Skrupelballaden - Hansjörgen Kirbach - E-Book

Skrupelballaden E-Book

Hansjörgen Kirbach

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Beschreibung

Das Freiwasser des Lebens bietet allen Individuen die verschiedensten Bewegungsabläufe für unterschiedliches Fortkommen. Einige Personen in diesem Buch haben es verstanden ihren Lebensweg mit teuflischer Raffinesse zu markieren, so auch die "Steuerfrau" Edigna, die auf Grund ihrer Bürozugänge leichtes Spiel hatte entsprechende Opfer zu finden. Den Vogel für skrupellose gerissene Attacken schießt die damalige Lokalpolitikerin Herta Taler ab, die das arme behinderte Würschtel Fred Lamm mit makabrer List in die soziale Misere stürzte. Die Wurzel familiärer Zwietracht war zweifelsohne der Immobilienmagnat Groll, der schamlos seine Tochter wie im Orient zukunftsbesessen als Ehefrau verschacherte. Die übrigen bürgerlichen menschlichen und tierischen Rahmengeschichten stellen den Inhalt diese Buches in einen unterhaltsamen Rahmen.

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Seitenzahl: 418

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Über den Autor

Der Autor beliebt den Leser durch den Blätterwald seines Lebens zu führen in der Hoffnung, daß er im bunten Laub erlebter und so schnell vergangener Jahre einige Blätter sichtigt, die in Form und Gestalt seinen Lebensinhalt im übertragenen Sinne wiederspiegeln. Als Sonntagskind im wunderschönen Harz in Wernigerode geboren atmete er in tiefen Zügen die reine Bergluft ein und mit ihr wohl auch die später immerwährende Sehnsucht nach alpinen Höhen. Als Sproß illegitimer Verbindung einer Kindergärtnerin und dem verheirateten evangelischen Pastor, der im Heimatort der Mutter Charlotte seine erste Stelle hatte und natürlich leugnete der Erzeuger zu sein, waren die ersten Stolpersteine gelegt ,die aber durch liebevolle familäre Eintracht schnell beseitigt waren. In einem aufwühlenden Prozeß wurde der Herr Pastor »alimentalisiert«. Kein einfacher Lebensweg für Mutter und Kind.

Nach behüteter Kindheit zeitweilig im Blumenmeer und Schnittlauchbeet der urgroßelterlichen Gärtnerei der Kleinstadt Frohburg in Sachsen und immerwieder konfrontiert mit der hitlerrschen Kriegsmisere, der zerbomten Heimatstadt Dessau, der Begegnung von Russen und Amerikanern an der Elbe, Abitur am Philanthropinum und Studium der Medizin in Berlin, Leipzig, Giessen mit Abschluß in München und Promotion an der Maximiliansuniversität. Geprägt vom Wissen und Erfahrung der Universitäten und Großkliniken sowie der Pathologie gelang mit arbeitstüchtiger Ehefrau Evelin die Verselbständigung mit Erstellung einer chirurgischen Großpraxis in München mit eigener ambulanter Operationsmöglichkeit sowie Tätigkeit als chirurgischer Belegarzt. Für Privatleben im Sinne von ausführlichen Urlauben war die Zeit limitiert. Die liebe Ehefrau hielt daheim die Stellung wenn der Doktor seiner Lieblingsbeschäftigung Hochgebirgsschifahren auch in Canada und Chile zwar auch nur kurzzeitig nachging. Seit vielen Jahrzehnten ist er Alpenvereinsmitglied, erfreut sich der Kameradschaft und gibt gern sein alpines Wissen an die nachfolgende Generation und Freunde weiter.

Erlebniserzählungen sind sein Hobby, auch wenn er manchmal fiktives Salz in die aromatische Suppe streut. In der Abendrunde mit den vom Tagesstress geplagten Krankenschwestern sagt oftmals eine: »Bitte, Doktor, erzähl doch weiter.«

Inhalt

Vorwort

Goldgräberstimmung im Franzosenviertel

Die verkaufte Braut

Vom Bettnässer zum Killer

Tatort Senioren-Stift

Katharina mausert sich

Der tägliche Meineid der Frau Dr. med. Katharina Mayr

Aufstieg und Fall der Familie Conte

Madame, Monsieur und Sadomaso

Mord im Karwendelgebirge

Eiskalt, gnadenlos, katholisch …

Ein verirrtes Lamm unter Wölfen

Wiederauferstanden von den Toten

Das Landei als Charity-Lady

Die möchtegern Mutter Theresa aus dem oberen Isartal

Die drei Musketiere, Wildschweine und giftige Schwammerl

Götterdämmerung im Franzosenviertel

Schuld und Sühne – Vergebung und Vergeltung

Der Verrat

Der Justizskandal

Schluss! Ende! Aus!

Epikrise

Schlusswort

Handelnde Personen

Auszüge aus »Himmelsleiter in den Tod«

Auszüge aus »Die Ärzte-Mafia«:

Postscriptum

Dankesworte

Vorwort

Der Mensch ist unstreitig seiner äußeren Gestalt nach das edelste und vollkommenste Geschöpf, das unseren Planeten ziert, und nehmen wir seine Leistungen im guten Sinne dazu, überhaupt das Herrlichste und Großartigste, das in der uns zugänglichen Welt vorhanden ist.«

»Das Streben alt zu werden, das Leben zu verlängern, wenn möglich freilich mit den Attributen der Jugend, schlimmstenfalls auch ohne dieselben, ist ein alter Traum der Menschheit.«

Entnommen aus »Ratgeber in gesunden und kranken Tagen« herausgegeben von Dr. F. König

Goldgräberstimmung im Franzosenviertel

Seine Kollegen nannten ihn hinter vorgehaltener Hand Winkeladvokat. Diese pauschal beleidigende Abwertung wurde der juristischen Fachkompetenz auf hohem Niveau der Person Carlo Conte nicht annähernd gerecht. Er war schlagfertig, ein brillanter Rhetoriker mit enormer Überzeugungskraft, wie kein anderer verstand er Informationen auszuwerten, eine umfassende Analyse der Aktenlage durchzuführen, auf den Punkt zu bringen und die Schwachstellen der Gegenseite herauszufinden. Andererseits war er freilich ein Schlitzohr, das konnte nicht wegdiskutiert werden. Er war der Prototyp für das schlechte Image, welches Rechtsanwälten vorauszueilen scheint.

Wenn er aus dem einen oder anderen Grund bereits während eines Prozessverlaufs erahnte, dass die Sache den Bach hinuntergehen würde, versuchte er zu improvisierten und die Wahrheit ein wenig umzudichten. So wurde er durch Verschweigen oder Verdrehen quasi unverrückbarer Tatsachen zum Berufslügner. Notfalls griff er auf unkonventionelle Methoden am Rande der Legalität oder auf Zeugen zurück, die in seinen Lohnkonten auftauchten. Aus seinem Verständnis heraus konnte ihm niemand die Loyalität seinen Mandanten gegenüber verübeln. Wer nicht ganz borniert war, hatte doch längst bemerkt, dass nirgends so viel gelogen wird wie in deutschen Gerichtssälen und bei Urteilen alle Mitwirkenden schachern wie auf dem Basar.

Vor dem Hintergrund einer erneuten Demütigung in der vorausgegangenen Verhandlung platzte seinem Prozessgegner, als er erneut als Verlierer aus einem Rechtsstreit gegen Conte hervorging, der Kragen. Das Urteil muss den unterlegenen Kollegen derart düpiert haben, dass er ihn noch im ehrwürdigen Justizpalast unter der Glaskuppel der Zentralhalle, mit voller Absicht angerempelt, ihm den Weg versperrt und zur Rede gestellt hat.

»Sie wissen Conte, wie Sie in Kollegenkreisen genannt werden?«

»Nein, aber ich nehme an, Sie werden es mir sicherlich gleich sagen, Herr äh, Kollega Schmidt, wenn ich Ihren Namen richtig im Kopf behalten habe!«

»In Juristenkreisen werden Sie als Kollege Schmierseife tituliert.«

»Sie scheinen an sprachlichem Durchfall zu leiden. Um mich auf Ihren Jargon einzulassen Herr Schmidt, sage ich Ihnen, was kümmert es die deutsche Eiche, wenn sich die Sau an ihr reibt!«

»Aha.«

»Wissen Sie, ich sehe mein Schmuddel-Image als Respektsbekundung der Kollegenschaft und fühle mich geschmeichelt. Was hinter meinem Rücken von Neidern getuschelt wird, tangiert mich nicht.«

Damit waren die Grenzen abgesteckt.

Carlo Conte ließ Schmidt unvermittelt stehen, strebte mit fliegendem Mantel dem Ausgang zu und winkte ein vorbeifahrendes Taxi herbei.

