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Ein heftiger Stoß, ein stechender Schmerz, dann herrscht Dunkelheit und Stille. Skye Pierce, hat eigentlich alles, was man sich wünschen kann. Sie steht kurz vor der Hochzeit mit einem erfolgreichen Immobilienmakler, sie hat ein Haus, eine gut gehende Boutique im Herzen von Los Angeles, eine beste Freundin und ist vor allem glücklich mit ihrem Leben. Aber was passiert, wenn ihre heile Welt von einem Tag auf den anderen völlig aus den Fugen gerät und sie gezwungen ist, der Wahrheit und deren Folgen ins Gesicht zu sehen? Welche Rolle spielt der mysteriöse Mann, der plötzlich in ihr Leben tritt? Kann sie ihm vertrauen? Auf der Suche nach der Wahrheit versinkt Skye immer tiefer in einem Sumpf aus Lügen und Intrigen und schwebt am Ende sogar in tödlicher Gefahr.
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Seitenzahl: 470
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Christa Schütz wurde im Dezember 1978 in der Hansestadt Hamburg geboren und verbrachte dort auch die ersten zehn Jahre ihres Lebens. Später zog sie mit ihrer Familie ins südbadische Freiburg, wo sie die Schule abschloss.
Danach zog es das im Rollstuhl sitzende Nordlicht ins schwäbische Ludwigsburg, wo sie eine Ausbildung zur Bürofachhelferin absolvierte.
Nach fünfzehn Jahren in Ludwigsburg kehrte sie schließlich nach Freiburg im Breisgau zurück, wo sie bis heute lebt. Ihre Lust am Schreiben zeigte sich bereits in frühen Jahren, zunächst in Form von Tagebüchern, Gedichten und Kurzgeschichten.
Nachdem sie einige Jahre hobbymäßig geschrieben und viel gelesen hatte, entstand der Wunsch, in einem Roman verschiedene kritische Lebensereignisse zu verarbeiten.
Nach fast zweijähriger Schaffensphase erscheint im April 2016 ihr Debütroman „Sky on Fire“ Flammende Schuld.
Vita der Autorin
Zitat
Kapitel 1 Harmonie
Kapitel 2 Dunkle Wolken
Kapitel 3 Chanel N°5
Kapitel 4 Der Apfel …
Kapitel 5 … und die Schlange
Kapitel 6 Konsequenzen
Kapitel 7 Entscheidungen
Kapitel 8 Die Zeit steht still
Kapitel 9 Wenn sich eine Tür schließt …
Kapitel 10 Inquisitionen
Kapitel 11 Auf schmalem Grat
Kapitel 12 Zwischenstopp
Kapitel 13 Abschied auf Zeit
Kapitel 14 Der Blick zurück
Kapitel 15 Atlanta
Kapitel 16 Abstand
Kapitel 17 Der Rat eines Freundes
Kapitel 18 Ein harter Schlag
Kapitel 19 Veränderungen
Kapitel 20 Reaktionen
Kapitel 21 Falsche Schlüsse
Kapitel 22 Heiß-Kalt
Kapitel 23 Unerwarteter Anruf
Kapitel 24 Nach Hause
Kapitel 25 Auf allen Kanälen
Kapitel 26 Schuldgefühle
Kapitel 27 Der Gang nach Canossa
Kapitel 28 Spätes Geständnis
Kapitel 29 Die ganze Wahrheit
Kapitel 30 Apathie
Kapitel 31 Kein Weg zurück
Kapitel 32 Wendungen
Kapitel 33 Die Nadel im Heuhaufen
Kapitel 34 Auf der Flucht
Kapitel 35 Der letzte Vorhang
Kapitel 36 Teure Fehler
Kapitel 37 Das Ende des Weges
Liebe, Drama, Krankheit und Tod.
Ein Buch über das Schicksal des Lebens.
Ist es Bestimmung oder ein lehrreiches
Meisterstück?
H. Schüttauf
It's raining men! Hallelujah! It's raining men! Amen!
„Okay, das waren „The Weather Girls“. Aber keine Sorge Leute! Es ist sechs Uhr am Morgen und wir erwarten heute sonnige zweiundzwanzig Grad hier in Los Angeles. Also könnt ihr …
„Mach den Mist aus“, murmelte ich verschlafen. Gott, warum musste dieser verdammte Wecker gerade dann losgehen, wenn ich mich am wohlsten in meinem Bett fühlte?
„Bist näher dran“, nuschelte Dean neben mir, ebenfalls noch ganz schlaftrunken.
Grummelnd und noch im Halbschlaf beugte ich mich über ihn und tastete herum, bis ich endlich den Radiowecker, der wohlgemerkt auf seiner Seite des Bettes auf dem Nachtschränkchen stand, erreicht hatte und brachte ihn zum Schweigen.
Seufzend ließ ich mich zurück in die Kissen fallen, aber an Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken.
Und da ich nun schon einmal wach war, senkte ich den Kopf über Dean und begann ihm lauter kleine Küsse auf seinen Nacken zu hauchen.
„Will noch schlafen“, grummelte er und versteckte sich unter dem Kissen.
Ich kicherte.
Dean stand genauso gerne früh auf wie ich. Nämlich gar nicht. Das war einer der Gründe, warum wir uns so gut verstanden.
„Komm schon, du Schlafmütze, wir müssen uns fertig machen.“
„Hmm, noch fünf Minuten“, brummte er.
„Okay, ich gehe schon mal duschen. Ganz heiß.“
„Mach das“, nuschelte er und vergrub sich noch tiefer ins Kissen.
Ich runzelte die Stirn.
Komisch, früher hatte das immer funktioniert. Er konnte gar nicht schnell genug aus dem Bett kommen, um mit mir zusammen zu duschen.
Ich fühlte einen kleinen Stich bei seiner Abfuhr, versuchte es aber zu ignorieren. Es hatte bestimmt nichts zu bedeuten.
Immerhin hatte er in letzter Zeit hart gearbeitet und musste häufig Überstunden machen.
Ja, das wird es sein. Sobald es bei ihm wieder ruhiger wird, wird es schon wieder werden, versuchte ich mir einzureden, was mir nur mit mäßigem Erfolg gelang.
Dean hatte eine gute Stelle bei einer Immobilienfirma. Er war sehr gefragt, und seine Verkaufszahlen sprachen für sich. Ich war sehr stolz auf ihn, dass er mit seinen gerade einmal dreiunddreißig Jahren bereits einen solchen Erfolg verbuchen konnte.
Ich selbst hatte mir mit meiner besten Freundin Katie den Traum von einer eigenen Modeboutique erfüllt, die fantastisch lief.
Lächelnd schälte ich mich aus den Laken und lief ins angrenzende Badezimmer.
Während ich das Wasser der Dusche anstellte und darauf wartete, dass es warm wurde, begann ich mir die Zähne zu putzen.
Zwanzig Minuten später stieg ich aus der Dusche und tapste, nur in ein Handtuch geschlungen, zurück ins Schlafzimmer, um meinen Verlobten zu wecken.
Bei diesem Wort musste ich schmunzeln.
Ja, in acht Wochen würden wir, nach zweieinhalbjähriger Beziehung, endlich heiraten.
Ich setzte mich neben ihn auf die Bettkante und hauchte ihm federleichte Küsse auf den Rücken.
„Hmm … noch fünf Minuten“, seufzte er.
„Du hattest schon zwanzig“, feixte ich und kniff ihn zart in die Seite.
Mit einem Mal richtete er sich auf.
„Was? Verdammt, ich muss los“, erklärte er und sprang gleich darauf aus dem Bett, sodass er mich beinahe mitriss.
„Ich wünsche dir auch einen guten Morgen“, sagte ich leicht angesäuert.
„Entschuldige Skye, aber ich hab um acht Uhr einen Kundentermin, der sehr wichtig ist. Ich mach es wieder gut. Versprochen“, raunte er und hauchte mir einen flüchtigen Kuss auf die Lippen.
Dann war er auch schon im Bad verschwunden.
Ich schüttelte den Kopf und begann mich anzuziehen.
Eine halbe Stunde später kam er die Treppe herunter und betrat die Küche, in der ich schon damit beschäftigt war, das Frühstück zuzubereiten.
„So viel zu dem Klischee, dass wir Frauen immer ewig im Bad brauchen“, sagte ich grinsend.
„Hm, bisher hast du dich noch nie über mein gutes Aussehen beschwert und das braucht eben seine Zeit“, konterte er frech.
„Touché.“
Dean sah wirklich verboten gut aus mit seinen strahlend blauen Augen, seinem Dreitagebart und seinen kurzen braunen Haaren. Von seinen langen Beinen einmal ganz abgesehen.
