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Linnea Lagerbielke, Fact-Checker bei einem Musikmagazin, ist die Person von Nebenan: einigermaßen zufrieden mit ihrem Job; Freunde; zerkrachte Familie. Haydn Cavendish, Sänger und Model, ist alles nur das nicht. Nur dass Haydn Cavendish eine Kunstfigur ist. Trotz der offensichtlichen Unterschiede kreuzen sich Linneas und Haydns Wege, als Linnea die Chance bekommt, journalistisch tätig zu werden. Beide haben Erwartungen, aber keiner erwartet, was nach dem Interview seinen Lauf nimmt. Beide ergreifen die Chance ihr Leben zu ändern und das zu bekommen, was sie sich insgeheim wünschen. Nur dass das nicht so einfach ist, wie sie es sich vorgestellt haben, denn dazu müssen sie sich erst einmal sich selbst stellen. In Volume 1 beginnt ihre gemeinsame Reise – buchstäblich -, doch was zwanglos sein soll, wird langsam zu kompliziert dafür.
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Seitenzahl: 494
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Rika Mayer
Slow Dancing In A Burning Room
Volume 1 2008-2010
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Anmerkung
Impressum neobooks
Slow Dancing In A Burning Room
Volume 1
2008 - 2010
Roman
Rika Mayer
Für Kathi. Für die vielen Stunden, in denen wir meine Figuren zum Leben erwecken; die vielen Stunden, in denen wir uns darüber Gedanken machen, wie wir an unsere Idole rankommen; für den Insider-Talk;
für Mikey, für Kurt.
Love you.
Brian
Für Maret, die langsam aber sicher anfängt, sich in meiner Welt zurechtzufinden.
Für Daniel, der mir das erste Mal John Mayers „Slow Dancing in a Burning Room“ vorgespielt hat und mich damit zu diesem Roman inspiriert hat. Vieles von unserer Geschichte findet sich darin wieder.
“You think you know a story, but you only know how it ends.
To get to the heart of the story, you have to go back to the beginning.”
Jonathan Rhys Meyers as King Henry VIII in The Tudors
Als Linnea Lagerbielke den Aufzug verließ, wurde sie sofort in den Sog der morgendlichen Hektik hineingezogen. Es schwärmte und summte und mehr als einmal hätte sie beinahe ihren Kaffee verschüttet, weil alles durcheinander lief. Es war der Tag vor der Deadline und natürlich hatte niemand die Zeit davor ausreichend genützt. Der Fluch eines Reporters griff immer mehr um sich und Linnea war froh, dass nicht sie dafür verantwortlich gemacht werden konnte. Immerhin konnte sie nur korrigieren was auch auf ihrem Schreibtisch landete und bevor es nicht durchgesehen war, konnte sie es nicht ans Layout weiterleiten.
Sie zwängte sich zu ihrem Schreibtisch, ihren Kaffee schützend an die Brust gedrückt und ließ sich ächzend auf ihren Stuhl fallen. Sofort sprang ihr ihre beste Freundin Kristina Einarsson zur Seite, noch bevor Linnea ihren Becher hatte abstellen können. „Morgen, Morgen! Motiviert?“ Linnea sah auf und blinzelte. „Wie eine Honigbiene.“ Sie ließ den Computer hochfahren und schaltete den Bildschirm an. Kristina, die Cheflektorin des größten schwedischen Musikmagazins, Sonic, packte auf ihrem Tisch derweilen ihr Frühstück aus und tippte ihr Passwort in den Rechner. Linnea saugte den letzten Rest Flüssigkeit aus ihrem Becher und hob einen Stapel Mappen auf, um an ihr Telefon zu kommen. Wie zu erwarten blinkte darauf die Nummer ihrer Chefin. „Mein Gott, ich bin noch nicht mal zu spät und sie schafft es trotzdem, mich nicht zu erreichen“, seufzte sie, und Kristina verdrehte die Augen. „Wenn sie sich wieder beschwert, dass die Titelstory noch nicht einmal im Layout ist, verlange ich mehr Gehalt.“ Sie hatte ihr Medienprogramm geöffnet und Joe Cocker krächzte „Let’s Go Get Stoned“. „Ach verdammt“, grinste Linnea, „genau das würde ich jetzt auch gern tun.“ Sie drückte auf den Abspielknopf des Anrufbeantworters und die Stimme ihrer Chefin beorderte sie in ihr Büro sobald sie angekommen war. Genervt stand sie wieder auf und zog ihr Shirt zurecht. „Ein Computer ist nur so schnell wie seine Prozessoren.“ „Sag ihr einfach: When you work so hard all the day long...“, sang ihr Kristina hinterher und Linnea streckte ihr die Zunge heraus.
Auf dem Weg ins Büro der Chefredakteurin begrüßte sie ein paar ihrer Kollegen und nahm noch zwei weitere Mappen in Empfang, die ihren Rotstift erforderten. Irgendwo spielte einer „Friday I’m in Love“ und Linnea ertappte sich dabei wie sie mitsummte, bevor sie in an die Tür von Karla Sundholm klopfte. „Herein!“ Linnea war immer wieder von der Ruhe fasziniert, die in diesem Raum herrschte. Fast so, als wäre die Außenwelt nicht existent. Es erschlug einen jedes Mal, sobald man die Tür hinter sich geschlossen hatte – egal ob man kam oder ging.
„Oh, guten Morgen, Linnea. – Gut, dass du so schnell gekommen bist. – Kaffee?“ Wow, Sonderbehandlung! Also konnte es nicht um die Korrekturfahnen gehen. „Gern.“ „Setz dich doch“, bat Karla, während sie ihre Sekretärin rief, um eine frische Kanne zu bringen. Linnea tat wie ihr geheißen und warf einen Blick aus dem Fenster auf Stockholm.
„So, warum ich dich hergebeten habe...“ Karla zog eine Aktenmappe aus der Schublade und klappte sie auf. „Ich weiß, du hast dich hier eigentlich als Journalistin beworben, aber wir hatten keine Stelle für dich...“ Die Sekretärin trat ein und schenkte Linnea eine Tasse echten Kaffees ein. Dieser roch schon ganz anders als das Gebräu aus dem Automaten unten in der Kantine und Linnea tauchte ihre Nase tief hinein, bevor sie einen kräftigen Schluck nahm. „Jedenfalls“, griff Karla das Thema wieder auf, nachdem Linnea die Tasse wieder abgesetzt hatte, „hast du bestimmt schon von Agents Provocateurs gehört – der Band, nicht dem Label.“ Linnea konnte sich das Grinsen nicht verkneifen, nickte aber. „Ja, habe ich.“ Von beidem übrigens. „Gut, gut.“ Karla schob ihr die Mappe hin und Linnea erkannte das Cover des Spin-Magazins. Darauf erkannte sie Haydn Cavendish, Kopf der Gruppe Agents Provocateurs. Sie hatte sein Konterfei schon des Öfteren gesehen, immerhin waren ihr Freund Fotograph und ihre Mutter Stylistin für das führende skandinavische Modemagazin Bon. Außerdem las sie regelmäßig die Neuigkeiten im Musikbusiness und wusste daher, dass das Model, das für seine androgyne Erscheinung und seine Frauen bekannt war, vor einem Jahr völlig überraschend in die Band eingestiegen war. Das heißt, er hatte die Band eigentlich erst neu gegründet, da sie zuvor unter anderem Namen nur leidlich bekannt gewesen war und hatte sie praktisch über Nacht völlig verwandelt.
„Also Folgendes: Die Jungs spielen nächste Woche in Stockholm.“ Ja, auch das hatte sie schon gehört, beziehungsweise auf Plakaten gesehen und gelesen. „Und du wirst am Abend davor Haydn Cavendish interviewen.“ Wie bitte was? Linnea konnte nicht verhindern, dass ihr zumindest vor ihrem geistigen Auge die Kinnlade herunterfiel. Das war immerhin ein klassischer Moment dafür.
