dazwischen wehte die weiße Haarpracht des Dorfältesten, der entschlossen wirkend neben Nestor Gamm einherschritt.

Skiria verließ ihr Heim durch die Hintertür und begann zu rennen, doch ihr Fluchtversuch blieb nicht unbemerkt.

Skiria fühlte sich wie ein wildes Tier, verfolgt von einer Horde Jäger, von denen jeder die begehrte Trophäe ergattern wollte. Bald schmerzten ihre Beine, ihr Atem rasselte. Doch sie durfte nicht aufgeben. Auf Diebstahl standen schwere Strafen. Doch nicht nur die körperlichen Qualen, die ihr bei einer Verurteilung bevorstünden, ängstigten sie. Ihr Ruf im Dorf wäre für immer beschädigt. Niemand würde mehr ihr Getreide kaufen, sodass Janus und sie kein Einkommen mehr hätten.

Unter ihren Füßen knisterte verdorrtes Gras. Der Sommer hatte dieses Jahr eine langanhaltende Hitzeperiode gebracht. Noch waren die Tage heiß und die Nächte lau, doch die Bürger des Dorfes Runa ahnten, dass sie sich bald auf kühlere Temperaturen einstellen mussten.

Hinter der Wiese erhoben sich die Baumkronen des Waldes, in deren verblichenes Grün sich bereits bunte Farbtupfen mischten. Zielstrebig hielt Skiria darauf zu - ihre einzige Chance, den Männern zu entwischen. Keiner von ihnen brächte den Mut auf, ihr in den sagenumwobenen Hain zu folgen. Zu sehr fürchteten sich selbst gestandene Kerle vor dem Ungewissen, das hinter den Bäumen lauerte.

Im Dorf schärften die Mütter bereits Kleinkindern ein, sich niemals in den Wald zu wagen, und Väter bekamen Wutanfälle, wenn sie ihre Söhne dabei erwischten, Mutproben zu veranstalten, die zum Ziel hatten, möglichst weit ins Unterholz vorzudringen. Skiria war noch ein kleines Kind gewesen, als ein Knabe namens Ogrin allein in den Wald gelaufen war. An die bangen Tage des Wartens konnte sie sich gut erinnern. Einige Mutige hatten zumindest einen breiten Gürtel am Rande des Waldes durchkämmt. Vergebens. Von Ogrin war niemals eine Spur gefunden worden.

Was genau in dem Hain vor sich ging, konnte niemand genau sagen. Und von den Gestalten, die darin lebten, hatte Skiria nur eine vage Vorstellung. Doch eines wusste sie gewiss: Vor ihren Verfolgern sollte sie dort sicher sein.

Skirias Vorsprung schien zu schmelzen. Als überzögen unvermittelt Wolken das Firmament, fiel jäh der Schatten der Bäume auf sie. Die Jäger blinzelten gegen das Sonnenlicht und erkannten gerade noch den hüftlangen Zopf, der um ihre Hüften tanzte, bevor das Mädchen in die unbekannte Wildnis entschwand.

Skiria suchte sich einen Weg zwischen den Stämmen der Buchen, durch deren Kronen wenige Sonnenstrahlen einfielen. Beinahe mit jedem Schritt, den Skiria zurücklegte, schien sich ihre Umgebung jedoch zu verfinstern, bis schließlich kaum mehr Tageslicht durch das dichte Blätterdach drang. Aus der Ferne hallten ihr erzürnte Rufe nach, die sie aufforderten, sofort stehen zu bleiben. Skiria hätte unter anderen Umständen nie gewagt, sich den obersten Männern des Dorfes zu widersetzen, doch dieses Mal dachte sie nicht daran, ihnen zu gehorchen.

Moos bedeckte nun den Boden, in dem Skirias Füße bei jeder Berührung versanken. Dicke Wurzeln ließen sie immer wieder stolpern, und es schien fast, als versperrten ihr die mächtigen, uralten Bäume absichtlich den Weg. Ihr knöchellanges Kleid aus derbem, braunen Leinen eignete sich kaum für einen solchen Hindernislauf. Zuweilen verfing es sich in dornigen Brombeersträuchern oder blieb an niedrigen Zweigen hängen, sodass Skiria das Gewand schließlich bis zur Hüfte raffte und mit einer Hand dort festhielt, um nicht zu straucheln. Sie musste tiefer in den Wald hinein. Was immer sie dort erwarten mochte, erschien im Augenblick leichter zu ertragen als die aufgebrachten Menschen, die nach ihrem Leben trachteten.

Die Rufe der Männer klangen zunehmend gedämpfter, als vergrößere sich die Entfernung zwischen ihnen und Skiria zunehmend. Sie hoffte inständig, ihnen doch noch zu entkommen und rannte, so schnell sie nur konnte, weiter in das unwegsame Gebiet hinein.

Bald hörte Skiria von ihren Verfolgern keinen Laut mehr. Nadelhölzer mischten nun ihr dunkles Grün unter die Laubbäume, das in der Dämmerung beinahe schwarz wirkte. Tannenzweige peitschten ihr ins Gesicht. Schließlich blieb Skiria stehen, um endlich ein wenig Atem zu schöpfen. Eine zu lange Pause wollte sie sich aber nicht gönnen. Sie würde einfach ein Stück gehen. Zu laufen schien ihr nicht mehr erforderlich.

Der nächste Schritt führte abwärts. Unwillkürlich entfuhr dem Mädchen ein überraschter Schrei. Ein wenig Geröll löste sich, auf dem Skirias Fuß ein Stück nach unten rutschte. Beinahe verlor sie dabei das Gleichgewicht; sie ruderte mit den Armen, bis es ihr gelang, das Bein wieder zurückzuziehen.

Vor Skiria lag ein steiler Abhang.

Was sie dort unten erwartete, konnte sie nur schlecht erkennen, denn die hereinbrechende Nacht hüllte den Hang bereits in Finsternis. Einzig Schatten von zerklüfteten Steinen ragten aus dem abschüssigen Gelände hervor. Einen Moment horchte Skiria noch in den Wald hinein, bevor sie vorsichtig wieder einen Fuß auf den Abhang setzte. Steinerne Grate drückten sich durch die dünnen Ledersohlen, als sich ihre Füße langsam vorwärts tasteten. Wie es schien, hatten die Männer ihre Spur verloren, doch gewiss suchten sie immer noch nach ihr. Ein vorstehender Felsen bot ein von oben uneinsehbares Versteck, sodass sie beschloss, hier die Nacht zu verbringen. Erleichtert ließ sie sich unter der Felsplatte nieder. Dieser Ort vermittelte ihr zumindest ein wenig Sicherheit. Genug, um sich von der strapaziösen Flucht zu erholen und abzuwarten, bis ihre Verfolger aufgaben.

