Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Ich bin in Jonathan verliebt. Einen über 20 Jahre älteren, verheirateten Mann..." Dass diese Erkenntnis nicht weniger Zweifel und Sorgen, als auch Verlangen und Sehnsucht mit sich bringt, wird Ella schnell bewusst. Doch sind die Gefühle stärker, als die Angst vor den Konsequenzen? Es beginnt ein Kampf der moralische Mauern durchbrechen könnte...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 359
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
L. Renegaw
Slave to you
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Epilog
Mein Dank gilt
Impressum neobooks
Es gibt Momente, da möchte man schreien. Tage, an denen man sich in seinem eigenen Körper gefangen fühlt. Was ist das für eine Welt in der wir leben? Warum verlieben wir uns in unerreichbare Menschen? Ist das fair? Oder ungerecht, doch es schert niemanden?
Die Antwort ist: Es gibt keine Antwort. Das ist das Leben. So wie es ist, so wie es kommt. Und wir müssen damit umgehen, haben keine Wahl. Wir können nur existieren, nur hoffen, dass irgendwann alles besser wird.
Es ist kalt, als ich vor die Tür gehe. Ich ziehe den Reißverschluss etwas höher, atme in meinen Schal und vergrabe die Hände in den Taschen meines Bundeswehr-Parkas. Eigentlich gehörte er meinem Dad. Der hat ihn mir jedoch vermacht, nachdem er in Pension ging. Zum Glück ist mein Vater nicht viel größer als ich. Was nicht etwa daran liegt, dass ich besonders groß bin, nein. Ich vermute die Bundeswehr musste auf die kleinstmögliche Männergröße zurückgreifen, um ihn auszustatten.
Ich folge der Straße und winke Vivien zu, die an der Ecke auf mich warten, damit wir gemeinsam zum Training gehen können. Sie lächelt und hält einen dampfenden Kaffeebecher hoch. Sie ist so ein Schatz. Manchmal, wenn sie direkt von der Arbeit im Coffeeshop kommt, bringt sie mir einen Latte mit, in dem Wissen, dass ich nichts lieber trinke. Automatisch gehe ich ein wenig schneller, erreiche sie kurz darauf und grinse sie an.
"Hey", sagt sie, umarmt mich - vorsichtig um nichts zu verschütten - und reicht mir einen der Pappbecher. Ich seufze wohlig, nippe an dem heißen Getränk und wir machen uns langsam auf den Weg. Es fängt an zu schneien und obwohl die weißen Flocken am Vortag noch allesamt geschmolzen sind, sammeln sie sich jetzt auf Autos und Hausdächern. Den ganzen Tag über war es so kalt, dass sich die Matsche nun wie eine Eisschicht über den Untergrund zieht. Da die Straße im Gegensatz zum Bürgersteig gestreut ist und in dieser Gegend nur wenige Autos fahren, gehen wir auf dem stellenweise geflickten Asphalt.
"Hast du eigentlich mitbekommen, dass Jonathan zurück ist?", fragt Vivien, nachdem sie sich meine Geschichte über den kaputten Kopierer im Büro angehört hat, der einen wichtigen Bericht über illegale Müllablagerungen am Waldrand gefressen hat.
"Jonathan?", frage ich leicht irritiert und nippe an meinem Kaffee.
"Ja, Mensch Ella." Vivien wirkt empört. Sie blickt mich an und schüttelt den Kopf.
"Jonathan war deutscher Meister im Kleinkaliber und hat letztes Jahr um diese Zeit eine mega große Abschiedsparty geschmissen."
"Oh", mache ich und schlage mir auf die Stirn. "Der, der für ein Jahr nach Australien gegangen ist."
Ein dunkelhaariger Typ im mittleren Alter taucht vor meinem inneren Auge auf.
"Genau", antwortet Vivien. Und plötzlich ist da noch eine andere Erinnerung.
"War das die Party...", fange ich an und meine Freundin stöhnt.
"Genau die!"
Ich beiße mir auf die Unterlippe. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich erfahren, dass mein damaliger Freund mich betrogen hat. Die Reaktion darauf war eine Phase, die ich nun zutiefst bereue. Um es vorsichtig auszudrücken formuliere ich es gerne so: Eine lehrreiche Zeit mit vielen positiven, aber auch reichlich negativen Erfahrungen. Auf Jonathans Abschiedsparty habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Dreier ausprobiert. Das ist jedoch nicht das Problem an der ganzen Sache. Schlimmer ist, dass man uns erwischt hat. Mein alkoholisierter Zustand tat sein Übriges dazu.
"Und jetzt? Muss ich mich noch bei ihm entschuldigen, dass ich damals seine Party gesprengt habe?", frage ich etwas gereizt. Vivien lacht.
"Ich wette da erinnert er sich nicht mehr dran. Der hat ein Jahr voll spannender Erfahrungen hinter sich. Was interessiert ihn da eine Party von vor einem Jahr?"
Ich stimme in ihr Lachen ein, wenn es auch nicht ganz ehrlich ist. Peinlich wird die Begegnung mit ihm auf jeden Fall. Im Grunde hoffe ich, dass er mich einfach vergessen hat. Wer bin ich auch schon? Nur eine von den hoffnungsvollen Nachwuchstalenten mit denen er als deutscher Meister im Kleinkaliber ohnehin nichts zu tun hat. Man kennt eben den Namen des anderen. Mehr nicht. Und jetzt, wo ich darüber nachdenke, bin ich mir nicht einmal sicher, ob er meinen tatsächlich kennt. Aber vermutlich schon, da er meines Wissens mit meinem Vater befreundet ist.
"Er übernimmt wahrscheinlich die offene Trainerstelle, hat mein Paps gesagt."
"Oh, okay", antworte ich wenig begeistert. Sollte er sich doch noch an diese Sache erinnern, wird das meine Chancen nicht gerade steigern von ihm gefördert zu werden.
"Sei bloß nicht so übermütig", spottet Vivien und grinst mich an. "Wir brauchen einen Trainer. August ist dafür absolut ungeeignet."