Karla schien ihr Erstaunen nicht zu entgehen – es war vielleicht doch ein bisschen zu offensichtlich - und verschränkte die Finger auf dem Tisch. „Okay Linnea, ich sag dir wie’s ist: Ich habe einen Haufen Journalisten da draußen, deren Portfolio weit besser war als deines.“ Das war Linnea nur zu bewusst. „Aber dieses Interview ist eine etwas delikate Angelegenheit. Haydn Cavendish ist vielleicht einer der schwierigsten Interviewpartner überhaupt.“ Und Linneas Unerfahrenheit war da natürlich von großem Vorteil. „Und ich brauche ein hübsches, junges Mädchen für den Job.“ Linnea kannte den Ruf, der dem jungen Kanadier mehr als vorausgeeilt war. Ein Mädchen in jedem Hafen und mehr als ein Gerücht über seine Beziehung zu Männern. Auch wenn sie sich nicht wirklich für Mode interessierte, sie hatte von ihm gehört: dem neuen Enfant Terrible der Glamourwelt. Der junge Mann, der die Straße zum Laufsteg machte und Skandale liebte. Sie räusperte sich und straffte ihren Rücken. „Karla“, begann sie und ihre Stimme klang nicht ganz so fest, wie sie es sich wünschte. Sie würde gleich die Chance ihres Lebens ausschlagen. „Karla, so sehr ich mich auch geehrt fühle…“ Karlas Blick machte die Sache auch nicht einfacher. „Denkst du nicht, dass es kontraproduktiv wäre, einen jungen Grünschnabel wie mich auf ihn anzusetzen? Ich meine“, räusperte sie sich wieder, „wäre es nicht besser, du würdest Bengt oder Gustaf den Job geben? Die wissen was sie tun und er flirtet nicht mit ihnen.“ „Haydn Cavendish hat eine grundsätzliche Aversion gegen Journalisten“, zuckte Karla die Schultern, als wäre das eine Entschuldigung. „Er bezeichnet sie als Spione. Ich glaube, eine Frau hätte bei ihm bessere Chancen…“ „Wird er nicht versuchen mit mir zu flirten?“ „Natürlich wird er das!“, lachte Karla. „Aber er wird dir auch deine Fragen beantworten, um dich zu beeindrucken.“ „Und du gibst mir den Job nicht nur, weil alle anderen zu feige sind?“ „Ich gebe dir hier eine Chance, Linnea. Das wolltest du doch.“ Ja, das wollte sie. Nach dem Studium hatte sie lange überlegt, was man eigentlich mit Schwedisch anfangen konnte. Etwas, das sie vielleicht vorher hätte tun sollen, aber es hatte zu aufregend geklungen Bücher zu lesen, zu analysieren, die Sprachgeschichte zu studieren. Es war ihre Mutter, die sie daran erinnerte, dass sie immer wieder nicht gänzlich unmögliche Artikel für die Universitätszeitung geschrieben hatte und versuchen sollte, bei einem Magazin unterzukommen. Zufällig hatte Sonic gerade eine freie Stelle, wie ihre Mutter durch ihre Kontakte erfahren hatte und Linnea kannte sich doch ganz gut aus mit Musik.
„Wenn du Hilfe brauchst, wende dich an Ulla oder Stena“, tippte Karla auf die Mappe, die immer noch vor Linnea auf dem Tisch lag. Das Foto schien sie ein bisschen zu verspotten, sofern das möglich war. „Ansonsten habe ich dir in dieser Mappe alles zusammensuchen lassen, was dir von Nutzen sein könnte. – Ich erwarte dein Konzept in drei Tagen auf meinem Tisch.“ Das war’s also. Linnea bekam keine wirkliche Gelegenheit sich zu rechtfertigen, sie würde einfach in den sauren Apfel beißen müssen. Und verdammt, war der sauer!
Als sie wieder vor der Tür stand, fühlte sie sich als hätte sie gerade einen Dauerlauf hinter sich und wankte zurück zu ihrem Schreibtisch, wo sie sofort von Kristina in Beschlag genommen wurde. „Was hat sie gesagt? Bist du gefeuert?“ Linnea kam schlagartig in die Wirklichkeit zurück und sah ihre Freundin strafend an. „Warum sollte sie mich feuern?“ „Was wollte sie dann von dir?“ Linnea seufzte und begann mit einem Kugelschreiber auf ihrer Schreibtischunterlage zu kritzeln. „Sie möchte, dass ich ein Interview mit Haydn Cavendish führe.“ „Du machst Witze?“ Nein, sie war nie gut darin gewesen, Witze zu erzählen. Sie konnte sie sich einfach nicht merken.
Haydn Cavendish beugte sich nach vor und begutachtete sein Make-up in dem großen Garderobenspiegel, dann presste er die Lippen auf ein Taschentuch und leckte sich über die Zähne. „Noch zehn Minuten!“, tauchte Freddy Hampton, Tourmanager, hinter ihm im Spiegel auf und tippte auf seine Uhr. „Junot, kann ich dein Capo haben?“, kam Lafayette Roche, Leadgitarre, aus einer der unzähligen Truhen im Raum zum Vorschein. „Ich kann meines nicht finden.“ „Greg!“, schnippte Freddy sofort nach einem der Roadies. „Greg! – Verdammt, muss man hier alles selber machen?“ Er stutzte und starrte auf Haydns Hand, die ihm ein Capo vor die Nase hielt. „Mit freundlichen Grüßen“, grinste Haydn und warf es Lafayette zu. „Aber ich will es wieder haben!“ „Natürlich, Teddybär“, fing der Gitarrist es ab und schwang sich auf einen der Garderobentische, um an seiner Gibson herumzudrehen.
„Hannah, wo ist mein Hut?“ Bobby Strachan, Schlagzeug, war damit beschäftigt seine Hände zu tapen. „Komme gleich!“, zwängte Hannah Lawson, Garderobiere, sich zwischen zwei Roadies hindurch, die die Gitarren nach draußen trugen. Überall waren Leute. Agents Provocateurs beschäftigten eine Unmenge an Personal für ihre Stageshow. Abgesehen von all den Fans mit Backstagepässen, der Presse und den VIPs, die die letzten Zentimeter Platz hinter der Bühne einnahmen.
„Noch fünf Minuten!“ hob Freddy die Hand. „Jetzt macht mal, dass ihr alles in Ordnung habt.“ „Sind wir schon jemals zu spät raus, Freddy?“, klopfte Ian Campbell, Flöte und Violine, ihm von hinten auf die Schulter und stellte dann sein Bein auf einer halbleeren Bierkiste ab, um seine Schuhe zuzubinden. Haydn ließ sich in seinen Mantel helfen und platzierte den Hut auf seinem Kopf. „Irgendwann“, drehte er sich herum, „bekommt der arme Freddy unseretwegen noch eine Glatze, weil er sich immer wegen uns die Haare raufen muss.“ „Das ist gar nicht so unwahrscheinlich“, nahm Freddy ihm die Zigarette aus dem Mund und drückte sie aus. „Und jetzt raus mit euch, bevor ich euch einen Arschtritt gebe und ihr quer über die Bühne fliegt.“ „Das würde dir gefallen!“, lachte Lafayette und jeder der fünf Jungs drückte ihm auf dem Weg nach draußen eine Kuss auf die Wange. Da sie alle Lippenstift trugen, konnte man Freddy am Bühnenrand beobachten, wie er sich fluchend mit einem Taschentuch das Gesicht rieb.
„Was für ein Tag!“ Linnea ließ ihre Tasche schwungvoll auf den Flurboden fallen und stöhnte auf. Albin Törnkvist, Fotograf, saß auf der Couch und tippte in seinen Laptop, als seine Freundin hinter ihm bäuchlings aufs Bett fiel. „Ist was passiert?“, sah er von seinem Fotobearbeitungsprogramm auf und Linnea schüttelte sich. „Karla hat mir ein Interview gegeben“, stöhnte sie in die Decke und Albin drehte sich herum. „Was ist passiert?“ „Karla hat mir ein Interview gegeben“, setzte Linnea sich wieder auf, nur um sich dann auf den Rücken fallenzulassen. „Ich soll ihr in drei Tagen das Konzept vorlegen.“ „Erm… Noch mal von vorne!“, klappte Albin seinen Laptop zu und stand auf. „Karla hat dir ein Interview gegeben?“ „Ja, das hab ich doch gerade gesagt“, nickte Linnea, die es ja selbst genauso wenig glauben konnte. „Dir?“, setzte Albin sich neben sie und sie schnellte hoch. „Was soll denn das heißen?“ „Was?“, stutzte er. „Na dieser Tonfall. So als hätte man einen Bettler gebeten, König zu spielen.“ „Entschuldige. Ich dachte… Du hast es doch so klingen lassen, als wäre es etwas Schlimmes.“ „Das ist es ja auch“, seufzte sie und fuhr sich durch die Haare. „Ja, also…“ „Aber es ist etwas anderes, wenn ich nicht an mich glaube, als wenn du es mir nicht zutraust.“ „Streiten wir jetzt darum, wer von uns dich als größeren Idioten sieht?“ „Offensichtlich.“ „Verdammt, Linni!“, stand er wieder auf. „Ich wollte doch nur… Ach, vergiss es.“ Er ging zurück zur Couch und klappte seinen Laptop wieder auf. Linnea stöhnte erneut und hievte sich hoch, um ins Bad zu gehen. Sie hatte das Bedürfnis nach einer heißen Dusche. Vielleicht konnte sie den Tag von sich waschen.