Eigentlich entsprach er so gar nicht meinem Typ Mann, da ich für gewöhnlich eher auf blonde, bartlose Männer stand. Aber Dean hatte ich gesehen und mich Hals über Kopf in ihn verliebt.
„Ähm Frühstück?“, fragte ich und riss mich aus meinen Schwelgereien.
„Nein, für mich heute nicht. Ich hol mir unterwegs etwas.“
„Oh, okay“, murmelte ich und spürte wieder diesen Stich der Enttäuschung.
„Was ist mit Kaffee? Er ist jeden Moment durch?“, erkundigte ich mich und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, wie enttäuscht ich war.
„Tut mir leid. Ich muss wirklich los“, erklärte er und ergriff seine Aktentasche.
„Gut, dann wünsche ich dir einen schönen Tag.“
„Danke, wünsch ich dir auch. Bis heute Abend“, sagte er, hauchte mir noch einen schnellen Kuss auf die Lippen, und dann war er auch schon aus der Tür.
Ich sah in die Pfanne, in der Speck und Eier vor sich hin brutzelten.
Der Appetit war mir gründlich vergangen, aber alles in den Müll zu werfen, sah ich auch nicht ein.
Also schaltete ich den Herd aus, tat mir eine Portion auf den Teller und warf nur den Rest in den Müll.
Soviel zu einem gemütlichem Frühstück zu zweit, dachte ich enttäuscht und begann lustlos zu essen.
Eine Stunde später betrat ich die Boutique.
„Guten Morgen Skye, Kaffee?“, begrüßte mich meine Geschäftspartnerin und Freundin gutgelaunt.
Ich runzelte die Stirn. Wie konnte man so früh am Morgen nur so munter sein? Aber bei Katie war das normal, sie war einfach eine Frohnatur. Natürlich hatte sie auch allen Grund dazu. Das Leben meinte es gut mit ihr.
Katie war fünfundzwanzig, eins siebzig groß und sah mit ihren blonden langen Haaren klasse aus, ganz abgesehen von ihrem makellosen Körper, der einem Model Konkurrenz machen könnte. Die Männer liefen ihr scharenweise nach.
Ganz im Gegensatz zu mir.
Ich selber war bereits fünfunddreißig und mit meinen eins sechzig eher der kleine rundliche Typ, mit langen braunen Haaren und braunen Augen.
Alles in allem wirkte ich meiner Ansicht nach eher unscheinbar, auch wenn meine Freundin mich fortwährend vom Gegenteil überzeugen wollte.
Ich ließ ihr ihre Meinung, auch wenn ich alles andere als überzeugt davon war.
„Morgen. Ja, jede Menge“, antwortete ich missmutig auf ihr Kaffee-Angebot.
„Oh je!“, Katie verzog bei meinem Ton die Augenbrauen.
„Lass mich raten. Dein Fast-Göttergatte hat es mal wieder versaut?“
„Wie kommst du bloß darauf?“, brummte ich sarkastisch.
Katie schüttelte den Kopf.
„Was war es diesmal?“
„Im Grunde nichts Besonderes“, wich ich aus.
„Ja, ist klar, Skye.
Deshalb rennst du auch herum, als würdest du jeden, der dir dumm kommt, sofort in den Boden stampfen. Also raus mit der Sprache!“
Ich seufzte. Katie kannte mich einfach zu gut.
Noch einmal tief durchatmend erzählte ich ihr alles, was sich an diesem Morgen zugetragen hatte.
Meine Freundin hörte mir ruhig zu, bis ich zu Ende erzählt hatte. Dann atmete sie tief durch und sah mich an.
„Skye, du weißt, dass ich dich wirklich sehr mag, oder?“
„Ja sicher, so wie ich dich. Deshalb hab ich dir ja auch vorgeschlagen, den Laden mit mir zu eröffnen. Wieso?“
„Na ja, nimm es mir bitte nicht übel“, sagte sie leise und verstummte dann.
„Nun sag schon. Ich werde dich nicht in den Boden stampfen, versprochen“, erwiderte ich und hielt schwörend zwei Finger in die Luft.
„Okay. Ich habe einfach das Gefühl, dass du zu viel tust.“
„Wie meinst du das?“
„Gut, nehmen wir zum Beispiel den Mittwoch vor zwei Wochen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Wir standen genau hier und führten ein ähnliches Gespräch. Damals ging es darum, dass er einen Kundentermin hatte, der für seine Karriere sehr wichtig war. Was hast du gemacht?“
Ich hob fragend eine Augenbraue.
„Du hast ihn, kaum dass du dachtest, dass der Termin vorbei war, angerufen, um zu erfahren, wie es gelaufen war. Dann hast du ihn zehn Minuten später wieder angerufen, um ihn zu fragen, ob er an diesem Abend nicht feiern gehen wolle. Fünf Minuten später hast du es dir wieder anders überlegt und ihn nochmal angerufen, um ihn zu fragen, was er davon hält, wenn du was Schönes kochst und ihr zu Hause feiert. Nun, und heute hat er dir gesagt, dass er einen wichtigen Termin hat und spät dran ist. Und du gehst hin und machst ihm Frühstück, obwohl doch eigentlich klar ist, dass er keine Zeit hat. Verstehst du, was ich meine?“
„Ähm, nein, nicht wirklich“, gab ich zu und runzelte die Stirn.
„Du machst zu viel, Süße.“
„Wie meinst du das? Ich versuche doch nur, ihm alles recht zu machen. Ich liebe ihn. Deshalb will ich auch, dass es ihm gut geht. Ich habe solch ein Glück, einen Mann wie ihn gefunden zu haben. Das ist bei meinem Aussehen keine Selbstverständlichkeit.“
Katie verengte die Augen.
„Mann, Skye, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du toll aussiehst? Ja, du hast vielleicht ein paar Pfunde zu viel, aber jeder Typ, der nicht sieht, was für eine tolle Frau du bist, ist es nicht wert. Das heißt aber nicht, dass du jetzt, da du jemanden gefunden hast, dich für ihn aufopfern und dein gesamtes Leben auf ihn ausrichten musst, um ihn zu behalten. Leider, und das muss ich dir sagen, bist du im Moment aber dabei ihn zu verlieren, wenn du nicht aufpasst.“
„Was, wieso denn? Ich tu doch alles, damit er zufrieden ist?“
Katie seufzte.
„Ja, du tust alles. Du versuchst jede freie Minute mit ihm zusammen zu sein, und wenn wir dann doch einmal einen Abend zu zweit ausgehen, hast du ihm gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil du denkst, er sitzt allein zu Hause. Dabei glaube ich, dass euch beiden diese getrennten Abende guttun. Verstehst du, was ich meine? Nur weil man nicht jede Minute aufeinander hockt, heißt das nicht, dass man den anderen weniger liebt. Ganz im Gegenteil. Das würde Dean doch nur zeigen, dass du dein eigenes Leben hast und zurechtkommst.
Jetzt vermittelst du ihm aber genau das Gegenteil. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.“
Ich schluckte hart und spürte, dass mir die Tränen in die Augen schossen.
War ich wirklich zu so einer hilfsbedürftigen Glucke mutiert?
„Alles okay? Ich wollte dir wirklich nicht weh tun“, sagte Katie leise.
„Hast du nicht“, schniefte ich. „Meinst du, es ist zu spät?“
„Wie, zu spät?“
„Hab ich ihn mit meinem Verhalten schon vergrault?“
Katie schüttelte den Kopf.
„Nein, Süße, komm her“, erwiderte sie lächelnd und schloss mich in die Arme.
„Shh, noch ist nichts passiert. Dean liebt dich.
Und wenn er heute Abend nach Hause kommt, setzt ihr euch zusammen und sprecht mal in Ruhe darüber. Du wirst sehen, es wird alles wieder gut.“
Es dauerte noch eine ganze Weile, bis ich mich beruhigt hatte.
Doch dann begannen wir unseren Arbeitstag, während ich mir fieberhaft den Kopf zerbrach, womit ich Dean heute Abend überraschen könnte. Als mir nach langem Hin - und Herüberlegen etwas einfiel, besserte sich meine Laune schlagartig.
Ja, das würde ihm gefallen, da war ich mir sicher.
Um achtzehn Uhr verabschiedete ich mich von Katie und machte mich auf den Weg ins Einkaufszentrum.
Heute Abend würde ich ihm sein Lieblingsessen "Pasta mit Meeresfrüchten " kochen, und dann würden wir uns endlich aussprechen.
Eine Stunde später, ich war gerade dabei, das Nudelwasser abzugießen, als mein Handy piepend eine SMS ankündigte.
Das war bestimmt Katie, die wissen wollte, ob ich schon alles fertig hatte.
Ich sah auf die Uhr. Ich hatte noch zehn Minuten, bis Dean nach Hause kommen würde.
