Slow Dance - Rainbow Rowell - E-Book

Slow Dance E-Book

Rainbow Rowell

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Beschreibung

»Eine Second-Chance-Romance, die ihresgleichen sucht. Dieses Buch ist der Hit.« People Slow Dance: Slow Burn, Fast Read. In der Highschool waren Shiloh und Cary unzertrennlich – beste Freunde, die endlose Sommer damit verbrachten, gemeinsam auf der Veranda von der Zukunft zu träumen. Doch das Leben kam dazwischen: College, Umzüge, 14 Jahre Funkstille. Jetzt ist Shiloh zurück in ihrem Elternhaus, geschieden, mit zwei Kindern. Dann erhält sie eine Einladung zur Hochzeit ihres Schulfreunds Mikey. Wird Cary auch dort sein? Und was passiert, wenn sie sich wieder in die Augen sehen? Slow Dance ist ein bewegender Roman über Liebe, die nie ganz vergeht – und die zweiten Chancen, die das Leben bereithält. »Slow Dance hat mich nicht nur daran erinnert, wie es ist, jung und verliebt zu sein, sondern auch, wie es ist, jung und verliebt in ein Buch zu sein.« John Green »Rainbow Rowell erschafft diese herrlich unperfekten Figuren – ein großartiges Buch.« Today Show

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Vierzehn Jahre getrennt. Ein unerwartetes Wiedersehen. Ist es zu spät, ihre Liebesgeschichte neu zu schreiben?

In der Highschool waren Shiloh und Cary unzertrennlich – beste Freunde, die endlose Sommer damit verbrachten, gemeinsam auf der Veranda von der Zukunft zu träumen. Doch das Leben kam dazwischen: College, Umzüge, vierzehn Jahre Funkstille. Jetzt lebt Shiloh wieder in ihrem Elternhaus, geschieden, mit zwei Kindern. Dann erhält sie eine Einladung zur Hochzeit ihres Schulfreunds Mikey. Wird Cary auch dort sein? Und was passiert, wenn sie sich wieder in die Augen sehen?

Slow Dance ist ein bewegender Roman über Liebe, die nie ganz vergeht – und die zweiten Chancen, die das Leben bereithält.

»Rainbow Rowell erschafft diese herrlich unperfekten Figuren – ein großartiges Buch.« Today Show

Die Autorin

Rainbow Rowell studierte Journalismus, arbeitete als Kolumnistin und in einer Werbeagentur. Sie lebt in Omaha, Nebraska – genau wie viele ihrer Figuren. Mit ihrem zweiten Roman Eleanor & Park landete sie einen weltweiten Bestseller und war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Es folgten zahlreiche preisgekrönte Romane, Kurzgeschichten und Comics. Slow Dance stand wochenlang auf der New York Times-Bestsellerliste.

Die Übersetzerin

Jana Hartmann lebt als freie Übersetzerin und Lektorin in Berlin und Chicago.

www.gutkind-verlag.de

Die Originalausgabe ist erstmals 2024 unter dem Titel Slow Dance bei William Morrow, einem Verlag von Harper Collins, New York, erschienen.

ISBN 978-3-98941-103-6

Copyright © 2025: Gutkind Verlag GmbH, Berlin

Copyright der Originalausgabe: © 2024 by Rainbow Rowell

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Coverabbildungen: © Ann.and.Pen/Shutterstock (Blumen), © yasminepatterns/Shutterstock (Discokugel), © StockSmartStart/Shutterstock (Blätter), © GoodStudio/Shutterstock (Kaffee), © Nadia Grapes/Shutterstock (Paar)

Autorinnenfoto: © Courtesy of the Author

E-Book: Sandra Hacke, Dachau

Alle Rechte vorbehalten.

Hinweis zu Urheberrechten

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Inhalt

Über das Buch / Über die Autorin

Impressum

Titel

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

DREIUNDDREISSIG

VIERUNDDREISSIG

FÜNFUNDDREISSIG

SECHSUNDDREISSIG

SIEBENUNDDREISSIG

ACHTUNDDREISSIG

NEUNUNDDREISSIG

VIERZIG

EINUNDVIERZIG

ZWEIUNDVIERZIG

DREIUNDVIERZIG

VIERUNDVIERZIG

FÜNFUNDVIERZIG

SECHSUNDVIERZIG

SIEBENUNDVIERZIG

ACHTUNDVIERZIG

NEUNUNDVIERZIG

FÜNFZIG

EINUNDFÜNFZIG

ZWEIUNDFÜNFZIG

DREIUNDFÜNFZIG

VIERUNDFÜNFZIG

FÜNFUNDFÜNFZIG

SECHSUNDFÜNFZIG

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NEUNUNDFÜNFZIG

SECHZIG

EINUNDSECHZIG

ZWEIUNDSECHZIG

DREIUNDSECHZIG

VIERUNDSECHZIG

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ACHTUNDSECHZIG

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SIEBZIG

EINUNDSIEBZIG

ZWEIUNDSIEBZIG

DREIUNDSIEBZIG

VIERUNDSIEBZIG

FÜNFUNDSIEBZIG

SECHSUNDSIEBZIG

SIEBENUNDSIEBZIG

ACHTUNDSIEBZIG

NEUNUNDSIEBZIG

ACHTZIG

EINUNDACHTZIG

ZWEIUNDACHTZIG

DREIUNDACHTZIG

VIERUNDACHTZIG

DANKSAGUNG

Navigationspunkte

Cover

Inhalt

Textbeginn

Rainbow Rowell

Slow Dance

Deine erste Liebe vergisst du nie

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Jana Hartmann

Für meine Freunde Kai und Paul, Zeitmaschinen

EINS

Januar 2006

Als die Hochzeitseinladung kam, antwortete Shiloh, ja, natürlich würde sie da sein.

Mikey war einer ihrer ältesten Freunde, und seine erste Hochzeit hatte sie verpasst. Damals konnte sie sich die Reise nach Rhode Island nicht leisten. (Jetzt konnte sie sich die Reise immer noch nicht leisten.) Aber diesmal heiratete er hier in Omaha, direkt um die Ecke – natürlich würde Shiloh dabei sein. Alle waren dabei.

Alle liebten Mikey. Er war noch immer mit allen befreundet. Shiloh hatte keine Ahnung, wie er das machte. Sie kreuzte Ja auf der RSVP-Karte an und kritzelte daneben Aber Hallo! In der Woche vor der Hochzeit kaufte sie sich ein neues Kleid im Sale: Dunkles Burgund mit Blumenmuster und einem tiefen Ausschnitt. Es sollte eigentlich eine Midi-Länge haben, reichte aber gerade bis zu Shilohs Knien. Die Ärmel waren auch ein bisschen kurz, sie würde einfach eine Jeansjacke drüberziehen. (Konnte man auf einer Hochzeit eine Jeansjacke tragen? Auf einer zweiten Hochzeit?) (Bestimmt. Sie würde sich einfach eine Seidenblume anstecken).

Die Hochzeit fand an einem von Ryans Freitagen statt. Shiloh wartete, bis er die Kinder abgeholt hatte, bevor sie sich fertigmachte. Sie wollte nicht, dass Ryan sie mit Make-up sah. Oder High Heels. Sie wollte nicht, dass er sah, wie sie sich bemühte.

Manche Leute wollten vielleicht extra gut aussehen, wenn sie ihre Expartner trafen, um ihnen vorzuführen, was ihnen jetzt entging oder so. Aber Shiloh war es am liebsten, wenn Ryan nicht einmal an sie dachte.

Sollte er doch glauben, er sei zu gut für sie. Sollte er glauben, sie sei arm dran.

Shiloh war dreiunddreißig, geschieden und hatte zwei Kinder zwischen zwei und sechs – vielleicht war sie wirklich arm dran. Ryan kam zu spät, obwohl sie ihm angekündigt hatte, dass sie noch wohin musste. (Sie hätte ihm lieber nichts sagen sollen.) Er kam zu spät, und die Kinder waren ungeduldig. Sie waren hungrig und schlecht gelaunt, als er endlich aufkreuzte und ins Wohnzimmer stürmte, als ob sie ihn hereingebeten hätte.

»Sie haben Hunger«, sagte Shiloh.

Und Ryan antwortete: »Warum hast du ihnen nichts zu essen gegeben, Shy?«

Und Shiloh erwiderte: »Weil du doch mit ihnen essen gehen wolltest.«

Und dann sagte er …

Es war eigentlich egal, was Ryan danach sagte. Die nächsten fünfzehn Jahre, die sie noch als gemeinsame Eltern vor sich hatten, würde er sowieso immer das gleiche sagen, und Shiloh würde sich das alles anhören müssen, weil … Tja, weil sie selbst eine ganze Reihe schlimmer Fehler und Fehlkalkulationen auf der Kappe hatte.

