4,00 €
Sklavenjahre – Aus dem Leben eines Kriegskindes – ist der zweite Band einer biografischen Romantrilogie. Die im früheren Jugoslawien geborene deutschstämmige Lisa wird mit elf Jahren von Elisabeta Kranau, ihrer biologischen Mutter, nach Deutschland geholt. Das Land ist ihr genauso fremd wie ihre Mutter. Auffanglager, Durchgangslager, Umschulung in einem Kinderheim, die Rückkehr zu Elisabeta Kranau und die Integration in das deutsche Schulsystem lassen dem Mädchen wenig Raum zum Ankommen. Als Jugendliche muss sie lernen, mit sexuellen Übergriffen ihres Ausbilders, Respektlosigkeit und Machtmissbrauch umzugehen. Instinktiv passt sie sich auch hier an genau wie in Jugoslawien akzeptiert, was sich nicht ändern lässt, findet Freunde unter Gleichaltrigen und begegnet ihrer ersten Liebe, die jedoch von Anfang an im Schatten der Elisabeta-Kranau-Diktatur steht.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2024
Buch
Sklavenjahre – Aus dem Leben eines Kriegskindes ist der zweite Band einer biografischen Romantrilogie. Die im früheren Jugoslawien geborene deutschstämmige Lisa wird mit elf Jahren von Elisabeta Kranau, ihrer biologischen Mutter, nach Deutschland geholt. Das Land ist ihr genauso fremd wie ihre Mutter. Auffanglager, Durchgangslager, Umschulung in einem Kinderheim, die Rückkehr zu Elisabeta Kranau und die Integration in das deutsche Schulsystem lassen dem Mädchen wenig Raum zum Ankommen. Als Jugendliche muss sie lernen, mit sexuellen Übergriffen ihres Ausbilders, Respektlosigkeit und Machtmissbrauch umzugehen. Instinktiv passt sie sich auch hier an – genau wie in Jugoslawien – akzeptiert, was sich nicht ändern lässt, findet Freunde unter Gleichaltrigen und begegnet ihrer ersten Liebe, die jedoch von Anfang an im Schatten der Elisabeta-Kranau-Diktatur steht.
Autorin
Cora Andrash, Ende des Zweiten Weltkriegs in Südost-Europa geboren, verbringt ihre früheste Kindheit in einem Vernichtungslager für Deutschstämmige im ehemaligen Jugoslawien. Danach häufiger Wechsel von Bezugspersonen und Wohnorten. Derzeit lebt sie in Deutschland. Bereits mit zwölf Jahren beginnt sie zu schreiben. Veröffentlicht werden Teile ihrer Texte erst Jahrzehnte später. Ihre Neugier auf fremde Länder und ihr Interesse an Menschen mit verhängnisvollen Schicksalen führen sie in unterschiedliche Gebiete rund um den Globus. Dabei sammelt sie mit besonderer Vorliebe außergewöhnliche Lebensgeschichten.
Cora Andrash
Sklavenjahre
Aus dem Leben eines Kriegskindes
Roman
© 2024 Cora Andrash Lektorat: Renate Forschner Coverdesign von: Gabi Schmid · buechermacherei.de Satz & Layout von: Rebekka Redwitz · fraeuleinkorrekt.com Covergrafik: #347874886 | AdobeStock Druck und Distribution im Auftrag der Autorin: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Alle in diesem Buch beschriebenen Geschehnisse basieren auf biografischen Überlieferungen von Zeitzeugen. Die meisten Ortsnamen und alle Personennamen wurden aus Datenschutzgründen geändert. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany.
978-3-384-16664-7 (E-Book, Version 1.0) 978-3-384-16663-0 (Softcover)
Inhaltsverzeichnis
Retrospektive
Am Ende der Nacht beginnt ein anderes Land
Durchgangslagerleben
Heimkinderheimat
Das Versprechen
Die guten und die anderen Tage
Burgstadt zum Bleibenmüssen – Teil 1
Ferienkind auf dem Maierhof
Burgstadt zum Bleibenmüssen – Teil 2
Berufsberatung
Leibeigen
Tanzstunden und andere Lektionen
Stellensuche
Mit dem Nachtexpress erinnerungwärts
Foto Haberland oder Foto Zeller
Danke
Band I zur Trilogie
Retrospektive
Lisa hat Onkel Willi nie mehr wiedergesehen. Sie hat nie erfahren, ob ihm die Flucht aus dem Vernichtungslager nach Ungarn geglückt ist. Aber aus der Milchstraße schaut immer noch ihr Stern herunter. Und dann sind Tante Resi und Onkel Willi wieder da. Wenngleich Onkel Willi das Kind in eine andere Galaxis geführt hat, wird der Blick in den tiefen Nachthimmel Lisa ein Leben lang an den Geruch warmer, trockener Erde und an Glücksmomente in einem Vernichtungslager erinnern. Aber auch an eine nach Verwesung stinkende Scheune, in der Tante Resi starb, denn aus dieser Scheune kam niemand lebend heraus.
Auch Mara und Milan hat Lisa nicht wiedergesehen, obwohl es einst ihr sehnlichster Wunsch gewesen ist, bei den beiden auf dem Vojitsch-Hof arbeiten zu dürfen. Später, dachte Lisa damals, wenn ich Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt habe und richtig groß sein werde, dann werde ich dort arbeiten und mein Essen selber verdienen.
Das Vernichtungslager Gakovo, der zerschossene Sallasch1, die Schafhütte, der Schlangenwald und die Häuser an der Donau sind unauslöschliche Bilder in Lisas Erinnerung. Ebenso wie ihr Geburtsort Otice, das Haus in der Pfarrgasse mit Eva – ihrer Schicksalsmutter und biologischen Großmutter – dem Wachhund Bobbi, dem kleinen, gehbehinderten Hahn Pinguin und die Schule, in der das Kind aus dem Vernichtungslager zum Mädchen herangewachsen ist.
Und dann ist da noch der Abschied am Bahnhof von Otice mit Evas Gott-segne-dich-mein-Kind! Lisa spürt Evas Daumenkuppe auf ihrer Stirn und die drei kleinen Kreuze, ihre Hände klammern an Evas Hand.
„Komm jetzt, sonst fährt der Zug ohne uns!“ Lisas biologische Mutter zerrt Lisas Arm zum Zug. Dieser Stimme wird Lisa ab jetzt folgen müssen. Eva, der Bahnhof von Otice, die aus der 5a und alles andere aus Lisas bisherigem Leben werden nur noch Bilder der Erinnerung sein.
1 Aus dem Ungarischen Szálás übernommen: Bleibe, Quartier, kleines Gehöft
Am Ende der Nacht beginnt ein anderes Land
Der Zuglärm schmerzte in den Ohren. Die Restwärme des Sommerabends zog mit dem Fahrtwind durch die Waggons. Die Menschen auf den abgenutzten Holzbänken schwiegen in sich hinein: ihre Bündel auf dem Schoß, die Holzkoffer im Blick.
Lisa saß neben der fremden Mutter, gegen deren Nähe sich ihr Innerstes sträubte. Unter Lisas Beinen klemmte das weiße Puppenbett, fest verschnürt in braunes Papier. Noch gestern war nicht klar, ob Lisa es werde mitnehmen dürfen. „Du bist kein Kleinkind mehr, das ständig mit Puppen spielt. In Deutschland wirst du viel lernen müssen. Zum Spielen wirst du keine Zeit haben“, hatte sie gesagt, sie, die für Lisa noch immer fremde Kranau Elisabeta, geborene Harider, von Bekannten und Verwandten die Harider Lissi genannt.
Wenn Lisa schon nicht bei Eva bleiben durfte, so wollte sie doch etwas mitnehmen, das an sie erinnerte. Etwas zum Festhalten. Sie klammerte sich an das Puppenbett, schluckte alles hinunter, was an Bitterem hochkommen wollte. Die salzigen Tropfen neben den Lippen fing sie mit der Zunge ein.
Jetzt, im Zug nach Irgendwo, suggerierte das verschnürte Puppenbett: auf Evas Schoß sitzen und ganz laut Lieder in ihr Ohr singen, damit es in ihrem Kopf nicht immer so still ist. Evas Geruch steckte in Lisas Nase, an ihren Wangen kitzelten Evas Haarspitzen.
