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Mike ist am Ende. Das Psychologiestudium macht keinen Spaß, die Freunde sind ständig auf Pille, der Job in einem heruntergekommenen Teeladen nervt und der gelegentliche Sex mit der Dozentin ist unbefriedigend. Mike spürt, dass er nichts mehr zu verlieren hat und zögert keine Sekunde, als ihn sein psychotischer Kumpel Bob zu einem todsicheren Job überredet: Ein Paket mit außergewöhnlich reinem Heroin, das den Besitzer wechseln soll. Endlich ein Ziel! Am Abend vor dem Deal stürzt sich Mike in eine skurrile Trance-Party und landet in den Armen von Sarah. Und plötzlich ist nichts mehr so wie es war. Mit der Gewalt einer Naturkatastrophe verliebt sich das sex- und heroinsüchtige Rasta-Girl in ihn und sprengt ein hübsches Loch in seine Realität. Der Wahnsinn eskaliert, als Bobs stümperhaft geplanter Coup eine blutige Kettenreaktion auslöst und das ungleiche Liebespaar ins Fadenkreuz skrupelloser Elemente gerät.
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Seitenzahl: 619
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Danke Nadine
Erster Stich
Zweiter Stich
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Dritter Stich
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Vierter Stich
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Fünfter Stich
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Sechster Stich
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Letzter Stich
Gutes und böses Schicksal, Glück und Unglück sind wie ein zusammengedrehtes Seil. Japanisches Sprichwort
»Hör auf damit, komm da jetzt runter!«
Die Augen des Jungen waren vor Entsetzen weit aufgerissen. Benommen wischte er sich mit dem Handrücken das Blut und die nassen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Schwer atmend kroch er aus dem Schatten hinter dem umgestürzten Bettkasten hervor. Aus seiner Nase lief ein dicker, blutiger Faden.
Überall lagen Scherben auf dem Boden, die in dem flackernden Neonlicht der Straßenreklame wie ein unwirkliches Trümmerfeld schimmerten. Knirschend zerplatzte ein Stück Glas unter seinem Handteller. Tränen schossen ihm in die Augen. Er keuchte vor Schmerz. »Bitte komm da wieder runter«, rief er erneut mit schwacher Stimme und streckte seine unverletzte Hand nach der verschwommenen Gestalt vor ihm aus. Alles um ihn herum schien sich zu drehen. Er schwankte und fiel auf den Boden.
Vom anderen Ende des Zimmers erntete er schrilles Gelächter. Das Mädchen mit den langen, im Wind flatternden Haaren saß vergnügt auf dem Fensterbrett. Sie trug nur ein dünnes Nachthemd. Spielerisch ließ sie ihre nackten Beine über den Rand baumeln. »Bitte komm da wieder runter!« ahmte sie seine Worte spöttisch nach.
Draußen tobte ein heftiger Sturm. Dennoch unternahm sie keinerlei Mühe, sich am Rahmen oder an anderer Stelle festzuhalten, sondern verschränkte ihre Arme vor der Brust. In dem sich ständig verändernden Licht wirkte ihr abgemagertes Gesicht mit den riesigen hervorquellenden Augen wie ein grinsender Schädel. Das Transistorradio lag irgendwo voll aufgedreht zwischen dem Bett und einem wirren Kleiderberg. Der Sender spielte »My Way«, die Punkversion von Sid Vicious, und die Akkorde knallten wie Hammerschläge gegen sein Trommelfell.
»Du bist wirklich ein ganz erbärmlicher kleiner Vollidiot«, schrie das Mädchen und deutete mit ihrem knochigen Zeigefinger auf ihn.
Der Junge blinzelte in das blendende Licht einer überdimensionierten Werbetafel, die an der gegenüberliegenden Hausfassade angebracht war. Unentwegt wischte er sich die Tränen aus den Augen. »Ich liebe dich doch ...«, sagte er mit zitternder Stimme. »Wir können es schaffen, glaub mir doch.«
Hysterisches Gelächter. »Das hättest du wohl gerne, was?« kreischte sie und entblößte eine zertrümmerte Zahnreihe hinter ihren aufgeplatzten Lippen. Der grausige Anblick war für ihn schmerzvoller als alle Verletzungen, die er davongetragen hatte.
In seinem Kopf spielte sich die Szene von neuem ab. Er hatte gerade das Zimmer betreten, als sie dabei war, ihren Kopf mit entsetzlicher Wucht auf die Waschbeckenkante zu schlagen. Beim Versuch, sie davon abzuhalten, zerplatzte eine Blumenvase auf seinem Kopf. Er ging zu Boden und musste unendlich viele Tritte einstecken. Doch das sollte noch nicht alles sein. Zu guter Letzt hatte sie ihm noch ins Gesicht gepisst.
»Du bist so blöd, Junge, ich hab doch, was ich wollte, und jetzt hau endlich ab!« giftete sie ihn weiter an.
»Nein, das kann ich nicht«, stotterte er. Mühsam gelang es ihm, sich einigermaßen wieder aufzurichten. Aus seinem Haar fiel eine abgebrochene Rose. »So versteh doch, ich will dir helfen ...«
Kichernd ließ sie den Kopf auf die Brust fallen. Ihr Körper zuckte anfallartig, während sie sich an den Oberschenkeln und am Bauchnabel kratzte, bis die roten Streifen auf ihrer weißen Haut zu bluten begannen. »So, ich kann mir schon denken, wie deine Hilfe aussieht«, sagte sie mit kalter Stimme. Von der Straße her ertönte ein Hupton. Plötzlich riss sie den Kopf hoch und bohrte ihren fiebrigen Blick direkt in seine Augen. »In die Klinik gehe ich nicht mehr, damit das klar ist!« schrie sie.
Verzweifelt hob er die Hände. »Aber es ist die einzige Chance, alleine schaffen wir das doch nicht mehr«, bettelte er. Zu lange, das war ihm jetzt schmerzhaft bewusst geworden, hatte er davor zurückgeschreckt, die Wahrheit laut auszusprechen.
Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. In der Tür stand ein junges Mädchen im Nachthemd, das ängstlich zitternd einen Teddy an ihre Brust drückte. Ihm fiel auf, dass sie sehr kurze Haare hatte. Unter dem dünnen Flaum, der ihren Kopf bedeckte, leuchtete etwa handtellergroß ein hellroter Fleck. Ihre Blicke begegneten sich, und für einen kurzen Augenblick schien alles um ihn herum zu verblassen. Das Nachtgespenst mit den großen Augen sah in traurig an, und plötzlich wurde ihm eine Woge aus kindlichem Mitgefühl zuteil. Unverfälscht und von anrührender Wärme. Die Zeit war im Begriff stehen zu bleiben.
»Mach die Tür zu, du Miststück!« vernahm er in seinem Rücken eine wütende Stimme. Das kleine Mädchen erschrak und fasste sofort nach der Klinke. Ein letzter Blick, dann zog es die Tür bis auf einen dünnen Spalt wieder zu, durch den ein schwaches Ganglicht hindurchschimmerte. Der Junge kam sich grausam verlassen vor, als er ihren Schatten noch einmal vorbeihuschen sah. Das Pochen in seiner Brust wurde stärker. Langsam drehte er sich wieder um.
»Es war ein Fehler, dich aus der Klinik zu holen«, stotterte er. Die Worte lösten ein wütendes Funkeln in ihren Augen aus. »Du musst zurück«.
»Na schön, wenn du meinst«, entgegnete sie. Sie wippte mit dem Oberkörper vor und zurück. »Aber nur unter einer Bedingung.«
Die Wendung kam für ihn völlig unerwartet. Vielleicht bestand ja doch noch Hoffnung? Der Junge fiel auf die Knie. Jetzt würde doch noch alles gut werden. »Oh natürlich«, stammelte er. »Alles, was du möchtest.« Er rang sich ein gequältes Lächeln ab.
»Okay, siehst du die lange Scherbe da genau vor dir?« sagte sie.
Was für einen Sinn ergaben ihre Worte? Unentwegt rasten Gedanken durch seinen Kopf. Aus Angst sie zu verärgern, vermied er es jedoch, danach zu fragen. Stattdessen suchte er verwirrt den Boden ab. Endlich fiel sein Blick auf die Stelle. »Ja ...«, antwortete er zögerlich.
»Nimm sie und schlitz dir die Pulsadern damit auf.«
Stille. Der Raum schien plötzlich wie von einer unsichtbaren Glaskuppel umschlossen zu sein. Du musst dich verhört haben, dachte er. »Was soll ich damit machen?« fragte er mit leiser Stimme.
»Ich will, dass du dich für mich kalt machst, dann gehe ich in die Klinik zurück«, sagte sie grinsend. »Versprochen, Baby.« Lachend klatschte sie in die Hände.
Das konnte unmöglich ihr Ernst sein. Ja, keine Frage. Nur ein kranker Witz. Völlig verunsichert fiel er in das Gelächter mit ein, doch aus irgendeinem Grund spürte er keine Erleichterung. Das ungute Gefühl in der Magengrube verstärkte sich indessen noch. Auf der Straße warf der Sturm mehrere Mülltonnen um.
»Was gibt es da zu lachen?« schrie das Mädchen außer sich vor Wut. »Das ist kein Gag.« Mit dem Zeigefinger deutete sie eine bestimmte Bewegung an, indem sie damit über ihr Handgelenk fuhr.
