Skurka Stormbrygger - Nicola Hölderle - E-Book

Skurka Stormbrygger E-Book

Nicola Hölderle

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Beschreibung

Rasmus will eigentlich nur in Ruhe seinen Fantasyroman lesen und Pasta essen, da flattert Skurka in sein Leben. Flugs ergaunert sich die vermeintliche Dämonin seine menschliche Gestalt und schickt ihn in ihre fantastische Welt, wo er den Krieger in sich entdecken soll. Während er sich dort mit liebestollen Dryaden, wilden Borstenkriegern und gefährlichen Vingskrijken herumplagen muss, sucht Skurka im Hier und Jetzt nach magischer Unterstützung. Aber kann man einfach so die Körper tauschen und trotzdem einen blutrünstigen General und eine rachsüchtige Hagazussa aufhalten?

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Seitenzahl: 264

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Buchbeschreibung:

Rasmus staunt nicht schlecht, als eine sprechende Krähe in seinem Wohnzimmer landet und sich frech an seiner Pasta bedient. Skurka ist zwar ein altnordischer Schutzgeist, nimmt es aber mit ihrem Job nicht allzu genau. Deshalb muss Rasmus schon bald den Krieger in sich entdecken, während Skurka nach fachkundiger, magischer Unterstützung sucht. Ein boshafter Fylgjur und ein netter Nerd - kann dieses Gespann die Welt retten?

Über die Autorin:

Nicola Hölderle, geboren 1969, war nach ihrem Jura-Studium als Journalistin für Zeitschriften und als Freie Autorin tätig. 2013 erschien ihr erstes, autobiografisches Buch über die besten Sprüche ihres westfälischen Oppas. Es folgten mehrere Veröffentlichungen von Fantasy- und Horror-Kurzgeschichten in Anthologien sowie eine Kurzgeschichtensammlung. "Skurka Stormbrygger" ist ihr erster Roman.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Epilog

Prolog

Es wird wieder Zeit für mich - Zeit, mir einen neuen Körper zu suchen, denn, seien wir ehrlich, dieser hier hat die besten Tage fast hinter sich.

Eigentlich kann ich nicht meckern. Ihr Menschen besteht ja im Wesentlichen aus ein bisschen Mus auf Knochen, angesichts dessen hat mir dieses Exemplar für viele Jahre gute Dienste geleistet.

Leider ist das mit der Körpersuche so eine Sache.

Ihr seid doch recht widerborstig, wenn man euch eure Körper abschwatzen will. Redet von freiem Willen, Selbstbestimmung und anderem Firlefanz, und das, obwohl ihr euren Trieben ständig hilflos ausgeliefert seid. Man muss sich die tollsten Geschichten ausdenken, um euch zu überreden. Zumindest, wenn ihr von der klügeren Sorte seid. Einer der Gründe, warum ich die schlichten Gemüter unter euch bevorzuge. Zeig’ ihnen etwas, das sie unbedingt wollen – Macht, Fleisch, ewige Schönheit – und schon bist du im Geschäft. Aber genug geplaudert. Ich muss los, mein nächstes Opfer wartet. Es ahnt nicht, was ihm blüht, aber ich werde ohne Zweifel eine Menge Spaß mit ihm haben. Ob ich kein schlechtes Gewissen habe, fragt ihr? Mein Name ist Skurka Stormbrygger1, und der ist Programm.

1 Übersetzt etwa »Die schurkische Sturmbrauerin«

Kapitel 1

Wenn die Leute einen Namen hörten wie Rasmus de Rød, erwarteten sie meist einen Hünen mit frechem Grinsen, der in seiner Freizeit mit bloßen Händen Baumstämme spaltete. Einen, der den Met wie Wasser in sich hineinschüttete, reihenweise Frauenherzen brach und seinen Feinden ins Gesicht lachte. Dann begegneten sie Rasmus und stellten fest, dass er zwar fuchsrotes Haar hatte, aber alles andere war als ein wilder Wikinger.

Bei Baumfällarbeiten in seiner Straße hatte er einmal als kleiner Junge dem Mann mit der Kettensäge erklärt, dass der botanische Name des Baumes »Betula Pendula« lautete und dass die Kelten geglaubt hatten, diese Baumart sei der Göttin Brighid geweiht. Daraufhin hatte der Mitarbeiter der Stadtgärtnerei ihn nur verständnislos angestarrt.

Rasmus war ein Büchernarr und Serienfan und nur im Notfall ein Mann der Tat. Sein Freundeskreis war ziemlich überschaubar, ebenso die Anzahl seiner Liebschaften. In seinem bisherigen Leben hatte er sich mehr als einmal sagen lassen müssen, er solle »doch mal aus sich herausgehen«, »nicht immer so schüchtern sein« oder »endlich seine Eier finden«. Letztere Bemerkung hatte er mit einem für ihn unüblich schlagfertigen »Die sind genau da, wo sie hingehören. Aber was ist mit deinen?« gekontert, woraufhin er ein Veilchen kassierte. Dabei lernte er Folgendes: dass Männer, die deutlich größer sind als man selbst, meist passende Fäuste haben; und dass Leute, die im Laufe einer Auseinandersetzung Testikel ins Gespräch bringen, selten Spaß verstehen. So entschloss er sich, Streit dieser Art in Zukunft aus dem Weg zu gehen und sich schlagfertige Antworten aufzusparen für Menschen, die sie zu schätzen wussten.