Bei Nacht rollen die Züge viel lauter als bei Tag. Vielleicht, weil die Nacht leiser ist. Zuerst Richtung Süden, dann Westen und schließlich Nordwest. Irgendwo dort ist Deutschland. Jedenfalls sah das auf der Landkarte so aus.
Lisa wollte nicht nach Deutschland. Sie wollte es nie und mit dieser fremden Frau schon gar nicht. Wie meistens, wenn es dort wehtat, wo niemand es sehen konnte, träumte Lisa sich in eine andere Realität:
Eva geht durch den Hinterhof, schaut nach, ob alles in Ordnung ist. Bobbi trottet hinter ihr her. Alles ist wie immer. Eva verriegelt das Hoftor, schließt die Eingangstür zum Wohnbereich von innen ab und geht zu Bett. Das Zimmer nebenan ist leer. Die Möbel sind verkauft, und ich sitze im Zug nach Deutschland. Ob Bobbi spürt, dass ich nicht mehr zurückkommen werde? Wird er mich vermissen? Am Tor auf mich warten? Mich suchen?
Lisa gegenüber saßen Leni und Franz mit ihrem knapp zwei Jahre alten Sohn Fränzchen. Die junge Familie war in Otice mit eingestiegen und wollte auch nach Deutschland zu Lenis Schwester. Fränzchen schlief in Lenis Armen. Franz versteckte das Gesicht hinter seinem Hut. Alle Plätze im Waggon waren belegt, bepackt, besetzt von Obdachlosen und deren Habseligkeiten unterwegs im Zug ins Ungewisse, auf der Suche nach einer Zukunft in einem fremden Land.
Lisas Gedanken kehrten nach Otice zurück. Eva sagt: „In dieser Nacht ist es wieder so schwarz wie in einer Kuh.“ Ob sie schon schläft? Und morgen früh? Sie wird für sich allein Milchsuppe kochen. Sie wird allein Ähren lesen gehen. Wenn sie so müde ist, dass sie nicht mehr gehen kann, wird sie sich auf die Erde setzen, die Augen schließen und ein wenig verschnaufen. Und wenn sie die Augen wieder öffnet, wird sie noch immer allein sein.
Räder und Gleise quietschten, Waggonpuffer kollidierten, die Luft schrie. Ein letzter kräftiger Ruck würgte das Rattern ab. Die Lokomotive pustete sich aus, bereit für eine längere Pause zwischen dunkel und stockdunkel.
„Nimm das Puppenbett in die eine Hand und halte dich mit der anderen an der Schnur meines Kartons fest! Wenn du hier im Dunkeln verlorengehst, werde ich dich nicht mehr finden und ohne dich nach Deutschland fahren müssen.“
Das war die Stimme, vor der Lisas Innerstes schauderte.
Hier verlorengehen? dachte Lisa, nein, das werde ich bestimmt nicht, irgendwie werde ich zu Eva nach Otice zurückfinden. Ganz sicher. Ich werde warten, bis alle weg sind und dann einen Schaffner fragen, wann der nächste Zug nach Otice fährt.
Der Bahnsteig stöhnte unter dem Gestank von Altöl und Petroleum, Schmutz und Schweiß. Ellenbogen, Gepäck und Stimmen rangen ums Durchdringen. Ein Lautsprecherorgan verkündete etwas, das niemand verstand.
„Der Fernzug wird sich um eine Stunde verspäten.“ Jemand hatte doch etwas verstanden und schrie es über die Köpfe hinweg.
Kranau Elisabeta sorgte mit den Kanten ihres Holzkoffers fürs Durchkommen, vorbei an fremden Schienbeinen und fremdem Gepäck. Lisas eine Hand hielt sich an der Schnur des Kranau-Elisabeta-Pappkartons fest, die andere zerrte das Puppenbettpaket hinterher. Franz und Leni folgten hautnah. Fränzchen klammerte mit beiden Armen um Lenis Hals. Franz war mit Rucksack, Brustsack, Koffer und Kartons zugepackt: eine Gepäcksäule mit Beinen und Hut.
Der Fernzug kam zwei Stunden später und auf einem anderen Bahnsteig. Aussteigen wollte niemand, viele drängten hinein. Widerwillig ließ Lisa sich ziehen, treiben, schieben und dann in einen Waggon zerren. Schließlich steckten alle im Laufgang fest. Eigentlich sollte der Gang die Reisenden in die einzelnen Abteile geleiten, aber diese quollen über. Kleine Kinder saßen auf dem Schoß ihrer Mütter, größere Kinder zwischen den Sitzen der Erwachsenen oder vor ihren Füßen auf dem Boden. Lisa saß auf dem Holzkoffer im Laufgang vor einem Fenster zwischen Pappkarton und Puppenbettpaket. Kranau Elisabeta wachte und beobachtete. Leute suchten nach Plätzen, die es längst nicht mehr gab. Höchstens noch etwas Atemluft vor den Fenstern. Ansonsten steckte der Laufgang samt Inhalt im Menschen-Mief fest. Draußen am Bahnsteig schrillte eine Pfeife. Türen schlugen zu. Die Nacht drückte herein. Lisas Wahrnehmung schwappte erneut nach Otice zurück. Evas Lächeln ist da, und die frische Brotkruste, die sie extra für Lisa aufgehoben hat. Die warme Milch. Es ist wie immer.
Doch dann plötzlich die Stimme, die keine Widerrede duldete: „Wach auf! Wir müssen unbedingt einen Platz da drin bekommen. Noch länger hier stehen bringt mich um.“ Kranau Elisabeta schob ihren sperrigen Holzkoffer vor den Eingang eines Abteils.
„Bitteschön, lasst uns zu dem Sitzplatz, auf dem das Gepäck liegt, ich bin schwerkrank, und das hier ist mein Kind.“ Die Stimme, die normalerweise keinen Protest duldete, hatte plötzlich Kreide verschluckt: „Ich habe keinen Mann mehr, bitteschön durchlassen! Vergelt’s Gott!“
Lisa ließ sich in das Abteil schieben und hinsetzen. Neben ihr auf demselben Sitz hatte sich ein schlafender kleiner Junge auch zur Seite schieben lassen. Der Holzkoffer stand dort, wo normalerweise Beine und Füße hingehören. Lisas Beine lagen auf dem Koffer. Kranau Elisabeta fand zwischen Koffer und Fenster für eines ihrer Beine Platz, das andere hing schräg über dem Koffer herunter. Mit im Abteil, zwischen Gepäck verteilt, saßen Großmutter, Mutter, Vater, zwei Jungs und ein Baby. Im Halbdunkel sahen ihre Schatten wie Gepäck aus, und die Umrisse der Gepäckstücke ähnelten Menschen. Das Abteilfenster war zur Hälfte heruntergeschoben. Lautsprecherstimmen verkündeten Verworrenes. Der Nachtgestank des Bahnhofs reizte Augen und Nase. Irgendwann lärmte der Zug aus dem Bahnhof hinaus, in ein schwarzes Nichts hinein. Das monotone Auf und Ab der Eisenräder betäubte.
Der junge Tag ließ Hügel und Wälder vorbeirauschen und Dörfer entlang der Strecke, an deren Bahnstationen sich das Anhalten nicht lohnte. Die Bilder überholten die Blicke. Draußen, irgendwo zwischen Himmel und Erde, wuchsen Bergriesen in grünen Kleidern, mit grauen Hälsen und weißen Köpfen. Lisa hatte noch nie richtige Berge gesehen. Die höchsten Erhebungen waren ein paar Grashügel gewesen bei einer Klassenfahrt über die Donau nach Kroatien. Das, was jetzt dort draußen vorbeizog, konnte keine Wirklichkeit sein. Lisas Augen folgten den fliegenden Kolossen, während sich bereits neue Riesen in ihr Sichtfeld drängten. Lisa sog die Bilder in sich auf wie trockener Sand die ersten Wassertropfen. An einer kleinen Station mit schmutzigen Häusern zwischen himmelhohen, grüngrauen Felsen und gleißendem Blau endete Jugoslawien.
„Wir sind an der Grenze, auf der anderen Seite der Berge ist Österreich.“
Kranau Elisabeta war bisher ziemlich einsilbig gewesen, was nicht zu ihr passte. Jetzt lächelten ihre Lippen, was auch nicht zu ihr passte.
