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Die siebzehnjährige Internatsschülerin Jordan führt ein recht ereignisloses Leben. Zumindest, bis sie eines Nachts von einem Mann träumt, der sie umbringen will. Bald darauf wird ihr klar, dass es sich nicht nur um bloße Hirngespinste handelt, sondern um furchteinflößende Realität. Der Fremde hält sie für die prophezeite Auserwählte eines Landes, an dessen Existenz sie nicht einmal im Traum geglaubt hätte: Snowania. Jordan erfährt, dass Snowania nur allzu real ist und sie der Schreckensherrschaft des Tyrannen Sarganok ein Ende setzen soll. Eine abenteuerliche Reise durch die eisige Welt Snowanias beginnt...
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Seitenzahl: 569
Veröffentlichungsjahr: 2020
Ein großes Dankeschön an Jessica, Dominik Ruder, Sabrina Georgia und an meine wunderbare Familie!
Prolog
Der Wind pfiff durch die Bäume, die erzitterten. Ein lautes Donnern, gefolgt von zwei Blitzen, ließ den vom Gewitter schon nachtschwarz gewordenen Himmel für einen Moment aufleuchten. Der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben und erzeugte einen ohrenbetäubenden Lärm. Ein schwarzer Rolls Royce fuhr auf den nun fast ausgestorbenen Innenhof des Schlosses und hielt genau vor der Treppe zur Eingangstür. Der Fahrer stieg aus und öffnete die hintere Tür. Ein Mann und ein kleines Mädchen stiegen aus und der Fahrer versuchte, einen Regenschirm über die beiden zu halten, gab es aber nach einem Wink des Herrn auf.
Ein weiterer Blitz erhellte die sonst so finstere und stürmische Nacht. Das kleine Mädchen klammerte sich ängstlich an den Mann, was ihm sichtlich unangenehm war. Er nickte dem Fahrer zu, der daraufhin wieder ins Auto stieg, um dort zu warten.
Das Mädchen hatte mittlerweile Tränen in den Augen und schniefte heftig, was ihr Begleiter mit einem genervten Seufzen kommentierte. Er nahm sie an die Hand und zog sie eilig ins Innere des Schlosses. Hinter einem Fenster im ersten Stockwerk hatten zwei Frauen das Geschehen beobachtet.
»Das arme Mädchen. Warum muss es ausgerechnet ihr passieren? Das ist einfach nicht gerecht.«
Frau Crudelis schüttelte betrübt den Kopf und goss sich ein Glas Sherry ein.
Skinner nickte.
»Es ist wirklich traurig, dass ausgerechnet sie davon betroffen sein muss. Aber dagegen können wir nichts mehr tun. Das Schicksal hat es so gewollt und das können wir nicht ändern.«
»Dann hast du also ihr Gedächtnis komplett gelöscht?«, fragte Frau Crudelis zaghaft.
»Ja, was hätte ich denn sonst tun sollen? Es wäre alles andere als klug gewesen, ihr die Erinnerungen an den Vorfall zu lassen. Wer will schon wissen, dass er der Mörder seiner eigenen Eltern ist? Niemand! Auf diese Weise wird sie ein besseres Leben führen können. Fürs Erste.«
Frau Crudelis starrte Skinner entgeistert an.
»Was meinst du mit fürs Erste?«, meinte sie sichtlich verwirrt.
»Ich habe es zwar geschafft, das Böse in ihr, das all das Chaos verursacht hat, zu bannen, doch ich weiß nicht, für wie lange. Sie ist mächtig und ich bin mir nicht sicher, ob die Kleine es schaffen wird, ihr standzuhalten. Vor allem nicht, ob sie es schaffen wird, ihm standzuhalten. Wir müssen unter allen Umständen verhindern, dass sie ihm zu nahe kommt. Doch momentan ist sie noch zu jung. Er wird warten, bis sie älter geworden ist. Fürs Erste ist sie also in Sicherheit. Abwarten, das ist alles, was wir im Moment tun können. Und vertrauen. Auf ihre innere Stärke.«
Frau Crudelis nahm einen großen Schluck Sherry.
»Du hast Recht. Wir können nur hoffen, dass sie stark genug ist und nicht daran zerbricht. Das wäre für alle Beteiligten wirklich das Schlimmste, was passieren könnte, denn dann wäre unsere Heimat für immer verloren.«
»Die Hoffnung stirbt zuletzt.« Skinner lächelte matt.
Sie hoffte wirklich, dass es die Kleine schaffen würde. Nicht nur, weil sie ihr leidtat, sondern auch, da das Schicksal einer ganzen Welt von ihr abhing. Und von der Auserwählten. Zwei Mädchen würden über das Schicksal ihrer Heimat entscheiden. Skinner hoffte inständig, sie würden die Richtige treffen.
Was aber, wenn nicht?
***
Ein Spielplatz in einer ganz gewöhnlichen Kleinstadt. Eine Familie mit Kind, lachend, genoss das Sonnenlicht und den herrlichen Nachmittag. Glücklich. Vollkommen glücklich waren sie.