Langsam beruhigte sich Skirias Herzschlag. Nun, da die Nacht hereinbrach, wuchs ihre Zuversicht, dass an diesem Ort niemand mehr nach ihr suchte. Dennoch durfte sie nicht unvorsichtig werden. Schaudernd erinnerte sie sich an das höhnende Gesicht Nestor Gamms, sah sein Doppelkinn vor sich, das seinen Hals verdeckte und bei jedem seiner Worte waberte wie Grütze. Nach den Vorfällen des heutigen Tages würde er Skiria beim Richter anklagen und sich dafür einsetzen, dass ihr schwere Strafen zuteil wurden.

Die Dunkelheit legte sich wie ein schwarzes Tuch über den Wald, und Skiria versuchte vergeblich, zur Ruhe zu kommen. Nach einer Weile wagte sie endlich, aus ihrer Kauerstellung in eine bequemere Position zu wechseln, sodass sie nun mit ausgestreckten Beinen auf dem harten Grund lag. Doch der ersehnte Schlaf stellte sich nicht ein. Angespannt horchte Skiria auf die nächtlichen Geräusche, über deren Herkunft sie nur spekulieren konnte. Beunruhigt vernahm sie ein Gurren; das darauffolgende langgezogene Heulen verursachte ihr Gänsehaut. Als hockten in den Bäumen, hinter den Sträuchern und unter den Steinen fremdartige Kreaturen, die nur darauf warteten, dass sie einschlief, um sodann über ihr Opfer herzufallen. Immer wieder richtete sich Skiria auf, ließ ihren Blick umherschweifen, obwohl dies in der Dunkelheit wenig nützte. Hielte sich jemand nur wenige Fuß von ihr entfernt auf, so gäbe die Finsternis nicht einmal seine Silhouette preis. Erst nach Stunden nickte sie endlich ein.

Am nächsten Morgen schmerzten Skirias Glieder. Auch wenn die dünne Matratze aus Stroh, auf der sie sonst ihre Nächte verbrachte, wenig Komfort bot, so ließ es sich darauf doch besser schlafen, als auf dem kargen Felsenuntergrund. Sie sah sich um. Zehn Fuß unter ihr erstrahlte eine Auenwiese im Tageslicht, die derart sonnenüberflutet einen weitaus freundlicheren Eindruck erweckte als noch am Vorabend. Durch das Gras wand sich ein kleiner Bach. Skirias Rachen fühlte sich plötzlich so trocken an, als hätte seit Tagen kein Tropfen Wasser mehr ihren Gaumen berührt. Rasch erhob sie sich und stieg vorsichtig den Abhang hinunter. Morgentau haftete an den Gräsern, sodass die Nässe bald durch Skirias dünnes Schuhwerk drang. Immer wieder sah sie sich nach allen Richtungen um, konnte jedoch niemanden entdecken. Am Bach angekommen, fiel Skiria erleichtert auf die Knie und fing Wasser in ihren Handflächen auf, das sie gierig schlürfte. Ihr sorgsam geflochtener Zopf hatte sich durch die wilde Flucht weitgehend aufgelöst, sodass das helle Haar zerzaust wirkte. Sie bemühte sich, ihre Frisur mit den Fingern zu glätten und versuchte, einen Blick auf ihr Spiegelbild zu erhaschen, aber das fließende Wasser verzerrte ihr Gesicht zu einer undeutlichen Fratze.

Skirias Mutter hatte sie stets dazu angehalten, jeden Morgen mit einer gründlichen Reinigung zu beginnen. Also schlüpfte sie aus ihren Schuhen, knöpfte das Kleid auf und streifte es über den Kopf. Zögernd legte Skiria schließlich ihr Unterkleid ab, nicht ohne sich vorher zu vergewissern, dass niemand sie beobachtete. Einmal mehr wurde ihr bewusst, wie sehr sich ihr Leib in der letzten Zeit verändert hatte. Mit einer Mischung aus Stolz und Scham kreuzte Skiria ihre Hände vor den zarten Wölbungen ihrer Brüste und schritt hinab zum Ufer. Als ihr Fuß in die Wasseroberfläche eintauchte, verzog sich ihr Gesicht ob der Kälte des Baches. Dennoch stand sie schließlich bis zu den Knien im Wasser, bückte sich und schaufelte das kühle Nass über ihre Haut, um sorgsam den getrockneten Schweiß abzuwaschen.

Das nachtschwarze Augenpaar, das sich hinter den Bäumen des angrenzenden Waldgebietes verbarg und Skiria eindringlich musterte, bemerkte sie nicht.

Ein wenig später verließ sie die Lichtung und begab sich in den Schatten der angrenzenden Bäume, wo es kühler und dunkler war. Ob sie jemals nach Runa zurück fände? Doch selbst, wenn ein breiter Weg geradewegs dorthin führen würde, musste sie der Versuchung widerstehen, in die Heimat zurückzukehren. Zu sehr fürchtete Skiria die Folgen des vermeintlichen Diebstahls. Aber wohin sollte sie stattdessen laufen? Konnte ein Mädchen in dieser Wildnis überleben?

Um diese Frage zu beantworten, wusste Skiria viel zu wenig über diese Gegend. Sie kannte nur einige unglaubwürdige Geschichten und die Warnungen ihrer Eltern, die ihr immer nahegelegt hatten, sich bloß nicht zu tief in den Wald zu wagen.

Hinter ihr raschelte es. Erschrocken fuhr sie herum, nur um zu sehen, wie einige herbstlich verfärbte Blätter durch die Luft segelten und sich zu ihren vertrockneten Vorgängern gesellten. Erleichtert wandte sich Skiria nach Westen. Eine gebührende Entfernung zu dem Dorf zu erreichen, schien zunächst das wichtigste Ziel.

Entschlossen setzte sie ihren Gang fort. Halb verdeckt von Moos schimmerte eine samtige Steinpilzkappe aus dem Dickicht hervor. Obwohl sie kaum Hunger verspürte, griff Skiria nach dem kleinen Messer in ihrer Rocktasche, bückte sich und kappte den dicken Stiel. Als sie ihn in Stücke schnitt, fiel ihr weißes, festes Fleisch entgegen. Hastig verschlang sie es, wenn auch ohne Appetit. Ihr Vater hatte sie gelehrt, giftige und ungenießbare von den essbaren Pilzen zu unterscheiden. Die Erinnerung an ihn flammte schmerzhaft auf. Wenn er jetzt doch nur hier wäre. In Gedanken war sie auch ganz bei Janus. War es richtig gewesen, ihn allein im Dorf zurückzulassen? Doch ihr Bruder war stark und ließ sich nicht so leicht etwas gefallen. Er würde sich gegen die üble Rede der Dorfbewohner zur Wehr setzen. Vor den Strafen konnte Janus sie allerdings nicht bewahren, sodass es schon deswegen nicht in Frage kam, zurückzukehren. Vielleicht irgendwann einmal, wenn der Vorfall in Vergessenheit geraten war, aber noch nicht jetzt.