Ich strecke ihr die Zunge heraus, trinke den letzten Schluck aus meinem Kaffeebecher und werfe ihn in den Müll. Wir sind fast am Schützenhaus. Ich kann bereits die parkenden Autos sehen und zwei rauchende Gestalten, die vor der Tür stehen. Eine davon erkenne ich als meinen Dad. Als wir näherkommen, sehe ich, dass der größere der beiden (es ist wirklich nicht schwer, größer als mein Dad zu sein) gar nicht raucht. Er ist in einen Mantel gehüllt und sieht zu uns hinab, während wir die Stufen hochgehen. Als ich von dem vereisten Untergrund aufblicke, erkenne ich Jonathan. In genau dem Augenblick, als unsere Blicke sich begegnen, ich einen Gruß für meinen Dad bereits auf den Lippen habe, rutsche ich von der Stufe ab, die ich nicht richtig erwischt habe und verliere den Halt. Vivien, die sich an der anderen Seite am Geländer festgehalten hat, um nicht auszurutschen, ist zu weit entfernt, mein Dad und Jonathan ebenso und so knalle ich rückwärts auf die Treppenstufen hinter mir und schlage mir nur nicht den Kopf auf, weil ich eine Bommelmütze trage und die dicke Kapuze meines Parkas den Sturz abfedert.
"Ella", rufen mein Dad und Vivien gleichzeitig und sein panisches Gesicht taucht über meinem auf, während ich rasch meine Körperfunktionen überprüfe. Wundersamerweise tut mir nichts weh. Nur mein verletzter Stolz, der mich knallrot anlaufen lässt. Denn es ist ausgerechnet Jonathan, der mich unter den Armen packt und auf die Füße zieht. Er stützt mich einen Moment und auch mein Dad greift nach meinem Ellbogen, doch ich kann schon wieder alleine stehen.
"Hast du dir was getan?", fragt Jonathan. Ich habe seine Stimme so lange nicht gehört, dass sie mir fremd vorkommt. Trotzdem glaube ich, dass mein Kopf diesen Klang irgendwann einmal als bekannt abgespeichert hat. Denn jetzt erinnere ich mich wieder. Jonathan ist bereits früher nicht nur ein Vereinskollege, sondern auch ein Freund meines Vaters gewesen. Dunkel erinnere ich mich an den jungen Mann, der schon bei uns auf der Küchenbank gesessen hat, als ich noch mit Barbies spielte.
"Ella?", fragt mein Dad, als ich nicht antworte.
"Ja", sage ich und reibe mir verlegen über das Gesicht.
"Sie hat sich nur erschrocken, glaube ich", beruhigt Jonathan meinen Dad. Der lacht plötzlich.
"Muss dein verstörender Anblick gewesen sein."
Jonathan stimmt in das Lachen ein und auch ich ringe mir ein müdes Lächeln ab.
"Erschreck mich doch nicht so", klagt Vivien mich an und greift an Jonathan vorbei nach meinem Arm. Ich grinse entschuldigend und merke, dass mir nach dem ersten Schreck doch das Steißbein wehtut. Aber es ist erträglich.
"Lasst uns reingehen. Auf den Schock brauchen wir alle was zum Trinken", schlägt Dad vor.
"Alkoholfrei, hoffe ich", sagt Jonathan und grinst. "Du kennst die Regeln. Ich verliere meinen Trainerschein, wenn ich jemanden alkoholisiert schießen lasse."
Mein Dad grinst nur und klopft ihm auf die Schulter.
"An deinem ersten Tag als Trainer werde ich dir doch keine Schwierigkeiten machen."
"Na hoffentlich", zweifelt er dennoch.
"Hast du dir auch wirklich nichts getan?", fragt Vivien leise, als wir den Schankraum betreten, wo schon einige Vereinsmitglieder sitzen.
"Halb so wild", beteuere ich ihr, schlüpfe aus dem Parka und verstaue Schal und Mütze im Ärmel, bevor ich ihn aufhänge. Sie tut es mir gleich und wir gesellen uns daraufhin zu meinem Dad. Auch Jonathan setzt sich zu uns, allerdings nicht, bevor er August dazu genötigt hat, dafür zu sorgen, dass Salz auf den Treppenstufen gestreut wird. Das Gespräch am Tisch dreht sich um allerlei neugierige Fragen, Australien betreffend. Jonathan berichtet von seiner Arbeit auf einer Straußenfarm und den Leuten und Gepflogenheiten dort. Nach einer halben Stunde entschuldigt er sich jedoch und geht nach nebenan in den Trainingsraum.
"Wir sollten uns auch langsam umziehen. Ich will nicht wieder so spät heimkommen, wie letzte Woche", sagt Vivien mit leichtem Vorwurf in der Stimme. Ich brauche immer länger beim Schießen, als sie, weil ich mir mehr Zeit für meine 40 Trainingsschüsse lasse. Dafür sind meine Ergebnisse allerdings auch besser.
Wir gehen in den hinteren Lagerraum, der auch als Durchgang zur Schießanlage für Kleinkaliber dient. Vivien und ich schießen jedoch Luftgewehr. Die Waffen sind im Schrank gelagert, der grundsätzlich abgeschlossen ist. Dienstagabends steht er jedoch offen und wir können uns unsere üblichen Trainingsgewehre nehmen. Zuvor allerdings legen wir die speziellen Schießhosen, -schuhe und -jacken an, die der besseren Standhaftigkeit dienen. So angezogen würde keine von uns auf die Straße gehen, doch hier im Schützenhaus ist der Anblick von Leuten in diesen steifen Klamotten durchaus normal.
Mit den Gewehrläufen auf den Boden gerichtet gehen wir zum Schießstand für Luftgewehre. Mike schießt bereits. Ich habe ihn zuvor gar nicht gesehen. Peinlicherweise gehört er zu den beiden Männern mit denen ich auf Jonathans Party den Dreier hatte. Der ist in ein Gespräch mit August verwickelt.
August ist mega speziell, aber eine der guten Seelen des Vereins. Er kümmert sich verstärkt um die Nachwuchstalente (die Jüngeren, nicht die Volljährigen), fährt sie zu Wettkämpfen oder speziellen Kadertrainings, ist aber leider auch ein Besserwisser hoch drei. Deshalb muss Jonathan ihn nun abwürgen, um ihm klarzumachen, dass er jetzt der Trainer ist. August schweigt wenigstens für ein paar Minuten, während Jonathan uns die Scheiben abzählt und die Probescheibe mit einem Kreuz markiert.
"Auf jede fünf Schuss", sagt er überflüssigerweise und reicht uns die Pappen. Als ob ich das nicht selber wüsste. Ich schieße bereits seit ich 14 bin.
Trotzdem gehe ich kommentarlos zu meinem Lieblingsschießstand ganz am Rand und bereite mich vor. Vivien steht neben mir, was mich immer etwas stört, aber ich habe noch nie etwas dagegen gesagt. Bei Wettkämpfen ist sie ohnehin fast nie in meiner Nähe. Sie ist einfach zu unruhig, macht genervte Geräusche, wenn sie einen Schuss verpatzt und versucht manchmal mit mir zu reden.