Jordan öffnete die Augen. So war es nicht. Früher ja, aber jetzt nicht mehr. Kein gemeinsames Lachen, keine gemeinsamen Ausflüge auf den Spielplatz mehr. Kein Glück. Stattdessen gab es Streit, Angst und Tränen. Wutverzerrte Gesichter. Und sie war schuld. Schuld daran, dass sich ihre Eltern getrennt hatten. Schuld, dass ihre Familie zerbrochen war. Wer auch sonst? Hätte sie sich besser benommen, wäre es bestimmt nicht passiert.
Jordan schniefte und presste das Stofftier fester an sich. Ihre Mutter hatte gemeint, es wäre das Beste für sie, ein wenig Abstand von der Familie und den gegenwärtigen Verhältnissen zu bekommen. Jordan war da anderer Meinung. Damit wurde sie bestraft. Dafür, dass sie alles zerstört hatte. Sie wurde ins Internat geschickt, weit weg von zu Hause. Obwohl, ihr eigentliches Zuhause gab es ja nicht mehr. Ihre Eltern hatten die Hälfte des Doppelhauses mittlerweile verkauft.
»Jordan, Schatz, weinst du etwa wieder? Ich habe dir doch gesagt, es ist nicht deine Schuld. Papa und ich haben uns einfach auseinandergelebt, weißt du? Die Liebe, die wir anfangs füreinander empfunden haben, ist nicht mehr da. Du bist nicht schuld, dass wir uns getrennt haben.«, versuchte ihre Mutter, sie zu beruhigen.
Sie hatte Unrecht. Es war allein Jordans Schuld. Daran konnte sie nichts ändern. Wer sonst sollte Schuld haben? Ihre Eltern? Nein, sie war einfach nicht artig genug gewesen. Und jetzt war es zu spät, etwas zu ändern. Sie war schon auf dem Weg zu ihrer Strafe.
Jordan schniefte erneut.
»Könnt ihr euch nicht einfach wieder vertragen? Ich werde mich auch bessern, das schwöre ich!«, startete sie einen weiteren Versuch, das Unvermeidliche aufzuhalten.
»Schatz, das ist nicht so einfach. Weißt du, dein Papa und ich ... wir können nicht einfach so wieder zusammenkommen und anfangen, uns zu lieben. Aber du kannst ihn jederzeit besuchen. Du hast dort sogar ein schönes großes Zimmer – mit vielen tollen Spielsachen.«
»Ich will keine Spielsachen! Ich will kein großes Zimmer! Ich will meine Familie!«, schrie sie wütend und mit Tränen in den Augen.
»Du hast doch noch eine Familie, Schatz.«
»Ich will meine alte Familie zurückhaben! Bitte vertragt euch doch!«, flehte sie ihre Mutter an. Aber auch dieser verzweifelte Versuch würde nichts bewirken. Ihre Eltern hatten die Entscheidung getroffen, sich entfernt und wohnten nun in getrennten Häusern. Mit neuen Partnern, die sie angeblich liebten und versuchten, nett zu ihr zu sein. Doch Jordan hasste sie – weil sie ihr die Eltern und ihre Familie weggenommen hatten.
Den Rest der Fahrt über schwiegen sie.
»Wir sind da, Schatz. Schau doch mal, wie schön es hier ist. Ich bin mir sicher, es wird dir gefallen.« Ihre Mutter schnallte sich ab und stieg aus dem Auto.
Jordan drückte ihren Stoffteddy Mademoiselle Madame noch fester an sich und öffnete die Autotür. Mittlerweile hatte ihre Mutter den kleinen roten Reisekoffer aus dem Kofferraum geholt, den sie dieses Jahr von ihrem Vater zum zehnten Geburtstag geschenkt bekommen hatte..
»Jordan, schau doch nicht nur auf den Boden. Hier ist es so schön ...«
Widerwillig hob sie den Kopf und betrachtete die umliegende Landschaft. Das Internat lag inmitten eines großen weitläufigen Waldes. Rechts von ihr führte ein großer Kiesweg wohl zu einem See. Links von ihr gab es nur Bäume. Vor ihr erstreckten sich der Vorplatz des Internats und das Hauptgebäude. Es sah aus wie ein Schloss. Darin würde sie also für die nächste Zeit gefangen sein.
»Hübsch, nicht?«, fragte ihre Mutter sie, während sie das Auto abschloss.
Jordan nickte nur. Dieser Ort übte eine gewisse Faszination auf sie aus, doch in ihrer gegenwärtigen seelischen Verfassung war sie nicht fähig, sich davon fesseln zu lassen. Die Trauer überwog. Sie folgte ihrer Mutter über den Vorplatz bis zur Eingangstür des Internats, wo sie von einer Frau erwartet wurden.
»Herzlich willkommen, Mrs. Konning! Nett, Sie endlich persönlich kennen zu lernen. Mein Name ist Linda Crudelis.« Sie gab Jordans Mutter die Hand. »Dann bist du wohl Jordan? Herzlich willkommen! Ich hoffe, es wird dir hier gefallen.«
Lächelnd streckte sie ihre Hand ebenfalls in Jordans Richtung aus, die sie kurz darauf schüttelte.