Er wollte es immer noch nicht wahrhaben. »Ach, ist es nicht?« Verzweifelt suchte er in ihrem Gesichtsausdruck nach einem Anzeichen dafür, dass sie es nicht ernst meinte. Vergeblich.
»Ich zähle jetzt bis zehn, dann springe ich auf die Straße«, sagte sie kühl und rutschte auf dem Fensterbrett noch näher an den Rand heran.
Fassungslos verharrte er in seiner verkrampften Haltung. Würde sie es tun? Vielleicht sollte er sie einfach springen lassen, flüsterte ihm eine innere Stimme zu. Als sie jedoch bei Neun angelangt war, hob er mit gesenktem Blick die Scherbe auf. Umgehend verstummte sie. Mit unruhigen Fingern brachte er das scharfkantige Glas über der linken Pulsader zum Anschlag. Sein Atem ging immer schneller. Er neigte den Kopf leicht zur Seite, um zu verhindern, dass die Tränen in seinen Mund liefen. Taumelnd kam er wieder auf die Beine.
»Na los, mach schon«, forderte sie ihn mit Nachdruck zum Handeln auf. Sie klang sehr vergnügt. Erwartungsvoll beugte sie sich in seine Richtung, um das Schauspiel besser beobachten zu können. Schluchzend ritzte er eine dünne, rote Linie in sein Handgelenk. »Au, der arme Junge«, rief sie und spendete höhnisch Beifall. »Mann, mach es richtig oder ich mach den Flieger!«
Wut keimte in ihm auf. »Das reicht jetzt, komm sofort da runter«, schrie er und machte einen energischen Schritt auf sie zu.
Sofort sprang sie auf. »Bleib wo du bist«, kreischte sie und balancierte mit einem Bein auf dem Fensterbrett.
Am ganzen Körper zitternd, blieb er unmittelbar vor ihr stehen. Für eine Sekunde wollte er alles auf eine Karte setzen, doch schließlich musste er sich eingestehen, dass ihm die nötige Entschlossenheit dazu fehlte. Und nein, er wollte nicht, dass sie sich etwas antat, auch wenn sie sich schon wieder wie eine kranke, bösartige Schlampe verhielt. Sie bedeutete ihm einfach zuviel, als dass er es riskieren konnte. Das Gefühl, dieses Wesen zu lieben, war einfach zu stark. Die Schnitte waren weniger schmerzvoll als er befürchtet hatte. Das Blut pulste aus den frischen Wunden an seinen Handgelenken.
»Gut, endlich hast du mal was richtig gemacht«, rief sie freudestrahlend. »Und nun, wie versprochen, komme ich zu dir herunter.« Lächelnd schlang sie ihre Arme um seine Hüfte und legte den Kopf auf seine Brust.
»Und jetzt fahren wir in die Klinik, ja?« presste er unendlich mühsam zwischen seinen Lippen hervor.
»Noch nicht, erst ficken wir noch schön«, entgegnete sie.
In seinem Körper breitete sich eine ekelhafte Kälte aus. »Dafür ist keine Zeit mehr, ich ...« Weiter kam er nicht. Lachend drückte sie ihre Nase in sein Gesicht und drang mit ihrer heißen Zunge in seinen ausgetrockneten Mund ein. Sie fielen auf das verwüstete Bett.
Das Mädchen setzte sich auf ihn. »Hey, stell dich doch nicht so an«, sagte sie und streckte triumphierend die Arme aus, »jetzt kommt die Versöhnung.«
»Wir müssen gehen«, flüsterte er. Durch den Blutverlust begann die Umgebung vor seinen Augen zunehmend zu verschwimmen.
Genervt verdrehte sie ihre Augen und winkte ab. »Okay, dann leck mir wenigstens noch mal über die Möse, wenn es schon nicht zu mehr reicht.« Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, richtete sie sich auf und lüftete wütend ihr Nachthemd. Sie deutete auf die feucht glänzende Stelle zwischen ihren Beinen. »Hab mich vorhin noch schnell rasiert, also stell dich nicht so an und mach hin!« Die Arme lässig hinter dem Nacken verschränkt, bewegte sie kreisend ihr Becken.
Kraftlos umklammerte er ihre Schenkel, doch seine Hände rutschten wieder ab und hinterließen rote Flecken auf ihrer schwitzenden Haut. »Ich verblute, ich brauch einen Arzt.«
»Hey Kleiner, das war aber nicht abgemacht«, hielt sie ihm beleidigt vor. »Es war nur die Rede davon, dass ich zur Klinik gehe, wenn du dich aufschlitzt.« Ihre Stimme klang, als hätte sie irgendeine Belanglosigkeit von sich gegeben.
Die Worte rissen ihn aus der Lethargie. »Was sagst du?«
»Ja, ist mir doch scheißegal, wenn du verreckst«, sagte sie.
»Aber ...«
»Und komm mir jetzt bloß nicht mit dieser Liebesscheiße und so.«
»Halt endlich dein Maul«, brüllte er sie an. Mit letzter Kraft drückte er sie von sich weg. Sie stieß einen spitzen Schrei aus. Er wollte sich aufrichten, doch die Anstrengung war zuviel für seinen geschwächten Körper. Ohne Halt zu finden, rutschte er über die Bettkante und schlug mit der Schulter auf den Fliesen auf. Stöhnend schleppte er sich zur Tür.
»Hey, wo willst du hin?« schrie sie hinter ihm her. »Du kannst mich jetzt nicht hier alleine lassen!« Als sie keine Antwort bekam, machte sie wieder einen Satz auf das Fenster zu. »Wenn du nicht sofort stehen bleibst, springe ich raus!«
»Dann mach doch«, murmelte er kaum hörbar.
»Das kann nicht dein Ernst sein, dreh dich doch um!« schrie sie. Klang das nach echter Verzweiflung? Er war kaum noch in der Lage, seine Gedanken zu ordnen. Vor seinen Augen verfärbte sich alles zu einem rötlichen Schleier, und in seinem Kopf breitete sich eine pochende Leere aus, die jedes Gefühl betäubte. »Bitte, bleib hier!« jammerte sie mit tränenerstickter Stimme. Gefühle. Ich bin ihr also doch nicht so gleichgültig, dachte er. Sein Herz schlug schneller.
Entsetzlich langsam, den trüben Blick starr auf den Boden gerichtet, drehte er sich mit unbeholfenen Bewegungen zu ihr herum. In dem Moment, als er endlich seinen Kopf heben wollte, versagten ihm endgültig die Kräfte. Plötzlich knickten seine Knie ein. Mit voller Wucht stürzte er auf den Boden und blieb auf dem Rücken liegen. Ein gewaltiger Windstoß ließ die Gardinen vor dem Fenster tanzen.
Das Mädchen wurde von der Woge erfasst. Indem sie mit den Armen ruderte, versuchte sie noch verzweifelt, das Gleichgewicht zu bewahren, aber es war ein aussichtsloser Kampf. Schreiend kippte sie nach hinten weg und verschwand im Dunkel. Für Sekundenbruchteile sah er noch ihre Füße. Als ein dumpfer Aufprall ertönte, schloss der Junge seine Augen. Der Sturm tobte weiter. Das monotone Heulen und der abgehackte Sound einer Reggaegitarre, der aus dem unsichtbaren Radio schallte, begleiteten ihn in einen tiefen Schlaf.
Die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren. Dante Alighieri. Die Göttliche Komödie
»Im September fliege ich drei Wochen nach Thailand, das dürfte ein ziemlicher Spaß werden.« Erschöpft ließ sich Bob neben mir auf sein Badetuch fallen. Genüsslich breitete er die Arme aus und blinzelte in die Sonne, die in seinen roten Haaren schimmerte. Über eine Stunde lang war er, ohne eine nennenswerte Pause einzulegen, ständig von einem Ufer zum anderen geschwommen. Zufrieden mit sich und dem Rest der Welt lag er nun auf dem Rücken und befühlte seinen durchtrainierten Oberkörper.
Ich schwieg aus sehr gutem Grund. Am Vorabend hatte ich mich nach einem scheußlichen Besäufnis zu der Aussage hinreißen lassen, dass er sich einen Krampf im Arsch holen und absaufen würde. Selbstverständlich konnte er das nicht auf sich sitzen lassen. Also wetteten wir, und mein Einsatz waren seine Flugkosten nach Thailand. Leider verloren.
Ich hoffte nur, dass er sich nicht mehr an dieses eine Detail erinnern würde. Zeugen gab es keine, was mich ein wenig beruhigte. Am Ende hatten wir uns aus den Augen verloren. Schließlich wachte ich in einem fremden Wohnwagen auf. Bob war irgendwann auf den Stufen einer Kirche zu sich gekommen. Nach der Sauferei hatte jeder von uns woanders bis zur Besinnungslosigkeit gekotzt. Ich spekulierte also auf den berühmten Filmriss an der richtigen Stelle.
»Hört sich gut an, und wo genau geht’s denn hin?« heuchelte ich Interesse. Ich warf ihm eine Dose Budweiser zu.
Stürmisch riss er den Verschluss auf und nahm einen kräftigen Schluck. »Erst mal nach Bangkok, und von dort aus auf diese vielen kleinen Inseln. Ist ein Paradies, sag ich dir.« Grinsend warf er die leere Dose ins Wasser und streckte mir die Zunge heraus.