Laut Geburtsurkunde hieß er Karlo Konte, ein Name, dem aus seinem Blickwinkel die Noblesse fehlte. Er nutzte seine vielfältigen Beziehungen und unterirdischen Kanäle und dufte sich kurz darauf offiziell CC, Carlo Conte, nennen.

Ende der 1950iger Jahre, nach dem Studium der Rechtswissenschaften, der ersten Staatsprüfung mit nachfolgendem Referendariat und zweitem Staatsexamen, trat er als Volljurist und Assessor des Rechts in eine honorige Sozietät von Kollegen ein, die sich dem Zivilrecht verschrieben hatte.

Anlässlich mehrerer gerichtsanhängiger Verfahren, die er für den wohlhabenden Immobilienbesitzer Alfred Groll aus dem Stadtteil Haidhausen erfolgreich durchboxt hatte, unterbreite ihm dieser völlig unerwartet eine interessante Offerte:

»So ein exzellenter engagierter Jurist wie Sie, Herr Dr. Conte, wäre ein Gewinn für das Franzosenviertel. Es ist der spannendste Stadtteil in München, zwar klein aber fein, ein wenig beschaulich und altmodisch, trotzdem wird er immer attraktiver und teurer, und das junge Volk das sich in den letzten Jahren dort angesiedelt hat, strotzt vor künstlerisch origineller Ideen, insgesamt herrscht Aufbruchsstimmung und Goldgräbermentalität. Wäre mein Angebot nicht eine Überlegung wert? Besprechen Sie die Sache mit Ihrer lieben Frau. Sie wissen, wo Sie mich finden. Ich würde mich freuen, Sie an Bord zu haben.«

»Ich bin Junggeselle, Herr Groll und frei in meinen Entscheidungen.« Das Gesicht des Mandanten Groll erhellte sich zusehends und er klopfte seinem Gegenüber jovial auf die linke Schulter.

»Ich mache Ihnen einen Freundschaftspreis für die Miete und befördere Sie zu meinem Hausanwalt, dann sind Sie ein gemachter Mann.«

Unter dem Vorwand der Unvereinbarkeit mannigfaltiger juristischer Standpunkte trennte sich Anwalt Conte leichten Herzens von der Sozietät und zog mit seinen Akten in die Metzstraße ins Glasscherbenviertel, in großzügig bemessene frisch renovierte helle Räume in der ersten Etage des großen Mietshauses. Ein separates über die Kanzleiräume zu erreichendes Appartement mit Küche und Sanitäreinheit nutzte er vorerst als Wohnung und ehe sich Carlo versah, war er mit Haut und Haaren von seinem Vermieter vereinnahmt.

Sein pittoreskes Umfeld im Franzosenviertel inspirierte ihn dermaßen, dass Conte von heute auf morgen vom verknöcherten Anzug- und Schlipsträger zu einer Stilikone avancierte, alles beste Qualität, leger, nichts war zu teuer. Lediglich seine schwarzen Hosenträger die den angedeuteten Bauchspeck zu überlisten versuchten und den Hosenbund auf korrekter Höhe der Taille positionierten, waren hoffnungslos veraltet. Beim Diktat von Schriftsätzen spannte er seine beiden Daumen unter die Gummibänder und ließ die Hosenträger schnalzen, wie eine neunschwänzige Katze.

Noch bevor es in Mode kam und um sein künstlerisch-intellektuelles Outfit zu unterstreichen, trug er seine glatten fast schwarzen straff gekämmten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden, den er im Nacken zusammenhielt. Seit er sein eigener Chef war, paffte er Zigarren. Demonstrativ zelebrierte er dieses Statussymbol als Ausdruck seines individuellen Lebensgefühls. Nach dem unvergleichlichen Geschmackserlebnis von Schärfe und Prickeln blies er die Rauchwolken in kunstvollen Kringeln vor sich her.

Bei der Requirierung seines Personals griff Anwalt Conte auf probate Mittel zurück. Im zeitlichen Zusammenhang mit seinem Ausscheiden verließen zwei Stenotypistinnen ebenfalls die Sozietät und heuerten bei ihm an.

Die Kanzlei von Rechtsanwalt Conte schlug in Haidhausen ein wie eine Bombe. Er konnte sich vor Mandanten kaum retten. Stapel von Akten türmten sich mittlerweile nicht nur auf seinem Schreibtisch sondern lagerten auf Beistelltischen und Stühlen. Das administrative Chaos in seinem Büro wurde tagtäglich größer. Über Monate schrieb er die vakante Stelle einer Bürovorsteherin aus, führte zahlreiche Vorstellungsgespräche, konnte sich aber für keine der Kandidatinnen erwärmen, intuitiv hielt ihn etwas zurück. Da spielte ihm eine unerwartete Begegnung in die Karten.

In einem der verkommenen Hinterhöfe in der Preysingstraße bewohnte Edigna Wolf ein kleines Herbergshäuschen zusammen mit ihren fünf Rangen. Genaugenommen waren sie jetzt dezimiert auf vier. Das war auch der Grund ihrer Konsultation bei Anwalt Conte. Sie berichtete ihm, dass ihr jüngster Sohn Adi seinen nur unwesentlich älteren Bruder Willibald, wo Metz- und Preysingstraße aufeinandertreffen, in einem seiner permanenten Wutanfälle vor den Amischlitten eines Egon Vierthaler gestoßen habe.

»Ich bin überzeugt, Adi hat ihn aus Eifersucht umgebracht. Mein Bub, der Adolf, beschert mir mit seinen unkalkulierbaren Zornausbrüchen nur Kummer und Sorgen. Leider muss ich mir als Mutter eingestehen, dass er bösartig ist und einen schlechten Charakter hat. Ständig denke ich an Kain und Abel, der Gedanke lässt mich nicht mehr ruhig schlafen. Wahrscheinlich bestraft mich Gott dafür, dass ich meinen Letztgeborenen nach Ende des zweiten Weltkrieges in meiner Verblendung und Huldigung der Nazis nach dem Führer Adolf Hitler benannt habe. Ich bin zu schwach mich gegen Adi, wie ich ihn jetzt nenne, der Name Adolf kommt mir nicht mehr über die Lippen, durchzusetzen, ihm fehlt die starke Hand eines Mannsbilds. Der Vater meiner Kinder ist aus dem Krieg nicht mehr zurückgekommen und ich selbst bin heillos mit der Erziehung überfordert.«

Sie begann leise zu weinen. Anwalt Conte drückte ihr und sah sie über den Brillenrand hinweg mitfühlend an, sein blütenweißes akurat gebügeltes Taschentuch in die Hand und Edigna putzte dezent schniefend ihre triefende Nase.

»Nachfrage: Gibt es Zeugen, Frau Wolf?«

»Ja und nein. Meine Tochter Hannelore lässt sich nicht davon abbringen, dass Adi seinen Bruder absichtlich vor das Auto gestoßen hat, sie habe es gesehen. Unmittelbar vorausgegangen war, wie so häufig, ein Streit zwischen beiden Buben.«

»Sprechen Sie mit ihr und stellen Sie sicher, dass sie keine offiziellen Aussagen gegen den Bruder Adolf, äh, Adi, macht, dann kann ich die Sache sicherlich aus der Welt schaffen.«

»Da wäre noch ein Problem, Herr Anwalt.«

»Welches, ich höre!«

Sie druckste herum, lief rot an und es war ihr sichtlich peinlich mit einem Fremden über ihre Finanzen zu sprechen.

»Meine Kinder und ich haben zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Herr Conte, kann ich Ihr Honorar abstottern?«

»Das lässt sich sicherlich einrichten, ich überlege mir eine unkonventionelle Lösung. Kopf hoch, wir werden das Kind schon schaukeln.«

Die vertrackte Geschichte mit Adi Wolf kostete ihn lediglich ein Telefongespräch, dann war die unheilvolle Sache vom Tisch. Er ließ sich mit dem Sachbearbeiter Knödlseder im Polizeipräsidium in der Ettstraße verbinden.

»Hier spricht Rechtsanwalt Conte. Sie bearbeiten den Fall des toten Jungen Willibald Wolf aus der Preysingstraße?«

»Ja, die Akte liegt bei mir auf dem Schreibtisch.«

»Ich vertrete die Mutter des Kindes. Sind Sie inzwischen zu einer groben Einschätzung des Falles gekommen?