»Hallo«, war alles, was sie sagte.
Wozu sollte sie fröhlich sein? Ihre heile Welt war zusammengebrochen und sie würde von nun an weit weg von ihren Eltern leben müssen.
»Sie entschuldigen mich hoffentlich, Frau Crudelis, aber ich muss mich auf den Weg machen. Ich habe heute noch einen Termin beim Anwalt und möchte mich nicht verspäten. Ich wünsche dir viel Spaß, mein Schatz.« Sie umarmte ihre Tochter und machte sich zum Auto auf. Kurz bevor sie einstieg, winkte sie Jordan noch einmal zu. Sie winkte zurück, bis der Wagen in der Ferne verschwunden war.
»Dann wollen wir dir erst einmal das Schloss und dein Zimmer zeigen. Würdest du mir bitte folgen?« Frau Crudelis nahm ihren Koffer und betrat das Internatsgebäude. Jordan sah noch ein letztes Mal zurück auf die nun leere Straße, die vom Internat wegführte. Ihre Mutter war fort. Nun war sie wirklich allein.
1
Sieben Jahre später. Lächelnd schritt er vor ihr auf und ab. Wer war dieser Mann? Was hatte er mit ihr vor? Wie war sie nur hierher gekommen? Sie hatte keine Ahnung, was sie denken sollte. Jordan wusste nur, dass sie sich in der Gegenwart eines ihr gänzlich unbekannten Mannes befand, an einen Stuhl gefesselt war, mit robusten Seilen, die sich schmerzhaft in ihre Haut schnitten. Der Mann hatte ein boshaftes Lächeln aufgesetzt, das niemals etwas Gutes bedeuten konnte. Sie war in großer Gefahr.
Eine Schweißperle tropfte ihr von der Nase. Der Mann blieb genau vor ihr stehen und beugte sich hinunter, noch immer das eigenartige falsche Lächeln im Gesicht.
»Ich ... ich kann es Ihnen nicht sagen«, brachte Jordan stotternd heraus.
»Dann weißt du es also nicht?« Das boshafte Lächeln verschwand und er schaute auf einmal sie mit sanftem Blick an. Sonst hätten solche Augen und der Tonfall sehr beruhigend auf Jordan gewirkt, doch nicht bei diesem Mann. Bei ihm machte es ihr nur noch mehr Angst.
Eine weitere Schweißperle bahnte sich ihren Weg nach unten. Der Mann hatte etwas Unheilvolles an sich. Etwas sehr Gefährliches.
»Ich bin mir allerdings ganz sicher, dass du es weißt. Du musst nur ein wenig mehr nachdenken. Denk nach!« Der weiche Ausdruck war verschwunden und einem fast wahnsinnigen gewichen. Seine Stimme, erst nur noch ein Flüstern, das dann zu einem immens lauten Brüllen angeschwollen war. Sie zuckte hilflos mit den Schultern, ihr Körper zitterte. Ob sie hier jemals lebend rauskommen würde?
Nun zierte erneut das boshafte Lächeln seine Miene und er zog sich etwas zurück.
»Du hast Angst, das merke ich. Die ist vollkommen berechtigt. Ich nehme an, du weißt, was wir hier mit Menschen wie dir machen? Nein? Nun das macht auch nichts, denn du wirst es schon noch früh genug erfahren. Selbst, wenn es dir jetzt noch unmöglich erscheint, Jordan, ich kriege dich. Wachen!«, brüllte er quer durch den Saal.
Schwere Schritten kamen näher.
Du meine Güte, weshalb rief der Mann seine Wachen? Was würde nun mit ihr passieren? Jordan hatte Todesangst. Sie konnte nicht anders als zu schreien. Lauthals. Vielleicht hörte sie jemand, der sie retten konnte. Sie schrie und schrie ... Warum kam denn niemand?!
***
Schweißgebadet fuhr Jordan hoch. Was war geschehen? Wo war der grauenhafte Mann und wo die gepanzerten Wachen? Dann sah sie sich um. Als sie die Umrisse des Zimmers erblickte, beruhigte sie sich allmählich.
»Es war alles nur ein Traum«, versuchte sie, sich zu beruhigen. »Alles nur ein Traum ...«
»Jordan? Beeil dich, wir kommen schon längst zu spät zum Unterricht!«, rief eine laute Stimme aus dem Badezimmer.
Jordan lächelte. Ja, so kannte sie ihre beste Freundin Isolde, die von allen immer nur Iso genannt wurde. Isolde war ein neunzehnjähriges Mädchen mit langen blonden Haaren und einer auffallenden Macke: Sie kam immer zu spät, egal, zu welchem Anlass.
»Komme ja schon, Iso!«, gab Jordan zurück und krabbelte aus dem Bett.
In weniger als fünf Minuten war sie angezogen, hatte sich im Bad fertiggemacht und ihre Schultasche geschnappt. Auf dem Weg in die Klasse dachte Jordan über den äußerst merkwürdigen Traum nach. Sie würde Iso nachher davon erzählen. Ihre Freundin würde sie verstehen. Iso verstand sie immer.
