Slaughter's Hound - Declan Burke - E-Book

Slaughter's Hound E-Book

Declan Burke

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Beschreibung

Harry Rigbys zweiter Fall: Er war dabei, er war Augenzeuge, als Finn Hamilton, der Radio-DJ, ins große Nichts spazierte, von seinem Studio aus, neun Stockwerke über ihm. Aber keiner kann glauben, dass Finn einfach nur die aktuellste Zahl in Irlands steigender Selbstmordstatistik sein soll. Nicht Finns Mutter, Saoirse Hamilton, deren Immobilienimperium langsam den Bach runtergeht, und nicht Finns schwangere Verlobte, Maria, auch nicht seine Schwester Grainne, und vor allem nicht Detective Tohill, der Bulle, der Rigby für den kaltblütigen Killer hält, für einen durstigen Bluthund. Schlecht für Rigbys Glaubwürdigkeit, dass er seine frühere Ermittlertätigkeit eigentlich an den Nagel gehängt hat und mit einem Taxiunternehmen nur notdürftig seine Drogenlieferungen kaschiert. Auch Finn Hamilton war sein Kunde … In Harry Rigbys Sligo mäht der Tod mit Lust und Verve alles nieder. Mit "Slaughter's Hound" legt Declan Burke erneut eine rasiermesserscharfe, tiefschwarze und pointenreiche Story vor, in der längst nicht nur die Hunde bissig sind. Ein packender, schneller Noir von einem der innovativsten Schreiber irischer Kriminalliteratur. "›Slaughter's Hound‹ hat alles, was man von einem richtig schwarzen Noir erhoffen kann, aber das wirklich Besondere ist der Stil: straff, geschliffen und lebendig – ein reines Vergnügen." Tana French "Mehr kann man sich von einem Krimi einfach nicht wünschen – Action, Spannung, tolle Figuren und tolles Setting, all das in leichter Schwebe über dem lyrischen Ton eines Top-Schreibers seines Genres." Lee Child

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Declan Burke, geboren 1969 in Sligo, lebt bei Dublin. Er ist Autor sowie Buch- und Filmkritiker für u. a. dieIrish Timesund betreibt die Website »Crime Always Pays«. Er hat zahlreiche Krimis veröffentlicht; auf Deutsch erschienen bisherAbsolute Zero Cool, The Big OundEight Ball Boogie.

DECLAN BURKE

SLAUGHTER'S HOUND

KRIMINAL ROMAN

AUS DEM ENGLISCHEN ÜBERSETZTVON ROBERT BRACK

Die Originalausgabedes vorliegenden Bucheserschien unter dem TitelSlaughter’s Hound beiLiberties Press, Dublin 2012

Die Veröffentlichungdieses Buches erfolgtmit Unterstützung vonLiterature Ireland

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D-22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten© Edition Nautilus 2019

Deutsche Erstausgabe:September 2019

Umschlaggestaltung:Maja Bechert, Hamburg

www.majabechert.de

ePub ISBN 978-3-96054-205-6

Für Vincent Banville

Inhalt

DONNERSTAG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

FREITAG

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

SAMSTAG

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Danksagungen

»Verbrechen ist nur die linkshändige Form menschlichen Strebens.«W. R. Burnett, »Asphalt-Dschungel«

Vorbemerkung des Autors:

Der Irische Wolfshund (Cú Faoil) wurde ursprünglich gezüchtet, um Wölfe zu bekämpfen und seine Besitzer aufs Schlachtfeld zu begleiten, und ist eine so alte Rasse, dass sie bereits in die irische Mythologie eingegangen ist, wobei »Cú« mit »Hund«, »Kriegshund« oder »Irischer Hund« übersetzt wurde. Der Legende nach wurde der junge Krieger Sétana zu Cú Chulainn, indem er den Hund von Culann tötete und ihm anbot, dessen Platz einzunehmen. Cú Chulainn, auch der Hund von Ulster genannt, besaß eine ganze Reihe von Árchú, Kriegshunden, die wegen ihres Blutdurstes gefürchtet waren.

DONNERSTAG

1

Es war einer dieser seltenen schönen Abende, an denen sich ein Spaziergang am Hafen lohnt, der Mond so fett und weich wie ein frisches Kissen in einem altmodischen Hotel und eine brausende Brandung mit Wellen, die silbrig-grün schäumen, und ein Vogel, von dem du noch nie gehört hast, zwitschert das traurige Lied von einem Ort, den du mal gekannt haben könntest, nun aber sehr wahrscheinlich nie mehr besuchen wirst, Mitte Juni, schon fast Mitternacht und ein laues Lüftchen weht, so ein Abend also, der wie gemacht ist für einen langen Spaziergang mit einer Frau, die gern lange Spaziergänge unternimmt und dabei nur wenig redet und dieses Wenige so leise murmelt, dass du Mühe hast, sie zu verstehen, ihr Lachen tief und kehlig, mit einem trockenen Humor und einem Hang zu Anzüglichkeiten, Augen wie der verschleierte Spiegel des nächtlichen Himmels, mit einem Blinken, das von den reflektierenden Sternen kommen oder der erste Funke einer sich regenden Absicht sein könnte, die du vorsichtig mit sanften Worten und einer zarten Berührung am rechten Ort anfachen solltest, oder du wirst den Rest deines Lebens und vielleicht die ganze Ewigkeit damit verbringen, dich zu fragen, was hätte sein können, nur wegen des Fehlens eines sanftes Wortes und einer redlichen und zärtlichen Berührung.

Es war genau so ein Abend, schon kapiert. Genau so ein Ort.

Wenn du jemals dort sein solltest, dann sag etwas Sanftes, sei redlich und zärtlich.

Ich hingegen beugte mich über den verkohlten Zwerg, der einmal Finn Hamilton gewesen war, seine Gliedmaßen noch zischend in einer Marinade aus öligem Fleisch und schmelzendem Teer, überall der Geruch nach versengten Haaren, verpufftem Benzin und verbranntem Schweinefleisch.

Es war Mitternacht und ein laues Lüftchen wehte.

Ich hatte gesehen, wie er sprang. War im Hof vor dem Gebäude auf und ab gegangen mit dem Telefon am Ohr. »Hör zu, Ben, sie hat Probleme auf der Arbeit, okay? Du musst das … Was? Ja, ich weiß. Aber weißt du, manchmal sagt deine Mutter Dinge, die sie …«

Zuerst hörte ich ihn nur. Leise, aber deutlich, oben im neunten Stock.

»Bell jars away …«

Unwillkürlich schaute ich hoch, in Erwartung des weiteren Textes, let’s be fearless with our promises, aber da sprang er, ein dunkler Fleck, der mit angelegten Flügeln steil herabstürzt wie ein gieriger Habicht aus der grellen Mittagssonne, ein gefallener Engel.

Ich vermute, er brach mit solcher Wucht durch das Taxidach, dass das Metall im Tank Funken schlug. Es war nur ein einziger Funke nötig.

Bumm …

Die Explosion warf mich drei Meter rückwärts auf einen Haufen Altmetall, wo ich taub und halbblind und mit Gliedern wie Gummi herumkroch und mir die Hände am rostigen Metall aufriss. Betäubt und orientierungslos, nachdem dieses Beben mein Innerstes nach außen gekehrt hatte

auf den Boden, liegen bleiben

meine Lungen hämmertenHerrgott, atme, atme und ein Dröhnen in den Ohren, der Aufschrei des gepeinigten Bluts

»Dad?«

blechern und in weiter Ferne

»Dad? Bist du da?«

das Telefon lag einen halben Meter und eine Million Kilometer entfernt, Staub klebte mir zwischen den Zähnen

»Ich glaub, es ist vorbei, Dad …«

der Gestank von verbranntem Fleisch und Metall klebt auf meiner Zunge.

Eine heiße Klinge bohrte sich durch meine Rippen, als ich nach dem Telefon griff.

»Ben?« Barsch und heiser. »Ich ruf dich zurück, Ben.«

Ich richtete mich schwankend auf, mit zittrigen Knien, und stolperte über den Hof auf das Feuer zu. Die Luft flimmerte, seine Füße sahen aus wie schaurige, unter Wasser herumwabernde Tentakeln. Einer seiner Mokassins fiel ab, als ich ihn herauszog, und im ersten Moment glaubte ich, ich hätte ihn entzweigerissen. Dann dachte ich, er hätte einen Zwerg auf das Taxi geworfen. Man denkt an seltsame Dinge, wenn man versucht, überhaupt nicht zu denken und einen Mann aus einem brennenden Wrack zu ziehen, dessen Fleisch auf dem schmelzenden Asphalt brutzelt.

Als ich den Kopf drehte und mein Magen ohnehin schon rebellierte, erkannte ich, warum er so klein wirkte.

Er war pfeilgerade nach unten gestürzt und hatte am Schluss die Arme angelegt, sodass der Aufprall seinen Kopf und seine Schultern in den Rumpf getrieben hatte. Es war noch ein bisschen von dem übrig, was einmal sein Hals gewesen war, aber der Kopf war zu Brei zerschmettert worden wie eine reife Melone.

Ich kotzte, bis ich nichts mehr im Magen hatte, und wählte den Notruf. Graue, fettige Klumpen zischten auf dem skelettierten Stahlrahmen des Taxis.

2

Alles begann an einem lauen Abend um zwanzig nach zehn, als die ID-Kennung des Anrufers im Display aufleuchtete: Finn-Finn-Finn. Ich legte das Buch beiseite und schaltete das Radio ein, um seine Stimmung zu testen. Tindersticks, »Tiny Tears«, kleine Tränen, die einen ganzen Ozean auffüllen.