„Okay, erzähl mir von dem Interview“, schloss Albin die Tür hinter sich und setzte sich auf die Toilette. Linnea stellte das Duschgel zurück und verzog das Gesicht. „Karla hat mich heute ins Büro bestellt und hat mir ohne Vorwarnung den Auftrag für ein Interview hingeknallt.“ „Und das ist ein Problem weil…?“ „Hast du mir nicht zugehört?“, zog sie den Duschvorhang ein Stück zur Seite, um ihn ansehen zu können. „Sie möchte, dass ich das Interview führe!“ „Ja, aber ist das nicht eine ziemliche Ehre?“, wollte Albin ihre Aufregung nicht verstehen. „Immerhin gehörst du nicht zu den Journalisten.“ „Eben!“, drehte sie das Wasser ab. „Sie hat genügend qualifiziertes Personal und dann beauftragt sie mich damit.“ „Ich verstehe nur noch immer nicht, was dich daran so stört?“, griff Albin nach dem Badetuch, um es ihr hinter den Vorhang zu reichen. „Hast du dich nicht ursprünglich als Journalistin beworben?“ „Ja“, balancierte Linnea auf einem Bein, „aber sie nahmen jemand anderen, deshalb darf ich jetzt Zitate überprüfen.“ Sie wickelte sich in das Badetuch und schob den Vorhang ganz zurück. Albin nahm seine Brille ab, die ganz angelaufen war. „Und jetzt will sie mich, weil ich jung bin und nicht aussehe wie eine Vogelscheuche, nicht, weil ich vielleicht doch journalistisches Potential habe.“ „Ich verstehe nicht…“ „Ach, können wir bitte über irgendetwas anderes reden? Wie waren deine Models heute?“ „Motiviert…“
Haydn schlug vorsichtig die Decke zurück und kroch aus dem Bett, um sich im Halbdunkel des Raumes anzuziehen. Die junge Frau schlief mit dem Gesicht zur Wand und er schlich leise ums Bett herum, um seine Sachen aufzusammeln. Auf seinem Handy waren vier unbeantwortete Anrufe und zwei Nachrichten von seinem Manager. Er solle nicht vergessen, dass sie um elf einen Pressetermin hatten und bis dahin im Hotel und einigermaßen ansehnlich sein sollten. „Zwinker, zwinker.“ Haydn lachte in sich hinein. Er hasste Emojis, aber der liebe Anthony wusste sie viel zu subtil und pointiert einzusetzen, um sie nicht amüsant zu finden.
Eine Sekunde lang war er versucht, der jungen Frau zum Abschied einen Kuss auf die Wange zu geben, aber das war dann doch nicht so ganz sein Stil. Also griff er nach seiner Jacke und stahl sich aus der Wohnung. Auf dem Gang zündete er sich eine Zigarette an und stellte dann den Kragen auf, bevor er die Treppe hinunter sprintete und auf die Straße hinaustrat. Sich bewusst, dass er nicht allein war, ging er die Straße hinunter und pfiff sich dann ein Taxi heran. Conny würde ihm schon noch früh genug Bescheid geben, in welchem Klatschmagazin diese Bilder wieder erschienen waren. War es pervers, dass er sich an die Gesichter oft nicht mal mehr erinnern konnte? Aber dann: So war sein ganzes Leben.
Zurück im Hotel hörte er noch Stimmen in Lafayettes Zimmer und auf sein Klopfen hin öffnete Layla Dunant, die treue Seele seines Gitarristen. „Lilly“, umarmten sie und Haydn einander. „Wusste ich, dass du uns besuchen würdest?“ „Dann hättest du ja mehr gewusst als ich“, richtete Lafayette sich auf seinem Bett auf und sah auf die Uhr. „Du kommst spät, Teddybär.“ „Sie war ein bisschen aufgeregt“, lehnte Haydn sich an den kleinen Tisch unter dem Fenster und zündete sich eine Zigarette an, „und wollte einfach nicht einschlafen.“ „Verständlich“, nahm Layla ihm die Zigarette ab, um selbst einen Zug zu machen. „Wenn sie die Augen wieder aufmacht, bist du längst über alle Berge und alles war nur ein Traum.“ Haydn zwinkerte und zog Layla an sich. „Schön, dich zu sehen, Lillybee.“ „Lügner“, lehnte sie den Kopf an seine Schulter. „Ihr Jungs seid doch froh, wenn ich weit weg in Kanada bin, dann könnt ihr ungestört auf die Pirsch gehen.“ Haydn und Lafayette warfen sich einen Blick zu und Lafayette holte sich seine Freundin wieder aufs Bett. „Ich liebe dich auch, mein Schatz.“ „Ugh, ihr seid widerlich“, schüttelte Haydn sich und drückte die Zigarette aus. „Na, dann will ich das Wiedersehen nicht weiter stören und unter die Dusche gehen. Sie trug viel Parfüm.“ „Ich dachte schon, ich rieche einen leichten Rosenduft an dir“, lachte Layla, „steht dir nicht.“ „Dabei ist er doch so ein Süßer“, ließ Lafayette sich einen Kuss auf die Lippen drücken und Haydn fuhr Layla durch die Haare. „Vergesst nicht Luft zu holen.“
‚Ich finde ja, Becky sollte diesen Osborne heiraten’, beugte sich der Schatten im Spiegel auf der Schranktür etwas nach vor, um besser in Haydns Buch sehen zu können. „Ich dachte, du stehst auf Happy Endings“, klopfte Haydn sein Kissen zurecht und griff nach der Fernbedienung für die Stereoanlage. „Whoa!“ Eilig drehte er die Lautstärke herunter und vertiefte sich dann wieder in seine Lektüre. ‚Tue ich ja auch’, seufzte der Schatten theatralisch, ‚und die beiden sind doch so süß zusammen.’ „Osborne ist ein Playboy“, kaute Haydn auf seinem Bleistift und fuhr dann so lange an einem Wort entlang, bis er es verstanden hatte. ‚Genau wie du. Und du bist ja auch süß – irgendwie.’ „Vielen Dank.“
Es kam zu selten vor, dass Haydn auf Tour tatsächlich Zeit zum Lesen hatte und er war so in das Buch vertieft, dass er wie immer die Zeit übersah. ‚Denkst du, es gibt wirklich so kaltblütige Menschen?’, träumte der Schatten halb vor sich hin und Haydn sah auf. „Was ist mit mir?“ ‚Du bist nicht kaltblütig’, richtete der Schatten sich auf. ‚Du bist ein Arsch, das ist was anderes.’ „Na dann ist ja nur gut, dass ich dich habe, um mich ständig daran zu erinnern.“ ‚Was soll ich sagen? Du brauchst mich. Ohne mich wärst du…’ Es klopfte an der Tür und der Schatten verblasste sofort. Haydn legte seufzend das Buch auf den Nachttisch und schälte sich aus der Decke. Es klopfte erneut. „Yeah, I’m comin’!“ Er hatte dem Tageslicht in seinem Zimmer noch keine Beachtung geschenkt.
Er stolperte über seine Schuhe, die achtlos im Flur lagen und öffnete dann die Tür. „Bonjour, Monsieur Junot!“ Es war Lafayette und er war grauenhaft munter. „Guten Morgen, Lay“, trat Haydn zur Seite, um ihn hereinzulassen. „Meine Güte, wie siehst du denn wieder aus?“, musterte Lafayette ihn und nahm dann das Buch vom Nachttisch. „Vanity Fair“, las er den Titel laut. „Ambitieux.“ Haydn hatte immer Bücher bei sich, auch wenn er nicht zum Lesen kam. Den Spruch „Mit wem warst du denn letzte Nacht im Bett?“, bezog die Band manchmal auch auf seine Bücher. „Und jetzt sieh zu, dass du dich anziehst und ein bisschen zurechtmachst, Teddy. Tony kriegt einen Anfall, wenn du wieder aussiehst wie drei Tage Sex.“ „Ich mag den Look“, grinste Haydn und verschwand dann ins Bad, während Lafayette literweise Kaffee bestellte. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Wenige Stunden später stolperte eine Gruppe junger Männer über ihre Koffer und verfluchte die Tatsache, dass sie selbst für ihre Papiere und Dokumente verantwortlich waren. Freddy hatte diese Aufgabe abgetreten, als seine Schützlinge nach einem Konzert alle in verschiedene Richtungen verschwinden wollten und sein ganzes Gepäck durchwühlt hatten, weil sie ihre Pässe nicht finden konnten.
Die Roadies taten ihr Bestes, das Chaos gering zu halten, aber wenn sie auch sonst nicht besonders viel verband, so waren doch alle fünf Jungs hoffnungslos unorganisiert und manchmal knapp davor, sich unabsichtlich umzubringen. Die Instrumente wurden abseits verladen und man war damit beschäftigt, Fans davon abzuhalten den Abflug der Maschine noch mehr zu verspäten, als es die Jungs selbst schon taten. Während sie sich darüber stritten, welcher Koffer wem gehörte und wer für das plötzliche Übergewicht zuständig war, gaben sie bereitwillig Autogramme an ihre neuen europäischen Fans. „Ich sollte lernen, mit beiden Händen zu schreiben“, rief Bobby über seine Schulter. „Dann könnte ich zwei Autogramme gleichzeitig geben.“ „Du bist ein verdammter Schlagzeuger, solltest du das nicht können?“ „Er will doch nur angeben, wie viele hübsche schlanke Frauenhände er schon geschüttelt hat.“ „Denk immer an die Bakterien, mein Lieber! All die ekeligen kleinen Kriechdinger!“
Linnea lag im Bett und starrte wachen Auges an die Decke. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so munter gefühlt, obwohl sie eigentlich unglaublich erschöpft war. Aber ihr Kopf wollte sich einfach nicht zur Ruhe betten und sie wälzte sich so lange hin und her, bis sie Angst bekam, Albin aufzuwecken und seufzend die Decke zurückschlug. Ihre Füße tasteten nach ihren Pantoffeln und sie tapste zur Couch. Wenn sie schon nicht schlafen konnte, dann konnte sie die Zeit genauso gut nutzen und sich ein bisschen mit ihrem Job vertraut machen. Auch wenn sie für die Universitätszeitung geschrieben hatte, so wusste sie doch viel zu wenig darüber, wie man ein Interview führte. Man konnte ja nicht einfach irgendwelche Fragen stellen. Und was, wenn man vom Thema abkam? Etwas, das bei ihrem Partner mehr als zu erwarten war.