»Ich denke Herr Anwalt, es handelt sich um ein Zusammentreffen unglücklicher Umstände. Das Kind ist vermutlich beim Spielen auf die Straße gelaufen, der Unglücksfahrer ist zu schnell gefahren und konnte nicht mehr bremsen. Dies sind aber alles nur Vermutungen. Brauchbare Zeugen gibt es keine.«

»So so!«

»Inzwischen wurde als Sündenbock der tollpatschige Streifenpolizist Johann Wohlmuth ermittelt, der entgegen der Dienstvorschrift keinerlei Aufzeichnungen über das Unfallgeschehen angefertigt hat. Er wurde mittlerweile zur Verkehrspolizei strafversetzt und regelt bis auf weiteres den Verkehr am Max-Weber-Platz. Da kann er jetzt bei Wind und Wetter in einem weißen Gummimantel auf einem Podest stehen und mit Pfeife und Kelle das Gewühl aus Fußgängern, Radfahrern, Autos, Straßenbahnen und Bussen entwirren und hat dabei Zeit über seine Dienstauffassung nachzudenken.«

»Das klingt gut, Herr Kommissar. Es ist immer erfreulich, wenn solche Sachen auf dem kleinen Dienstweg aus der Welt geschafft werden können. Sie haben etwas gut bei mir.«

»Das Gespräch mit Ihnen war sehr angenehm, Herr Anwalt. Ich kann Ihnen von höchster Stelle versichern, dass Ihre Mandantin nicht belästigt und der Fall ad acta gelegt wird.«

Über kurz oder lang würde der Kriminaler auf seiner Lohnliste stehen, da war sich Conte ziemlich sicher.

Einige Tage später, als hätten sich beide verabredet, trafen Edigna Wolf und Anwalt Conte, der dabei war seinen schwarzen Talar lässig über den Arm zu drapierten und eine große Aktentasche schleppte, sich zufällig vor der Bäckerei Müller, die ihr Geschäft im Nebenhaus der Anwaltskanzlei betrieb. Beide grüßten gleichzeitig und lächelten sich etwas verlegen an.

»Gut, dass ich Sie treffe, Frau Wolf!«

Conte biss herzhaft in das soeben gekaufte gerade aus der Backstube kommende Kissinger Hörnchen und wischte sich die Brösel mit dem Rücken der freien Hand ab. Während er ungeniert kaute unterrichtete er sie über den Stand der Dinge.

»Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen, Herr Anwalt. Was bin ich für Ihre Bemühungen schuldig?«

»Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Sie eine patente Frau sind, ich kann mir gut vorstellen, dass Sie mit ihrer Lebenserfahrung die Lotterwirtschaft in meinem Büro etwas in geordnete Bahnen lenken könnten. Da wäre uns beiden geholfen. Wollen wir es probeweise miteinander versuchen?«

Edigna nickte zustimmend. »Abgemacht!«

Wie vereinbart erschien sie am darauffolgenden Tag pünktlich um acht Uhr in der Kanzlei von Anwalt Conte. Er hätte sie fast nicht wiedererkannt. Über Nacht war aus einer weinerlichen verhärmten Frau mit zu früh ergrautem Haar eine seriöse vorzeigbare Bürokraft in einem zwar unauffälligen jedoch adretten Kleid geworden, die ein sehr vertrauenswürdiges Erscheinungsbild abgab.

Als ehemals wohlbehütete Tochter eines Vorarbeiters bei den Aufzugswerken M. Schmitt & Sohn G.m.b.H. hatte sie die Maria Ward Schule, das Institut der Englischen Fräulein in Nymphenburg, besucht. Ihr sozialer Abstieg hatte während ihrer Ehe mit einem nicht ebenbürtigen Mann ohne Bildung und Ehrgeiz und der Geburt der fünf Kinder begonnen. Dann kam der zweite Weltkrieg mit seinen schrecklichen Folgen.

Anwalt Conte unterwies Edigna Wolf in ihren Aufgabenbereich. Sie hatte eine schnelle Auffassungsgabe und war Meisterin darin Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, das Diktaphon per Fußbetrieb beherrschte sie nach kurzer Zeit wie keine andere. In ihrer ruhigen Art hatte sie, ohne viel Aufhebens davon zu machen, nicht nur die ständigen Reibereien zwischen den beiden Stenotypistinnen befriedet, wenn hormonell bedingt die Fetzen flogen, binnen weniger Monate war das komplette Büro umorganisiert.

Conte wurde insgeheim den Verdacht nicht los, dass er ein klein wenig unter ihrer Fuchtel stand. Edigna stieß allerdings an ihre Grenzen aus ihrem Chef einen besseren Menschen machen zu wollen. Klug wie sie war, überschritt sie niemals die zwischen ihnen gezogenen unsichtbaren Linien.

Wider Willen fühlte sie sich zu dem um einige Jahre Jüngeren auf seltsame Art hingezogen. Diese Empfindung verbarg sie hinter einer gewissen Unnahbarkeit.

Die verkaufte Braut

Das neubarocke Mietshaus in der Metzstraße erkennt man an einer aufwendigen Dachgaube die von einer Madonna dominiert ist. Sämtliche Fenster der Fassade sind klassisch mit Stuck verziert und wirken schwerelos und grazil. Im Jahr 1890 wurde das Anwesen von Alfred Grolls Vater, der einer bekannten Bierbrauer-Familie entstammte, errichtet. Eine riesige Wohnung, die sich über das Erdgeschoss erstreckt, bewohnte nun der Besitzer selbst mit seiner Tochter Betty und einer Haushälterin.

Die Zimmerflucht der Kanzlei Conte lag in der ersten Etage, war großenteils nach Osten ausgerichtet mit am Morgen sonnendurchfluteten Büros. Wenn der Planet im Zenit stand, war das Raumklima angenehm kühl. Bewohner, Besucher und neuerdings Mandanten erreichten das Haus über einen mit äußerster Akribie gepflasterten Hof mit ausladenden schattenspendenden Bäumen. Wie ein meisterhaftes Kunstwerk wirkte das Treppenhaus, hochherrschaftlich, fast feudal der Hauseingang und die Wände zu den oberen Stockwerken waren pompös mit ockerfarben-blauen Majolika-Keramikfliesen geschmückt.

Zwischen Vermieter und Mieter herrschte ein herzliches zwangloses Verhältnis. Nach einer gewissen Anstandsfrist waren sich die Herren soweit nähergekommen, dass man sich duzte.

»Doktor, ich bin Alfred, alle nennen mich Alf, lass uns auf eine immerwährende ungetrübte Hausgemeinschaft anstoßen.«

Er ließ einen bereitgestellten edlen Rotwein in traditionelle Römer gluckern.

»Einfach Carlo, ohne Doktor, ich habe nicht promoviert.« »Vivat Alf!« »Prost Carlo!«

Es blieb nicht aus, dass Carlo Conte bei den zahlreichen Feierabendschoppen, welche die Herren konsumierten mit der Tochter des Hauses, Betty Groll, Bekanntschaft machte und beide sich zwangsläufig öfters begegneten. Sie war eine unscheinbare kleine zarte Person, schätzungsweise Mitte zwanzig mit einem eigenartig zwanghaftem Lächeln, ausgeprägten Augenfalten, dezentem Make-up, die Lippen stets zart geschminkt. Das halblange mittelblonde Haar glänzte in vielen Farbtönen, umschmeichelte ihr Gesicht, so dass die harten, leicht burschikosen Züge in den Hintergrund traten. Im Gespräch wirkte sie etwas exaltiert fast aus der Zeit gefallen. Was Carlo wunderte, dass der rührige Alf seinen Augenstern, wie er Betty nannte, nicht schon längst unter die Haube gebracht hatte.

Alf Groll hatte seine Ehefrau plötzlich, unter später nicht mehr aufklärbaren Umständen, in Folge einer notfallmäßigen Blinddarmoperation in der nahegelegenen Universitätsklinik wegen der Komplikation einer plötzlich aufgetretenen, nach Aussage des behandelnden Chirurgen, angeblich keineswegs vorhersehbaren Lungenembolie, verloren. Der Tod der Patientin wurde den Angehörigen als schicksalhaft verkauft.

Nach dem unerwartet frühen Dahinscheiden der Mutter verfiel Betty in eine tiefe Melancholie oder war ihr Zustand bereits eine manifeste Depression? Entschuldigend wurde der jungen Dame im Teenageralter ihr beängstigendes Verhalten dem Umstand der zeitgleich eingetretenen Pubertät zugeschrieben. Sie schien in einer Parallelwelt zu leben, wirkte auf ihre Umwelt gedankenverloren, geistesabwesend, fast weltentrückt, so dass sie gänzliche Narrenfreiheit genoss und mit Glacéhandschuhen angefasst wurde.

Alf Groll war überzeugt, die beste Therapie wäre, die Absonderlichkeiten der adoleszenten Entwicklungsphase seiner Tochter und ihre Zickigkeit zu ignorieren. Ein folgenschwerer Irrtum, der die gesamte Familie sukzessive direkt in eine menschliche Tragödie stürzen würde.