Es war schon fast ein Witz, wie schlecht sie ihr Leben im Griff hatte, vor allem für eine, die sich lange damit gebrüstet hatte, immer die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Schon als Teenager hatte sie sich diese Eigenschaft selbst zugeschrieben. Sie dachte, sie war gut darin, Entscheidungen zu treffen, weil sie es gerne tat. Es fühlte sich gut an, es gab ihr immer ein kleines Hochgefühl. Wenn jemand bei einer Entscheidung haderte oder sich nicht zwischen zwei Optionen entscheiden konnte, mischte sich Shiloh gerne ein und half, eine Lösung zu finden. Die ganze Welt würde sich schneller drehen und besser funktionieren, wenn Shiloh nur das Sagen hätte.

Aber wenn sie jetzt ein Wörtchen mit ihrem Teenager-Ich ­reden könnte, würde sie argumentieren, dass es nichts half, Entscheidungen zu treffen, wenn es nicht die richtigen waren, oder wenigstens ansatzweise die richtigen.

Endlich verschwand Ryan mit den Kindern. Schnell riss ­Shiloh die Sale-Schilder von ihrem Kleid. Sie trug Make-up auf. Sie steckte ihr Haar hoch. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um den Reißverschluss ihrer Stiefel besser schließen zu können.

Die Zeremonie hatte sie wahrscheinlich schon verpasst, aber die Party wollte sie sich nicht entgehen lassen. Niemand wollte das. Alle würden da sein.

ZWEI

Für die Party hatten sie eine Halle im zweiten Stock eines Jugend-Ringervereins gemietet. Mikey heiratete dieses Mal jemanden aus der Nachbarschaft, ein Mädchen, das ein oder zwei Jahre unter ihnen in der Highschool gewesen war.

Es gab ein gesetztes Abendessen mit zugewiesenen Plätzen. Ziemlich edel.

»Shiloh!«, rief jemand, sobald sie den Eingangsbereich betrat. »Wir dachten schon, du kommst nicht mehr!«

Es war Becky. Shiloh und Becky waren zusammen bei der Schülerzeitung gewesen. Mit Becky hatte Shiloh Pferde stehlen können – die beiden hatten buchstäblich einmal eine Verkehrsabsperrung geklaut – und sie hatten immer noch ein bisschen Kontakt. Sie waren auf Facebook befreundet. (Obwohl Shiloh sich fast nie einloggte.)

»Jetzt bin ich da«, sagte Shiloh und bemühte sich um ein Lächeln. Sie würde sich heute Abend noch öfter bemühen müssen, hatte sie im Gefühl.

»Du bist an unserem Tisch«, rief Becky. »Es ist quasi ein Klassentreffen von unserem Publizistikkurs. Alle sind da. O Gott, warte – du warst an unserem Tisch, aber wir dachten, du kommst nicht, also haben wir deinen Platz an Aaron King gegeben, er­innerst du dich an ihn? Er war ein Jahr unter uns?«

»Ich erinnere mich. Und kein Problem, wirklich.«

»Aber du solltest trotzdem rüberkommen und hallo sagen. Alle sind da.«

»Mikeys Einladungen kann niemand ausschlagen«, antwortete Shiloh.

»Das stimmt total«, pflichtete Becky ihr bei. »Außerdem haben wir uns alle über die Freigetränke gefreut«, lachte sie.

Shiloh folgte Becky in den Veranstaltungssaal. Sie hielt den Kopf aufrecht und den Blick nach vorn gerichtet, um auf keinen Fall unwillkürlich nach bekannten Gesichtern zu suchen. Wenn sie jemanden wiedererkennen wollte, musste derjenige schon direkt vor ihrer Nase stehen.

Sie kamen am Tisch an. Beckys Mann saß dort und Tanya – Gott, Shiloh hatte Tanya schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Und Tanyas Mann, ja natürlich, sie kannten sich, hi, hi. Umarmungen. Hi. Na. Und Ronny. Shiloh konnte Ronny nicht ausstehen. Zumindest früher – konnte sie ihn immer noch nicht ausstehen? Sie umarmte ihn trotzdem. All diese Menschen. Alle aus demselben kleinen Teil von Shilohs Leben (obwohl es sich damals nicht so klein angefühlt hatte). All diese Leute, die sie von früher kannten und sich an sie erinnerten. Sie aßen alle gerade Salat und sorry, dass sie ihren Platz vergeben hatten. Aber das war okay, es machte Shiloh nichts aus. Sie würde sich später noch zu ihnen setzen. Es war schön, sie zu sehen, sagte sie – und das war die Wahrheit. Es war gut, jetzt zu wissen, wer von früher noch hier war.

Und wer nicht.

Es war klar, dass er nicht da war. Er wohnte doch in Virginia. Zumindest war ihr letzter Stand, dass er in Virginia wohnte. Vielleicht würde es nachher noch jemand ansprechen …

Natürlich war er nicht gekommen. Er war in der Navy. Wahrscheinlich segelte gerade irgendwo auf dem Ozean. Wahrscheinlich schaffte er es nicht oft nach Hause. Das hatte sie jedenfalls irgendwann mal gehört.

Er war nicht hier, andere Leute aber schon, und jetzt konnte sie einfach mal Spaß haben. Mit den anderen. Einfach mal ein bisschen Spaß.

Shiloh wollte nicht am Tisch stehen bleiben, während ihre alten Freundinnen Salat aßen. Sie legte ihre Hand auf ein paar Schultern und schlängelte sich dann zwischen den Tischen hindurch, bis sie in der Ecke angekommen war, wo Aaron King eigentlich hätte sitzen sollen. (In Wahrheit erinnerte sie sich überhaupt nicht an ihn.) Ein Pärchen saß dort, umgeben von leeren Stühlen.

»Stört es Sie, wenn ich mich zu Ihnen setze?«, fragte Shiloh.

Es störte sie überhaupt nicht. Sie stellten sich vor – Mikeys Tante und Onkel – und erklärten, dass sie bereits Shilohs Brötchen aufgegessen hatten.

»Wir haben alle Brötchen gegessen«, sagte der Onkel. »Wir dachten, wir hätten den ganzen Tisch für uns!«

Die Tante lachte warmherzig auf. »Wir hatten uns eigentlich auch schon auf Ihr Stück Kuchen gefreut!«

»Das können Sie ruhig haben«, versprach Shiloh und setzte sich. Neben ihrem Teller stand eine weiße Duftkerze mit der Aufschrift Mike & Janine, 20. Januar 2006.

Shiloh nahm sie in die Hand und roch daran. Lavendel.

Jetzt konnte sie sich in Ruhe umschauen. Jetzt, wo sie wusste, dass er nicht da war. Sie war sicher.

Die Tische waren an einem Ende der Halle aufgebaut, auf der anderen Seite gab es eine Tanzfläche. Die Discokugel wurde bereits von blinkenden Strahlern beleuchtet. Shiloh war schon auf drei oder vier Hochzeiten hier gewesen, aber so gut hatte der Raum noch nie ausgesehen. Statt Lampen gab es überall Lichterketten. Die Stühle waren in Tüll gepackt.

Shiloh ging gerne auf Hochzeiten. Es mochte abwegig scheinen, war aber so. Sie mochte es, wenn die Leute sich in ihren besten Outfits zeigten. Sie mochte Anfänge. Sie mochte die Blumen und kleinen Geschenke für die Gäste und die Tütchen mit weiß umhüllten Mandeln.

Die meisten anderen Gäste waren Leute, an die sie sich noch vage aus der Highschool erinnern konnte. Alle sahen ein bisschen älter und dicker aus und auf unterschiedliche Weise vom Leben gezeichnet.

Mikeys Freunde aus New York waren leicht zu erkennen. Künst­lertypen wie die Frau mit dem engen, knallgelben Kleid und ihr Freund mit der schwarzen Culotte und Plateaustiefeln.

Früher hatte Shiloh es um alles in der Welt vermeiden wollen, wie die anderen auszusehen – aber in letzter Zeit fehlte ihr die Inspiration. Und so viel Inspiration wie diese beiden hatte sie ohne­hin nie gehabt. Im Vergleich kam sie sich spießig vor. Als hätte sie ihr Outfit halbherzig zusammengewürfelt, dabei hatte sie sich seit Ewigkeiten nicht mehr so viel Mühe gegeben.

Sie schaute sich in der Menge nach Mikey um. Sie musste sich noch bei ihm entschuldigen, dass sie die Zeremonie verpasst hatte. Vielleicht war es ihm ja gar nicht aufgefallen. Er hatte sicher tausend andere Dinge im Kopf.

Irgendjemand an einem benachbarten Tisch begann, mit seiner Gabel gegen ein Weinglas zu klopfen, und immer mehr Leute taten es ihm nach, wobei alle neugierig die Köpfe reckten, um einen Blick auf das sich küssende Brautpaar zu erhaschen. Shiloh folgte ihren Blicken.

Da saß Mikey. Mit seinem blond gelockten Haar und seinem breiten, schiefen Lächeln. Er trug einen weißen Anzug. Die Person neben ihm im Hochzeitskleid musste offensichtlich Janine sein. Daneben die Brautjungfern in pastellgrünem Satin. Und die Trauzeugen. Und Cary.

Cary.

Shiloh presste unter dem Tisch ihre Hände in den Schoß.