An einem Septembernachmittag saß Rasmus im Bus auf dem Weg nach Hause und las zum gefühlt 400. Mal seinen Lieblingsfantasyroman, als sich eine beleibte Frau auf den Sitz neben ihn plumpsen ließ. »Mach’ Platz, Kleiner«, schnarrte sie und wuchtete sich die volle Einkaufstasche auf den Schoß. Die herausquellenden, streng riechenden Lauchstangen berührten Rasmus‘ Jacke. »Um noch mehr Platz zu machen, müsste ich in die Fensterscheibe diffundieren, gnädige Frau«, bemerkte er.

»Was bis’ du denn für’n Klugscheißer!«, giftete sie ihn an. »Ich brauch’ Platz zum Atmen, verdorri!«

»Da sind wir schon zwei«, murmelte Rasmus sich in den kaum vorhandenen Bart, dann schlängelte er sich hoch und sagte: »Ich muss an der nächsten Haltestelle aussteigen.« Jetzt grinste die Frau. »Tja, Kleiner, da haste Pech. Ich fahr’ eine weiter.« Sie machte keine Anstalten aufzustehen. Rasmus überlegte, dann griff er sich flugs eine Lauchstange aus ihrer Einkaufstasche und sagte: »Wollen wir fechten?« Kurze Zeit später hielt der Bus, und Rasmus durfte aussteigen, das Gezeter der Frau noch im Ohr. Er schnupperte an seiner Jacke, dann seufzte er und ging seiner Wege. Die Krähe mit den weißen Brustfedern, die ihm von Baum zu Baum und von Straßenlaterne zu Straßenlaterne bis in sein Wohnviertel folgte, bemerkte er nicht.

In seinem Zweizimmerappartement angekommen, zog Rasmus die Jacke aus, hängte sie auf einen Kleiderbügel und diesen an das geöffnete Dachfenster seines winzigen Bades. Er sah nicht aus dem Fenster auf die altersschwache Buche vor dem Haus, auf der sich die Krähe niedergelassen hatte. Deshalb bekam er nicht mit, wie der Rotmilan, der öfters über dem Stadtviertel kreiste, den Fehler seines Lebens machte, als er versuchte, sein Jagdrevier zu verteidigen. Weder bemerkte Rasmus die kleine Explosion aus Raubvogelfedern, noch hörte er die Krähe kurz darauf rülpsen. Stattdessen machte er es sich mit den Pastaresten vom Vortag und dem Buch auf seiner durchgelegenen Couch gemütlich. Gerade fragte er sich, ob es schwierig sein würde, Elbisch zu lernen, als es an die Scheibe seines zweiten Dachfensters klopfte. Rasmus runzelte die Stirn. Hatte sich das Wetter in den vergangenen zehn Minuten so verschlechtert, dass es hagelte? Er hob den Blick zum Fenster, aber da war nur der zartblaue, leicht bewölkte Septemberhimmel zu sehen. Es klopfte erneut. Er zuckte die Schultern und versenkte sich wieder in die Geschichte. Das Klopfen erklang zum dritten Mal, jetzt schon deutlich energischer, untermalt von einem leisen Schaben. Rasmus legte das Buch neben sich, stellte den Teller auf den Fußboden und spähte aus dem Fenster. Draußen auf den Dachziegeln balancierte eine Krähe mit weißen Brustfedern. Sie klopfte mit dem Schnabel an die Scheibe, dann schien sie ihm ein Auge zuzukneifen. Rasmus starrte den Vogel einige Sekunden lang an, bevor er vorsichtig das Fenster öffnete. Die Krähe legte den Kopf schief und sagte mit dunkler Stimme: »Na endlich. Mir fällt bald der Schnabel ab. Darf ich hereinkommen? Mein Name ist Skurka. Skurka Stormbrygger.«

Rasmus widerstand dem plötzlichen Drang, sich ebenfalls artig mit »Rasmus de Rød, sehr erfreut« vorzustellen und knallte stattdessen das Fenster zu. Seine Gedanken fingen an, sich zu überschlagen. War er unterzuckert? Hatte er zu häufig Fantasy gelesen? Er atmete tief durch und stellte sich der letzten Vermutung: War er dabei überzuschnappen? Hatte es Verwandte gegeben, die behauptet hatten, mit Tieren sprechen zu können?

Nun erklang die Stimme der Krähe durch das offenstehende Badezimmerfenster: »Rasmus ...«, raunte sie mit einem Unterton, den man nur als lockend bezeichnen konnte. »Rasmus ... möchtest du mich nicht hereinbitten?«

Der junge Mann war zwar kein Vampirfan, aber er hatte genug solides Horrorfilmhalbwissen, um davon überzeugt zu sein, dass die Krähe die sprichwörtliche Schwelle nur überschreiten durfte, wenn er sie hereinbat. Er hatte sicher nicht vor, das zu tun. Woher kannte das aufdringliche Tier überhaupt seinen Namen? Er ging ins Bad und postierte sich vor dem Fenster. »Verschwinde!«, sagte er mit mehr Durchsetzungskraft in der Stimme, als er empfand. »Ich habe dich nicht eingeladen!« Die Krähe legte den Kopf schief und sagte: »Weißt du, mein Bester, das ist mir ehrlich gesagt egal.« Dann zwängte sie sich unter dem Fensterrahmen hindurch, flatterte in sein Wohnzimmer und setzte sich dort auf die Armlehne des Sofas.