Nicht sehr vielversprechend.

Dennoch, Geschäft ist Geschäft. Ich nahm ab.

»Wie geht’s denn so?«

»Gut, danke. Bist du beschäftigt?«

»Im Moment nicht.«

»Wie ist das Wetter?«

»Lau. Bist du im Urlaub?«

»Hoffentlich bald.«

»Wie lange?«

»Drei Wochen, wenn alles klappt.«

»Du hast es verdient, Kumpel. Bis später dann.«

»Alles klar.«

Ich schaltete das Taxi-Schild aus, parkte aus und fuhr nach Westen über die Wine Street, über die Umgehungsstraße und weiter auf die Strandhill Road. Ich machte das Radio aus. Finn spielte gute Musik, aber man musste in der Stimmung dafür sein. An manchen Abenden, wenn er betrunken war, drehte er durch und erzählte was vom Weihnachtsmann mit aufgeklapptem Rasiermesser im Fäustling, schwarzen Hunden, die den Mond vom Himmel bellen. Wenn man lange genug Taxi fährt und Finn zuhört, kann’s passieren, dass man mit einem Irokesenschnitt herumfährt und nach minderjährigen Nutten Ausschau hält und sich einen Politiker aussucht, der es wert wäre, ihm eine Kugel in den Wanst zu jagen.

Fünf Minuten später fuhr ich die Larkhill Road hoch, bog in Herbs Auffahrt ein und öffnete das Tor mit der Fernbedienung. Es war ein stattliches Mehrfamilienhaus mit zwei Erkerfenstern nach vorn, fünf Zimmern im oberen Stock und einem Keller, der auf keinem Plan verzeichnet war. Seitlich eine Garage mit zwei Stellplätzen. Herb hatte den größten Teil des Vorgartens asphaltieren lassen, damit die Taxis leichter rein- und rausfahren konnten. Üppige Ahornbäume und Kastanien säumten die hohen Backsteinmauern, die das Grundstück umgaben.

Ich fuhr hinters Haus, öffnete das Garagentor, parkte neben einem Golf, den ich nicht kannte, ein drei Jahre altes Modell, was darauf hinwies, dass Herb Gesellschaft hatte. Ich tippte den vierstelligen Code in das Display neben der Tür ein, die von der Garage direkt ins Haus führte, wartete auf den hohen Piepton und ging durch bis zur Küche. Schmiss den Wasserkocher an.

»Herb?«, rief ich. »Ich mach uns einen Kaffee. Welche Sorte möchtest du?«

»Hierher, Harry.«

So, wie er das sagte, war Ärger zu erwarten, und so oder so – Ross McConnell in Person bedeutete wirklich schlechte Nachrichten. Ich ging durch den Korridor ins Zimmer, und schon stand er auf und tat höflich, als wartete er darauf, vorgestellt zu werden, bemüht, es ganz harmlos erscheinen zu lassen, dass er mir jetzt auf Augenhöhe gegenüberstand.

Herb hatte einen roten Haarschopf, wie man ihn außerhalb von Stephen-King-Romanen über Killer-Clowns eher selten antrifft. Er saß vor dem Couchtisch und baute einen Joint, der Plasmabildschirm leuchtete, der Ton war abgeschaltet, es lief eine körnige Schwarz-Weiß-Doku über irgendein Ereignis damals an der Ostfront.

»Ross«, sagte er, »das ist Harry. Ich glaube, ihr kennt euch noch nicht.«

»Scheint mir auch so«, sagte Ross leicht näselnd. Er ließ sich Zeit damit, die Hand auszustrecken, musterte meine schwarzen Halbschuhe, meine schwarze Hose, das weiße Hemd und den locker geknoteten schwarzen Schlips. Ein respektables Äußeres, jedenfalls aus einiger Entfernung. Aus dem Zucken seiner Unterlippe schloss ich, dass er eher meine Ambitionen und weniger mein tatsächliches Styling wertschätzte. »Ross McConnell«, sagte er. Wir gaben uns die Hand. Kühl, fester Griff. Weder schlaff noch zupackend, nichts, woran man sich später erinnern würde, außer dass er dir die Hand geschüttelt und dir dabei in die Augen geschaut hatte.

Ross McConnell war nichts Besonderes. Ein bisschen größer als der Durchschnitt, trug beige Chinos, braune Segelschuhe und ein blitzsauberes blaues Hemd über einem weißen T-Shirt mit V-Ausschnitt. Einen Goldring am Ringfinger, aber sonst keinen Schmuck oder sonstige Kinkerlitzchen. Ross McConnell alias Toto, ein Spitzname, der ihm scherzhaft verliehen worden war, als er noch klein war und sich trotz seiner schmächtigen Gestalt eine Zukunft als Torschütze mit dem stechenden Blick eines Toto Schillaci ausmalte, auch bekannt als der Sizilianische Killer, der Irlands Hoffnungen auf einen Sieg bei der Fußball-WM 1990 zerschossen hatte, als Ross sechzehn oder siebzehn Jahre alt war. Nur dass Ross alias Toto nichts Besonderes war. Er ging jetzt auf die Vierzig zu und war nicht mehr schmächtig, aber auch nicht dick, stemmte offensichtlich keine Gewichte im Fitnessstudio, ließ sich aber auch nicht gehen. Sein braunes Haar war auf Stoppellänge getrimmt und es war noch so viel davon vorhanden wie nötig, nicht mehr, nicht weniger. Nichts Besonderes. Sein Blick wirkte nicht stechender als der eines Bankmanagers an einem Montagmorgen und auch nicht kälter als die letzten Meter, die man kriechend zum Nordpol zurücklegt. Aber nichts Besonderes, nein.

Allerdings war er der jüngere Bruder von Ted McConnell und praktisch seinConsigliere. Aber nicht so bemerkenswert, dass ein Augenzeuge einer Schießerei ihn in kürzester Entfernung in einer Reihe von Verdächtigen identifizieren würde, selbst wenn der zum dritten oder vierten Mal die Reihe abschritt und die verzweifelten Bullen ihm nur Zwerge und einbeinige Jongleure zur Seite gestellt hatten.

Nein, er war nichts Besonderes, dieser Ross McConnell. Das sind solche Typen nie.

»Harry …?«, fragte er zögernd. Er wusste es natürlich längst. Ich war überprüft worden, lange bevor ich mich hinters Steuer eines McConnell-Taxis setzen durfte. Wenn man ein ehemaliger INLA-Heuchler ist, der versucht, in die Legalität zu wechseln, zum Beispiel so einer wie Ted McConnell, dann muss man ein kleines bisschen sauberer sein als die Konkurrenz.

»Rigby«, sagte ich.

»Harry Rigby«, sagte er. »Rigby, Rigby, Rigby …« Er schaute runter auf Herb, der jetzt das Mundstück auf den Joint steckte, und dann wieder zu mir. »Du bist doch nicht etwa der Rigby, der seinen Bruder umgebracht hat?«, fragte er. Ich nickte. »Gonzo«, sagte er. »Hab ich recht?«

»Das stimmt.«

»Ich hab ihn gekannt. Ist Jahre her. Ein irres Arschloch.«

Es war keine Frage, also ließ ich es so stehen. Aus der Küche war ein dünnes Pfeifen zu hören. »Das Wasser kocht«, sagte ich. »Will sonst noch jemand einen Kaffee?«

»Ross wollte gerade gehen«, sagte Herb.

»Ich nehme einen kleinen Espresso«, sagte Ross. »Wenn’s keine Umstände macht.«

»Kein Problem.«

Als ich zurückkam, stand er immer noch da, den Kopf leicht geneigt, und las die Titel in Herbs Bücherwand, das meiste davon gebundene Ausgaben, größtenteils Sachbücher zum Thema Reisen und Abenteuer, Krieg oder populärwissenschaftliche Abhandlungen. Er hatte sich eine Biografie von Patrick Leigh Fermor unter den Arm geklemmt und prostete mir mit dem Espresso zu. Nahm einen Schluck und verzog das Gesicht, weil er so bitter war.

»Und wie läuft’s so da draußen?«, fragte er. »Geschäftsmäßig?«

»Im Moment ziemlich ruhig«, sagte ich. »Später ist dann mehr los.«

»Gut, gut.«

Wir standen da und tranken Kaffee, während Herb im Sessel an seinem Joint zog und eine Viertelmillion Deutsche vor Stalingrad festgefroren waren und immer noch hofften, Friedrich Paulus würde Hitler klarmachen, dass er sich sein »Sieg Heil« in den österreichischen Arsch schieben könnte. Das Schweigen wurde spröde, Toto schaute wieder zum Bücherregal. Ich drehte mir eine Fluppe und trat vor die gegenüberliegende Wand, Herbs Galerie mit gerahmten Fotos aus seiner Zeit als Paparazzi, manche waren Einzelbilder oder Porträts, manche Zeitschriftencover. Am besten gefiel mir das Titelblatt des Sligo Champion anlässlich einer Wahlkampftour von Bertie Ahern, auf dem er schockiert auf die Reste eines zerplatzten Eis starrt, die an seiner Krawatte kleben, darüber die Headline: »Berties Eiertanz um die Macht«.

