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Der junge Wolf Slavko, der behütet in einem Rudel in Slowenien aufwächst, gerät in einem unachtsamen Moment in die Fänge von Menschen. Sie verpassen ihm ein seltsames Halsband, das er nicht mehr abstreifen kann. Wenig später fühlt sich Slavko magisch angezogen von den hohen Bergen in der Ferne. Er lässt alles, was er kennt, hinter sich und zieht los, um sich in das große Abenteuer eines Wanderwolfes zu stürzen. Auf seiner langen Reise läuft er quer durch die alpine Berglandschaft und begegnet vielen Gefahren. Besonders machen ihm die Menschen zu schaffen, die sich massenhaft in jedem Winkel ausgebreitet haben und deren Spuren er überall vorfindet. Auch die Einsamkeit, in der sein Heulen ungehört verhallt, wiegt schwer auf seiner Seele. Wird er je wieder einem anderen Wolf begegnen? Und wird er je das Gefühl haben, am richtigen Ort angekommen zu sein? Auch diese Geschichte über den Wanderwolf Slavko adaptiert, ähnlich wie Marga Rodmanns erster Wolfsroman, das typische Wolfsverhalten.
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Seitenzahl: 301
Veröffentlichungsjahr: 2021
Slavkos Reise
Eine Wolfsgeschichte
von Marga Rodmann
Titel:
Slavkos Reise
Untertitel:
Eine Wolfsgeschichte
Auflage-Nr.:
1
Autor & Layout:
Marga Rodmann
Copyright:
© 2021 Marga Rodmann
ISBN:
978-3-96518-056-7 Paperback978-3-96518-057-4 e-Book
Verlag:
Herstellung:
tredition GmbHHalenreie 40-4422359 Hamburg
Die Autorin
Marga Rodmann, geboren 1968 in Bonn, wohnt heute in Idstein im Taunus. Sie hat BWL in Ravensburg und Landschaftsarchitektur in Erfurt mit dem Schwerpunkt Landschaftsplanung/Naturschutz studiert.
Nach einer Weiterbildung zur Umweltpädagogin hat sie ehrenamtlich viele Naturexkursionen konzipiert und durchgeführt, unter anderen zum Thema „Wolf“. Hauptberuflich arbeitet sie seit vielen Jahren in der Beruflichen Rehabilitation für psychisch Kranke.
Bisherige Veröffentlichungen von Kurzgeschichten:
„Die alte Elefantendame“ in „Der Taunus lässt büßen“, 2007, Sigrid Böhme Verlag
„Permafrost“ in „Bei Zitat Mord“, 2015, Brücken Verlag
„Der Gänsebraten“ in „Hessisch kriminelle Weihnacht“, 2017, Wellhöfer Verlag
„Die Haare der Frauen“ und „Streit hinter dem Wasser“ in „Mörder, Tote, Kommissare“, 2018, Dostojewskis Erben
„Annali und Annila“ in „Ein Fingerhut voll Harz“, 2020, Geest-Verlag
„Der Fall“ in „Rette sich, wer kann? Der kleine Alltag des Widerstands“, 2021, Geest-Verlag
Bisherige Romanveröffentlichung:
„Sunny & Einauge – Eine Wolfsgeschichte“, 2019,
Independent-Verlag Latza
Vorwort
Grundlage meines Romans ist die Geschichte des Wolfes Slavko, der von einem slowenischen Biologenteam mit einem Sender-Halsband versehen wurde, wodurch seine Route bekannt und dokumentiert ist.
Im Dezember 2011 wanderte der zweijährige Rüde aus seiner Heimat im südlichen Slowenien nach Norden ab, lief an Llubljana vorbei bis an den Flughafen der slowenischen Hauptstadt und überquerte an Sylvester in der Nähe von Klagenfurt die Drau.
In Österreich wendete er sich nach Westen und durchquerte die hohen Berge in Ost-Tirol. Dabei blieb er nicht im Tal, sondern überquerte Berge wie die Eisigspitze, mitten im Winter im hohen Schnee. Er gelangte an die italienische Grenze und zog weiter durch Südtirol. Slavko durchquerte unter anderem das Gadertal und Mitte Februar hatte er die Provinz Belluno erreicht, wo er in den Weinbergen gesehen wurde.
Er war nach weniger als zwei Monaten und im tiefsten Winter etwa 570 Kilometer Luftlinie von seinem elterlichen Heimatrevier in Slowenien entfernt. Die tatsächlich zurückgelegte Strecke war natürlich noch deutlich länger. Einige Zeit später ließ er sich am Alpensüdrand in der Provinz Trentino auf der Höhe von Ala in den Lessini-Bergen nieder.
Slavkos Route durch die Berge
1. Kapitel: Der Entschluss
Slavko streift durch den Wald am Rande des Reviers. Dort, wo das Gelände zu einer Anhöhe ansteigt und von wo er in alle Richtungen weit schauen kann. Auf der einen Seite sieht er das Revier seines Rudels. Überwiegend Wald mit kleinen Erhebungen, wie sanfte Wellen, gestoppt von einer grauen Wand, die in weiter Ferne nach dem Himmel greift. Wenn er sich etwas weiterdreht, sieht er, wie sich der Wald bis in die Unendlichkeit ausdehnt. Und wenn er sich noch ein Stückchen weiterdreht, sieht er menschliche Behausungen und dahinter ein riesengroßes Wasser, das nirgendwo zu enden scheint. Menschen und so endloses Wasser machen ihm Angst. Aber der geschwungene ansteigende und absteigende Wald und die großen grauen Berge, die sich dahinter auftürmen, erzeugen eine große Spannung in ihm. Eine angenehme Spannung. Alles, was er da in der Ferne sieht, würde er gerne durchstreifen und kennen lernen.