Cary war einer der Trauzeugen.

Klar. Klar, das war logisch.

Natürlich war Cary hier.

Natürlich würde er Mikeys Hochzeit nicht verpassen.

DREI

Diesen Moment hatte Shiloh sich schon ausgemalt, seit dem Moment, als sie Mikeys Einladung erhalten hatte – aber sie hatte sich Cary nicht richtig vorstellen können. Er war nicht auf Facebook. Auf Google hatte sie auch nichts gefunden.

In ihrer Vorstellung sah Cary noch so aus wie zu High-School-Zeiten – komischerweise in seiner Uniform des Reserve-Officers-Training-Corps – obwohl sie ihn seitdem längst wiedergesehen hatte … Bei ihrem fünfjährigen Abschlussjubiläum. Als sie sich mit denselben Freundinnen unterhalten hatte und er ihr gegenüberstand. Cary und sie hatten kaum miteinander geredet an dem Tag. Shiloh hatte Ryan mitgebracht, sie waren bereits ein Jahr verheiratet gewesen. (Sie hatten Cary nicht zur Hochzeit eingeladen.)

Diesen Moment – den Moment, wenn sie Cary wiedersehen würde – hatte Shiloh sich schon seit Monaten ausgemalt. Aber sogar in ihrem Kopf bedeutete es ihm nicht so viel wie ihr. Cary hatte sicher nicht schon den ganzen Tag darüber nachgedacht. Er hatte sich auf keinen Fall nervös gefragt, ob Shiloh heute hier sein würde. Er hatte sich sicher auch kein neues Kleid gekauft, nur für den Fall …

Cary sah gut aus. Hier. Jetzt. Aus der Entfernung. Er sah besser aus als die anderen, weniger von den Jahren gezeichnet. Er war gebräunt. Seine Haare trug er immer noch so kurz …

In dem Moment wandte er sich ihr zu, als ob er bemerkt hatte, dass sie ihn beobachtete. Sie waren zu weit voneinander entfernt, als dass sich ihre Augen wirklich treffen konnten – falls er sie überhaupt erkannte – aber sie lächelte zaghaft und winkte ihm zu. Cary winkte zurück. Wahrscheinlich nur als Reaktion darauf, dass irgendjemand ihm gewunken hatte.

Shiloh ließ ihre Hand wieder sinken. Cary schaute immer noch zu ihr herüber. Jetzt stand er auf und ging zu Mikey, um kurz mit ihm zu sprechen. Er blickte wieder zu Shiloh, dann schob er sich an den Stühlen der Brautjungfern vorbei und kam auf sie zu.

Shiloh strich ihre Jeansjacke glatt. (Warum trug sie eine Jeansjacke?) Cary trug einen marineblauen Anzug – anscheinend lieh man sich keine Smokings mehr für Hochzeiten aus. Er kam auf ihren Tisch zu, und Shiloh stand auf, was sie sogleich bereute – als wäre sie der Gentleman und er die Lady –, aber jetzt war es zu spät, sich wieder hinzusetzen. Sie zupfte wieder an ihrer Jacke. Cary sah sie an, als ob er sagen wollte, Ich komme rüber. Und sie nickte, Ich seh’s, und lächelte. Sie winkte wieder, und er winkte zurück. Er war schon fast da – der Raum war mit Tischen vollgestellt und er kam nur langsam voran. Shiloh fragte sich, ob sie ihn umarmen sollte, wenn er vor ihr stand. Die anderen hatte sie auch fast alle umarmt, inklusive ihrer Ehepartner. Sie war geübt im freundschaftlichen Umarmen.

»Shiloh«, sagte er, als er bei ihr war.

»Cary.« Sie lächelte ihn an.

Er lächelte zurück.

Er sah wirklichgut aus. Auch aus der Nähe. Cary hatte blond-braunes Haar und ein herzförmiges Gesicht mit einem schmal zulaufenden Kinn. Sie hatte ihn noch nie unrasiert gesehen. (Durfte man in der Navy einen Bart tragen?) In der Highschool war er so schmal wie ein Streifen Kaugummi gewesen, aber er wirkte jetzt kräftiger. Erwachsener. Reifer. Er sah aus wie jemand, der es geschafft hatte, North Omaha hinter sich zu lassen.

»Schön, dich zu sehen«, sagte Shiloh.

»Ja«, antwortete Cary und nickte. »Du warst gar nicht bei der Trauung.«

»Nein«, gab sie zu. »Es gab ein Missverständnis mit meinen Kindern.« Wusste Cary, dass sie Kinder hatte?

Er nickte, ganz sicher wusste er es.

»Du bist Trauzeuge.«

»Ich habe mich wohl beim ersten Mal so gut geschlagen, dass ich wieder gefragt wurde.«

Shiloh schmunzelte. »Musst du eine Rede halten?«

»Nein, das macht Bobby. Er ist total betrunken – ich freu mich schon drauf.«

»Vielleicht solltest du dir was überlegen, für den Notfall.«

»Dann fällt mir schon was ein.«

Shiloh nickte. Dann nickte sie noch mal. »Cooler Anzug.«

Cary blickte an sich hinab. »Danke. Beim letzten Mal hatten wir Smokings an, aber diesmal meinte Janine, ›Ihr braucht keine Smokings auszuleihen, ihr könnt euch doch einfach dunkelblaue Anzüge kaufen, die ihr danach noch mal tragen könnt.‹« Cary schaute wieder hoch zu Shiloh. »Ich glaube, sie ist sich nicht im Klaren, dass es viel teurer ist, einen Anzug zu kaufen als einen Smoking zu leihen.«

»Es ist ihr wahrscheinlich egal.«

»Ja, wahrscheinlich. Schließlich ist es ihr großer Tag. Ich bin hier nur zur Dekoration.«

»Bist du hergeflogen?«

»Jepp.« Cary nickte. »Jepp.«

»Aus Virginia?« Shiloh zeigte mit dem Finger irgendwohin.

»Aus San Diego.«

»Oh.« Shiloh zeigte jetzt mit dem Finger in die andere Richtung.

»Eben hattest du’s richtig«, bemerkte Cary und führte ihre Hand wieder nach links.

Sie lachte verlegen. »Norden, Süden …«

Cary lachte auch ein bisschen. »Osten, Westen.«

»Jaja.«

»Ich war in Virginia«, erklärte er. »Aber ich bin vor zwei Jahren nach San Diego versetzt worden.«

»Ich dachte, du bist vielleicht auf einem Schiff unterwegs …«

»Stimmt auch, ich arbeite auf einem Schiff«, antwortete er.

»Ach ja?«

»Ja.« Er nickte wieder. Er lachte immer noch ein bisschen. »Aber ich wohne in einer richtigen Wohnung.«

»Also ist das Schiff sozusagen dein Büro?«

»Ja.«

Shiloh lachte auch immer noch ein bisschen. Obwohl die Situation gar nicht so lustig war, sondern eher merkwürdig. »Ich habe keine Ahnung, wie die Navy funktioniert«, gab sie zu.

»Ist doch okay«, sagt er. »Warum solltest du auch?«

Genau. Wie sollte Shiloh wissen, wie Cary seine Tage und Nächte verbrachte? Oder wo er überall gewesen war. Was er machte, wie er sich fühlte … »Na ja, immerhin zahle ich für dein Gehalt«, entgegnete sie. »Also sollte ich schon etwas besser Bescheid wissen.«

»Darüber wollte ich schon länger mit dir reden …«

Shiloh stieß ein Lachen aus. »Ach, wirklich?«

Lächelnd blickt er ihr direkt in die Augen. Shiloh trug Absätze, also war sie ein bisschen größer als er. »Mikey sagt, du wohnst noch in Omaha«, entgegnete Cary.

Sie steckte sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Das stimmt.«

»Er meinte, du machst Theater?«

»Ich mache nicht Theater – ich arbeite im Kindertheater.«

»Das ist doch Theater.«

»Es ist eher ein Bürojob.«

»Klingt interessant.«

»Es ist …« Shiloh schüttelte den Kopf. »Ziemlich non-profit.«

»Und du hast Kinder. Also, deine eigenen.«

»Genau«, antwortete sie. »Zwei. Ein Mädchen und ein Junge.«

Cary nickte.

»Sechs und fast drei«, fuhr sie fort.

»Ich hätte fragen sollen.«

»Ist keine gesetzliche Verpflichtung.«

»Hast du Fotos?«

»Ähm …« Hatte sie Fotos? Sie schaute hinab in ihre Tasche.