August lacht lautstark, als Mike seine Scheibe heranholt und tatsächlich einen Schuss ins Weiße gesetzt hat.
"Jetzt reicht's aber!", bricht es plötzlich aus Jonathan heraus. "August, kannst du bitte raus gehen? Das muss sich niemand hier bieten lassen."
Der Ältere verstummt jäh, sieht den neuen Trainer einen Augenblick an, macht dann auf dem Absatz kehrt und knallt die Tür zu.
Ich werfe Jonathan einen Blick zu und runzle die Stirn. Wenn er August Paroli bietet, dann ist er womöglich genau der Richtige für diesen Job. Ich muss zugeben, das hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Jonathan wirkt eher wie jemand, der im Grunde viel zu nett ist. Aber vielleicht täuscht das ja.
"Mike, mach einfach weiter! Das ist Pech, aber du brauchst dich nicht daran aufzuhängen", sagt er und setzt sich auf den breiten Tisch in der Ecke. Von dort beobachtet er uns und ich habe Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren. Dennoch besinne ich mich auf die Dinge, die ich seit Jahren schon ganz automatisch tue. Heute benötigt mein Hirn eben einen kleinen Anschub. Zwerchfellatmung und fester Stand.
Ich mache meine Probeschüsse, hole die Scheibe heran und bin einigermaßen zufrieden mit mir, als ich plötzlich bemerke, dass Jonathan hinter mir steht. Durch die Stirnbandblende, die mein linkes Auge verdecken soll, ist es etwas schwerer ihn anzusehen. Also schiebe ich das Ding kurz bei Seite.
"Du ziehst leicht nach links", sagt er und nimmt mir die Scheibe aus der Hand. Er hat recht. Meine Schüsse konzentrieren sich zwar auf nahezu den Mittelpunkt der Scheibe, doch sie sind allesamt links gebündelt.
"Ist das dein Gewehr?", fragt er.
"Nein, vom Verein", sage ich. Ich weiß, es ist längst an der Zeit, dass ich meine eigene Waffe kaufe. Das Vereinsgewehr ist dauernd verstellt und mit Sicherheit auch nicht bestens gepflegt. Trotzdem reichen meine Ersparnisse dafür im Augenblick nicht aus.
Er sagt nichts dazu, sieht mich nur kurz an und dreht dann an den kleinen Rädchen an der Waffe. Schließlich holt er mir eine neue Probescheibe.
"Probier jetzt noch mal", sagt er und bleibt zu meinem Verdruss direkt neben mir stehen. Trotzdem schaffe ich es, einigermaßen passable Schüsse abzugeben, die mittiger sind als zuvor. Jonathan lächelt.
"Genau so", sagt er.
Anschließend wendet er sich Vivien zu, die die Probescheibe bereits weggelegt hat. Ich freue mich ein bisschen, dass er bei ihr sogar die Haltung noch korrigieren muss, obwohl sie genauso lang schießt wie ich. Ich bekomme die Gehässigkeit gleich heimgezahlt, indem ich den ersten Schuss verpatze. Geschieht mir wohl recht.
Der Backofen piept und ich springe völlig aus den Gedanken gerissen auf, werfe die Kiste mit den alten Sachen auf den Tisch und eile in die Küche. Erst da fällt mir ein, dass ich bloß Cupcakes backe und eine Minute länger im Ofen kein Drama ist. Ich hole einen Zahnstocher aus dem Schrank, mache die Stäbchenprobe und da kein Teig mehr am Holz klebt, nehme ich das Muffinblech heraus. Der herrliche Duft nach frischen Backwaren erfüllt meine Küche und ich würde am liebsten sofort hineinbeißen. Aber ich reiße mich zusammen. Die sind für morgen. Dads Geburtstag. Ich bin mega spät dran mit meinem Geschenk, doch ich muss es unbedingt heute fertigkriegen. Deshalb gehe ich sofort zurück ins Wohnzimmer, ziehe die Kiste wieder heran und suche nach den alten Fotos. Wäre ich früher nicht so faul gewesen und hätte sie ordentlich eingeklebt, wie ursprünglich geplant, würde ich sie nun wahrscheinlich schneller finden. Stattdessen gehe ich Stapel für Stapel durch und brauche eine geschlagene halbe Stunde, bevor ich in den Händen halte, was ich suche. Ein Stapel alter Fotos aus dem Jahr, in dem mein Vater beim Königsschießen den Adler abgeschossen hat. Er steht da, stolz und strahlend und unglaublich jung. Er trägt die Königsuniform, meine Mutter in ihrem bodenlangen Ballkleid am Arm und neben ihnen die vier Ritter. Zuerst sehe ich nur meine Mom an, spüre wie mich Wehmut überkommt und sage mir, dass es lange her ist. Ihr Tod liegt Jahre zurück und es ist okay. Mittlerweile. Trotzdem schnürt es mir für einen Augenblick die Kehle zu. Ich konzentriere mich auf die Ritter, betrachte die Gesichter, um mich von meiner Mutter abzulenken, erkenne August und Werner, bis mein Blick auf - Jonathan! - fällt. Überrascht betrachte ich ihn. Er sieht unglaublich jung und gut aus. Fast hätte ich ihn nicht erkannt. Aber es sind unverkennbar seine Züge und diese tiefbraunen Augen. Er hat wirklich unglaubliche Augen. Glänzend und warm und... Ja, noch irgendetwas.
Ich vergleiche sein jugendliches Selbst mit meiner Erinnerung vom letzten Dienstag und frage mich, wie ich darauf komme, er sähe anders aus. Im Grunde sieht er immer noch aus, wie... Ja, wie alt er wohl auf dem Foto ist? Mitte zwanzig? Ich beschließe darauf zu achten, in welchen Punkten er sich verändert hat, wenn ich ihn das nächste Mal sehe. Dann jedoch frage ich mich, warum mich das eigentlich kümmert. Es ist schließlich nur Jonathan. Ein Freund meines Vaters, niemand der mich beschäftigen müsste. Trotzdem. Während ich die Collage vorbereite, die verschiedenen Bilder und Erinnerungen aufklebe, erwische ich mich dabei, wie ich immer wieder das Bild von Jonathan ansehe. Was hat er nur an sich, dass ich den Blick kaum von ihm wenden kann?
Da klebe ich mir beinahe mit Sekundenkleber den Finger am Rahmen fest. Deshalb beschließe ich, dass es genug ist.