Weiter unten im Wald hört Slavko sein Rudel, dem er sich nun zuwendet. Doch auf halber Strecke dreht er ab und läuft auf eine Lichtung, denn er hat ein Kaninchen gewittert. Zu gerne würde er noch eines ergattern, bevor er zu seiner Familie zurückkehrt. Oder wenigstens eine kleine Maus. Er liebt die Vorstellung, selbständig zu sein und für sich alleine sorgen zu können, auch wenn er noch jung ist und bisher noch nicht viel Erfahrung im Jagen sammeln konnte. Immerhin ist er jetzt nicht mehr einer der Kleinen, denn neue Welpen tollen bereits auf dem Rendezvous-Platz, ihrem geschützt liegenden Treffpunkt, herum.
In dem Moment, in dem Slavko die Lichtung betritt, hört er ein fremdartiges Geräusch, gefolgt von einem heftigen Stich in seiner Flanke. Wie die Kralle eines Bären, die durch sein Fell in sein Fleisch eindringt. Nur, dass weit und breit kein Bär zu sehen oder zu riechen ist.
Unsicher rennt Slavko ein paar Schritte weiter. Er möchte umdrehen, zurück in den Schutz der Bäume. Doch er weiß nicht mehr so genau, wo er hergekommen ist. Als er wieder am Rand der Lichtung ist, knicken seine Vorderläufe ein. Er versucht, sich wiederaufzurichten. Doch er schafft es nicht. Er kippt zur Seite. Bleibt im Gras liegen, das ihm um die Nase streift. Alles in ihm fühlt sich weich an, als wären seine Knochen abhandengekommen. Verschwommen nimmt er wahr, dass sich etwas nähert. Beine und Geräusche dringen wie aus weiter Ferne zu ihm durch. Es verwirrt ihn so sehr, dass er seine Augen schließen muss.
Ganz vage nimmt er noch wahr, wie ihm seine Zunge aus dem Maul gleitet. Dann umfängt ihn eine wohltuende Dunkelheit. Auch fühlt und riecht er nichts mehr.
Als er wieder aufwacht, fühlt er sich immer noch benommen, sein Blick ist verschwommen. Er blinzelt ein paarmal und es wird besser. Nicht weit von ihm entdeckt er die Beine wieder, die er auch zuvor schon gesehen hat. Menschenbeine. So schnell es geht, rappelt er sich auf und entfernt sich von der Lichtung. Die Bäume schwanken, hüpfen von ihm weg und wieder auf ihn zu. Er muss noch einmal stehen bleiben und sich konzentrieren. Nach ein paar weiteren wackligen Schritten geht es besser. Der Schatten der Bäume hüllt ihn ein, wodurch er sich sicherer fühlt. Bald schon kann er wieder in seinen gewohnten ausdauernden Trab fallen. Er entfernt sich kurz vom Rendezvous-Platz seiner Familie und kehrt dann, als er sicher ist, dass ihm keiner folgt, in einem großen Bogen dorthin zurück, wo er die anderen am Morgen zurückgelassen hat. Schnell taucht der Rendezvous-Platz seiner Eltern vor ihm auf.
Zum Glück sind sie immer noch dort. Ebenso seine kleinen Geschwister, die sofort neugierig auf ihn zugestürmt kommen. Zielstrebig läuft er zwischen ihnen hindurch zu seiner Mutter und drängt sich an sie. Es tut gut, ihren vertrauten Geruch einzuatmen. Sie stupst ihn an und beschnuppert seinen Hals. Jetzt erst bemerkt er, dass da etwas ist. Es wirkt ein wenig wie die Haut eines Hirsches, ist aber dicker und härter. Er versucht, die Haut abzustreifen und reibt seinen Hals an einem Baum, danach an einem Stein. Doch er bekommt es nicht ab. Wieder stupst seine Mutter ihn an. Sie findet, dass die Haut nicht gut riecht. Aber was soll er machen? Er versucht, sie mit den Pfoten abzustreifen, was auch nicht funktioniert. Seine Mutter zerrt mit den Zähnen daran. Doch auch ihr gelingt es nicht, die Haut zu entfernen.
Neugierig kommen nun auch die älteren Geschwister näher heran und schnuppern ebenfalls an seinem Hals. Aus seinem Wurf sind da noch zwei Schwestern und ein Bruder. Von den älteren Geschwistern sind auch noch zwei Mädchen da. Die anderen sind bereits abgewandert.
Und dann sind da noch die Kleinen. Drei Rüden. Wild und ungestüm, wie er es in dem Alter auch war.
Das Schnuppern geht in ein wildes Herumtollen über. Die eigenartige Haut am Hals ist schon vergessen. Sie stört ihn mittlerweile kaum noch.
Am nächsten Tag dreht Slavko mit seiner ganzen Familie eine Runde, um zu schauen, was sich jagdbares in der Nähe befindet. Die Hirsche, die sich eine ganze Weile in ihrem Revier aufgehalten haben, sind weitergezogen. Übrig ist nur noch ein halbes Kalb vom Vortag, das sie zwischen den Büschen versteckt haben. Obenauf sitzen ein paar Raben. Sie haben seine Familie während der gesamten Jagd beobachtet. Als die Wölfe erneut auftauchen, hüpfen sie zur Seite. Slavko schnappt nach dem Schwanz eines Raben, der laut schimpfend aufflattert, sich auf einem Ast in der Nähe niederlässt und Slavko von dort mit schräg gelegtem Kopf beäugt.