Ich musterte ihn misstrauisch. Kein Zweifel, die Begeisterung war echt, und was mir noch viel wichtiger erschien: Kein Wort von der Reisekostenerstattung. Selten hatte ich ihn einmal so emotional erlebt wie an jenem heißen Augusttag, als wir unsere Zeit wieder einmal am See totschlugen.
Auf einem aufgeschütteten Hügel in der Nähe lungerten ein paar bekannte Gesichter vom Campus herum und zogen sich billiges Speed durch die Nase, das wir ihnen völlig überteuert angedreht hatten. Ihr Ghettoblaster beschallte die Umgebung mit dem üblichen Sound zum Sommersemester. Punk, Ska und Reggae. Jaya the Cat war angesagt: »Here come the Drums«. Viel Madness. »One Step beyond«.
»Wenn man dich so reden hört, man könnte glauben, du wärst schon mal da gewesen«, stellte ich fest und schaute mit zusammengekniffenen Augen in die Sonne. Der glutrote Ball stand direkt über uns.
»Da liegst du gar nicht so falsch«, entgegnete er immer noch außer Atem. »In meiner Vorstellung war ich schon mindestens tausend Mal dort, vielleicht in meinem letzten Leben.«
Seine Worte verblüfften mich ein wenig. »Ich dachte, du hast für diese Art von Spiritualität nichts übrig?« Ich gab ihm noch eine Dose. Zehn Sekunden später landete auch sie im See.
Er wischte sich den Schaum aus den Mundwinkeln. »Da hast du falsch gedacht, Kleiner.«
Ja, da hatte ich mich wohl geirrt. Es wäre ja auch nicht das erste Mal, dass mir so etwas wiederfuhr. Während sich Bob mit unmenschlichen Bewegungen an seinem Schwanz vergriff, dachte ich einen Moment lang über mein bisheriges Leben nach. Es war nur noch eine Woche bis zu meinem 26. Geburtstag. Zum Feiern war mir jedoch überhaupt nicht zumute. Dafür quälte mich in diesen Tagen das erschreckend realistische Gefühl, an einem toten Punkt angelangt zu sein. Entweder ich würde einen Weg aus dieser Mausefalle finden oder Endstation. Ich musste eine verdammt schnelle Entscheidung treffen.
In meinen Gedanken spulte sich eine endlose Kette persönlicher Niederlagen ab. Einer der Gründe, warum ich mit Bob an diesem idyllischen Ort lag und mir furchtbar verkatert sein Gestöhne anhörte. Da kam mir der Job, den ich im Teeladen von Enrico, auch so ein oberflächlicher Wichser, versehen durfte, gerade richtig. Immerhin eine Beschäftigung, die verhinderte, dass ich völlig abstürzte. Bob hatte mir die Stelle vermittelt. Natürlich nicht aus Nächstenliebe. Es gab stets einen Hintergedanken.
»Was gibt’s Neues bei Enrico?« Die Frage wiederholte er in letzter Zeit immer dann gebetsmühlenhaft, wenn wir allein und ohne einen Mitwisser unterwegs waren.
»Morgen ist der große Tag«, sagte ich und gähnte.
Bob lächelte. Diese Antwort war ganz nach seinem Geschmack. Platsch! Die nächste Dose landete unmittelbar vor mir im Wasser. »Hat das eigentlich einen besonderen Grund, dass du dir den Pferdeschwanz abrasiert hast?« wechselte er abrupt das Thema.
Ich hob die Augenbrauen. Bob brachte es öfter fertig, mich auf dem falschen Fuß zu erwischen. Nicht nur er. Ja genau, meine Haare hatten deutlich an Länge eingebüßt.
»Wie kommst du jetzt darauf?« entgegnete ich gereizt.
Er lachte. »Schon gut, die Antwort kann sich ja doch jeder denken. Was ist mit der Kleinen, die dich vor ein paar Tagen auf der Party am Fluss abgeschleppt hat?« Er wusste haargenau, was er anstellen musste, um mir auf die Nerven zu gehen. Einer der wichtigsten Gründe, warum ich ihn für ein ignorantes Arschloch hielt. Über das Schicksal, dass er mein einziger sogenannter Freund war, tröstete ich mich mit dem zweifelhaften Gedanken hinweg, dass die Spezies Mensch jeden Tag weit schlimmere Exemplare in die Welt setzte.
»Sie hat mich verlassen, weil ihr mein Schwanz zu klein war«, hörte ich meine Stimme wie einen sentimentalen Kommentar aus dem Off.
»Scheiß drauf«, rief er vergnügt aus und katapultierte seinen Körper mit einem Satz in die Senkrechte. Mir waren solche Spielchen wegen meiner Knieverletzung nicht möglich. Mit einer Mischung aus Neid und Resignation schaute ich ihm bei seinen spontanen Trockenübungen am Ufer zu. »Auf jeden Fall siehst du mit dem Haarschnitt gar nicht übel aus. Zum Anbeißen«, meinte er zwischen den Liegestützen, die er mal ein- und dann wieder zweihändig ausführte. Sein Gesicht war von einem glänzenden Schweißfilm bedeckt.
Ich hielt es für eine gute Idee, die fatale Stimmung mit Bier zu ertränken. Unsere Sporttasche war noch reichlich gefüllt mit dem Stoff. Ich trank die erste Dose in einem Zug aus und warf sie über den fanatischen Bodenturner hinweg in den See. Eine Gruppe junger Mädchen, die ein paar Meter entfernt von uns lagen, brach in lautes Gelächter aus. Im Schnitt mochten sie um die 15 oder 16 Jahre alt sein.
»Deine ersten Groupies«, stellte ich grinsend fest.
»Jede von denen ist geil darauf, meinen Schwanz zu lutschen«, presste er angestrengt heraus.
Bob war stockschwul, sein narzisstischer Ehrgeiz jedoch um einiges größer. Jedes Mal, wenn wir zusammen auf Tour waren, machte er sich einen Spaß daraus, das Interesse der Frauenwelt auf sich zu ziehen, während ich wie ein nichtbeachteter Lappen dabei stand.
Er unterbrach sein Training und machte lachend eindeutige Zeichen in Richtung der Kids, die umgehend mit einer Welle von herablassenden Bemerkungen reagierten. Die Aktion war ja wohl ein Reinfall, dachte ich amüsiert, während Bob die Anspielungen mit einem wütenden Blick quittierte. Breitbeinig, die Fäuste energisch in die Hüften gestemmt, starrte er mit seinen blutunterlaufenen Augen auf den See hinaus, über dem gerade ein Vogelschwarm kreiste.
»Oh, sind wir etwa beleidigt?« bemerkte ich mit zufriedener Häme. Mir gefiel die Vorstellung. Der selbsterklärte Adonis vom Baggerloch machte bei den Teens keinen Stich. Ich nahm einen Schluck, lehnte mich zurück und lachte. Die ganze Situation erschien mir ja auch einfach zu lächerlich. »Komm her, trink noch ein Bier, du alternder Platzhirsch«, prostete ich ihm zu, als er sich schnaufend wieder auf sein Badetuch fallen ließ.
Eigentlich hätte man es in dem Augenblick dabei belassen können, doch es war ein abartig heißer Tag und die Mädchen räkelten sich fast alle nackt am Ufer. Ein paar Jungs gesellten sich plötzlich dazu. Das war ihre Chance, um bei den frühreifen Küken Punkte zu sammeln. Einer von ihnen streckte seinen Mittelfinger aus und machte Anstalten, uns einen Besuch abzustatten. Er war ein großer Bursche mit auffälligen Tätowierungen an Ober- und Unterarmen, und er trug einen kahlrasierten, wuchtigen Schädel zwischen den breiten Schultern. Der Anblick genügte, um mich zu beeindrucken. Für Bob war das hingegen ein willkommener Anlass, um mir einen Vortrag zu halten, der mich das Schlimmste befürchten ließ.
»Weißt du, Junge, insgeheim träumen diese kleinen Schlampen davon, einen von uns Knackärschen zwischen ihre Beine zu bekommen«, sprach er mit belegter Zunge. »Nehmen wir der Einfachheit wegen doch einmal dich als Beispiel. Du hast doch ganz hübsche braune Haare und Augen, bist ein recht schlanker Kerl, zugegeben ein wenig blass um die Nase, aber mit einer herzhaften Klappe beschenkt, um an ihren Nippeln zu saugen. Aber wem werfen sie sich stattdessen vor den Schwanz?« Als Antwort warf er einen verächtlichen Blick auf die Kids. »Dieser androgynen Litfasssäule auf zwei Beinen dort«, sagte er laut, so dass es jeder im Radius von hundert Metern mitbekommen musste. In seiner Stimme schwang eine unbändige Wut mit. Ausdruck einer tiefsitzenden Frustration.
Ich schlüpfte in meine Cargohose. Seit drei Wochen schon trug ich die Graue, auf der sich mal wieder jede Menge Flecken, darunter die Kotz- und Blutspritzer von letzter Nacht angesammelt hatten. Morgen wollte ich sie endlich mit den anderen Klamotten, die in einer verwahrlosten Ecke meiner Wohnung vor sich hinstanken, in die Wäscherei bringen.
»Lass uns gehen, bevor deine Litfasssäule auf den glorreichen Gedanken kommt, hier Stunk zu machen«, sagte ich. Doch es war zu spät.