»Ihr seid fünfzehn Minuten zu spät und das schon das achte Mal im neuen Schuljahr! Ihr wisst hoffentlich, dass ich so etwas nicht schätze. Deshalb werdet ihr heute Nachmittag die Hecken vor dem Internat schneiden, was ich überwachen und kontrollieren werde«, sagte die strenge, hochnäsige Stimme, die zu Frau Crudelis gehörte. Sie war die von allen gefürchtete stellvertretende Schulleiterin des Internats und hatte die seltsame Vorliebe für strenge, zurückgebundene Haare, weiße Blusen, Bleistiftröcke und Gesundheitsschuhe.
»Ja, Frau Crudelis, wir entschuldigen uns für die Verspätung«, sagten Iso und Jordan im Chor, jedoch ohne eine Spur von Reue zu zeigen.
Wozu auch? Immerhin verpassten sie durchs Zuspätkommen Unterrichtszeit und das war bei Frau Crudelis Unterrichtsstil nur allzu gut für die beiden.
Nach sieben Schulstunden mussten sie die Strafe antreten. Jordan und Iso begannen die Hecken zu stutzen.
»Jordan, kannst du die Hecken da hinten nehmen, dann kümmere ich mich um die hier vorn«, bestimmte Iso den Organisationsplan.
»Natürlich, mach ich.« Jordan ging auf die Hecken im hinteren Teil des Parks zu und fing an, sie zu beschneiden, versank allerdings kurz darauf erneut in den Gedanken an diesen seltsamen Traum.
»Was soll das denn werden, Jordan?! Willst du die Hecken nun zerstückeln oder sie nur beschneiden?« Sie sah auf und schaute direkt in Frau Crudelis´ Gesicht. »Schau sie dir doch an! Das ist keine Hecke mehr, sondern nur noch ein Trümmerfeld!«
Jordan drehte sich um. Frau Crudelis hatte Recht. Die Hecke sah nicht sonderlich gut aus.
»Entschuldigung«, murmelte Jordan und lief rot an.
»Ja, ja, schon in Ordnung. Geh einfach, bevor du noch mehr Chaos anrichtest. Ich werde dem Gärtner Bescheid geben, dass er die Hecke wieder richtet.« Frau Crudelis seufzte.
Jordan packte eilig ihre Sachen zusammen, brachte sie in den Geräteschuppen und marschierte zurück zum Schloss. Sie war so in Gedanken gewesen, dass sie überhaupt nicht mitbekommen hatte, was sie da anrichtete. Der Traum hatte sie komplett abgelenkt. Jordan musste unbedingt mit Iso darüber reden! Wo war die überhaupt?
***
Später, Iso und Jordan lagen schon in den Betten, erzählte Jordan ihrer besten Freundin von ihrem Traum.
»Komisch, sonst träumst du doch nur von riesigen Koffern, fliegenden Tafeln und solchem Zeug. Mach dir keine Sorgen, Jordan. Wenn der Traum nicht wiederkommt, ist alles gut und es war nur ein einfacher Albtraum. Sag einfach Bescheid, wenn du noch so etwas in der Art träumst, denn dann muss wirklich irgendetwas dahinter stecken. Gute Nacht! Ich hoffe, du schläfst wenigstens heute gruselfrei.«
Iso lächelte sie an, was Jordan erwiderte.
»Gute Nacht. Ja, das hoffe ich auch.«
2
Frau Crudelis ging vor der Tafel auf und ab und erzählte irgendetwas über die Französische Revolution. Jordan hatte schon von Beginn der Stunde an den Unterricht nicht wirklich mitverfolgt. Zwar schnappte sie immer wieder ein paar Stichworte auf, doch das meiste von dem Erzählten drang nicht zu ihr durch. Der Traum beschäftigte sie noch zu sehr, als dass sie sich jetzt auf so etwas wie die Französische Revolution konzentrieren konnte. Was war es nur dieses Mal, was sie nicht losließ? Es kam ihr vor, als wäre es unheimlich wichtig!
Seit der letzten paar Minuten waren ihre Augenlider immer schwerer geworden und sie hatte Mühe, sie offen zu halten. Eigentlich kein Wunder, denn Jordan hatte letzte Nacht kaum geschlafen. Obwohl sie nicht nochmals von dem furchteinflößenden Mann geträumt hatte, hatte sie dennoch kaum ein Auge zugemacht. Stattdessen hatte sie lang nachgedacht – über den Traum und ihre Eltern. Sie hatte sie Ewigkeiten nicht mehr gesehen, verspürte auch nicht den Wunsch, sie wiederzusehen. Es würde sich ohnehin nichts an der Situation geändert haben: Ihre Eltern waren geschieden, Jordans Welt blieb zerbrochen und ihr Zuhause war für sie kein Zufluchtsort mehr. Weshalb also dahin zurückkehren?