Slavko stürzt sich auf den Kadaver, um sich darin zu wälzen und seinen Hals daran zu reiben. Ganz ist die Haut an seinem Hals doch noch nicht vergessen, da immer noch der unangenehme Geruch an ihr haftet. Doch mit dem Hirschduft ist der fremde Geruch gut überdeckt. Nach dem angenehmen kleinen Schmaus lässt sich die Familie in der Nähe nieder und döst vor sich hin, während sich die Raben über die letzten Reste der Beute hermachen. Danach bleiben nur noch die blanken Knochen übrig.
Einige Tage später beschließen Slavkos ältere Schwestern, aus dem elterlichen Rudel wegzugehen. Während alle in den immer länger werdenden Schatten vor sich hindösen, stehen die beiden ruckartig auf. Sie treten in die Sonne und heulen kurz auf. Slavko und die anderen kommen näher und stimmen mit ein. Die beiden Schwestern geben jedem einen kleinen Nasenstupser zum Abschied, dann verschwinden sie durch das Unterholz. Slavko ist überrumpelt. Damit hat er nicht gerechnet. Klar, es wurde Zeit. Dennoch hat er nicht so plötzlich damit gerechnet. Und schon gar nicht, dass sie beide gleichzeitig davonziehen würden.
Lange sieht er ihnen nach und fragt sich, wohin sie wohl gehen. Ob sie zusammenbleiben oder bald jede von ihnen ihren eigenen Weg nehmen würde? Eine seltsame Sehnsucht macht sich in ihm breit. Am liebsten wäre er ihnen hinterhergelaufen. Aber das ist nicht möglich. Wenn er gehen sollte, würde er alleine gehen.
Ein leichter Biss in seinen Hintern reißt ihn aus seinen Gedanken. Sein Vater hat ihn gerufen. Sie wollen zur Jagd aufbrechen. Gemeinsam zu jagen gefällt Slavko. So können sie ganz anders jagen als allein. Dennoch ist es ihm besonders wichtig, regelmäßig alleine Beute zu machen. Auch wenn es dann immer nur Kleingetier zu verschlingen gibt, denn für alles andere fehlt ihm noch die Erfahrung. Und zu mehreren ist es immer einfacher. Slavko betrachtet seine drei gleichaltrigen Geschwister. Sie sind noch genauso unerfahren wie er selber. Und doch haben sie mittlerweile ganz gut begriffen, wie sie bei der Jagd nützlich sein können.
Die kleine Familie steuert auf die Lichtung zu, die Slavko am Vortag auf so eigenartige Weise zu Fall gebracht hat. Jetzt wälzen sich dort ein paar Wildschweine. Sie haben keine Ferkel, daher sind sie auch nicht angriffslustig. Dennoch darf man sie nicht unterschätzen. Slavko hat bereits gelernt, wie wehrhaft sie sind und wie plötzlich sie zu einem Angriff übergehen können. Als die Wildschweine ein paar Meter weiterziehen, merkt Slavko, warum sein Vater diese Rotte ausgesucht hat. Der alte Eber, der sich den Sauen angeschlossen hat, läuft sehr langsam und zieht sein linkes Hinterbein nach.
Schnell hat sich das Rudel in zwei Gruppen aufgeteilt. Slavko ist mit seinem Bruder bei seinem Vater geblieben. Sie jagen die Rotte über die Lichtung. Wie erwartet fällt der Eber zurück. In dem Moment kommt seine Mutter mit seinen Schwestern von der Seite aus dem Wald gestürmt und sie schneiden den Eber von seiner Gruppe ab. Die anderen aus der Rotte haben offensichtlich gleich begriffen, dass sie ihm nicht helfen können und rennen weiter, ohne sich um den zurückgebliebenen Eber zu kümmern.
Ganz wehrlos ist der allerdings nicht. Sie müssen sich in Acht nehmen vor seinen Hauern und vor seinem kompakten schweren Körper. Immer wieder springen sie ihn von allen Seiten an, bis er an mehreren Stellen klaffende Wunden hat, aus denen das Blut sickert. Endlich erwischen sie ihn an der Kehle. Der Eber stürzt auf die Seite. Sie haben es geschafft. Ihre Mahlzeit für die nächsten beiden Tage ist gesichert.
Vollgefressen und müde döst Slavko anschließend vor sich hin. Eine lästige Fliege hindert ihn daran, ungestört zu träumen. Mehrfach schnappt er nach ihr, bis sie endlich das Weite sucht. Über sich hört er die Raben, die sich wie immer an der Mahlzeit beteiligen wollen, sobald er und seine Familie satt sind.
Er hört das Schlagen von Flügeln. Weit oben im Himmel ertönt der Schrei eines Bussards. Was er von da oben wohl noch alles sehen kann?
Slavko träumt davon, sich all das anzusehen. All das, was sich jenseits der Grenzen seines Reviers befindet. Durch weite Wälder zu streifen und ganz neue Gegenden kennen zu lernen. Die grauen großen Berge reizen ihn ganz besonders. Ob er es schon wagen sollte? Er ist noch sehr jung. Die neuen Geschwister sind noch klein und können noch nicht richtig jagen. Aber er beherrscht das schon ganz gut. Seine älteren Brüder aus dem Vorjahr sind auch gegangen, als sie so alt waren wie Slavko jetzt. Warum sollte er es ihnen nicht gleichtun? Die kalte Zeit ist im Begriff, heranzuziehen. Mit ihr kommt der Schnee. Der macht nicht nur Spaß, sondern erleichtert auch das Beute machen. Slavko hat den Schnee schon erlebt, als er noch ein schlaksiger Tölpel war. Die Sonne hatte sich verzogen und mit dem düsteren Grau waren Kälte und Schnee in ihr Revier eingedrungen. Nach dem ersten Schrecken hatte er es großartig gefunden und mit seinen Geschwistern den wunderbaren weißen Teppich durchpflügt. An diesen Tagen hatten sich auch seine Eltern benommen, als wären sie selber noch kleine Welpen. Es waren schöne Tage. Gerne dürften sie bald wiederkommen.