Bob schüttelte heftig den Kopf, der jetzt feuerrot angelaufen war. »Nein, diese Suppe wird der kleine Stricher auslöffeln, und zwar richtig.« Beim Klang seiner letzten Worte stellten sich mir die Nackenhaare. Ich kannte seine Vorliebe für schnelles Adrenalin. Wenn nicht gerade ein knackiger Arsch abzugreifen war, holte er sich seine tägliche Dosis beim Thai Boxen.
Bob trainierte im Sommer gerne in archetypischer Landschaft, um seinen Level zu testen. Hauptsache das Sparring fand schön abgelegen statt. Mehrmals die Woche prügelte er mir und anderen ständig wechselnden Figuren aus seiner anarchofaschistischen Künstlerkommune mit bandagierten Fäusten die Scheiße aus dem Leib. Ich spuckte regelmäßig Blut. Alles kostenlos wohlgemerkt. Adrenalin war die Hauptsache.
Oh Scheiße, die Litfasssäule. Ich fummelte gerade nervös an meinem Hosenstall herum, als das Unglück auch schon seinen Lauf nahm. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie der junge Bursche breitbeinig näher kam.
»Schau dir diesen Arsch an«, rief Bob lauthals und machte eine Geste in seine Richtung: Wichser. »Den bescheuerten Entengang hat er doch bestimmt bei Mami vor dem Spiegel geübt. Bestimmt durfte er sie anschließend ficken.« Die Katastrophe war nicht mehr aufzuhalten.
Wie ein tollwütiger Stier ging der Kerl auf Bob los, der es genau auf diese Reaktion angelegt hatte. Mit einem Tritt, den er sonst am Holzmann übte, stieß er unseren Besucher ins Wasser. Ich ahnte, dass das nur ein Vorspiel gewesen war. Brüllend stürzte er sich auf den Jungen, der tief benommen und keuchend vor Schmerzen auf das Ufer zukroch. Mit mehreren Schlägen und einem Thai-Kick in die Rippen beförderte Bob sein Opfer zurück in den See. Ich meinte es in dem Moment knacken gehört zu haben. Das Wasser fing an, sich rot zu färben. Als der Glatzkopf wieder an die Oberfläche kam, packte er den Wehrlosen am Hals und warf ihn wie einen Mehlsack hinaus in den Sand. Aus der Richtung der anderen Jugendlichen drangen erschütterte Schreie zu uns herüber.
Auch mir war der Schock in die Glieder gefahren. »Hör auf«, schrie ich und drängte mich zwischen Bob und den tätowierten Typ, der röchelnd und Blut spuckend auf dem Bauch lag. Ich hätte es besser wissen müssen.
Der blitzartige Faustschlag holte mich von den Beinen. Zum Glück lagen an der Stelle, wo ich mit dem Rücken aufknallte, keine Steine. Dafür hatte mir der völlig untypische Anflug von Zivilcourage eine blutige Nase eingebracht.
Als die Schmerzen nachließen und ich meine Hände wieder aus dem Gesicht nahm, sah ich verschwommen, wie Bob, der vor viehischer Erregung heftig atmete, auf dem um Erbarmen schreienden Jungen lag und ihn mit brutalen Stößen in den Arsch fickte. Ich fasste den spontanen Entschluss, in Ohnmacht zu fallen.
Zu Beginn der Grillparty, die am Abend auf einer Dachterrasse in den Weinbergen über der City stattfand, war meinem Freund Bob rein augenscheinlich nichts anzumerken. Ich war noch rechtzeitig wieder fit geworden, nachdem ich den Rest des Tages mit Tee und Aspirin auf der Couch zugebracht hatte. Meine Nase tat höllisch weh, schien zum Glück aber nicht gebrochen zu sein. Die widerlichen Impressionen vom See hatte ich halbwegs verdrängt.
Ich trug immer noch die gleiche Hose und ein schwarzes T-Shirt. Die olivgrüne Armeejacke hatte ich vergangene Woche einem besoffenen Penner abgezogen, neben dem ich aus meinem eigenen Saufkoma erwacht war. Ich brauchte wirklich keinen Spiegel, um zu wissen, dass ich wieder mal unglaublich beschissen aussah.
Bob wirkte dagegen wie das blühende Leben. Es war seine Party, und er genoss sichtlich die Anerkennung seiner Gäste. Er trug ein weißes T-Shirt mit einem schwarzen Phoenix auf der breiten Brust. Als er mich in einem der Pulks entdeckte, warf er vor Freude die Arme in die Luft und hastete anschließend mit einer Flasche Champagner und zwei Gläsern auf mich zu. Die Begrüßung fiel stürmisch aus. »Hey, du kleiner Scheißer, das Pflaster auf deiner Nase macht dich nur noch unwiderstehlicher für die Frauenwelt«, sagte er scheißfreundlich und gab mir einen Klaps auf die Stelle. Augenzwinkernd füllte er mein Glas mit der schäumenden Flüssigkeit.
Ekel überkam mich. Beim Versuch zu lächeln verkrampften sich meine Gesichtszüge, weil sich jedes Mal die ramponierte Nase bemerkbar machte. Wir tranken das erste Glas natürlich auf Ex. Die Szene wiederholte sich noch einige Male, bis Bob einen seiner Kulis anbrüllte, uns gefälligst eine neue Flasche zu besorgen. Hier auf diesem einen Dach über den hektischen Großstadtlichtern hatte er für eine Nacht lang das absolute Sagen und noch dazu die fetten Spendierhosen an.
Dabei hatte er kein einziges Getränk selbst bezahlt, sondern die Bar und den Getränkekeller des Hauseigentümers geplündert. Der war seit einer Woche verreist. Eine prima Gelegenheit. Das Knacken von mittelfristig leerstehenden Appartements und Ferienhäusern war gerade schwer in Mode, das kam gleich nach den illegalen Trancepartys auf privaten Golfplätzen. Einige von den Sprayern, die mit uns auf dem Campus herumhingen, hatten mit der Zeit einen spaßigen Wettbewerb daraus entwickelt, bei dem jede Crew scharf darauf war, nach solchen »Besuchen« unverkennbar ihre Visitenkarte zu hinterlassen. In der Regel handelte es sich dabei um aufwändig gestaltete Graffitis, die komplette Häuserfronten verzierten. Die neuen Stars der Szene sammelten so Woche für Woche ihre Punkte in den Rankinglisten, und Bob gehörte zu den Besten.
An der Universität studierte er nebenbei Kunstgeschichte. Von ihm hingen einige nette Stilleben und Landschaftsmotive im Foyer der Fakultät. In seinen Augen war das allerdings nicht viel mehr als billiger Dreck, den er unter der Anleitung eines ignoranten Dozenten anfertigen musste. Bob sah das Leben als einen Bestandteil seiner Kunst und nicht umgekehrt. Ich hielt ihn für einen frustrierten, kleinen Bastard, der wie wir anderen auch in einer akademischen Belanglosigkeit feststeckte, jedoch über genügend Zeit und Kohle verfügte, um seine kranken Ideen in die Tat umzusetzen.
An diesem Abend waren so viele Zombies wie noch nie der im Internet lancierten Einladung gefolgt. Typen in Markenklamotten und pseudointellektuelles Gesinnungsproletariat hielten sich die Waage. Viele Studenten. Bob und ich standen mit der zweiten Flasche vor einem Sofa, das der Mob aus dem Haus auf die Terrasse geschleift hatte. Auf dem Bezug waren deutlich cremige Flecken zu erkennen. Das Sperma war noch frisch.
Bob sah, wie ich mich vor dem Anblick ekelte, und grölte vor Vergnügen. Er wischte die feuchten Schleimspuren daraufhin mit einer seiner Pranken weg und warf sich unbekümmert auf das Sofa. »Sei nicht so penibel und schmeiß dich auch hin«, rief er amüsiert. Ich sprang mit meinen Sneakers auf das Polster und nahm auf der Rücklehne Platz, was ihn nur noch mehr erheiterte. »Wegen vorhin«, redete er mit gönnerhaftem Ton weiter auf mich ein, »die Backpfeife tut mir ehrlich leid.« Aber Spaß müsse nun mal sein. Ich müsse das verstehen.
»Schon vergessen«, erwiderte ich mit gesenktem Blick. Meine Nase schmerzte immer noch.
»Ist hoffentlich nicht gebrochen?« fragte er neugierig.
Ich wusste, dass er eigentlich das Gegenteil aus meinem Mund hören wollte. Schließlich betrachtete er sich in jeder Hinsicht als einen ambitionierten Künstler und stellte entsprechend hohe Erwartungen an seine Fähigkeiten. »Ist alles okay bei mir, war gar nicht so schlimm«, antwortete ich kühl.
In seinen Augen flackerte echte Enttäuschung auf. Wenn er vorhin nicht den Kerl am See entjungfert hätte, wäre seine Laune jetzt barbarisch in den Keller gegangen. »Das freut mich«, schleimte er. Seine Stimme klang angestrengt.
Ich hob mein Glas und lächelte. Das Gespräch lief in die falsche Richtung. »Hey, erzähl mir lieber, was dann noch passiert ist«, wollte ich wissen.
»Du meinst, nachdem du mal eben ins Reich der Träume abgetaucht bist?« stichelte er. Ich nickte. »Ach, nichts weiter«, sagte er und machte eine dreiste Geste. »Hab mir von dem Held noch ordentlich einen blasen lassen und ihn dann mit einem kräftigen Arschtritt zu seinen Hühnern zurückgeschickt. Die haben vielleicht gegackert, kann ich dir sagen.« Lachend lutschte er seine Finger ab, mit denen er die ganze Zeit in seinem Sektglas herumrührte. Wie schön. Mehr wollte ich auch gar nicht wissen.