Durch die Rückstände welche in der Kanzlei aufzuarbeiten waren, hatte sich Anwalt Conte bei Alf Groll in letzter Zeit etwas rargemacht. Er war ein Arbeitstier und wie besessen von seinem Erfolg, ein workaholic, wie das heute genannt wird.

Edigna Wolf stand unverbrüchlich an seiner Seite. Sie arbeitete bis mittags und wenn sie die Kinder abends im Bett wusste, erschien sie nochmals zu einer Spätschicht und schuftete zusammen mit ihrem Chef häufig bis weit nach Mitternacht. An ein Privatleben war nicht mehr zu denken. Anwalt Conte und sie waren ein perfekt eingespieltes inzwischen vertrautes, vor allem ein siegesgewohntes Team.

Als Alf eines späten Freitagabends auf dem Heimweg immer noch Licht in der Kanzlei sah, telefonierte er zu Carlo Conte hinauf und bat ihn in einer persönlich vertraulichen Angelegenheit am Samstagvormittag bei ihm zum Frühschoppen vorbeizukommen. Am darauffolgenden Morgen komplimentierte Groll seinen Mieter hastig in das Herrenzimmer und schloss leise die schalldichten dick gepolsterten Schiebetüren. Nach dem ersten erfrischenden Schluck eines süffigen erfrischenden Biers räusperte sich Alf vernehmbar und bot Carlo aus einer Holzschatulle eine Havanna an. Dieser begutachtete die Banderole und nickte anerkennend.

»Ich weiß nicht recht, wie ich es dir erklären soll?!« sagte Alf etwas betreten und gab Carlo Feuer.

»Sicherlich ist es dir aufgefallen, dass ich ein Techtelmechtel mit meiner Haushälterin Helga habe.«

»Nein, war mir nicht bewusst, dass ihr verbandelt seid.«

»Unsere Zweisamkeit stört allerdings Betty. Sie wird langsam eine alte Jungfer und es ist an der Zeit, dass sie sich vermählt und mir Erben schenkt. Nachdem meine Tochter sich wohl endgültig bei mir eingenistet hat und nicht daran denkt, den jetzigen Zustand zu ändern, habe ich mich entschlossen die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Dabei bist du mir eingefallen.«

»Inwiefern, Alf?«

»Ich hätte nichts dagegen, wenn du mein Schwiegersohn wirst.« Jetzt war es heraus und die Erleichterung war ihm anzusehen.

»Ähm.«

»Selbstverständlich würde ich mir dein Entgegenkommen in dieser heiklen Sache etwas kosten lassen. Es soll dein finanzieller Schaden nicht sein. Ich hätte da einige Lösungen in petto.«

Carlo blies genüsslich den Rauch seiner Zigarre etwas respektlos seinem Gegenüber ins Gesicht, setzte ein Pokerface auf, eine Mimik, die keine Rückschlüsse auf seine Gedanken zuließ, die er x-mal vor dem Spiegel für seine dramatisch vorgetragenen Plädoyers eingeübt hatte. Um Zeit zu gewinnen entfernte er einen Fussel von seiner Hose. Sein Gehirn fing an zu rattern und seine Gedanken überschlugen sich.

»Solltest du an meinem Vorschlag interessiert sein, wäre die unabdingbare Forderung meinerseits, dass Betty von unserem Kuhhandel nichts erfährt. Lass dir aber nicht zu lange Zeit. Ich habe für Helga und mich am Tegernsee eine große Wohnung gekauft, die Ende des Jahres bezugsfertig ist. Bis dahin muss die Sache unter Dach und Fach sein. Wenn dich meine Argumente nicht überzeugen, müsste ich nach einem anderen Bräutigam für meine Tochter Ausschau halten.«

Nach jener denkwürdigen Unterredung mit Alf sah er Betty in einem ganz anderen Licht. Mit einem Mal schien sie ihm mächtig attraktiv und begehrenswert. Ihre kapriziöse emanzipierte Art sich zu präsentieren würde für ein Alphatier wie Anwalt Conte fraglos gewöhnungsbedürftig sein, aber andererseits!

Der designierte Brautvater ließ ihm ohne viel Zeit zu verlieren, den Entwurf eines notariellen Vertrages zukommen der Carlo Conte am Tag der Hochzeit mit seiner Tochter die Übertragung des Mietshauses in der Metzstraße, in dem er seine Kanzlei betrieb und zwei nebeneinanderliegende Anwesen am Pariser Platz sowie ein baureifes Areal in unmittelbarer Nähe des Ostbahnhofs zusicherte.

»Im notariellen Vertrag fehlt nur noch dein Name und das Hochzeitsdatum« flüsterte Alf dem Anwalt hinter vorgehaltener Hand zu, als er ihm Mitte der Woche im Treppenhaus über den Weg lief.

»Wie du nicht überlesen haben wirst, ist ein Passus eingebaut, der meine Tochter bei einer möglichen Scheidung finanziell schützt. Ich denke, das ist legitim.«

»Ich verstehe deine Bedenken vollkommen, Schwiegervater in spe.«

»Freut mich, dass du das so siehst, willkommen in der Familie, jetzt muss nur noch Betty überzeugt werden.«

Als Fazit konnte retrospektiv betrachtet schwer beurteilt werden, wer der größere Schlawiner war und wer wen über den Tisch gezogen hatte.

»Wenn ihr beiden am Sonntagmittag keine anderen Pläne habt, lade ich euch ins Restaurant Humplmayr am Maximiliansplatz zum Essen ein. Übrigens ist es eines der besten Speiselokale in München überhaupt, nur Stammgäste können am Wochenende mit einer Tisch-Reservierung rechnen. Der Gastronom ist ein alter Freund und wird mir sicherlich eine der lauschigen Nischen, wo wir unter uns sind, reservieren. Passt euch 13 Uhr? Ich bestelle für diese Zeit ein Taxi.«

Die Autodroschke war pünktlich vorgefahren. Carlo Conte wartete wie ein vollendeter Kavalier neben der Beifahrertüre. Betty stöckelte in einem entzückenden aus rosa Satin geschneidertem Complét, gefolgt vom Herrn Papa, auf das Mietauto zu. Handschuhe und Täschchen in gebrochen weißer Farbe trug sie lässig in der linken Hand, murmelte einige Höflichkeitsfloskeln und überließ Carlo damenhaft sanft das ausgestreckte Pfötchen und schnurrte wie eine läufige Katze, als er sie in den Fond manövrierte. Hinter den Fenstern der gegenüberliegenden Häuser kiebitzten die Nachbarn und verfolgten, was sich vor ihren Augen abspielte.

Alf mit dunklem Anzug und silberner Fliege mit weißem Seidenschal um den Hals geschlungen, wirkte wie Graf Danilo, direkt aus der Operette Die lustige Witwe entsprungen. Beide waren hoffnungslos overdressed. Conte korrumpierte sich als durchlavierender Anzugträger mit blütenweißem Hemd und goldenen Manschettenknöpfen ohne Krawatte. Mit seinem Drei-Tage-Bart, der mit noch spärlich grauen Haaren durchsetzt war, sah er umwerfend verrucht und draufgängerisch aus.

Der befrackte Kellner mit schwarzer Fliege geleitete zu einem Tisch von dem aus das Triumvirat das gesamte Geschehen im Restaurant überblicken konnte. Wie mit Geisterhand wurde ein eisgefüllter Sektkübel aufgefahren, der französische Champus lautstark entkorkt und vier Gläser mit der moussierenden Köstlichkeit befüllt.

»Der Chef kommt sofort persönlich die Herrschaften, um mit Ihnen anzustoßen.«

Er kam mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht, küsste die Hand von Betty und verneigte sich formvollendet vor den Herren. »Enchanté Madame, Monsieur, Maître, très content.«

Von Beginn an war das sich anbahnende Beziehungsgeflecht zwischen Betty und Carlo im Vorfeld bereits in Auflösung begriffen. Carlo Conte erwies sich als die charmanteste Fehlbesetzung eines Ehemannes ever.

Nichts konnte darüber hinwegtäuschen, dass Betty Groll, der Augenstern, in Bälde verheiratete Conte, an diesem Tag verschachert wurde.

Vom Bettnässer zum Killer

Nicht automatisch wird jeder Bettnässer zum Mörder. Die Enuresis nocturna, das nächtliche Einnässen, das bei Adi Wolf bis weit über seine Einschulung anhielt, ein Alter in dem Kinder in der Regel über eine stabile Blasenkontrolle verfügen, wurde zum handfesten Bestandteil seines jungen Lebens und war Nährboden der eigenen Unzufriedenheit.