Slavko erwacht in der Dämmerung. Seine Geschwister und seine Eltern dösen nach wie vor. Er selber ist hin und hergerissen, ob er noch so lange warten soll, bis die weiße Phase beendet ist, damit er diese noch einmal gemeinsam mit seiner Familie erleben kann. Und sicher sein kann, dass die kleinen Geschwister auch groß und gute Jäger werden. Doch die Unruhe in ihm ist stark. Sehr stark.
Er erhebt sich und trabt von der Lichtung. Er möchte das Revier nochmal ablaufen. Den Wald, die Wiesen, die Flüsse, die Höhlen und den großen See. Begrenzt wird das Revier auf allen Seiten von den seltsamen Bauten der Menschen. Auf zwei Seiten führt ein breites graues Band entlang, auf dem sich die Menschen mit ihren Rennhilfen tummeln. Auf den anderen beiden Seiten befinden sich zwei endlos lange braune Stränge, auf denen ab und zu riesige schnaufende Wesen heran gerauscht kommen, die aussehen wie übergroße Schlangen. Schlangen auf einer vorgefertigten Route, die sie niemals verlassen. Sie sehen nicht nach rechts und nicht nach links, sondern stampfen einfach immer weiter. Sie sind schnell und stark. Daher sollte sich ihnen kein Wolf in den Weg stellen. Aber ein paar Meter weiter seitlich ist man bereits in Sicherheit. Dann tun sie einem nichts mehr. Das hat Slavko bereits gelernt. Er hat schon viel gelernt. Daher fühlt er sich gut genug gerüstet, um sein Leben allein zu bewältigen.
Slavko trabt weiter, die Nase dicht am Boden, um all die bekannten Gerüche in sich aufzunehmen, die ihm unterwegs begegnen. Um die wenigen Ansammlungen an Behausungen der Menschen macht Slavko lieber einen Bogen. Alles was mit den Menschen zu tun hat, ist ihm nicht geheuer.
Als er an einen Bach kommt und sich vorbeugt, um daraus zu trinken, blickt ihm ein Wolf mit einem braunen Band am Hals entgegen und er erinnert sich wieder an das seltsame Teil, das sich nach wie vor um seinen Hals krallt. Slavko springt ins Wasser, taucht seinen Hals unter und versucht nochmal, das Ding mit seinen Pfoten abzustreifen. Wieder gelingt es ihm nicht. Daher beschließt er, es endgültig zu ignorieren. Es tut nicht weh und der unangenehme fremde Geruch ist längst verschwunden.
Lange streift er weiter durch das Revier, bis er sich dazu entschließt, zu seiner Familie zurückzukehren. Heute nochmal. Morgen vielleicht schon nicht mehr. Aber er will nicht gehen, ohne sich von den anderen zu verabschieden.
Zurück bei seinen Eltern wird er so stürmisch begrüßt, dass er unter den anderen Wölfen begraben wird. Besonders seine Mutter schnuppert lange und ausgiebig an ihm. Dann beißt sie ihn ins Ohr. Sie weiß, dass er gehen will. Dass es ihn hinaus zieht in die Welt. Sie hätte gerne, dass er noch ein wenig bleibt. Slavko macht sich klein und leckt an ihren Lefzen.
Er respektiert ihren Wunsch, aber er kann nicht länger warten. Unruhig schnappt er immer wieder nach allem, was in seine Nähe kommt. Und wenn es nur sein eigener Schwanz ist. Als seine Mutter ihn ein paar Tage später endlich zustimmend in den Hals knufft, geht er zu seinen Geschwistern, die aus dem gleichen Wurf wie er stammen. Obwohl seine beiden Schwestern und sein Bruder genauso alt sind, wie er selber, verspüren sie noch nicht den Drang, wegzugehen. Somit können sie auf die Kleinen aufpassen, die bereits unruhig um ihre älteren Geschwister herumspringen. Sie spüren die Aufregung und wissen, dass etwas Besonderes im Gange ist. Auch wenn sie nicht wissen, was es ist.
Es ist gut so und soll wohl auch so sein, dass nicht alle früh gehen. Dass sie unterschiedliche Wünsche haben. So ist es für alle leichter und besser.
Nach seinen Geschwistern geht Slavko zu seinen Eltern, die nun dicht beieinanderstehen. Stark und aufrecht. Eine gut aufeinander abgestimmte Einheit. So will er auch eines Tages sein und auch irgendwann eine passende starke Gefährtin an seiner Seite haben. Doch das hat noch Zeit. Jetzt will er erst mal weg. Will andere Gegenden sehen und neue Landschaften kennen lernen. Er will laufen. Weit laufen, neue Gerüche einatmen und neue Töne hören.