Ihre Augen schlossen sich wie von selbst und diesmal versuchte sie erst gar nicht, sie offen zu halten. Ein wenig Schlaf täte ihr sicherlich gut ... Wenn sie ohnehin kaum etwas mitbekam, warum sollte sie dann nicht den Rest der Stunde ebenfalls verschlafen? Jordans Gedanken schweiften ab und ein altes Kinderlied kam ihr in den Sinn, das man ihr damals vorsang, wenn sie nicht hatte schlafen können. Während sich die Träumerin an die Melodie erinnerte, verschwammen ihre Gedanken zu Fetzen und undeutlichen Schlieren, die schnell am inneren Auge vorbeizogen.
Nach einer Weile verschwanden sie, verdichteten sich zu einem langsam deutlicher werdenden Bild: Ein großer Saal, erleuchtet durch Tausende von Kronleuchtern, die von der Decke hingen. In der Mitte des Raumes stand ein kreisrunder Tisch, in dessen Mitte sich ein weiterer kleinerer Tisch befand, auf dem eine Kugel, gebettet in einem Tuch aus schwarzem Samt, lag. Die Kugel glitzerte im Licht. Am runden Tisch standen in gleichen Abständen sechs prachtvoll aussehende Stühle aus Ebenholz mit rot samtenen Sitzbezügen. An der rechten Seite beleuchteten beachtlich hohe Buntglasfenster den Saal. Im hinteren Bereich der festlichen Halle gab es einen Kamin, dessen Dimensionen fast dreimal so viel betrug wie das einer normalen Feuerstelle.
Fünf der sechs Stühle waren besetzt, jedoch konnte Jordan unmöglich sagen, welche Art von Wesen darauf saßen. Es waren keine Menschen, doch alle besaßen offensichtlich weibliche Züge. Überhaupt befand sich nur ein einziger Mensch im Raum – der stand, mit dem Rücken zu Jordan, und schien auf etwas zu warten.
»Dann haben sich die Menschen entschieden?« Im Grunde war es mehr eine Feststellung, als eine Frage, doch der Mann vor Jordan nickte.
Das Wesen, das ihm diese Frage gestellt hatte, glich einer Echse. Anstelle der Nase hatte sie zwei Löcher, sodass sie ebenfalls einer Schlange ähnelte. Ihre Haare schienen, ganz zu Jordans Entsetzen, ein Eigenleben zu führen, denn sie bestanden aus etlichen kleiner Schlangen. Jede hatte ein eigenes Gesicht. Gerade jetzt waren alle auf den Mann gerichtet und schauten ihn misstrauisch an. Jordan wurde es bei dem Anblick mulmig und schaute hastig zu Boden. Dem Betroffenen schienen sie nichts auszumachen. Entschlossen sah er zu den fünf Weiblichkeiten auf den Stühlen.
»Lasst uns beginnen.«
Diese Äußerung kam von dem Geschöpf auf der linken Seite des Tisches, das der schlangenähnlichen Frau gegenüber saß. Der Unterschied war gravierend. Ihre Schönheit war atemberaubend. Zwar war ihre Haut sehr blass und es lagen dunkle Schatten unter ihren Augen, dennoch übte die Frau eine ungeheure Anziehungskraft auf Jordan aus. Wieso konnte der Mann in ihrer Gegenwart noch so ruhig dastehen? Er müsste sich doch genauso angezogen fühlen, wenn nicht sogar noch mehr. Er hatte die Frau mit dem Blick aber nur kurz gestreift, bevor er sich erneut der Schlangenfrau zuwandte. Jordan erinnerte diese Schönheit an einen Vampir. In Büchern wurden sie genauso beschrieben – doch diese Frau konnte unmöglich ein Vampir sein! Die existierten nicht! Schlangenartige Frauen allerdings ebenfalls nicht ...
Genauso wenig wie die anderen Wesen im Saal.
Bevor sie noch mehr Zeit hatte, darüber nachzudenken, erhob sich die Schlangenfrau und zog ein Schwert aus ihrem Gürtel. Augenblicklich machte Jordan einen Schritt zurück. Wozu brauchte sie das Schwert? Wollte sie den Mann angreifen?
»Sarganok, ist das dein jetziger Name?«, fragte sie den Mann.
Er lächelte leicht und nickte.
»Ich hielt meinen alten Namen für unpassend«, antwortete er ihr.
»Nun gut, ich nehme an, du bist mit dem Aufnahmeritus vertraut?«
Er nickte abermals und kniete vor der Schlangenfrau nieder. Nun erhoben sich auch die anderen vier Gestalten und stellten sich neben die Redensführerin.
»Sarganok, König der Menschen, bist du gewillt, die Interessen deines Volkes im Rat zu vertreten und den Frieden in Snowania zu bewahren?«
»Ja, das bin ich.«
»Bist du bereit, die anderen fünf Vertreter der verschiedenen Völker als gleichwertige Mitglieder dieses Rates zu akzeptieren?«, fuhr sie fort und abermals nickte der Mann.
»Ja, das bin ich.«
»Wirst du die Grenzen der Territorien akzeptieren und niemals versuchen, sie durch Gewalt zu ändern; dir ein anderes der fünf Völker untertan zu machen oder mehr Macht anzustreben, als dir als König der Menschen zusteht?« Sie senkte die Klinge auf die linke Schulter Sarganoks, der weiterhin ihrem Blick standhielt.