Da ich bereits alles angerichtet hatte und auch umgezogen war, öffnete ich lächelnd die SMS.
Dean.
Er schrieb mir eine Absage.
Mein Lächeln fiel augenblicklich in sich zusammen.
Das konnte nicht sein Ernst sein.
Ich hatte ihn nachmittags extra noch angerufen, ob er heute Abend pünktlich nach Hause kommen könnte. Und jetzt schrieb er mir, dass er wieder Überstunden machen müsse.
Ich fühlte einen unglaublichen Zorn in mir hochsteigen.
„Ja, von wegen es tut ihm leid“, fluchte ich laut vor mich hin.
Ich hatte gerade einfach genug.
Wütend, verletzt und enttäuscht ließ ich einfach alles stehen und liegen, ging hinauf ins Schlafzimmer und legte mich ins Bett.
Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis ich endlich in einen unruhigen Schlaf fiel.
Die kommenden Tage und Wochen sollten eine nervenaufreibende Zeit werden.
Nach dem gescheiterten oder besser gesagt ins Wasser gefallenen Abendessen wusste ich einfach nicht, wie ich mit Dean umgehen sollte. Natürlich hatte er sich mehrfach entschuldigt, aber ich spürte innerlich, wie meine Bereitschaft, solche Eskapaden einfach so sang- und klanglos hinzunehmen, zunehmend schwand.
Dean suchte zwar immer wieder das Gespräch mit mir, aber ich blockte ihn jedes Mal ab. Ohne es zu merken, geschweige denn, dass ich es beabsichtigt hätte, entwickelte ich mich, immer mehr, von der einst so fürsorglichen Glucke in eine Zicke.
Schließlich gab er die Versuche, mit mir über den Abend zu reden auf und vergrub sich stattdessen noch mehr in seine Arbeit.
Wenn er dann doch einmal etwas früher aus dem Büro kam, verschanzte er sich in seinem Arbeitszimmer, um dort weiter zu arbeiten, während ich entweder im Schlafzimmer oder wie im Moment im Wohnzimmer, das wir vor eineinhalb Jahren so liebevoll zusammen eingerichtet hatten, saß und vor mich hin grübelte.
Was war nur mit uns passiert?
Ich verstand es einfach nicht, aber wir schienen uns Stück für Stück voneinander zu entfernen, und von Sex konnte ich inzwischen nur noch träumen. Es war zum Verzweifeln.
Während meine Fingerspitzen gedankenverloren über das schwarze Leder des Sofas strichen, schweiften meine Gedanken zu dem Tag unseres Einzugs.
Wir hatten gerade das letzte Kissen auf der Sofalandschaft platziert und kuschelten uns zusammen auf die Couch. Da es auch an diesem Abend sehr warm in L.A. war, trug ich ein rotes T-Shirt und eine schwarze kurze Hose. Dean hatte sich für ein weißes Muskelshirt und eine ebenfalls schwarze kurze Shorts entschieden und sah so unglaublich attraktiv darin aus, so dass ich ihn mit gierigem Blick angaffte. Als Dean meinen Blick bemerkte, verdunkelten sich seine blauen Augen. Er schmiegte sich an meine Seite. „Na, zufrieden mit unserem Werk?“, flüsterte er mir ins Ohr und fing Augenblicke später an, Küsse auf meinen Nacken zu platzieren. Ich spürte, wie ein prickelnder Schauer durch meinen gesamten Körper fuhr, während meine Haut eine Gänsehaut überzog.
„Ja“, hauchte ich, aber es klang eher wie ein Stöhnen.
„Was hältst du davon, wenn wir das Sofa schon einmal einweihen?“, raunte er und bearbeitete weiter meinen Hals.
Mein Atem und mein Herzschlag beschleunigten sich.
„Hmh“, stöhnte ich und gab mich ganz meinen Gefühlen hin.
Er schmunzelte an meinem Nacken.
„Ich deute das mal als ein Ja“, sagte er mit belegter Stimme.
Anstatt ihm zu antworten, bog ich meinen Kopf etwas zur Seite, um ihm einen besseren Zugang zu meinem Hals zu verschaffen. Seine Küsse brachten mich um den Verstand. Dean wusste genau, was er tat. Es war die reinste Sünde und seine Hände, die sich gemächlich unter mein Shirt schoben, taten ihr Übriges. Schon bald hatte er mich soweit, dass ich alles um mich herum vergaß und mein Stöhnen im Raum widerhallte.
„Hey, ist alles okay mit dir?“, hörte ich wie aus weiter Ferne Deans Stimme.
Ich schlug die Augen auf und sah geradewegs in zwei leuchtend blaue Augen.
„Ähm, was?“, fragte ich verwirrt.
„Ich fragte, ob alles in Ordnung ist? Ich hab Geräusche gehört und hab gedacht, ich sollte mal nach dir sehen.“
Augenblicklich brannten meine Wangen. Verdammt, er hatte mich gehört?
„Äh, ja, alles okay. Ich hab nur geträumt“, murmelte ich verlegen.
„Verstehe, und wovon?“
Fuck, wenn das überhaupt möglich war, wurde mir noch heißer.
Dean sah mich breit lächelnd an.
Dieser Schuft wusste genau, was in mir vorging.
„Darf ich mich zu dir legen?“, fragte er und erhob sich aus der Hocke.
„Äh, sicher“, antwortete ich perplex. Was war denn jetzt los?
Die ganze Zeit ging er mir so gut wie möglich aus dem Weg und jetzt das.
Dean legte sich neben mich und schloss mich in die Arme, während ich noch damit beschäftigt war herauszufinden, woher dieser Sinneswandel kam.
„Also, wovon hast du geträumt?“, wiederholte er seine Frage.
„Ach, ist nicht so wichtig“, murmelte ich.
„So? Das hat sich aber anders angehört.“
„Dean wir …“, weiter kam ich nicht, denn er wählte just diesen Moment, um sanft meinen Hals zu küssen.
„Wir müssen …“, ah, noch so ein verbotener Kuss.
„Was müssen wir?“, raunte er und knabberte sanft an meinem Ohrläppchen.
„Reden“, sagte ich, doch es klang eher wie ein Stöhnen.
„Hm, wir reden später“, erwiderte er, während er seine linke Hand vorwitzig unter mein Shirt schob und langsam begann, meine Brust zu massieren.
Mein Verstand schrie auf mich ein, mich nicht auf dieses Spiel einzulassen. Aber ich wollte nicht hören. Dafür hatte ich erstens viel zu lange Sexentzug gehabt, und zweitens gefiel mir das, was hier geschah, viel zu sehr.
Ich drehte mich etwas weiter zu ihm, so dass auch ich meine Hand unter sein Shirt schieben konnte.
Dean keuchte auf.
Langsam ließ ich meine Hände über seinen Bauch zu seiner Brust wandern. Ich spürte seine leichte Brustbehaarung, was mich unglaublich anmachte.
Dean zupfte an meinem Shirt und bedeutete mir, mich etwas aufzurichten, so dass er es mir ausziehen konnte.
Es fühlte sich so unglaublich gut an, ihn nach diesen langen Wochen des sich aus dem Weggehens wieder so nah bei mir zu haben.
Inzwischen lagen seine Lippen auf meinen, und er verwickelte mich in einen leidenschaftlichen Kuss, den ich nicht minder stürmisch erwiderte.
Als wir beide Luft holen mussten, wanderte er über mein Kinn erneut zu meinem Hals, wo er aber nicht lange blieb, denn er bahnte sich küssend einen Weg über mein Schlüsselbein zu meinen Brustwarzen.
Vorsichtig schloss er seine Lippen um die eine und umspielte sie mit seiner kundigen Zunge und seinen Zähnen, während er die andere mit Daumen und Zeigefinger zwirbelte.
Das Gefühl war so berauschend, dass ich alles um mich herum vergaß und mich ganz meinen Gefühlen hingab. Jetzt ging es nur um uns. Ich konnte es kaum erwarten, ihn nach so langer Zeit wieder zu spüren, dass ich ihn kurzerhand am Shirt packte und es entzweiriss.
Dean sah mich mit einem brennenden Blick an…
„Ich will dich“, raunte ich ihm mit belegter Stimme zu.
Dean lächelte und strich mir mit dem Daumen über die Unterlippe.
„Noch nicht. Hab noch etwas Geduld!“
Noch ganz benommen von unserem heißen Kuss nickte ich, bis mir plötzlich etwas auffiel.
„Warte“, hielt ich ihn auf, als er gerade seinen Weg fortsetzen wollte.
Dean sah mich fragend und mit einer Spur von Unsicherheit an.
„Hab ich etwas falsch gemacht?“, fragte er leise. Ich lächelte ihn an.