Das Büro hatte ganze Arbeit geleistet. Die Mappe, die Karla ihr so bestimmt zugeschoben hatte, war voll mit Zeitungsartikeln, Interviews und Fotos des kanadischen Topmodels und Sängers, der so viele Gerüchte auslöste und über den man doch so wenig wusste. Außerdem fand Linnea auch die Special Edition des ersten Albums Murders They Sang. Ihre Mutter hatte die Cd eines Tages mit in ihre Wohnung gebracht und erklärt, sie hätte noch nie einen derart heftigen Orgasmus gehabt. Allein diese Aussage hatte Linnea bislang davon abgehalten, die Musik tatsächlich zu hören. Das und die Tatsache, dass ihre Mutter ihre unsterbliche Liebe zu ihrem Sänger geäußert hatte. Aber wenn sie nicht gefeuert werden wollte, musste sie dem Album wohl oder übel eine zweite Chance geben. Und jetzt war genauso gut Zeit dafür.
Sie beugte sich also erneut nach ihrer Tasche und holte ihren treuen Begleiter – ihren Discman – heraus. Ihre Zehen wickelte sie in die alte Häkeldecke, die ihr ihre Oma geschenkt hatte und sie schob sich ein Kissen ins Kreuz. Vielleicht würde die Musik ihr bei ihrem Auftrag helfen.
Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, völlig davon abgelenkt zu werden. Es war unmöglich, sich auf Interviewfragen zu konzentrieren, sobald Haydn Cavendish zum ersten Mal den Mund öffnete. Seine Stimme in all ihren Facetten, Höhen und Tiefen, hatte etwas Hypnotisierendes. Sie war voll, wie die eines Opernsängers, rau, wie die eines Rockstars und weich wie die eines Folksängers und es war fast unmöglich zu glauben, dass es immer ein und dieselbe Person war. Agents Provocateurs schienen sowieso in kein Muster zu passen: Sie waren zu flamboyant für Rock, aber kein Glam; viel Flöte und Violine, aber kein Folk; Alternative Riffs, aber kein Indie. Und jeder Einzelne von den Mitgliedern beherrschte seine Sache beinahe schon zu perfekt. Diese perfekte Illusion wurde allerdings durch die Texte zerstört, die leidenschaftlich, roh und metaphorisch daherkamen.
„Linn?“ Etwas berührte ihre Schulter und sie schreckte hoch. „Oh, sorry“, setzte Albin sich zu ihr. „Habe ich dich geweckt?“ War sie eingeschlafen? Hatte sie geträumt? „Erm… Ich…“ „Was hast du denn mit Haydn Cavendish zu schaffen?“, hob Albin die Ausgabe des Spin Magazins vom Boden auf und Linnea nahm die Kopfhörer ab. „Oh, erm… Er ist mein Interviewpartner.“ „Cavendish?“ „Ja. Seine Band gibt am Wochenende ein Konzert in Stockholm.“ Sie konnte das alles ja selbst noch nicht ganz begreifen, aber es klang einfach viel zu gut, um es nicht auszusprechen, auch wenn sie gleichzeitig hoffte, dass er die Panik in ihrer Stimme überhörte. „Karla hat dich ausgesucht, um Haydn Cavendish zu interviewen?“, war es aber mehr seine Stimme, die etwas panisch klang und Linnea zog die Stirn kraus und musterte ihren Freund einen Augenblick. Dann lachte sie. „Du bist eifersüchtig.“ „Eifersüchtig?“, warf Albin das Magazin etwas zu heftig auf den Couchtisch. „Nein, ich bin nicht eifersüchtig. Ich bin wütend.“ Ja, aber… „Albin…“, verstand sie im Moment überhaupt nichts mehr. „Wie kann Karla nur von dir verlangen, dass du Haydn Cavendish interviewst? Du weißt, dass ich mal bei einem seiner Shoots für Cartier anwesend war.“ Ja, sie erinnerte sich, auch wenn sie den Namen damals nicht wirklich in irgendeinen Zusammenhang gebracht hatte. „Und er ist danach mit zwei der Assistentinnen einfach aus der Tür marschiert.“ „Aber, Käraste“, legte Linnea da fast so etwas wie erleichtert ihre Arme um ihn. „Hast du etwa Angst, dass ich auch mit ihm ins Bett gehen würde?“ „Er schafft das, Linn“, wehrte Albin warnend ab. „Er ist unglaublich charmant, er hat sogar mich für sich eingenommen – bis zu dem Augenblick, als die Kameras aus waren.“ „Du denkst also wirklich“, ließ sie wieder von ihm ab, „dass ich mit einem Haydn Cavendish ins Bett gehen würde, nur weil er glaubt er kann? Vielen Dank auch“, verschränkte sie die Arme vor der Brust und Albin seufzte und streichelte flüchtig über ihre Wange. „Natürlich nicht. Aber ich will nicht, dass er mit meiner Freundin auch nur flirtet!“ Er stand auf und sah bestimmt auf sie hinunter. „Du wirst Karla sagen, dass du das Interview nicht machen kannst!“ „Albin!“ „Und sie soll sich jemanden suchen, der professionell genug ist!“ „Albin, das könnte mich meinen Job kosten!“ „Dann bewirbst du dich eben wo anders. Aber du wirst nicht allein mit Haydn Cavendish in einem Raum sein!“
„Haydn!“ Er lag auf der Bank, die Augen hinter der Sonnenbrille geschlossen und klopfte mit den Fingern im Takt zu „You Shook Me All Night Long“ auf seinem Bauch. „Haydn! Hoch mit dir, das Meeting hat längst begonnen!“ Freddy Hampton versetzte seinem Schützling einfach einen Tritt gegen die Hüfte, was diesen hochschrecken ließ. „Autsch! Das hat wehgetan!“ Haydn rieb sich die Stelle und Freddy nahm ihm die Hörer ab. „Das sollte es auch, Graf Dracula. Wir haben hier eine Besprechung bei der du auch geistig anwesend sein solltest und nicht deinen weiblich bedingten Schlafmangel aufholen.“ Die anderen im Raum grinsten und Haydn gähnte lange. „Ja ja, schon klar.“ Er rappelte sich hoch und schleppte sich dann zu Lafayette, vor dem er auf den Boden sank und sich an dessen Knie lehnte. Freddy schüttelte nur den Kopf und setzte sich wieder. Er liebte den Jungen, das Leben wäre nur manchmal viel einfacher ohne ihn – wenn auch langweiliger.
„Okay, also Folgendes...“ Conny Lowe, Presseagentin, klappte ihren Notizblock auf, in dem sie alle Termine und Pläne festhielt. „Ihr habt morgen Vormittag frei...“ Leises Johlen aus den Reihen der Musiker. „Zwischen eins und vier gebt ihr dann Interviews an verschiedene Magazine“, ignorierte sie es professionell. „Sagt ein paar nette Dinge über Europa und Schweden – so Zeug eben. Und rührt ein bisschen die Werbetrommel für euer neues Album. – Haydn, du hast um fünf ein Einzelinterview mit einer Journalistin von Sonic.“ „Wie bitte?“ Der Angesprochene schob die Sonnenbrille nach oben und blinzelte. „Die schicken jemanden, um dich persönlich zu interviewen. Über Mode und Musik – das Übliche eben.“ „Ah merde! Muss das denn sein?“ Die Brille rutschte wieder nach unten und er lehnte seufzend den Kopf zurück. Lafayette fuhr ihm durch die Haare und beugte sich dann nach vor, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu drücken. „Ja, Teddybär, das muss sein.“
„Ich würde sagen, ihr schlaft euch heute Nacht mal aus.“ Dabei warf Freddy einen Seitenblick auf Haydn, der sich daraufhin mit dem Mittelfinger die Nase rieb. „Ihr hattet schon länger keine zwei freien Abende mehr hintereinander, aber da ihr die nicht freien immer bis zum Exzess ausnützt, könntet ihr euch heute und morgen ausnahmsweise ein bisschen erholen.“ „Und was sagen wir, wenn man uns zu Hause fragt, was wir von Stockholm gesehen haben?“, hob Barclay Stewart, Bassist, die Hand. „Die Hotelbetten?“ „Vielleicht gibt es an der Rezeption passende Ansichtskarten“, feixte Bobby und die anderen lachten. „Dürfen wir uns wenigstens ein bisschen Gesellschaft holen?“, fragte Ian dann und zog an seiner Zigarette. Freddy seufzte und schlug seine Mappe zu. „Wäre es wirklich zu viel verlangt, wenn ihr euch einmal anständig benehmen würdet?“ Ja, das wäre es. Freddy hatte schon als Jungspund in den Achtzigern mit Rockbands gearbeitet und die Jungs vor ihm füllten deren Fußstapfen sehr gut. Der Grund warum er bei ihnen blieb und sich bedingungslos um sie kümmerte war, dass sie ihn abgöttisch liebten und sie ihn letztlich immer am längeren Ast sitzen ließen.