„Achtung, Achtung! Niemand verlässt den Zug! Bleiben Sie alle auf Ihren Plätzen!“, verkündete eine tiefe Männerstimme auf Jugoslawisch2 durch den Lautsprecher. Fast zeitgleich schob ein Blauuniformierter die Abteiltüre auf, hinter ihm versperrte eine graugrüne Partisanenuniform mit Gewehr den Weg.
„Ausreisepapiere!“
Kranau Elisabeta hatte ihre kyrillische und lateinische Reisepapiersammlung als Erste griffbereit. Der Blauuniformierte las, schaute, las weiter, blätterte die Papiere durch, schaute und schüttelte den Kopf.
„Wieso sind Sie aus Deutschland nach Jugoslawien gekommen und wollen nun wieder zurück nach Deutschland?“
„Wegen der Kleinen hier, sie durfte nicht in Begleitung des Roten Kreuzes zu mir nach Deutschland reisen; ich musste sie selbst abholen.“
„Sie kamen vor drei Jahren?“ Die Falte zwischen den buschigen Augenbrauen des Uniformierten vertiefte sich.
„Ich habe drei Jahre gebraucht, um das Geld für die Ausreisedokumente zusammenzubekommen. Zuerst musste ich für mich und mein Kind die jugoslawische Staatsbürgerschaft beantragen und gleich danach wieder darauf verzichten. Das kostete vierundzwanzigtausend Dinar. Alles andere steht hier auf dem Formular.“
Der Uniformierte winkte ab, blätterte mit bewegungslosem Gesicht weiter. Jede Seite erhielt einen Stempel. Zwei Exemplare behielt der Uniformierte, den Rest bekam Kranau Elisabeta wieder. Bei den anderen im Abteil las und stempelte er schneller. Danach schritten die beiden Uniformierten wortlos zum nächsten Abteil. Niemand traute sich, die Abteiltür hinter ihnen zuzuschieben. Niemand redete. Selbst die Kinder hielten sich an das schier atemlose Schweigen. Die Kontrollgänge der Uniformierten dauerten eine halbe Ewigkeit. Aber auch diese endete irgendwann.
Draußen schrillte ein Signal. Türen schlugen in die Rahmen. Die Lokomotive rüttelte die Waggons zurecht, nahm Fahrt auf. Bilder verwahrloster Gärten und verlassener Häuser streiften am Fenster vorbei. Graue, steile Felswände kamen näher. Schließlich donnerte der Zug mit einem markdurchdringenden Pfiff in einen Berg hinein. Es war gehörtötend laut und kuhnacht. Dass man in einen so großen Berg ein Loch und eine Röhre für den Zug bohren konnte, passte nicht in Lisas Vorstellungsvermögen. Auch das Wort Tunnel fehlte bisher in ihrem Wortschatz. Gerne hätte sie gewusst, wie das mit dem Tunnelbohren funktioniert. Aber wen sollte sie fragen?
Auf der anderen Seite des Tunnels hingen Wolken wie ungewaschene Gardinen vor dem Zugfenster. „Jetzt sind wir in Österreich.“ Kranau Elisabeta atmete laut ein und noch lauter wieder aus. Ihre Nasenflügel vibrierten. In ihren grauen Augen glitzerten kleine helle Punkte. Lisa betrachtete das flatternde Spiegelbild der Fremden im Abteilfenster. Das akkurat hochgesteckte Haar hatte sich verselbstständigt. Wetterhexen nannte Eva Frauen mit ähnlich wirren Frisuren.
Österreich döste im Frühnebel. Die Gegenwart flog am Zug vorbei, immer weiter von Otice weg. An einem großen Bahnhof mit unzähligen Gleisen und hohen Gebäuden hielten Gegenwart und Zug an. Der Nebel war davongezogen. Die Berge standen auf Distanz. „Das ist Linz“, stellte die Kranau-Elisabeta-Stimme halblaut fest. Ihr Mund lächelte wieder, zeigte Goldzähne. Leute stiegen aus. Gepäckstücke drängten auf den Bahnsteig. Der quoll über den Rand hinaus wie Evas Brotteig im warmen Körbchen. Stimmen riefen sich angenehm klingende Worte zu, Gesichter lachten, Hände winkten, Arme hielten Körper umschlungen. Lisa hörte eine Sprache, die sie nicht kannte.
„Wie reden diese Leute?“
„Na, deutsch natürlich.“ Die Kranau Elisabeta schüttelte den Kopf. Die hochgezogenen Augenbrauen legten ihre Stirn in Falten, ihre schmalen Lippen pressten zusammen, was sie vor Fremden nicht sagen wollte. Der Klang dieser deutschen Sprache kam Lisa wie ein Lied vor, das sie zum ersten Mal hörte.
Die Gegenwart fuhr weiter. Draußen zeigte sich Österreich von allen Seiten: grüne Berge, graue Felsenwände mit gezackten Drachenrücken. Schluchten versanken in dichten Wäldern. Wasserfälle schossen aus dem Nichts einer steilen Wildnis heraus und stürzten sich ins Nichts einer abgrundtiefen Schlucht hinab. Hier war das Ende der Welt ganz weit oben, fast schon in der Mitte des Himmels. Die Silhouetten mancher Felsformationen glichen Figurenrohlingen aus der Werkstatt eines Steinmetzes: hier ein alter Mann mit Bart, dort eine Frau mit krummer Nase und Kopftuch, ein Löwenkopf, ein Adlerschnabel.
Die laufenden Bilder stoppten an einem kleinen, namenlosen Bahnhof. Uniformierte schoben die Abteiltüren auf: „Grüß Gott! Die Papiere bitte!“, sagten sie, lasen und stempelten, ohne etwas zu fragen, und „Danke! Auf Wiederschauen!“ Für Lisa waren diese Redewendungen fremd, die Höflichkeit einer Uniform völlig ungewohnt. Aber sie hatte sie verstanden, obwohl es ein anderes Deutsch war.
„Jetzt sind wir bald in Deutschland“, stellte die Kranau Elisabeta fest, „Gott sei Dank.“
Sie faltete flüchtig die Hände, schaute schräg nach oben, dort wo sie Gott vermutete, und dann auf das Gepäck. Alles war noch da. Zwei weitere Holzkoffer gefüllt mit Kleidung, Geschirr und ein paar Erinnerungsstücken an die alte Heimat, hatte sie als Frachtgut aufgegeben und an die Adresse der Familie ihres im Krieg vermissten Mannes nach Burgstadt schicken lassen. Isolde, die jüngere Schwester ihres Mannes, hatte ihrem großen Bruder beim Abschied vor zehn Jahren versprochen, seine Frau Elisabeta statt seiner als ältere Schwester in die Familie aufzunehmen, sollte er nicht mehr aus dem Krieg zurückkehren. Er war nicht mehr zurückgekommen, und Kranau Elisabeta, geborene Harider, wollte nun die Rolle der ältesten Tochter in der Familie ihrer Schwiegermutter übernehmen und die der großen Schwester ihrer Schwägerin Isolde. Diese hatte inzwischen selbst einen Mann und einen zweijährigen Sohn.
2 Im Vielvölkerstaat Jugoslawien mit sechs Teilrepubliken, vier Sprachen und zwei grundlegend unterschiedlichen Schriften – Kyrillisch und Lateinisch – war die Bezeichnung für die offizielle Amtssprache Serbo-Kroatisch, Kroato-Serbisch oder aber Jugoslawisch. Es gab gravierende Unterschiede, da die einzelnen Regionen außer der Amtssprache ihre eigene Sprache und ihre eigene Kultur beibehielten. Dies führte unter anderem auch zum raschen Verfall Jugoslawiens nach Titos Tod.
Durchgangslagerleben
Der Anfang von Deutschland sah genauso aus wie das Ende von Österreich: Berge, Häuser, Bahnhöfe. Der erste Bahnhof in Deutschland bedeutete für den Zug aus Jugoslawien Endstation – für die Reisenden war hier der Anfang von Irgendwo. Lisa wäre gerne weitergefahren. Immer weiter. Immer weiter. Einmal um die Erdkugel und dann in Otice aussteigen, Lisas Wunschtraum. Aber die Gegenwart war nun mal Deutschland, der Beginn eines Lebens, das viel besser werden sollte als das, was Lisa bisher kannte. Lisa wollte aber kein besseres Leben. Sie wollte zurück zu Eva nach Otice.