II.

Janus sorgte sich. Erst spät abends war er von der Feldarbeit heimgekehrt, voller Vorfreude auf das gemeinsame Abendessen mit seiner Schwester, die den Acker früher verlassen hatte, um auf dem Dorfmarkt noch einige Lebensmittel zu erstehen. Doch als Janus die Tür zu der ärmlichen Hütte aufstieß, stellte er überrascht fest, dass ihn weder ein Essen, noch Skiria erwarteten. Ungewöhnlich, dass sie so lange fort blieb. Er setzte sich an den ungedeckten Tisch und überlegte, was der Grund dafür sein konnte, dass seine Schwester nicht schon viel früher heimgekehrt war. Doch zu warten und untätig herumzusitzen ertrug Janus nicht lange. Entschlossen blies er sich einige sonnengebleichte Haarsträhnen aus dem Gesicht, sprang auf und verließ eilig das Haus.

Den Marktplatz fand er leer vor. Die Händler, die tagsüber lauthals ihre Ware anpriesen, hatten den Markt längst verlassen. Im fahlen Mondlicht wirkten die schemenhaften Umrisse der Stände wie Grabmäler, die über dem kopfsteingepflasterten Platz aufragten. Der kühle Abendwind hatte den aufdringlichen Geruch vom Blut geschlachteter Schweine und der Barben, die tagsüber der Länge nach aufgeschlitzt an langen Schnüren hingen, fortgeweht. Gewandt schlängelte sich Janus durch die eng gestellten Buden, sah hinter Bretterverschlägen und unter Tischen nach, aber außer einer alten Frau, die mit einem schmutzigen Lappen ihren Tresen schrubbte, konnte er niemanden entdecken.

„Hast du meine Schwester gesehen?“, fragte Janus, doch statt einer Antwort spuckte das Marktweib verächtlich auf den Boden. Für einen Moment war er erstaunt, kam jedoch dann zu dem Schluss, dass die Alte nicht ganz bei Trost sei.

„Recht vielen Dank auch für die nette Auskunft“, rief er ihr zu und ging davon, nicht ohne eine hässliche Grimasse zu schneiden. Die Frau putzte weiter, als hätte sie seine Worte überhaupt nicht vernommen.

Schnellen Schrittes verließ Janus den Markt und folgte der menschenleeren Straße, vorbei am Dorfschmied, am Krämerladen und der hiesigen Wachstube. Unter einem gedrechselten Schild, das an einer Holztür angebracht war und einen gut eingeschenkten Humpen zeigte, blieb er schließlich stehen. Auf den Fensterbrettern des Gebäudes brannten Kerzen und erhellten den Raum ein wenig, sodass Janus deutlich die Männer erkennen konnte, die sich dahinter eingefunden hatten. Gedämpft drang Stimmengewirr aus der Schenke, Treffpunkt für Trunkenbolde, Großmäuler oder jene, die nur ein wenig Zerstreuung suchten, um still bei einem kühlen Bier den Arbeitsalltag ausklingen zu lassen.

Kurzentschlossen stieß Janus die Tür auf. Ein Schwall verbrauchter, heißer Luft wehte ihm entgegen, als er das Lokal betrat. Nestor Gamm, der am Tresen saß und seinen Ärger mit einem großen Schluck Gerstensaft hinunterspülte, erkannte den jungen Mann aus den Augenwinkeln. Sein Humpen knallte so heftig auf den Schanktisch, dass der Inhalt überschwappte und sich auf den Fußboden ergoss. Ohne davon Notiz zu nehmen, erhob sich Gamm mit grimmiger Miene. Er torkelte ein wenig, als er sich auf Janus zu bewegte.

„Wo ist deine verdammte Schwester?“, lallte der Gutsbesitzer. Janus stutzte.

„Was fällt dir ein, so von Skiria zu reden!“

Nestor Gamm stellte sich dicht vor Janus auf und blies ihm seinen übel riechenden Atem ins Gesicht.

„Gib’ zu, du versteckst sie! Also, wo ist die Diebin?“

„Von was redest du überhaupt, meine Schwester ist keine Diebin!“, rief Janus erbost und erhob vorsichtshalber die Fäuste.

„So? Meinst du?“, mischte sich ein kräftiger, junger Mann ein, der an einem der roh behauenen Holztische zu seiner Rechten saß. „Da täuscht du dich aber gewaltig. Nestor hat das Luder auf frischer Tat ertappt..“

„Halt deinen verlogenen Mund, Raul! Sie würde niemals stehlen.“

„Und was denkst du, warum das halbe Dorf hinter ihr her war? Die Närrin ist in den Wald gerannt!“

Gelassen mischte sich nun der Dorfälteste ein, der mit Raul an einem Tisch saß: „Wenn einer wissen sollte, wo sie ist, bist du es, Janus“, sprach er ruhig. „Es hat keinen Zweck, es zu leugnen. Wir werden es früher oder später erfahren, glaube mir. Also, wo ist sie jetzt?“

Janus Gesicht nahm einen Ausdruck an, der davon zeugte, dass er im nächsten Augenblick auf den Greis losgehen wollte.

„Seid ihr alle verrückt geworden? Was ist hier überhaupt los?“

Doch er bekam keine Antwort. Stattdessen erhoben sich fünf Männer, darunter der muskelbepackte Raul, und starrten Janus feindselig an. Nestor, der immer noch neben ihm stand, griff plötzlich nach Janus’ Arm.

„Lass mich los, Fettwanst!“, rief Janus und schubste ihn weg.

Krachend stürzte der Gutsbesitzer gegen den Tresen, versuchte, sich an dessen Kante festzuhalten, rutschte aber schließlich ab und blieb wimmernd auf dem grauen Steinboden liegen. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf Janus. Die anderen Männer zogen ihren Kreis enger. Der Wirt beobachtete, wie sich seine Gäste angriffslustig um Skirias Bruder scharten und fürchtete bereits um sein Inventar. Erleichtert verfolgte er, wie die Männer Janus trotz dessen massiver Gegenwehr rasch überwältigten und ihm die Arme auf den Rücken drehten. Raul fluchte laut, als Janus gegen sein Schienbein trat, doch irgendjemand hielt einen Strick parat, mit dem sie ihn schließlich fesselten. Johlend schleifte die Meute Janus zur Tür hinaus.