"Reiß dich zusammen", sage ich und nehme mein Handy. Ich öffne WhatsApp und wähle den Verlauf zwischen Alex und mir aus. Er gehört immer zu einem der obersten in meinem Protokoll.
Hey, schreibe ich, schließe meine Arbeit an der Collage ab und betrachte einigermaßen zufrieden mein Werk. Ich fotografiere es für Alex und schicke ihm das Foto.
Geht das klar?
Kurze Zeit später kommen ein paar Emoticons und ein langgezogenes Logooooo zurück.
Ich muss grinsen.
Was machst du gerade?
Während er schreibt räume ich auf, verstaue die übrigen Fotos wieder in der Kiste und nehme mir vor, sie bald einzukleben. Zugleich weiß ich, dass das nicht so schnell passieren wird. Vielleicht nie. Das ist leider eine dieser dummen Schwächen von mir. Immer wieder nehme ich mir Dinge vor, kaufe in Euphorie ein Buch, das ich lesen will, Bastelsachen, aus denen ich dieses oder jenes machen will. Effektiv komme ich jedoch nie über die ersten Seiten hinaus oder bastle nur bei Anlässen, wie dem runden Geburtstag meines Vaters.
Das Blinken am oberen Rand meines Smartphones erinnert mich an Alex und ich nehme das Gerät wieder in die Hand.
Eigentlich nur zocken. Warum?
Ich verdrehe die Augen. Er weiß ganz genau warum ich gefragt habe, was er macht. Trotzdem lasse ich mich auf sein Spiel ein.
Ich bin einsam ;)
Wieder nur Emoticons. Relativ zweideutige. Aber selbstverständlich macht er das nie absichtlich. Nein, natürlich nicht. Jetzt warte ich nur, schreibe nichts mehr und kehre den Spieß damit um, lasse ihn zappeln, weil ich weiß, dass er auch will. Und endlich ein paar Minuten später kommen die ersehnten Worte.
Gib mir 20 Minuten, dann bin ich bei dir ^^
Ich muss grinsen.
Alex ist ein Überbleibsel der Phase, die vor etwas mehr als einem Jahr begonnen hat. Er war federführend der Grund für den Dreier auf Jonathans Party und seitdem führen wir eine Freundschaft mit gewissen Vorzügen. Wir sind beide nicht an einer festen Beziehung interessiert. Das macht es einfacher. Was passiert, wenn sich einer von uns plötzlich doch in jemanden verliebt, darüber haben wir nie gesprochen. Vielleicht weil es uns im Augenblick egal ist und für mich persönlich ist es unvorstellbar, wieder genug zu vertrauen, als dass ich lieben könnte. Dafür sitzt der Schmerz meiner letzten Beziehung noch zu tief. Aber ich glaube ohnehin nicht, für den Fall der Fälle, dass es ein Problem geben würde.
Obwohl… Wenn ich darüber nachdenke, mir vorstelle, Alex könnte jemanden haben, so muss ich zugeben, dass mir die Vorstellung nicht besonders gefällt. Zwar hänge ich nicht an ihm als Person (zumindest nicht in dieser Hinsicht), aber ich müsste dann damit leben, dass er nicht mehr wie heute vorbeikommt, um mir meine Einsamkeit zu nehmen.
Ich atme tief durch ob dieser Erkenntnis und zwinge mich, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.
Ich nutze die Zeit bis er kommt um in der Küche aufzuräumen. Morgen muss ich die Cupcakes noch dekorieren, bis es abends auf die Feier geht. Mein Dad wird fünfzig und hat gefühlt das halbe Dorf eingeladen. Natürlich hat er seine Kinder dazu verdonnert, einen Großteil der Organisation zu übernehmen und da mein Bruder in so etwas nicht gerade begabt ist, hing der Löwenanteil an mir. Aber ich habe alles unter einen Hut gebracht. Ich habe die Einladungen bestellt und verschickt, die Gaststätte gebucht und das Essen ausgewählt.
Als es klingelt lege ich den Lappen bei Seite, mit dem ich die Ablagen sauber gewischt habe und trockne mir die Hände ab. Ein leichtes Kribbeln der Vorfreude schießt durch meinen Körper. Nur Vivien weiß, wie die Freundschaft zwischen Alex und mir tatsächlich aussieht. Und selbst das ist mir unangenehm. Aber sie kennt mich zu gut, um mich nicht zu durchschauen. Die Zeiten, wann wir uns treffen, sind einfach zu offensichtlich.
Ich öffne die Tür und er steht feixend vor mir.
"Sag bloß, du wolltest die Collage auf deinen Klamotten fortsetzen?", fragt er. Ich blicke erstaunt an mir herunter und schnappe nach Luft. Ein paar Schnipsel kleben an meiner Hose.
"Scheiße", sage ich und versuche sie zu entfernen, aber der Sekundenkleber hält bombenfest. Alex lacht und kommt herein. Statt mir zu helfen nimmt er meine Hände und drückt mich an die Wand.
"Da kannst du dich doch morgen drum kümmern oder?" Seine grünen Augen fixieren mich und ich sehe das Funkeln darin, die Erregung und die Bereitschaft mir meine Einsamkeit zu nehmen. Ich lasse mich von ihm küssen, seufze wohlig, als seine warmen Lippen meinen Hals hinabgleiten und seine Hände meinen Körper erkunden. Es fühlt sich gut an, aufregend, obwohl wir es schon so oft getan haben. Ich spüre wie ich feucht werde, presse mein Becken an seines und streife ihm die Jacke ab. Alex hebt mich hoch und trägt mich ins Schlafzimmer. Ich beuge mich ihm entgegen, als er mich auf das Bett legt und meine Hose öffnet. Meine Finger krallen sich automatisch in die Bettdecke und ich schließe die Augen, nehme seine Berührungen wahr, höre wie er sich auszieht und will es endlich tun. Als er mich packt und herumdreht, stöhne ich bereits auf, obwohl er noch nichts getan hat. Das heiße Verlangen ihn in mir zu spüren ist beinahe unerträglich. Langsam schiebt er einen Finger in mich, während ich ihm auf allen vieren ausgeliefert bin. Ich stöhne, bettle um mehr und will, dass er meine Lust stillt. Aber er neckt mich, nimmt zuerst einen zweiten Finger dazu, dehnt mich und entlockt mir laute Geräusche. Dann legt er sich plötzlich unter meine gespreizten Beine, zieht meine Hüfte hinab und beißt so fest zu, dass es beinahe wehtut. Ich stoße einen kleinen Schrei aus und komme fast, als er meinen Kitzler zwischen die Schneidezähne nimmt. Ich stöhne, bettle um mehr, aber er schiebt nur seine Zunge in mich. Das Gefühl ist so geil, dass ich mein Gesicht in der Bettdecke vergrabe, um meine eigenen Geräusche zu ersticken. Aber irgendwas stimmt nicht. Das spüre ich mehr und mehr.