Rasmus erstarrte. Leicht angeekelt sah er seiner ungebetenen Besucherin dabei zu, wie sie sich frech an seiner Pasta bediente. Ein Tropfen Tomatensauce fiel auf ihre Brustfedern und blieb dort hängen. »Für meinen Geschmack ein bisschen heftig gesalzen, aber ich will nicht meckern«, sagte sie. »Du ahnst ja gar nicht, wie viele Kalorien ich täglich in mich hineinstopfen muss, um nicht vom Fleisch zu fallen.« Sie flatterte zu dem Wasserglas, das Rasmus immer auf dem kleinen Tisch neben seiner Couch stehen hatte, und trank.

»Super«, murmelte er. »Ich höre Stimmen und habe Ungeziefer in meiner Wohnung.« Die Krähe durchbohrte ihn mit einem Blick aus tiefschwarzen Augen.

»Du solltest ein bisschen auf deine Sprache achten, Mensch«, sagte sie. »In diesem Raum halten sich zurzeit zwei Lebensformen auf – eine, die überwiegend aus Wasser, Bakterien und schlappen Muskeln besteht und eine, der man schon vor knapp dreitausend Jahren gehuldigt hat, um sie sich gewogen zu machen.« Sie hüpfte auf ihn zu. Rasmus wich zurück.

»Aber du bist eine Krähe?!?«, wagte er einzuwenden. Daraufhin ließ das Tier sein Gefieder fallen, seine Gestalt wandelte sich und wurde überwiegend menschlich. »Nicht ganz«, widersprach sie und lächelte ein äußerst beunruhigendes Lächeln. »Ich bin eine altnordische Dämonin, Mensch, und du tätest gut daran, mich nicht sauer zu machen.« Rasmus ließ seine Blicke über ihre nackten Füße schweifen, die offenbar ein paar zusätzliche, scharfkrallige Zehen hatten, das dunkelgraue Gewand, das einen hoch aufgeschossenen, dürren Leib verbarg, bis hinauf zu Skurkas Gesicht. Ihre Augen hatten die Farbe eines vom Sturm gepeitschten Meeres, ein gräuliches Grün, und sie musterten ihn amüsiert, wie es schien. Langes, dunkelblondes Haar umwogte ihr Gesicht, so, als stünde sie in einer Brise. Ihre schmale, leicht schiefe Nase war kaum merklich gekräuselt, so dass es ihm vorkam, als röche sie etwas Zweifelhaftes. Alles in allem steckte noch immer einiges von einem Raubvogel in ihrem Erscheinungsbild, aber Rasmus entschied, dass es für den Moment vernünftiger war, nicht darauf hinzuweisen.

Vor allem angesichts der beunruhigend scharfen und spitzen Zähne, die sie erneut zeigte.

»Ich würde ja schrecklich gerne noch mit dir plaudern, aber ich brauche dringend bald einen neuen Körper«, sagte sie. »Dieser hier ist mir zwar lieb und teuer, nur fängt er langsam an, aus dem Leim zu gehen, wenn du weißt, was ich meine.«

Sie hob einen Arm, ließ den Ärmel ihres Gewandes zur Schulter hinabrutschen und winkte, was ihren schlaffen Trizeps zum Wackeln brachte. »Winkefleisch«, erläuterte sie. »So kann ich nicht arbeiten.« Rasmus hob die Brauen, dann griff er sich an den Kopf und rieb sich die Stirn. Er war noch immer nicht sicher, was genau seine Wahnvorstellungen ausgelöst haben könnte, und tröstete sich kurz mit dem Gedanken, er sei eingeschlafen und träume alles nur. Skurka trat einen Schritt vor und schnippte mit den Fingern vor seinen Augen. »Erde an Rasmus! Hallo!« Sie pikte ihn mit einem ihrer langen, dünnen Zeigefinger in den Bauch. »Du kippst mir jetzt aber nicht aus den Socken, ja, mein Bester?«, fragte sie. »Ich sagte gerade, ich brauche zeitnah einen neuen Körper. Wie wäre es mit deinem?« Ihr Lächeln wurde eindeutig raubtierhaft. Rasmus riss sich aus seiner Erstarrung und wollte flüchten, stolperte aber über die Ecke seines Sofas und plumpste geradewegs darauf. Skurka beugte sich zu ihm hinab und raunte in sein Ohr: »Tut gar nicht weh, versprochen.« Dann schwanden ihm doch die Sinne. Als Rasmus erwachte, brummte ihm ein bisschen der Schädel. Er drehte sich so ruckartig auf dem Sofa um, dass er herunterfiel. Wo war die Dämonin?!?