»Das werde ich.«
Das entlockte der Schlangenfrau ein Lächeln.
»So sei willkommen in unserer Mitte! Ich, Izusa, Vertreterin der Medusen, akzeptiere dich als Mitglied des Rates.«
Das Schwert wurde der Schönheit gereicht, die es auf Sarganoks rechte Schulter legte.
»Ich, Surah, Vertreterin der Vampire, akzeptiere dich als Mitglied des Rates.«
Es folgten Tundra, Vertreterin der Harpyien, Anela, Vertreterin der Metamorphen und Glatulbora, Vertreterin der Myosoten. Der Mann mit dem Namen Sarganok ließ es gelassen über sich ergehen, dass das Schwert immer die Schulter wechselte.
»Erhebe dich Sarganok, Vertreter der Menschen, im Rat der sechs Völker hier in Snowania.« Glatulbora nahm das Schwert von seiner Schulter und trat einen Schritt zurück.
Sarganok erhob sich und ein breites Lächeln zierte seine Miene.
»Wollen wir uns nun zurück an den Tisch begeben?«, erkundigte sich Anela.
Die anderen Mitglieder des Rates der sechs Völker nickten zustimmend. Während sie erneut Platz nahmen, verschwammen allmählich ihre Umrisse, bis Jordan sie nicht mehr erkennen konnte. Der Traum musste wohl beendet sein, denn die bunten Fetzen waren wieder da und drehten sich mit unglaublicher Geschwindigkeit in ihrem Kopf.
Aber weshalb wusste sie schon jetzt, dass es ein Traum gewesen war? Wieso hatte sie es die ganze Zeit über gewusst? Die anderen Träume pflegte sie erst nach dem Erwachen als solche zu erkennen. Bis dahin waren sie für Jordan Realität. Doch während dieses Aufnahmerituals hatte sie stets gewusst, dass es nicht real war. Mehr verwirrte sie allerdings die Tatsache, dass sie so gar nichts damit anfangen konnte. Die Menschen hatten keinen König und es gab weder Vampire, noch Metamorphen, noch Medusen, Harpyien oder Myosoten. Auch das Wort Snowania hatte sie zum ersten Mal gehört.
Wer war dieser Sarganok? Und weshalb träumte sie von ihm? Was hatte er mit ihr zu tun? Der Name sagte Jordan nichts, weshalb träumte sie also von ihm? Wieso träumte sie überhaupt von solch seltsamen Dingen?
Vorsichtig öffnete Jordan die Augen. Das helle Licht der weit geöffneten Fenster blendete sie, weshalb sie blinzelte. Sie war aufgewacht und befand sich im Klassenzimmer. Geholfen hatte ihr die Auszeit nicht. Sie war sogar noch müder als zuvor und eine Menge unbeantworteter Fragen schwirrten ihr nun durch den Kopf. Leider würde sie darauf in der nächsten Zeit bestimmt keine Antworten mehr bekommen. Jordan linste zu Isolde hinüber, die dem Unterricht genauso wenig gefolgt war wie sie. Ihre Freundin wirkte abwesend, während sie Frau Crudelis´ Tafelbild übernahm. Jordan schnappte sich einen Stift und versuchte, so gut es ihr möglich war, ebenfalls das Bild abzuzeichnen. Für die Klausur müsste sie wohl dieses Mal mehr lernen, um sie einigermaßen bewältigen zu können.
***
›Es wird Zeit, dich aufzuhalten, Phönix. Ich frage mich, warum ich es nicht schon längst getan habe!‹
Irritiert schaute Isolde sich um, aber außer Frau Crudelis, die gerade auf die Frage einer Mitschülerin einging, war es still im Klassenraum. Niemand hatte auch nur ein Wort gesagt. Woher kam dann die Stimme, die sie gerade vernommen hatte? Vielleicht von draußen?
Isolde stand auf und schloss das Fenster. Nun müssten Geräusche oder Stimmen von draußen weitgehend abgehalten werden.
›Und was willst du tun, Skinner? Nur zu, ich warte!‹Eine weitere Stimme war zu hören, die Iso unbekannt war und die Blondine schaute sich erneut suchend um.
Offensichtlich kamen sie nicht von außen, aber auch nicht von einem der Mitschüler. Zudem schien sie die einzige zu sein, die sie hören konnte. Irritiert blickte sie zu Jordan, die unmotiviert vor sich hinkritzelte. Scheinbar hatte sie die Stimmen ebenfalls nicht gehört.
›Phönix, die du vom Körper dieses Mädchens Besitz genommen hast, hiermit verbanne ich dich in die Tiefen ihres Unterbewusstseins! Von diesem Tage an sollst du kein Unheil mehr anrichten können!‹
Iso hielt sich die Ohren zu, so laut schrie die Stimme.