Herb beugte sich vor, um abzuaschen, und entlockte dem gläsernen Aschenbecher ein Klimpern, das laut genug war, um Totos und meine Aufmerksamkeit zu erregen. Herb räusperte sich und fragte: »Na, gibt’s was Neues?«

Die Frage ging an mich. Ich schaute Toto an. Der hob demonstrativ die Hände zur Entschuldigung. »Ich bin gar nicht da«, sagte er. »Wenn ihr Geschäftliches zu erledigen habt, lasst euch von mir nicht stören.«

Herb nickte mir zu. »Finn hat angerufen«, sagte ich. »Er will drei Beutel.«

»Ach wirklich?«

»Jetzt gleich.«

»Er hat doch erst letzten Monat drei bekommen.«

»Das stimmt.«

»Ganz schön viel für den persönlichen Gebrauch.«

Herb verkaufte keine halben Portionen. Nur Beutel mit 150 Gramm Primo Bud. Süß wie Bambi im Abgang und ein Kick wie Klopfers Trommelwirbel. Er könnte es mit Oregano verschneiden, kleine Zweige mit in die Tüten tun, so wie das Totos Dealer machten, aber bei Herb war der Kunde König und er blieb immer korrekt.

»Nächste Woche kommen die Surfer nach Enniscrone«, sagte ich. »Die Wildwasserfrauen oder sowas.«

»Was macht er also damit, dealt er?«

»Glaub ich nicht. Wahrscheinlich versorgt er bestimmte Leute damit.«

Toto hielt jetzt ein anderes Buch in der Hand, Schrödingers Kätzchen von John Gribbin. Offenbar interessierte er sich für Quantenmechanik.

»Aber er versorgt sie gegen Geld«, hakte Herb nach.

»Ich will damit sagen, dass Finn es nicht nötig hat zu dealen.«

»Er wird es ja wohl kaum umsonst verteilen, oder?«

»Soll ich deswegen mit ihm reden?«

»Ja, fühl ihm mal auf den Zahn. Sieh mal nach, um was es geht. Ein Amateur, der uns dazwischenfunkt, wäre wirklich das Letzte, was wir gebrauchen können. In Bundoran rennen jetzt schon Bullen mit Boogie Boards durch die Gegend.«

»Mach ich.«

Toto stellte die Espressotasse auf den Tisch zurück und hielt das Buch von Gribbin hoch. »Herbie, würd’s dir was ausmachen …«

»Kein Thema, Mann, nimm’s mit.«

Das Gribbin-Buch wanderte unter seinen Arm, zusammen mit der Leigh-Fermor-Biografie. »Ich bring sie dir beim nächsten Mal zurück«, sagte er. »Ach, Harry?« Er machte eine Kopfbewegung Richtung Hausflur. »Hast du kurz mal Zeit?«

Aus irgendeinem Grund nahm ich meinen Kaffee mit, als ich ihm folgte. Er schlenderte durch die Küche und trat in die Garage. Dort drückte er auf den Knopf für das Tor. »Wie läuft’s so mit deiner Bewährung?«

»Ach, ganz gut. Hab noch ungefähr fünf Monate.«

Schiefes Grinsen. »Ungefähr?«

»Fünf Monate und vier Tage.«

»Und du bist clean, ja?«

Er meinte nicht bloß Heroin oder Koks. Er meinte alles, was ihm Probleme bereiten könnte, wenn ich von der Polizei angehalten wurde in einem Taxi, an dessen Fracht er vierzig Prozent Anteile hatte. Eine dämliche Frage. Ich würde es wohl kaum zugeben, wenn ich nebenher noch Kinderpornos aus dem Kofferraum verhökerte. Aber eigentlich war es gar keine Frage. Vor allem, weil Toto McConnells Definition von clean nicht die Beutel mit Gras umfasste, die ich für Herb in der Stadt verteilte.

Er öffnete die Tür seines drei Jahre alten stinknormalen marineblauen Golfs, stieg ein und legte die Bücher auf den Beifahrersitz. »Dieser Finn«, sagte er, »will drei Beutel. Stehst du für ihn ein?«

»Er hat mich nie hängenlassen. Zahlt immer im Voraus.«

»Und du kennst ihn, oder?«

Ich nickte. »Es ist Finn Hamilton.«

Er legte den Kopf schief. »Die Immobilien-Hamiltons?«

»Das ist seine Familie, ja. Aber er ist Kunsthändler.«

»Der Sohn von Bob Hamilton.« Er nickte vor sich hin und speicherte das ab. Könnte ja mal nützlich sein, es zu wissen. »Hat eine Galerie unten am Hafen«, sagte er, »in dem alten Verwaltungsgebäude. Oder verwechsle ich ihn mit jemandem?«

»Nein, das ist er.«

»Netter Job, wenn man ihn kriegen kann«, grinste er. »Hab ich recht?«

»Wenn man Kunst mag.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich mag Kunst. Warum denn nicht?« Er drehte den Schlüssel um und ließ den Motor des Golfs aufheulen, der anschließend leise vor sich hin schnurrte. Er schloss die Tür und ließ dann das Fenster herunter. »Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du Malky Gorevan kennst.«

Womit er mich wissen ließ, dass er wusste, dass ich meine Haftzeit, beziehungsweise nicht wenig davon, in Dundrum abgesessen hatte. Und wohl noch mehr durchblicken ließ, nämlich dass ich alles in allem doch verdammt früh rausgekommen war angesichts der Tatsache, dass ich wegen Mordes an meinem eigenen Bruder verurteilt worden war, ein mit sechs Jahren sehr mildes Urteil, wo die Tat eigentlich ausreichen sollte, mich lebenslang zu den anderen geisteskranken Kriminellen zu sperren. Gab mir zu verstehen, dass manche Leute sich darüber wundern könnten, dass ich so schnell wieder rausgekommen war, und sich fragten, ob ich vielleicht einen Deal gemacht hatte, könnte ja sein, dass Harry Rigby seine Schuld zurückzahlen wollte, indem er ab und zu jemandem aus Dankbarkeit den Hinweis steckte, wo’s einen dicken Fisch zu fangen gab.

»Ja, ich kannte Malky«, sagte ich. »Ein irres Arschloch.«

»Deshalb ist er ja in Dundrum gelandet«, sagte Toto.

»Wohl wahr. Wie geht’s ihm denn?«

Malky Gorevan gehörte zu den ganz wenigen ehemaligen Paramilitärs, die durch das Karfreitagsabkommen nicht wieder auf freien Fuß gekommen waren. Zum einen, weil niemand sich einen Scheiß dafür interessierte, ob die INLA wieder zu den Waffen griff, aber vor allem deshalb, weil Malky, der aufgrund diverser Vergehen verurteilt worden war, als Irlands erster Serienkiller in die Geschichte eingegangen wäre, wenn er sich nicht die Fahne des Freiheitskampfs umgehängt hätte. Falls Malky jemals wieder aus Dundrum rauskam, dann um eine ganz kurze Reise Richtung Norden anzutreten, wo ihn ein ganzer Stapel Haftbefehle erwarten würde, nicht zuletzt, weil er die Feinheiten der Einrichtung einer Autobombe mit Quecksilber-Neigungsschalter beherrschte, was ihm in manchen Kreisen einen Heldenstatus verschafft hatte.

»Malky, Malky.« Toto zuckte mit den Schultern. »Als ich zuletzt von ihm gehört habe, ging’s darum, ob er sich irgendwie rauskaufen kann, weil er einiges gegen Adams und McGuinness in der Hand hat.« Er zuckte wieder mit den Schultern. Malky war Schnee von gestern. »Hör mal«, sagte er, »Herbie hätte da was für dich, einen Job, falls du verfügbar bist. Wenn nicht, auch kein Problem.«

»Um was geht’s denn?«

»Herbie erklärt’s dir.« Er streckte die Hand aus und ich gab ihm meine. »Nett, dich kennengelernt zu haben, Harry.« Seine gar nicht besonderen Augen waren so grau und kalt wie Splitter einer Grabsteinplatte. »Wir sehen uns.«

Er fuhr rückwärts raus, wendete und verschwand. Ich wartete, bis das Eingangstor sich geschlossen hatte, wischte meine Hand an der Rückseite meiner Hose ab und kippte den restlichen kalten Kaffee in den Kübel einer Topfpflanze, die dringend gegossen werden musste. Es hatte seit sechs Tagen nicht mehr geregnet.

3

»Das war sein Viertes«, nörgelte Herb, als ich wieder ins Wohnzimmer zurückkam. »Zuerst war es ein Joe Campbell, das letzte Mal eine schöne gebundene Ausgabe über Spinoza, wie Gefühle unser Leben bestimmen. Bin ich eine Leihbibliothek oder was?«

»Vielleicht solltest du Gebühren nehmen.«

»Ja, genau.« Freudloses Lächeln. »Den Rahm abschöpfen und Ted dann erklären, dass alles Totos Schuld ist.«

Zehntausend Kilometer weiter westlich angesiedelt, wären die McConnells eine Bagage von Inzucht treibenden, herumkrakeelenden, durchgeknallten Hinterwäldlern gewesen, die mit ihren Schwestern ins Bett gehen. So aber waren sie die ersten, die sich nach dem Ende des Friedensprozesses im Norden in Sligo neu organisierten. Ted, der unverbesserliche Ex-INLA-Terrorist, würde niemals Ruhe geben, bevor nicht alles wieder so wäre wie vor der Ulster Plantation, als jeder Häuptling sein eigenes Lehen hatte und Männer mit Speeren um sich herum. Sie hatten mit Dope angefangen, sich dann auf Koks und Ecstasy verlegt und versuchten sich neuerdings in Heroin. Sie hatten die nötige Ausrüstung, die sie bei ihren Rollkommandos gerne zum Einsatz brachten, und mindestens einen Toten auf ihrem Gewissen. Eiskalt. Hatten die Hecktür eines Lieferwagens aufgerissen, nachmittags um drei, mitten in der Stadt. Eine Kugel in die Stirn, zwei in die Brust. Das Blut hatte über die Freundin des Ermordeten und das Baby auf ihren Armen gespritzt.Die Spatzen pfiffen es von den Dächern, dass Toto der Schütze gewesen war. Das Problem mit Spatzen ist nur, dass sie als Zeugen nicht sehr standhaft sind, sondern meist beim Kreuzverhör zusammenbrechen.