Als er endlich auftaucht und meinen Wunsch erfüllt, kann ich schon beinahe nicht mehr. Trotzdem ist es irre heiß, wie er in mich eindringt, mich ausfüllt und anfängt sich vor und zurück zu bewegen. Ich schließe die Augen, spüre seine Eier an meinem Kitzler und verberge das Gesicht in der Decke. Er soll nicht sehen, dass ich plötzlich weinen muss. Dass die Erinnerungen noch immer schmerzen und dass mir mit einem Schlag die Lust vergangen ist. Er merkt es tatsächlich nicht, denn als er fertig ist, bricht er halb über mir zusammen und hat sich erst wieder regeneriert, als ich die Tränen fortgewischt habe und ein Lächeln aufsetze. Was geht es ihn an, was ich wirklich empfinde?
Das Summen vieler Stimmen hallt von den Wänden der Halle wider. Dany und ich stehen neben Dad und begrüßen die Gäste mit ihm. Mir ist schon ganz schlecht von den vielen Umarmungen von Leuten, die ich gar nicht in meine Nähe lassen wollte. Aber was soll ich machen? Der Anstand gebietet es wohl. Also nehme ich es hin.
"Gott, wen hat er denn noch alles eingeladen?", stöhnt Dany leise neben mir. Ich werfe ihm einen Seitenblick zu und muss grinsen. Mein Bruder ist zwei Jahre jünger als ich und er hasst Feierlichkeiten wie diese. Trotzdem hat er sich nicht davor gedrückt. Sonst hätte ich ihm auch einen erzählt. Und Dad wohl auch, aber von dem lässt er sich seit Jahren nichts mehr sagen. Es ist etwas besser geworden, seit er nicht mehr mitten in der Pubertät steckt, doch der Tod unserer Mutter hat ihm ziemlich den Boden unter den Füßen weggerissen. Mehr noch als mir.
"Kennst du die alle?", fragt Dany, doch gerade als ich antworten will, kommt Jonathan herein und ich bin abgelenkt. Ihm folgt eine zierliche Frau mit schulterlangen, dunklen Haaren. Ob das seine Freundin ist? Oder seine Frau? Ich wüsste nicht, dass ich je mitbekommen hätte, dass er geheiratet hat. Nicht, dass ich in den letzten Jahren darauf geachtet hätte. Aber vermutlich wäre der Schützenverein zu derlei Feierlichkeiten eingeladen worden.
"Die meisten", antworte ich viel zu spät auf Danys Frage. Jonathan kommt herüber und gratuliert meinem Dad. Er stellt ihm seine Begleitung vor. Jasmin heißt sie, aber er erwähnt nicht, wer sie ist. Dann wendet er sich mir zu.
"Hey", sagt er mit einem neckischen Grinsen. "Den Sturz gut überwunden?"
In seinen Augen blitzt der Schalk auf und er umarmt mich tatsächlich kurz zur Begrüßung. Ich spüre, dass ich rot werde. Dieser peinliche Vorfall wird mich wohl noch eine Weile verfolgen. In Wahrheit merke ich bei jedem Schritt in den fürchterlich hohen Pumps mein Steißbein. Trotzdem lüge ich.
"Besser als du offenbar. Ich habe schon gar nicht mehr daran gedacht", behaupte ich. Er grinst nur und wendet sich meinem Bruder zu.
"Hey Dany", begrüßt er ihn. Dany blickt verwirrt drein und ich bin ziemlich sicher, dass er keine Ahnung hat, wer ihm da gerade die Hand gegeben hat.
"Das ist meine Frau, Jasmin", sagt Jonathan und die Dunkelhaarige lächelt schüchtern, während sie uns ebenfalls die Hand reicht. Sie wirkt nicht besonders selbstbewusst. Eher wie jemand, der sich furchtbar unwohl fühlt, auf so einer riesigen Feier.
"Dann mischen wir uns mal unter die Leute", sagt Jonathan, lächelt mir noch einmal zu und die beiden verschwinden. Einen Moment blicke ich ihnen nach und plötzlich nehme ich die leichte Rundung ihres Bauches wahr. Ist sie schwanger? Dabei fällt mir ein, dass ich völlig vergessen habe, darauf zu achten, was an ihm anders ist, im Vergleich zu dem Foto von vor 15 Jahren. Aber eigentlich sollte es mir ja egal sein. Also wende ich mich den nächsten Gästen zu, begrüße sie und seufze innerlich. So viele Menschen, auf die ich kaum Wert lege. Aber was soll's. Da muss ich durch. Wir leben in einem Dorf. Da lädt man sich eben auf den Geburtstag ein. Vor allem dann, wenn man im Ort so engagiert ist, wie mein Vater.
Eine halbe Stunde später sitzen mein Bruder und ich bei Vivien, Alex und einigen anderen in unserem Alter und lassen uns das Abendessen schmecken. Mein Blick fällt immer wieder auf Jasmin und Jonathan. Er trinkt Wein, sie nicht. Vielleicht ist sie wirklich schwanger. Leider ist das unter ihrem weiten Kleid nicht gut zu erkennen, obwohl sie sitzt. Ich frage Vivien nach ihrer Meinung und sie fängt plötzlich an zu lachen.
"Mensch Ella. Du kriegst aber auch gar nichts mit", wirft sie mir vor.
"Okay, dann klär mich mal auf", bitte ich sie, doch sie grinst nur und schüttelt den Kopf.
"Frag ihn selbst. Ich habe das am Dienstag nach dem Training auch getan."
Ich seufze genervt, stehe auf und gehe mir Nachtisch holen. Am Buffet ist nicht viel los, die meisten essen noch. Nur drei Leute sind hier und als ich vor der Auswahl an Puddings und Grütze stehe, taucht plötzlich Jonathan neben mir auf.
"Die Qual der Wahl?", fragt er mich und grinst. Er hält ein Schälchen in der Hand, sieht jedoch nicht den Nachtisch, sondern mich an.
"Will deine Frau nichts?", frage ich.