Piding stand mit schwarzen lateinischen Buchstaben auf einer weißen Tafel. Kranau Elisabeta drängte zur Abteiltür hinaus. Lisa konnte ihren scharfen Befehlen nicht folgen, weil sie mit dem Puppenbett über fremde Kisten klettern musste. Wenn alle es eilig haben, geht es nie schneller. Jeder wusste das. Niemand hielt sich daran. Menschen und Gepäck verstopften zuerst die Türen im Zug und anschließend die Bahnsteige. Flucht und Ankommen behinderten sich gegenseitig. Ausscheren war unmöglich. Jemand hatte „Immer der Straße entlang!“ gerufen. Diejenigen, die den Ruf gehört hatten, folgten ihm. Die Masse zog hinterher, denn es gab nur diese eine Straße.
Für Lisa bedeutete das Wort Lager Kenn-ich-weiß-ich-war-ich-schon-mal. Das Lager in Piding war aber kein Vernichtungslager für Deutschstämmige – so wie es in Jugoslawien nach dem zweiten Weltkrieg viele gab – , in denen Frauen, Kinder, Alte und Kranke auf nackter Erde zwischen Ungeziefer und Ratten verhungerten, in denen Unschuldige erschossen oder zu Tode gefoltert wurden. Das einzige Vergehen der Inhaftierten waren ihre deutschen Namen. In einem dieser Lager verbrachte Lisa ihre früheste Kindheit. Dass sie überlebt hat, verdankt sie ihrer Großmutter Eva.
Piding war ein riesiges Holzbarackendorf mit einigen großen Steingebäuden dazwischen. Hinweisschilder Küche, Speisesaal, Essenausgabe führten die Hungrigen direkt zum Ziel. Dreimal am Tag. Morgens und abends gab es zum Brot immer Streichkäse oder Mettwurst. Mit Wasser verdünnte, warme Milch oder nur trockenes Brot, mit Salz und Paprikapulver bestreut, gab es hier nie. In allen Wohnbaracken standen kleine Eisenöfen mit funktionierendem Abzug. Kohlen und Holz durfte sich jeder holen, ohne dafür bezahlen zu müssen. Die Leute konnten sich frei bewegen, gehen wohin sie wollten. Das Lager war nicht bewacht. Vielleicht ist in Deutschland tatsächlich alles besser als in Jugoslawien, dachte Lisa, dieses Lager ist es jedenfalls.
Franz und Leni mit Fränzchen und Kranau Elisabeta mit Lisa logierten in einer Vierundzwanzig-Personen-Baracke mit zwölf Stockbetten: grob gezimmerte, ungehobelte Bettgestelle mit einem harten Strohsack, einem flachen Strohkissen und zwei grauen Militärdecken. Eine als Laken, die andere als Decke. Kranau Elisabeta schlief unten, im Bett neben ihr Leni mit Fränzchen. Lisa schlief oben. Im Bett daneben lag Franz, atemnah. Er stank nach kaltem Zigarettenrauch, schnarchte vor sich hin. Lisa ignorierte, was sie roch und was sie hörte, zog die Decke über den Kopf und ließ sich in ihre Traumwelt tragen. Sie kletterte mit dem gleichen Gefühl in ihr Bett, mit dem sie an der Donau hinter der Schafhütte in ihr selbstgebautes Versteck gekrabbelt war. Auch hier durfte sie mit sich selbst allein sein. Das Bett, die Decke, das Kissen musste sie mit niemandem teilen, nicht einmal mit der Kranau Elisabeta.
Um zehn Uhr abends musste in allen Baracken das Licht gelöscht werden. Franz hatte als einziger eine Armbanduhr. Punkt 22:00 Uhr rief er:
„Licht aus, Messer raus! Drei Mann zum Blutrühren!“3
Die Kranau Elisabeta kicherte aus dem unteren Bett heraus in die dunkle Baracke hinein. Die Dunkelheit war es nicht, vor der Lisa sich fürchtete – Dunkelheit schützte, machte unsichtbar – , sondern das Blutrühren.
Bluttriefende Gesichter aus dem Vernichtungslager erscheinen und Bilder von Eva, Bobbi, Pinguin und Mutz. Die Schule und der Bahnhof von Otice sind da. Evas weißes, winkendes Taschentuch fliegt hinter dem Zug her.
Lisa redete im Schlaf. Sie redete laut. Ausschließlich Serbisch. Die Sprache ihrer Wahrnehmung, die Sprache, die sie am besten verstand. Die Sprache ihrer Gedankenbilder. Sie war an den Orten, die sie niemals freiwillig verlassen hätte. Die Bilder waren immer grau. Trotzdem wollte sie dort leben.
Das ist jetzt kein Traum, sagt sie zu Eva, nicht wahr, dieses Mal ist es Wirklichkeit? Ich bin jetzt wirklich hier bei dir? Ich bin zurückgekommen.
Eva antwortete nicht, sie lächelte nicht, ihre Augen waren starr.
Der Barackenschlaf hatte etwas vom Lagerschlaf ihrer Kindheit, er kannte keine Ruhe: Brummen und Schnarchen, Aufschreie und Abwehr. In den Köpfen brodelten Erinnerungen, die sich nicht unterdrücken lassen wollten. Individuelle Träume. Überlebenskämpfe. Schreie, die nach Worten suchten. Schreie, die nicht abgewürgt werden wollten. Wunden, die sich gegen den Schorf des Vergessens wehrten, über sich keine Lederhaut wachsen lassen wollten. Mitten in die Barackenträume der Erwachsenen hinein heulte und hustete Fränzchen seine Atemnot stoßweise aus.
„Verdammt nochmal, hört denn der Hosenscheißer nicht endlich auf zu heulen!“, wetterte eine Männerstimme.
„Er ist krank, was sollen wir denn machen?“, rief Franz zurück.
„Für Ruhe sorgen!“
Fränzchens Hustenanfall nahm ihm die Luft, er drohte zu ersticken. In solchen Nächten ging Leni mit ihm hinaus und kam erst wieder, wenn er in ihren Armen eingeschlafen war. Tagsüber weinte sein Gesicht manchmal unhörbar. Aus seiner Nase sickerte eitriger Schleim. Seine Hose war ständig nass. Leni hatte zu wenige Taschentücher, zu wenige Windeln, zu wenige Hosen, zu wenige Hemdchen für ihr Kind. Sie wusch mehrmals täglich von Hand in einer kleinen, weißen Blechschüssel aus, was Fränzchen nass gemacht hatte. Die Wäsche hing an einer dicken Schnur von Stockbett zu Stockbett diagonal über dem Eisenofen. Das Feuer im Ofen ging nie aus, obwohl es Sommer war. Franz sorgte für Holz- und Kohlennachschub. Trotzdem trockneten Fränzchens Hosen viel zu langsam. Leni bügelte mit einem aus Otice mitgebrachten Bügeleisen – dessen Aufsatz vor Gebrauch mit glühender Holzkohle befüllt werden musste – die nur leicht eingenässten Höschen trocken, ohne sie vorher zu waschen. Der Stoff dampfte. Die Luft in der Baracke stank nach warmem Urin.
Für den Hunger jeder Barackengruppe waren eine Küche und eine Speisehalle zuständig. Die Türen zur Küche standen immer offen. Im hinteren Bereich blubberten die Suppen in großen Kesseln. Über den Türrahmen hing ein Schild Zutritt für Unbefugte verboten. Das Wort Unbefugte kannte Lisa nicht. Aber verboten bedeutete verboten, so gern Lisa auch hineingegangen wäre. Obwohl alle Speisen blass aussahen, war die Essensausgabe für Lisa Paradies, Schlaraffenland und Knusperhäuschen in einem. Es fehlten nur noch die gebratenen Täubchen, die einem durch die Luft direkt in den Mund flogen, wenn man ihn weit genug öffnete. Punkt zwölf Uhr ging es los. Die Frauen hinter den langen Tischen der Essensausgabe hantierten mit Suppenkelle, Löffel und manchmal Fleischgabel, wenn nötig auch mit den Fingern. Es musste schnell gehen. Die Schlange Hungriger drängte. Einen Platz an den Esstischreihen bekam aber nicht jeder sofort. Zusammenrücken, Teller an Teller schieben, die Ellbogen anlegen, Teller leer essen und sofort Sitzplatz freimachen. Wer sich einen Nachschlag geholt hatte, musste einen neuen Sitzplatz suchen.