»In Ordnung, reden wir über das Ding morgen Abend«, schlug ich einen Themenwechsel vor.
Bob winkte lächelnd ab. »Reden wir lieber über das Ding von heute Abend.«
»Was meinst du?«
»Kannst du dich noch an den Golfplatz erinnern, an dem wir heute früh vorbeigefahren sind?« Natürlich konnte ich das. Der dekadente Erlebnispark für neureiche Snobs und Steuerflüchtlinge am Stadtrand. Auf dem Weg zum See hatten wir kurz dort angehalten, um eine Pinkelpause einzulegen.
»Was ist damit?« gab ich mich ahnungslos, obwohl ich schon eine klare Vermutung hatte.
»Ganz einfach«, rief er begeistert aus. Mit einem Satz war er auf den Beinen und hastete zu einer Stelle, an der die Rundterrasse zu einer eckigen Ausbuchtung wurde. Breitbeinig sprang er auf die Brüstung, legte den Kopf in den Nacken und heulte wie ein Idiot den Sternenhimmel an.
Ein paar von den Partygästen, die in seiner Nähe auf dem Boden saßen, klatschten und brüllten laut Beifall. Aus dem Eingang zum Penthouse wankte plötzlich eine Gestalt, die mit einem grauen Jackett und einer dunklen Cordhose bekleidet war. Das verschwitzte Gesicht mit der Nickelbrille kam mir bekannt vor. Woher kannte ich den Typ? Er war schon etwas älter, trug einen ergrauten Oberlippenbart und hatte einen Teil seiner Haare nach vorne über die Halbglatze gekämmt. Woher kam dieser Kerl? Irgendwie passte diese Erscheinung so gar nicht in das Ambiente.
Während ich noch darüber nachdachte, warf er Bob eine halbvolle Flasche zu. In dem Augenblick fiel es mir wieder ein. Ich hatte ihn schon einmal getroffen, als ich mit Bob auf dem Campus unterwegs gewesen war. Er war einer von seinen Dozenten. An den Namen konnte ich mich nicht erinnern, aber er hatte mir einen Hunderter angeboten, wenn ich ihm auf dem Klo einen blasen würde. Ein guter Preis.
Mein Plan bestand jedoch darin, den Professor für angewandte Perversion mit dem Gesicht in die Klobrille zu stecken und ihn wie eine Weihnachtsgans auszunehmen. Bob riet mir allerdings davon ab, weil der Arsch nie mehr als ein paar Kröten für den Mensafraß bei sich hatte. Um an die Kohle zu kommen, hätte ich ihn anschließend in seine Wohnung begleiten müssen, und da hatte es jede Menge Überwachungskameras, wie er mir damals erklärte. So ein Dreck.
Während ich über die verpasste Chance nachdachte, fing Bob die Flasche mit der Linken und grölte einen undefinierbaren Trinkspruch in meine Richtung. Sicher würde er das Zeug, was immer es sein mochte, gleich ansetzen und sich einen Spaß daraus machen, den Fusel über dem Abgrund in einem Zug auszutrinken. Wie pathetisch. Hoffentlich brach er sich dabei das Genick. Für einige Sekunden war der bescheidene Rest von meinem gesunden Menschenverstand vom Alkohol benebelt.
Einen Wimpernschlag später verwarf ich den Gedanken aber rasch wieder. Schon allein aus geschäftlichen Gründen musste ich einen Salto Mortale unbedingt verhindern. Noch war ich auf die Unterstützung von diesem Geisteskranken angewiesen. Oh, verflucht noch mal, er durfte jetzt nicht springen. Wie von der Tarantel gestochen, bahnte ich mir einen Weg zwischen dieser nach Blut und Scheiße geifernden Gesellschaft von Gesinnungsasozialen hindurch, bis ich direkt vor ihm stand.
»Ah, da bist du ja endlich, mein Freund«, stellte er verzückt fest. »Komm rauf, Junge, ich helfe dir.« Er streckte mir seine nasse Hand entgegen. Der Dozent rülpste mir etwas völlig Unverständliches ins Ohr. Ich ignorierte meinen Ekel und kam ziemlich holprig neben seinem Musterschüler zum Stehen. Ein kurzer Blick über den Rand der nur etwas mehr als simsbreiten Brüstung bediente umgehend meine manische Höhenangst. Bob hielt mich am Kragen gepackt fest.
Wenigstens musste ich mir bei meinen Stinkklamotten keinerlei Sorgen um etwaige Flecken machen. Ich hätte mich ja auch mit geleasten Lumpen in Schale werfen können, aber wofür? Etwa nur in der naiven Hoffnung, dass sich unter diesem Pöbel ein weibliches Wesen befand, das sich von meinem Popperoutfit hätte blenden lassen können?
Das erinnerte mich schlagartig an die Party, die von unserer Fachschaft vor einer Woche organisiert worden war. Eine geschlagene Stunde hatte ich in einer verratzten Kiffer-WG vor dem Spiegel zugebracht, um mir schließlich ein viel zu großes schwarzes T-Shirt, eine popelgrüne Cargo-Hose und knallrote Schuhe als Ausgehgarderobe anzuziehen. Nix war’s. Nicht einmal ein Bengel hatte es in der Folge für nötig befunden, mich auch nur eines Blickes zu würdigen.
Und wie sah es heute aus? Ich fühlte mich erbärmlich. Und die letzten Stunden waren auch nichts anderes als ein repräsentativer Abriss von dem Chaos, das mein Leben bestimmte. Ein Sündenbock musste her: Bob war an allem schuld. Er und das ganze missratene Humanpotenzial an dieser Scheißuniversität.
Das Naseputzen mit billigem Koks verdankte ich ihm, und er war es auch, der mich regelmäßig abfüllte und zum Kotzen brachte, und er war es, der sich wie ein Nazi sofort an mich gehängt und unter seine Fittiche genommen hatte, nachdem ich gerade einmal den Fuß über die Schwelle der Fakultät für Philosophie und Kunstgeschichte gesetzt hatte. Und das Schlimmste war, dass ich von diesem Auswurf auch noch abhängig war. Wo, zum Teufel, war hier die Notbremse?
Bob stank nach Alkohol. »Hört mir zu, ihr Freaks!« schrie er so dicht an meinem Ohr, dass ich das Gefühl hatte, mein Gehirn würde gegen die Schädeldecke springen. »Zur Feier dieses gelungenen Tages führen wir heute noch einen Schlag gegen das Gesindel!« Keine Ahnung, wen oder was er damit meinte, aber es klang ganz einfach nach Bob.
Um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, beförderte er einen der bunten Lampions, die an den Wäscheleinen über der Terrassenplattform baumelten, mit einem Schwinger in die nächste Umlaufbahn. Der Pöbel jubelte. So ähnlich musste es sich im alten Rom zugetragen haben, als die Christen den Löwen vorgeworfen wurden.
»Was hast du vor?« rief ein bis zum Umfallen besoffener Typ mit viel zu weiten Tarnhosen und braunem Schlabberpulli. Er und sein Kumpel, ein rothaariger Irokese, torkelten Arm in Arm zwischen den Reihen der Bande umher, die sich vor uns zusammengerottet hatte. Die meisten waren noch ziemlich jung. Es kam mir ohnehin so vor, als ob Bob, ich und noch so ein verpickelter Typ, den alle nur mit Harry anquatschten, auch aus dem einen Grund hier waren, um den Altersschnitt zu heben. Mann, kam ich mir alt vor. Zum Kotzen!
Selbstmitleid fühlt sich im Anfangstadium etwa so an wie ein Stück Hundescheiße, das hartnäckig an deinem Schuh kleben bleibt. In solchen Fällen kommt es darauf an, den Ballast schnellstmöglich wieder loszuwerden. Das wird spätestens dann schwierig, wenn sich dein Tagesablauf seit geraumer Zeit nur darum dreht, auf dem Campus zwischen lauter Gestörten und Dummschwätzern abzuhängen, dich mit Nietzsche und Heidegger zuzukacken und den Rest von deinem Gehirn mit entsetzlich öden Partys und billigem Koks zu foltern.
Mit einem wuchtigen Schlag auf die Schulter riss mich Bob wieder aus meinen Gedanken. »Ich und mein Kleiner hier, wir machen jetzt eine Spritztour zu diesem Ding, diesem Scheißding da«, lallte er. Mühsam trachtete er danach, das fehlende Wort aus seinem hoffnungslos vollgedröhnten Hirn herauszufiltern.
Das dämliche Geschwätz zog sich in die Länge. Es war eine ganz und gar lächerliche Vorstellung, die er da ablieferte, aber darüber zu lachen, wäre keine gute Idee gewesen. Die Hinrichtung vom See hatte die Runde gemacht, und es waren noch mehr Geschichten im Umlauf. Bob genoss in der Hinsicht einen erstklassigen Ruf unter den Eingeweihten an unserer Fakultät. Also lauschten alle andächtig seinem Vortrag.
»Diesem ... Ding ... das blöde, grüne Ding, dieses Scheiß ... dieses beschissene, und jetzt sag du es ihnen schon.« Patsch! Das galt mir. Genervt schaute ich in sein verschwitztes Gesicht, danach wanderte mein Blick in die Runde. Fast alle kannte ich vom Hörsaal. Alles Freunde des guten Geschmacks.