Seine Blicke huschten durch den kleinen Raum, aber niemand war zu sehen. Er rappelte sich hoch, rieb sich kurz die schmerzenden Schläfen und spähte dann vorsichtig ins Bad. Dort erwartete ihn lediglich die leere Duschkabine. Wenn sich die Dämonin nicht im Klo versteckte, war sie verschwunden. Rasmus ließ laut die Luft ausströmen, die er angehalten hatte. Offenbar alles doch nur ein Traum, was für eine Erleichterung! Dann sah er in den Spiegel über dem Waschbecken. »Oh, Kacke«, sagte er zu dem, was er da sah.

Kapitel 2

»Kuckuck!«, begrüßte ihn Skurka. »Schön, dich wiederzusehen, Mensch. Gar nicht schlecht, dein Körper. Bisschen wenig Muskelmasse, aber ansonsten gut in Schuss!« Rasmus klopfte an den Spiegel und machte eine Handgeste. Skurka zog eine Augenbraue hoch. »Was soll das denn bitte bedeuten, Mensch?«, fragte sie. Rasmus beugte sich zum Glas hin. »Das ist das Zeichen gegen den Bösen Blick«, sagte er.

»Ist es nicht.«

»Ist es doch!«

»Ist es nicht.«

»Doch! Das habe ich in dem Buch Internationale Körpersprache von Prof. Dr. Haglhuber gelesen«, erklärte er.

»Kenne ich nicht. Ist der so eine Art weiser Mann, oder was ihr Menschen dafür haltet?«, fragte Skurka. Rasmus nickte. Sie senkte die Lider. »Einer Dämonin die Hörnerhand zu zeigen, ist der falsche Weg, sie loszuwerden«, ergänzte sie.

»Welches wäre denn die richtige Geste?«, versuchte es Rasmus, aber Skurka lachte nur. Ein tiefes, raues, räudig klingendes Lachen war das. Keines von der Sorte, wie man es gerne hörte. Die Dämonin trat näher an den Spiegel und sagte: »Aber, aber, wir haben uns gerade erst bekannt gemacht, und schon willst du mich wieder loswerden?« Sie schnalzte mit der Zunge. »Man könnte glatt den Eindruck bekommen, du magst mich nicht. Sei froh, dass ich nicht empfindlich bin«, ergänzte sie. Rasmus wurde etwas blasser als gewöhnlich unter all seinen Sommersprossen.

»Und was hast du jetzt mit mir vor?«, fragte er und schluckte trocken. Skurka strich sich das Haar aus der Stirn und lächelte. »Du und ich, Rasmus, wir werden ab heute eine Menge Spaß zusammen haben. Ich werde dir zeigen, wie aufregend ein menschliches Leben sein kann, und du ...? Du hilfst mir dabei, deine Gattung vor dem Untergang zu bewahren.«

»Meine Gattung?«, fragte Rasmus. »Wen meinst du denn damit? Menschen? Säugetiere? Intelligente Lebensformen?« Skurkas Augen veränderten die Farbe und begannen, in einem tiefen, dunklen Rotton zu leuchten. »Intelligente Lebensformen!«, schnaubte sie. »Von wegen!« Rasmus kratzte sich am Kinn, wo spärlich das rötliche Haar spross.

»Du bist hier, um die ganze Menschheit vor dem Untergang zu bewahren, und ich bin der Beste, den du als Heilsbringer finden konntest?« Die Haare der Dämonin begannen, sich wie aufgeregte Schlangen zu bewegen.

»Deine Vorfahren haben mir schon gedient, als die Welt noch jung war, du kleiner Klugscheißer«, zischte sie. »Sie wussten, wer am Ende der Nahrungskette steht!«

»Was bist du dann genau? So eine Art Öko-Dämon? Eine Umweltaktivistin aus der Zwischenwelt? Die ganz, ganz alte Schwester von Greta Thunberg?«, fragte Rasmus. Mittlerweile fand er es schon fast normal, mit seinem außerweltlichen Spiegelbild zu diskutieren. Es beunruhigte ihn nur etwas, dass dieses immer weniger wie ein Mensch aussah. Unter dem langen, grauen Gewand schienen sich Dinge zu bewegen, und er spürte einen zunehmenden Druck in den Schläfen. Skurka drohte ihm mit einem Finger.

»Mach’ mich bloß nicht wütend, Mensch«, sagte sie. »Glaub’ mir, du ziehst den Kürzeren!« Rasmus runzelte die Stirn. »Inwiefern?«, fragte er. Plötzlich holte seine rechte Hand aus und schlug ihm einmal kräftig ins Gesicht. »Aua!« Er sah in den Spiegel. Das boshafte Lächeln war wieder auf Skurkas Zügen erschienen. »So zum Beispiel. Ich kann deinen Körper dazu bringen, alles zu tun, was ich möchte.« In Rasmus’ Kopf jagte ein Gedanke den anderen. »Jederzeit?«, fragte er.