Als Janus spät am Vormittag erwachte, gelang es ihm nur mit Mühe, die zugeschwollenen Augen einen Spalt breit zu öffnen. Sein ganzer Leib schmerzte. Vorsichtig setzte er sich auf und tastete über das verkrustete Blut seiner Lippen, die sich anfühlten wie geplatzte Kochwürste. Die halbe Nacht hatte er Prügel bezogen, bis die Männer endlich überzeugt waren, dass Janus wirklich nicht wusste, wo sich seine Schwester versteckte. Schließlich hatten sie ihn gehen lassen.

Janus setzte sich vorsichtig auf. Unüberhörbar rumpelte es in seinem Bauch. Auf der Anrichte stand ein Glas Honig neben einem ganzen Wecken Brot, nicht mehr ganz frisch, jedoch noch weich und angenehm duftend, als er ihn anschnitt. Mit der Spitze der Waffe fischte er etwas Honig aus dem Gefäß und verteilte ihn auf dem Brot. Ohne wirklich zu genießen, biss er große Stücke ab und verschlang sie gierig.

Das Waldgebiet erstreckte sich über weite Teile des Landes. Wie ein riesiger grüner Mantel bedeckte es beinahe ganz Tragonien. Im Westen lag ein Gebirgsmassiv, dessen höchste Gipfel sich an klaren Tagen weit sichtbar vor dem blassen Horizont erhoben, dahinter die Hauptstadt Umiena, Ziel von Händlern und Reisenden. Die meisten der Dorfbewohner kannten Umiena nur aus Erzählungen. Viele Bürger zogen die beschauliche Ruhe des Dorfes der Betriebsamkeit einer Stadt vor, in der so viele Menschen lebten, wie es sich kaum jemand vorstellen konnte, der aus einer kleinen Gemeinde wie Runa stammte. Und der Gedanke, für die Reise in die Hauptstadt den Wald betreten zu müssen, erschien für viele undenkbar, obwohl kaum einer jemals eines der Wesen, die sich dort verbergen mochten, gesehen hatte.

Janus wusste sehr wohl, welch furchterregende Kreaturen der Wald beherbergte. Mit eigenen Augen hatte er verfolgen müssen, wie ein schreckliches Ungetüm den Wald für wenige Minuten verlassen hatte, um sich ausgerechnet seinen Vater als menschliche Nahrung auszusuchen.

Als der Drachen damals am abendlichen Himmel verschwunden war, hatte Janus bereits geahnt, dass niemand Nathael mehr helfen konnte.

„Ein Drache, wie schrecklich. Es tut mir sehr Leid“, hatte ihm der Dorfälteste zugeflüstert, den er um Hilfe gebeten hatte, während andere schulterzuckend erklärten, da könne man wohl nichts mehr machen.

Janus konnte die Vorstellung kaum ertragen, dass womöglich auch Skiria in die Fänge eines dieser Ungeheuer geraten war. Dennoch versuchte er, sich zu beruhigen. Er nahm sein Kurzschwert und ließ es in die Scheide gleiten, die er sich um die Hüfte schnallte. Einen kleinen Lederbeutel füllte er mit einigen Haselnüssen sowie etwas Silbergeld, bevor er die Tür aufdrückte und das Haus verließ.

Draußen sah sich Janus nach allen Seiten um. Niemand hielt sich auf dem kleinen Pfad auf, der zu ihrer Hütte führte. Schnellen Schrittes betrat er die angrenzende Wiese, der kürzeste Weg, um in den Wald zu gelangen. Er musste seine Schwester finden, bevor ein Unglück geschah.

III.

Liebevoll betrachtete Rabanus sein glänzendes Schwert. Ein letztes Mal spuckte er auf die Klinge und polierte mit einem Lappen kräftig nach, bevor er es in die Scheide steckte, die an einem Kreuzgurt auf seinem Rücken befestigt war. Heute würde er ihn kriegen. Seine vollen Lippen verzogen sich bei diesem Gedanken zu einem breiten Lächeln. Sollten die anderen doch über ihn spotten, soviel sie mochten. Bald würde jeder wissen, dass er ein Held war.

Zaghaft pochte es an der Tür. Rabanus riss sie auf und grinste den jungen Mann, der vor ihm stand und gegen den kräftigen Hünen wie ein Zwerg wirkte, voller Hohn an.

„Willst du damit Tauben schießen?“, fragte er ihn und deutete auf den an vielen Stellen notdürftig zusammengeflickten Bogen.

„Ich besitze nur diesen“, erklärte der Jüngling schüchtern.

„Schon gut.“ Rabanus klopfte ihm wohlwollend auf die Schulter. „Gehen wir.“

Hinter seinem Rücken verdrehte Rabanus die Augen. Leider hatte der schmächtige Zawer sich als einziger bereit erklärt, ihn bei seinem Unterfangen zu unterstützen. Vorerst musste er sich also mit derart schwachbrüstiger Waffenhilfe abfinden.

Egal. Später, wenn alle ihn als Helden feierten, konnte er sich immer noch nach geeigneteren Gefolgsleuten umsehen.

Ehrfürchtig schritt Zawer hinter dem dunkelhaarigen Kraftprotz her. Zielstrebig führte ihn Rabanus durch den Wald. Trotz Rabanus’ eindeutiger körperlicher Überlegenheit hatte sein schwacher Begleiter den schweren Sack geschultert, der Proviant und Wasservorräte für beide Männer enthielt. Manches Mal fiel Zawer weit hinter seinen Meister zurück, doch der kümmerte sich wenig darum. Stattdessen erklomm er mit Leichtigkeit steile Anstiege, die Zawer nur mühevoll bewältigte. Mit leuchtenden Augen bewegte sich Rabanus ihrem Bestimmungsort entgegen, den sie in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages erreichten.

Hirgenrot hauste seit Jahrhunderten in einem kühlen, feuchten Gang aus Stein, den er nur verließ, um sich Nahrung zu verschaffen. Vorzugsweise verspeiste er Menschen, erzählten sich die Leute in den Dörfern. Einige zweifelten daran, dass er überhaupt noch existierte, denn gesehen hatte ihn lange niemand mehr.

Die hohe Felsspalte, die Einlass zu der dahinter liegenden Höhle gewährte, wirkte auf Zawer wenig einladend.

„Und du glaubst, er ist da drin?“, fragte er zweifelnd.