„Nein, aber ich finde es sollte gleiches Recht für alle gelten.“
Er hob fragend eine Augenbraue.
„Du hast zu viel an. Also runter mit den Hosen“, sagte ich und fixierte ihn herausfordernd.
Schmunzelnd schüttelte Dean den Kopf, erhob sich dann aber und schob sich sehr langsam und sexy die Hosen von den Hüften. Ich beobachtete ihn mit lüsternem Blick und leckte mir über die trockenen Lippen.
Da auch er nun nackt war, legte er sich wieder zu mir und bahnte sich wieder küssend seinen Weg, seinem Ziel entgegen und schien sich dabei alle Zeit der Welt für mich lassen zu wollen. Es war eine lustvolle Qual, denn mir blieb nichts anderes übrig, als ihn voller Begierde zu erwarten.
Außer Atem und schweigend lagen wir anschließend eine Weile da, bis Dean die Stille brach. Er griff nach der roten Decke, die über der Sofalehne lag und kuschelte uns beide darin ein.
„Möchtest du jetzt reden?“, fragte er leise und strich mir mit dem Daumen über die Wange.
„Hm“, brummte ich. Mir war im Moment nach allem, nur nicht nach reden. Aber andererseits konnte ich mir diese Gelegenheit, da wir uns endlich mal in Ruhe und für längere Zeit in einem Raum aufhielten, nicht entgehen lassen.
„Wir müssen aber auch nicht reden“, sagte er nach einer Weile etwas enttäuscht, da ich noch immer nicht reagierte.
Gerade als er sich aufrichten wollte, hielt ich ihn auf.
„Nein, warte. Ich will ja mit dir reden, aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll“, versuchte ich ihm zu erklären.
Dean entspannte sich sichtlich und schloss mich wieder in die Arme.
„Verstehe, dann lass einfach mich reden, okay?“
„Okay“, murmelte ich.
„Gut, also wegen neulich Abend. Es tut mir wirklich leid, dass ich schon wieder Überstunden machen musste. Bitte glaub mir, wenn ich gewusst hätte, dass du dir so eine Mühe mit dem Essen gemacht hattest, hätte ich keine Überstunden gemacht. Aber meine Kollegin kam in letzter Minute und wollte noch ein Exposé überarbeitet haben. Das hat einfach ewig gedauert und …“
An dieser Stelle unterbrach ich ihn.
„Dean, dir muss nichts leidtun. Ich weiß doch, wie viel dir deine Arbeit bedeutet. Und ich weiß auch, wie gewissenhaft du immer bei der Sache bist. Ich bin diejenige, die sich entschuldigen muss. Du hast in letzter Zeit so viel Stress und mir fällt nichts Besseres ein, als die ganze Zeit herumzuzicken und dich zusätzlich unter Druck zu setzen. Das tut mir leid. Ich verspreche dir, dass ich dich von jetzt an unterstützen werde.“
„Nein, Skye, du hast mich nicht unter Druck gesetzt. Na ja, zumindest nicht sehr. Aber ich schwöre dir, dass ich versuchen werde, etwas weniger zu arbeiten. Okay?“
„Okay“, erwiderte ich.
Dean beugte sich vor und gab mir einen sanften Kuss.
„Also, da wir das jetzt geklärt haben, was hältst du davon, wenn wir unser versäumtes Abendessen heute nachholen?“
„Hm, dazu müsste ich aber aufstehen und einkaufen gehen“, schmollte ich gespielt.
„Machst du das, mir zuliebe?“, säuselte er und knabberte an meinem Ohrläppchen.
Ah, das war so unfair. Dean wusste genau, dass ich ihm keinen Wunsch abschlagen konnte, wenn er das tat.
„Aber nur weil Sie es sind, Mr. Chapman“, raunte ich.
„Vielen Dank, Miss Pierce“, sagte er und grinste mich an. Also standen wir auf und gingen noch zusammen duschen, wobei es auch hier nicht nur beim Duschen blieb.
Dann zogen wir uns aber wirklich an, und ich machte mich auf den Weg zum Einkaufen, während Dean sich wieder in sein Arbeitszimmer verzog, um noch etwas zu arbeiten.
Der Tag unserer Hochzeit rückte immer näher. Unsere zeitweilige Krise gehörte der Vergangenheit an. Kurz gesagt, mir ging es einfach gut.
Natürlich hatte es mein Fast-Göttergatte nicht wirklich geschafft, sein Arbeitspensum einzuschränken, aber wenn er zu Hause war, kümmerte er sich sehr liebevoll um mich. Ganz zu schweigen vom Sex. Denn der war nach unserer Aussprache besser als je zuvor.
Heute war zwar wieder einmal einer jener Tage, an denen Dean einfach nicht aus dem Büro kam, aber ich sah es inzwischen lockerer und widerstand der Versuchung mich allzu oft bei ihm zu melden, obgleich es mich in den Fingern juckte. Um mich abzulenken, kümmerte ich mich um mein Geschäft und später um den Haushalt.
Es war beinahe dreiundzwanzig Uhr, als ich endlich die Haustür ins Schloss fallen hörte.
Zwei Minuten später öffnete sich leise die Schlafzimmertür, und Dean spähte vorsichtig hinein, um mich nicht zu wecken.
Als er jedoch sah, dass ich wach war, betrat er lächelnd den Raum und setzte sich zu mir auf die Bettkante.
Kaum dass er neben mir saß, stieg mir ein fremder Duft in die Nase.
Ich runzelte die Stirn. Wieso roch der Mann nach Frauenparfum?
Doch bevor ich ihn darauf ansprechen konnte, beugte er sich über mich und gab mir einen sanften Kuss, den ich unwill- kürlich erwiderte.
„Ich wollte dich nicht wecken“, murmelte er an meinen Lippen.
Champagner.
Seine Lippen und seine Zunge schmeckten nach Champagner. Wieso?
Ich löste mich von ihm und sah ihn mir genau an.
Er sah noch genauso aus wie heute Morgen, als er das Haus verlassen hatte.
Aber mein Gefühl sagte mir, dass sich etwas verändert hatte.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte Dean, offensichtlich von meinem missmutigen Blick irritiert.
„Sag du es mir!“
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Hm, mal überlegen. Vielleicht stelle ich mir gerade die Frage, weshalb du riechst, als hättest du in Frauenparfum gebadet. Oder warum du nach Champagner schmeckst?“, fragte ich anklagend.
„Hör zu, Skye! Es ist nicht so, wie du denkst“, sagte er und hob abwehrend die Hände.
Ich setzte mich auf.
„Na, dann klär mich mal auf! Ich bin schon sehr gespannt.“
„Skye, glaubst du wirklich, dass ich dich auf diese Art und Weise hintergehen würde?“, fragte er und schien verletzt.
„Na, was soll ich denn denken, hm? Du kommst von Tag zu Tag später nach Hause, entschuldige bitte, dass ich langsam anfange, mir Gedanken zu machen!“
Deans Blick verhärtete sich nach meinen harschen Worten.
„Okay, Skye, wenn du es genau wissen willst, bitte. Wir konnten heute einen wichtigen Vertrag abschließen.
Deshalb haben wir gefeiert und auch das ein oder andere Glas Champagner getrunken.“
Ich wollte etwas sagen, doch Dean hob die Hand und sprach weiter.
„Was das Parfum angeht, so hat mich meine Kollegin umarmt, weil sie mir zu dem Abschluss gratulieren wollte, das ist alles. Aber du musst dich ja wieder einmal verrückt machen und vom Schlimmsten ausgehen. Das macht mich langsam wahnsinnig“, erklärte er und erhob sich wütend von der Bettkante.
Ich saß wie versteinert im Bett und kämpfte darum, nicht in Tränen auszubrechen. Was hatte ich nur getan? Wie konnte ich ihm nur so etwas unterstellen? Gerade Dean, von dem ich wusste, wie sehr er mich liebte.
„Dean, es …“, versuchte ich mich zu entschuldigen.
Doch wieder brachte er mich zum Schweigen.
„Ich gehe jetzt duschen.“
Mit diesen Worten wandte er mir den Rücken zu und verschwand im Badezimmer.
Verdammt. Ich hatte ihn wirklich verletzt.
Natürlich würde er mir so etwas nicht antun.
Und dennoch wollte dieses Misstrauen nicht ganz verschwinden. Zehn Minuten später kam Dean aus dem Bad.
Bei seinem Anblick runzelte ich erneut die Stirn.
„Mir ist kalt, okay?“, erwiderte er gereizt, als er meinen Blick bemerkte.
„Ich hab nichts gesagt“, verteidigte ich mich, aber es wunderte mich tatsächlich, dass Dean, der normalerweise nackt schlief, plötzlich mit T-Shirt und Boxershorts ins Bett ging.