»Schon okay«, sagte Cary mit Bedauern im Blick. Unbehagen. »Sorry. Ich dachte, du wolltest, dass ich dich frage.«

»Irgendwie mache ich das nie – Fotos zeigen. Weil ich nie weiß, was ich sagen soll, wenn Leute mir Bilder von ihren Kindern zeigen. Obwohl ich selbst welche habe.«

»Ich sag dann immer: ›Na, schau mal einer an.‹«

»Guter Satz«, lachte Shiloh. Jetzt wieder mehr sie selbst. »Es ist nicht so, dass meine Kinder nicht süß wären oder so. Sie sind supersüß, das musst du mir jetzt einfach so glauben.«

»Mache ich.« Cary lächelte wieder. Mit geschlossenen Lippen und Falten auf den Wangen. Sein Gesicht war immer schon voller Fältchen gewesen, längs neben seinem Mund, unter den Augen, auf der Stirn. Schon als sie noch zur Highschool gingen. Als ob sein Gesicht ein bisschen zu viel war für die Fläche. Wenn er sich freute, bekam er diese Fältchen, und wenn er sich ärgerte, bekam er richtige Furchen.

Er war ihr so vertraut.

Ihm nah zu sein, fühlte sich so vertraut an.

Sie könnten jetzt auch vor ihren Spinden stehen. Oder neben dem Kombi seiner Mom. Oder in der Schlange vorm Kino.

»Es ist so komisch, mit dir zu reden«, sagte Shiloh. Sie versuchte, dabei zu lachen. Ist es nicht komisch? Ist es nicht super merkwürdig?

Cary wirkte gekränkt. »Wirklich?«

Shiloh spürte, wie sie die Kontrolle über ihre Mimik verlor. »Es ist so komisch, mit dir zu reden«, sagte sie wieder, diesmal ohne zu lachen, »und, na ja, überhaupt nichts … über dich zu wissen.«

Cary berührte mit der Zunge seine Oberlippe.

Und nicht alles über dich zu wissen, dachte Shiloh.

Eine Kellnerin kam mit einem Servierwagen an ihrem Tisch vorbei. Sie hob zwei Teller in die Höhe und sah zu dem älteren Paar herüber. »Hühnchen? Hühnchen?«

Shiloh sah Cary an. Sie musste versuchen, die Situation zu ret­ten. Es war das erste Mal seit vierzehn Jahren, dass sie miteinander sprachen, und sie wollte nicht, dass die Unterhaltung so endete. Sie wollte gar nicht, dass sie endete. »Vielleicht können wir noch ein bisschen …«

»Hühnchen?« Die Kellnerin deutete mit dem Teller auf Shiloh.

»Gerne«, sagte Shiloh. »Danke.«

»Hühnchen«, rief Cary und hob die Hand.

Die Kellnerin stellte zwei Teller vor ihnen ab.

Shiloh wendete sich zu ihm. »Musst du nicht zum Brautpaar zurück?«

»Niemand wird mich vermissen«, erwiderte er.

»Du kriegst bestimmt extratolles Essen dort am Tisch …«

»Extratolles Hühnchen?«

»Und Freibier.«

Cary bot ihr einen Stuhl an. »Niemand wird mich vermissen«, wiederholte er.

VIER

früher

Sie saßen zu dritt vorne, dicht gedrängt im Auto von Carys Mom, denn die Rückbank war immer zugemüllt. Tüten voller Klamotten, die seine Mutter im Secondhand-Laden gekauft und dann nie nach Hause gebracht hatte, bis die Stoffe ganz abgerieben waren, weil immer jemand draufgesessen oder die Tüten herumgeworfen hatte. Es war eine schlechte Angewohnheit, aber Cary versuchte, es zu ignorieren. Shiloh fragte sich, ob es bei ihm zu Hause auch so aussah. Sie war noch nie bei ihm gewesen.

Cary saß immer am Steuer, Mikey auf dem Beifahrersitz und Shiloh in der Mitte. Sie lehnte sich immer etwas mehr an Cary an. Sich bei Mikey anzulehnen, hätte sich komisch angefühlt. Mikey hätte es außerdem nichts ausgemacht.

Cary aber schon. Und Shiloh musste ihn immer ein bisschen ärgern, wenn er fuhr. Im Saum seiner Armyhose war ein Loch, außen an seinem Oberschenkel. Shiloh steckte ihren Finger hinein, und Cary versuchte, sein Bein wegzuziehen. »Mach meine Hose nicht kaputt!«

»Sie ist doch schon kaputt.«

Sie waren auf dem Weg ins Kino, um einen Film zu schauen – Delicatessen. In Omaha gab es nur ein Arthouse-Kino, und die drei schauten sich so ziemlich alles an, was dort lief. Mikey stand auf experimentelle Sachen. Und Shiloh stand so halb drauf. Obwohl die Filme meistens keinen Sinn ergaben und oft irgendwie peinlich waren. (Europäerinnen, die auf Balkonen rauchten. Oder Sex in schmutzigen Küchen hatten.) Aber genau, weil die Filme so verwirrend waren, fühlte sich Shiloh dann besonders schlau. Immerhin wusste sie überhaupt von diesen Filmen, immerhin war sie da, wo etwas Cooles passierte. Cary würde von ihnen Dreien am ehesten aus dem Saal kommen und sagen: »Also das war ja wohl Schrott.« Aber er kam trotzdem immer mit. Er fuhr sie trotzdem hin. Er bezahlte trotzdem ihr Ticket, wenn sie es sich nicht leisten konnte. (Am Wochenende arbeitete Cary im Supermarkt.)

Im Kino saß Cary immer in der Mitte. Weil er und Mikey nebeneinandersitzen mussten, um sich zusammen kaputtzulachen. Und weil Shiloh neben Cary sitzen musste, einfach so.

Als Delicatessen vorbei war, sagte Cary: »Bisschen weniger Kannibalismus wäre auch okay gewesen.«

»Oder vielleicht wäre mehr Kannibalismus besser gewesen?«, schlug Mikey vor. »Das kann man nie wissen.«

»Stimmt, du hast Recht«, sagte Cary. »So oder so gab es eine unangenehme Anzahl an Kannibalismusszenen.«

»Ich glaube, der Kannibalismus war als Metapher gemeint …«, begann Shiloh.

»Für was denn?«, wollte Cary wissen.

»Weiß auch nicht. Ich meine ja nur, ich glaube, es war wahrscheinlich eine Metapher.«

»Also ich habe Hunger«, sagte Mikey.

Shiloh lachte.

»Wo könnten wir hin, um ein paar Menschen zu essen?«, fragte er. »Außerdem habe ich nur drei Dollar.«

Shiloh hatte noch einen Dollar. Cary hatte acht, aber er musste noch tanken.

Also fuhren sie zu Taco Bell.

Jeder bestellte einen Bean-Burrito und dazu nahmen sie noch einmal Nachos Supreme zum Teilen.

Shiloh und Mikey aßen im Auto fast alle Chips zu zweit, weil Cary ja fahren musste. Sie versuchte, ihm ein paar in den Mund zu schieben, aber er schaute nur genervt und schob ihren Arm weg.

Cary hatte knochige Hände. Geschwollene Fingerknöchel und Handgelenke. Abgeschürfte Ellbogen. Er sah aus, als ob ihm die empfohlene Tagesmenge von irgendeinem Nährstoff fehlte. Er war blass, mit viel zu vielen Muttermalen. Richtig dunkle, sogar im Gesicht. Er war ziemlich groß und auch stark, wenn es sein musste, aber trotzdem wirkte er, als wäre bei seinem Körper etwas schief gegangen. Vielleicht konnte er nur so groß werden, weil dafür eine andere Körperfunktion Abstriche machen musste? Shiloh hätte sich nicht gewundert, wenn er nur eine Niere hätte. Oder wenn seine Eingeweide sich selbst verdauten. Er sollte sich besser ein paar Nachos von ihr füttern lassen.

Cary brachte immer zuerst Mikey nach Hause, und dann Shiloh. Cary und sie wohnten nur ein paar Straßen voneinander entfernt.

Shiloh wohnte direkt gegenüber vom Miller Park. Das war eine der großen alten Parkanlagen, die von Anfang an im Stadtbild angelegt waren. Es gab dort einen Spielplatz, ein Schwimmbad und einen Golfplatz … (Wer spielte bitte Golf in North Omaha?) Zuletzt hatte es dort ein paar Schießereien zwischen Gangs gegeben. Und ein paar normale Schießereien. Nachts durch den Park zu fahren, war mittlerweile verboten. Shiloh wollte Cary immer dazu bringen, es trotzdem zu tun, aber er wollte nie.

Manchmal fuhren sie noch ein bisschen durch die Gegend, bevor er sie zu Hause absetzte. Sie waren jetzt im letzten Jahr der Highschool, durften also so ziemlich alles machen, was sie wollten. Und keiner von beiden hatten Eltern, die besonders drauf achteten.

Cary wohnte bei seiner Mom (die eigentlich seine Grandma war, lange Geschichte) und ihrem vierten Ehemann, den Cary nicht mal mehr Stiefvater nennen wollte.

Shiloh hatte nur ihre Mom. Ihr Vater war von Anfang an nicht-existent gewesen. Shiloh hatte in ihrem ganzen Leben nicht mal ein Foto von ihm gesehen. Ihre Mutter hatte Partner, die kamen und gingen. Es war immer eine Erleichterung, wenn sie gingen.