»Jederzeit«, bestätigte Skurka. »Außer, wenn du stirbst. Dann ist der Spaß vorbei.« Rasmus überlegte. »Aber den Körper zu piesacken, den du bewohnst, ist doch eine ziemliche Schnapsidee, findest du nicht?«, fragte er, ehrlich interessiert. »Verletzt du dich damit nicht selbst?« Skurka schüttelte den Kopf.

»Nö«, antwortete sie. »Ich kann zwar deinen Körper steuern, aber die Schmerzen spüre ich nicht. Manchmal etwas unpraktisch, wenn so ein Wirtskörper anfängt, auseinanderzufallen. Ich hatte da mal einen Dänenkrieger besetzt, der an einer Geschwulst am Arsch gestorben ist. Eben schwinge ich noch das Beil, da bricht der alte Furz einfach unter mir zusammen.« Rasmus hob die Brauen. »Krass«, sagte er. »Und wenn ich versuchen würde, dich aus mir hinauszutreiben?« Skurka grinste.

»Vergiss es, das hat bisher niemand geschafft. Ein menschlicher Geist ist dafür nicht stark genug.« Rasmus senkte den Kopf und schloss die Augen. Er atmete ein paar Mal tief ein und aus, ein uns aus, dann stellte er sich vor, er stünde auf einer Brücke über einem gähnenden Abgrund in einer dunklen Höhle, ein scharfes Schwert in der Hand, vor sich die Dämonin. Sie schien in der Luft zu schweben. Er hieb nach ihr, aber sie wich elegant aus und kicherte.

»Schön machst du das, Kleiner«, sagte sie und sah sich um. »Nett, dein innerer Ort der Kraft. Stylish, wie ihr heute sagen würdet. Ein bisschen arg mittalterlich, aber hey, das waren ja auch geile Zeiten damals, was? Laufend Kriege, Hungersnöte, Hexenverbrennungen, die Pest ... Wer würde sich nicht in diese Epoche wünschen?« Rasmus versuchte etwas anderes. Er kniff die Augen fester zusammen und imaginierte eine Armbrust, mit der er auf die Dämonin zielen wollte. Die war plötzlich verschwunden und gab ihm von hinten einen Klaps auf den Hinterkopf. »Pfeile, ja?«, fragte sie. »Was kommt als Nächstes?« Blitzschnell drehte sich Rasmus um und goss Skurka in seiner Fantasie einen Eimer schmutziges, kaltes Wasser ins Gesicht. Insgeheim hatte er gehofft, dass sie sich in ihre Bestandteile auflösen würde, aber das funktionierte wohl nur in Hollywood-Filmen. Stattdessen drehte sie sich einmal um die eigene Achse und ließ das Wasser in einer Dampfwolke davonschweben.

»Hör’ mal, Kleiner, wir können dieses Spiel ewig weiterspielen, aber glaub mir, so leicht wirst du mich nicht los.«, sagte sie. Skurka verschränkte die langen, dürren Arme vor der Brust. »Jetzt lass den Blödsinn und mach deine Augen auf, wir haben jede Menge zu tun.« Rasmus hob die Lider, stieß frustriert die Luft aus, die er unwillkürlich angehalten hatte, und sah Skurka finster an. »Und was ist, wenn ich nicht dämonisch besessen sein möchte?«, fragte er. »Schließlich ist es mein Körper, in dem du dich eingenistet hast wie ein Bakterium.« Skurka zuckte die Schultern. »Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen, Mensch. Aber ich verspreche dir, ich werde deinen Körper pfleglich behandeln.«

»Na, immerhin«, brummte Rasmus. »Übrigens muss ich mal auf die Toilette. Wie genau soll das jetzt ablaufen?«

Skurka sah ihn fragend an. »Du musst wohin?«, fragte sie.

»Auf die Toilette?«, wiederholte Rasmus. »Pinkeln?«, ergänzte er dann. Die Dämonin lachte.

»Ach so, dein Wasser abschlagen. Ich habe schon gesehen, dass ihr drollige weiße Stühlchen habt, auf denen ihr das erledigt. Nur zu, tu dir keinen Zwang an.« Rasmus runzelte die Stirn. »Und du guckst mir dabei zu?«, fragte er. Skurka hob eine Augenbraue. »Ehrlich, Kleiner, da gibt es garantiert nichts zu sehen, was ich nicht schon oft gesehen hätte. Aber ich kann ja die Augen zumachen, wenn es dich beruhigt.« Die Dämonin schloss die Lider, und Rasmus tat automatisch dasselbe. Er räusperte sich. »Ähm, Skurka?«, begann er. »Ja?«

»Mit geschlossenen Augen komme ich nicht unfallfrei ins Bad. Wärst du so nett?«

Seine Lider öffneten sich, schlossen sich aber erst wieder, als er am Waschbecken stand und sich die Hände wusch.

»Ganz toll«, knurrte er zwischen zusammengebissenen Zähnen. Skurka kicherte. »Sag’ mal ... Warum machst du eigentlich deine Hände nass?«, fragte sie dann. »Und was riecht da so lecker nach Heu?« Rasmus hielt sich die Finger vor die Nase und schnupperte. »Meinst du die Seife? Das ist Rosmarin-Lavendel. Gut für sensible Haut.« Skurka machte große Augen. »Du willst, dass deine Hände sich wohlfühlen? Wie wäre es damit, dir ein Schwert zu greifen oder meinetwegen einen Streitkolben wie deine Vorfahren?« Jetzt war es an Rasmus, die Brauen zu heben.