›Vielleicht hältst du mich für einige Zeit auf, aber nicht für immer! Ich komme zurück, da kannst du dir sicher sein!‹
Iso kniff die Augen fest zusammen und musste sich anstrengen, nicht vom Stuhl zu fallen. Der Schrei, der nach ihren Worten gefolgt war, hatte etwas Durchdringendes an sich gehabt. Doch was war mit dieser Phönix passiert? Warum hatte sie geschrien? Hatte Skinner es geschafft, sie aufzuhalten? Das war sogar sehr wahrscheinlich, aber warum hatte sie dabei so schreien müssen? Was war mit dem Mädchen passiert? Hatte es den Streit mitbekommen? Wie hatte es darauf reagiert und wieso gab es von ihr keine Wortfetzen? Warum hatte sie den Streit überhaupt mit anhören müssen? Was hatte das Ganze mit ihr zu tun?
Nach Unterrichtsschluss würde sie Jordan davon erzählen. Isolde wunderte sich, dass sie nun ebenfalls mit diesen Hirngespinsten anfing. Mit ihrer Freundin darüber zu reden, würde zwar keine Klarheit schaffen, aber sie fühlte sich danach sicherlich besser. Jordan würde ihr glauben.
***
Als es zum Ende der Stunde endlich klingelte, packten Isolde und Jordan so schnell sie konnten ihre Sachen zusammen und verließen den Klassenraum. Beide hatten einen abwesenden, verwirrten Ausdruck in den Augen gehabt. Frau Crudelis war dies nicht entgangen. Auch die Unaufmerksamkeit der beiden Mädchen während des Unterrichts nicht. Noch ehe sie die Tafel abwischte, verließen die letzten Schüler das Klassenzimmer. Es hatte also begonnen. Aber bei beiden?
Für Jordan waren die Träume vorbestimmt, das zweite Gesicht lag bei ihr in der Familie, auch wenn sie es nicht wusste. Dass Isolde jedoch ebenfalls Anzeichen für das Vorhandensein eines zweiten Gesichts zeigte, beunruhigte sie eher. Zwar hatte sie keinen Traum gehabt, sonst wäre sie – genau wie Jordan – eingeschlafen, doch allein die Tatsache, dass sie Stimmen zu hören schien, war äußerst beunruhigend.
Und sie mussten Stimmen gehört haben, der verwirrten Miene nach zu schließen. Doch wessen Stimmen? War sie etwa zurückgekehrt? Konnte sie abermals Einfluss ausüben? Hatte sie sich befreien können? Es schien unmöglich und doch sollte sie Skinner darüber in Kenntnis setzen. Es wäre ein fataler Fehler, die Anzeichen zu ignorieren. Der Phönix durfte nicht noch einmal so viel Macht erlangen, nicht noch einmal den Körper übernehmen. Sie hätte es mittlerweile zwar schwieriger und würde auf mehr Widerstand stoßen, aber auch den könnte sie brechen.
Nein, das Geschehene durfte sich nicht wiederholen! Auf gar keinen Fall!
***
»Jordan, können wir reden?« Jordan schaute sie verwundert an. Beide hatten sich ein Tablett genommen und das Tagesgericht bestellt. Es gab Bratklöße mit Lauchgemüse. Nun saßen sie sich an einem der Tische im Speiseraum des Internats gegenüber. Der Lautstärkepegel war glücklicherweise nicht so hoch wie sonst. Die meisten Schülerinnen und Schüler hatten jetzt noch Unterricht.
»Klar können wir das. Worum geht es denn?«, fragte Jordan und drückte etwas Ketchup aus der auf dem Tisch stehenden fast leeren Flasche.
»Weißt du, vorhin in Geschichte, da konnte ich nicht aufpassen.«
»Das kannst du doch nie, soviel ich weiß«, unterbrach sie ihre beste Freundin mit einem verschmitzten Lächeln.
»Heute war aber nicht mein Desinteresse daran schuld, sondern etwas Anderes. Außerdem konntest du dem heutigen Unterricht auch nicht folgen, wie ich gesehen habe.«
Sie nickte.
»Es war echt nicht das spannendste Unterrichtsthema. Kommen wir allerdings auf dich zurück. Was meinst du mit Anderes?«
Isolde rückte etwas näher an den Tisch heran und beugte sich zu Jordan vor, sodass ihre Haare fast im Essen hingen. Um das zu vermeiden, schob sie das Tablett ein wenig nach links.
»Ich habe Stimmen gehört, obwohl es im Klassenraum still war. Sie waren mir unbekannt, haben sich jedoch gestritten. Es ging um ein Mädchen und zwei Frauen: Phönix und Skinner. Skinner wollte Phönix unschädlich machen, weil sie schon so viel Unheil angerichtet hätte. Es war gruselig und echt verwirrend.«
Jordan nickte verständnisvoll.
»Ich konnte dem Unterricht aus genau demselben Grund nicht folgen. Zwar habe ich keine Stimmen gehört, aber ich habe mal wieder geträumt.«
Isos Pupillen weiteten sich.
»Hatte es nochmal mit diesem Mann zu tun, von dem du mir erzählt hast?«, wollte sie aufgeregt wissen. Das Mittagessen hatten die beiden längst vergessen. Es gab wichtigere Dinge, als Bratklöße mit Lauchgemüse.