Heute Abend fuhr Cary direkt zu Shiloh nach Hause, nachdem sie Mikey abgesetzt hatten. Aber er fuhr rückwärts in die Einfahrt, sodass sie mit Blick in den Park noch eine Weile sitzen blieben konnten. Er hatte es anscheinend nicht eilig.

Shiloh nervte Cary etwas weniger, wenn sie nur zu zweit waren. Sie ärgerte ihn trotzdem noch ein bisschen, vielleicht sogar noch mehr, aber Cary regte sich nicht auf. Er ließ sie am Radio herumdrehen und an seinen Jackentaschen zerren. Manchmal spielte sie mit seinem Haar.

Früher, in der Middleschool, sah Cary immer so aus, als ob er dringend zum Friseur musste. Sein Haar war strähnig und verstrubbelt gewesen. Mittlerweile zahlte er seine Friseurbesuche selbst, und seine Haare rochen immer nach Apfel. Er ließ Shiloh an seinem Haar herumfummeln, aber wenn sie dran zog, schob er ihre Hand weg.

Manchmal kam es Shiloh so vor, als ob Cary enttäuscht von ihr war. Also, meistens tat er sicher nur so, als ob er genervt von ihr war. Aber wenn sie genau hinsah, gab es manchmal Momente, in denen er ernsthaft frustriert schien.

»Würdest du mich aufessen« – Shiloh hakte ihren Finger durch einen Ring, der in eine Tasche seiner Cargohose eingenäht war – »Wenn wir auf einem Berg festsäßen und ich zuerst sterben würde?«

»Ich verzichte«, antwortete Cary.

»Du meinst, mich zu essen, oder die Frage zu beantworten?«

»Beides.«

»Ich würde dich wahrscheinlich essen«, erklärt sie. »Einerseits, um zu überleben. Andererseits, damit du noch ein bisschen bei mir bleibst, solange ich lebe.«

Er sah sie stirnrunzelnd an.

Shiloh knuffte ihn in die Seite. »Komm schon. Was würdest du machen?«

»Du wärst schon tot?«

»Ja, aber noch frisch. Nur halb gefroren.«

»Nee, ich würde dich nicht aufessen. Wofür soll ich denn noch weiterleben?«

»Vielleicht fliegt am nächsten Tag ein Flugzeug vorbei, das dich sieht.«

»Ich verzichte.«

Sie stieß mit dem Finger in seinen Oberschenkel. »Tja, dann wird die Welt uns wohl beide vergessen.«

Cary packte sie am Handgelenk und hielt sie einen Moment fest, damit sie aufhörte.

FÜNF

früher

Der Ablauf war jeden Tag gleich:

Cary und Shiloh fuhren zusammen zur Schule.

Wenn sie ankamen, standen sie immer mit den gleichen Jungs vor einem Spind herum. Es sei denn, Shiloh war von einem von ihnen genervt. Dann ging sie rüber, um mit den Mädels vom Publizistikkurskurs abzuhängen. Oder sie ging ins Klassenzimmer und arbeitete – Shiloh war nämlich die Chefredakteurin der Schülerzeitung. Manchmal stand sie auch draußen auf der Treppe zum Haupteingang bei einer Gruppe von Sophomores und Juniors, zu denen ihr Crush gehörte – Kurt. Er wohnte in einer schicken Gegend und war gut in Mathe.

Manchmal hatte Shiloh schon morgens Theater-AG (mit Cary). Oder Naturwissenschafts-AG (auch mit Cary). Und manchmal musste sie etwas früher kommen, weil sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatte und vor der Schule nachsitzen musste.

Wenn der Schultag losging, hatte sie meistens Publizistik in der ersten Stunde und Cary ging zum Reserve-Officers-Training-Corps.

Und danach kam er meistens runter zu ihnen ins Klassenzimmer, weil sie beide dort Freiarbeit hatten. Zusammen mit Mikey. Oft gingen sie dann in die Dunkelkammer und machten Unsinn (ganz platonisch, versteht sich). Oder in den Computerraum. Falls sie eine Deadline hatten, arbeiteten sie auch manchmal.

Und dann Unterricht blablabla.

Und dann Lunch mit Cary und Mikey und ein paar anderen Leuten aus dem Publizistikkurs. Shiloh bekam das von der Schule gestellte Mittagessen, aber sie teilte es immer mit einem Mädchen namens Lisa, weil Lisa dann jeden Tag Eis für beide zum Nachtisch kaufte.

Dann wieder Unterricht. Französisch. Englisch mit Cary. Jahrbuch.

Und nach der Schule war auch immer was. Theaterprobe. Schülerzeitungstermine. Mikey gründete eine Amnesty-International-Gruppe, und sie traten alle bei.

Sie schrieben Briefe an den Präsidenten von Chile und for­derten, dass er politische Gefangene freiließe. Cary musste nach der Schule manchmal zu seinem bescheuerten ROTC, also suchte Shiloh sich eine andere Beschäftigung. Sie half der Kunstlehrerin, das Schul-Maskottchen-Kostüm zu flicken, obwohl Shiloh gar nicht Kunst gewählt hatte und sich kaum für ihre Schule interessierte. Kurt, der Junior, auf den sie stand, war im Volleyballteam, also schaute sie manchmal bei seinem Training zu.

Falls Shiloh aber nach der Schule nichts zu tun hatte, stand sie am Flaggenmast und wartete auf Cary.

Wenn sie wollte, könnte sie auch allein nach Hause laufen. Machte sie aber nie.

SECHS

früher

Carys Mom hatte das Auto gebraucht, also mussten Shiloh und Cary zu Fuß von der Schule nach Hause laufen. Der Weg dauerte vierzig Minuten, und sie mussten durch eine miese Gegend, wo sie niemand kannte. (North Omaha war eine reine Ansammlung von schlechten Gegenden, aber es war etwas anderes, wenn man selbst darin wohnte.)

Cary trug noch seine ROTC-Uniform, was alles noch schlimmer machte.

Shiloh hasste diese Uniform. Sie hasste, wofür sie stand – Kriege und Babymörder und natürlich dieser Hitler-Jugend-Vibe – und außerdem hasste sie, wie hässlich sie war. Der kastenförmige grüne Kunststoff-Anzug, das blassgrüne Hemd, die schwarze Krawatte aus Polyester.

Die Hose saß bei niemandem gut, erst recht nicht bei den Mädchen. Zu weit am Saum, und bei Cary war sie auch viel zu kurz – da er sie bekommen hatte, als er noch nicht ganz ausgewachsen war. Und er wuchs noch weiter.

Alle beim ROTC mussten montags Uniform tragen, selbst wenn es superwarm war, und sie rochen irgendwie immer schlecht. Wenn sie montagmorgens zusammen im Auto saßen, konnte Shiloh immer diese Uniform riechen. Dieser abgestandene Geruch. Den alten Schweiß. Schließlich brachte niemand diese Uniform je in die Reinigung. Bei Cary steckten eine Reihe Abzeichen und Medaillen an der Brust, aber Shiloh fand den ROTC so abscheulich, dass sie nicht mal daran herumfummeln wollte.

Shiloh hasste es, dass Cary beim ROTC war. Sie hasste es. Größtenteils versuchte sie gar nicht darüber nachzudenken, aber jetzt gerade gelang ihr das nicht, denn sie waren ja in einer fremden Gegend und er steckte in dieser ätzenden Uniform. Mit dieser Hochwasser-Hose. Und dem kurzärmligen Hemd, in dem man besonders gut die blauen Flecken an seinen Ellbogen sehen konnte. Die Jacke hatte er über seinen Arm gelegt. Vorhin war schon ein Typ vorbeigefahren, hatte sich aus dem Fenster gelehnt und »Na, Beetle Bailey?« gerufen.

Das war wahrscheinlich noch das Beste, was ihnen hier passieren konnte, aber es war trotzdem so peinlich gewesen. Es erinnerte sie an den Tag, an sie noch in der Junior High gewesen waren und auch zu Fuß nach Hause mussten. Jemand war vorbeigefahren und hatte gerufen: »Deine Freundin hat einen fetten Arsch!«, und beiden war es so unangenehm gewesen, dass sie den Rest des Wegs kein Wort mehr miteinander geredet hatten. Shiloh konnte Cary damals kaum ansehen, und wenn sie es doch versuchte, war es klar, dass es ihm genauso peinlich gewesen war wie ihr.

»Ich verstehe nicht, warum du das den ganzen Tag anhaben musst!«, rief Shiloh. Zehn Minuten nach »Beetle Bailey« und noch mindestens fünfzehn Minuten, bevor sie zu Hause waren. Sie waren endlich wieder auf familiärem Gebiet, als sie erst am Pfandhaus vorbeikamen, dann am Spirituosenladen und beim Friseur, wo alle alten weißen Männer des Stadtviertels ihre Haare viel zu kurz schneiden ließen. (Fast niemand auf der ganzen Welt kriegte irgendwas hin. Alle trugen ihre Haare zu kurz oder zu lang. Alle waren zu laut oder zu leise. Nichts hatte die richtige Farbe. Musik war peinlich. Filme verwirrend. Shiloh hasste es. Sie hasste einfach alles.)