»Skurka, wir leben im 21. Jahrhundert. Kein Mensch schlägt sich heute noch mit Streitkolben«, erklärte er. Die Dämonin zog eine Schnute. »Du lügst«, sagte sie. »Ich habe Leute gesehen, die sich mit allerlei Blech schlugen und sogar Kettenhemden trugen, erst neulich, im Nachbardorf.«

Rasmus überlegte kurz, dann sagte er: »Das war der Mittelaltermarkt in Meersburg, den du gesehen hast. Da tragen die Leute Gewandung wie vor 1000 Jahren und tun so, als wären sie Ritter und Burgfräulein. Und manchmal verkleiden sie sich als Bauern oder Bettler.«

Skurka hob eine Braue. »Und wozu soll das gut sein?«, fragte sie. Rasmus zuckte die Schultern. »Es macht Spaß, für ein paar Stunden jemand anderer zu sein. Das müsstest du doch verstehen können, oder? Außerdem gibt es auf den Mittelaltermärkten immer leckeres Essen. Und hübsche Elfen und Hexen.« Er lächelte versonnen in sich hinein. Skurka betrachtete sein sommersprossiges, junges Gesicht und überlegte. Es gab Hexen, hier in der modernen Welt? Daraus müsste sich doch etwas machen lassen, sinnierte sie. »Dieser Markt, von dem du da sprichst ... Wie lange dauert er?«, fragte sie.

»Das ganze Wochenende«, antwortete Rasmus. »Morgen wollte ich sowieso dorthin, mir einen Thorshammer kaufen. Also ... ein Amulett, nicht den richtigen Hammer, du weißt schon.« Skurka lächelte, und das war ein bisschen so, wie wenn an einem äußerst düsteren, regnerischen Tag die Wolkendecke kurz aufreißt. Und dann ein Blitz daraus hervorschießt. »Na, was für ein glücklicher Zufall. Lass’ uns doch zusammen hingehen«, schlug sie vor. Angesichts der überschaubaren Anzahl derzeitiger Alternativen seufzte Rasmus nur leise.

Kapitel 3

Zu Rasmus’ Erstaunen verbrachte er eine ruhige Nacht. Skurka maulte nur beim Frühstück, Sojamilch sei eine Frechheit und verlangte nach vergorener Rentiermilch. Die hatte er, wer hätte das gedacht, nicht vorrätig. »Saft aus gepressten Bohnen, wer trinkt denn bitte so einen Mist!«, ereiferte sie sich. Rasmus schaltete auf Durchzug und begann, seine Gewandung anzuziehen. Er nestelte die Beinlinge an seine Bruche, da meldete sie sich erneut zu Wort.

»Wenn du das so lassen willst, nur zu, aber dann solltest du möglichst Abstand halten zu den anderen.« Rasmus runzelte die Stirn.

»Was meinst du damit? Ich habe es genauso gemacht, wie es in Gewandung des Mittelalters richtig tragen beschrieben war.« Skurka schnaubte.

»Hör’ mal, Kleiner, natürlich kannst du hier einen dreifachen Palstek dran knoten, aber wenn du dann kacken musst, wird die Hälfte in deiner Bruche landen. Ich sag’s nur.«

»Das ist nicht das erste Mal, dass ich Gewandung trage, weißt du?«, meckerte Rasmus. »Und ich habe mir noch nie in die Bruche gekackt, nur zu deiner Information!« Skurka lachte.

»War mir völlig klar, Kleiner. Was trinkst du denn üblicherweise auf dem Markt, hm? Dieses komische Zeug, das so eklig schmeckt?«, fragte sie und deutete auf den Sojadrink. Rasmus band sich den Ledergürtel um, an dem sein Messer baumelte, und begann, sich die wendegenähten Lederschuhe anzuziehen. »Meistens hole ich mir einen arabischen Minztee, wenn du es genau wissen willst«, antwortete er. Die Dämonin fragte: »Und was ist mit dem Getränk deiner Vorfahren?«

»Du sprichst von Met, nehme ich an, ja? Davon bekomme ich Kopfschmerzen. Und da wir mit der Bodenseefähre fahren müssen, darf ich sowieso keinen Alkohol trinken, sonst wird mir schlecht.« Skurka war ehrlich erschüttert. »Du bist ein Dänenspross und verträgst keinen Met? Was kommt als Nächstes? Wirst du womöglich seekrank?« Rasmus hob die Schultern.