Das mit dem Wasser aus dem Wasserhahn in der Baracke mit dem Schild Waschräume war wie in dem Kinofilm, den Lisa in der vierten Klasse in Otice gesehen hatte. Einen Brunnen, aus dem man das Wasser im Eimer heraufkurbelte, gab es nirgends, einen Trog, in dem man sich wusch, auch nicht, auch keinen Pumpbrunnen. Rechts an der Barackeninnenwand hingen weiße Waschbecken mit ergrauten Rändern. Die Wasserhähne über den Becken wackelten bei jeder Umdrehung. Aus den Duschköpfen in den Kabinen gegenüber sprühte kaltes Wasser, nur ganz früh morgens war es warm. Dass aber überhaupt Wasser so einfach aus einer Leitung fließen kann, war für Lisa unwirklich. Gerne hätte sie gewusst, woher das Wasser kommt und wohin es fließt, wenn es durch das Loch im Waschbecken und durch die Leitung darunter verschwindet.
Das Schild Schule an der Eingangstür eines Zimmers in einem der Steinhäuser war aus Pappe und wesentlich größer als alle Emailschilder. Der einzige Lehrer der Schule hieß Herr Hammerschmidt, nicht Lehrer Hammerschmidt, wie es in Jugoslawien üblich war. Vielleicht, weil er wie ein Herr aussah: dunkelgrauer Anzug, weißes Hemd, blauweißrot gestreifte Krawatte, schwarze Lederschuhe und eine abgegriffene braune Ledertasche.
Vor der hinteren Wand des Klassenzimmers stand eine schwarze Tafel mit Holzrahmen auf vier Holzbeinen. Rechts an der Wand hing eine Landkarte von Deutschland. Auf dem Tischchen links lag Herrn Hammerschmidts Ledertasche mit Büchern, Heften und sein Pausenbrot. Für die Schüler gab es Zweier- und Fünfer-Bänke mit rundgestoßenen Ecken und rauen Oberflächen. Außer den zahllosen Schülern mehrerer Generationen hatten auch Holzwürmer ihre Fährten hinterlassen.
Wer etwas sagen wollte, musste sich mit gestrecktem Zeigefinger melden, nur mit einem Finger, so wie man auf jemanden zeigt, nicht wie in Jugoslawien mit Zeige- und Mittelfinger. Herr Hammerschmidt hatte keine Rute. Wenn es mal zu laut war, klopfte er mit einem Lineal auf seine Ledertasche. Tatzen oder Hiebe gab es nicht.
„Zuerst müsst ihr hochdeutsch sprechen lernen“, erklärte Herr Hammerschmidt, „damit ihr richtig schreiben lernen könnt. Das, was ihr bisher gesprochen habt, ist ein Dialekt, für den es keine Schrift gibt, und den auch niemand außer euch versteht. Also strengt euch an. Je schneller ihr die hochdeutsche Schriftsprache lernt, desto besser werdet ihr hier in Deutschland zurechtkommen. Während des Unterrichts ist es verboten, jugoslawisch zu sprechen.“
Wir sind Deutsche und niemand kann uns verbieten, unsere Muttersprache zu sprechen, hatte Lisa von Eva gelernt. In Jugoslawien durfte in der Schule und auf der Straße niemand deutsch reden. Und nun war in Deutschland Jugoslawisch in der Schule verboten.
Herr Hammerschmidt war auch Musiklehrer. Er verteilte einen Zettel mit Noten und kurzem Text Einigkeit und Recht und Freiheit …
„Das ist die deutsche Nationalhymne. Den Text müsst ihr auswendig lernen.“
Es war nur eine einzige Strophe. Die Melodie sang sich fast von selbst. Nach einer Woche trällerte Lisa mit der gleichen Begeisterung, mit der sie bisher Hej Sloveni gesungen hatte, jetzt Einigkeit und Recht und Freiheit. Alle, die aus Jugoslawien kamen, sangen aus vollem Hals mit. Eine Nationalhymne hatte etwas Feierliches, etwas Respektvolles. Sie hatte etwas mit Gemeinschaft, Dazugehören, Dabeisein zu tun. Lisas bisheriges Dazugehören war weit weg. Jetzt musste sie sich hier eine neue Gemeinschaft suchen, obwohl sie es nicht wollte. Evas Strategien Akzeptieren, was sich nicht ändern lässt, anpassen und nicht widersprechen, um zu überleben, waren tief in Lisas Unterbewusstsein verankert.
Auf Herrn Hammerschmidts nächstem Notenblatt stand als Überschrift Die Lorelei und im Text Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin … Das sei ein sehr altes deutsches Volkslied. Volkslieder gehörten zum deutschen Kulturgut und müssten von Generation zu Generation weitergegeben werden. Auch Schwester Benedikta in Otice hatte von deutschem Kulturgut gesprochen. Lisa wusste nicht, was Kulturgut ist, aber so wie Schwester Benedikta und Herr Hammerschmidt es sagten, war das etwas ganz Besonderes. Lisa kannte viele deutsche Volkslieder. Kranau Oma hatte mit ihr alle Verse geübt. Die Lorelei war aber nicht dabei gewesen. Dafür Im schönsten Wiesengrunde, und dazu kannte Lisa alle Verse. Sie war eine der wenigen, die sich trauten, die Tonleiter zu singen: do, re, mi, fa, so, la, si, do trällerte sie mit ihrer sehr hohen Kinderstimme.
„Das heißt bei uns c, d, e, f, g, a, h, c“, korrigierte Herr Hammerschmidt, „aber die Töne stimmen. Sehr gut.“
In der Deutschstunde fragte er nach dem deutschen Alphabet. Niemand meldete sich. Einer der drei älteren Buben musste trotzdem anfangen: „a, b, c, d, e …“ Er sprach die Konsonanten ohne Vokale aus, so wie er es im Serbischen gelernt hatte. Herr Hammerschmidt korrigierte: „a, be, ce, de, e, ef, ge, ha …, in der deutschen Aussprache kommt zu jedem Mitlaut ein Selbstlaut hinzu.“
Herr Hammerschmidt schrieb das Alphabet in großen und kleinen Buchstaben an die Tafel. Alle Mitlaute ohne Selbstlaut, obwohl er den Selbstlaut deutlich ausgesprochen hatte? Das Alphabet abschreiben und bis zur nächsten Klassenarbeit in einer Woche richtig sprechen und schreiben können, war die Hausaufgabe. Dass ein J plötzlich ein Jott, ein G ein Ge und ein L ein eL sein sollte, aber nur mündlich, schriftlich blieb das J ein J, das G ein G …
„Wer traut sich, etwas in Deutsch an die Tafel zu schreiben?“
Lisa meldete sich. Herr Hammerschmidt diktierte, Lisa malte in lateinischen Buchstaben Die Kinder schpielen auf der Schtraße.
„Das ist schon ganz gut. So habt ihr das bisher in der slawischen Sprache gelernt, aber in der deutschen Sprache schreibt man sp und st, spricht aber schp und scht, zum Beispiel spielen und Straße. Hast du das verstanden?“
Lisa nickte. Sie spürte ihren roten Kopf, den stockenden Atem und das Zirpen in den Ohren. Jetzt musste es kommen, das Klassengelächter. Aber in der Klasse war es still. Lisa legte die Kreide zurück, ließ ihr Kinn auf die Brust sinken und ging an ihren Platz, obwohl Herr Hammerschmidt sie noch nicht weggeschickt hatte. Natürlich wusste sie, dass man scht und schp im Deutschen nur st und sp schreibt. Wie konnte ihr das nur passieren? Sie war wohl so auf die Großschreibung der Hauptwörter und auf das scharfe S beim Wort Straße und das ie beim Wort spielen fixiert, dass sie das mit dem St und Sp total vergessen hatte. Lisa haderte mit sich selbst. Sie hatte etwas falsch gemacht und das wurmte, obwohl Herr Hammerschmidt sie nicht getadelt und in der Klasse niemand gelacht hat. Es wurmte so sehr, dass ihr Unterbewusstsein diesen Fehler nie wieder zuließ.