„Also, ich hätte jetzt nichts gegen ein paar hübsche Mädchen einzuwenden.“ Haydn stützte sich auf Bobby und sie folgten den anderen aus dem Zimmer, um sich in der Stadt auf die Suche nach etwas Essbarem zu machen. „Daran zweifelt niemand“, grinste der Schlagzeuger und schubste seinen Bandleader den Gang hinunter.
Sie fanden ein kleines Pub in der Hinterstraße, in die sie geflüchtet waren, nachdem sie dem Menschenauflauf vor dem Hotel entkommen waren. Gott sei Dank waren sie noch nicht so berühmt, dass sie nicht ein paar Ecken weiter nur mehr eine Gruppe Jungs waren, die zusammen den Nachmittag durchbrachten.
„Ich hab gelesen, dass die Skandinavier ihre Hauptgänge süßen und ihre Nachspeisen salzen“, schlug Thierry Carey, Kopf der Roadie-Truppe und persönlicher Freund der Band, die Speisekarte auf. „Du solltest nicht immer so viel lesen“, stieß ihn Barclay an und blätterte sich durch die Karte. „Aber hier kann ich schon mal gar nichts lesen. Was soll denn das für eine Sprache sein?“ „Schwedisch“, lachte der restliche Tisch unisono. „Ja ja“, zuckte Barclay nur die Schultern und sah auf. „Du, Cav, du kannst doch eine Sprache. Lies mal vor.“ Haydn zog die Augenbrauen hoch. „Ja, du hörst sie mich gerade sprechen.“ Wieder lachten alle und Barclay zeigte ihm die Zunge. „Ich meine doch so irgendwas Ähnliches wie Schwedisch.“ „Holländisch.“ „Ja, genau. Holländisch.“ „Hier steht’s doch auch auf Englisch.“ „Aber ich möchte mal hören, wie diese Sprache klingt.“ Haydn grinste und seufzte resignierend. „Okay... Aber auf eure Verantwortung.“ Er beugte sich über die Karte und versuchte dann, das Kauderwelsch vor ihm mit aufgesetztem Akzent auszusprechen, was den ganzen Tisch in erneutes Gelächter versetzte und die Aufmerksamkeit des Kellners auf sich zog, der dann doch besser Englisch sprach als Haydn Schwedisch.
Später am Abend waren sie alle brav auf dem Zimmer – auf Haydns, wenn man es so genau nehmen musste. Thierry hatte ihnen tatsächlich ein paar Mädchen organisiert und die Jungs jammten ein bisschen und gruben alte Klassiker aus, während die Mädchen kreischend und johlend durchs Zimmer tanzten und keinen Hehl daraus machten, dass sie zu haben waren. Hätte dieses Hotel bereits eine Passage in der Rockgeschichte, so würde diese nun eine Renaissance erleben.
Freddy hatte es aufgegeben zu versuchen, seine Jungs ins Bett zu stecken und saß in einer Ecke, eine Flasche Wein und eine Zigarre in der Hand und träumte davon, noch einmal so jung sein zu können, dass ihn die Mädchen beachten würden. Haydn hatte sein Hemd ausgezogen und hatte seine Hände unter dem Kleid des brünetten Mädchens mit einer Lederjacke und den Lammfellstiefeln im Spätsommer, während sie so eng tanzten, dass er ihre harten Nippel durch ihren BH an seiner Brust spürte. Sie hatte eine Stupsnase und grüne Augen und obwohl sie nicht das hübscheste Mädchen im Raum war, hatte Haydn sie sofort für sich beansprucht, nachdem sie eine Flasche Bier fast in einem Zug hinuntergestürzt hatte, obwohl ihr dabei der Schaum übers Kinn gelaufen war und sich danach seine Gitarre gegriffen hatte, um einfach mit Lafayette mitzuspielen, der Slades „Come on Feel the Noize“ angestimmt hatte. Nicht alle Akkorde waren richtig, aber sie lachte einfach darüber und alle anderen sangen lauthals mit, also hörte es niemand. „We get wild, wild, wild…“, ließ sie sich umfallen und sprang dann auf, um mit den anderen durchs Zimmer zu springen. Haydn liebte Frauen, die etwas Besonderes hatten. Dass sie offensichtlich nicht nur mitgekommen war, um mit einem Bandmitglied zu schlafen, sondern um ihren Spaß zu haben, fand er unglaublich attraktiv. Was nicht hieß, dass er nicht spürte, wie sie in seinen Armen sofort weich wie Butter wurde und nichts dagegen unternahm, dass er ihren BH unter ihrem Kleid öffnete und seine Zunge mit der ihren spielen ließ. Eine Hand lag auf ihrer Brust, die andere vergrub er in ihrem dicken Haar, während sie sich zur Musik von Led Zeppelin bewegten.
„Come on!“, flüsterte er an ihrem Ohr und griff nach ihrer Hand. „Was hast du vor?“, sahen ihn die grünen Augen an und er küsste sie erneut. „I’m gonna fuck you“, nahm er auch die zweite Hand und führte sie rückwärts aus dem Zimmer in den Flur hinaus. Dort drückte er sie an die Wand und küsste sie, dass keine Fragen offen blieben. „Nicht hier“, machte sie sich jedoch von ihm los und er öffnete eine Tür zu einem Zimmer. Den Schlüssel hatte er sich schon zu Beginn des Abends geborgt. Auf dem Bett setzte sie sich auf ihn und zog mit einer einzigen raschen Bewegung ihr Kleid über den Kopf. „Okay. Fuck me!“
„Das ist gut, Linn.“ Karla ließ die letzte Seite sinken und sah die junge Frau ihr gegenüber an. „Es ist allerdings nicht unbedingt das, was ich mir vorgestellt habe, da muss ich ganz ehrlich sein.“ Linneas Herz rutschte ihr bis zu den Knien und ihr wich alle Farbe aus dem Gesicht. Sie hatte ihr Herzblut in dieses Interview gesteckt. Das heißt, sie hatte sich wirklich und ehrlich bemüht, aus der Sache keine 08/15-Angelegenheit zu machen. Darin steckte alle Erfahrung, die sie hatte aufbieten können – und alle Zeit. Aber sie hatte eben keine Übung als Journalistin und schon gar keine mit Interviews, aber sie hatte sich gedacht, dass es Fragen waren, die sie gerne von einem Star beantwortet gehört hätte. Wozu sollte man sonst noch ein Interview geben, wenn man doch ständig immer nur dieselben Sätze zu hören und zu sagen bekam?
„Na, ich denke, es ist zwar nicht unbedingt ein Interview für eine Musikzeitschrift“, las Karla die Verzweiflung in ihrem Gesicht, „aber es hat durchaus Potential – und ich mag deinen Stil, einfach, geradeheraus. Vielleicht sollten wir ein bisschen auf Risiko spielen.“ Ihr Herz hievte sich wieder keuchend bis in die Magengegend. „Wenn du dich denn tatsächlich traust, mit dem Jungen so auf Tuchfühlung zu gehen.“ Verdammt! Wie hatte sie nur den größten Haken an der Sache vergessen können? Haydn Cavendish. Sie kannte ihn zwar nicht, aber sein Ruf war ihm mehr als vorausgeeilt und dieser besagte, dass Haydn Cavendish persönliche Fragen meist weder beantwortete, noch einen Hehl daraus machte, was er von ihnen hielt.