Jetzt, wo der Moment des Abschieds gekommen ist, zögert er. Am Rand der Lichtung dreht er sich um und blickt auf die kleine Gruppe zurück. Die Mitglieder seiner Familie, die nun allesamt dicht beieinanderstehen und ihm nachsehen. Er liebt sie alle und fragt sich, warum er sie unbedingt verlassen will. Doch sein Entschluss steht fest. Er schüttelt sich, dreht sich um und trabt schnell davon. Er will zügig aus dem Blick seiner Familie verschwinden, um seiner Sehnsucht nach der Ferne zu folgen. Heute ist der Tag, an dem er seine Familie verlässt. Schnell und eindeutig. Ohne Wankelmut zu zeigen. Auch wenn dieser plötzlich aufgetaucht ist und sich in ihm breitmachen will.
Am Rand des Abhangs, der den Zugang zu einer großen Höhle bildet, macht er Halt. Er kauert an der Kante, zwischen Büschen und Felsen, und blickt in den Abgrund. Am unteren Ende der senkrechten Felswand sieht er das große klaffende Loch. Der Zugang zur Höhle. Über der Felswand auf der anderen Seite befindet sich eine grasbewachsene Ebene, auf der ein paar Behausungen der Menschen stehen. Gerne hätte er die Höhle einmal erforscht. Aber leider sind die Menschen auch da unten. Daher ist sie für ihn unerreichbar. Auch jetzt dringen Geräusche zu ihm herauf, die von den Menschen kommen. Sie sind immer sehr laut. Selbst wenn sie nur gehen, sind sie so laut, dass man sie schon von weitem hören kann.
Slavko erhebt sich und umrundet das große Loch im Schutz der Bäume und Büsche. Dahinter gelangt er an ein breites graues Band. Wieder bleibt er stehen und duckt sich in den Schatten eines Busches. Einige Rennhilfen der Menschen kommen in sein Blickfeld und verschwinden wieder daraus.
Hier endet das Revier seines Rudels. Auf der anderen Seite beginnt etwas Neues. Erneut zögert er. Da drüben ist er noch nie gewesen. Nach einer Weile gibt er sich einen Ruck und rennt über das graue Band und lässt das, was er kennt, hinter sich.
2. Kapitel: Erste Erfahrungen in der Fremde
Slavko hat das elterliche Revier, durch das er bisher gestreift ist, verlassen. Jetzt ist er tatsächlich gegangen.
Er freut sich darüber – und doch zögert er. Er versteht sich selber nicht. Die ganze Zeit hat er von diesem Moment geträumt. Hat sich nichts sehnlicher gewünscht, als endlich ins Ungewisse aufzubrechen. Abzuwandern und sich auf die große Reise zu machen. Und jetzt? Jetzt zögert er immer wieder und lässt Erinnerungen auftauchen, die ihn bremsen.
Er vermisst seine Mutter, die im Geiste neben ihm auftaucht. Er blickt sich um und versucht, bekannte markante Punkte zu erkennen. Da vorne ist die Ebene mit den menschlichen Behausungen, hinter der sich das Loch mit der großen Höhle befindet, die die Menschen besetzt halten. Weit dahinter kann er die Anhöhe erahnen, auf der er sich so oft aufgehalten hat, um in die Ferne sehen zu können. Dazwischen ist das Kernrevier, in dem sich seine Familie meistens aufhält. Bestimmt sind sie auch jetzt dort. Ob sie gerade an ihn denken? So wie er an sie denkt?
Allmählich verschwindet die Sonne hinter dem Horizont. Es ist eine gute Zeit zum Laufen, wenn die Schatten länger werden und eine huschende Gestalt gut verschlucken können. Etwas abseits von dem grauen Band, verborgen unter Bäumen, legt Slavko den Kopf in den Nacken und stimmt ein einsames Geheul an. Er lauscht. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Es kommt genau von dort, wo er es vermutet hat. Seine Familie antwortet ihm. Aber nicht nur sie. Aus der entgegen gesetzten Richtung hört er auch eine Antwort. Dort muss ein anderes Rudel sein. Davor sollte er auf der Hut sein. Vorsichtshalber wendet er sich in die Richtung, aus der er keine Wölfe gehört hat und entfernt sich zielstrebig von den Rändern seiner alten Heimat.
Nach kurzer Zeit lichtet sich der Wald und die grauen Bänder der Menschen werden mehr. Mehrfach muss Slavko eines überqueren und aufpassen, dass er nicht von den Menschen gesehen oder von ihren Rennhilfen gerammt wird. Es heißt, Menschen können nicht besonders gut hören und noch viel schlechter riechen. All ihre Sinne scheinen verkümmert zu sein. Ohne ihre Rennhilfen können sie sich offensichtlich auch nur recht langsam fortbewegen. Das bringt ihm deutliche Vorteile, denn als Wolf kann er schnell und ausdauernd laufen. Darüber hinaus hört und riecht er sehr gut und kann auch in der Dämmerung gut sehen. So wie alle erwachsenen Wölfe, die noch nicht zu alt geworden sind.
Dennoch ist ihm äußerst unwohl zumute, als er an ein besonders breites und lautes Band gerät, das auch noch mit dünnen glatten Ästen abgegrenzt ist, die sich nicht umbiegen lassen.
Kurz trabt er in die eine, dann in die andere Richtung daran entlang. Es ändert sich nichts. Daher sucht er sich eine möglichst dunkle Stelle und überspringt die Abgrenzung. Der Schwung, mit dem er auf der anderen Seite landet, treibt ihn hinauf auf den Rand des grauen Bandes. Obwohl dort gerade menschliche Rennhilfen unterwegs sind, rast er schnell weiter, setzt erneut zum Sprung an und landet sicher auf der anderen Seite. Schnell taucht er in die dunklen Schatten dahinter ein, um zu verschnaufen, bis sein aufgeregtes Herz wieder ruhiger schlägt. Um ihn herum bleibt alles ruhig. Offensichtlich wurde er nicht gesehen. Zumindest ist ihm niemand gefolgt.