»Genau. Aber an einem ruhigen Tag wie heute mit der Autofähre über den See zu fahren, ist kein Problem. Wie gesagt: So lange ich die Finger vom Met lasse.« Er warf einen Blick in den Spiegel und sah gerade noch, wie sich das durchtriebene Grinsen auf Skurkas Gesicht zu einer Maske unschuldiger Rechtschaffenheit veränderte. Er drohte ihr mit dem Zeigefinger. »Keine Met-Experimente, klar? Du hast versprochen, diesen Körper pfleglich zu behandeln!« Dann nahm er sich den kleinen Lederbeutel, in dem er Geldbörse, Schlüssel und Smartphone verstaut hatte, und machte sich auf den Weg. Das erste Oktoberwochenende zeigte sich in diesem Jahr von seiner angenehmsten Seite. Die Sonne schien von einem nahezu wolkenlosen Himmel, kleine Wellen kräuselten den Bodensee, und Rasmus ließ sich voller Vorfreude auf den Mittelaltermarkt den Fahrtwind auf dem Außendeck der Fähre um die Nase wehen. Außer ihm waren diverse andere Marktbesucher in Gewandung mit dem Schiff unterwegs, so dass er mit seiner blauen Kotte und der Bundhaube auf den roten Haaren weniger auffiel, als befürchtet. Die japanischen Touristen deuteten eher auf die Kreuzritter und ihre holden Edelfräulein und redeten aufgeregt durcheinander. Mit Kennerblick musterte er die gepuderten Perücken und die rüschenbesetzten Reifröcke der Damen und murmelte »Barock trifft Hochmittelalter« vor sich hin, dann zuckte er die Schultern. Seiner Meinung nach sollte jeder in der Gewandung glücklich werden, die er am liebsten mochte. Auf den meisten Märkten, die er bisher besucht hatte, tummelte sich ohnehin eine wilde Mischung aus Kelten, Schotten, Gothics, Mittelalterbegeisterten, Renaissance-, Gotik- und Barockliebhabern und das, was er selbst als Hollywood-Royals bezeichnete. Skurka räusperte sich. »Ähem, eine Frage ...«, begann sie. Rasmus legte den Kopf schief. Hier auf der Fähre konnte er nicht ungehört Selbstgespräche führen und hoffte, Skurka könne ihn auch so verstehen. »Was tut der Bischof da drüben mit dem Kind im Wagen? Ich weiß ja, dass der Klerus es gerne bunt treibt, aber in aller Öffentlichkeit die Früchte seiner Lenden spazieren fahren?« Rasmus lachte, verschluckte sich und musste husten. »Das ist doch nur eine Verkleidung, Skurka«, raunte er. »Schau, da drüben ist seine Frau.« Er zeigte auf eine üppige Brünette mit einem tief ausgeschnittenen Schnürmieder. »Der Bischof hat Kinder mit einer Marketenderin?!?« Skurka verstummte. Rasmus schüttelte den Kopf.

»Ich geb’s auf«, murmelte er.

»Was gibst du auf?«, fragte ihn plötzlich jemand. Er drehte sich um und verschwand in einer zarten und zugleich festen Umarmung.

»Hallo Rasmus, alter Däne! Schön, dich zu sehen!« Er sah in ein schmales Gesicht, an dessen Seiten spitze Elfenohren zu sprießen schienen. Auf dem blaugrün getönten Haar thronte eine Filzkappe, die zierliche Gestalt steckte in einem kurzen, erdfarbenen Leinengewand, trug angesteckte Flügel auf dem Rücken und hatte sich einen Bogen umgeschnallt. Große, lilafarbene Kulleraugen musterten ihn amüsiert. Rasmus’ Herz gönnte sich ein, zwei Extraschläge. »Annika!«, sagte er. »Mensch! Du hier?«

Die Elfe stemmte die Hände in die Hüften. »Rasmus, Rasmus! Gleich zwei Fehler in einer Begrüßung! Wie heiße ich?« Er räusperte sich.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung, verehrte Sinael Mondenschweif«, verbesserte er sich und verneigte sich leicht. »Wo sind bloß meine Manieren geblieben?« Die Elfe kicherte.

»Viel besser! Schau, die anderen sind auch da!« Sie deutete hinter sich in Richtung Bordbistro, wo es sich eine Gruppe weiterer Elfen in Kostümen von schlicht bis schillernd gemütlich gemacht zu haben schien. Eine von ihnen, die bordeauxrote Cornrows und eine Axt über der Schulter trug, winkte ihm frenetisch durch die Scheibe zu. Annika feixte.

»Aah, Mirca freut sich besonders, dich zu sehen ...«, sagte sie und knuffte Rasmus in die Seite, was der mit einem leisen Quieken beantwortete. »Magst du dich uns anschließen?« Er warf einen kurzen Blick in Annikas lilafarbene Augen, dann zuckte er die Achseln und meinte: »Erstmal muss der Däne auf Raubzug gehen, du weißt schon ... Aber wir sehen uns später, bestimmt!«

Die Elfe lachte, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Alles klar, bis dann. Und: Möge deine Beute üppig und wohlfeil ausfallen.« Sie kniff ihm ein Auge zu und trollte sich.

»Mensch? Spüre ich da eine gewisse Regung in deinen Lenden, während du der falschen Elfe auf den zugegeben süßen Arsch guckst?«, fragte Skurka. Rasmus lief feuerrot an.

»Ich habe ihr nicht ...«

»Doch!«

»Nein!«

»Doch, hast du! Dir ist aber schon klar, dass sie keine echte Elfe ist, oder? Die hätte dich nämlich zum Frühstück verspeist, halbe Portion, die du bist.« Rasmus nestelte an den Bändern seiner Bundhaube. »Du kennst echte Elfen?«, fragte er dann, um Skurka vom Thema Annika und ihr süßer Arsch abzubringen.