„Natürlich ist er das. Ich habe halb Tragonien abgesucht, um ihn ausfindig zu machen.“

Beeindruckt beobachtete der Jüngling, wie Rabanus sein Schwert hervorzog und es pfeifend durch die Luft sausen ließ.

„Und wenn er uns angreift, bevor wir ihn bezwingen?“, unterbrach Zawer ängstlich Rabanus’ Kampf gegen den unsichtbaren Gegner. Ungehalten beendete der Hüne seine Vorführung und wandte sich dem Gefährten zu.

„Wenn das Biest uns auch nur ein Haar krümmen will, werde ich ihm die Ohren lang ziehen.“

„Wirklich?“

„Aber natürlich. Und jetzt komm!“

Zawer hielt sich dicht hinter Rabanus, als sie den dunklen Felsenweg erkundeten. Das Schwert des Hünen erhob sich vor jeder Biegung, in der Erwartung, das Biest lauere dahinter. Jedes Mal hielt Zawer angespannt den Atem an und ließ ihm erst wieder freien Lauf, wenn sich herausstellte, dass kein Drache hinter der Kehre auf sie wartete. Durch ein mächtiges steinernes Tor gelangten die beiden schließlich in einen düsteren Korridor, dessen tatsächliche Länge sie nur erahnen konnten. Ob der Gang nach zwanzig Fuß endete, oder noch tiefer in die Finsternis hinein führte, verbarg sich in unergründlicher Schwärze. Mit erhobenem Haupt trat Rabanus ein, während Zawer ihm vorsichtig folgte. Was mochte sie hier erwarten? Rabanus sah sich aufmerksam um, blickte in alle Richtungen, bereit, jederzeit sein Schwert in den Leib des angreifenden Ungeheuers zu versenken.

„Ich glaube, hier ist niemand. Lass' uns umkehren!“, flüsterte Zawer, doch sein Freund schnaubte nur verächtlich. Ein weiteres Schnauben folgte, doch es klang irgendwie anders. Weniger menschlich. Rabanus hielt inne und starrte in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Der Erdboden erzitterte, als sich der Drache auf sie zu bewegte.

„Lauf!“, schrie Rabanus. Zawer rannte blindlings zum Tor zurück, doch kurz bevor er es erreichte, stolperte er über einen Stein.

Die scharfe Kante des Felsens, gegen die sein Kopf schmetterte, schnitt eine tiefe Wunde. Regungslos blieb Zawer liegen. Rabanus lief zu ihm und versuchte, ihn wieder aufzurichten, aber sein Kamerad bewegte sich nicht. Es blieb keine Zeit, sich um ihn zu kümmern. Rabanus wollte so schnell wie möglich zurück in den Wald, wo er sich besser verstecken konnte. Doch bevor er ins Freie hinaus stürmen konnte, spürte er einen warmen, feuchten Lufthauch in seinem Nacken. Er erstarrte.

Der Atem des Drachen. Sehr langsam wagte er, den Kopf zu drehen und blickte in schwarze Augen, die schimmerten wie Onyx. Das Ungetüm senkte sein Haupt zu ihm nieder und blies ihm stinkenden Odem ins Gesicht. Rabanus löste sich aus seiner Starre und wich vor dem Geschöpf zurück. Den Griff seines Schwertes hielt er dabei fest umklammert. Zornig stampfte das Untier mit den Vorderklauen auf den Boden und ließ so die Wände erzittern, bevor es seinen riesigen Körper in Bewegung setzte. Nur ein Schritt. In dem Moment, da Hirgenrot stehen blieb, zückte Rabanus sein Schwert und rammte es in den Hals der Bestie.

Gurgelnde Laute entfuhren dem überrumpelten Tier. Dunkelrote Flüssigkeit spritzte aus der Wunde und mischte sich am Boden mit Zawers Blut. Hirgenrots Maul öffnete sich, sodass sich Rabanus einer imposanten Reihe spitzer Zähne gegenübersah. Aus seinem Rachen entwich ein dünner Rauchfaden, als habe jemand in seinen Eingeweiden soeben ein Feuer entfacht. Rabanus ahnte bereits, dass es sich dabei um einen Vorboten handelte, dem bestimmt nichts Gutes folgte. Er wich zurück und bereitete sich auf einen gewaltigen Feuerstrahl vor, der ihm die Haut versengen würde. Brenzlig riechender Rauch hüllte ihn ein und vernebelte ihm die Sicht auf den Drachen, sodass er nur schemenhaft erkennen konnte, dass Hirgenrot taumelte. Der Feuerstrahl blieb dem Drachen scheinbar im Halse stecken, denn er hustete und schnaubte, ohne dass sich auch nur ein Fünkchen entlud. Rabanus, der gerade flüchten wollte, blieb stehen und starrte gespannt auf die sich lichtenden Schwaden. Dahinter kam ein äußerst angeschlagener Hirgenrot zum Vorschein, der wirkte, als könnte er sich kaum noch auf den Beinen halten. Einen Augenblick später knickten sie ein. Krachend stürzte der Drache zu Boden und blieb dort reglos liegen. Über ihm zogen die letzte Dampfwölkchen hinweg, die sich zeitgleich mit Hirgenrots letzten Atemzügen in Luft auflösten.

Rabanus wartete noch einen Augenblick, um sicher zu sein, dass das Biest den Tod nicht nur vortäuschte, dann zog er mit einem triumphierenden Lachen sein Schwert aus dem Schuppenpanzer heraus, um es wieder in der Scheide zu verstauen, nachdem er die triefende Waffe an seinem Beinkleid abgewischt hatte.

Erst dann wandte er sich wieder Zawer zu und umfasste dessen Handgelenk, um den Puls zu überprüfen. Nichts. Vorsichtig drehte er ihn auf den Rücken und blickte in stumpfe Augen, die ausdruckslos durch ihn hindurch sahen. Seine Hand schloss die Lider des Kameraden für immer. Für einen Moment überfiel ihn Wehmut, denn schließlich hatte er einen treuen Begleiter verloren. Doch die Trauer währte nicht lange. Rabanus empfand tiefe Befriedigung, als er sich in Erinnerung rief, soeben eigenhändig einen Drachen erlegt zu haben. Endlich konnte er seinen Mut vor allen bezeugen. Erneut fasste er hinter seine Schulter, um das Schwert noch einmal zu benutzen. Drachenzähne waren nicht nur ein ausgezeichneter Beweis für seine Tat, sondern erzielten auf den umliegenden Märkten äußerst gute Preise. Ein Stofffetzen, aus Zawers Hemd herausgeschnitten, diente als Tragebeutel, in dem nach und nach die Fragmente des Drachengebisses verschwanden. Begeistert registrierte Rabanus, wie viele Zähne der Drache besaß, die allerdings in ihrer Gesamtheit auch sehr schwer waren. Er erwog, Zawer hier liegen zu lassen und ihn später zu holen. Doch die Dorfbewohner würden ihn nach dem Verbleib des Jungen fragen, und er würde sich rechtfertigen müssen. So beschloss Rabanus, das Bündel voller Drachenzähne zu verstecken und es später zu holen. Lediglich einige besonders schöne Exemplare würde er mitnehmen. Das reichte zunächst als Beweis für seine Heldentat. Nachdem Rabanus ein paar ausgewählte Stücke unter seinem Hemd verschwinden lassen hatte, warf er sich Zawer über die Schulter und ließ Hirgenrot tot und zahnlos in seiner Höhle zurück.