Beruhigt trabt er weiter. Das graue Band ist immer noch in der Nähe. Und nicht weit davon taucht plötzlich ein zweites auf. Diesmal möchte Slavko den Rand davon besser erkunden. Er läuft in die Richtung der aufgehenden Sonne. Doch weit kommt er nicht, da die beiden Bänder aufeinandertreffen.
Also wendet er sich in die andere Richtung. Als er den Punkt, an dem er zuvor schon gewesen ist, passiert hat, dauert es nicht lange und er entdeckt ein kleineres graues Band, das unter dem großen hindurch führt. Er legt sich auf den Bauch und beobachtet die Stelle eine Weile. Es ist relativ ruhig. Nur ab und zu sieht er eine der Rennhilfen, die aus der Dunkelheit unter der Erde auftaucht und sich auf ihn zu bewegt. Slavko verharrt bewegungslos im Schatten und die Rennhilfen verschwinden hinter ihm, ohne von ihm Notiz zu nehmen.
Er nimmt all seinen Mut zusammen und nähert sich dem silbern schimmernden Balken. Schnell rennt er die Böschung hinunter, betritt das graue Band und rast unter dem anderen hindurch. Gerade, als er auf der anderen Seite die Böschung erklimmt, funkeln ein paar Lichter. Schnell hastet Slavko weiter, während sie näher kommen. Aber sie verlassen das graue Band nicht. Wenden sich nicht einmal in seine Richtung. Sie haben ihn nicht bemerkt.
Slavko hat Glück gehabt und hofft, dass er in Zukunft von diesen großen grauen Bändern verschont bleibt. Überhaupt würde er gerne von all diesen menschlichen Dingen verschont bleiben. Die Welt wäre viel schöner ohne all das, was ihren Geruch trägt. Vielleicht findet er ja eine Region, in der es keine Menschen gibt, sondern nur Wölfe und reiche Beute. Er ahnt, dass er so eine Gegend nicht finden wird. Dass es so etwas nirgendwo geben wird. Überall wird es Gefahren und unschöne Dinge geben. Aber die Menschen können doch auch nicht überall sein.
Als der Himmel heller wird und die Sonne hinter den Bäumen zum Vorschein kommt, sucht Slavko nach einem Versteck. Wo er jetzt ist, ist der Wald nicht mehr so dicht. Immer wieder läuft er über Wiesen und andere offene Flächen mit einzelnen Büschen und Bäumen, die nur wenig Schutz bieten. Nach einer Weile findet er ein paar Sträucher, die sich dicht aneinanderdrängen und ihn somit gut verbergen können. Er zwängt sich in ihre Mitte und ist froh, dass er so ein nettes Plätzchen zum Verweilen gefunden hat.
Sein Magen knurrt. Erst jetzt fällt ihm auf, dass er seit seinem Aufbruch nichts gegessen hat. Das Mahl am Vortag war üppig, daher benötigt er nicht wirklich etwas. Dennoch hätte er nichts dagegen, wenigstens einen kleinen Happen zu sich zu nehmen.
Daher kriecht er wieder aus seinem Gebüsch hervor und sieht sich um. Es raschelt und riecht nach Maus. Er rennt ein wenig kreuz und quer, die Nase immer dicht am Boden, um zu verfolgen, wo der Geruch intensiver wird. Kurz darauf hat er eine Maus erwischt. Er grunzt zufrieden und will zurück in sein Versteck.
Doch zwischen ihm und den Büschen taucht gerade ein Mensch auf. Er hat einen Begleiter auf vier Beinen dabei. Eine Schnur verbindet die beiden miteinander. Ein Hund. Die wolfsähnlichen Wesen, die sich den Menschen angeschlossen haben und ganz unterschiedlich aussehen können. Den ein oder anderen hat Slavko zuvor bereits gesehen. Dieser hier ist groß und dunkel und hält gerade seine Schnauze in die Luft. Hat er seine Witterung aufgenommen?
Schnell duckt sich Slavko ins hohe Gras und beobachtet die beiden. Mensch und Hund haben ihn noch nicht bemerkt. Und der Wind steht günstig für Slavko. Aber sie entfernen sich nicht, sondern untersuchen den Bereich vor dem Gebüsch. Ob sie ihm auf der Spur sind? Vorsichtshalber schleicht Slavko zügig in die andere Richtung, bevor der Hund ihn tatsächlich wittert und ihm folgt.
In Zukunft will Slavko besser aufpassen. Nicht wegen der Lust auf die Jagd jegliche Vorsicht fallen lassen. Diesmal ist zum Glück alles gut gegangen. Nur muss er sich ein neues Versteck suchen und das gestaltet sich etwas schwieriger, als er gedacht hat. Er läuft ein wenig im Zickzack, überquert ein ruhig daliegendes graues Band und umrundet eine Stelle, an der einige Behausungen der Menschen beieinander stehen. Dann endlich findet er ein ähnlich schönes Plätzchen wie zuvor. Eine Kuhle unter einem breiten Strauch, dessen ausladende Zweige ihn gut verbergen. Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel.
Durch das ganze Hin und Her hat er allerdings den Überblick verloren, wo er sich befindet. Vorsichtig entfernt er sich nochmal von dem schützenden Strauch, um sich zu orientieren. In weiter Ferne erkennt er den heimischen Wald. Er erkennt, in welcher Richtung sein altes Zuhause liegt. Somit weiß er, in welche Richtung er später weiterziehen will und kann beruhigt zu seinem Versteck zurückkehren und vor sich hindösen.