"Nein. Sie sagt, sie muss aufpassen, was sie isst", antwortet er und ein leicht resignierter Unterton schwingt in seiner Stimme mit. Ich hebe eine Augenbraue, sage aber nichts.
"Sag mal", fängt er an und wieder taucht dieser Schalk in seinem Blick auf. Ich sehe ihn fragend an.
"Was denn?", will ich wissen, als er nicht damit herausrückt. Er lacht kurz auf.
"Ich war mir am Dienstag nicht ganz sicher, aber kann es sein, dass du diejenige warst..."
Oh nein!
"Die letztes Jahr auf meiner Abschiedsparty..."
Ich wende meinen Blick ab und fülle mir Rote Grütze in meine Schale. Er lacht wieder.
"Ist dir das jetzt peinlich?", fragt er. Ich drehe mich zu ihm um, lächle ihn an und sage trocken:
"Keine Ahnung, was du meinst."
Jetzt fällt es mir auf. Zwar sieht sein Gesicht immer noch jung aus, doch ein paar Fältchen haben sich in seinen Augenwinkeln gebildet. Auch seine Haare fangen an den Schläfen an, grau zu werden. Aber irgendwie sieht das ziemlich gut aus und soweit ich das beurteilen kann, steht ihm das ziemlich gut. Ich muss kurz schlucken, als ich merke, dass ich ihn attraktiv finde. Es fällt mir schwer seinem Blick standzuhalten, doch er weicht mir nicht aus.
"Ich hätte schwören können, dass du das damals warst."
Er weiß genau, dass ich es war. Und er weiß, dass ich mich nur dumm stelle.
"Wie gesagt. Keine Ahnung, was du meinst", beharre ich. Da verblasst sein Lächeln.
"Du hast recht", sagt er nur, wendet sich ebenfalls dem Nachtisch zu und nimmt sich genau wie ich etwas von der Roten Grütze. "Bestimmte Kapitel in seinem Leben möchte man einfach nur abschließen und nicht mehr daran erinnert werden."
Ich presse die Lippen aufeinander. Damit trifft er voll ins Schwarze.
"Tut mir leid", sagt er, streift im Vorübergehen kurz meinen Arm und geht. Meine Knie zittern unerklärlicherweise und die Haut an meinem Unterarm brennt, wo seine Finger mich berührt haben. Verdammt, was ist los mit mir? Wie kann ich körperlich auf einen Mann reagieren, der... keine Ahnung... zwanzig Jahre älter ist? Ich weiß gar nicht genau, wie alt er ist. Es ist mir auch egal. Aber müsste es mir nicht ohnehin genügen, dass er verheiratet und seine Frau offenbar schwanger ist? Selbst wenn das Alter keine Rolle spielen würde.
Stattdessen stehe ich hier und bin kaum in der Lage, zurück zu meinem Platz zu gehen.
Trotzdem tue ich es und begegne dabei Viviens Blick. Ich weiß, dass sie die Veränderung bemerkt, dass sie ahnt, dass etwas nicht stimmt. Verzweifelt bemühe ich mich, nicht zu Jonathan hinüber zu sehen, was mir jedoch nicht gelingt. Mehrmals wandert mein Blick in seine Richtung und immer wieder sage ich mir, dass ich dumm bin, dass das albern ist. Vor ein paar Tagen hatte ich Schwierigkeiten, seinen Namen überhaupt mit seinem Gesicht in Verbindung zu bringen. Und jetzt? Jetzt habe ich Schwierigkeiten, sein Gesicht wieder aus dem Kopf zu bekommen.
Es herrscht beinahe ein Schneesturm draußen. Trotzdem kämpfe ich mich die Straße entlang, den Schal hochgezogen, die Mütze tief in der Stirn. Nur meine Augen liegen frei.
Hätte es an der Arbeit heute nicht so lange gedauert, hätte Vivien mich im Auto mitgenommen. So muss ich mich zu Fuß bis zum Schützenhaus durchkämpfen. Die Schneeschieber kommen offenbar nicht hinterher, denn die Nebenstraßen sehen aus, als wäre hier schon lange nicht mehr geräumt worden. Trotzdem gehe ich auf der Straße, denn in den Spuren der Autos zu laufen ist wesentlich einfacher als auf dem Bürgersteig im hohen Schnee.
Als ich das Schützenhaus erreiche bin ich durchgefroren. Ich bestelle mir bei Mike, der heute Thekendienst hat, einen Kaffee und gütigerweise (normalerweise schenken wir keinen Kaffee aus) kocht er mir einen. Damit setze ich mich zu Alex und ein paar anderen, die Karten spielen.
"Als du vorhin reinkamst, dachte ich, du seist ein Schneemann", sagt er und grinst. Ich strecke ihm die Zunge heraus.
"Da du ja nicht die Güte hattest mich abzuholen, musste ich wohl oder übel laufen", erwidere ich.
"Du hast nicht gefragt", empört er sich nicht allzu ernst. Ich verdrehe die Augen und nippe an meinem Kaffee. Er ist furchtbar heiß und ich verbrenne mir augenblicklich die Zunge.
"Ella", sagt Vivien, die gerade hereinkommt, den Lauf ihres Trainingsgewehrs auf den Boden gerichtet. "Hast du es auch endlich hergeschafft?"
Ich nicke, erwidere ihren Wangenkuss und hebe leicht meine Tasse.
"Bin gerade gekommen. Ich brauch erst mal was Warmes. Meine Finger sind Eisklötze."
Sie grinst.
"So würdest du nicht mal ins Weiße treffen."
In diesem Moment kommt Jonathan herein. Er sieht mich und kommt zu uns herüber.
"Hey. Willst du noch schießen?", fragt er. "Ich dachte du kommst nicht mehr."
"Eigentlich schon. Aber du musst auch nicht auf mich warten, wenn du Feierabend machen willst."
Er schüttelt den Kopf.
"Alles gut. Ich habe Zeit", sagt er, lächelt mich an und geht zu Mike an die Theke.
"Für jeden anderen würde er nicht noch warten", behauptet Alex grinsend. Ich verdrehe die Augen.
"Als ob. Wenn du noch schießen würdest, würde er auch für dich noch warten."
"Ach, ich glaube Alex hat recht. Du bist eben das hoffnungsvolle Nachwuchstalent des Vereins. Eine der wenigen, die es ernst nehmen", sagt Eugen und zieht zwei Karten vom Stapel.
"Stimmt, ihr anderen kommt ja auch alle nur zum Karten spielen und Bier trinken ins Schützenhaus", sage ich und lache. Die Jungs stimmen ein. Nur Hendrik scheint schwer beleidigt. Als die anderen anfangen, ihn damit aufzuziehen, lenkt er jedoch ein.