Herb nahm einen Zug von seinem Joint, setzte ihn ab und formte einen Rauchring. Lehnte sich auf seinem Ezy-Chair zurück. »Was wollte er denn von dir?«

»Fragte nach Finn und ob ich für ihn bürge.«

»Hast du hoffentlich nicht gemacht, für diesen unzuverlässigen Arsch.«

Herb hielt nur sehr wenig von Finns perversen Vorlieben wie Skifahren, Surfen und neuartigen Wohltätigkeitsaktionen. Herb war der Ansicht, Finn sollte, wenn er denen helfen wollte, die weniger hatten als er selbst – was heutzutage bedeutete: jeder bis auf die Hamiltons selbst –, einfach mal darüber nachdenken, einen Teil des Hamilton-Holding-Gewinns vor Steuern zu spenden, anstatt andere Leute mit der Bitte um mildtätige Gaben zu nerven.

»Ich hab ihm versichert, dass Finn immer sofort zahlt«, sagte ich.

»Hast du ihm gesagt, wer er ist?«

»Dass er Finn Hamilton ist, klar. Den Rest wusste er.«

»Dundrum?«

»Er weiß, dass ich in Dundrum war, ja. Fragte, ob ich Malky Gorevan kenne.«

»Aber du hast ihm nicht erzählt, dass du in einer Zelle mit Finn warst.«

»Nein.«

Unterlassungssünden. So nennen die Bischöfe geheime Vorbehalte.

»Vielleicht wollte er eigentlich das wissen«, sagte Herb.

»Lass gut sein. Letzten Endes wollte er mir nur mehr Arbeit anbieten, für den Fall, dass ich verfügbar wäre, wie er sich ausdrückte.«

»Das hat er erwähnt?«

»Um was geht’s denn?«

»Eine Fahrt nach Galway, morgen. Es geht um eine Lieferung. Recht klein, zehn Riesen wert, aber guter Stoff. Er hat mich gefragt, aber du weißt ja wie’s ist.«

Herb ging nicht oft raus, zum einen weil er leicht paranoid war, aber vor allem, weil er Menschen einfach nicht mochte. Sein schlichtes Credo lautete: Geh davon aus, dass alle Idioten sind.

Er war mal Pressefotograf gewesen, ein guter, hatte für eine Agentur gearbeitet. Ein paar Jahre lang waren wir ein Team gewesen, wir hatten lokale Medien beliefert und überregionale angepeilt. Ich schrieb, Herb fotografierte, und ab und an übernahmen wir Aufträge für diskrete Nachforschungen, was eine hübsche Beschreibung dafür ist, dass wir Hotelparkplätze überwachten, um Ehemännern auf Abwegen die Midlife-Crisis nachzuweisen.

Schöne Zeiten.

Dann wurde Herb das Gesicht zertrümmert. Jemand hatte jemandem erzählt, Herb hätte ein Foto, das jemand anderes haben wollte.

Ich war der Jemand, der das erzählt hatte. Versehentlich.

Es spielt auch keine Rolle, wer es war. Die Schläger liefen immer noch frei herum und konnten zertrümmern, was ihnen beliebte. Herb blieb zu Hause, seine Haut wurde bleich und teigig. Wie’s halt so kommt, wenn beide Kiefer und ein Teil des Wangenknochens mit Stahlplatten unterlegt wurden. Egal, für Herb lief es darauf hinaus, viel zu Hause zu sein und jede Menge Gras zu rauchen. Eines Tages, damals, als Toto McConnell noch selbst dealte, fragte er, ob Herb ihm ein paar Räumlichkeiten zur Verfügung stellen könnte. Herb hatte eigentlich keine Lust auf einen Untermieter, aber Toto wollte das Dachgeschoss zum Gewächshaus umbauen.

Ein paar Jahre später konnte Herb jeden Monat ein paar Tausender zur Seite legen, zusätzlich zu seiner Behindertenrente, leicht verdientes Geld. Zwei Jahre danach fuhr er nach Larkhill und unterbreitete Toto seine Idee mit den Taxis, als gute Tarnung für das Geschäft – »Deals on Wheels«, gewissermaßen. Auf diese Weise konnte ein Teil der Einnahmen legal versteuert werden und niemand kam auf die Idee, ihm die Steuerfahndung auf den Hals zu hetzen, weil er sich darüber wunderte, woher ein erwerbsloser Behinderter das Geld für ein Zweifamilienhaus mit eigenem Grundstück in der Vorstadt hatte.

»Und wieso so kurzfristig?«, fragte ich.

»Der Typ, der das sonst erledigt, hat gestern Abend eine Kniescheibe zerschmettert.«

»Und jetzt ist er untergetaucht.«

»Nein, nein, er hat sich das eigene Knie ruiniert. Beim Hallenfußball oben im Sports Complex. Stieg richtig rein beim Tackling und zack, schon war’s passiert.«

»Meine Güte.«

»Ja. Und, was meinst du? Toto will das Zeug unbedingt morgen holen lassen, weil er es Samstagabend verticken will. Also gibt er zwanzig Prozent.«

»Zwei Riesen?«

»Ich hatte den Eindruck, so wie er das andeutete, dass Toto damit ein paar wichtige Rädchen im Getriebe schmieren will.«

»Also sprechen wir hier nicht von Rauchware.«

»Von Koks, genau.«

»Scheiße.«

»Zwei Riesen, Harry. Fünf Hunnis für mich als Provision, klar, aber dann bleibt dir immer noch ein hübsches Sümmchen, nur für eine Fahrt nach Galway.« Er rutschte auf seinem Ezy-Chair nach vorn und reichte mir den Spliff. Als ich ablehnte, warf er ihn in den Aschenbecher und stand auf. »Denk einfach mal drüber nach, okay? Kann nicht schaden, sich mit Toto gutzustellen.«

Er taumelte leicht zur Seite, als er losmarschierte, fing sich aber wieder und ging in den Flur. Im gleichen Moment klingelte mein Handy und auf dem Display stand: Dee-Dee-Dee.

Ich legte das Telefon auf den Couchtisch, drehte mir eine Fluppe und wartete, bis es zu Ende geklingelt hatte. Herb kam zurück mit den drei Beuteln für Finn und warf sie auf den Tisch, als das Signal für die eingegangene SMS ertönte und das Display aufleuchtete, um mich zu informieren, dass ich vier Anrufe von Dee verpasst hatte.

»Das erinnert mich daran, dass Dee vorhin angerufen hat«, sagte er. »Du sollst dich bei ihr melden.«

»Danke.«

»Sagte irgendwas über ein Elterngespräch mit dem Lehrer morgen.«

»Ich hab ihre Nachrichten gelesen, alles klar.«

Er nahm den Joint aus dem Ascher und setzte sich wieder in seinen Sessel. »Wie macht sich Ben denn so?«

»Prima. Kein Grund zur Sorge.«

»Ist ein guter Junge.«

Herb hatte Ben seit Jahren nicht gesehen. Fairerweise muss gesagt werden, dass er sich um Dee gekümmert hat, als ich im Knast saß. Hat sie wissen lassen, dass sie nicht allein ist und er Geld lockermachen kann, wenn sie es braucht. Nicht, dass sie ihn ausgenutzt hätte, aber manchmal ist es ganz gut zu wissen, dass es jemanden gibt für den Fall der Fälle.

Noch ein Gefallen, den ich ihm schuldete.

»Also, was meinst du zu Totos Vorschlag?«, fragte er.

»Klar mach ich’s.«

»Du rettest meinen Tag, Harry.«

»Falls Dee anruft, hast du mich nicht gesehen.«

»Roger und Wilco.«

Ich drückte die Fluppe aus und griff nach den drei Tüten. Herb zielte mit der Fernbedienung auf den TV-Bildschirm. »Warte«, sagte er, klickte das Menü auf und ging die Optionen im Digital-Radio durch. »Lass uns mal nachschauen, in welcher Stimmung der Klugscheißer gerade ist.«

Er drückte auf McCool FM, gerade noch rechtzeitig für die letzten Takte von Townes Van Zandts »St. John the Gambler«.

»Meine Güte«, murmelte Herb.

Von Van Zandt ging’s zu Joy Division, »She’s Lost Control«. Gleich danach kam Big Star mit »Holocaust«.

Herb gab als Erster auf.

»Da sind jede Menge Motown-Sachen«, sagte er und deutete mit dem Spliff auf sein CD-Regal. »Nimm die mit runter zum Hafen, fessle diesen Teilzeit-Philanthropen an seinen Stuhl und sag ihm, er kriegt nichts mehr von mir, bis er Smokey Robinson aufgelegt hat.«

»Mach ich.«

4

Ich zog »Going to a Go-Go« raus, nahm die drei Beutel und ging zum Wagen. Als ich unten in Larkhill angekommen war, leuchtete die Tankanzeige orange auf, also fuhr ich quer durch die Stadt zu einer Tanke an der Pearse Road, die auch nachts geöffnet hatte. Dort konnte ein Taxifahrer mit guten Beziehungen bei jedem Auftanken eine Tasse gratis von etwas bekommen, das wie schwarzer Kaffee roch. Als ich von der Mailcoach Road abbog, klingelte mein Telefon, Dee-Dee-Dee.

Ich hätte es ignorieren können, aber dann hätte sie immer wieder angerufen.