Als die Schatten wieder lang werden, setzt er seine Reise in die gewünschte Richtung fort. Er taucht in einen Wald ein und läuft so, dass sich die untergehende Sonne auf seiner linken Seite befindet. Er kann sie hier zwar nicht sehen. Aber er spürt sie genau.
Die Gerüche in dem Wald sind interessant und sorgen dafür, dass er von seiner geraden Linie abweicht. Er kann nicht anders, als immer wieder einem Duft zu folgen, bis er dessen größte Intensität erreicht hat. Mal sind es Pilze, mal Kräuter und mal riecht es nach Tieren wie Mäusen. An einem Stamm, an dem sich zuvor ein Hirsch gerieben hat, verweilt er und überlegt. Vieles kommt ihm bekannt vor, manches ist aber auch neu oder ähnlich aber dennoch ein wenig anders als er es kennt. Wahrscheinlich, weil dort andere Exemplare der jeweiligen Tiere oder Pflanzen leben, die es auch in seinem alten Revier gibt. Er hat ja auch einen anderen Geruch, als seine Mutter, obwohl sie nicht nur beide Wölfe sind, sondern sogar aus einer Familie kommen.
Seine Mutter! Sie vermisst er am meisten. Mehr als seinen Vater oder seine Geschwister. Die würden auch irgendwann abwandern. So wie seine älteren Schwestern einige Zeit vor ihm gegangen sind. Ob die anderen ihn auch vermissen? Oder ob sie ihr Leben weiterleben, wie sie es zuvor getan haben und ihn längst vergessen haben?
Eigentlich ist es egal, denn er wird sicherlich nicht zurückkommen und es somit niemals erfahren. Er ist sich aber sicher, dass er seine Familie nicht vergessen wird und hofft, dass die anderen auch ab und zu an ihn denken.
Bald lichtet sich der Wald erneut. Slavko überquert ein graues Band und umrundet eine weitere Ansammlung von menschlichen Behausungen. Dann schwimmt er durch einen kleinen Fluss und hat schon wieder eine Ansammlung an Behausungen vor sich. Offensichtlich ist er in einem Gebiet, wo es viele Menschen gibt. Das gefällt ihm nicht. Er ändert seine Richtung. Wendet sich der untergehenden Sonne zu. Doch auch hier wird es nicht besser. Wieder ändert er seine Richtung und überquert ein großes graues Band. Nur, um dann eine dieser schnaufenden Schlangen der Menschen vor sich zu haben. Vorsichtig schleicht er näher heran. Sie stößt einen lauten Warnschrei aus. Erschrocken rast Slavko davon. Sie folgt ihm nicht. Dann erst erinnert er sich daran, dass sie sich nur auf ihrer vorgegebenen Strecke bewegen kann. Das hatte er ganz vergessen.
Er war so fixiert auf die schnaufende Schlange, dass er zunächst nicht bemerkt hat, dass in seiner Nähe eine Gruppe Menschen aufgetaucht ist. Nun zeigen sie mit ihren Vorderpfoten auf ihn und brüllen währenddessen laut. Slavko beschleunigt seine Schritte und fällt in einen schnellen Galopp. In der Ferne kann er Bäume erkennen. Da hinten muss wieder ein Wald beginnen. Dort muss er hin. Er sieht sich nicht um, sondern rennt einfach immer weiter. So schnell ihn seine Pfoten tragen. Die Sonne ist bereits verschwunden. Die Schatten verbinden sich allmählich und gehen in die finstere Nacht über. Die Menschen sind ihm nicht gefolgt. Dennoch will er so schnell wie möglich wieder in ein Gebiet kommen, in dem er sich sicherer fühlt. Ein weiteres graues Band taucht vor ihm auf, dann kann er endlich in den Wald eintauchen. Eine der Rennhilfen ist ihm beim überqueren des grauen Bandes gefährlich nah gekommen und hat ein lautes Quietschen von sich gegeben. Aber das ist ihm egal. Es ist ihm egal, ob er kurz gesehen wird. Er will nur endlich wieder die schützenden Bäume um sich haben. In die Schatten eintauchen und selber zum Schatten werden, um sich wieder sicher zu fühlen.
Der Wald, in den er hineinrennt, ist ähnlich wie der Wald zuhause es war. Augenblicklich fühlt er sich besser. Hier kann er wieder ruhig atmen. Kann ein gemächlicheres Tempo anschlagen und in einen kraftsparenden Trab fallen, indem er einen Fuß vor den anderen setzt. Immer in einer Reihe. So könnte er ewig weiterlaufen.
Slavko nimmt einen verführerischen Duft nach Wild wahr. Wieder fällt ihm ein, dass er etwas essen könnte. Die Maus vom Vortag ist längst verdaut, sein Bauch ist dünn. Daher bleibt er stehen und lauscht. Schnuppernd hält er seine Nase in die Luft. Es riecht. Es riecht nach viel. Aber nichts ist direkt bei ihm.
Langsam geht er weiter. Geduckt. Unentwegt schnuppernd. Unentwegt lauschend. Es raschelt und wuselt. Bekannte und unbekannte Düfte vermengen sich. Er muss sich konzentrieren. Um so leicht und erfolgreich zu jagen wie seine Eltern, fehlt ihm die Erfahrung und die Gruppe. Aber jetzt riecht er etwas Interessantes. Etwas Krankes, das noch lebt. Zügig strebt er darauf zu. In seiner Nähe knackt ein Zweig. Welches Wesen ist so unvorsichtig?