»Ist Vorschrift.«

»Du könntest dich nach dem Unterricht zum Beispiel umziehen.«

»Es ist vorgeschrieben, dass wir die Uniform den ganzen Tag tragen.«

»Ich würde mich umziehen«, sagte sie. »Ist meine Meinung.«

»Du würdest eine Ermahnung bekommen.«

»Oh, wie schlimm!«

Cary schwieg. Er fand wahrscheinlich, dass es nichts mehr zu sagen gab. Shiloh hätte ihm am liebsten eine reingehauen. Oder ihm ein Bein gestellt. Oder ihn vom Gehweg geschubst.

»Ich kapier einfach nicht, warum du das immer weiter machen willst«, beschwerte sie sich. »Also, für den Rest deines Lebens.«

Cary würde nach dem Schulabschluss zur Navy gehen. Er hatte die Zusage schon. Dort konnte er umsonst ins College gehen. Shiloh wusste nicht genau, wie es funktionierte – weil sie nicht nachgefragt hatte. Weil sie es kaum aushielt.

»Es sind doch nur sechs Jahre«, erwiderte Cary.

»Sechs Jahre Befehlen gehorchen und …« Shiloh suchte nach der schlimmsten Beschreibung, die ihr einfiel. »Und einfach ein Werkzeug für Idioten sein.«

»Ist doch nicht schlimm, ein Werkzeug zu sein. Werkzeuge sind hilfreich.«

»Ein Werkzeug für eine … korrupte Regierung.«

Er schwieg wieder, also fuhr Shiloh fort. »Du weißt ganz genau, dass das Militär brutale Gräueltaten begangen hat. Gräueltaten. Und du willst trotzdem dabei mitmachen.«

»Ich werde keine brutalen Gräueltaten begehen«, antwortet Cary tonlos.

Shiloh konnte gar nicht tonlos reden. »Das kannst du dir nicht aussuchen. Das wird nicht vorher mit dir besprochen. Es ist nicht so, dass du zwischen brutal und nicht-brutal wählen kannst. Glaubst du, die Soldaten in My Lai haben das freiwillig gemacht?«

»Du hast keine Ahnung von My Lai«, sagte er.

Cary wusste alles über My Lai. Er hatte Bücher über Militärgeschichte gelesen und Kriegsfilme gesehen. Der Lehrer, der den ROTC leitete, war in Vietnam gewesen und hatte im Unterricht aus eigener Erfahrung von den Gefechten dort erzählt.

Es war ziemlich abgefuckt, dass es an ihrer Schule zwei ROTC-Lehrer gab, dass sie die ganze Zeit Uniform trugen und dass es sich anfühlte, als ob es hier regelrecht eine Einheit gab, direkt an der Highschool! Wofür brauchten städtische Schulen bitte Militäreinheiten? Und zwar schon ab der siebten Klasse? Zwölfjährige in Uniform! Die lernten, mit Gewehren zu schießen! Wenn man drüber nachdachte, war es einfach irre. Da drehte sich einem der Magen um. Shiloh müsste mal eine Kolumne darüber für die Schülerzeitung schreiben.

Cary hatte schon seit der siebten Klasse im ROTC mitgemacht. Mittlerweile war er einer der Schüler mit dem höchsten Rang in der gesamten Stadt. Man hatte ihm sogar einen Ehren-Säbel überreicht.

»Ich verstehe bloß nicht, wie du jemandem so viel Macht über dein Leben geben kannst«, sagte sie. »Warum du dich so benutzen lässt.«

»Irgendjemand muss es machen.«

»Was denn?«

»Dienen.«

Dienen. Oh, wow. Sie hasste das Wort. Sie hasste es, wenn jemand es so definierte. Warum sollte Cary irgendjemandem dienen, warum wollte er das überhaupt?

»Ich meine, erstens«, konterte sie, »würde ich das anzweifeln. Dass jemand es machen muss. Und zweitens, musst du es ja nicht sein.«

»Willst du damit sagen, dass wir kein aktives Militär brauchen?«

Shiloh wusste nicht, was der Unterschied zwischen einem aktiven oder inaktiven Militär war, aber ja, sie konnte sich durchaus vorstellen, dass die Welt ein bisschen besser aussähe ohne den Einsatz amerikanischer Bodentruppen. »Was ich sagen will, ist, dass wir nicht so viel von unserem Geld und Blut investieren sollten, nur um uns den Rest der Welt zu unterwerfen.«

»Okay, John Lennon.«

»Überhaupt nicht John Lennon.«

»Es klingt bloß so, als ob du nur sagen willst, Give Peace a Chance.«

»Ich bin kein John Lennon. John Lennon hat seine Frau geschlagen.«

»Das war nicht sehr pazifistisch von ihm …«

»Was ich meine«, fuhr Shiloh fort, »ist, dass unser Militär dazu dient, dass wir Menschen töten können, die anderer Meinung sind als wir. Und ich kapiere nicht, warum du da mitmachen möchtest. Du könntest Menschen töten, Cary. Du wirst auf einem U-Boot arbeiten, das mit Atomwaffen ausgestattet ist. Atomwaffen sind einfach nur abscheulich.«

»Das Ziel ist doch, dass man sie nie einsetzen muss.«

»Also geben wir zig Millionen Dollar für Waffen aus, nur in der Hoffnung, wie müssen sie nie einsetzen?«

»Genau.«

»Das ist doch total verrückt.«

»Du hast keine Ahnung, wovon du redest.«

»Ich habe eine Ahnung. Nämlich, dass ich nicht will, dass du Leute umbringst.«

Cary blieb stehen. Shiloh wollte weitergehen. Sie waren kurz davor, die Thirtieth Street zu überqueren, und es gab keine Ampel, und sie mussten sich konzentrieren und dann schnell rüberrennen.

»Fändest du es nicht besser, wenn ich es mache?«, fragte er. Seine Brauen waren eng über seinen gelbbraunen Augen zusammengezogen. »Wenn du diese U-Boote vor Augen hast und die Bomber und die Maschinengewehre … würdest du dich da nicht wohler fühlen, wenn du wüsstest, dass jemand wie ich dabei wäre, jemand, dem du vertraust?«

»Nein! Du sollst da gar nicht erst in der Nähe sein!« Nur da­rüber nachzudenken, schnürte Shiloh schon die Kehle zu. »Wenn es unbedingt ein Militär geben muss, falls wir daran nichts ändern können, dann lass doch jemand anderen seine Seele dafür verkaufen.«

»Du glaubst wirklich, ich verkaufe meine Seele?«

»Du glaubst wirklich, dass du deine Seele nicht verkaufst, wenn du kleine Babys umbringst?«

»Ich bringe keine Babys um!«

»Es gibt keine Baby-freien Bomben. Bomben machen keine Unterschiede.«

Jetzt standen sie vor dem 7-Eleven auf der Thirtieth Street. Cary trug seine Beetle-Bailey-Uniform und einen zwanzig-Kilo-schweren Rucksack. Und Shiloh trug ihr Vintage-Kleid, das wahrscheinlich eine Frau mit breitem Kreuz 1952 mal getragen hatte, und darunter lange Unterhosen. Und Shiloh schrie Cary an und Cary schrie mehr oder weniger zurück: »Ich kapiere nicht, wer deiner Meinung nach dieses Land absichern soll. Wessen Aufgabe das ist!«

»Jedenfalls nicht deine!«

»Wenn nicht ich, wer dann?«

»Das ist mir scheißegal!«

Cary schüttelte nur den Kopf und lief geradewegs in den Straßenverkehr.

»Cary!«, schrie Shiloh.

Es war eine vierspurige Straße, und er überquerte eine Spur nach der nächsten. Fahrer hupten, aber es kümmerte ihn nicht. Als er es auf die andere Straßenseite geschafft hatte, ging er einfach weiter.

Es dauerte ewig, bis der Verkehr sich einen Moment lang beruhigte. Cary war schon längst weg, als Shiloh endlich die Straße überquert hatte.

SIEBEN

»Sie sind also Mikes Freund aus der Army?« Mikeys Onkel war geschwätzig.

»Aus der Navy«, korrigierte Cary höflich.

»Wie bitte?«, fragte Mikes Tante. »Die Musik hier ist so laut, dass man seine eigenen Gedanken nicht hören kann.«

»Ich kann mein eigenes Kauen nicht hören!«, fügte der Onkel hinzu.

»Navy!«, rief Cary.

»Na, dann danke für Ihren Dienst!«

»Dankeschön.« Cary warf Shiloh einen Blick zu. Er wirkte unsicher.

»Passiert dir das öfter?«, fragte sie über die Musik hinweg. Sie schnitt vorsichtig an ihrem Hühnchen herum. »Dass völlig fremde Leute dich ansprechen und dir dann für deinen Dienst danken?«

»Du bist bloß neidisch, dass dir niemand für deinen Dienst dankt.«

»Deine Mutter hat mir gestern Abend für meinen Dienst gedankt.«

Cary schnaubte und musste husten.