»Dee?«

»Hast du meine Nachricht bekommen?«

»Welche Nachricht?«

»Die ich Herb geschickt habe.«

Ich lenkte den Wagen vor die Tanksäulen, nahm das Handy aus der Halterung, stieg aus und klemmte es zwischen Schulter und Ohr. »Ich hab Herb seit Dienstag nicht mehr gesehen«, sagte ich, während ich den Zapfhahn in den Tank schob. »Was ist denn los?«

»Das Eltern-Lehrer-Gespräch, Harry. Ich wollte nur sichergehen, dass du es nicht vergessen hast.«

»Der Empfang ist ganz schlecht, Dee. Kannst du das wiederholen?«

»Wenn ich dich in die Finger kriege, geht’s dir ganz schlecht. Hast du das empfangen?«

»Hör mal, Dee, du weißt doch, dass ich meinen Schlaf …«

»Wir haben Inventur morgen, Harry. Das hab ich dir schon mal gesagt. Ich kann da nicht weg.«

»Aber ich soll meine Einnahmen in den Wind schießen. Damit du deinen Job machen kannst.«

»Das findet einmal im Jahr statt, also kannst du ruhig mal was mit Ben unternehmen. Das ist bestimmt nicht zu viel verlangt.«

Das alte Argument. Ich ließ es stehen.

»Es ist wichtig, dass du das machst, Harry. Und zwar für Ben, nicht für mich. Und vielleicht ja sogar für dich selbst.«

Das sagte sie ohne fiesen Unterton. Klang eher müde, mit diesem leichten Zittern in der Stimme, das sich angesichts des traurigen Rests in ihrem dritten Glas einstellte, von dem Fusel, der in dieser Woche gerade im Angebot war.

»Können wir das nicht auf vier Uhr verschieben?«, fragte ich. »So könnte ich wenigstens …«

»Harry«, sagte sie ohne Zittern, ganz geradlinig, »das Gespräch findet um zwei Uhr statt. Und du bist um halb zwei hier, um Ben abzuholen, wenn nicht, dann schwör ich dir, werd’ ich es ihm erzählen.«

Die alte, uralte Drohung. Vielleicht war sie ja schon beim vierten Glas. Der Zapfhahn klickte, der Tank war voll.

»Hast du mich verstanden?«

»Warum sagst du’s ihm nicht einfach, Dee?« Er wird sowieso früher oder später erfahren, dass der Mann, von dem er denkt, er sei sein Vater, den erschossen hat, der niemals sein Vater sein wollte. Besser, Dee erzählte es ihm, als irgendein Schandmaul auf dem Schulhof.

»Wenn ich wüsste, wo er ist«, sagte sie. »Ich schwör’s dir, wenn er jetzt zu Hause wäre …«

»Hat er denn sein Handy nicht einstecken?«

»Versuch du doch mal, ihn anzurufen. Na los, ruf ihn an, probier doch mal, wie weit du damit kommst.« Das Geräusch, das ich für fernes Donnern gehalten hatte, waren ihre Finger, die auf das Telefon trommelten. »Ein Uhr dreißig, Harry. Sei pünktlich.«

Sie legte auf. Die Lage verbesserte sich auch nicht angesichts der Tatsache, dass ich nach dem Volltanken siebenundfünfzig Euro hinblättern musste und anschließend nur noch ein paar Münzen in der Tasche hatte. Dann machte ich den Fehler, quer durch die Stadt fahren zu wollen, anstatt die Umgehungsstraße zu nehmen. In den Außenbezirken war es besser, und es gab ja vor allem Außenbezirke, aber die Innenstadt war eine Katastrophe aus Beton und Chrom. Alte Straßen, hoch und eng, Verkehrsadern, so verstopft und verkalkt, dass der Verkehr nur tropfte oder sich gar nicht mehr bewegte. Die Ampel ein unscharfes Standbild mit Rot und Grün, blinkendes rosa Neon, fluoreszierender Blues. Bum-Bum-Rhythmen aus heruntergelassenen Seitenfenstern, wummernd pulsierende, kräftige Bassklänge. An einem schlechten Abend brauchte man fünfzehn Minuten, um die zweihundert Meter von der Abtei bis zur Statue von Lady Erin zurückzulegen. Der Mob, der sich vor den Klubs drängte, trug Kapuzenjacken über Baggy-Jeans, deren ausgefranste Hosenbeine den Boden wischten. Die Nacht der lebenden McToten. Mädchen in kurzen Tops mit dicken Bäuchen, mit tiefsitzenden Hüftjeans, darunter String-Tangas wie Käseschneider. Falls jemand auf die Idee kommen sollte, sie könnten womöglich gar keine Unterwäsche tragen.

Ich verließ die O’Connell Street und fuhr nach Westen, bog in die Adelaide und an der neuen Brücke links ab auf Lynn’s Dock, wo der Mond wie eine Grapefruit über den Hafenmauern hing. Finn spielte die Northern Pikes mit »Place That’s Insane«. Weiter am Ballast Quay und den eigentlichen Kaianlagen entlang, auf das Deepwater Quay, schwarzes Wasser zu meiner Rechten, Lagerhäuser und Depots zu meiner Linken, der Connacht-Gold-Baumarkt leuchtete wie eine abschussbereite Rakete. Dahinter ragte das hässliche Gebäude der Hafenverwaltung auf und noch weiter hinten ein Dschungel aus Gestrüpp und die rostrote Marsch. Gelegentlich wurde davon gesprochen, die Marsch in ein Naturschutzgebiet zu verwandeln, ein Vogelschutzgebiet, aber niemand unternahm etwas in dieser Hinsicht. Die Vögel kamen und flogen wieder davon, auch so.

Ich bog ab auf den Hof der Hafenverwaltung, umfuhr im Slalom die Schlaglöcher, langsam im zweiten Gang. Der Hof war vollgestellt mit verrosteten Containern, Haufen von Alteisen und Anhängern voll verschimmelter Holzbohlen. Hohes Gestrüpp wucherte in zugemauerten Eingängen. Es war ein schwüler Tag gewesen, die Luft noch warm, der scharfe Geruch nach heißem Teer hing in der Luft.

Das Verwaltungsgebäude war neun Stockwerke hoch und ein Beispiel für die hässlichen Ausprägungen des Modernismus der sechziger Jahre und seiner Überheblichkeit, erbaut, als der Hafen noch florierte und das Land unter Lemass hart vor dem Wind segelte. Polnische Kohle, norwegisches Holz, jamaikanischer Zucker, australische Wolle. Öltanker gingen vor der Küste vor Anker. Russen sprangen von Bord und gingen nie mehr zur See. Der erste Afrikaner stammte aus Nigeria und war eine Berühmtheit. Sie nannten ihn Paddy Dubh, und er musste nie bezahlen, wenn er sich ein Glas Stout bestellte.

Dann brachen die siebziger Jahre an, die Ölpreise gingen durch die Decke. Die Kohle blieb aus, dann der Zucker. Der Kanal verschlammte. Paddy musste sein Bier selbst bezahlen. Die Krise wurde so schlimm, dass die Behörde für Industrieförderung das Gebäude der Hafenverwaltung kaufen musste, um dann zwei der neun Stockwerke wiederum an die Hafenverwaltung zu vermieten. Sogar das war eine Farce, weil die Industrieförderung der Verwaltung das Geld für die Miete leihen musste.

Dann kamen die Achtziger, ein gutes Jahrzehnt für Unkraut und Ratten. Alle vergaßen, dass es mal einen Hafen gegeben hatte, oder versuchten es zumindest.

Und Big Bob Hamilton zog ein wie die Kavallerie. Zu diesem Zeitpunkt hatte er so gut wie jeden Quadratzentimeter von Thatchers London mit Trockenbaukonstruktionen zugemüllt, und als sie die Eiserne Lady schließlich rauswarfen, nahm Bob das als deutlichen Hinweis und kam nach Hause. Das war 1991, und er erkannte mal wieder die Zeichen der Zeit. Er verkaufte teuer in London und kaufte billig in Sligo und dem gesamten Nordwesten. Wurde Mitglied bei den Rotariern, im Tennisklub, im Golfklub und bei den Lions, in so gut wie jedem Klub bis auf den Dienstagsschachklub im Trades Club. Schließlich wurde er Mitglied des Aufsichtsrats der Behörde für Industrieförderung und vier Monate später kaufte er sechseinhalb Hektar Hafengelände inklusive Verwaltungsgebäude und Schrottplatz und so gut wie allem, was es da sonst noch gab.

Finn hatte mir das alles erzählt, vom unteren Bett in unserer Zelle in Dundrum. Er klang dumpf und gelangweilt dabei, aber die Geschichte war klar und deutlich. Wie es hieß, Big Bob persönlich sei verantwortlich für die neue Schreibwarenfabrik in Finisklin, wo drei Angestellte unermüdlich daran arbeiteten, den Bedarf an braunen Briefumschlägen zu decken. Seriöse Investitionen seien auf den Weg gebracht, der Hafen sollte eine Verjüngungskur bekommen, Bob hatte alles vorbereitet, um einen großen Fisch an Land zu ziehen. Die Investition kam dann nie, und der große Fisch ging nicht an Land, im Gegenteil, 1998, als Finn gerade achtzehn geworden war, sah er mit eigenen Augen, wie der nagelneue BMW seines Vaters über die Kaimauer ins Wasser fuhr, während sein Vater noch am Steuer saß. Die offizielle Version lautete Tod durch Unfall, obwohl die Untersuchung keine befriedigende Erklärung dafür fand, wieso sämtliche Fenster des Beamers heruntergelassen waren, direkt am Wasser spätabends im Januar.

Kurze Zeit darauf fingen die Brandstiftungen an, und Finn raste mit Vollgas auf seinen ersten Absturz zu.