»Maul halten, jetzt spricht der hier für mich!« Bobs Stimme überschlug sich. Mit einem Mal wurde es still. Ohne Vorwarnung spie er einen Strahl widerlicher grüner Kotze in die Gruppe seiner Zuhörer. Wer ganz vorne stand, versuchte sich vor der stinkenden Brühe in Sicherheit zu bringen, indem er nach hinten oder zur Seite sprang. Ein paar von den Typen knallten mit den Köpfen zusammen, andere fielen übereinander.
Ein zierliches Mädchen mit aschfahlem Gesicht und großen umschatteten Augen fiel mir auf, weil es unbeirrt am Rand stehen blieb. Sie war komplett in schwarz gekleidet, spielte mit den Fingern an ihren dicken, verfilzten Dreadlocks, und ich hatte das Gefühl, dass sie mich die ganze Zeit anstarrte. Unsere Blicke kreuzten sich. Ein kurzes Lächeln huschte über ihre schmalen Lippen, die mit einem Wust aus glitzerndem Metall durchstochen waren. Ich hielt die Luft an. In meiner Brust machte sich ein warmes Pochen bemerkbar. Plötzlich versperrte mir eine von diesen abgefüllten Figuren die Sicht. Angestrengt verrenkte ich mir den Hals. Als der Typ endlich an mir vorbeigetorkelt war, hatte sich das unbekannte Gesicht in Luft aufgelöst. Wütend ließ ich die angestaute Luft durch die Nase entweichen.
Bob kauerte auf der schmalen Brüstung und wischte sich keuchend den Mund ab. Er fixierte mich mit einem glasigen Blick. Schweigend musterte ich ihn zurück. Jetzt fing er auch noch elendig zu husten an. Unfähig ein klares Wort herauszubringen, fletschte er die Zähne und schlug mehrfach mit der Faust auf seinen Handteller. Das sollte heißen: Mach endlich den Mund auf! Ich zögerte. Die Aufregung hatte sich einigermaßen wieder gelegt. Eine Vielzahl von Augenpaaren waren auf mich gerichtet.
»Zum Golfplatz?« mutmaßte ich schließlich. Natürlich war es das.
Bob sah mich mit leuchtenden Augen an. »Genau«, schrie er und verpasste mir enthusiastisch eine gut gemeinte Kopfnuss. Die Menge auf der Terrasse brach in tierisches Freudengeschrei aus. Rabiate Umarmungen. Wer bei dem Tumult von den Beinen gerissen wurde, wälzte sich mit anderen inmitten von Bierpfützen und Glasscherben weiter.
Jemand ballerte eine Leuchtrakete durch die offene Glasschiebetür ins Wohnzimmer, aus dem ein wilder Schrei ertönte. Kurz darauf rannte der Dozent mit brennenden Hosen über die Terrasse. Jammernd und fluchend versuchte er die Flammen auszuklopfen. Dabei rutschte ihm seine Nickelbrille von der Nase, sodass er hilflos durch die Gegend torkelte. Alles brüllte vor Begeisterung. Schnell hatte sich ein Pulk um ihn herum gebildet.
Die monotone Trancemusik endete abrupt. Der DJ, den Bob für den Abend engagiert hatte, reagierte und heizte die Stimmung mit rabiaten Klängen an. Rückkoppelungspfeifereien hallten von den umliegenden Wänden zurück. Über unseren Köpfen tanzten die Lautsprecherboxen, die zusammen mit den bunt flackernden Lampions an den Wäscheleinen hingen. Ich mochte den nächsten Song. Rabiater Rock gefiel mir schon besser als das bisherige Programm. Die Cockney Rejects lieferten mit »War on the Terraces« den Soundtrack für den Lynchmob.
Ein ziemlich fetter Kerl mit lässig aufgezogener Wollmütze, unter der eine lange grüne Haarsträhne herauslugte, näherte sich dem nichtsahnenden Professor von hinten und sprang dem alten Mann mit dem Knie voran in den Rücken. Sein schmächtiger Körper wurde herumgewirbelt. Er verlor das Gleichgewicht und geriet für den schreienden Pöbel zum Spielball, der von einer Ecke in die andere gestoßen wurde.
Viele von denen, die er in seinem unglücklichen Zustand nicht erkennen konnte, waren Studenten, die er unter der Woche im Hörsaal unterrichtete. Bei einigen davon bestanden anscheinend noch offene Rechnungen. Sie traten und schlugen auf ihren Dozenten ein. Jeder durfte mal. Der Fettsack räumte ihn gleich mehrmals ab. Mit triefendem Schaum vor dem Mund prügelte er sich in einen Rausch, bis sein zuckendes Opfer blutüberströmt mit dem Gesicht auf den Boden schlug. Er trat weiter hemmungslos auf ihn ein. Niemand kümmerte sich mehr darum. Die Traube löste sich auf, und auch mir wurde es langweilig.
Ich besorgte mir ein Bier und ging auf eine elegante Blondine mit Brille, schwarzem Anzug und hohen Absätzen zu. Tanja. Als sie mich entdeckte, hellte sich ihre Miene auf. In der Hand hielt sie ein halbvolles Sektglas. Wir stießen an und begannen einen lockeren Plausch.
»Hallo, wie geht es dir?« fragte meine Dozentin für angewandte Kulturgeschichte.
Tanja war 39 und seit ihrer Scheidung bekennende Nymphomanin. Bei unserem letzten Treffen in ihrem Büro ging es um die Bewertung meiner Hausarbeit. Sie dauerte gut zwei Stunden. Dabei war ich kaum zu Wort gekommen, weil meine Zunge fast ständig zwischen ihren glitschigen Schamlippen festgesteckt hatte. Ich war ziemlich scharf darauf, in ihre Seminarliste für das nächste Semester aufgenommen zu werden. Für die beiden Vorlesungen und eine Übung für Fortgeschrittene hatte ich mich bereits eingetragen.
Die Einladung für die Party hatte sie von einem ihrer Studenten erhalten, dessen Examensarbeit sie gerade intensiv betreute. Mit ihm und seinen Freunden war sie dann auch hierher gekommen. Während wir uns unterhielten, steckte sie mir ihre neue Handynummer zu. Ich rechnete mir einen ordentlichen Fick aus.
In dem Moment fiel es mir wieder ein. »Ach, ich habe übrigens deinen Göttergatten gesehen.«
Schlagartig wich das Lächeln aus ihrem Gesicht. »Und?« entgegnete sie mit kühlem Blick.
Ich grinste. Es machte immer wieder Spaß zu sehen, wie ihre großkotzige Fassade bröckelte, wenn sie auf ihren Ex angesprochen wurde. Schließlich hatte der sich nach sieben Jahren einer relativ langweiligen Ehe sprichwörtlich für den Arsch entschieden und war endlich schwul geworden. »Da drüben«, sagte ich und deutete in die Richtung, wo der Fettsack gerade auf einen am Boden liegenden, zusammengerollten Körper pinkelte.
»Ach ja!« bemerkte sie wie beiläufig. »Den hat er vor ein paar Tagen durch die mündliche Prüfung rasseln lassen, obwohl er ihm einen geblasen hat.« Bevor sie wieder zurück zu ihrem Schützling ging, saugte sie kurz und innig an meiner Unterlippe und tätschelte die ausgebeulte Stelle zwischen meinen Beinen. »Bleib sauber, Süßer«, flüsterte sie mir zum Abschied ins Ohr.
Während ich mit unsicheren Bewegungen am urplötzlich geöffneten Hosenstall zerrte, haftete mein penetranter Blick an ihrem aufreizenden Gang. Lachend warf sie mir eine Kusshand zu und gesellte sich zu einem langhaarigen blonden Typ im Parka, der fast an die Decke ging, als sie ihm zur Begrüßung kräftig den Arsch knetete.
Mich zog es zurück zu Bob, der sich immer noch angeregt mit diesem Harry unterhielt. Eine neue Feuergirlande zischte denkbar knapp über unsere Köpfe hinweg. Der Schütze balancierte mit seinen Kumpels auf der Brüstung. Die nächste Leuchtkugel verschwand in einem Dachfenster und tauchte die Öffnung in einen rötlich flackernden Schein. In dem dichten Qualm erschienen mir die chaotisch durcheinander tanzenden und hüpfenden Gestalten wie verzerrte Phantome aus einem surrealen Fiebertraum.
»Dafür haben sie letztes Jahr unzählige Hektar gesunden Wald plattgemacht. Harry hier kennt die genauen Zahlen, er ist schließlich Journalist.« Bob deutete auf die hagere Gestalt in seinem Windschatten. Er schickte die nächste Breitseite Schampus und Galle durch die Gegend. Zum Glück stand ich ausreichend weit weg vom Epizentrum.
So unmenschlich besoffen hatte ich ihn das letzte Mal erlebt, nachdem ihn seine große Liebe Julien sitzen gelassen hatte. Der süße Legastheniker aus Paris war heimlich mit einem Weißrussen ausgebüchst. Auf einer Rolle Klopapier fanden sich ein paar dahingekritzelte Zeilen. Gemeinsam entzifferten wir den Abschiedsbrief, in dem von Liebe die Rede war.