„Ist sie nicht eine großartige Chefin?“ Kristina ließ sich Linnea gegenüber in den Sitz fallen und blies sich die Haare aus der Stirn. „Sie hätte dich zumindest ein bisschen mehr aufbauen können.“ „Hey“, hob Linnea die Hand, „ich kann schon von Glück reden, dass sie mir das Interview nicht noch im letzten Moment weggenommen hat!“ Sie schob ihren Rucksack unter den Sitz und lehnte sich zurück. Der Zug rollte langsam an und die Gleise quietschten. „Immerhin hat sie Recht: Mit Musik hat es leider wirklich nicht viel zu tun.“ „Ach Papperlapapp!“, winkte Kristina ab. „Über ihre Musik liest man eh alle Daumen lang – dafür sind die Kritiker zuständig. Aber aus Haydn Cavendish etwas Privates rauszuquetschen, das ist die wahre Meisterleistung.“ „Dann muss ich das erst einmal schaffen.“ „Hey, du hast Charme, du hast ein gewinnendes Lächeln – und du hast einen Sturkopf. Er wird sich hüten, dir irgendwelche Probleme zu machen.“ Linnea grinste – und sie war fast gewillt, sich überzeugen zu lassen. „Möchtest du nicht als mein Bodyguard mitkommen?“ Doch Kristina schüttelte den Kopf, so reizvoll das Angebot für sie auch war. „Dafür hast du Oscar. Der ist der Beste in der Redaktion.“ „Aber für ein gutes Foto von Cavendish und seiner neuesten Eroberung würde er sich bestimmt auch nicht lumpen lassen.“
Die Umgebung wurde ländlicher und Linnea begann, die Anspannung der Arbeitswoche und vor allem der letzten Tage ein bisschen abzuschütteln. Wochenenden bei ihrer Mutter waren immer eine nette Abwechslung. In dem kleinen Haus mit Garten ihrer Kindheit hatte sie genug Raum zum Denken. Nicht nur deshalb flüchtete sie sich gern dorthin, wenn es ihr mit Albin in der kleinen Dachgeschosswohnung in Stockholms Zentrum wieder einmal ein bisschen zu eng wurde. Auch wenn sie ihm zugestehen musste, dass er sich in den letzten Tagen nach anfänglichen Protesten doch sehr kooperativ gezeigt hatte. Soll heißen: Er hatte sie in Ruhe gelassen – oder war ihr zumindest nicht mit negativen Kommentaren im Weg gewesen. Trotzdem hatten gerade diese Tage ihr wieder einmal gezeigt, wie angespannt ihre Beziehung war. Sie musste ja auch unglaublichem Druck standhalten, immerhin war jeder außer ihnen selbst davon überzeugt, dass sie demnächst vor den Traualtar treten würden. Okay, sie sollte vielleicht nicht für Albin sprechen, sie kannte seine Intentionen nicht so genau – und das sagte schon sehr viel aus.
„Gib doch zu, dass es einen gewissen Reiz hat zu wissen, dass der morgige Abend mit einem Kuss von Haydn Cavendish enden könnte“, zwinkerte Kristina und nahm ihre Jacke und Linnea stand ebenfalls auf. „Unbedingt“, nickte sie bestimmt und hängte ihren Rucksack um. „Nur deshalb habe ich den Job angenommen. – Gott, meine Mutter wäre so unglaublich stolz auf mich.“ Die Zugtüren öffneten sich und Linnea sprang auf den Bahnsteig. Kristina folgte ihr etwas gesitteter. „Na siehst du! Und wenn du es nur deiner Mutter zuliebe tust!“ „Ha-ha!“
„Ach ja, bevor ich’s vergesse...“ Agneta lehnte sich zurück und ließ sich die letzten Sonnenstrahlen ins Gesicht leuchten. „Harald kommt heute noch vorbei.“ „Wer?“ Sie hob wieder den Kopf. „Harald, der Junge den ich beim Uhrenshoot getroffen habe.“ „Ah ja der!“ Wer? „Also, was ich eigentlich sagen wollte: Könntet ihr Mädchen euch nach oben verziehen? Zumindest so lange bis wir im Schlafzimmer sind.“ Kristina und Linnea warfen sich einen vielsagenden Blick zu. „Natürlich Aggie, alles was du willst.“ Sie lachten, es ging nicht anders, auch wenn Linnea innerlich aufseufzte und den Gedanken von sich schüttelte, dass der Junge, wie Agneta ihn bezeichnete, wahrscheinlich ihr kleiner Bruder sein könnte.
„Glaubst du, deine Mutter schleppt noch arme unschuldige Schulkinder ab, wenn sie sechzig ist?“ Kristina ließ sich auf Linneas Bett fallen und begann in ihrer Tasche zu kramen. Linnea stand vor dem Spiegel und kämmte sich. „So lange sie sich dann nicht an den Schulfreunden ihrer Enkel vergreift, soll’s mir Recht sein.“ Na ja, das war ein klein bisschen gelogen. „Welche Enkelkinder...? Oh!“ Sofort schnellte sie wieder hoch. „Enkelkinder! Der Tag ist schon bald vorüber und du rückst erst jetzt damit raus?“ Sie sprang auf und warf sich ihrer Freundin an den Hals. Diese verdrehte allerdings nur die Augen und schob sie von sich. „Ich bin nicht schwanger, Kris.“ „Oooooch.“ Kristina setzte sich schmollend zurück aufs Bett. „Und ich dachte schon, ihr beide wärt endlich den nächsten Schritt gegangen.“ Nein, nein, nein, nicht das Thema schon wieder. Linnea knöpfte ihre Bluse auf und griff nach ihrem Pyjama. „Der nächste Schritt wäre zu heiraten“, konterte sie dann und schubste Kristina vom Bett. „Das ist doch nur mehr eine Formsache. Und heutzutage überflüssig.“ Kristina kroch unter die Decke des Klappbetts und klopfte ihr Kissen zurecht. Sie fand es immer noch ganz amüsant, mit ihrer Freundin im selben Zimmer zu schlafen, obwohl es ein Gästezimmer gab. Es war wie in ihrer Kindheit – obwohl sie sich damals noch nicht gekannt hatten. „Gute Nacht, Kris!“ Linnea machte das Licht aus. „Gute Nacht, Linni!“
Sie kaute gedankenverloren an einer Haarsträhne, während sie mit verzweifeltem Blick den Inhalt ihres Kleiderschranks scannte. Auf dem Bett hatte sie bereits einige Outfits ausgelegt und dann doch gleich wieder verworfen. Die Kleiderfrage war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Früher war das so einfach gewesen: Ein Top, Jeans und ganz viel Schmuck. Aber sie konnte schlecht wie ein Punk zu dem Interview erscheinen. Oder doch? Immerhin war die Band auch nicht gerade Mainstream.
„Sinnkrise?“ Im rettenden Augenblick tauchte Albin hinter ihr auf und legte seine Arme um ihre Hüften. Linnea zuckte erschrocken zusammen und brachte Albin damit zum Lachen. Linnea war allerdings längst viel zu genervt, um ihre Situation lustig zu finden und sie wand sich aus seiner Umklammerung. Albin wollte keinen erneuten Streit provozieren und schob einen Berg Wäsche zur Seite, um sich aufs Bett setzen zu können. „Ich bin früher nach Hause gekommen, um dir für dein Interview viel Glück zu wünschen...“ „Hallooo!“ „Allerdings musste ich auch deine Mutter herein lassen...“
Agneta spazierte fröhlich zur Tür herein und gesellte sogleich zu ihrer Tochter und betrachtete deren Spiegelbild in der Schranktür. „Wusst ich’s doch, dass du ohne mich völlig verloren sein würdest.“ Damit überreichte sie Linnea mit einem selbstbewussten Lächeln einen Kleidersack. „Und keine Sorge, es ist nur aus dem Büro geliehen.“ Linnea nahm etwas skeptisch an und öffnete den Reißverschluss. Zum Vorschein kam ein dunkelblaues Etuikleid – spießig – mit tiefem Ausschnitt – sexy - und Nieten an Kragen und Gürtel – lässig. „Mamma...“ „Du brauchst nichts zu sagen“, wehrte Agneta sofort ab. „Ich weiß doch, dass mein Kind nicht meinen Sinn für Stil geerbt hat.“ Nein, den hatte sie eindeutig von ihrem Vater. Rock und T-Shirt waren schon Abendgarderobe. Es war das was man als Ironie bezeichnete, dass sie mit zwei absoluten Modefreaks zusammen lebte.
„Mach schon, zieh es an!“, drängte Albin und Linnea beeilte sich, sich aus dem Handtuch zu schälen, das sie nach dem Duschen eilig umgewickelt hatte. Agneta hatte bereits mit dem sicheren Gespür einer Modejournalistin einen BH aus der Kommode gezogen und half dann ihrer Tochter dabei das Kleid überzuziehen. „Wow“, staunte Albin, als Agneta den Reißverschluss zuzog und Linnea sich vor dem Spiegel hin und her drehte. „Ich weiß nicht, ob ich dich so zu einem Interview mit Haydn Cavendish gehen lassen kann.“ „Ach Unsinn!“, schüttelte Agneta den Kopf. „Hör nicht auf ihn, Kind. Du siehst fantastisch aus und er wird sich hüten, dich anzufassen.“ Dann suchte sie die passenden Schuhe aus einer der anderen mitgebrachten Tüten. Schwarze Ankleboots mit zwei sich überkreuzenden Nietenbändern. Gerade hoch genug, um Linnea die perfekte Silhouette zu verpassen, ohne dass sie dabei über ihre eigenen Füße stolperte.
„Aber was mach ich mit den Haaren?“, drehte sie sich schließlich herum und sah von ihrer Mutter zu Albin. Als Teenager – in ihrer 80s Rock Phase in der sie davon träumte ein berühmtes Groupie zu sein - hatte sie sich ihre blonde Mähne schwarz gefärbt und Agneta damit zur Weißglut getrieben. Heute reichten ihre Haare fast bis zum Po, waren aber völlig ohne jeden Schnitt, weshalb Agneta immer wieder an ihr herummaulte. „Irgendwann schneide ich sie dir in der Nacht einfach ab“, drohte sie jedes Mal.