Ich fuhr auf den kleinen Parkplatz vor dem Gebäude und bemerkte einen schnittigen braunen Saab im Licht der einzigen Lampe über der Eingangstür. Das war eigenartig. McCool FM war eine One-Man-Show, und DJs, die Leonard Cohen auflegen, haben keine Groupies, jedenfalls nicht mehr seit dem Tod von John Peel, Gott segne seine Baumwollsocken. Was bedeutete, dass Finn unerwartete Gäste hatte. Oder er ging seiner Tätigkeit als Mittelsmann nach und verkaufte seine Beutel weiter.

So oder so war es nicht gut.

Der Fahrer des Saab stieg gerade aus.

Die Beutel lagen versteckt unter dem Ersatzrad im Kofferraum, also lenkte ich auf den Platz neben ihm, setzte zurück und parkte das Taxi rückwärts neben Finns schwarzem Audi ein, mit dem Kofferraum ganz dicht vor der Hauswand. Stieg aus, schloss ab und schlenderte auf den Eingang zu. Der Fahrer des Saab hob eine Hand und sagte: »Bleib stehen, Kumpel.«

Sein Akzent war nicht so hart wie bei einem aus Derry, und es war ein leichter Hauch nördliches Donegal mit dabei. Seine Statur erinnerte an ein umgedrehtes Cello, er trug ein weißes Hemd mit geöffnetem obersten Knopf, eine schmale schwarze Krawatte mit lockerem Knoten. Lackschuhe, in deren Glanz er seine ebenmäßigen weißen Zähne mit Zahnseide bearbeiten könnte. Durch die geöffnete Tür des Saab sah ich auf einem Kleiderbügel das Sakko eines dunklen Anzugs mit seidenem Innenfutter in rotem Paisley-Muster. Vielleicht italienisch. Seine Augen starrten mich an wie eine Doppelschrotflinte mit abgesägtem Lauf.

Ich blieb fünfzehn Zentimeter vor dem Bereich stehen, den er mit seinen Fäusten wohl erreichen konnte. »Ich werde erwartet«, sagte ich.

»Aber nicht von mir, bestimmt nicht.«

»Da haben Sie auch wieder recht.«

Es ist immer problematisch, wenn ein Typ glaubt, er könnte dir sagen, was du tun sollst, weil es dann nur eine Frage der Zeit ist, bis alle anderen das auch glauben. Dann kommt man ins Schleudern. Und ich stand sowieso schon auf wackeligem Terrain.

»Ich gehe da hoch«, sagte ich.

»Geht in Ordnung, Kumpel, aber nicht jetzt.«

Ich reckte den Hals, um in den neunten Stock zu schauen, die Fenster dort waren mattgelb erleuchtet. »Verlangt er von Ihnen, dass Sie eine Krawatte tragen?«

Das brachte ihn kein bisschen aus dem Konzept. »Wissen Sie, was ich mag?«, sagte er. »Autos, feinen Zwirn und Mösen. Er bezahlt mich dafür, dass ich einen Saab fahre und gute Anzüge trage.«

»Zwei von drei ist keine schlechte Ausbeute.«

»Ich komm voran.« Er hob das Kinn. »Finn erwartet dich?«

»Ganz recht.«

Er warf einen Blick hinter mich. »Stimmt was nicht mit seinem Audi?«

»Außer, dass es kein Porsche ist?«

»Genau das ist der Punkt.« Er trat einen Schritt zur Seite und winkte mich durch. »Jimmy«, sagte er.

»Rigby.«

Er beugte sich vor, als ich an ihm vorbeiging, schnüffelte und blähte die Nüstern. Ich schaute auf und starrte direkt in die Läufe der Doppelflinte, schwarz, kalt und ohne ein Licht, das dem müden Pilger den Weg weisen könnte.

»Bleib sauber, Rigby.«

»Ich versuch’s.«

5

Finn Hamilton war von Anbeginn verflucht, seit seine Mutter ihm den Namen von Fionn mac Cumhaill, dem großen Helden der irischen Mythologie, gegeben und ihm damit schon von Kindesbeinen an zu verstehen gegeben hatte, dass er ein ganz außergewöhnlicher Mann werden sollte: ein Jäger, ein Krieger, eine Legende, ein König. Nicht der geringste Erwartungsdruck also.

Und dann muss er als junger Mensch mitansehen, wie sein Vater ertrinkt.

Ich schätze, sie können froh sein, dass er nur ein paar Häuser niedergebrannt hat.

Seine Erleuchtung hatte er im Psychiatrischen Krankenhaus in Dundrum, als ihm klarwurde, wie er den Namen Hamilton und die damit einhergehenden Ressourcen nutzen könnte. Er gab seinen Widerstand auf und ließ sich mit dem Strom treiben, reihte sich ein in die Familie, aber als fünfte Kolonne, als Saboteur, der sich nun ausgerechnet der Wohltätigkeit verschrieb. Die Cops drückten ein Auge zu wegen McCool FM, weil es kein kommerzielles Unternehmen war und die Erlöse aus den wenigen Werbeblocks St. Vincent de Paul und dem Lions Club oder ähnlichen Organisationen zugute kamen. Die Website des Senders verlinkte zu denen der Nothilfe für Depressive und Borderline-Patienten, der Samariter-Hilfe für psychisch Kranke, der Model-Arts-Galerie und der Irischen Krebshilfe und zeigte ausgewählte Kunstwerke, die in der Galerie im Erdgeschoss seines Studios angeboten wurden, darunter auch seine eigenen. Von den Erlösen ging ein Drittel an eine vom jeweiligen Künstler ausgewählte Wohltätigkeitsorganisation.

Seine neueste Idee, die immer noch im Anfangsstadium steckte, hieß Spiritus Mundi und sollte ein Kollektiv von Künstlern, Musikern und Schriftstellern umfassen, die alle in diesem Gebäude arbeiten würden, eine urbane Version des Zentrums in Annaghmakerrig, ein Rückzugsort für Menschen mit künstlerischen Neigungen. Zuletzt hörte ich, er hätte Blue Raincoat einen Probenraum angeboten, mit dem Hintergedanken, dass sie ihr Theater aus dem Stadtzentrum in den Hafen verlegen würden. Er lockte sie mit einem langfristigen Mietvertrag zu sehr günstigen Konditionen.

Ich drückte zweimal kurz und einmal lang, wartete auf den Piepton und das Klicken und trat ein. Die kleine Lobby wurde von einem einzigen Scheinwerfer erleuchtet, der ins Dach eingelassen war, eine Überwachungskamera hing in der Ecke. Ich schaute zu ihr hoch, wartete auf den zweiten Piepton und ging dann durch die Tür in die Galerie. Finn hatte das Erdgeschoss entkernen lassen, damit nichts den Blick von den Gemälden ablenkte, die er an die Säulen oder die nackten Backsteinwände gehängt hatte. Da der Raum sehr hoch war, hallte es stark. Ich ließ das Licht aus und schlich zum Fenster, um in den Hof zu schauen. Jimmy saß in der geöffneten Tür des Saab, rauchte und schrieb sich die Nummer des Taxis auf, während er mit dem zwischen Kopf und Schulter eingeklemmten Handy telefonierte.

Ein Meister des Multitaskings, unser Jimmy.

Jetzt fing auch Bear an zu bellen, so laut, dass die Fundamente bebten. Ich ging nach hinten, klopfte zweimal gegen die Metalltür, machte besänftigende Geräusche und schob mich rein. Bears Krallen klackerten über den Betonfußboden, dann richtete er sich auf und legte mir rechts und links eine Pfote auf die Schulter. Ein reinrassiger irischer Wolfshund. Auf den Hinterbeinen hätte er beim Rugby ganz allein den Fänger in der Gasse machen können. Unter seinem Gewicht geriet ich ins Wanken, stolperte ein Stück zurück, hob ihn runter und kraulte ihm die Ohren.

»Nicht heute Abend, Bear, tut mir leid.«

Ich kickte den Stock, den er zerbissen hatte, zurück zu dem Haufen in der Ecke, griff nach der Schachtel auf dem obersten Regal, nahm eine Handvoll Kekse in Knochenform heraus, warf sie in seinen Futternapf und füllte den Trinknapf mit Wasser. Finn liebte diesen Hund, er hatte ihn als kleinen verängstigten Welpen aus einem Tierheim geholt, aber er vertrat auch die Theorie, dass nur ein hungriger Wachhund ein guter Wachhund ist. Hinzu kamen Finns erstaunlicher Appetit auf psychotropes Gras und eine Lebenseinstellung, deren grafische Darstellung in einem Koordinatensystem aus Ehrgeiz und Strebsamkeit die Form einer Hängematte hätte. Beides zusammen hatte zur Folge, dass der Hund gelegentlich viel dünner und bösartiger war, als seinem Hundeschöpfer vorgeschwebt war.

Wo ich schon mal dabei war, warf ich noch einen Blick in seine Hütte, um die Streu zu prüfen. Sie schien frisch und sauber zu sein. Als ich mich wieder aufrichtete, hockte Bear in der Ecke und knabberte einen Hundekuchen, spielte sogar damit herum und hatte noch vier weitere in seinem Napf liegen. Was bedeutete, dass Finn fit und der Hund gut genährt war, eigentlich fast schade. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, ihn raus in den Hof zu lassen, um mal zu sehen, wie Jimmy die Herausforderung meisterte, einem Bluthund von achtzig Kilo, der mit vollem Karacho auf ihn zuraste, die Stirn zu bieten.