Bob zertrümmerte daraufhin erst seine, danach meine komplette Einrichtung, spritzte sich mein restliches Amphetamin, ließ meine halbe CD-Sammlung mitgehen und verschwand ein halbes Jahr von der Bildfläche. Als er eines tristen Tages wieder auf dem Campus auftauchte, war er splitternackt, holte sich einen runter und rezitierte Nietzsche. Fortan bezeichnete er sich als einen ästhetischen Nihilisten, was immer sich dahinter verbarg. Und jetzt auch noch dieser Harry ...
Ich machte einen Bogen um den dampfenden Kotzebrei und gesellte mich zu den anderen Figuren. Gespannt warteten alle auf die Predigt, die seinen nassen, geifernden Mund verlassen würde. Der Golfplatz hatte es ihm angetan. »Sie ziehen so eine Anlage für etliche Millionen hoch, nur damit ein paar Idioten den Golfschläger als ihre Schwanzverlängerung benutzen dürfen. Kann so was richtig sein?«
Selbstverständlich war das nicht okay. Abartiges Gegröle setzte ein. Dazu lag ein penetranter Gestank in der Luft. Die Szene atmete etwas von dem Charme, den Goebbels und seine Bande von Geisteskranken 1943 im Berliner Sportpalast versprüht hatten. Erneut drängte sich mir ein Gedanke auf: So ähnlich musste es gewesen sein.
Wie eine aufgeputschte Horde von Schakalen machten wir uns auf den Weg zu den Autos, die wir kollektiv in einer Tiefgarage geknackt hatten. Auf Bobs ausdrücklichen Wunsch musste ich in seinem Wagen mitfahren. Auf dem Fond neben mir kauerte ein zierliches Mädchen. Ihr kurzer Rock, das Oberteil und die langen Dreadlocks, die ihr über die Schultern fielen, waren pechschwarz. Das zarte Gesicht kam mir in dem gedämpften Licht leichenblass vor. Mehr noch als bei unserem kurzen Blickkontakt auf der Terrasse.
Nachdem ich einigermaßen vorsichtig Platz genommen hatte, kroch sie langsam zu mir und schmiegte ihren Kopf an meine Brust. Sie duftete nach einer herben Mischung aus Schweiß und Sandelholz. Ihr Körper strahlte eine ungewöhnliche Hitze aus, die durch meine Kleider drang. Das Gesicht mit den schmalen Lippen verzog sich zu einer Grimasse, was wohl ein Lächeln darstellen sollte. Sie kam mir ziemlich bedröhnt vor, nuschelte auch die ganze Zeit etwas völlig Unverständliches vor sich hin.
Plötzlich wurde die Nacht von einer Stichflamme erhellt. Sofort brach wieder irres Gelächter aus. Ein paar Gestalten rannten von dem Haus weg, an dem sie mit Hilfe von Onkel Molotow Feuer gelegt hatten. Nicht ohne vorher ihr Manifest für das Ranking auf die Fassade gesprüht zu haben. Als Letzter sprang der Fettsack vom Balkon herunter und streifte nach der Landung seine brennende Lederjacke ab. Wo er wohl Tanjas Ex gelassen hatte? Der Brand dehnte sich rasch aus.
Das Mädchen atmete ziemlich schwach. Es war mehr ein leises, hektisches Keuchen. Im Licht der Flammen konnte ich für kurze Zeit in ihre Augen schauen. Sie waren starr auf mich gerichtet. Die Farbe erinnerte mich an Honig. Der Blick einer Ertrinkenden, die sich voller Sehnsucht an die Hoffnung klammert, dass da irgendwo Land in der endlos weiten Leere ist. Ich spürte, wie ihre Finger meinen Handrücken streichelten und erschrak.
Schlagartig wurde es wieder dunkel. Unsere Kolonne entfernte sich von dem hellen Feuerschein. Bob warf eine CD ein, die Harry aus dem Handschuhfach gekramt hatte, und drehte die Regler auf. Die Boxen sprangen beinahe aus ihren Halterungen. »Holidays in Cambodia«. Die Dead Kennedys steuerten die musikalische Untermalung für unseren kleinen Ausflug aufs Land bei. Der explosionsartige Schalldruck brachte das komplette Wageninnere zum Vibrieren.
»Bist du wahnsinnig?« schrie ich gegen das höllische Bombardement aus jaulenden Gitarren an und tippte mir an die Stirn. Bob und Harry brüllten vor Lachen. Durch den Rückspiegel warfen sie mir ständig ihre feixenden Blicke zu und hüpften vor Vergnügen auf ihren Sitzen herum. Die Kleine drückte sich noch fester an meinen Körper. Als wir nach einem abartigen Rennen über beschissene Landstraßen und abgesperrte Waldwege an unserem Ziel eintrafen, war sie in meinen Armen eingeschlafen. Inzwischen atmete sie ruhiger. Ich bemerkte eine Haarsträhne auf ihrer nassen Stirn. Vorsichtig beugte ich mich über sie, als sie ihre Augen wieder öffnete. Begegnete mir da ein Lächeln?
Gerade als ich sie berühren wollte, wurde ich gepackt und aus dem Wagen gerissen. »Du kannst sie später noch durchficken, aber jetzt müssen wir zuerst die Aktion hier durchführen«, ordnete Bob barsch an und zerrte mich im Schwitzkasten mit zu einem nahen Zaun. Harry hatte bereits ein Loch mit der Drahtschere geschnitten. Ich verrenkte mir fast den Hals, um noch einmal zu dem Wagen zurückzuschauen, und wurde Zeuge einer wundersamen Auferstehung. Das Mädchen hatte sich aufgerafft und kniete jetzt auf dem Rücksitz. Sie winkte mir eifrig mit beiden Händen nach.
Als ich mich umdrehte, sah ich, dass alle vor dem Zaun auf uns warteten. Einer nach dem anderen schlüpften wir durch das Loch. Der ganze Mob schwärmte auf dem weitläufigen Areal mit Rasen, Spielstationen und künstlichen Hügeln aus. Bob hatte mich inzwischen wieder losgelassen und brüllte den umherstreifenden Figuren Anweisungen zu.
»Hier spielen sie also Golf«, bemerkte ich.
Harry blieb unmittelbar in meiner Nähe stehen und pfiff durch die Finger. Ich hatte ihn nicht kommen sehen und fuhr deshalb erschrocken zusammen. Hinter dem Zaun, vor dem unsere Karren abgestellt waren, flammten einer nach dem anderen die Scheinwerfer auf, wodurch ein beträchtlicher Teil der Anlage mit Licht geflutet wurde.
Bob stank widerlich aus dem Maul. »Bin mal so arrogant zu behaupten, dass ihnen der Spaß bis auf weiteres vergehen wird«, knurrte er und spuckte verächtlich auf den Boden. Dann setzte er eine neue Flasche mit undefinierbarem Inhalt an und begann kräftig zu gurgeln.
»Was meinst du?« wandte ich mich ihm neugierig zu.
Wieder spuckte er aus. »Weißt du, was das hier ist?« Er zeigte mir einen kleinen Gegenstand, der auf seinem Handteller lag. Erst beim zweiten Hinschauen erkannte ich zu meiner Verwunderung, worum es sich handelte: eine Mausefalle. Breitbeinig stand er mitten in einem der Lichtkegel. Sein sardonisches Grinsen erinnerte mich an das überdimensionale Theaterplakat von Goethes »Faust«, das bei Tanja über dem Wasserbett hing. Der darauf abgebildete Mime war ihr Bruder. Auch er kam bei ihr regelmäßig. Immer wenn ich oben lag oder sie von hinten in alle Öffnungen fickte, musste ich notgedrungen in seine gepuderte Fratze schauen. Mein Blick ging durch die stechenden Augen hindurch und blieb daraufhin wieder an der Mausefalle haften. »Die platzieren wir jetzt rein prophylaktisch in sämtlichen Löchern, die wir in der Dunkelheit finden, und morgen, wenn sie spielen ...« Bobs Gesicht bekam einen fanatischen Ausdruck.
»Ist aber nett«, sagte ich.
»Nicht wahr? Ich habe die Dornen übrigens mit Rattengift eingeschmiert. War vielleicht ein Knochenjob.«
Wie bitte? »Du willst mich verarschen!«
»Aber nein, das würde ich niemals machen.« Stürmisch legte er mir einen Arm um die Schulter und schüttelte mich in seiner Euphorie durch. Er hielt sich tatsächlich für ein Genie, und er meinte es ernst. Was für ein Plan. Schlichtweg irre. In meinem alkohol- und koksgeschädigten Gehirn regten sich lange unterdrückte biochemische Prozesse. Erste Bedenken. Ich tat sie mit dem Gedanken ab, dass diese fiesen Landminen durch die Bälle sowieso vorzeitig ausgelöst würden.
»Und was machen wir, wenn die Bälle vorzeitig die Fallen unschädlich machen?« vernahm ich eine sodbrennenerregende Fistelstimme. Ich fuhr herum: Harry.
Der Einwand erntete höhnisches Gelächter. »Dieses Problem, mein Lieber, bekommen wir ganz einfach dadurch in den Griff, indem wir über jedes der kleinen Biester ein feines, aber stabiles Nylonnetz spannen.« Harry nickte heftig. Auch ich hatte es kapiert. »Hart genug, um das Bällchen aufzuhalten, aber auf keinen Fall den dynamischen Griff eines triumphierenden Golfers«, fuhr Bob fort. Ich spürte einen Kloß im Hals.
»Was für ein Manifest!« rief Harry begeistert aus.