»Klar. Jede Menge. Aber lenk’ nicht ab, Kleiner. Was gedenkst du zu unternehmen, um dir die falsche Elfe gewogen zu machen?« Rasmus seufzte. Die dämonische Besessenheit entwickelte sich zu echter Nervensägerei, stellte er fest. »Gar nichts. Sie steht nicht auf mich. Ist seit über einem Jahr mit einem Krieger aus den Ostlanden zusammen, der mir locker auf den Kopf spucken und mit seinen Pomuskeln wahrscheinlich Nüsse knacken kann«, antwortete er.

Skurka brummte. »Krieger aus den Ostlanden, pff. Du bist ein stolzer Dänenspross, schon vergessen? In deinen Adern fließt Wikingerblut! Deine Vorfahren haben Kontinente erforscht, als andere noch auf den Bäumen gehockt und ihre Verwandtschaft gelaust haben!« Die Fähre gab einen Signalton von sich. »Land in Sicht!«, sagte Rasmus. Daraufhin lächelten ihn die japanischen Reisenden an und verbeugten sich leicht. Er tat es ihnen nach. Kurz darauf lief er den steilen Weg zur Meersburg hinauf, und Skurka bestaunte die pittoresken Häuser und Geschäfte der kleinen Stadt.

»Nett hier«, sagte sie. »Die Burg ist zwar ein bisschen mickerig im Vergleich zu anderen, aber hübsch gelegen, so mit Seeblick.« Am Eingang zum Mittelaltermarkt löhnte Rasmus fünf Euro Eintritt und musste sich ein »Unter Schwertmaß knapp verfehlt, was, Kleiner?«, von Skurka anhören.

»So mickrig bin ich auch wieder nicht!«, murrte er, da baute sich ein Bettler vor ihm auf.

»Aah, ein Herr, der mit sich selber spricht!«, begann er seine Rede. Rasmus schauderte ein wenig wegen der ungewaschen aussehenden, nackten Füße. Ob die schartigen Fußnägel echt waren? Manche Reenacter nahmen es mit der Authentizität ihrer Verkleidung ja sehr genau.

»Troll’ dich!«, hörte er sich plötzlich selber bellen. Der Bettler kam näher. »Aber, aber, junger Herr! Wer wird denn gleich so unfreundlich sein! Ich tue hier nur meine Arbeit. Wenn Ihr mir eine milde Gabe aus Eurem Beutel zukommen lasst, gehe ich weiter meiner Wege.« Er streckte die Hand aus, grinste und ließ ein paar braun verfärbte Zähne sehen. »Troll’ dich, hab’ ich gesagt!«, wiederholte Rasmus, diesmal mit einer tiefen, dunklen Stimme, die sich gar nicht wie seine eigene anhörte. Er begann, wie durch einen roten Schleier zu sehen. Der Bettler wich ein paar Schritte zurück und rempelte dabei einen Ritter an. Der verpasste ihm gleich eine Kopfnuss und schnauzte: »Pass’ er auf, wo er hingeht!« Rasmus schüttelte den Kopf, und sein Blick wurde wieder klar. »Skurka?«, raunte er. »Was hast du da gerade gemacht?«

Die Dämonin kicherte. »Wolfsstimme und Todesblick. Äußerst hilfreich, wenn man jemanden loswerden will.« Rasmus gestand sich ein, dass sie ausnahmsweise recht hatte. Womöglich war die Sache mit der Besessenheit doch nicht so widrig, wie bisher angenommen. Er schlenderte zwischen den Marktständen umher und sah sich an, was es alles zu kaufen gab. Kurz liebäugelte er mit einem Trinkhorn, erinnerte sich dann daran, dass diese Hörner zwar beliebt, aber nicht authentisch waren, und kaufte sich stattdessen einen Tonbecher mit Henkel. Am Schmuckstand hatte er allerdings einige Mühe, Skurka im Zaum zu halten.

»Eine Triskele! Eine Yggdrasil aus Mondmetall! Ein Asg-und-Embla-Medaillon! Nimm’ alles mit! Los, Däne, mach’!« Rasmus schüttelte den Kopf und lächelte.

»Ich dachte, du wärst eine Krähe, aber jetzt stelle ich fest, du bist in Wirklichkeit eine Elster«, flüsterte er. Daraufhin zog seine linke Hand kräftig an seinem rechten Ohr.

»Lass’ das!«, japste er.

»Nimm’ alles mit, sagte ich, Bürschchen!« Rasmus trat von dem Schmuckstand zurück und raunte: »Ich kaufe nur einen Thorshammer, für mehr reicht mein Geld nicht.« Abrupt machte er wieder einen Schritt auf den Stand zu, mittlerweile interessiert beobachtet von der bunt gewandeten Dame hinter dem Tisch. »Kann ich dem jungen Herrn dabei helfen, seine inneren Kämpfe in Wohlgefallen aufzulösen?«, fragte sie und lächelte. Rasmus holte tief Luft.