Irian legte sein Buch zur Seite, als von draußen Rufe in die spartanisch ausgestattete Kammer drangen. An seinen freien Nachmittagen vertiefte sich der schlanke Jüngling gerne in die Welt heroischer Abenteurer. Der angehende Dorflehrer, dessen Haar dieselbe Farbe besaß wie das Band aus Flachs, das seinen langen Zopf im Nacken zusammenhielt, liebte es zu lesen, aber nun hatte man ihn unsanft aus der fesselnden Lektüre herausgerissen. Verärgert über die ungebetene Störung stand Irian auf und blickte aus dem Fenster. Was er dort erblickte, entfachte seine Neugier.

Eine Traube von Menschen scharte sich auf dem kleinen Marktplatz von Tralor um einen Mann, der Irian, stünde er direkt neben ihm, gewiss um einen Kopf überragt hätte, obwohl auch er keine kleine Statur besaß. Rabanus Quioga stellte eine Erscheinung dar, der mancher mit Ehrfurcht oder gar Neid begegnete. Doch Irian kannte ihn zu gut, als dass er sich von seiner kräftigen Gestalt beeindrucken hätte lassen. Zusammen waren sie in dem beschaulichen Tralor aufgewachsen und hatten gemeinsam die Dorfschule besucht. Schon früh hatte sich herausgestellt, dass die beiden verschiedene Interessen pflegten und andere Meinungen vertraten. Dementsprechend unterschiedlich waren ihre Lebenswege verlaufen. Während sich Irian ernsthaft auf seine Ausbildung besann, um einmal in die Fußstapfen des örtlichen Lehrers zu treten, konzentrierte sich Rabanus auf all die angenehmen Dinge, die ihm das Leben bot.

Die Jagd war Rabanus’ große Leidenschaft. Oft verschwand er tagelang in den Wäldern und kehrte mit erlegten Füchsen und Kaninchen zurück, die auf dem Marktplatz ihre Käufer fanden. Die so gewonnenen Münzen blieben jedoch meist nicht lange in seinem Besitz, denn sie wanderten bald in die Tasche des Wirtes, in dessen Schenke sich Rabanus so gerne und oft aufhielt, bis er die Zeche nicht mehr bezahlen konnte und man ihn unsanft hinaus beförderte. Mit Argwohn beobachtete Irian, dass sein bester Freund Zawer immer mehr Zeit mit dem wilden Jäger verbrachte. Für den unbeholfenen Kameraden schien Rabanus eine Art Vorbild darzustellen. Zawer ignorierte seine Warnungen vor dem großmäuligen Tunichtgut trotzig, als begriffe Irian die Qualitäten des mächtigen Hünen nicht.

Ungehalten schüttelte Irian den Kopf, als er registrierte, dass seine Mitbürger wie gebannt an Rabanus’ Lippen hingen. Das Gebaren, mit dem er sie in seinen Bann zog, ließ Irian die Augen verdrehen. Trotzdem beschloss Irian nach draußen zu gehen, um mitzuverfolgen, mit welchen unglaubwürdigen Geschichten Rabanus diesmal aufwartete.

„Und dann spie er Feuer, aber ich bin ihm geschickt ausgewichen, bevor ich ihm den Todesstoß versetzte“, prahlte Rabanus mit theatralisch erhobener Stimme. Die auf dem Marktplatz versammelte Menge hielt den Atem an.

„Ist Hirgenrot wirklich tot?“, fragte ein kleiner Junge vorlaut, doch er verstummte rasch, als Rabanus die blutigen Teile des Drachengebisses aus seinem Hemd hervorzog. Raunend wichen die Menschen zurück. Inzwischen hatte sich Irian einen Weg durch die Menge gebahnt. Was er sah, schockierte ihn zutiefst. Zu Rabanus’ Füßen lag ein lebloser Körper. Das angetrocknete Blut auf dessen Kopf ließ das Gesicht des Mannes wie eine diabolische Maske erscheinen. Trotz des entstellten Antlitzes erkannte Irian seinen Freund Zawer sofort.

Ganz Tralor feierte den neuen Helden ausgiebig. Die Kunde vom Sieg über den bösartigen Drachen verbreitete sich schnell im gesamten Dorf, sodass sich noch am selben Abend die meisten der Bürger in der Schenke einfanden, um den Drachentöter zu ehren und ihm zu danken. Dass die Bestie tot war, erleichterte die Menschen, doch dadurch geriet die Trauer um Zawer in den Hintergrund. Kaum einer erwähnte sein tragisches Schicksal. Stattdessen lauschten die Einwohner Tralors dem Mann, der Hirgenrot erlegt hatte. Immer wieder aufs Neue erzählte Rabanus die Geschichte vom Kampf mit dem Drachen und brüstete sich mit spektakulären Einzelheiten. Wie wild hätte das Ungetüm die beiden Kameraden angegriffen und mit seinen scharfen Zähnen Zawer tödlich verletzt. Nur weil er so entschlossen und beherzt reagiert hätte, musste sich nun niemand mehr vor dem bösartigen Koloss fürchten.

Währenddessen saß Irian allein in einer Nische des Schankzimmers und ertränkte seinen Kummer mit dem stärksten Gebräu, das der Wirt ihm anbieten konnte. Er konnte Zawers Tod noch immer nicht ganz begreifen. Dass Rabanus das schreckliche Ungetüm umgebracht hatte, war ihm nur ein geringer Trost. Niemals hätte er geglaubt, dass in den Wäldern Tragoniens noch derartige Bestien hausten. Wie viele von ihnen mochten wohl noch existieren? Ihn schauderte, als er daran dachte, wie sich die Szene in der Drachenhöhle wohl abgespielt hatte. Gleichzeitig wünschte sich Irian, selbst dabei gewesen zu sein. Womöglich hätte er schneller reagiert als Rabanus, und Zawer wäre jetzt nicht tot.