Trotz aller Kaltschnäuzigkeit hatte er Albträume, seit er seinen Bruder Willi vor einen Amischlitten gestoßen hatte. Noch während seiner Lehrzeit urinierte er zeitweilig ins Bett und erlebte wegen seiner Ohnmacht aus dem Circulus vitiosus nicht entfliehen zu können, ein Gefühlschaos. Die Harninkontinenz stellte sowohl für die Mutter, Edigna Wolf, wie auch die Geschwister, die alle zusammen auf engstem Raum lebten, eine enorme Belastung dar.

Im besten Fall war er vielleicht ein Spätentwickler, der noch nicht gelernt hatte, seinen Harndrang zu beherrschen. Allerdings muss vermutet werden, dass die Wurzel allen Übels psychischen Ursprungs war.

Adi gelang es nicht seine aggressiven und antisozialen Impulse unter Kontrolle zu halten. Er war zerfressen von Neid und Missgunst, Eifersucht auf seinen um zwei Jahre älteren Bruder, der wegen eines gesundheitlichen Handicaps von der gesamten Familie verhätschelt wurde. Früh entschloss er sich, ihn bei nächster Gelegenheit aus dem Weg zu räumen. Ein heimtückischer Mord schien vorprogrammiert, das wann war nur eine Frage der Zeit. Wut und Hass machen Menschen unberechenbar.

Schon bald muss er sich mit dem Satan verbrüdert haben, indem er ihn mit seinem Heckmeck: Donnerfurz und Teufelsbrunz faktisch herbeizitierte. Dabei waren seine Gesichtszüge bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und er wirkte wie ein alter Mann. Für Außenstehende schob sich plötzlich das Bild eines schwarz Behaarten mit Bocksfüßen, Widderhörnern und Schwanz vor das geistige Auge. Es war sicher keine Schimäre, dass ein arger Gestank und eine Schwefelwolke seine Aura umgab.

Anwalt Conte sorgte mit seinen Kontakten auf Bitte von Edigna Wolf dafür, dass ihr jüngster Sohn Adi in einer Autowerkstätte in unmittelbarer Nähe eine Lehrstelle bekam. Am zweiten Tag seiner Lehrzeit, während er seine Brotzeit verschlang, kam er sich mit einem ausgelernten Mechaniker wegen einer Kleinigkeit dermaßen in die Wolle, dass die Fäuste flogen und der Geselle von ihm knockout geschlagen wurde. Durch den unvermuteten Kinnhaken krachte dieser auf den Boden, Adi zählte ihn nicht nur aus sondern verhöhnte und verwünschte ihn. »Donnerfurz und Teufelsbrunz!«

Wegen Schwindel, Übelkeit und Gangstörungen erfolgte stationäre Aufnahme des Verletzten zur Beobachtung im nahegelegenen Klinikum. Mit der Diagnose Gehirnerschütterung wurde er nach einigen Tagen in ambulante Weiterbehandlung entlassen.

Nachdem Anwalt Conte mit Engelszungen auf den Geschädigten eingeredet hatte und ihm heimlich ein Kuvert mit einigen Hundert Mark unauffällig zuschob, verzichtete dieser auf eine Anzeige bei der Polizei. Das Lehrverhältnis auf Probe mit Adi wurde in gegenseitigem Einvernehmen gelöst.

Anwalt Conte wollte ein für alle Mal ein Exempel statuieren und dachte lange über einprägsame Vergeltungsmaßnahmen nach. Kurz entschlossen, ohne Edigna in Kenntnis zu setzen geschweige denn um Erlaubnis zu fragen, beorderte er Kare und Heinzi, seine Laufburschen, zur Besprechung in die Kanzlei.

»Ich brauche euch für eine heikle Sache, die blitzschnell über die Bühne gehen muss. Es geht um den jüngsten Sohn meiner Büroleiterin. Ich möchte, dass er eine Abreibung erhält, die er so schnell nicht wieder vergisst. Mir schwebt vor, dass ihr morgen, früh, sobald Frau Wolf bei mir in der Kanzlei und Adi allein zu Hause ist, bei ihm klingelt, ihm den Mund verklebt, und ihn fesselt. Dann steckt ihr ihn in einen großen Kohlensack und bindet diesen zu. Anschließend versohlt ihr ihm mit einem Stock seinen Allerwertesten, dass dieser grün und blau wird und Adi die nächsten Tage nicht mehr sitzen kann. Zum Schluss lehnt ihr den Sack samt Inhalt außen an die Haustüre. Spätestens mittags wird ihn seine Mutter aus der misslichen Lage befreien. Habt ihr kapiert, wie die Sache ablaufen soll?«

»Klar Chef«, sagten beide fast gleichzeitig. Sie grienten und nickten bestätigend.

»Ich gebe euch einen Fünfziger mit, im Kaufhaus Horn am Ostbahnhof könnt ihr alles kaufen, was nötig ist. Einen großen Sack gibt es beim Kohlenhändler Karg um die Ecke für einen Zwickel. Morgen erstattet ihr mir sofort Bericht, ob alles geklappt hat. Setzt euch in Bewegung, die Sache eilt. Wenn ihr noch Fragen habt, dann ist jetzt die Zeit dafür und stellt euch nicht so dämlich an, dass man euch erwischt.«

»Wir doch nicht, Chef, Sie kennen uns ja!«

»Eben, ich habe euch schließlich mehrmals herausgepaukt. Und die Geschichte ist eine geheime Kommandosache, ich weiß von nichts.«

»Haben wir geschnallt«, meinte Heinzi und beim Lachen zeigte er seine von Zahnfäule überzogenen Stummel im Mund und Kare nickte beflissen und schlackerte mit den abstehenden Ohren aus denen jede Menge krause Haare sprossen.

Ein zartes Klopfen am späten Vormittag des darauffolgenden Tages an die Bürotüre von Anwalt Conte unterbrach sein Diktat.

»Herein!« rief er etwas ungeduldig.

Als er die beiden sah, schaltete er sein Diktiergerät aus, platzierte es auf einem Stapel Gerichtsakten und sah die beiden erwartungsvoll an.

»Macht es nicht so spannend. Habt ihr ihm einen Denkzettel verpasst oder alles vermasselt? Was mir spanisch vorkommt ist nämlich, dass Edigna mir überhaupt nichts über den gestrigen Vorfall mit Adi erzählt hat.«

Kare platzte prustend heraus: »Chef, der hat gebrüllt wie ein Stier, als wir ihn verdroschen haben.«

»Gut, ich hoffe, er ist nun fürs erste geläutert. Ich schreibe euch gleich eine Zahlungsanweisung, bei einer meiner Schreibdamen bekommt ihr das Honorar in bar. Und nun verschwindet, ich habe zu tun.«

Als Kare und Heinzi im Begriff waren die Anwaltskanzlei eilig zu verlassen, begegnete ihnen Edigna Wolf.

»Halt, ihr Verbrecher, was habt ihr wieder ausgefressen, dass ihr es gar so eilig habt?«

»Nichts, Frau Wolf, schönen Tag«, meinte der eine und der andere nickte wortlos zustimmend und beide setzten verlegen ihre Schiebermützen auf.

Die Kanzleitüre fiel ins Schloss und Edigna hörte sie vom ersten Stock polternd ins Erdgeschoss stürmen und in die Freiheit flüchten. Sie sah ihnen noch so lange aus ihrem Bürofenster nach, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwanden.

Bevor Edigna Wolf mittags zu Hause nach dem Rechten schaute, und um die Blessuren von Adi mit Franzbranntwein einzureiben, suchte sie nochmals das Büro ihres Chefs auf und legte ihm stillschweigend den blutverschmierten gefalteten Kohlensack auf den Schreibtisch und sandte ihm einen düsteren wissenden Blick zu.

Als sie bereits auf dem Flur war um die Kanzlei zu verlassen, eilte ihr Conte hinterher, packte sie an den Schultern und drehte sie zu sich um. Sein bittender treuer Hundeblick, dem niemand widerstehen konnte, traf sie mitten ins Herz. Sie sahen sich lange und tief in die Augen, dann tat sich eine Mauer des Schweigens auf. Völlig unerwartet zog er sie an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem wohlduftenden Haar.

Ihr Herz schlug aufgeregt bis zum Halse und gleichzeitig bekam sie eine Gänsehaut. Mein Gott, wie sie ihn liebte. Edigna wolle sich gerade aus seiner Umklammerung lösen, da wurde die Kanzleitüre aufgerissen und Alfred Groll, der Schwiegervater, trat lärmend ein und zerrte Conte mit sich. Da war der Hauch des Zaubers verflogen.