Es gab keinen Aufzug, nur neun Stockwerke verrostete Metallstufen, die auf der Innenseite der Mauern angebracht waren. Vor langer Zeit hatte es mal vier Treppen gegeben, über die man ins jeweils nächste Stockwerk gelangte, aber das Gebäude war ja entkernt worden. Wenn man jetzt die Galerie im Erdgeschoss verließ, stieg man durch einen leeren Raum bis ins oberste Stockwerk. Eine ordentliche Strecke, aber nichts, was ein halbwegs gesunder Mann nicht schaffen konnte, ohne in Schweiß auszubrechen. Als ich oben ankam, hätte ich eine Sauerstoffmaske gebrauchen können und ein paar Sherpas zur Stütze.

Ich trommelte an die Studiotür.

»Harry?«, hörte ich Finns gedämpfte Stimme. »Komm rein.«

Das Studio nahm den größten Teil des neunten Stockwerks ein. In der hintersten Ecke stand ein Mischpult. Eierkartons klebten unter der Decke und an den Wänden. Finn saß hinter dem Pult, mit Kopfhörern um den Hals. Sogar im Sitzen war er groß, seine Knochen zeichneten sich unter dem weißen T-Shirt ab. Er trug fast immer das Gleiche: weißes T-Shirt, verblichene Levis, braune Wildleder-Mokassins, helle Bartstoppeln. Keine Socken. Die flachsblonden Haare ein struppiger Topfschnitt wie beim späten Brian Jones. Unter dem Pony lugte ein waches Gesicht hervor, mit einem einnehmenden Lächeln und strahlend blauen Augen.

Hinter ihm standen Verstärker, Rechner und jede Menge Vinyl-Schallplatten. Das gedämpfte Scheppern, das zu hören war, kam von The Wedding Present, die leise gestellt waren. Es hörte sich an wie »Brassneck«, aber ein Weddoes-Stück klingt wie das andere, wenn man es leise stellt.

Fast die Hälfte des Studios wurde von einem rohen Holztisch eingenommen, bedeckt von Farbtuben, Pinseln in Gläsern und Spachtelmessern. Zwei Staffeleien standen herum, darauf zwei mit Farbe bekleckste Bilder. Leinwände lehnten in Vierer- oder Fünferreihen an der Wand, manche gerahmt, andere nicht. In der Ecke stand eine Stratocaster mit dem klassischen Yin-Yang-Muster, bei der zwei Saiten fehlten, eine dritte hing nur noch lose herab.

Die hintere Wand war der Grund, warum Finn sich das frühere Hafenamt als Studio eingerichtet hatte: Ein breites Panoramafenster, durch das man auf die Kaianlage, den Tiefseehafen und weiter hinten das Tafelberg-Massiv des Benbulben sehen konnte. Ein Flügel stand offen und eine sanfte Brise wehte herein, die dank der außen eingehakten Tür zur Feuerleiter für einen angenehmen Luftzug sorgte. An manchen Sommerabenden, wenn die Musik ertönte, die Hitze des Tages aufstieg und Finn sein Gras rauchte, wurde es hier im Studio so stickig, dass man die Luft schneiden konnte.

Der Typ im maßgeschneiderten Anzug, der sich auf dem Sofa vor dem Fenster fläzte, erinnerte mich an William Conrad ohne Schnurrbart. Finn deutete auf ihn. »Hast du Gillick schon kennengelernt?«

»Daran würde ich mich erinnern«, säuselte Gillick.

Arthur Gillicks Ruf war einmalig. Wenn man einem Cop während der Abschlussparade in Templemore eine Kugel in den Kopf verpasst hatte, wählte man Gillicks Nummer, wenn einem die Bullen endlich den einen Anruf gestatteten. Er hatte sich in den späten Siebzigern und während der Achtziger einen Namen gemacht als Kronanwalt der Provos, auch wenn es übertrieben wäre, ihm politische Motive zu unterstellen. Allerhöchstens einen eklektizistischen Anarchismus, der darin bestand, jeden drogendealenden Mistkerl, notorischen Gewalttäter und diebischen Stadtstreicher auf freiem Fuß zu lassen. Inzwischen hatte er sein Portfolio erweitert und profitierte vom wirtschaftlichen Niedergang, indem er sich mit Schuldeneintreibung und Zwangsräumungen befasste. Die Krönung seiner Laufbahn war aber vor einigen Jahren die Verteidigung eines aufrechten Bürgers gewesen, der seine Tochter erwürgt und ihre Leiche in den See geworfen hatte, nachdem das Mädchen sich im stolzen Alter von dreizehn Jahren entschlossen hatte, von nun an selbst zu entscheiden, wer ihr das Höschen runterzieht.

Jetzt beugte er seinen massigen Rumpf vor und erhob sich mit der schwerfälligen Eleganz eines Bischofs, der weiß, dass ein Bischof ohne Würde auch bloß irgendein fetter Kerl ist. Breiter Schädel unter einem plattgedrückten wuscheligen Haarschopf, ein eher rundes als fettes Gesicht, etwas schlaff, aber gesund. Sogar leicht gebräunt. Seine großen runden Augen verliehen ihm etwas Eulenartiges, sein Mund war leicht spitz wie ein Schnabel, seine Nase sprang deutlich hervor. Er streckte die Hand aus. Sie war klein und pummelig, nicht übermäßig mit teuren Klunkern verziert und fühlte sich erstaunlich kühl und fest an.

»Arthur Gillick«, sagte er.

»Harry Rigby.«

Er wartete eine Idee länger, als angebracht gewesen wäre, bis er wegschaute. Dann ließ er meine Hand los. »Harry«, sagte er, »so nennt man einen Prinzen.«

Ich schenkte ihm ein schiefes Grinsen und fragte mich, was sonderbarer war: dass er mich überhaupt mit so einer Stegreifstichelei provozierte oder dass er andeutete, dass ich ein Anwärter auf den britischen Thron wäre. Nicht, dass Arthur Gillick in der Position gewesen wäre, mit Steinen im Glashaus herumzuwerfen.

»Es ist die Kurzform von Harrison«, sagte Finn. »Seine Mutter liebte My Fair Lady und hat ihn nach Rex Harrison genannt.«

»Ernsthaft?« Gillick fand das amüsant.

»Hätte schlimmer kommen können«, sagte ich. »Wenn sie mich Pygmalion genannt hätte.«

»Denn dann«, warf Finn ein, »hätten wir ihn Pyggy genannt. Und es wäre womöglich zu Verwechslungen gekommen.«

Gillicks Lächeln veränderte sich bloß im Nanobereich, aber in seinen Schweinsäuglein ging ein Licht aus.

Seine Sticheleien galten nicht mir. Sie galten Finn, der in England adoptiert worden und aufgewachsen war. Seine Mutter hatte ihm einen irischen Namen gegeben, um diesen Makel auszugleichen, der in ihren Augen ein Kainsmal war.

»Wie ich sehe, wissen Sie die Klassiker zu schätzen, Mr Rigby«, sagte Gillick mit weicher, warmer Stimme, die wie schmelzende Schokolade klang. Er deutete auf die herumstehenden Leinwände. »Sind Sie auch ein Förderer der Künste?«

»Seit meine Aktien abgeschmiert sind nicht mehr, nein.«

»Aber, aber, Mr Rigby …« Allein vom Zuhören wurde ich schon zum Diabetiker. »Große Kunst ist nicht bezahlbar, das steht fest. Ihr Wert besteht darin, die Zerbrechlichkeit des Lebens zu beschwören angesichts der, äh …« Er warf Finn einen Blick zu.

»Angesichts eines Universums, das zum allergrößten Teil aus toter Materie besteht«, beendete Finn seinen Gedanken.

»In der Tat. Besonders wenn die Kunst selbst aus toter Materie geschaffen wird.«

Finn klatschte träge Beifall.

»Wirklich zu schade«, stellte Gillick fest, »dass es so teuer ist, sich diese unbezahlbaren Wunderwerke an die Wand zu hängen. Wenn überhaupt mal eines verkauft wird.«

Finn schenkte ihm ein süffisantes Lächeln, lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Du bringst schon wieder Preis und Wert durcheinander, Arthur.«

Gillick verbeugte sich geziert. »Genau das wollte ich damit sagen.« Seine Geste der Ehrerbietung endete damit, dass er mit ausgestrecktem Zeigefinger und gerecktem Daumen auf Finn deutete. »Ruf mich an«, sagte er. »Ich tue dir gern diesen einen Gefallen.«

Er nahm sich Zeit beim Weggehen, weil er sonst wie ein Erpel gewatschelt wäre. Ich stieg auf das Sofa vor dem geöffneten Fenster, warf ein Bein über den Sims, stellte den Fuß auf den Mauervorsprung und lehnte mich mit dem Rücken gegen den Rahmen. Mit der aufsteigenden Hitze drang der Geruch von Teer nach oben, vermischt mit dem salzigen Hauch des Meeres. Ich drehte mir eine Fluppe und wartete, bis das Klappern auf den Metallstufen verklungen war, nahm Finns Nachtsicht-Fernglas vom Haken und beugte mich vor, um damit die Autos unter uns ins Visier zu nehmen. Jimmy saß weiterhin bei geöffneter Tür auf dem Fahrersitz des Saab.

Von Cartron her drang das leise Dröhnen des Verkehrs übers Wasser. Noch leiser und von der Stadt her war das blecherne Heulen einer Sirene zu hören, ob von einem Bullenauto oder einem Krankenwagen, konnte ich nicht sagen. Eine Alarmanlage sirrte insektenhaft.

»Hat er eben einen Anruf bekommen?«, fragte ich.