In der Zwischenzeit habe ich meinen Kaffee ausgetrunken und gehe mich nun umziehen. Als ich mit dem Gewehr durch den Schankraum gehe, bemerkt Jonathan mich nicht. Also gehe ich allein hinüber, lege die Waffe auf dem Schießstand ab und hole mir Patronen. Er kommt herein, als ich mir gerade meine Scheiben nehmen will.
"Du machst mich überflüssig", sagt er und schließt die Tür hinter sich.
"Ich sagte ja, du musst nicht warten, bis ich fertig bin. Das eine mal kann ich meine Punkte auch selber zusammenzählen."
"Ringe. Also wirklich, Ella", korrigiert er mich mit gespielter Missbilligung und nimmt mir den Stapel Scheiben aus der Hand. Er zählt sie ab, markiert die Probescheibe und schickt mich zu meinem Platz.
Während ich trainiere ist er ganz still. Ich kann ihn nicht sehen, weil ich an meinem Stammplatz mit dem Gesicht zur Wand stehe. Hier kann ich mich am besten konzentrieren. Wenn ich nichts wahrnehme außer meinem Gewehr, dem Stand und der Scheibe. Die Geräusche aus dem Schankraum, die durch das dünne Holz dringen, nehme ich gar nicht mehr wahr und sie lassen ohnehin allmählich nach, da die meisten bereits nach Hause gehen. Umso besser.
Meine Ergebnisse sind heute gut. Als ich Jonathan den Stapel Scheiben abgebe bin ich sehr zufrieden mit mir. Er sieht mich jedoch einen Augenblick nur an.
"Was denn?", frage ich schließlich.
"Stehst du immer dort?"
"Wenn's geht, ja", gebe ich zurück.
"Nächste Woche stellst du dich dorthin", sagt er und deutet auf den Platz ganz links. Der, an dem man alle anderen Stände ebenfalls im Blick hat.
"Was? Aber...", will ich widersprechen, doch er hebt die Hand.
"Es macht keinen Sinn, wenn du immer an diesem Platz stehst. In Wettkämpfen wirst du nicht von dort schießen. Du musst den Stand wechseln, damit du flexibel bleibst."
Damit wendet er sich meinen Scheiben zu und wertet mein Ergebnis aus. 391 Ringe. Mein neuer Rekord. Und doch freue ich mich kaum darüber. Seine Kritik hat mich zu sehr getroffen. Ich nicke, nehme die Scheibe, auf die er mein Ergebnis geschrieben hat und verlasse mit der Waffe den Schießstand.
Im Schankraum sind nur noch ein paar einzelne Leute. Diejenigen, die immer bis zum Schluss bleiben. Die alten, die selbst gar nicht mehr schießen oder nie Interesse daran hatten. Ich grüße kurz, gehe aber direkt weiter. Hinten reinige ich die Waffe, verstaue sie im Schrank und ziehe mich im Nachbarraum um. Ich verstaue meine Sachen im Schrank und will gehen, doch im Lager steht Jonathan plötzlich vor mir.
"Soll ich dich mitnehmen?", fragt er. "Es schneit immer noch wie bescheuert."
Er schließt den Waffenschrank ab, verstaut den Schlüssel in seiner Hosentasche und sieht mich erwartungsvoll an.
"Ich gehe zu Fuß, danke", gebe ich zurück und frage mich gleichzeitig warum ich so beleidigt bin. Er ist mein Trainer, er hat jedes Recht mich zu kritisieren.
"Sei nicht albern", sagt er. "Es ist spät und dunkel draußen."
"Na und? Ich bin auch im Dunkeln hergekommen."
Er sieht mich nur an.
"Ich glaube ehrlich gesagt, dein Dad würde es mir übelnehmen, wenn ich nicht darauf bestehe, dich zu fahren."
Also ist es nur deshalb. War ja klar. Warum sonst sollte er mir so etwas anbieten? Kein Mann ist von sich aus nett zu mir. Nicht einfach, weil er nett sein möchte. So wie Alex. Er ist nett zu mir, weil er den Sex mit mir mag. Wahnsinnig tolle Motivation haben sie alle. Aber im Grunde weiß ich, dass ich unfair bin. Alex ist eigentlich mein bester Freund.
"Okay, was ist los?", fragt Jonathan. Ich funkle ihn wütend an.
"Ich habe gerade meinen eigenen Rekord geknackt und alles was du zu sagen hast ist, 'stell dich nächstes Mal an einen anderen Platz'. Das ist los", platzt es aus mir heraus. In seinen Augen blitzt die Reue auf.
"Du hast recht. Das war nicht fair von mir."
Mehr sagt er nicht. Kein Wort. Er sieht mich nur an, direkt in meine Augen. Seine Iris ist so braun, so warm, dass ich ihm kaum mehr böse sein kann. Dass er so schnell einlenkt, zugibt, dass er einen Fehler gemacht hat, lässt mich seinem Blick ausweichen, zu Boden sehen.
"Herzlichen Glückwunsch zu deinem Ergebnis", sagt er da und hält mir die Hand hin, um meine zu drücken. Ich nehme sie und spüre die Wärme seiner Haut. Mein Puls schießt in die Höhe und ich bin seltsam nervös.
"Also, erlaubst du mir jetzt, dich nach Hause zu fahren?", fragt er und hält noch immer meine Hand.
"Ausnahmsweise", gebe ich mit gespielter Eitelkeit nach und er muss grinsen.
Wir gehen in den Schankraum, ziehen unsere Jacken an und verabschieden uns. Man wünscht uns eine gute Nacht und ich bin froh, dass Alex nicht mehr da ist. Er hätte mit Sicherheit einen blöden Spruch losgelassen. Entweder das oder er hätte mich gefragt, ob er mich nach Hause fahren kann. Seine Gründe wären jedoch andere gewesen, als Jonathans.
Ich folge ihm hinaus. Draußen schneit es noch immer und er muss erst einmal sein Auto suchen. Glücklicherweise stehen nicht mehr viele auf dem Parkplatz und ich frage mich, wie viele über Nacht hier stehen bleiben werden, weil ihre Besitzer zu viel Alkohol getrunken haben, um noch zu fahren.
Jonathan fängt an, den groben Schnee mit dem Arm vom Auto zu schieben und ich helfe ihm ungefragt. Als er mir jedoch ausversehen eine Ladung in die Schuhe kippt, stoße ich ein empörtes "Hey" aus.