Angewidert verfolgte Irian, wie Rabanus es genoss, ausführlich von seinem Abenteuer zu erzählen und dabei seine Blicke über die anwesenden Mädchen schweifen ließ, um sich eine Schönheit auszusuchen, die er später mit in sein Zimmer nehmen würde.

Einige Tage später klopfte es an der Tür. Irian öffnete und stellte überrascht fest, dass Rabanus ihm einen Besuch abstattete.

"Was willst du?"

Rabanus überging den unfreundlichen Empfang und trug stattdessen sogleich sein Anliegen vor: "Ich will mit ein paar Leuten für längere Zeit durch die Wälder ziehen. Da gibt es mit Sicherheit noch einige von den Biestern. Willst du mitkommen?"

Ungläubig sah ihn Irian an.

"Du willst auf Drachenjagd gehen?"

"Sieht so aus, ja."

"Und wieso möchtest du ausgerechnet mich mitnehmen?"

"Nun ja, ich dachte, du hast ein besonderes Interesse daran, die Viecher zu töten. Wegen Zawer, du weißt schon."

Irian überlegte einen Moment. Ein Drache hatte seinen besten Freund umgebracht. Er hasste Drachen. Es bot sich nun eine einmalige Gelegenheit, an den Ungetümen Rache zu nehmen.

Er beschloss nicht lange zu zögern.

"Ich komme mit!", sagte er ernst.

"Na also", erwiderte Rabanus. "Das hab' ich mir gleich gedacht."

Der Hüne drehte sich um und ging von dannen. Kurz drehte er sich noch einmal um und rief Irian zu: "Morgen, kurz vor Sonnenaufgang treffen wir uns am Marktplatz und ziehen los."

IV.

Janus beschloss, für längere Zeit nicht mehr nach Runa zurückzukehren, denn dort galt er nur als Bruder einer Diebin, dem niemand mehr vertrauen wollte.

Zunächst hatte Janus immer wieder laut Skirias Namen gerufen, doch das erschien ihm bald zwecklos. Möglich, dass sich Skiria versteckte, bis sich der Wirbel um den vermeintlichen Diebstahl gelegt hatte. Vielleicht war sie aber auch weiter gezogen und er lief in die völlig falsche Richtung. Derlei Gedanken quälten ihn mehrere Tage, doch schließlich gestand sich Janus ein, dass es Skiria wenig nützte, wenn er sich den Kopf zerbrach. Seine kluge Schwester wusste sich gewiss zu helfen. Womöglich hatte er Glück und begegnete ihr unverhofft.

Das Leben im Wald begann Janus bald zu gefallen. Hier konnte er tun, was ihm beliebte. Keine Arbeit, keine Mühsal, um das tägliche Brot zu verdienen. Zu Essen fand er in dieser Jahreszeit reichlich vor.

Beeren, Pilze und Wurzeln boten ein ausreichendes Mahl, das er gelegentlich durch ein Kaninchen oder kleine Forellen ergänzte, die er mit bloßen Händen aus Waldbächen fischte. Fröhlich setzte Janus seinen Weg fort und wollte eben seine Lippen spitzen, um ein Lied zu pfeifen, als er plötzlich menschliche Stimmen vernahm.

„Nicht so schnell. Ich kann nicht mehr“, klagte jemand hinter den Büschen. Der Sprecher, so vermutete Janus, war männlich, obwohl die Stimme recht hoch klang.

„Stell dich nicht so an, Fettkloß“, ertönte prompt die Erwiderung eines dunkleren Basses.

„Wir sollten eine Pause einlegen!“, schlug ein weiterer Mann vor. Vorsichtig spähte Janus durch das Dickicht. Vier Gestalten standen zusammen und debattierten darüber, ob sie nun weiter gehen sollten oder nicht. Unter ihnen befand sich eine groß gewachsene, grobschlächtige Frau mit sehr dünnem hellem Haar, dessen fettige Strähnen ihr bis zu den Schultern reichten. Mit einem wohligen Seufzer ließ sie sich auf ein Moosbüschel plumpsen und streckte die Beine aus.

„Meine Füße dampfen wie ein Misthaufen“, stellte sie fest, als sie ihre Schuhe abstreifte. „Mal riechen?“

Ein junger Mann mit dunkelblondem Haar warf ihr einen angewiderten Blick zu, als sie ihm ihre schmutzigen Zehen entgegenstreckte.

„Du bist widerlich, Agata.“

Ein weiteres Mitglied der Gruppe war ein fettleibiger Knabe, der sich an einen Baumstamm gelehnt hatte und so heftig keuchte, als stünde er kurz vor einem Zusammenbruch. Doch als er in den Tiefen seines Tragebeutels wühlte und eine lange Wurst daraus hervor beförderte, schien sich sein Zustand augenblicklich zu bessern. Wie ein seit Wochen hungernder Gefangener, den man nun freigelassen hatte, stopfte er das Essen in sich hinein.

„Wir sind erst drei Tage unterwegs und der macht jetzt schon schlapp“, lästerte der Vierte im Bunde, ein kräftiger, dunkelhaariger Mann.

„Du wolltest ihn ja unbedingt mitnehmen“, erwiderte die Frau und ließ ihr Fußgelenk dabei knackend kreisen.

„Streitet euch nicht!“, mahnte wiederum der Blonde, „wir brauchen für unser Unterfangen jeden Mann.“ Mit einem Seitenblick auf die wild mit den Augen rollende Agata beeilte er sich schnell hinzuzufügen: „Und natürlich auch jede Frau.“

Janus überlegte. Welche Absichten diese merkwürdig anmutende Gruppe wohl hegte? Ob es sich um Jäger handelte? Oder waren es Wegelagerer, die nur darauf warteten, dass ein Opfer ihren Weg kreuzte? Allesamt führten sie Waffen mit sich. Gäbe sich Janus zu erkennen, wäre er ihnen ausgeliefert. Mit Unbehagen beobachtete er den schwarzhaarigen Mann, der nun, während sich die anderen ausruhten, sein Schwert durch die Luft sausen ließ und dabei ungestüme Kampfesrufe ausstieß.

„Hör’ schon auf damit!“, raunzte Agata. „Das sieht albern aus.“

Er fuhr zu ihr herum und funkelte sie zornig an. „Wie redest du mit mir, Weib?“

„Verzeih’, ich bin beeindruckt von deiner Vorführung“, flötete seine Begleiterin mit verstellter Stimme, die so gar nicht zu ihrer kräftigen Gestalt passen wollte. „Lass’ mich dich in dein Gemach begleiten, großer Held!“, säuselte sie grinsend weiter. Wütend schmetterte der Hüne sein Schwert zu Boden und entfernte sich von seinen Kameraden, die gellend lachten.