„Das musst du auch nicht. Dein Blick sagt mir alles, was ich wissen muss“, brummte er und legte sich neben mich, drehte mir aber den Rücken zu.
Verflucht, wir schienen uns einen Schritt vor, aber im nächsten Moment wieder drei Schritte zurückzubewegen.
So ging es einfach nicht weiter.
Ich musste dringend mit Katie sprechen. Vielleicht hatte sie eine Idee, was ich noch tun könnte.
Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlug, fühlte ich mich wie gerädert. Müde sah ich umher und stellte fest, dass ich allein in unserem Schlafzimmer war.
Wo war Dean?
Die Uhr auf dem Nachtschränkchen zeigte sieben Uhr an.
War er etwa schon zur Arbeit gefahren?
Eigentlich verließ er das Haus nicht vor neun, aber wenn man unseren gestrigen Disput bedachte, würde es mich nicht wundern, dass er schon so früh das Haus verlassen hatte.
Missmutig machte ich mich für den Tag fertig und verließ eine halbe Stunde später ohne Frühstück das Haus. Diese erneut verfahrene Situation war mir auf den Magen geschlagen.
Da Katie heute einen Tag frei hatte, musste ich den Laden alleine schmeißen.
Ich kontrollierte, ob sich auch alles dort befand, wo es sein sollte und sah auf meine Uhr. Mir blieb noch etwa eine halbe Stunde Zeit, bis ich öffnen musste. Deshalb beschloss ich, mir erst einmal einen Kaffee zu gönnen.
Während ich so da saß und an meiner Tasse nippte, dachte ich über den gestrigen Vorfall nach.
Wie konnte ich die Situation nur so falsch einschätzen? Schon wieder?
Wenn ich es mir recht überlegte, konnte ich es Dean nicht wirklich übel nehmen, dass er so reagiert hatte und auch nicht, dass er heute so früh gegangen war.
Ich hatte mich wieder einmal aufgeführt wie eine eifersüchtige Zicke.
„Toll gemacht, Skye“, murmelte ich vor mich hin. Wie sollte ich das nun wieder hinbiegen?
Ich saß lange da und grübelte, bis mich ein Klopfen an der Schaufensterscheibe aufschrecken ließ.
Ein Blick auf meine Uhr sagte mir, dass ich schon zehn Minuten zu spät dran war. Eilig stand ich auf, öffnete die Ladentür, so dass die Kundin eintreten konnte.
Den Rest des Tages konzentrierte ich mich voll auf meine Arbeit, und da mir inzwischen eingefallen war, wie ich mich mit Dean wieder versöhnen könnte, fiel es mir auch um einiges leichter. Endlich war es neunzehn Uhr.
Die letzten Kunden bezahlten gerade ihre Einkäufe, und ich freute mich darauf, in wenigen Minuten Dean zu sehen. Beschwingt setzte ich mich kurze Zeit später in meinen Wagen und fuhr Richtung SWA-Immobilien, dem Arbeitsplatz meines Zukünftigen.
„Hallo, Skye! Kann ich dir irgendwie helfen?“, begrüßte mich Steve, ein Arbeitskollege von Dean, als ich die Immobilienfirma betrat.
„Ja, hi Steve! Ich wollte Dean von der Arbeit abholen. Ist er in seinem Büro?“
„Nein, das tut mir leid, aber er ist vor etwa zwei Stunden gegangen.“
Ich runzelte die Stirn.
Vor zwei Stunden?
Wieder schlich sich ein leichtes Gefühl des Misstrauens ein.
„Weißt du, ob er einen Außentermin hatte?“
„Hm, ich kann mal im Computer nachsehen, aber soweit ich weiß, nicht.“
Steve setzte sich an den Rechner und öffnete den Kalender, in dem alle Termine eingetragen wurden.
„Nein, kein Termin heute“, bestätigte er seine Annahme.
„Hm, danke Steve“, murmelte ich.
„Hey, vielleicht ist er ja schon zu Hause und überrascht dich mit einem romantischen Candlelight-Dinner.“
„Hm, nur keinen Neid“, grinste ich, jetzt schon etwas besser gelaunt.
„I wo. Ich doch nicht“, prahlte der schwarzhaarige Mann vor mir.
„Danke, Steve“, erwiderte ich und wandte mich schon zum Gehen, als mir noch etwas einfiel.
„Oh, herzlichen Glückwunsch übrigens zum gestrigen Vertragsabschluss. War ja eine ziemlich große Sache, wie ich gehört habe“, lächelte ich ihn an.
Steve schaute mich verständnislos an.
„Ähm, was meinst du? Wir hatten gestern keinen Vertragsabschluss. Ehrlich gesagt, war es die letzten Wochen hier recht ruhig. Deshalb konnte Dean ja auch immer früher Feierabend machen. Er meinte, jetzt, da so wenig los wäre, wolle er jede freie Minute mit dir verbringen.“
In diesem Moment stürzte meine heile Welt in sich zusammen. Mein Herzschlag beschleunigte sich, und mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen.
Belogen.
Er hatte mich wirklich belogen. Seine ganzen Erklärungen von letzter Nacht. Alles Lüge. Aber wieso?
„Oh, na ja, dann muss ich wohl etwas falsch verstanden haben. Danke für deine Hilfe“, brachte ich gerade noch so heraus. Dann wandte ich mich um. Ich brauchte dringend frische Luft.
„Ist alles okay mit dir? Du bist plötzlich so blass“, hielt Steve mich auf, da ihm mein Stimmungswechsel wohl nicht entgangen war.
Ich riss mich zusammen und lächelte ihn an.
„Ja, alles bestens. Aber ich muss jetzt los. Schließlich will ich zu meinem Candlelight-Dinner nicht zu spät kommen.“
Steve grinste breit.
„Na, dann viel Spaß und tue nichts, was ich nicht auch tun würde“, zwinkerte er mir zu.
Ich nickte und verließ eilig das Gebäude.
Kaum an der frischen Luft, schossen mir die Tränen in die Augen. Die Erkenntnis, dass Dean mich die ganze Zeit über belogen hatte, tat so unendlich weh, dass es mir beinahe den Atem nahm.
Tränenblind stolperte ich zu meinem Wagen und fuhr nach Hause.
Wie zu erwarten, überraschte mich Dean nicht mit einem Essen bei Kerzenschein, denn er glänzte mal wieder durch Abwesenheit.
Mein Herz zog sich beim Anblick der leeren Wohnung zusammen. Denn anders als bisher wusste ich nun, dass Dean nicht bei der Arbeit war, sondern wer weiß was und mit wem trieb.
Sofort ohrfeigte ich mich innerlich für diesen Gedanken. Mein Hang, immer das Gute im Menschen sehen zu wollen, machte es mir schwer, die Fakten anzuerkennen. Ich wollte es einfach nicht glauben. Aber andrerseits…
Was sollte ich schon denken bei dem, was ich gerade erfahren hatte?
Ich musste mit irgendjemanden reden.
Kurzentschlossen rief ich meine beste Freundin Katie an.
„Hi, Skye“, meldete sie sich nach dem dritten Klingeln.
„Hi“, schniefte ich.
„Oh je! Was ist diesmal passiert?“
„Kann ich heute bei dir übernachten?“, bat ich, ohne auf ihre Frage einzugehen.
„Klar, aber was ist passiert?“
„Das erzähle ich dir, wenn ich bei dir bin, okay?“
„In Ordnung, dann komm erst mal her, und dann reden wir.“
„Danke“, flüsterte ich und beendete das Gespräch.
Bevor ich das Haus verließ, machte ich noch einen kleinen Abstecher ins Badezimmer, um mich wieder einigermaßen herzurichten.
Gerade als ich das Bad wieder verlassen wollte, fiel mein Blick auf den Wäschekorb. Unter der Hose, die Dean gestern getragen hatte, lugte sein weißes Hemd hervor. Ich zog es heraus und roch daran: Chanel N°5.
Ich hatte diesen Duft schon gestern Abend erkannt, weil es eines jener Parfums war, die ich absolut hasste. Es war mir zu süß und roch für meinen Geschmack einfach widerlich. Ich schmiss das Hemd wieder in den Korb, als mir auffiel.
Was war das für ein Fleck?
Ich nahm das Hemd erneut zur Hand und sah es mir genauer an.
Auf dem Hemdkragen befand sich eindeutig ein roter Fleck, der verdächtig nach verwischtem Lippenstift aussah. Warum war er mir nicht schon gestern aufgefallen?
Ach ja. Erst jetzt erinnerte ich mich daran, dass Dean ja noch sein Sakko über dem Hemd getragen hatte, als er ins Schlafzimmer kam.