„Ich wüsste ja die perfekte Frisur zu diesem Kleid“, zuckte sie auch diesmal die Schultern. „Aber dazu müssten wir dich zum Frisör schicken.“ „Ich hol mal den Fön und Lockenstab“, lenkte Albin ein und verschwand ins Bad. Linnea wickelte sich das Handtuch vom Kopf und schüttelte ihr Haar aus. Dann stieg sie wieder aus dem Kleid, um es nicht gleich zu ruinieren. Wenn Agneta es tatsächlich aus dem Büro mitgebracht hatte, kostete es so einiges.
Etwa eine halbe Stunde später hatte Albin so etwas wie Ordnung in das Wirrwarr auf ihrem Kopf gebracht und Linnea drehte sich eine Locke um den Finger, während sie sich ein letztes Mal im Spiegel betrachtete. In diesem Outfit fühlte sie sich beinahe sicher genug, um den König zu interviewen. Wobei sie sich im selben Moment nicht ganz sicher war, was nun im Endeffekt schlimmer war: König oder Haydn Cavendish.
„Linnea, bist du das etwa?“ Oscar hielt ihr die Tür zum Taxi auf und grinste ihr entgegen. Linnea streckte das Kinn vor und stieg ein. Erst als das Taxi anrollte, spürte sie, wie ihre Handflächen feucht wurden. ‚Nein’, versuchte sie sich zu beruhigen. ‚Du wirst nicht ohnmächtig! Du wirst nicht ohnmächtig!’ Obwohl die Vorstellung, von Haydn Cavendish aufgefangen zu werden... ‚Denk erst gar nicht daran, dir das vorzustellen!’
„Sag mal“, wandte sie sich schließlich an Oscar, der ja schon so einige Erfahrungen mit Interviews gesammelt hatte, „kannst du mir nicht ein paar Tipps geben?“ Sie gab sich Mühe nicht völlig verzweifelt zu klingen, denn das war sie eigentlich gar nicht. Nur unsicher. „Ich krepier hier sonst, weil ich nicht weiß, wie ich das Ganze angehen soll.“ „Was willst du wissen?“, trommelte Oscar auf seiner Tasche und Linnea zuckte die Schultern. „Wie begrüße ich ihn?“ „Ha-ha.“ „Nein, ehrlich! Ich hab keine Ahnung. Sag ich hi oder hallo oder guten Tag?“ Oscar hantierte an seiner Kamera herum und zuckte nun seinerseits die Schultern. „Wahrscheinlich begrüßt er dich zuerst. Dann sagst du einfach dasselbe.“ „Und soll ich fragen, ob wir uns siezen oder duzen?“ „Du meine Güte, hast du dir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht?“ „Sicher“, nickte sie. Sie würde allerdings nicht zugeben, dass sie sogar im Badezimmer vor dem Spiegel versucht hatte zu üben. „Deshalb stell ich dir jetzt all diese Fragen.“ Oscar steckte die Kamera zurück in die Tasche und lehnte sich zurück. „Weißt du, Linnea, zieh einfach dein Ding durch und lass dich nicht beirren.“ Ihr Ding? Welches Ding denn? Sie hatte ja überhaupt kein Ding. Sie hatte nur einen Spickzettel und ihren Sturkopf. Reichte das?
„Mein lieber, liebster Haydn...“ Conny schloss die Tür hinter sich und steckte den Stift an ihr Klemmbrett. „Darf ich dich bitten, dich bei deinem Einzelinterview endlich mal von deiner Schokoladenseite zu zeigen?“ „Die Schokoladenseite hat Lafayette“, sah Haydn von seinen Karten auf und Conny verdrehte die Augen, während die anderen grinsten. „Es bringt dich bestimmt nicht um.“ „Ihn nicht“, legte Ian eine Karte ab, „aber die Journalistin vielleicht.“ Haydn und er klatschten ab und Conny warf dabei einen schnellen Blick in seine Karten. „Entweder du bluffst hoch oder du lässt die anderen gleich gewinnen.“ „Conny!“, warf er die Karten auf den Tisch und sie zuckte mit einem süffisanten Lächeln die Schultern. „Manchmal werde ich das Gefühl nicht los, du bist eifersüchtig“, verschränkte Haydn die Arme vor der Brust und lehnte sich zurück. „Wieso sollte ich eifersüchtig sein?“, nahm sie einen Bissen von seinem Sandwich. „Ich bin wahrscheinlich die einzige Frau in deinem Umfeld mit der du nicht geschlafen hast. Das macht mich zu etwas Besonderem.“ Sie küsste ihn auf die Stirn und sah dann in die Runde. „Okay, Jungs, die nächste Gruppe ist da.“ „Verdammt!“, flogen die Karten in ihre Richtung.
„Kann ich Ihnen behilflich sein, Fröken?“ Ja, einen Stuhl und ein Seil an dem sie sich erhängen konnte. Aber nachdem sie es bereits durch die ganze Halle bis zur Rezeption geschafft hatte, ohne über ihre eigenen Füße zu stolpern, konnte sie bestimmt auch noch den Rest ihres Stolzes zusammenkratzen und die Sache durchziehen. Ihr „Ding“, was auch immer das sein mochte. „Erm ja... Linnea Lagerbielke, Sonic Tidskrift. Ich habe… erm... einen Termin mit Conny Lowe.“ Der Herr hinter der Rezeption zog eine Augenbraue hoch und schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid, Fröken, wir haben keinen Gast dieses Namens.“ „Linnea, du musst ihm deinen Presseausweis zeigen“, trat Oscar ihr in dem Moment gegen das Schienbein. Oh...! Ach so. „Erm... Hier ist mein Ausweis.“ Sie fummelte an ihrer Handtasche herum, bekam schließlich ihre Geldtasche zu fassen und zog mit zitternden Fingern ihren Ausweis heraus. Verdammt. Die ganze Woche hatte sie damit zugebracht, Filme zu studieren, in denen Journalisten Hauptrollen spielten, um professionelles Auftreten zu üben und dann versagte sie schon bei der ersten Prüfung. „Das ist mein Fotograf, Oscar Jonsson.“ „Einen Moment bitte“, wirkte dies sofort wie eine Art Zauberspruch und der Rezeptionist griff nach dem Telefon und wählte eine Nummer. Linnea spürte ihren Herzschlag bis zum Hals. „Hier spricht die Rezeption. Eine Miss Linnea Lagerbielke von Sonic ist hier und sagt, sie hätte einen Termin mit Ihnen. – In Ordnung. Danke. Auf Wiederhören.“ Er legte auf und nickte Linnea zu. „Der Termin wurde bestätigt. Sie können nach oben. Zimmer 322.“ Oh mein Gott, nur drei Stockwerke trennten sie von einem echten Rockstar!
„Das hier oder doch das kleine Schwarze?“, hielt Haydn zwei Outfits hoch und Jean-Marie, Chefgarderobiere, rieb sich das Kinn. „Die sind beide sehr aufreizend, mon chouchou.“ „Na und?“, zuckte Haydn die Schultern und warf sie zu den anderen aufs Bett. „Wenn sie einen Herzinfarkt bekommt, dann brauche ich das Interview wenigstens nicht zu geben.“ „Dafür dass du keine Publicity willst, machst du aber ziemlich viel öffentlichen Unsinn“, kritzelte Conny auf ihrem Klemmbrett herum, während sie darauf wartete, dass Haydn sich endlich etwas anzog. Er würde wieder einmal zu spät kommen und wenn sie noch länger auf seinen Hintern starrte, würde sie ihren Freund anrufen müssen.
„Ich nehme einfach das hier und damit basta“, nahm er eines seiner Bühnenoutfits von der Garderobenstange und Jean-Marie nickte: „Okay, das wollte ich sowieso aus der Show nehmen.“ „Du hast Recht“, besah Haydn es sich genauer. „Es ist ein bisschen zu unbequem. – Aber ich sehe heiß darin aus.“ „Du siehst noch heißer aus, wenn du nackt bist, aber trotzdem solltest du dich endlich anziehen“, stöhnte Conny und stand auf. „Ich schicke Thierry um dich zu holen, wenn sie da ist.“
Als der Aufzug sich in Bewegung setzte, fühlte Linnea einen Moment dieses Ziehen in der Magengegend, aber als es beim zweiten Stock nicht verflogen war, wusste sie, dass es ihre Nervosität war, die ihre Übelkeit verursachte. Am liebsten hätte sie sich übergeben, aber das hätte ihr gerade noch gefehlt. Vielleicht auch noch geradewegs in Haydn Cavendish’ Schoß. Nur wahrscheinlich würde sie damit nicht einmal eine bleibende Erinnerung hinterlassen, das hatten sicher schon andere Mädchen vor ihr getan.