Am Nachmittag suchte sie mit Adi die Sprechstunde des Hausarztes Dr. Günther auf und erbat für sich ein Arbeitsunfähigkeitsattest für eine Woche, die sie kommentarlos in den vor der Hauseingangstüre befindlichen Briefkasten der Kanzlei einwarf. Während der nächsten Tage verkroch sie sich in ihrer Trutzburg und schickte ihre Tochter Hannelore fort, um das Nötigste einzukaufen. Das Klingeln des Telefons wurde mit jedem Tag aufdringlicher und fordernder, so dass sie den Apparat unter Decken und Kissen versteckte um das Läuten nicht mehr zu hören.

Am darauffolgenden Montag ging sie trotz andauernder Krankschreibung in die Kanzlei, als ob nichts gewesen wäre. Conte und sie sprachen den ganzen Tag kein einziges privates Wort, er hatte einen Gerichtstermin, so dass sie sich am Vormittag nicht mehr zu Gesicht bekamen. Mittags ging Edigna wie gewohnt nach Hause um abends wieder pünktlich zur Stelle zu sein.

Conte wartete bereits an seinem Schreibtisch sitzend auf sie, paffte eine Zigarre und hatte zwei Weinbrandgläser und eine Flasche sicherlich exquisiten französischen Cognac vor sich stehen. Er kaute etwas nervös an den Bügeln seiner extravaganten Brille mit Goldverzierungen und deutete sich erhebend, einladend auf den schwarzen Fauteuil, in dem sonst seine Mandanten Platz fanden und grinste. Die Luft zwischen ihnen war zum Schneiden dick, nicht nur wegen der Rauchwolken, die er vor sich her blies.

»Ich muss mit Ihnen sprechen Edigna« fing er an.

»Und ich mit Ihnen, Chef. Wahrscheinlich habe ich Sie bisher durch die rosarote Brille gesehen und nicht bemerkt, welch dunkle Seiten in Ihnen schlummern. Das macht mir Angst.«

Er füllte beide Cognacschwenker bodenbedeckt, schenkte ihr ein charmantes Lächeln und drückte ihr eines der Gläser in die Hand.

»Prost Edigna, auf das was wir lieben.«

»Prost, Chef.«

»Sie haben mir in der letzten Woche gefehlt. Ich bin ein solcher Idiot! Da habe ich nun die Liebe meines Lebens tagtäglich vor meinen Augen und bin mit einer Frau verkuppelt, die mir immer noch eine Fremde ist und ich zweifle daran, dass sich das jemals ändern wird. Mir ist inzwischen ein Licht aufgegangen und ich habe die Einsicht gewonnen, dass man für alles im Leben bezahlen muss, teuer bezahlen. Als Krönung meines schmutzigen Deals sehe ich nun Vaterfreuden entgegen.«

»Gratuliere Chef! Die Heirat war Ihre Entscheidung«, bemerkte sie sarkastisch, setzte das Glas abrupt ab und fuhr sich mit beiden Händen resolut durch das frisch ondulierte Haar. Den enganliegenden Rock ihres grauen Kostüms zog sie rasch über ihre langen wohlgeformten Beine, die in farblich passenden Nylons steckten.

»Das letzte was ich mir antun werde ist, mich in eine Ehe zu Dritt drängen zu lassen. Außerdem könnte ich ihre Mutter sein!«

Sie lachte ein wenig frivol und warf dabei ihren Kopf in den Nacken.

»Na übertreiben Sie nicht so Edigna, die paar Jährchen, die uns trennen!«

»Chef, ich habe meine Prinzipien, keine Affäre am Arbeitsplatz. Sie bleiben für mich immer der Boss.«

»Seien Sie nicht so streng mit mir, Edigna. Es war Balsam für meine Seele heute mit Ihnen einmal rein privat plaudern zu können. Das Zwischenmenschliche ist bei uns bisher immer ein wenig zu kurz gekommen. Ich habe das Gefühl, Sie entziehen sich mir absichtlich. Für mein Verständnis ist unser Verhältnis durchaus ausbaufähig. Was meinen Sie?«

»Chef, ich werde in die Glaskugel schauen, welche neuen Horizonte sich in ferner Zukunft für uns beide auftun. Jetzt stehen Sie erst einmal Ihrer Frau zur Seite, die sicherlich bis zur Geburt des Kindes dringend Beistand des Ehemannes braucht.«

Conte griff über den Schreibtisch nach ihrer Hand, als sie sich anschickte, den Rest des Glases bis zur Neige zu leeren und blickte sie zweifelnd an.

»Guts Nächtle Chef, gehen Sie schlafen, Sie sehen müde aus.«

»Ich bleibe noch ein wenig und werde meine Gedanken sortieren. Vielleicht trinke ich noch ein Gläschen oder auch mehrere. Ich muss nachdenken. Bis morgen.«

Während sich Betty Conte froher Hoffnung auf die Geburt vorbereitete, waren Edignas Sprösslinge nicht nur längst aus dem Gröbsten heraus sondern selbständig, erwachsen, im Establishment tief verankert und auf einer der obersten Stufen der Karriereleiter angekommen, wo man gewöhnlich einsam und die Luft dünn wird.

Der älteste Sohn Korbinian hatte nach dem Abitur auf Grund der Protektion durch Rechtsanwalt Conte in Berlin einen Arbeitsvertrag als Volontär bei einer großen Wochenzeitung ergattert, besuchte die Journalistenschule und wurde später ein vielbeachteter freier Publizist für investigativen Journalismus und qualifizierter geistreicher Autor skandalträchtiger Enthüllungsstorys.

Den Zweitältesten Ägidius vermittelte Conte, weil ihm der Chef einer Filmgesellschaft in Geiselgasteig noch etwas schuldig war, ins prosperierende bayerische Hollywood, wo er sich unter dem Künstlernamen Ägidius Wolfram erste Sporen als gutgewachsener Statist verdiente. Durch sein unwiderstehliches Charisma, nach anfangs kleinen Auftritten, avancierte er in späteren Jahren zum Star und konnte sich die Rollen aussuchen. Als außergewöhnlich talentierter und gefragter Mime wurde er mit Auszeichnungen überschüttet. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte er auf dem Gipfel seiner Karriere als ruchbar wurde, dass sein jüngerer Bruder Adi Wolf augenscheinlich mehrere Morde auf sein Gewissen geladen hatte. Dies tat seiner Beliebtheit keinen Abbruch, im Gegenteil, der Makel in seiner Vita machte ihn noch interessanter und begehrenswerter, kurzum, zu einem ranghohen Mitglied der Münchner High Society.

Die einzige Tochter, die bildhübsche und verführerische Hannelore Wolf zog am Tag ihrer Volljährigkeit aus dem Herbergshaus der Mutter Edigna fort und ehelichte kurz darauf einen beträchtlich älteren gebildeten Akademiker mit Charme, der sie vergötterte. Hannelore brach jeglichen Kontakt zu ihren Geschwistern und der Mutter Edigna ab, weil sie ihr sowie den Brüdern nicht verzeihen konnte den Mord an ihrem Lieblingsbruder Willibald gedeckt zu haben. Zeit ihres Lebens ängstigte sie sich vor der Rache des cholerischen Teufels in Menschengestalt, diesem unberechenbaren Subjekt Adi. Und tatsächlich, eines Tages, als niemand mehr damit gerechnet hatte, schlug er zu.

Was bei Adi Wolf in seiner frühesten Kindheit, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, schiefgelaufen und er als Fiesling aus einer in Kriegswirren aufgewachsenen Kinderschar hervorstach, konnte im Nachhinein niemand mehr rekonstruieren. Jedenfalls wurde er aus gutem Grund als der missratene, auf die schiefe Bahn gekommene Sohn und Bruder, das schwarze Schaf der Familie Wolf wahrgenommen. Wenn die Psychologie davon ausgeht, dass kein Kind von Natur aus böse ist, sondern zum Produkt seines Umfeldes wird, schien Adi Wolf die berühmte Ausnahme von der Regel zu sein.

Bereits als Junge, in der Pubertät bis ins Erwachsenenalter haben sich Psychologen an ihm abgearbeitet und die Zähne ausgebissen, ohne Erfolg. Er erwies sich als therapieresistent. Aus seinen Behandlungen seit frühester Jugend und der einschlägigen Literatur wusste er überdies, wie man Menschen manipuliert und seine Eigentümlichkeiten in der Denk- und Gefühlswelt kaschiert. Die bei Adi vorliegende geistige Abnormität muss für sein näheres Umfeld erschreckend und gleichzeitig unvorstellbar gewesen sein.