Shiloh berührte seinen Arm. »Hast du dich verschluckt?«

Er schüttelte den Kopf. »War nur ein Stück Salat.«

»Also hast du dich doch verschluckt?«

Er schüttelte noch mal den Kopf und griff nach seinem Wasserglas.

Shiloh musterte ihn. Sie musterte ihn zu genau. Ein Glück saßen sie an diesem Tisch hier in der Ecke, sodass niemand bemerkte, wie sie ihn mit großen Augen ansah und wie sehr sie auf ihn fixiert war.

Von Nahem sah Cary immer noch so taufrisch aus wie sonst niemand im Saal. Vielleicht lag es an der Seeluft. Oder daran, dass er keine Kinder hatte.

Sie saßen beide leicht schräg auf ihren Stühlen, sodass sie sich ansehen konnten. Er war kräftiger, als sie ihn sich jemals hätte vorstellen können. Nicht dick oder so. Aber weniger drahtig. Seine Wangen und sein spitzes Kinn waren weicher geworden.

Unwillkürlich suchte sie sein Gesicht nach Veränderungen ab, als würde sie es mit den Augen abtasten. Oder vielleicht suchte sie nicht danach, was anders war, sondern nach Beweisen, dass er noch der gleiche war wie früher. Dass sie ihn wiedererkannte. Dass er immer noch Cary war.

Shiloh zupfte an ihrer Serviette herum. Cary wirkte, als ob er angestrengt darüber nachdachte, was er als nächstes sagen könnte. Sie kam ihm besser zuvor, damit die Unterhaltung locker blieb.

»Woher kennt ihr denn Michael?«, rief die Tante von der anderen Seite des Tisches.

Cary wandte sich zu ihr. »Wir waren zusammen auf der Highschool.«

»Auf der North?«, fragte der Onkel.

»Genau.« Cary blickte auf seinen Teller hinunter und griff nach seiner Gabel.

»Mike hat danach Kunst studiert«, fuhr der Onkel fort.

Cary nickte und fing an, von seinem Hühnchen zu essen. ­Shiloh wandte sich ihrem eigenen Teller zu.

»Habt ihr schon mal was von seiner Kunst gesehen?«

»Jepp«, antwortete Cary. »Ist nicht schlecht.«

Sie hatten sich seine Arbeiten angeguckt. Sie hatten die Anfänge mitgekommen und dann gesehen, wie sie sich über die Jahre weiterentwickelt hatten. Seine Kunst war sehr abstrakt. Shiloh war sich nicht ganz sicher, ob sie ihr gefiel – nicht ganz sicher, ob sie sie überhaupt verstand. Oder ganz ehrlich, ob es überhaupt etwas zu verstehen gab. Aber manchmal machte Mikeys Kunst sie fast unendlich traurig. Also musste sie ja so gut sein, wie die Leute in New York City, Tokyo und Phoenix, Arizona meinten.

Mikeys erste Frau kam aus dieser Welt. Der Kunstwelt. Aber jetzt heiratete er jemanden aus North Omaha und feierte eine Party im Jugend-Ringerverein. Shiloh hatte das Gefühl, es war mal wieder eins von Mikeys Projekten, dass sie nicht richtig verstand.

»Und wie lange seid ihr beiden schon verheiratet?«, fragte die Tante Cary jetzt.

»Oh«, begann er. »Wir …«

»Wir sind nicht verheiratet«, sagte Shiloh. »Nur alte Freunde.«

»Wie lange sind Sie denn schon verheiratet?«, fragte Cary zurück.

»Wir sind nicht verheiratet!«, rief die Frau entgeistert. »Das ist mein Bruder!«

»Oh, Entschuldigung«, rief Cary. »Ich hätte nicht …«

»Wir tragen doch noch nicht mal Ringe!«, protestierte sie. Es war ihr sichtlich unangenehm. Und Cary auch.

»Na ja, wir ja auch nicht«, murmelte Shiloh, sodass nur Cary sie hören konnte. Sie stieß ihn mit dem Ellbogen an. »Du kannst immer noch zum Brautpaar-Tisch wechseln. Da drüben trinken alle Champagner.«

»Wenn du mitkommst. Wir holen dir einen extra Stuhl.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wann bist du angekommen?«

»Heute erst. Ich habe das Abendessen gestern verpasst.«

»Wie war die Zeremonie?«

»Gut«, antwortete er. »Ganz normal. Zum Altar laufen, strammstehen, aber nicht zu stramm.«

Shiloh grinste. »Ich meinte, wie war’s generell? Nicht für dich persönlich.«

»Oh.« Er lächelte. »Trotzdem gut. Ganz normal. Katholisch.«

»War Mikey nervös?«

Cary dachte nach. »Ich glaub nicht, dass ich Mikey jemals nervös erlebt habe …«

»Ich auch nicht. Sag mal«, – sie beugte sich zu ihm herüber – »konntest du dich noch an Janine von der Schule erinnern?«

»Ja. Mikey war doch in unserem letzten Jahr mit ihr zusammen.«

Shiloh gab ihm einen Klaps auf den Arm. »Ich wusste nicht, dass er im letzten Jahr eine Freundin hatte!«

Er zuckte mit den Schultern. »Sie haben es nicht an die große Glocke gehangen. Ihre Eltern sind ziemlich religiös.«

Trotzdem war Shiloh schockiert. »Wie krass, dass er mir das nie erzählt hat – wir waren doch beste Freunde!«

»Ich glaube, nur ich war sein bester Freund …«, zog Cary sie auf.

»Ich meinte uns alle drei.«

Cary kaute auf einem Stück Hühnchen herum. Er zuckte schmunzelnd mit den Schultern.

»Ihr habt mit mir nie über Mädchen geredet«, beschwerte sich Shiloh, und es gelang ihr keinesfalls, dass die Unterhaltung locker blieb.

Cary hatte damals auch eine geheime Freundin gehabt. Oder zumindest eine Freundin, die er Shiloh gegenüber nie erwähnte.

Einmal, als Shiloh am ROTC-Teil des Jahrbuchs arbeitete und die Fotos vom Militärball durchschaute, sah sie plötzlich ein Bild von Cary, wie er kerzengerade neben einem gedrungenen Mädchen in einem glitzernden Ballkleid stand. Anscheinend wohnte sie in der Nähe. Sie ging zur Pfarrschule. Ihr Name war Angie.

Bis heute hatte Shiloh keinen Schimmer, wann Cary mit Angie zusammengekommen war. Nur, dass sie irgendwann kurz vor dem Schulabschluss nicht mehr zusammen waren.

Shiloh hatte damals angefangen zu weinen, als sie das Foto sah – die Fotos, denn es gab Dutzende.

Nicht, weil Cary eine Freundin hatte. (Er durfte gern eine Freundin haben.)

Sondern, weil er es ihr nicht erzählt hatte. Niemand hatte es ihr erzählt. Mikey wusste es offensichtlich – er hatte die Fotos geschossen.

Als sie aufgehört hatte zu weinen, suchte sie das schönste Bild aus, auf dem Carys Date am hübschesten aussah, und vergrößerte es, dass es fast die ganze Seite im Jahrbuch einnahm. Cary war schließlich der Kommandooffizier der Schule, und auf dem Militärball hatte er irgendeine Auszeichnung bekommen. Da konnte man ihn ruhig etwas hervorheben.

Shiloh hatte in der Highschool nie jemanden gedatet – aber wenn, dann hätte sie es sicher nicht vor Cary und Mikey geheim gehalten.

Cary räusperte sich. »Also, was machst du jetzt genau am Theater?«

»Ich bin für die Vermittlung zuständig«, erklärte Shiloh, in Gedanken immer noch bei Janine und Angie. »Wir bieten Kurse an – Schauspiel, kreatives Schreiben.«

»Und spielst du auch selbst?«

»Nein«, gab sie zurück, als ob das eine lächerliche Frage wäre. Als ob sie nicht Schauspiel studiert hätte. »Ich meine, manchmal, wenn ich einspringen muss. Wir haben aber ein richtiges Ensemble mit ausgebildeten Schauspielerinnen und Schauspielern.«

Cary nickte ein bisschen zu schnell. Als ob er Shiloh doppelt zustimmen wollte.

»Ich unterrichte nicht mal mehr«, fügte sie hinzu. »Das meiste ist Büroarbeit. Ich sitze den ganzen Tag am Schreibtisch.« Das stimmte nicht ganz, aber Shiloh hatte das Gefühl, sie müsste ihm besonders deutlich machen, dass aus ihr nicht das geworden war, was er jemals erwartet hätte.

Falls Cary Shiloh darauf überprüfte, ob sie sich irgendwie verändert hatte, sollte er sich im Klaren sein, dass sie jemand komplett anderes war. Dass sie sich zu etwas entpuppt hatte, was nichts mit ihr als Larve zu tun hatte. Und ein schöner Schmetterling war sie jedenfalls nicht geworden.

»Wohnst du jetzt drüben im Westen?«, wollte er wissen.

»Früher ja.« In den Suburbs, die sie als Jugendliche so gehasst hatten. »Aber jetzt wohne ich hier. Ich meine, ein paar Straßen weiter. Zusammen mit meiner Mom.« Shiloh versuchte, nicht das Gesicht zu verziehen.