Ich strich über den Stoff und stellte fest, dass er leicht feucht war.
Wie es schien, hatte Dean versucht den Fleck auszuwaschen. Aber da seine hauswirtschaftlichen Fähigkeiten eher dürftig waren, hatte er den Lippenstift eher noch tiefer ins Gewebe gerieben, als dass er ihn herausbekommen hatte.
Verletzt und wütend schmiss ich das Hemd in den Korb zurück, packte gedankenlos ein paar Sachen zusammen und machte mich auf den Weg zu Katie.
Bevor ich das Haus verließ, legte ich noch einen Zettel auf die Bettdecke:
Eigentlich hatte er diese Geste nicht verdient, aber ich konnte nicht aus meiner Haut.
Eine halbe Stunde später saß ich bei meiner Freundin auf dem Sofa und heulte mich bei ihr aus.
Katie hielt mich im Arm und hörte mir ruhig zu, während ich ihr erzählte, was ich in der Firma erfahren hatte, und was zwischen Dean und mir vorgefallen war.
„Na ja, und kurz bevor ich zu dir gefahren bin, hab ich das Hemd gefunden, das er gestern getragen hatte. Der Kragen ist voller Lippenstift“, schloss ich schluchzend meine Erzählung.
Katie wartete, bis ich mich einigermaßen beruhigt hatte und sah mich dann an.
„Bist du dir sicher, dass es Lippenstift war?“, fragte sie leise.
„Ja, er … er hat versucht es herauszuwaschen“, schniefte ich.
Meine Freundin sah mich mit ihren blaugrünen Augen mitfühlend an.
„Was soll ich denn jetzt machen?“, fragte ich und schluchzte wieder auf.
„Ich weiß es nicht. Aber vielleicht solltest du versuchen, nochmal mit ihm zu reden. Vielleicht gibt es ja doch eine plausible Erklärung für alles.“
„Das glaub ich nicht. Er hat eine Andere“, heulte ich.
Wir redeten noch eine ganze Weile. Katie versuchte mich davon zu überzeugen, nochmal mit Dean zu sprechen, aber ich hatte die Hoffnung verloren. Als es schon recht spät war, richtete meine Freundin die Couch für die Nacht her und ließ mich allein.
Doch ich fand keine Ruhe. Immer wieder rasten die Ereignisse des Tages durch meinen Kopf.
„Du solltest mit ihm reden. Vielleicht gibt es eine Erklärung für alles“, hallten Katies Worte in meinen Ohren wider.
Könnte sie vielleicht doch Recht haben?
Hatte ich vorschnelle Schlüsse gezogen?
Nein, bestimmt nicht, aber … was, wenn doch?
Ich musste es wissen.
Leise erhob ich mich vom Sofa und knipste das Licht an. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es kurz vor dreiundzwanzig Uhr war. Wenn es wirklich eine plausible Erklärung für alles gab, musste ich es wissen und das noch heute. Leise zog ich mich an und schrieb Katie eine Nachricht, dass ich doch nach Hause gefahren sei, um mit Dean zu sprechen.
Dann schnappte ich mir meine Tasche und verließ lautlos ihre Wohnung.
Zu Hause angekommen, stellte ich meine Tasche neben der Haustür ab und lief ins Wohnzimmer. Sofort, als ich das Licht eingeschaltet hatte, fiel mein Blick auf den Wohnzimmertisch, auf dem jetzt zwei benutzte Weingläser standen.
Ich keuchte auf.
Das durfte nicht wahr sein.
Benommen und mit klopfendem Herzen stieg ich die Treppe hinauf. Einen Moment blieb ich vor der Tür stehen, bevor ich sie mit zitternden und schweißnassen Händen öffnete. Das Szenario, was sich mir bot, ließ mich augenblicklich erstarren.
Der gesamte Raum roch nach Sex und Chanel N°5.
Ja, er war geradezu durchdrungen von dem Geruch.
Doch das Schlimmste war die Szene, die sich vor meinen Augen abspielte.
Dean lag nackt über einer blonden, ebenfalls nackten, Frau.
Ihre schlanken Körper waren schweißbedeckt und glänzten im diffusen Licht der Kerzen, die im Raum verteilt standen.
Ihr Keuchen und Stöhnen erfüllte das Zimmer, ihre verschlungenen Leiber bewegten sich im Einklang ihrer Lust. Sie waren so tief in ihr Liebesspiel versunken, dass sie mich nicht bemerkten. Ich stand wie angewurzelt da, verdammt dazu, zu sehen, was ich nicht sehen wollte. Wie in einem bösen Traum, in dem man läuft und läuft, ohne von der Stelle zu kommen, versagten meine Beine, versagte mein Wille, versagte meine Selbstachtung. Mein Gehirn schien ob der dargebotenen Szene vorübergehend den Dienst quittiert zu haben und verdammte mich dazu, wie bei einem schrecklichen Unfall zu beobachten, was hier passierte. Ich weiß nicht mehr wie lange ich so dastand. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Doch plötzlich drehte die Frau den Kopf in meine Richtung und zuckte, als sie mich erkannte merklich zusammen.
Auch ich hatte sie sofort wiedererkannt, obwohl ich sie bisher nur einmal gesehen hatte.
Ich schluchzte geschlagen und zutiefst erschüttert auf.
Augenblicklich schoss Deans Kopf in meine Richtung, und auch seine Gespielin sah mich mit weit aufgerissenen Augen an.
„Skye“, hauchte Dean entsetzt.
In diesem Moment kam ich wieder zu mir und lief ohne nachzudenken los. Angetrieben durch das Adrenalin, das durch meine Adern floss, rannte ich die Treppe hinab.
„Skye, warte! Ich kann …“, rief Dean mir hinterher, doch ich achtete nicht darauf.
Ich musste hier raus, sofort.
Ich hatte keine Ahnung, wohin ich lief.
Weg, einfach nur weg. Das war der einzige Gedanke, den ich hatte.
Mit tränenüberströmtem Gesicht rannte ich durch die menschenleeren Straßen, nur das Klacken meiner Absätze, die in schneller Folge auf dem schwarzen Asphalt auftrafen, war zu hören.
Der Schmerz und der Verrat von Dean, meinem Freund … der Mensch, dem ich über alle Maßen vertraut und den ich geliebt hatte. Alles raste wie ein Tornado durch meinen Kopf.
Immer weiter rannte ich, während das stete Rauschen des Blutes in meinen Ohren dröhnte und die eben erlebten Bilder mich verfolgten und mir die Galle hochtrieben.
Wie konnte er mir das nur antun?
Was hatte ich getan, um das zu verdienen?
Hatte ich die letzten zwei Jahre nicht alles dafür getan, damit es ihm gut ging?
Hatte ich mich zu wenig um ihn gekümmert?
Ich konnte mir nicht vorstellen, was ihn in die Arme einer anderen getrieben haben könnte.
Wir wollten bald heiraten.
Wir wollten Kinder.
Wir wollten …
Vorbei … alles vorbei.
Es war zu viel.
Das Gefühl, meinen Schmerz herausschreien zu müssen, drohte mich zu ersticken, sodass ich nachgab.
Es war mir egal, ob mich jemand hören würde. Ich schrie und schrie, während ich rannte, bis meine Lungen brannten und mich zum Stehenbleiben zwangen.
Keuchend rang ich nach Atem und presste meine Hand an die Seite.
Plötzlich wurde mir furchtbar schlecht.
Ich beugte mich vornüber und erbrach mich mitten auf die Straße.
Das Nächste, was ich spürte, war ein heftiger Aufprall, der mich zu Boden riss. Ein Schmerz, der so übermächtig war, dass mir abermals die Luft wegblieb, ließ die Welt um mich versinken.
Bevor die Dunkelheit mich völlig umfing, sah ich, dass der Wagen, der mich erfasst haben musste, mit quietschenden Reifen davonfuhr.
Dann wurde alles schwarz.
Seit fünf verdammten Tagen saß ich nun schon an Skyes Bett und ging immer wieder die Worte von Dr. Burke, ihrem behandelnden Arzt, durch.
„Die Verletzungen Ihrer Freundin waren sehr schwer. Miss Pierce hat ein Schädelhirntrauma, eine Platzwunde am Hinterkopf, einen Trümmerbruch des linken Beines. Was uns aber am meisten Sorgen bereitet, sind die diversen Rückenwirbelbrüche. Mr. Chapman, ich möchte ehrlich zu Ihnen sein. Die Chancen, dass Miss Pierce je wieder wird laufen können, stehen etwa achtzig zu zwanzig dagegen. Es tut mir sehr leid. Wir haben sie vorübergehend in ein künstliches Koma versetzt, um die Heilung zu unterstützen. Mehr können wir im Moment nicht tun.“
Wieder und wieder hallten seine Worte in meinem Kopf. Und mit jedem Mal schienen meine Schuldgefühle unerträglicher, sodass es mir beinahe den Atem raubte.