Die psychisch bizarre Anomalie und die emotionale Instabilität der Gefühle, Gedanken und Stimmungen waren für seine Familie nur schwer erträglich. Er war schnell aufbrausend im kausalen Zusammenhang mit unangemessen heftigen Wutausbrüchen. Bei veränderter gestörter Selbstwahrnehmung und rasch fortschreitendem Realitätsverlust, schien er unfähig gefühlsmäßige Ereignisse und Zustände zu verarbeiten.

Am ehesten konnte seine emotional instabile Persönlichkeitsstörung dem Typ Borderline zugeordnet werden. Die Bezeichnung Borderline entstand durch die Annahme, dass sich die Störung im Grenzbereich (borderline) zwischen Neurose und Psychose bewegt, nennen wir es pseudowissenschaftlich zwischen den Welten.

Welche Ursachen Borderline zu Grunde liegen ist bis heute nicht abschließend geklärt. Allerdings deuten hirnorganische Veränderungen darauf hin, dass diese die Persönlichkeitsstörung fördern können.

Die Hintergründe seiner geistigen Verirrungen blieben bis zum bitteren Ende im Dunkeln. Die Frage ob zuerst das Ei oder die Henne gewesen ist, war nicht Gegenstand irgendwelcher Überlegungen von Edigna Wolf und zu philosophischen Betrachtungen zum Thema, das Prinzip von Ursache und Wirkung betreffend, fühlte sich die ausgedünnte Familie nicht berufen.

Nach den schmerzhaften Erziehungsversuchen von Rechtsanwalt Conte glaubte dieser subjektiv zarte charakterliche Lichtblicke im positiven Sinne bei Adi Wolf zu bemerken. Deshalb überredete er einen Mandanten, Edignas Sohn in ein Lehrverhältnis bei sich zu übernehmen. Für sein Entgegenkommen würde Conte ihm monatlich einen Zuschuss von 300 Mark cash auf die Hand bis zum Erlangen des Gesellenbriefes von Adi zukommen lassen.

»Ihre Frau muss ja von dem kleinen Zubrot und unserem Arrangement nichts erfahren«, lockte er ihn.

Das überzeugte den noch zögernden Kfz-Meister Baumgartner vollends, der in späteren Jahren ein riesengroßes Autohaus mit Reparaturwerkstatt auf einem freien Teil seines Grundstückes in die Höhe zog.

Adi kam fürs erste in einem nahegelegenen Lehrlings-Wohnheim unter, was Rechtsanwalt Conte einfädelte. Edigna unterstützte ihren Sohn Adi soweit es ihr möglich war finanziell und erlaubte ihm vom Frühjahr bis in den Herbst hinein auf dem Campingplatz in Thalkirchen sein Einmannzelt aufzustellen um ihn an der langen Leine laufen zu lassen.

Carlo Conte hatte nicht nur uneigennützige Gründe Adi Wolf unter die Arme zu greifen, er wollte ihn aus nicht ganz so selbstlosen Absichten schlicht und einfach aus dem Weg haben.

Adi war in jeder freien Minute an der Isar, in unmittelbarer Nachbarschaft der Floßlände, deren Walze sich für Surfer nicht ganz so spektakulär wie die am Eisbach präsentierte. Die Welle war dafür seit einem halben Jahrhundert gute Tradition, die es hochzuhalten galt. Oder er war im Naturbad Maria Einsiedel anzutreffen, in dem der Isarkanal mitten durch das Bad rauscht. In der grünen Lunge der Stadt, in den weitläufigen Parks und Auen entlang des Wildflusses hatte er seinen Freizeitspaß. Am meisten faszinierten ihn die Kanuten, die zu seinem erklärten Sehnsuchtsziel wurden.

Eines Tages traf er am Eisbach Regine und knüpfte zarte Bande obwohl sich sein Image als Rabauke mit Hauruck-Mentalität unter ihren Freunden, Mitgliedern der besseren Gesellschaft, langfristig nicht verbessern konnte. Der Clan, mit dem sie sich umgab, bestand aus Töchtern und Söhnen reicher Eltern, die als Assistenzärzte in der gleichen Klinik, wie Regine ihre Schwesternausbildung, zu respektablen Ärzten absolvierten. Im Grunde war Adi für sie ein Außenseiter aus dem Arbeitermilieu, den sie verachteten und das ließen sie ihn deutlich spüren.

Regine war mit dem außergewöhnlichen Talent der Feinfühligkeit, einem glücklichen Händchen schwierigen Charakteren gegenüber und dem nötigen langen Atem gesegnet und stieg, weil sie über alle Maßen patent und karitativ angehaucht war, zu seiner persönlichen Florence Nightingale auf, wie er sie dann und wann neckend nannte.

Als lebensfroher Mensch stärkte sie nicht nur sein angeknackstes Selbstbewusstsein sondern munterte ihn auf Fortbildungsmaßnahmen ins Auge zu fassen. Es gelang ihr sogar ihn im Laufe der Zeit für die Meisterprüfung im Kfz-Handwerk zu begeistern und beschwor ihn, etwas aus seinen speziellen Talenten zu machen. Sie war der einzige Mensch in seinem Leben dem er blind vertraute, sie war der Fels in der Brandung.

Und doch nahm das Unglück seinen Lauf. Was so vielversprechend begann endete abrupt.

Regine war in einer stadtbekannten chirurgischen Klinik in Thalkirchen, einen Steinwurf vom Zoo entfernt, nach dem mit Bravour bestandenen Abitur im ersten Jahr ihrer Ausbildung zur Krankenschwester.

Einige arrivierte Weißkittel der schneidenden Zunft der Privatklinik waren gleichermaßen berühmt wie berüchtigt und sind bis heute unvergessene Exemplare derber blutrünstiger Skalpellakrobaten. Die scheinbaren Heldentaten der dort in Aktion getretenen Wundärzte sind noch immer, Jahrzehnte später, an den Stammtischen der alten Thalkirchner präsent, unvergessen, in der Erinnerung maßlos übertrieben, insbesondere nach dem richtigen Quantum Gerstensaft.

Die Majorswitwe Amalie, im dritten Grad Erbtante von Seiten Regines Vater, bot sich an, die Schwesternschülerin während ihrer Ausbildung in ihren Haushalt aufzunehmen. Als alleinstehende alte Dame fühlte sie sich in der geräumigen Etagenwohnung sehr verloren und einsam. In ihrem Testament hatte sie bereits verfügt, dass Regine den Häuserkomplex, welcher in greifbarer Nähe der Klinik lag, nach ihrem Tod erbte. Was lag näher als sie nun aufzunehmen und ihr etwas unter die Arme zu greifen.

Außer Tante Amalie wusste niemand, dass die bereits volljährige Regine, sich in den Grünschnabel Adi, verguckt hatte und das sollte auch so bleiben. Ihr Liebesverhältnis war wegen des jungen Alters von Adi eine heiße Kiste. Die Devise von Seiten der verschworenen Damen war Geheimhaltung, äußerstenfalls bis zur Verleugnung.

Als Berufsoptimisten verhüteten die Verliebten nicht, sie verkehrten ohne jede Vorsichtsmaßnahme. Die Quittung für ihre Sorglosigkeit und das fahrlässige Desinteresse der Realität gegenüber ließ nicht lange auf sich warten. Regine wurde schwanger und das junge Paar saß nun gehörig in der Patsche und auf dem Scherbenhaufen ihres kurzen Glücks.

Regine stammte aus einer kleinen Universitätsstadt im süddeutschen Raum, aus einem bigotten Elternhaus. Der Vater war Pedell und für die Ordnung und Einhaltung der Universitätsgesetze zuständig. Die Mutter fand ihren Platz in der von damals noch von Männern dominierten Gesellschaft. Traditionell war sie für die drei K – Kirche, Küche, Kinder, zuständig. Regine konnte sich ausrechnen, dass sie von Seiten ihrer Eltern als ledige Mutter weder Verständnis noch Hilfe zu erwarten hatte. Abgesehen von dem Gerede der Leute und wegen der Schande eines ledigen Kindes, einem Bankert, wären die Heiratschancen ihrer beiden jüngeren Schwestern auf null gesunken. Die gesamte Familie würde gesellschaftlich geächtet werden und die Leute hätten mit Fingern auf sie gezeigt. Keinesfalls konnte Regine dies den Eltern, Schwestern und der gesamten Verwandtschaft antun.

Notabene war Adi, der minderjährige Schnösel, der selbst noch nicht erwachsen war, nicht gerade der Traum von einem Kindsvater oder potenziellen Schwiegersohn.

Ein Schwangerschaftsabbruch kam für sie nicht in Frage und es entbehrte wohl jeder Realität das zu erwartende Baby einer mildtätigen Organisation als Findelkind unterzuschieben. Bei reiflicher Überlegung schien der einfachste Weg, der allen Seiten gerecht wurde, eine heimliche Geburt und Schweigen ihrer Familie gegenüber.