"Oh, entschuldige", sagt er, fängt bei meinem Anblick jedoch an zu lachen. Mein erster Impuls ist es, beleidigt zu sein und ich spiele mit dem Gedanken, einfach zu gehen, doch plötzlich muss ich ebenfalls lachen. Und ohne, dass ich mich bewusst dafür entschieden hätte, greife ich nach einer Hand voll Schnee und werfe sie ihm mitten ins Gesicht. Er prustet und rennt plötzlich auf mich zu, packt mich und seift mich kräftig ein. Ich schreie und lache, kriege kaum Luft, bis ich plötzlich merke, dass er meine Arme festhält und mich mit seinem Körper gegen das Auto drückt. Unser Atem tritt in weißen Nebelwolken aus und ich kann sehen, wie er sich vermischt. Auch seine Augen sehe ich, die auf meine gerichtet sind und in dem schwachen Licht der entfernten Straßenlaterne schimmern. Das Lachen auf seinen Lippen verblasst und dann lässt er mich los.
"Jetzt benimm dich!", sagt er und grinst, doch diesmal erreicht es seine Augen nicht.
"Du hast angefangen", gebe ich zurück. Er lacht nur kurz und hält mir die Autotür auf. Wie charmant. Ich fühle mich tatsächlich geschmeichelt, klopfe mir rasch den Schnee von meinem Parka, steige ein und nehme den angenehmen Geruch im Auto wahr. Ich weiß nicht, wonach es riecht, doch als Jonathan einsteigt, wird die Note intensiver. Ich sehe ihn überrascht an, während er sich anschnallt und den Motor startet. Da erwidert er plötzlich meinen Blick.
"Was denn?", fragt er, weil ich ihn noch immer anstarre, mich frage, warum ich seinen Duft so intensiv wahrnehme.
"N...nichts", gebe ich rasch zurück und schnalle mich ebenfalls an. Wir schweigen. Nur um ihm zu beschreiben, wo ich wohne, öffne ich den Mund.
Die Fahrt dauert nicht lange, doch anstatt einfach anzuhalten, mich rauszulassen und weiterzufahren, schaltet er den Motor aus. Überrascht sehe ich ihn an, doch er blickt nur durch die Frontscheibe auf den Schnee.
"Stimmt was nicht?", frage ich. Da sieht er mich an, dreht den Oberkörper leicht in meine Richtung und mustert mich im Licht der Straßenlaterne. Mein Herz beginnt zu rasen und ein nervöses Kribbeln macht sich in mir breit.
"Warum hast du letztes Jahr nicht bei den Landesmeisterschaften mitgemacht? Oder den Deutschen? Du schießt gut genug."
Überrascht presse ich die Lippen aufeinander. Ich weiß genau warum ich nicht teilgenommen habe, aber den Grund kann ich ihm nicht nennen.
"Da hat wohl jemand Vereinsakten gewälzt", sage ich nur. Er zuckt mit den Schultern.
"Ich muss doch einschätzen können, an welchem Punkt sich meine Schützlinge befinden", antwortet er.
"Ich dachte nicht, dass ich eine Chance habe", erwidere ich nicht ganz wahrheitsgemäß.
Er lacht schnaubend.
"Ella! Für so unreflektiert hätte ich dich gar nicht gehalten." Als er meinen Namen ausspricht, fährt mir ein Schauer über den Rücken. Oh Mann, was ist nur los mit mir? Diese dummen, teenagerhaften Reaktionen meines Körpers gehen doch nun wirklich nicht.
"Mit dem Ergebnis heute wärst du vielleicht nicht gleich deutsche Meisterin, aber auf jeden Fall Landesmeisterin geworden", versichert er mir. Ich sehe ihn an und zucke mit den Schultern.
"Ich fahre aber nicht auf Wettkämpfe. Und auch nicht zum Kadertraining", gebe ich zurück. Meine Stimme klingt endgültig. Er mustert mich, ahnt offenbar, dass ich etwas verberge.
"Wieso nicht?", fragt er und sein Tonfall lässt kein Ausweichen zu.
"Du hast selbst gesagt. Ich habe den Platz nicht gewechselt."
Er schüttelt den Kopf.
"Vertraust du deinem Trainer nicht?"
Ich sehe ihn an, blicke in diese unglaublich braunen Augen, die im schwachen Licht glänzen und habe das absurde Bedürfnis, seine Wange zu berühren, seine Hand zu nehmen und seine Haut an meiner zu spüren. Scheiße, ich bin doch total irre!
"Doch", murmle ich leise.
"Dann sag mir die Wahrheit!", verlangt er. Ich presse die Lippen aufeinander, spüre den Schmerz in mir aufkeimen und will nur noch weg. Ich kann ihm nicht sagen, was mich davon abhält, dorthin zu fahren.
"Ella?"
Ganz automatisch schließe ich die Augen. Ich kann ihm das nicht erzählen. Schließlich kenne ich ihn kaum.
"Ella, ich möchte, dass du weißt, dass du mit mir reden kannst. Wenn es einen Grund gibt, weshalb du nicht auf Wettkämpfe fährst, dann musst du ihn mir nennen. Der Verein finanziert immerhin dein Training und möchte was davon haben."
Ich blicke auf.
"Dann bezahle ich eben einen höheren Beitrag, wenn es darum geht."
Er seufzt und schüttelt den Kopf.
"Natürlich nicht. Ich möchte nur wissen, warum du dich dagegen sträubst."
Meine Hände anzusehen ist so viel leichter, als in diese fragenden Augen zu blicken. Ich fahre die Linien meiner Finger nach, überlege, zögere, weiß nicht, ob ich ihm wirklich davon erzählen soll. Doch ein Teil von mir sehnt sich schon lange danach. Und vielleicht ist er ein Mensch, der genügend Abstand zu mir hat, jemand, dem ich das alles einfach anvertrauen kann und der erwachsen genug ist, nichts davon weiterzuerzählen. Also atme ich tief durch und suche nach den richtigen Worten.
"Du hast mich am Wochenende auf die Party angesprochen…", fange ich schließlich an. Meine Stimme klingt erstickt. "Ich hatte Sex mit zwei Kerlen gleichzeitig, wie du sicher weißt. Und in den Wochen davor hatte ich mehr als zehn verschiedene Typen." Ich spüre die Tränen aufkommen, kann mich nicht dagegen wehren. Jonathan verzieht keine Miene. Er sieht mich nur ausdruckslos an und hört mir zu.