In meinen Schläfen pochte das Blut. Jemand musste dem Schwachsinn ein Ende bereiten. Ein Griff zum Handy würde genügen, doch bei der Gelegenheit fiel mir ein, dass die Karte schon wieder leer war. Dreck! Während ich weiterhin darüber nachgrübelte, vernahm ich in einiger Entfernung ein monotones Geräusch, dem ich zunächst kaum Beachtung schenkte. Meine Gedanken kreisten weiter um das Dilemma.
Plötzlich kam Unruhe auf, und ich bemerkte, wie die anderen stehen blieben und die Köpfe hoben. Das Geräusch schwoll immer mehr an, bis mir klar wurde, dass sich ein Hubschrauber näherte. Warnrufe hallten über das Gelände. Schlagartig gingen die Scheinwerferlichter aus. Über uns war jetzt deutlich der Klang der Rotoren zu hören. Er flog ziemlich tief. Die Bullen?
Glücklicherweise verlor sich das Geräusch genauso schnell wieder hinter der angrenzenden Hügelkette. Wir waren unbemerkt geblieben.
In diesem Augenblick kam mir die Idee, dass das vielleicht die Gelegenheit war, die ich herbeigesehnt hatte. Ich tippte Bob kurz an. »Hör mal, ich geh’ wieder zurück zum Wagen. Wie heißt die Kleine eigentlich?«
»Sie heißt Sarah, der kleine Schatz, und du bleibst gefälligst hier.«
»Ach komm, du brauchst mich nicht wirklich, um diesen Hirnscheiß hier durchzuziehen.«
»Sie gefällt dir, die Kleine?«
»Denk, was du willst.«
»Du wirst noch sehr viel Zeit mit ihr verbringen, mehr als dir lieb sein kann.«
Was sollte das nun wieder heißen? Da war etwas an dem Klang seiner Stimme, was mich mindestens so beunruhigte wie der nicht zu deutende Inhalt der Worte. Es war diese unterschwellige, kaum zu überhörende Aggressivität, wie sie mir heute schon einmal aufgefallen war. Das war kurz vor der Exekution am See.
Ich blieb stehen und drehte mich um. Im geisterhaften Licht der vielen Taschenlampen schälte sich seine Gestalt wie ein unwirkliches Gebilde aus der Dunkelheit heraus. Zögernd näherte ich mich der hünenhaften Erscheinung, die von einer unheilvollen Aura umgeben war. Ein zusammengekniffenes Augenpaar funkelte mich an. Der durchdringende Blick bohrte sich regelrecht in mein verängstigtes Bewusstsein, und ich spürte eine qualvolle Kälte durch meine Blutgefäße kriechen. Angst kann sehr schmerzhaft sein.
Was bist du doch für ein erbärmlicher Feigling, dachte ich und versuchte meine Beklemmung vor ihm zu verbergen. Ich wusste, wie sehr er solche Machtspielchen genoss, dass alles aber noch im Rahmen war. So lange er die Tour nötig hatte, hielt er sich mit schlagkräftigeren Argumenten zurück. Wirklich beruhigen konnte mich das allerdings nicht. Schließlich war mir immer noch nicht klar, worauf er eigentlich hinaus wollte.
»Sprich mal Klartext«, brachte ich mühsam über die Lippen. Meine innere Verkrampfung drohte mich zu lähmen. Er hatte eine Antenne für so was. Ich konnte ihn nicht verarschen.
»Na, sie pennt heute Nacht bei dir, die kleine Wanze.«
»Bitte?«
»Ist schon gut, du musst dich nicht bedanken«, sagte er mit einem schier unerträglichen Anflug von provozierender Großzügigkeit.
»Du misstraust mir also?« platzte es unbeherrscht aus mir heraus.
Grinsend bestätigte er meine Vermutung. »Woher soll ich wissen, dass du es dir nicht im allerletzten Moment anders überlegst? Es wäre ja nicht das erste Mal, dass so ein sensibles Kerlchen vor lauter Schiss in der Hose alles vermasselt, und wenn das der Fall sein sollte, findet das Ding eben an einem anderen Tag, dafür aber ohne dich statt.« Wie zum Hohn klapperte er mit der Mausefalle in seiner Hand. Ich hasste ihn. Er lachte. »Aber so haben wir beide unseren Spaß«, meinte er überzeugt. »Du bleibst heute Nacht schön in deiner Wohnung, du hältst die Klappe, telefonierst mit niemandem und amüsierst dich mit der Kleinen. Ab und zu ruft sie bei mir durch, damit ich auch weiß, dass bei euch alles klar ist.«
Bevor ich etwas erwidern konnte, wurde unsere Unterhaltung jäh unterbrochen. Es war vielleicht auch besser so. Harry kam einen Hügel herunter gerannt, um Meldung zu machen. In seinem martialischen Outfit mit Tarnanzug und Dockarbeitermütze wirkte er wie ein billiger Revoluzzer aus der Retorte. In jedem Fall war er der ideale Erfüllungsgehilfe. »Ich störe euch ja nur ungern, wollte auch nur sagen, dass wir soweit fertig sind«, ließ er meinen Gesprächspartner wissen und erntete dafür ein Schulterklopfen. Der nach Anerkennung heischende Depp verzog seine Mundwinkel zu einem breiten Zahnpastalächeln. Ein Lob vom Scheißführer. Wie schön.
Bob kratzte sich an der Nase. »Siehst du, nun brauche ich nicht einmal mehr deine Hilfe«, ließ er mich in einem gönnerhaften Ton wissen.
Harry machte einen befriedigten Eindruck. Er warf mir, den er scheinbar als seinen Konkurrenten betrachtete, einen abschätzigen Blick zu. Zum ersten Mal fühlte ich mich in dem Verdacht bestätigt, dass er schon sehr bald ein rundes Arschloch haben würde. Wenig später verschwanden die beiden zur Inspektion irgendwo hinter den Hügeln. Ich sah ihnen unbewegt nach. Vor allen Dingen aber dachte ich an die Sammlung von Mobiltelefonen in unserem Handschuhfach.
Mit zitternden Händen trottete ich langsam zu unserem Wagen zurück. Nur keinen Verdacht bei irgendwelchen von den anderen Typen erregen. Sarah saß, mit dem Rücken an einen Reifen gelehnt, auf der kiesigen Erde und rauchte eine Selbstgedrehte. Ein paar Flipflops lagen neben ihr.
»Hey, möchtest du auch eine?« Sie schien sich ehrlich zu freuen, mich so schnell wieder zu sehen. Mich wunderte, dass sie sich überhaupt an mich erinnerte. »Komm, setz dich zu mir.«
»Danke, ich bleibe stehen.« Natürlich war meine Antwort bescheuert. Etwas anderes war mir auf die Schnelle nun mal nicht eingefallen, um die Distanz zu wahren. Ihrem Gesichtsausdruck war jedoch rasch zu entnehmen, dass sie meine Worte nicht im Geringsten ernst nahm. Eine Reaktion ließ auch nicht lange auf sich warten. Die Kleine beendete meine Verweigerungshaltung, indem sie mich am Ärmel packte und zu sich auf den Boden zog. Ich landete mit einer Arschbacke auf einem spitzen Stein und fluchte.
»Du hast wohl einen Nagel im Kopf, warum machst du so einen Scheiß?« schrie ich.
Mein Verhalten schien sie zu amüsieren. Ehe ich mich dagegen wehren konnte, schmiegte sie sich schon wieder an mich, wodurch ich den Geruch und die Wärme, die von ihrer Haut ausgingen, noch intensiver wahrnahm. Die Träger ihres Oberteils hingen an beiden Schultern herunter. »Ich mag dich, weil du mich zum Lachen bringst«, sagte sie. »Weißt du eigentlich schon, dass wir uns heute Nacht sehr nahe kommen werden? Hab ich eben in den Sternen gelesen.«
Ich schwieg. Statt auf den Schwachsinn zu antworten, musterte ich sie aus den Augenwinkeln. Zweifellos hatte die einen Hammer. Aber das passte ja auch zu Bobs Kontrollparanoia, mich von einer Verrückten überwachen zu lassen. Verdammte Scheiße, und was war jetzt mit den Mobiltelefonen? Solange die kleine Wanze an mir klebte, konnte ich es nicht riskieren, ans Handschuhfach zu gehen. Schließlich konnte ich mir sehr leicht ausmalen, wie mein besorgter Freund auf Sabotage in den eigenen Reihen reagieren würde.
Auf dem Areal hinter dem aufgeschlitzten Zaun wieselten schemenhafte Gestalten umher. Während ich nachdenklich das perverse Szenario beobachtete, spielte Sarah leise summend an einem silbernen Ring herum, der ihren kleinen linken Zeh schmückte. Unvermittelt gab sie mir einen Schubs. »Wo hast du eigentlich deine Freunde gelassen?« wollte sie wissen.
»Wenn du auf Gestapo-Bob anspielst, der irrlichtert mit seinen Maden gerade irgendwo dahinten von einem Loch zum nächsten, um sie alle mit Rattengift zu verseuchen.«
Sarah kicherte und drückte ihren Körper noch enger an meine Brust. Ich spürte ihren Herzschlag durch den Stoff. »So genau wollte ich es eigentlich gar nicht wissen, aber Danke für die Aufklärung.«
»Bitte, keine Ursache«, antwortete ich genervt von ihrer hektischen Aufdringlichkeit.