Wenn Herr Hammerschmidt „Wer hat mich verstanden?“ fragte, meldete sich niemand. Fragte er „Wer hat mich nicht verstanden?“ meldete sich auch niemand. Für die Kinder war es unmöglich zu wiederholen, was Herr Hammerschmidt gesagt hatte. Das Deutsch von Herrn Hammerschmidt hörte sich wie eine fremde Sprache an. Lisa verstand bis auf einige Wörter alles, aber diese fremde Aussprache war zu weit entfernt von dem, was sie bisher für Deutsch gehalten hatte. Sie wollte zu der Sprache zurückkehren, in der sie sich sicher fühlte, obwohl es nicht ihre Muttersprache war.
In den Barackennächten auf dem Stockbett schlugen Buchstaben, Silben und Wörter in Lisas Kopf Purzelbäume. Deutsch irrte durch serbische Volkslieder. Herr Hammerschmidt überlagerte Lehrerin Anka und Lehrerin Marija, bis Fränzchens Hustenanfall die Barackenstube wachrüttelte.
Im Krämerladen rechts neben dem Lagereingangstor durfte man sich alles anschauen, was es für Geld zu kaufen gab: bunte Bonbons, Schokolade, runde, braune Kekse und helle, eckige Waffeln und Waffelnüsse mit Füllung, aber auch große und kleine Puppen, Tiere aus Holz, Blechspielzeug und kleine bunte Gummischläuche. Wenn man sie aufblies, wurden sie zu federleichten Bällen, die bei jedem Antippen mit dem Finger lautlos hochstiegen und genauso lautlos wieder zurückschwebten. So einen faszinierenden Schwebeball wollte Lisa auch haben.
„Was? Einen Luftballon? Du bist doch kein Kleinkind mehr, außerdem habe ich für so einen Schmarrn kein Geld.“ Damit war die Diskussion zwischen Lisa und Kranau Elisabeta zunächst beendet.
Leni hatte Fränzchen einen himmelblauen Luftballon gekauft. Fränzchens traurige Augen glänzten. Er trippelte mit ausgebreiteten Armen dem Ballon hinterher, den Leni vor ihm schweben ließ. Der Ballon verwandelte Fränzchens Husten in helles Lachen. Lisas Gesicht schaute mit Augen und Mund dem Ballwunder nach.
„Kauf ihr doch auch einen!“, schlug Leni Kranau Elisabeta vor. „Fünf Pfennige wirst du doch von dem Begrüßungsgeld hergeben können. Lisa ist doch hier ganz fremd. Nach der Schule sitzt sie stundenlang allein hinter der Baracke, hast du das noch nicht bemerkt? Gut geht es ihr nicht.“
„Ja, glaubst du, mir geht es gut? Der Krieg hat mir den Mann genommen, ich war fünf Jahre in Russland, und nun muss ich mich allein mit dem Kind durchschlagen. Du weißt nicht, wie schwer das ist, du hast ja deinen Franz, der alles für dich macht.“
„Dafür kann Lisa aber nichts. Und wenn du ihr die fünf Pfennige nicht gibst, kriegt sie das Geld von mir.“
Das Kranau-Elisabeta-Gesicht wechselte die Farbe.
„So weit kommt es noch, dass ich mir ausgerechnet von dir etwas schenken lassen muss.“
„Ich schenke nicht dir etwas, sondern Lisa. Das wirst du wohl noch erlauben?“
Die Kranau-Elisabeta-Finger kramten wortlos fünf Pfennige aus der Kleingeldbörse und hielten sie Lisa vors Gesicht. Lisas schlechtes Gewissen pochte bis zum Hals. Hätte ich bloß nichts gesagt, jetzt wird sie wieder tagelang nicht mit mir reden, viel weinen, und ich bin schuld. Aber der Gedanke, einen Luftballon kaufen zu dürfen, verdrängte alle Schuldgefühle. Zum ersten Mal in ihrem Leben kaufte Lisa etwas für sich zum Spielen. Einen roten Ballon wollte sie, aber es gab nur noch grüne. Prall mit Luft gefüllt, hing er an einem dünnen Faden. „Den Faden musst du immer festhalten, damit der Ballon nicht davonfliegt“, hatte die Frau im Laden gesagt. Nur mit einem kurzen Fingerschnippen oder wenn man ihn anpustete, stieg der Ballon auf, bis der dünne Faden ihn zurückhielt. Umarmt fühlte er sich wie Menschenhaut an. Lisa nahm ihn mit in ihr Stockbett. Die ganze Nacht war er da, festgebunden an der oberen Querlatte des Stockbetts. Am nächsten Morgen war er auch noch da und nach der Schule, nach den Hausaufgaben, nach dem Abendessen. Aber nach ein paar Tagen lag er klein und schrumpelig auf der grauen Decke. Sein frisches Grün war trüb geworden, zum Fliegen hatte er keine Luft mehr, letztendlich hing er wie eine ausgelutschte Wursthaut an seinem dünnen Faden.
„Das hätte ich dir gleich sagen können. Das war rausgeschmissenes Geld. Das war der erste und letzte Luftballon, den ich dir gekauft habe.“
Die Kranau-Elisabeta-Stimme traf Lisa doppelt. Sie trauerte um ihren Ballon, und sie fühlte sich wegen des Geldes schuldig. Im Grunde trauerte Lisa jedoch um ihr Leben, das sie zurücklassen musste, das immer dann wiederkam, wenn sie die Augen schloss.
Dann hört sie die Sprache, in der sie denkt, spürt die heiße Sonne im Gesicht, den Sommerwind im Haar, riecht den mehligen Sand, wenn die ersten dicken Tropfen des Gewitterregens herunterprasseln, sieht, wie sich die trockenen Stoppeln dehnen, spürt Evas Schritte hinter sich.
Der Sommer in Deutschland schien später zu beginnen als in Jugoslawien. Auch der Tag zeigte sich nicht schon um vier Uhr morgens. In Jugoslawien stieg die Sonne direkt aus den Feldern, und der Tag war da. Hier mussten Sonne und Tag über die Berggipfel klettern, um die Menschen im Tal zu erreichen. Auch die Sterne am schmalen Nachthimmel waren kleiner. Das Licht der Mondscheibe reichte nie zum Lesen aus wie in Jugoslawien. Und es gab keine Milchstraße, zumindest hatte Lisa bis jetzt noch keine gefunden.
An einem warmen Schulvormittag ging Herr Hammerschmidt mit der Klasse hinaus vor das Gebäude. Er hatte zuvor vom Berchtesgadener Land erzählt. Lisa verstand nur instinktiv etwas, alle deutschen Wörter waren neu.
„Schaut mal dort!“
Alle Blicke folgten Herrn Hammerschmidts Armbewegung nach oben. Vor dem tiefblauen Himmel zeigten sich zwei schwarze, menschenähnliche Miniaturscherenschnitte im Gegenlicht auf einem schmalen Grat.
Herr Hammerschmidt erzählte vom Bergsteigen. Es gäbe junge Männer, die schon alle Gipfel der Umgebung bestiegen hätten. Was wollen die dort oben? dachte Lisa, und wie kommt das Kreuz auf den Gipfel? Wozu steht es dort?
Für diese Bergwelt, diese neue Lebensweise, hatte Lisa noch keine Worte und deshalb auch kein Begreifen. In Serbisch brauchte sie kein vergleichbares Vokabular, in Deutsch bisher auch nicht. Ihre Gefühlsebene zeichnete Bilder auf, für die es noch keine Definitionen gab.
Die Kranau Elisabeta hatte sich noch nie mit Franz gestritten, dafür umso öfter mit Leni, meist wegen Fränzchens nassen Hosen. Die Barackenluft werde verpestet, und die Zugluft während des ständigen Lüftens vertrage sie nicht. Fränzchen versteckte sich hinter Leni, sobald die Kranau-Elisabeta-Stimme loslegte. Wenn sie nicht da war, nahm Lisa Fränzchen auf den Schoß und summte Melodien in sein Ohr. Er hörte zu wie Eva, als Lisa auf ihrem Schoß gesessen war. Die Kranau Elisabeta hatte Lisa in Otice das Singen auf Evas Schoß verboten, im Lager Piding verbot sie ihr das Singen mit Fränzchen auf dem Schoß. „Weil ich das nicht will!“, war die Antwort auf Lisas Aber-wieso-denn-Nicht?