Die Tatsache, dass mich die Polizisten daran gehindert hatten, sofort im Krankenwagen mit Skye mitzufahren, weil sie noch an Ort und Stelle meine Aussage aufnehmen wollten, machte die momentane Situation noch schlimmer für mich. Denn als ich eine Stunde später im Krankenhaus ankam, war Skye noch immer im OP, so dass ich keine Möglichkeit hatte, sie noch bei Bewusstsein zu sehen.
Aber ich hatte mich den Anweisungen gefügt und erzählte ihnen, was passiert war. Nein, ich tat sogar noch mehr. Ich erzählte ihnen nicht nur von dem Unfall, sondern die ganze Geschichte. Wie ich Cynthia kennengelernt hatte, wie ich damit begann, die Frau, die ich liebe, zu betrügen. Wie lange das schon so ging und schließlich von meiner idiotischen Idee, Cynthia zu mir einzuladen, weil ich annahm, dass Skye die ganze Nacht weg sein würde. Zu guter Letzt schilderte ich den Unfallhergang, oder zumindest das, was ich davon mitbekommen hatte. Die Frage der Polizisten, ob ich den Wagen beschreiben konnte oder das Kennzeichen erkannt hatte, musste ich leider verneinen, da ich erstens zu geschockt von der ganzen Situation war und mich zweitens sofort um Skye gekümmert hatte.
Einer der Polizisten hatte mir noch seine Karte gegeben und mich gebeten, mich zu melden, falls mir doch noch etwas einfallen sollte.
Am Ende ließen sie sich noch die vollständigen Namen von Katie und Cynthia geben, da sie deren Aussagen ebenfalls benötigten.
Ich seufzte.
Es war meine Schuld, dass Skye hier lag. Ganz alleine meine Schuld. Wie konnte ich nur so dermaßen die Kontrolle über mein einst so geordnetes Leben verlieren? Warum war ich nicht einfach glücklich und zufrieden, mit dem, was ich hatte?
Ich vergrub mein Gesicht hinter meinen Händen und dachte an die Begegnung, die mein ganzes Leben verändert hatte.
Es war gerade kurz vor neun, als ich die Firma betrat. Ich begrüßte meine Kollegen und machte mich dann auf den Weg in mein Büro. Dort angekommen fand ich eine Notiz vor, mich sofort bei meinem Chef zu melden. Stirnrunzelnd wandte ich mich um und klopfte kurz darauf an die Tür meines Vorgesetzten.
„Ah Dean, schön, dass Sie da sind!“, begrüßte mich mein Boss lächelnd.
„Guten Morgen, Mr. Mitchell! Was kann ich für Sie tun?“, begrüßte ich ihn ebenso lächelnd.
„Nun, Dean, wie Sie ja wissen, war es schon länger geplant, Ihnen eine Assistentin zur Seite zu stellen, und was soll ich sagen? Jetzt ist es endlich soweit. Darf ich Ihnen Cynthia Richards vorstellen?“, sagte er und lächelte in Richtung seiner Sitzgruppe, die in einer Ecke des Raumes stand.
Ich folgte seinem Blick, gerade als sich eine große blonde Frau erhob und elegant auf uns zu kam.
Ich musterte sie von oben bis unten. Sie war wirklich sehr attraktiv. Ihr blondes Haar fiel in glänzenden Wellen über ihre schmalen Schultern. Ihre blauen Augen, die hinter einer Brille versteckt waren, leuchteten und strahlten eine Selbst - sicherheit aus, wie ich sie noch nie gesehen hatte.
Mein Blick glitt weiter hinab und musterte den Rest ihrer Erscheinung. Miss Richards trug ein grauschwarzes Shirt mit einem dezenten Ausschnitt, der viel Platz für Fantasie bot, jedoch nicht billig wirkte. Ihr knielanger Bleistiftrock betonte ihre schlanken langen Beine, die, umhüllt von schwarzen Strümpfen, in mindestens zehn Zentimeter hohen Highheels steckten.
Wow, diese Frau war blanker Sex.
Ich schüttelte den Kopf.
Was dachte ich da bloß? Ich war verlobt, verdammt noch mal. Verlobt und glücklich.
Wieso schossen mir jetzt plötzlich solche Gedanken durch den Kopf?
Ich riss mich zusammen und sah der Frau vor mir in die Augen.
„Miss Richards, das ist Dean Chapman, einer unserer Besten in der Firma“, erklärte mein Chef gerade, als die junge Frau, die ungefähr in meinem Alter sein musste, zu uns trat.
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Chapman“, sagte Cynthia und hielt mir die Hand entgegen.
„Ähm, mich auch“, brachte ich schließlich hervor und umschloss ihre schlanke, perfekt manikürte Hand.
Meine Gedanken wanderten weiter.
Cynthia und ich saßen zusammen in meinem Büro und arbeiteten an den neuesten Exposés.
„Könnten Sie diese Angaben bitte noch ergänzen“, sagte ich und schob ihr eines der Angebote hin.
„Selbstverständlich, Mr. Chapman“, antwortete sie und ergriff das Dokument. Für einen kurzen Moment berührten sich unsere Fingerspitzen. Ich hatte das Gefühl, als würde meine Haut verbrennen. Ich sah von meiner Akte auf und blickte geradewegs in die Augen meiner Assistentin.
Die Welt um uns herum schien stillzustehen.
Wie in Zeitlupe näherten sich unsere Gesichter. Doch kurz bevor sich unsere Lippen trafen, senkte Cynthia den Kopf und der Zauber, der uns umgeben hatte, war gebrochen.
Ich schüttelte benommen den Kopf.
Was zum Teufel war das?
Ich blickte zu Cynthia. Sie war bereits wieder über die vor ihr liegenden Unterlagen gebeugt und ergänzte diese, wie von mir verlangt.
Hatte sie denn nicht gemerkt, was gerade zwischen uns geschehen war?
Oder hatte ich mir das alles am Ende nur eingebildet?
Sollte ich sie vielleicht darauf ansprechen?
Nein, das kam nicht in Frage. Ich versuchte mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren und nicht über das gerade Geschehene nachzudenken.
Es war schon sehr spät, als wir endlich alle Unterlagen aktualisiert hatten.
„Okay, das war´s“, sagte Cynthia und sah mich mit einem verführerischen Augenaufschlag an.
„Sieht so aus“, erwiderte ich lächelnd.
„Dann mache ich jetzt Feierabend. Oder kann ich noch etwas für Sie tun?“, fragte sie und sah mir tief in die Augen. Ich war mir nicht sicher, aber es kam mir vor, als ob ihre Frage nicht auf die Arbeit bezogen war. Ich blinzelte.
Gott, diese blauen Augen.
„Ähm, nein. Das reicht für heute. Wir sehen uns dann morgen wieder “, antwortete ich schnell, bevor ich etwas tat, was ich später mit Sicherheit bereuen würde.
„Wie Sie wünschen, Mr. Chapman“, erwiderte sie und verließ hüftenschwingend mein Büro.
Himmel, dieser Hüftschwung bedeutet den Tod eines jeden Mannes.
Ich konnte und wollte sie so nicht gehen lassen.
„Miss Richards, bitte warten Sie!“, rief ich und eilte ihr hinterher.
Kurz bevor sie in den Lift steigen konnte, erreichte ich sie.
„Ja, Mr. Chapman?“, antwortete sie und sah mich mit reserviertem Blick abwartend an.
Mit einem Mal war ich von meiner Idee nicht mehr so überzeugt. Aber da ich sie nun schon aufgehalten hatte, versuchte ich mein Glück.
„Ähm, es ist schon sehr spät.“
„Ja“, hauchte sie.
„Na ja, ich dachte… nun, ich wäre kein guter Vorgesetzter, wenn ich Sie zu so später Stunde nicht nach Hause bringen würde“, erklärte ich ziemlich durchsichtig.
„Das ist sehr nett, Mr. Chapman, aber ich habe meinen Wagen unten stehen.
„Oh, okay, ich schätze dann sehen wir uns morgen.“
Meine Stimme muss sich angehört haben wie die eines kleinen Jungen, dem man gerade sein Lieblingseis aus der Hand geschlagen hatte. Ich war enttäuscht und fragte mich doch im selben Moment, warum dies so war.
„Ja, trotzdem danke für das Angebot“, hauchte sie und strich mir kurz sanft über den Arm.
Dann drehte sie sich um und verschwand im Lift, dessen Türen sich eisig vor mir schlossen. Ich blieb noch einen Moment wie angewurzelt stehen. Diese Frau machte mich einfach verrückt.