„Bereit?“ Sie standen vor dem genannten Zimmer und Oscar zwinkerte Linnea aufmunternd zu. Nein! Nein! Sie war nicht bereit! Überhaupt nicht! So unbereit war bestimmt noch niemand vor ihr gewesen! Nur was half es ihr? Sie wurden erwartet, jetzt konnte sie doch unmöglich wieder kehrtmachen. Wie würde das denn aussehen? Die Blamage wäre vielleicht sogar noch größer als die, wenn sie das Interview tatsächlich durchzog. Also nahm sie einen tiefen Atemzug und schloss für eine Sekunde die Augen. Sie würde sich nicht von sich selbst fertig machen lassen! Nicht jetzt! Also straffte sie ihren Rücken und nickte. „Bereit.“ Dann hob sie ihre Hand und klopfte. Einen Moment geschah nichts, und sie spürte schon den Funken Hoffnung in sich aufglimmen, dass er vielleicht doch nicht da war und alles ein Missverständnis war, da hörte sie etwas klicken und gleich darauf wurde die Tür geöffnet. Vor ihr stand ein junger Mann in Jeans und T-Shirt, mit stacheligen Haaren und Kopfhörern. Wer war denn das, um Gotteswillen? Nicht von einem professionell aussehenden Assistenten mit Klemmbrett begrüßt zu werden warf Linnea erneut aus der Bahn. Das war doch in den Filmen immer so! Die hatten doch immer alle Manager und so Zeug, ohne die sie keinen Schritt taten. „Miss Lagerbielke?“ Oder vielleicht war es ja der Manager. Conny war ein Unisexname. Wer weiß. Haydn Cavendish war ein unkonventioneller Mensch, es würde sogar ein bisschen zu ihm passen. Außerdem war es fast süß, wie komisch er ihren Namen aussprach. Linnea hätte nicht einmal sagen können, ob es tatsächlich ihrer war, aber er sah sie dabei an, also war sie wohl auch gemeint. „Ja.“ „Kommen Sie herein. Haydn ist noch im Nebenzimmer, aber er wird gleich hier sein.“
Thierry kam zur Tür herein und kickte seinem Boss in die Seite, der gerade einen vollendeten Lidstrich gezogen hatte. „Hey, Cav, dein Date wartet in deinem Zimmer auf dich. Ich habe sie gut festgebunden, genau wie du es magst.“ „Handschellen oder Seile?“, richtete Haydn sich auf und rieb die Lippen aufeinander, bevor er aus dem Badezimmer ging und sich aufs Bett fallen ließ, um in die Stiefel zu steigen. „Seidenschals.“ „Ooohooh!“ „Marsch, marsch, Verdammter“, lächelte Jean-Marie und zog ihn wieder hoch. „Beuge dich deinem Schicksal“, schob er ihn zur Tür. „Keine Sorge: Sie ist ziemlich süß.“ „Wer?“ Thierry klopfte ihm auf die Schulter. „Deine Henkerin.“
Linnea versuchte verzweifelt, es sich auf dem Sofa bequem zu machen. Oscar neben ihr spielte an seiner Kamera herum und das Klicken und Knacken brachte Linneas Nerven fast auf die Palme. Sie begann fieberhaft nach ihrem Diktiergerät zu suchen und platzierte es dann in der Mitte des Tischs. Um es dann eine Sekunde später etwas nach links zu rücken. Und eine weitere Sekunde später etwas nach rechts. Dann zog sie die Karten mit den Fragen heraus und versuchte, sich darauf zu konzentrieren, aber ihr Kopf summte viel zu laut. Außerdem hatte sie sich schon vor Prüfungen nichts mehr in letzter Sekunde merken können, also gab sie auf und legte die Hände in den Schoß.
„Thierry hatte Recht: Du bist ziemlich süß.“ Ihre Nervosität hatte sie in eine Art Wachkoma fallen lassen, aus dem sie jetzt äußerst unsanft geweckt wurde. Sie wirbelte herum und sah sich plötzlich Haydn Cavandish gegenüber. Sein sehniger Körper steckte in einem unanständig engen Lederoverall und Nietenstiefeln, die seine Beine unendlich wirken ließen. Er trug eine blutrote Perücke á la David Bowie und Make-up, das beneidenswert natürlich wirkte, obwohl es viel zu dick aufgetragen war. Er war ohne Zweifel eine Erscheinung, aber Linnea wurde erst bewusst, dass sie ihn anstarrte, als er zu lachen begann. „Linnea, nehme ich an?“ Die Hand, die er ihr reichte, steckte in einem Lederhandschuh und es fühlte sich irgendwie komisch an, als sie sich endlich von seinem Anblick losreißen konnte und sich den Ruck geben konnte, ihm die Hand zu geben. Diesen ersten Händedruck würde sie noch tagelang auf ihrer Handfläche spüren, den Blick in seine Augen dabei nie vergessen. „Erm, ja. Linnea Lagerbielke, Sonic Tidskript.“ Sie hielt immer noch seine Hand, aber er schien auch keine Anstalten zu machen, sie loszulassen. Er zählte gerade jede einzelne Sommersprosse auf ihrer Nase. „Gesundheit.“ Wie bitte? Oh... ach so! Ha-ha. „Und das erm...“ Sie machte ihre Hand los und deutete auf Oscar. „Das ist Oscar Jonsson, mein Fotograf.“ „Freut mich sehr“, machte er wirklich keinen Hehl daraus, dass er keineswegs erfreut war. „Also gut, dann können wir ja anfangen.“ Er ließ sich in den Stuhl ihr gegenüber fallen, legte die Beine auf den Tisch und griff nach der Packung Zigaretten auf dem Beistelltisch. „Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen“, zündete er sich eine Zigarette an, ohne ihre Antwort abzuwarten. „Ich bin Kettenraucher.“ Er sagte das so, als wäre das damit zu vergleichen, sich jeden Tag zu duschen. „Erm... Nein, kein Problem.“ Um ehrlich zu sein hätte sie sich auch gar nicht getraut, ihm zu widersprechen.
„Gut, dann schieß mal los“, stieß er den Rauch durch die Nase und lehnte sich zurück. Linnea war einem Moment unglaublich fasziniert von seinen schlanken Fingern und musste von Oscar angetippt werden, um wieder aufzuwachen. „Ja, erm... Natürlich. Dafür bin ich ja hergekommen.“ Er sagte es nicht, aber Linnea wusste, dass er es sich dachte: ‚Ah ja, wirklich dafür?’
Während sie sich hinter ihren Cue-Cards versteckte, hatte er Zeit, sie sich genauer anzusehen. Das Kleid, das sie trug, ließ genug Raum für Phantasie, aber es passte überhaupt nicht zu ihr. Sie war ein Mädchen, kein Vamp, das war nur zu deutlich. Und sie hätte einen Haarschnitt vertragen können. Ansonsten war sie im Großen und Ganzen wirklich ganz nett anzusehen. Viel interessanter war allerdings ihr Benehmen, die Art, wie sie seinen Blicken auswich, wie sie artikulierte, um ihre Nervosität zu überspielen – und ihr Lachen das darüber hinwegtäuschen sollte, wenn er sie etwas aus dem Konzept brachte. Trotzdem gelang es ihr, natürlich zu bleiben und sie verwandelte sich dabei in so etwas wie eine attraktive junge Frau. Das fand er sehr interessant.
Er war eine harte Nuss – das ließ sich weder bestreiten noch ausblenden. Und er hatte ein Ego höher als seine Stiefel. Aber er hatte Charme und einen sehr eigenen Humor, an den man sich erst mal gewöhnen musste. Wirklich auffallend aber war die Tatsache, dass er sich selbst gar nicht richtig ernst zu nehmen schien. Er war unglaublich selbstbewusst, grenzte an arrogant, aber gerade das gab ihm genügend Spielraum, sich von sich selbst zu distanzieren und Dinge zu tun oder zu sagen, die bei anderen lächerlich gewirkt hätten. Von dem Outfit gar nicht zu reden.
Ob sie es wollte oder nicht: Sie begann langsam zu sehen, was die restliche Frauenwelt in ihm zu sehen schien. Wahrscheinlich, oder ganz bestimmt, war er furchtbar gelangweilt und von ihrer Anwesenheit wenig erfreut und die Art, wie er sich in den Stuhl ihr gegenüber gekuschelt hatte, unterstrich diese Annahme, aber er wirkte trotzdem äußerst aufgeweckt und machte es ihr irgendwie so einfach mit ihm in eine Art Plauderton zu verfallen.
Innerlich amüsierte er sich königlich über die Art, wie sie seinen Blicken auswich, aber er musste zugeben, er respektierte ihre Bemühungen, dieses Interview von A nach Z durchzuziehen, egal wie oft er sie offensichtlich aus dem Konzept brachte. Es war nicht so, dass er es in diesem Fall unbedingt darauf anlegte, sie ins Bett zu kriegen, aber er wollte dennoch herausfinden, ob er es könnte. Und dass er es offensichtlich nicht so einfach konnte wie sonst, machte sie in seinen Augen umso attraktiver. Das war mal was anderes. Er hatte eigentlich nicht einmal so wirklich Lust genervt zu sein.