Mit Franz redete die Kranau Elisabeta besonders laut, lachte über seine Späße, auch wenn sonst niemand lachte. Er äffte eine alte Frau nach, wenn sie nicht in der Baracke war. Diese Frau hatte keine Zähne mehr, ihre Unterlippe rutschte über den Unterkiefer nach innen, so dass sie beim Sprechen einzelne Silben verschluckte. Und sie lächelte immer mit zusammengekniffenen Lippen, die wie ein Strich aussahen. Genau wie bei Eva, dachte Lisa. Warum macht sich Franz über diese Frau lustig? Sie kann ja nichts dafür. Und wieso lacht die Kranau Elisabeta mit? Sie weiß doch, dass Evas Mimik ähnlich aussieht.
Lisa erlebte und lebte die Tage nach Lagerplan: aufstehen, waschen, Frühstück, Schule, Mittagessen, Hausaufgaben oder Nachmittagsschule, Abendessen, waschen, auf das Stockbett klettern, mit Traumbildern einschlafen und im fremden Hier und Jetzt aufwachen.
„Sobald das mit den Papieren geklärt ist, werden wir zu Kranau Oma nach Burgstadt fahren“, hatte die Kranau Elisabeta bei der Ankunft in Piding geantwortet, als Lisa gefragt hatte, ob sie denn jetzt für immer hierbleiben müssten.
Das mit dem Auszug aus dem Lager Piding kam recht schnell, aber nicht mit dem Ziel Kranau Oma, sondern Ulm, ein anderes Durchgangslager. Auf den deutschen Formularen war aus Kranau Elisabeta Frau Elisabeta Kranau, geborene Harider, geworden, und sie wurde in jeder Amtsstube mit Frau Kranau angesprochen. Also saßen Frau Elisabeta Kranau und Lisa samt Holzkoffer, Pappkarton und Puppenbettpaket wieder im Zug. Draußen glitt das fremde Deutschland an ihnen vorbei. Das Puppenbett, das an Eva erinnerte, blieb immer bei Lisa. Zum Anfassen. Evas Gesicht, ihre wasserblauen Augen, ihre schmalen Lippen, die geheimnisvoll flüsterten, wenn sie etwas Besonderes für Lisa mitgebracht hatte: All das war wieder da, sobald Lisa die Augen schloss.
„Warum wir zuerst noch nach Ulm ins Lager müssen, kann ich nicht begreifen. Die machen mit uns, was sie wollen. Ich habe zu denen gesagt, sie sollen uns gleich in ein Lager bei Burgstadt schicken, aber nein, zuerst müssen wir nach Ulm, weil dort die Grenze zu Württemberg ist. Wir müssen in Württemberg registriert werden, erst danach dürfen wir weiter. Mit dem Bus zu Kranau Oma dürfen wir auch nicht, wir würden uns strafbar machen, haben sie gesagt. Ich habe genug vom Lagerleben. Fünf Jahre Zwangsarbeit in Russland, immer mit fremden Menschen in einem Raum, lange halte ich das nicht mehr aus.“
Lisas Blick fixierte die Wand hinter Frau Elisabeta Kranaus Kopf.
„Ja, starr mich nur an. Deinetwegen musste ich nach Jugoslawien zurück. Wäre ich hiergeblieben, wäre ich längst auch in Burgstadt bei Kranau Oma und Jakob und Isolde. Wir hätten bestimmt schon eine eigene Wohnung. Aber so? Wer weiß, wie lange das alles noch dauert.“
Meinetwegen hätte sie in Deutschland bleiben können, dachte Lisa, wenn sie nicht nach Jugoslawien gekommen wäre, wäre ich jetzt noch bei Eva. Wut und Ohnmacht, zwei kantige Steine in Lisas Innerem, rieben sich aneinander wund.
Der Zug fuhr zwischen grünen und grauen Bergen. Lisa hatte keinen Bezug zu dem, was draußen vorbeiraste. Zu Kranau Elisabeta, ab jetzt Frau Kranau oder Frau Elisabeta Kranau, hatte sie auch keinen Bezug. Sie war Lisa so fremd wie die fremde Frau, die vor drei Jahren aus Deutschland nach Otice gekommen war.
In Ulm glich das Durchgangslager einer Festung aus grob gehauenem Naturstein. Lisa stand im Innenhof. Den Kopf im Nacken, stiegen ihre Blicke die einzelnen Stockwerke der Gebäude hinauf fast bis zu den Wolken. Die Dächer schienen ineinander verflochten. Säulen, breite Treppenelemente, hohe Innenräume. Noch nie war Lisa in einem solch gewaltigen Gebäudekomplex gewesen. Obwohl das Ulmer Lager mehr nach Krankenhaus aussah als nach Lager, glich der Tagesablauf dem in Piding. Schlangestehen zum Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Warmes Wasser zum Duschen gab es nicht immer, und die Luft in den Aborten zwang die Benutzer zu langem Atemanhalten. In die Schule müsse Lisa nicht gehen, hatte der Mann in der Lageraufnahme gesagt, weil es sich wegen der paar Tage nicht lohne. Wie viele paar Tage es wohl sein werden? Lisa wollte es gar nicht wissen. Sie hatte sich mit dem hohen Raum, den Stockbetten aus weiß lackierten Eisenstäben und ihrer weichen Matratze angefreundet und mit dem Brot, das sie auf ihr Stockbett mitnehmen durfte. In Lisas Gedankenwelt war ein Traumleben eingezogen: Eva und die Sonnenseiten von Otice. Mit Daumen und Zeigefinger zupfte Lisa ein Brotstückchen nach dem anderen ab, legte es auf die Zunge und kaute langsam, denn der Hunger knurrte längst nicht mehr. Die fremde Zeit fühlte sich während des Kauens vertrauter an.
Gleich am zweiten Tag im Ulmer Lager bekam Frau Elisabeta Kranau Fieber, konnte nicht schlafen, aß nichts mehr. Sie musste unter ärztliche Beobachtung in das Lagerkrankenhaus im gleichen Gebäudetrakt. Das käme alles von der Zwangsarbeit in Russland, vom vielen Arbeiten bei viel zu wenig Essen und von den vielen Sorgen, die sie habe, weil sie Kriegerwitwe sei und ihr Kind ganz allein großziehen müsse, erklärte sie zuerst der Krankenschwester, später dem Arzt und allen, die in ihre Nähe kamen.
Lisa blieb mit Holzkoffer, Pappkarton und Puppenbett in dem hohen Sechs-Personen-Zimmer zurück, in dem aber nur zwei Betten mit jüngeren Frauen belegt waren, die morgens sehr früh zur Arbeit gingen und abends spät zurückkamen.
„Oh, du bist ganz allein hier?“ fragte eine Stimme durch die offene Zimmertür.
Lisa brauchte ein paar Sekunden, bis sie merkte, dass diese Stimme nicht zu ihren Traumbildern passte. Eine Frau in einem grauen Kleid mit weißer Schürze und einer kleinen, weißen Haube über ihrem am Hinterkopf verknoteten grauen Haar winkte Lisa vom Stockbett herunter.
„Komm! Du darfst deine Mutter besuchen!“
Lisa wollte diese Frau gar nicht sehen. Sie war keine Mutter, sie war eine Fremde, die alles bestimmte. Lisa wollte mit geschlossenen Augen auf ihrem Stockbett auf der weichen Unterlage mit den vertrauten Bildern im Kopf vor sich hinleben.
„Weißt du denn, wo die Krankenstation ist?“
Lisa schüttelte den Kopf.
„Komm jetzt runter, ich zeig dir, wo du hingehen musst!“
Die Frau in Grau-Weiß führte Lisa über einen Kopfsteinpflaster-Innenhof. Rundum mächtige Bauten, fremde Leute, fremde Sprachen. Du bist ein großes Mädchen, würde Eva jetzt sagen. Das bedeutete, große Mädchen weinen nicht, ganz gleich, was passiert.
„Hier der linke Gebäudeflügel mit dem Roten Kreuz über dem Eingang, das ist die Krankenstation. Im ersten Stock auf Zimmer 110 liegt deine Mutter. Ich denke, da findest du allein hin?“
Lisa nickte.