Aber wieso?
In den nächsten Wochen häuften sich solche Situationen. Eine kleine Berührung hier, ein Augenaufschlag da. Doch immer, wenn ich einen Schritt auf sie zu machte, zog sie sich zurück.
Ich verstand es einfach nicht. Aber es war unglaublich anregend.
Mein Verstand sagte mir zwar mit einer von Mal zu Mal eindringlicher werdenden Stimme, dass ich die Finger von ihr lassen sollte. Dass ich doch eigentlich glücklich verlobt sei. Dennoch: Diese Frau hatte etwas, was ich unbedingt brauchte. Und mir war klar, dass ich keine Ruhe haben würde, bis ich bekommen hätte, was ich wollte.
Durch eine Berührung auf meiner Schulter wurde ich aus meinen Gedanken gerissen.
Ich schaute auf.
„Guten Abend, Mr. Chapman. Ich wollte Sie nicht erschrecken.“
„Haben Sie nicht“, log ich und sah die Schwester an, die jetzt neben mir an Skyes Bett stand.
„Warum gehen Sie nicht nach Hause? Sie können im Moment nichts für ihre Freundin tun“, sagte sie leise.
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, ich möchte hier sein, wenn sie aufwacht.“
„Okay, dann lass ich Sie wieder alleine. Ich schaue später noch einmal herein“, sagte sie und verschwand.
Wieder alleine mit der schlafenden Skye neben mir versank ich abermals in meinen Gedanken.
Mr. Mitchell hatte mir den Auftrag erteilt, mich mit einem wichtigen Kunden zu einer Hausbesichtigung zu treffen und schlug vor, dass Miss Richards, die jetzt schon seit vier Wochen in der Firma arbeitete, mich begleiten könnte.
Natürlich stimmte ich ohne zu zögern zu, so dass wir uns auf den Weg machten.
Während der Fahrt überflog Cynthia die Unterlagen und machte sich Notizen. Hin und wieder runzelte sie die Stirn oder biss sich auf die Unterlippe.
Gott, wenn diese Frau wüsste, was sie allein mit dieser kleinen Geste in mir auslöste.
Plötzlich beugte sie sich vor, griff nach ihrer Handtasche und tippte im nächsten Moment auf ihrem Blackberry herum.
Einige Minuten später ließ sie es grinsend wieder in ihre Tasche gleiten.
Ich schüttelte den Kopf.
„Ist alles in Ordnung, Mr. Chapman?“, fragte Cynthia plötzlich und sah mich an.
Verdammt, sie hatte mein Kopfschütteln bemerkt.
„Ähm, ja alles okay. Gibt es irgendwelche Fragen zu den Unterlagen?“, versuchte ich von mir abzulenken.
„Nein, soweit alles klar. Ich denke den Vertrag haben wir so gut wie in der Tasche“, erklärte sie selbstsicher.
„Na, wenn Sie das sagen“, grinste ich und zwinkerte ihr zu.
Zehn Minuten später fuhren wir die imposante Auffahrt des Anwesens hinauf und warteten auf unseren Kunden. Keine fünf Minuten später glitt sein nachtblauer SUV mit getönten Scheiben durch die Einfahrt und kam direkt vor unserem Wagen zum Stehen.
„Showtime.“
Zwinkernd beugte ich mich zu Cynthia. Sie nickte forsch.
Wir stiegen aus, um unseren Kunden zu begrüßen.
„Guten Tag, Mr. Jones. Mein Name ist Chapman und das ist meine Assistentin, Miss Richards. Ich hoffe, Sie haben gut hergefunden“, begrüßte ich ihn freundlich.
„Ja, danke. Ich habe nicht viel Zeit. Könnten wir also bitte gleich mit der Besichtigung anfangen“, erwiderte er barsch.
Gott, das fängt ja gut an, dachte ich bei mir, versuchte aber ein ungezwungenes Lächeln zuwege zu bringen. Cynthia, die neben mir stand, straffte die Schultern, ohne sich von dem arroganten Gehabe unseres Kunden beirren zu lassen.
„Natürlich, Mr. Jones. Wenn Sie mir bitte folgen würden“, übernahm Cynthia das Ruder, wofür ich ihr sehr dankbar war, und die Besichtigungstour konnte beginnen.
Je länger der Termin dauerte, desto stärker gelang es Cynthia, unseren Kunden regelrecht um den kleinen Finger zu wickeln. Es war schier unglaublich zu beobachten, mit welchem Feingefühl, Witz und auch einem gewissen Maß an Unverfrorenheit sie diesen arroganten Schnösel aus der Reserve lockte. Trotzdem gab sie mir zu keiner Zeit das Gefühl, nicht die Kontrolle zu behalten. Nein, ganz im Gegenteil, wir schienen uns wie von selbst zu ergänzen.
„So, und zum Abschluss möchte ich Ihnen das absolute Highlight dieses Hauses natürlich nicht vorenthalten“, erklärte meine Assistentin versiert und öffnete die Flügeltüren, hinter denen sich ein großer, mit einer Bühne ausgestatteter Raum befand.
Ich hatte keine Ahnung, warum sie gerade diesen Raum als das Highlight bezeichnete. Denn für mich war es lediglich ein, zugegebenermaßen großer, Raum, den man zwar gut für Veranstaltungen nutzen konnte, mehr aber auch nicht.
Da Cynthia aber an diesem Abend ihr Überzeugungsgeschick schon mehrmals eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte, beschloss ich, ihr einfach zu vertrauen. Mein Gespür für ihr Können sollte mich nicht täuschen.
Staunend sah ich dabei zu, wie Cynthia unserem Kunden die „Vorzüge“ dieses Zimmers schmackhaft machte. Wobei sie den Nutzen der Bühne besonders hervorhob, da diese sich problemlos zu einem Laufsteg erweitern ließe und damit die optimale Location für zukünftige Modenschauen böte.
Moment. Modenschauen? Hatte ich etwas verpasst?
Natürlich war mir bekannt, dass Mr. Jones irgendwas mit der Modebranche zu tun hatte, aber zugegebenermaßen hatte ich mich mit der Vita unseres Kunden nicht im Detail beschäftigt, ganz im Gegensatz zu meiner Assistentin, wie ich bewundernd feststellte. Dennoch nahm ich mir vor, mich zukünftig mehr mit den Lebensläufen unserer Kunden zu befassen.
Jetzt aber sah ich Cynthia fragend an. Diese zwinkerte mir nur kurz zu und wandte sich dann wieder an unseren Kunden und malte ihm mit einem Enthusiasmus seine Zukunft aus, dass es mir die Sprache verschlug.
Woher zum Teufel wusste sie so viel über diesen Kerl?
Das musste ich nach dem Termin unbedingt herausfinden.
„Stellen Sie sich vor, Mr. Jones!“, hörte ich sie weiter sprechen.
„Ein paar Lichteffekte hier und da. Die passende Musik. Ein Model hübscher als das andere, und alle tragen ihre Kreationen.
Glauben Sie mir, Sie wären im Handumdrehen in aller Munde. Nicht, dass Sie das nicht jetzt schon wären, aber diese Location wäre das Tüpfelchen auf dem "i" ihrer Karriere.“
Strike!
Mit diesem letzten Blick in die Zukunft hatte sie unseren Kunden auf elegante Weise schachmatt gesetzt, so dass dem Armen gar nichts anderes übrig blieb, als seine Unterschrift unter unseren Vertrag zu setzen.
Zehn Minuten später hatten wir den Deal in der Tasche und verabschiedeten uns von unserem Kunden, der im Laufe der Besichtigung immer umgänglicher wurde und Cynthia am Ende aus der Hand fraß.
Die Bilder in meinem Kopf lösten sich auf, und ich nahm das monotone Piepen des Überwachungsmonitors wieder wahr.
Vorsichtig hob ich die Hand und strich mit den Fingerspitzen über Skyes Wange.
„Baby, bitte komm zurück zu mir. Ich brauche dich“, murmelte ich.
Aber natürlich reagierte sie nicht auf meine Worte.
„Bitte, Baby, es tut mir so leid.“
Nichts, keine Veränderung.
Seufzend ließ ich meine Hand sinken und betrachtete meine im Koma liegende Freundin.
Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen? Wie konnte ich nur zulassen, dass sich jemand in unser perfektes Leben gedrängt hatte? Diese Frage kursierte zum x-ten Male in meinem Kopf.
Aber war es das wirklich? Man sagt, zum Fremdgehen gehören immer zwei. Aber was war es, das mich diesen Schritt überhaupt hatte gehen lassen?
Ich schloss die Augen und versuchte dem Ganzen auf den Grund zu gehen.
Cynthia und ich saßen nach dem Termin mit Mr. Jones in einem kleinen Restaurant.