»Gillick? Nein. Wieso?«

»Nur so.«

Er legte seine Füße samt Mokassins auf den Tisch. »War’s nix mit dem Gras?«

»Ich hab’s im Wagen gelassen, als ich den Schläger vorm Haus gesehen habe.«

»Limerick-Jimmy.«

»Jimmy ja, aber er klang mehr nach Derry.«

Finn deutete einen Schwerthieb an, dann einen Stich. »Er ist sehr geschickt mit der Klinge. Heißt es.«

»Ah.«

Er zog sich einen Kopfhörer übers Ohr und schob ein paar Regler auf dem Mischpult hoch und runter. Dann legte er sich den Kopfhörer wieder um den Hals, lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und verschränkte die Hände vor dem Bauch.

»Na, so was«, sagte ich, »hätte nie gedacht, das Gillick schwul ist.«

»Gillick und schwul?« Finn grinste. »Falsch geraten. Der Typ ist der schlimmste Mösenjäger des Abendlandes.«

»Und warum hat er mich dann so komisch angestarrt?«

»Das macht er immer so, so prägt er sich Gesichter ein. Als würde er ein Foto schießen, sagt er.« Er klopfte sich zweimal an die Schläfe. »Klicketi-klick.«

Unten im Hof ertönte ein dumpfes Röhren. Ich schaute durch das Fernglas zu, wie der Saab durch das Tor fuhr. Er verschwand hinter der Mauer und tauchte dann wieder am Kai auf und fuhr Richtung Stadt davon. Ich hängte das Fernglas wieder an den Haken und stieg vom Sofa. »Kaffee?«

»Ich hab schon«, sagte er. »Aber mach dir ruhig einen.«

Ich ging in die kleine Küche und setzte Wasser auf, dann trat ich in das schuhkartongroße Badezimmer, damit der Kaffee genug Platz zum Durchlaufen hatte. Betätigte Spülung und Wasserhahn und zuckte zusammen. Die alte Zisterne klapperte und dröhnte so laut, dass man eigentlich nur dann spülen durfte, wenn Finn gerade Tom Waits aufgelegt hatte, am besten ein Stück von der LP »Rain Dogs«.

Als ich zurückkam, spielten die Stones »Get Off Of My Cloud« auf voller Lautstärke. Finn hielt einen kurzen Joint in der Hand. Ich hockte mich auf die Fensterbank, nippte an meinem Kaffee und wiegte den Kopf im Rhythmus der Musik. So weit oben, mit Blick auf die Docks und weiter hinten den Tiefwasserhafen, konnte man jede Menge von überhaupt nichts sehen: karge Gebäude, vierzig verschiedene Schattentöne, der silbergrüne Glanz des Mondes auf dem öligen Wasser.

Finn schob wieder Regler hoch und runter. Billy Bragg ertönte, »A New England«. Finn drehte die Lautstärke herunter und ich deutete mit dem Kopf zur Toilette. »Tut mir leid wegen der Spülung.«

»Tu das nicht noch mal, Mann«, sagte er leichthin und nahm noch einen Zug. Was mich zum Thema zurückbrachte.

»Hör mal, diese drei Beutel«, sagte ich.

»Ja?«

»Herb wundert sich, weil es auch letzten Monat drei waren. Er meint, das sei ganz schön viel für den persönlichen Gebrauch.«

Freches Grinsen. »Hängt von der jeweiligen Person ab, oder?«

»Ja, aber er macht sich Sorgen, ob du es weitergibst. Das würde ihm in die Quere kommen.«

»Sag ihm, er soll sich entspannen.«

»Ich fürchte, das reicht ihm nicht.«

»Was will er denn machen, mich nicht mehr beliefern?«

»Hey, ich überbringe bloß die Nachricht.«

Er dachte darüber nach, kam zu einer Entscheidung und zuckte mit den Schultern. »Scheiß drauf. Ich hätte es dir sowieso demnächst erzählen müssen.«

»Schieß los.«

»Ich zieh das durch.«

»Ja, schon klar, aber drei Beutel pro Monat, Mann, das ist …«

»Nein, ich meine: Ich zieh das jetzt durch, was ich schon lange vorhatte. Ich haue ab. Brauche das Gras als Vorrat, wie ein Eichhörnchen.«

»Ach?«

»Wir hauen ab, Harry. Fahren weg, in ein paar Wochen, soll aussehen wie Ferien. Aber wir werden nicht zurückkommen, wir sind weg.«

»Scheiße. Ernsthaft?«

»Ich sag dir, was Scheiße ist, ernsthaft«, sagte er. »Ein Kind in diesem Drecksloch aufzuziehen irgendwann innerhalb der nächsten zwanzig Jahre. Das ist Scheiße. Ernsthaft.«

Das hörte ich nicht zum ersten Mal. Die Regierung erzählte uns immer wieder, wir würden die Rezession dank einer neuen exportorientierten Wirtschaftspolitik überwinden. Wobei unser Exportschlager Menschen waren, vor allem solche, die jung, ehrgeizig und intelligent genug waren, die Zeichen der Zeit zu entziffern.

»Wohin soll’s also gehen?«, fragte ich.

»Was glaubst du wohl?«

Jeder hat seinen Fluchtpunkt, einen Ort, den er anpeilt, wenn die Sterne günstig stehen, und seit ich Finn kannte, sprach er davon wegzugehen. Am Anfang war es ihm ziemlich egal gewesen wohin, es ging nur ums Abhauen. Was damals nahe gelegen hatte, genauso wie alles andere, was man sich in Dundrum so ausdachte: Wenn man nicht darüber nachgrübelte, woher man etwas Anständiges zu essen bekam, plante man seine Flucht, war in Gedanken immer fleißig am Tunnelgraben.

Nur dass Finn nie davon runtergekommen war, auch nicht, nachdem er wieder draußen war. Und seit er Maria kennengelernt hatte, ging es ständig um Zypern, vor allem um die in der restlichen Welt wenig bekannte und ebenso wenig geliebte Enklave namens Türkische Republik Nordzypern. Eine Gegend, wo sie, wie Finn behauptete, schon Tempel gebaut hatten, als die übrigen Europäer noch in schmutzigen Höhlen hausten, wo es aber immer noch authentisch und ursprünglich zuging. Vor allem in den Bergen, wo das Licht Gottes Augapfel war, um mit Lawrence Durrell zu sprechen.

Er zog eine LP aus der Hülle und legte sie auf den Plattenspieler. Tim Buckley, »Song to the Siren«.

»Ein großer Schritt«, sagte ich.

»Ein Sprung eigentlich, einer, zu dem wir gezwungen werden.« Er nahm einen tiefen Zug von seinem Joint und atmete ganz langsam aus. »Es ist alles im Arsch, Harry. Die NAMA hat sich eingemischt, und wenn sich diese staatliche Treuhandanstalt erstmal einmischt, wird es echt ernst.«

»So schlimm?«

»Wir können hierbleiben«, sagte er, »uns um eine funzelige Kerze herum versammeln und nur noch Brennnesselsalat essen. Oder wir können jetzt alles verkaufen, unsere Verluste gering halten und ganz von vorn anfangen. Irgendwo anders.« Er deutete mit dem Jointstummel auf mich, um seine Aussage zu unterstreichen. »Dort, wo eine Familie noch etwas gilt.«

Jetzt hatte er es zum zweiten Mal gesagt. Kinder, Familie. Ich merkte, wie etwas in mir verrutschte, und erst da wurde mir klar, wie sehr ich ihn vermissen würde. Seine verrückten Ideen, seine manische Energie. Seine Anrufe in den unmöglichsten Momenten, oder meine Anrufe bei ihm, und wie wir dann Billard spielen oder über Musik, Surfen, Filme oder Bücher reden würden. Oder gar nichts sagen. Das Ungesagte, der schwarze Tümpel, der zwischen uns lag, säuberlich eingedämmt. Bis er wieder Risse bekam und etwas durchsickerte.

»Und, gibt’s einen Plan? Alles schon in die Wege geleitet?«

Er ruckte den Kopf hin und her und dachte nach. »Maria meinte, wir sollten dort was Richtiges tun. Etwas, das eine Bedeutung hat, verstehst du?«

»Einen Schönheitssalon, der wirklich eine Bedeutung hat?«

Er ignorierte die Spitze. »Das würde sich auch lohnen, klar. Aber sie möchte eine Schule aufmachen, eine Art Ausbildungszentrum. Diesen Mädchen Fähigkeiten vermitteln, die sie überall in der Welt nutzen können. Hast du mal zypriotische Frauen gesehen? Mann, die wissen, wie man sich gut präsentiert.«

»Ja, gut, wenn man Maria als Maßstab nimmt …«

»Ich sag dir, worum’s geht. Sie will die Ausbildung auf Englisch machen, weil sie meint, sie hätte da was in Newsweek gelesen darüber, dass die Beherrschung der englischen Sprache weltweit ein wichtiger Faktor ist, wenn man Arbeit finden will.«

»Wahrscheinlich wäre es schlauer, ihnen Mandarin beizubringen.«

»Oder Russisch vielleicht. Aber egal, die Chinesen und die Russen bieten keine Ausbildungsförderung an. Die EU schon, und die EU will die Türkei haben und das bedeutet auch die türkischen Zyprioten. Nur leider hat Maria ziemliche Probleme, ihre hiesigen Qualifikationen dort anerkennen zu lassen.«

»Die EU fällt gerade auseinander, mein Lieber. Du kommst bloß vom Regen in die Traufe.«

»Das könnte vielleicht sein«, sagte er und kam hinter dem Mischpult hervor, »wenn es hier noch um die EU und Irland ginge, wenn es nicht um dich und mich ginge und das erste Kleine …« Er ging zum Notausgang. »Entschuldige mich bitte«, sagte er augenzwinkernd, »das erste kleine Geschäft des Abends.«