Adi dachte keinen Augenblick daran seine Mutter Edigna in die selbstverschuldete Misere einzuweihen, er fürchtete seine hart erkämpfte Besserstellung einzubüßen. So schwieg er eisern.

Die einzige, die guter Dinge war, schien Tante Amalie zu sein, welche die werdende Mutter bedingungslos unterstützte. Als Klein Schorschi endlich auf der Welt war, hatten alle einen Narren an dem blonden Wonneproppen gefressen und so war er auf dem besten Weg zu einem verwöhnten Bengel.

An seinem dritten Geburtstag wurde Schorschi als Bayer verkleidet und in Sepplhosen, ein rot-weiß-kariertes Hemd, eine graue Trachtenjoppe nach klassischem Strickmuster mit auffallenden Hirschhornknöpfen, gesteckt. Der rustikale hellgraue Wollfilzhut mit grüner Kordel machte auf seinem Kinderkopf mächtig was her. Seine blonden Locken lugten kess unter der Kopfbedeckung hervor.

Da Regine für die Nachmittagsschicht auf dem Dienstplan der Notaufnahme eingetragen war, zogen die beiden Männer alleine los. An diesem Wochenende stand das touristische Großereignis in der Weltstadt mit Herz auf dem Plan, die Eröffnung des Münchner Oktoberfestes, das sinnigerweise bereits Mitte September beginnt.

Alles was Beine hatte war unterwegs. Ein Großaufgebot von Menschen beim festlichen Einzug der Wiesnwirte und Brauereien, gefolgt von Kutschen und Festwagen, vorneweg das Münchner Kindl hoch zu Ross, legte den Verkehr in der bayrischen Hauptstadt so gut wie lahm.

Neben den chaotischen Zuständen herrschte Kaiserwetter und die aktuelle Föhnlage rückte die Alpen ein Stück näher an München heran, das spasshaft damals bereits die nördlichste Stadt Italiens genannt wurde.

»Kaum ein Wetterphänomen beeinflusst das Wohlbefinden der Menschen so stark wie dieses seltsame Lüfterl, das den einen Migräne und Nervosität beschert, andere aber wie beschwipst agieren lässt«, wird von Berufenen, über die alles entschuldigende Ausnahmeerscheinung Föhn, behauptet.

Und der Münchner Philosoph Karl Valentin brachte es auf den Punkt:

»Wer beim Föhn net krank ist, der ist überhaupt net gsund.«

Ausnahmslos die Bonzen, die Gespickten, Möchtegern-Promis und Mitglieder der Schickimicki-Gesellschaft mit entsprechender Neigung zur Beschaffungskriminalität erschlichen sich Plätze zur Eröffnung des größten Bierfestes der Welt. Die politischen Kreise lebten in Bayern von jeher mit und durch Vitamin B, der ausufernden Vorteilsnahme persönlicher Beziehungen und Bekanntschaften.

Die Normalos zogen mit der Familie in den Englischen Garten, die Isarauen oder machten sich überfallartig über die Tiere im Landschaftsschutzgebiet im Zoo von Hellabrunn her, sozusagen ein komprimierter Pulk von Menschen jeden Alters und Tieren jeder Spezies, mit der einmaligen Gelegenheit, sich gegenseitig wie Außerirdische zu begaffen.

Auf dem Campingplatz und der Zentrallände am Ende des Floßkanals herrschte Jahrmarktstimmung, das Bad Maria Einsiedel war proppenvoll. Fahrräder, Mopeds und Roller versperrten alle Zugangswege, ein Lotto-Sechser war realistischer als ein Abstellplatz fürs Auto.

Der Höhepunkt und die Riesengaudi der schippernden Flöße, das absolute Highlight der Tour, ist das Hinuntersausen über die großen Floßrutschen, wo alle Fahrgäste durcheinandergewirbelt werden. Die einen finden es lustig, die anderen machen lediglich gute Miene zum bösen Spiel. Spätestens bei der Ankunft in der Zentrallände in Thalkirchen sind die meisten Passagiere nass, sturzbetrunken, möglich beides.

Ab dem 13. Jahrhundert diente die Flößerei dem Warentransport, dem Personenverkehr und der Holztrift. Die Passagierfloßfahrt heute ist ebenso wie das Oktoberfest zum Saufgelage degradiert und stellt das typische degenerierte bayerische Kulturerbe dar.

In der Zentrallände werden die Flöße bei der Ankunft bereits sehnsüchtig erwartet. Alle Bierdümpfel der näheren Umgebung vereinigen sich in einer sonst unüblichen Allianz um sich auf die Noagerl, wie das Restbier genannt wird, zu stürzen, das im Maßkrug, der Flasche oder wie hier im Bierfass verbleibt.

Dann beginnt der obligate Tanz um den Banzen der unter den Isarbrücken lebenden Gammler. Fässer werden hin- und hergeschutzt bis das abgestandene Bier aus dem Spundloch mit Bedacht direkt in der Kehle, respektive im gierig aufgerissenen Schlund der einzelnen Schluckspechte verschwindet.

Für Außenstehende der unappetitliche Abschluss einer Tagesexkursion. Das Bier, eine wahrhaft göttliche Medizin wie bereits vor 500 Jahren Paracelsus, der Arzt, Alchimist und Philosoph feststellte. Der wahre eingeborene Münchner nennt dies Lebensgefühl.

Es kann nur spekuliert werden, dass die Brunftschreie der Trunkelbolde die nach dem benebelnden Nass gieren, den Dreijährigen dermaßen erschreckt haben könnten, dass er unbemerkt Reißaus genommen, in der unübersichtlichen Menschenmenge untergetaucht ist und sich verlaufen hat.

Nachdem Adi bewusst wurde und er zu dem Schluss kam, dass der Kleine verschwunden ist, hat er da sich bereits vor Ort befindliche zahlreiche Sanitätspersonal zur Mithilfe bei der Suche nach Schorschi gebeten. So konnte nach einer Megaphondurchsage der leblose Körper des männlichen Kindes an einem Rechen unter der Brücke, die über den Eisbach auf das Gelände des Bades Maria Einsiedel führt, gefunden werden. Der kleine Körper trieb auf dem Rücken im Wasser. Sofort eingeleitete Reanimationsmaßnahmen und die Einweisung in die nahegelegene Klinik, führten nicht zum gewünschten Erfolg. Die Rettungsmannschaft konnte nichts mehr für das Kind tun, es war zweifellos ertrunken.

Als die in der Notaufnahme diensttuende Regine sah, dass der eben eingelieferte tote Kleine ihr Sohn war, erlitt sie zunächst einen Schreikrampf, anschließend einen Nervenzusammenbruch, musste medikamentös mit Spritzen ruhiggestellt und in stationäre Obhut aufgenommen werden.

Wie es zu dem Unglück kam, konnte nie geklärt werden. Der Tod war wie ein Dieb heimlich still und leise gekommen.

Der nasse, verschmutzte und verbeulte Filzhut des Kindes wurde später von Straßenkehrern am Ufer der Floßlände liegend gefunden.

Adi saß die ganze Nacht auf der Steintreppe vor dem Wohnblock von Tante Amalie und weinte hemmungslos. Er wagte nicht zu klingeln. Unverrichteter Dinge marschierte er am frühen Sonntagmorgen auf den Campingplatz und verkroch sich in seinem Zelt. Von dort aus startete er am Wochenbeginn mit dem Fahrrad zu seiner Arbeitsstelle und versuchte so zu tun als ob nichts geschehen wäre.

Als Regine aus der stationären Behandlung entlassen wurde packte sie als erstes die Habseligkeiten von Adi in eine Schachtel, begab sich in die Kanzlei Conte und verlangte Edigna Wolf zu sprechen, die nach einer Weile erschien und mit hochgezogenen Augenbrauen etwas pikiert Irritation signalisierte.

»Sie wünschen?«

Unverblümt eröffnete die junge Frauensperson ohne irgendwelche Höflichkeitsfloskeln Edigna Wolf:

»Ich bin Regine, die Freundin Ihres Sohnes Adi und zugleich Mutter eines gemeinsamen Kindes. Genaugenommen ist unser dreijähriger Sonnenschein Schorschi nun bedauerlicherweise tot.

Ohne Luft zu holen, begleitet von eindrucksvollen Gesten, fuhr sie fort:

»Zu verantworten hat diesen Umstand Adi, Adi Wolf, Ihr Sohn. Hiervon wollte ich Sie als Großmutter in Kenntnis setzen. Ich habe entschieden, dass Sie nun das Recht haben, dies zu erfahren.«