Im Gebüsch raschelte es, als Janus hervortrat. Irian sprang auf. Während sich der dicke Karol an seiner Wurst verschluckte, streckten sich im nächsten Moment drei Schwerter kampfbereit der vermeintlichen Gefahr entgegen. Doch hinter den Sträuchern verbarg sich wieder kein Drache, sondern ein junger Mann mit strohblondem Haar und aufgewecktem Blick, der nun beschwichtigend beide Hände in die Luft hob, um zu zeigen, dass er nicht beabsichtigte, die Gruppe zu überfallen. Dennoch beäugte ihn Rabanus feindselig. Auch Agata ließ ihre Waffe nicht sinken.

Irian fragte: „Wer bist du, Fremder, und was willst du von uns?“

„Ich heiße Janus und suche meine Schwester. Hat sich wohl im Wald verlaufen. Habt ihr sie vielleicht gesehen?“

„Wir haben schon lange niemand mehr gesehen“, brachte Karol kauend hervor.

„Wie lange suchst du denn schon nach ihr?“, wollte Agata wissen.

„Ein paar Tage.“

Rabanus zuckte herablassend mit den Schultern.

„Ein Mädchen, allein im Wald? Bestimmt hat sie ein Troll erwischt. Aber vielleicht finden sich ja irgendwo ihre Überreste.“

Agata kicherte, als hätte Rabanus einen besonders lustigen Scherz gemacht. Irian wirkte, als schäme er sich für die beiden.

„Ignorier’ sie einfach!“, riet er. „Das ist nicht ernst gemeint.“ Er reichte ihm seine Hand und stellte sich vor.

„Ihr seid Jäger?“, fragte Janus.

„Wir jagen Drachen“, bestätigte Irian ernst. Das war Rabanus’ Stichwort, der wie immer keine Gelegenheit ausließ, um von seiner Heldentat zu berichten. Prahlerisch gab er die bekannte Geschichte zum Besten, holte dabei weit aus und sparte nicht mit Selbstlob.

Als Rabanus seinen Vortrag beendet hatte, wirkte Janus, als hätte er dem Hünen überhaupt nicht zugehört. Stattdessen wandte er sich an Irian: „Kann ich mit euch kommen?“

Irian zögerte nur einen kurzen Moment, bevor er erfreut nickte. „Wir könnten Verstärkung gut gebrauchen.“

Karol ließ sich schmatzend vernehmen: „Je mehr wir sind, umso besser.“

„Darauf trinken wir!“, rief Agata schrill, nahm einen tiefen Zug aus einer kleinen Flasche und reichte diese an Janus weiter. Rabanus’ riesige Pranke schlug grob auf die Schulter des neuen Kameraden, sodass dieser glaubte, sie hinterließe dort einen bleibenden Abdruck.

„Willkommen bei den Drachentötern!“

V.

Skiria entdeckte ihn erst, als er bereits in voller Größe vor ihr stand. Über ihr ragte ein langer Hals zwischen den Bäumen hindurch. Langsam beugte er sich zu Skiria hinunter, sodass sie die grünlich schillernden Schuppen, an denen das Regenwasser abperlte, deutlich erkennen konnte. Ein monströser Koloss, in dessen Magen wohl zwei Skirias Platz gefunden hätten. Trotzdem wirkte er klein für einen Drachen.

Es war sinnlos, sich vor ihm zu verbergen. Dennoch suchte Skiria Zuflucht hinter einem Baumstamm, als bewöge dies das Ungeheuer dazu, das Interesse an ihr zu verlieren. Nichts geschah. Skiria zählte die Tropfen, die sich kitzelnd den Weg durch ihr Haar suchten, um schließlich ihr Gesicht wie Tränen zu benetzen. Endlich wagte sie, aus ihrem Versteck hervor zu spähen. Sie bereute es sofort. Hatte sich der Drache bis jetzt ruhig verhalten, so hob er nun eine seiner Klauen und stampfte kraftvoll damit auf. Skiria glaubte, den Boden zittern zu spüren. Genauso verfuhr er mit der anderen Pranke und bewegte sich sodann einen Schritt auf sein potentielles Opfer zu. Erwartungsvoll ruhte sein Blick auf ihr.

Skiria nahm all ihren Mut zusammen.

„Glaube nur nicht, ich hätte Angst vor dir!“ Es klang nicht besonders überzeugend. Das Untier beäugte sie noch intensiver.

„Warum erwiderst du dann meine Begrüßung nicht?“

Ein zweifelnder Ausdruck legte sich auf Skirias Gesicht. Es musste sich um einen Fiebertraum oder dergleichen handeln. Der Drache sprach zu ihr! Aber von was redete er da überhaupt? Skiria beschloss, sich der Situation zu stellen.

„Du hast mich doch gar nicht begrüßt“, wandte sie ein und erhob sich.

„Habe ich wohl!“

„Hast du nicht!“

„Also gut, dann noch einmal.“ Das Untier begann erneut, seine Pranken anzuheben und damit zu stampfen. Skiria begriff. Es war eine etwas andere Art der Begrüßung. Nur kurz überlegte sie wegzulaufen, doch dann wurde ihr bewusst, dass der Drache sie mit einem gezielten Feuerstrahl grillen könnte, bevor sie auch nur den nächsten Baum erreicht hätte. Skiria wagte kaum zu atmen, als die Wucht seiner Füße den Waldboden vibrieren ließ. Bedacht darauf, ihn nicht zu verärgern, kopierte sie sein Verhalten und trampelte kräftig das Moos unter sich platt.

Nie hätte Skiria gedacht, dass die letzten Momente ihres Lebens derart merkwürdig verlaufen würden.

Krachend brach das Unterholz unter dem kraftvollen Tritt des schuppigen Untier. Ein unachtsamer Schritt, und der Drache hätte Skiria zu Mus gestampft.

Verzweifelt suchten ihre Augen das Dickicht nach einer Fluchtmöglichkeit ab, als das Ungetüm unvermittelt inne hielt, sein Maul aufklappte und dabei eine Reihe unglaublich gelber und gefährlich spitzer Zähne zeigte. Vor Skiria tauchten Bilder eines Drachens auf, der auf grausame Weise einen Menschen in Stücke riss. Erbarmungslos mahlte er mit seinem Gebiss die Knochen seines Opfers zu Staub, während dessen Qualen ihm grausame Genugtuung verschafften. Zu Füßen der Bestie bildete sich ein See aus Blut.

„Bist du immer so schweigsam?“, unterbrach der Drache munter ihre destruktiven Gedanken.