Cary wirkte ernsthaft überrascht.

Sie musste sich extrem zusammenreißen, nicht ihr Gesicht zu verbergen. Sie lächelte. »In unserem alten Haus.«

Cary sah sie entgeistert an. »Am Park?«

»Am Park.«

Als Shiloh und Ryan sich hatten scheiden lassen, konnten sie sich nicht leisten, ihr Haus im Westen zu behalten. Ryan unterrichtete Theater an der Highschool, und was vom Verkauf für beide übrig blieb, war nicht der Rede wert.

Shilohs Mutter wollte gern weniger arbeiten, hatte aber ohne­hin schon Probleme, ihren Kredit abzuzahlen. Also machte es Sinn, dass sie und Shiloh sich zusammentaten.

Jetzt wuchsen Shilohs Kinder im selben heruntergekommenen Haus auf, in dem Shiloh groß geworden war. Sie hatte versucht, es aufzuhübschen … (Ein weiterer Kredit. Die ganze Küche wurde herausgerissen. Ihre Mutter bekam ein eigenes Bad. Die Elektrik wurde erneuert.) Aber es blieb das gleiche Haus. Die gleiche Gegend.

Wo Shiloh sich hatte verändern wollen, war sie ganz die Alte geblieben (und umgekehrt, verdammt). Und Cary war wahrscheinlich der einzige Mensch auf der Welt, außer ihr selbst, der das volle Ausmaß ihres Versagens erkennen konnte.

Denn Cary saß damals immer mit ihr vor diesem Haus, während sie beide große Pläne schmiedeten, diesem Kaff hier zu entkommen.

Schau mich an, dachte Shiloh. Wirklich.

Seit Monaten habe ich schon darüber nachgedacht, wie es wird, dich wiederzusehen. Jetzt schau mich an, schau genau hin. Hauptsache, wir bringen es hinter uns. »Also bist du …« Cary sah sie stirnrunzelnd an. »Ich meine, ich habe gehört, dass ähm …«

»Heyyy, Leute!« Jemand stand vor dem Mikrofon auf der Tanzfläche. Mikeys kleiner Bruder Bobby. »Was geeeeeht?«

Er hielt einen Longdrink in einer Hand und klammerte sich mit der anderen am Ständer des Mikros fest, sodass er kippte.

»Wasss geeeeeeeht«, lallte er wieder. Ein paar Leute johlten. »Ich bin hier, um euch was über meinen Helden zu erzählen. ­Mikey, altes Haus, mein …« Der Ständer kippte auf die andere Seite.

Mikey war mittlerweile aufgestanden. Er blickte herüber zu Cary. Cary war schon unterwegs in Richtung Tanzfläche.

Bobby begrüßte ihn mit ausgebreiteten Armen. »Carrrryyy. Wassgeeeht. Hab dich vermisst, Kumpel.«

Cary legte den Arm um Bobbys Taille und stützte ihn. Cary sagte etwas, was man ohne das Mikrofon aber nicht hören konnte.

»Gennnau«, sagte Bobby mit geschlossenen Augen. »Gennnau! Wir wollten über Mikey reden.«

Cary nahm ihm vorsichtig das Mikro ab. »Wir sind hier«, begann er. »Ähm, wir beide – wir alle – um gemeinsam das Versprechen zu feiern, das Mike und Janine sich heute gegeben haben … Beinahe hätte ich gesagt, ›wir feiern, dass die beiden heute ein gemeinsames Leben beginnen‹, aber …« Cary wandte sich zum Brautpaar. Mike stand neben Janine und hatte die Hand auf ihre Schulter gelegt. Cary lächelte. »Ich glaube, ihre Liebe hatte ihren Ursprung schon vor langer Zeit. Also sage ich lieber, wir sind hier, um dem heutigen Gelübde und ihrer Eheschließung Ehre zu erweisen.«

Shiloh zog eine kleine Grimasse. Natürlich musste Cary wieder die Leier mit der besonderen Ehre und so bringen. Und Gelübde fand er auch schon immer toll.

»Janine …«, fuhr Cary mit klarer, ernster Stimme fort. »Ich kenne Mike, seit ich zwölf bin, und er konnte schon immer dafür sorgen, dass alle um ihn herum sich ein wenig leichter fühlen.«

»Da haste recht, Cary!«, warf Bobby ein.

»Wir wollten irgendwie alle in Mikes Orbit sein«, fuhr Cary fort, »denn er brachte immer die Sonne mit.«

Das gesamte Publikum machte im Chor ein zustimmendes »Hm-mh«.

»Aber du bist der hellste Punkt an Mikes Horizont. Du bist diejenige, die es schafft, dass er sich leichter fühlt.«

Mehr »Hm-mh«. Bobby nickte eifrig.

»Also vielen Dank an dich, Janine, von uns allen, die in Mikes Sonnenlicht gebadet haben, dass du ihm so viel Freude schenkst.«

Bobby hielt sein Glas hoch.

»Und Mikey«, fügte Cary an. »Du weißt, dass ich nie geheiratet habe. Ich kann mir also kaum vorstellen, wie wichtig dieser Tag für dich ist …«

Shiloh konnte sich bildlich vorstellen, wie gerade jeder Single-Frau im ganzen Saal das Höschen feucht wurde.

»Aber ich freu mich einfach so für dich. Und ich bin so stolz auf dich. Du bist der beste Freund, den ich je gehabt habe, und es ist mir eine Ehre, diesen Tag mit euch zu verbringen. Uns allen. Auf Janine und Mike!«

»Auf Janine und Mike!«, pflichtete Bobby ihm bei und reckte sein Glas in die Höhe, dass es nur so spritzte.

Eine der Brautjungfern lief auf die Tanzfläche und drückte Cary ein Champagnerglas in die Hand. Er hielt es hoch.

»Cheers!«, sagte Cary.

»Cheers!«, gaben alle zurück.

»Cheers«, murmelte Shiloh. Sie hielt ihre Pepsi Light in die Höhe.

Mikey machte sich auf den Weg zur Tanzfläche. Er riss Cary in eine brüderliche Umarmung.

Shiloh hatte sich noch nie so weit weg, so distanziert von je­mandem empfunden. Von zwei Leuten. Mikey und Cary, die besten Freunde. Nach all der Zeit. Für immer. Wie passte Shiloh dazu? Genauso nämlich. Nur am Rande.

Sie fragte sich, wie es ihren Kindern ging. Ryan hatte ver­sprochen, er würde heute Abend Popcorn machen und sie dürften Hercules gucken. Die beiden waren komischerweise völlig versessen auf diesen Disney-Film.

Wenn Shiloh jetzt nach Hause ging, könnte sie theoretisch fünfzehn Stunden Schlaf bekommen, bevor Ryan die Kinder am nächsten Morgen zurückbrachte …

Oder sie könnte zu Tom gehen, ihrem Assistenten und Schreibtischnachbarn am Theater. Er hatte sie eingeladen, die neue Folge der Sopranos bei ihm zu schauen.

Oder sie könnte hierbleiben. Sie könnte zu dem Tisch mit ­ihren alten Freundinnen gehen und sich dazusetzen und sich auf den neuesten Stand bringen lassen …

Obwohl … machte es Sinn, sich auf den neuesten Stand bringen zu lassen, nur um sich dann gleich wieder aus den Augen zu verlieren?

Shiloh kannte sich selbst gut genug – sie war einfach nicht gut darin, Kontakt zu halten. Die paar Leute direkt vor ihrer Nase reichten ihr. Ihre Kinder. Ihre Mom. Ihr Chef. Ihr Assistent. Die Schauspiellehrer, die im Theater arbeiteten. Die Kinder, die die Kurse besuchten. Deren Eltern. Der Elternbeirat … Gott, das waren schon viel zu viele.

Janines Trauzeugin hatte sich ans Mikrofon begeben und hielt eine Rede. Sie gab eine deftige Anekdote von ihrer Reise mit Janine nach Mexiko zum Besten. Shiloh hatte Mitleid mit ihr. Niemand konnte Cary das Wasser reichen.

Er war Debattiermeister gewesen. Als sie im Senior Year Dickens’ Weihnachtsgeschichte gespielt hatten, hatte er den Scrooge mit einem makellosen britischen Akzent gegeben. (Shiloh hatte den Geist der Weihnachtsnacht gespielt, mit einem Kranz aus Palmenzweigen und künstlichen Eiszapfen.)

Shiloh hob ihr Glas wie alle anderen in die Höhe. »Cheers!«

Auf Shilohs Hochzeit hatte es keine Reden gegeben. Sie wollte nichts Traditionelles. Ryan und sie hatten in der Aula der Uni geheiratet, kurz bevor Shiloh ihren Abschluss gemacht hatte. Sie hatte ein Kleid aus dem Kostümladen getragen. (Lady Macbeth – ob das wohl Unglück bedeutete? Es war das einzige hübsche Kleid im ganzen Geschäft, das ihr passte.)