In Zimmer 110 war alles weiß: die vier Metallbettgestelle, die Bettwäsche, die Nachttischchen, die hohen Fensterrahmen und die Wände, an denen das Sonnenlicht von draußen abprallte. Lisas Augenlider zogen sich zu Sehschlitzen zusammen. Frau Elisabeta Kranau saß mit zwei weißen Kissen im Rücken in ihrem weißen Bett. Auf der Bettkante saß ein fremder Mann in grauem Anzug.
„Ach, da bist du ja, mein Kind, komm her!“ Sie lächelte.
Mein Kind? Hatte sie „mein Kind“ gesagt? Und für wen lächelte sie? Die Stimme, der Tonfall, das war nicht die alles durchdringende Säge, die keinen Widerspruch duldete. Lisa blieb an der Tür stehen.
„Na komm schon her! Das ist Onkel Jakob. Erinnerst du dich an die Bilder von der Doppel-Hochzeit, die wir bekommen haben, als Kranau Oma noch in Jugoslawien war?“
Lisa dachte an die fremden Gesichter auf den Schwarzweiß-Fotos und an Kranau Omas Lächeln: „Das ist Isolde, die Schwester deines Vaters, daneben ihr Mann Jakob, und das ist Karl, der jüngere Bruder deines Vaters, mit seiner Frau Ottilie.“
Für Lisa existierten diese Menschen, genau wie ihr Vater, nur auf Bildern. Und nun stand einer dieser Schwarz-weiß-Menschen tatsächlich hier. Ganz anders, als Lisa ihn sich vorgestellt hatte.
Frau Elisabeta Kranau strahlte mit allen ihren weißen und goldenen Zähnen. Onkel Jakob streckte Lisa mit einem kurzen „Grüß dich!“ die Hand entgegen. Was sie hätte antworten sollen, wusste sie nicht. Auf Ungarisch oder Serbisch zu grüßen, passte hier nicht. Und auf Deutsch kannte sie nur Gelobt sei Jesus Christus, das passte auch nicht.
„Du bist ja schon richtig groß“, stellte Onkel Jakobs Stimme fest, „setz dich hier aufs Bett!“ Sein Deutsch hatte einen breiten ungarischen Akzent. Er war größer als die meisten Männer und sehr mager. Seiner Gesichtshaut fehlte die Farbe, seinem ovalen Kopf die Haare. Jakobs Lunge hatte im Krieg einen Steckschuss abbekommen, der damals unzureichend versorgt worden war, was ihm nun das Atmen erschwerte. Die tiefe Kuhle im oberen Rückenbereich war auch durch das Jackett hindurch sichtbar, besonders wenn er sich nach vorne beugte.
„Nein, nein, Jakob, setz du dich nur wieder hier hin! Die kann stehen, die hat ja noch junge Beine.“
Onkel Jakob holte eine Tüte Waffelkekse aus seiner Reisetasche.
„Probier mal!“
Lisas Blick fragte bei Frau Elisabeta Kranau nach.
„Nimm schon! Die sind lecker.“
Die Waffelfüllung schmolz auf der Zunge. Diese Süße ließ sich mit nichts vergleichen, was Lisa bisher gegessen hatte. Es schmeckte auf der Zunge und duftete in der Nase.
„Hier, greif zu!“
Jakob hielt Lisa die offene Tüte hin. Leider passten nur drei Waffeln in eine Hand. Lisa biss, schluckte, biss, schluckte. Die Gakovo-Angst, es könnte ihr jemand dieses himmlisch-süße Etwas wegnehmen, war stärker als ihre Scheu vor Fremden.
„Willst du noch mehr?“
Jakob lächelte flüchtig. Lisa hätte gern zugegriffen, aber die Frau-Elisabeta-Kranau-Blicke lähmten. Jakob reagierte sofort.
„Hier, nimm die Tüte! Es sind noch welche drin. Außerdem habe ich noch eine Tüte voll mitgebracht.“
Frau Elisabeta Kranau nahm ihm die zweite Tüte aus der Hand und steckte sie in ihre Nachttischschublade. Sie redete fast ununterbrochen. Jakob erzählte zwischendurch etwas zum Lautlachen, aber nur für Erwachsene. Lisas Füße wollten weg. Hinaus. Ihre Fußsohlen trippelten auf der Stelle.
„Wenn du dich langweilst, darfst du gehen.“
Die Frau-Elisabeta-Kranau-Stimme hüstelte. Lisa floh aus dem Raum. Sie hatte sich nicht einmal von Onkel Jakob verabschiedet.
Rechtzeitig zum Lagerauszug und zur Zugfahrt in ein anderes Lager war Frau Elisabeta Kranau wieder fieberfrei und damit reisefähig. Dieses Mal war es Württemberg, das an den Zugfenstern vorbeiflimmerte.
Das Balinger Lager war wieder ein Barackenlager, nicht ganz so groß wie in Piding, und es war nicht nur ein Durchgangslager. Manche wohnten so lange in den Baracken, bis eine feste Bleibe in der näheren Umgebung gefunden worden war. Wie lange das Hierbleibenmüssen für die Durchgangslagerleute mit dem Ziel der Familienzusammenführung in Württemberg oder in einem anderen Bundesland dauern wird, wusste niemand genau. Die meisten wollten weiter, waren aber erst einmal froh, es bis hierher geschafft zu haben. Für Frau Elisabeta Kranau und Lisa wurde ein Stockbett in einem schmalen Barackenraum mit je zwei Stockbetten an den beiden Längsseiten zum neuen Daheim auf unbestimmte Zeit. Lisa lag wie immer oben, Frau Elisabeta Kranau unten. Schlafen ohne fremden Atem im Gesicht und fremdes Schnarchen im Ohr war ein Lagerluxus, den es nicht nur in Ulm, sondern auch hier in Balingen gab. Seit Lisa allein in einem Bett schlafen durfte, mochte sie zu viel Nähe nicht mehr. Holzkoffer, Pappschachtel, Puppenbett und Onkel Jakobs Reisetasche mit Geschenken von Kranau Oma steckten unter dem Bett. In der Raummitte stand ein Tisch mit sechs Stühlen. Zwei Bewohner mussten auf ihren Bettkanten Platz nehmen, sollten mal acht Personen gleichzeitig im Zimmer sitzen wollen. Das passierte selten, weil es mehrere Gesellschaftsräume gab. Wer nicht arbeitete und nicht zur Schule ging, konnte seine Lagerzeit in Gesellschaft spielend oder schwatzend absitzen.
In den Waschräumen standen auf einer Seite hinter brüchigen Innenwänden Blechwannen mit braunen Rändern. An den Längswänden gegenüber hingen Waschbecken mit Beulen. Jeden zweiten Vormittag setzte die Putzkolonne mit Feuerwehrschläuchen Becken, Wannen und Böden unter Wasser. Wer eine Blechwanne vor der eigenen gründlichen Körperreinigung richtig sauber haben wollte, musste mit mitgebrachtem Reinigungsmittel selbst scheuern.
In der Latrinenbaracke verbreiteten Plumpsklos einen atemraubenden Mief. Einige Male pro Woche wurden alle Latrinen früh morgens nach der üblichen Feuerwehrschlauch-Spritzrunde mit einer Flüssigkeit besprüht, deren Gestank wie Reizgas wirkte. Danach waren Würmer und Fäkalien eine Zeitlang weg. Die verkrusteten Hinterlassenschaften mehrerer Lagerinsassen-Generationen ließen sich durch Abspritzen nicht mehr von der Sitzfläche der Plumpsklos beseitigen. Hinaufsteigen, in die Hocke gehen, zielen und das Loch treffen, funktionierte nicht immer. Im Grunde war es auch egal. In Urinpfützen und Kot suhlten sich fußlose Würmer, undefinierbare Vielfüßler und sonstige Krabbler und Kriecher. Wenn die Sonne den Tag aufheizte, teilten sich Millionen fliegender Insekten Latrinenluftraum und Exkremente. Nur mit einem Taschentuch vor Mund und Nase, im Ausnahmefall auch Luftanhalten bis zur Atemnot, war ein längerer Pieselgang möglich. Wer sich die Mühe machen wollte, schlich mit einer in Zeitungspapier versteckten kleinen Schaufel in die blickgeschützte Natur außerhalb des Lagers.