Ein Verletztes. Jetzt kann er es sehen. Ein Reh. Es ist allein und es humpelt. Es kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Was für ein Glück. Slavko duckt sich und schleicht näher heran. Aber diese Vorsichtsmaßnahme hätte er sich sparen können. Als das Reh ihn entdeckt, bleibt es einfach ergeben stehen. Es weiß, dass sein Ende gekommen ist. So oder so.
Das Reh steht da, als hätte es auf Slavko gewartet. Kurz irritiert ihn das. Wenige Meter vor seiner Beute bleibt er stehen und starrt das zitternde Tier an. Schnell schüttelt er sich, um alle Verwirrung zu beseitigen. Sekunden später springt er es an und beißt ihm in die weiche Kehle. Im letzten Moment zuckt es zusammen und will doch noch davonspringen. Schlägt aus und windet sich. Dann ist der letzte Lebensfunke erloschen.
Slavko hat eine üppige Mahlzeit, die er ohne jegliche Mühe ergattern konnte. Das macht ihn stolz. Nun ist er sich ganz sicher, dass er gut für sich sorgen kann und nicht allein von Mäusen und Beeren leben muss. Hier hat er eine richtig fette Beute, von der er allein mindestens zwei, wenn nicht gar drei Tage essen kann, wenn ihm niemand anderes die Beute streitig macht. Dieser Gedanke lässt ihn erneut aufhorchen. Er hat noch keinen Raben und auch keine Krähen gesehen. Sonst waren sie immer schnell da, wenn seine Familie Beute gemacht hat. Ob es daran liegt, dass er hier fremd ist? Dass sie nicht wissen, dass sich hier ein Wolf herumtreibt, der ihnen einen zubereiteten Kadaver bereitstellt?
Er sollte aufhören, sich immer wieder über irgendetwas Gedanken zu machen. Er macht genau das, wovon er geträumt hat. Er ist bereits weit weg von seinen Eltern und hat hier die erste richtige Beute gemacht. Und das schon so kurze Zeit, nachdem er weggegangen ist.
Tief atmet er ein und dann taucht er seine Schnauze in den klaffenden Riss am Hals des Rehs. Er will endlich genießen, was er gerissen hat. Das Blut ist noch warm. Es riecht fantastisch. Viel besser als die Rehe, die er mit seiner Familie gejagt hat. Schnell leckt er das Blut auf, das ihm bereits über die Schnauze rinnt und reißt ein paar Brocken aus dem Hals. Dann wendet er sich lieber dem Bauch zu und reißt daran herum. Das Fleisch dort ist fetter und schmeckt daher noch besser. Bald hat er die Innereien freigelegt, die er mit besonderem Genuss verschlingt. Er ist froh, dass er das Reh mit niemandem teilen muss und einfach nehmen kann, was er will. Ohne Hast. Ohne Sorge, dass ihm die besten Bissen von einem anderen Wolf weggeschnappt werden.
Als sein Bauch dick und rund ist und er sich schwer und behäbig fühlt, lässt er sich neben seiner Beute nieder. Er legt den Kopf auf die Vorderpfoten und leckt sich über die immer noch nach Rehblut schmeckende Schnauze.
Warum ist er so froh über seine eigene Beute, die nur ihm gehört? War es nicht immer auch schön, im Rudel zu jagen? Sich eine Strategie zu überlegen, um erfolgreich zu sein? Und es war meist genug für alle da. Die Jagdstrategie kam stets von seinen Eltern. Er hat sich angepasst. Aber das war natürlich auch gut so. Seine Eltern haben deutlich mehr Erfahrung. Er hat viel von ihnen lernen können.
Genug, um alleine erfolgreich zu sein? Heute ist er sehr erfolgreich gewesen. Aber heute hat er auch Glück gehabt. Dessen ist er sich bewusst. Das Reh hat quasi auf ihn gewartet und sich ihm angeboten. Er war die Erlösung für dessen Schmerzen. Es würde nicht immer so leicht werden. Er würde noch viel lernen müssen und viele Misserfolge hinnehmen müssen.
Vielleicht hätte er noch länger bei seinem Rudel bleiben sollen, um mehr zu lernen. Aber diese elendige Unruhe in ihm hat ihn fortgetrieben. Er kann selber nicht sagen, warum diese so stark in ihm gewütet hat. Einige seiner Geschwister sind da ganz anders. Sie wollten erst noch sehr viel mehr lernen und älter werden, bevor sie gehen. Noch ein wenig länger das Vertraute und die Gemeinschaft genießen, bevor sie sich auf eigene Beine stellen, was auch bedeutet, erstmal in die Einsamkeit hinauszuziehen.
Das kann Slavko gut verstehen. So ist das auch normal. Dadurch können sich die älteren Geschwister um die jüngeren Geschwister kümmern und erst, wenn diese groß geworden sind und wieder neue Welpen angekommen sind, denken viele ältere Geschwister daran, wegzugehen, um eine eigene Familie zu gründen. So können sie die Eltern lange genug unterstützen und nur so können sie als Rudel jagen. Mit kleinen Welpen im Schlepptau ist das wesentlich schwieriger. Und die Welpen allein zurück zu lassen, während die anderen jagen, birgt immer eine Gefahr für die Kleinen. Seine gleichaltrige Schwester hat in letzter Zeit öfter auf die Welpen aufgepasst, während die anderen auf Beutezug gegangen sind.