»Ich kann es nicht sagen. Ein Mann kam zwar im Traum vor, jedoch habe ich ihn nicht richtig erkennen können.« Jordan seufzte.
»Es muss miteinander zu tun haben – anders kann ich es mir nicht erklären. Man träumt doch nicht einfach so von einem vollkommen unbekannten Mann. Nun ja, vielleicht einmal, aber nicht mehr.«
»Was meinst du damit?«, fragte Jordan misstrauisch. Ihr war Isos Gesichtsausdruck wohlbekannt und er verhieß nichts Gutes.
»Da du mehrmals von demselben Mann geträumt hast – ich nehme es mal so an, dass die beiden ein und derselbe sind – denke ich, dein Unterbewusstsein will dir etwas mitteilen.«
»Und was?« Jordan war ratlos.
»Das ist das Problem! Ich habe keine Ahnung. Dafür müssten wir schon einen Psychologen fragen.« Isolde grinste.
»Der würde mich doch für verrückt halten, wenn ich es ihm erzähle.«, meinte Jordan kopfschüttelnd.
»Na, ihr zwei, was wird denn hier getuschelt?« Erschrocken rissen Jordan und Isolde die Köpfe hoch und schauten nach links. Merve war die Reaktion nicht entgangen und sie lächelte. »Na? Habt ihr ein Geheimnis, von dem ich nichts erfahren soll?«
Ohne auf die Reaktion der Mädchen zu achten, setzte sie sich neben Jordan, und ihr Lächeln wurde breiter. Jordan wusste genau, was sie jetzt dachte: Isolde und sie hätten über einen Jungen geredet. Das war aber nicht verwunderlich, denn Merve hatte außer Jungs kaum andere Dinge im Kopf. Im Internat hatte sie sich einen Ruf, als das beliebteste Mädchen beim männlichen Geschlecht, erarbeitet. Sehr mühsam, wie sie oft betonte. Anfangs war sie deshalb alles andere als begeistert gewesen, als sie gemerkt hatte, dass sie und Jordan im selben Zimmer wohnten.
»Mit so einer grauen Maus soll ich meine Zeit verbringen?«, hatte sie gesagt und dazu hämisch gelacht.
Erst nachdem Iso gekommen und Jordan getröstet hatte, war es langsam besser geworden. Auch im Unterricht hatte Merve sie damals ständig spüren lassen, wie sehr sie ihre Mitbewohnerin verabscheute. Sie hatte Jordans Hausaufgaben zerrissen, ihr im Schlaf die Haare kurz geschnitten, stellte ihr bei jeder Gelegenheit ein Bein und hatte ihr einmal sogar den Stuhl unter dem Hintern weggezogen. Es hatte selten eine Nacht gegeben, in der Jordan nicht geweint hatte, obwohl nicht immer Merve der Grund dafür gewesen war. Nachdem sich Isolde jedoch mit Merve geprügelt hatte, hörte sie auf, Jordan zu tyrannisieren.
So schnell würde Jordan diese Tortur aber nicht vergessen, auch wenn Merve seit des Abends der Prügelei so tat, als wäre sie immer nur nett zu ihr gewesen. Als wäre alles nie passiert.
»Sag schon, wer ist es?«, hakte sie sehr neugierig nach.
Als sie für einen Moment den Blick von Jordan und Isolde abwandte, um einem der Schüler aus der diesjährigen Abschlussklasse einen kokettes Grinsen zu zeigen, verdrehte Isolde die Augen.
»Niemand.«
»Ach, das glaube ich dir nicht! Ihr wollt es mir nur nicht sagen! Kommt schon, ihr könnt mir vertrauen ... Eventuell kann ich euch ein paar Tipps geben.« Die letzten Worte hatte sie Jordan eher zugeflüstert und ihr dabei bedeutungsvoll zugezwinkert. Die errötete augenblicklich. »Das muss dir doch nicht peinlich zu sein, Jordan. Wer ist es, sag es mir schon.«
Merve schaute sie eindringlich an.
»Nun ist es aber gut, Merve! Lass Jordan mit deinen Andeutungen in Ruhe. Ich bin sicher, wenn sie einen Freund hätte, käme sie auch ohne deine Tipps bestens aus.«
Ihre Mitbewohnerin verzog die Lippen zu einem Schmollmund und schaute Iso beleidigt an. Dankbar über die Rettung wandte sich Jordan erneut ihren Bratklößen zu.
»Da ich hier offenbar störe, gehe ich wieder. Da hinten warten sowieso noch ein paar heiße Typen darauf, mit mir essen zu können.« Sie nahm ihr Tablett und stolzierte davon, den Kopf hoch erhoben.
»Da geht sie, unsere Miss Perfect«, meinte Isolde und wandte sich nun gleichfalls ihren Bratklößen zu. »Um auf unser eigentliches Thema zurückzukommen: Ich denke, wir sollten versuchen, herauszufinden, was dein Unterbewusstsein uns so verzweifelt mitteilen will.«
»Und wie wollen wir das anstellen?«, fragte Jordan.
»Das ist es ja – bisher habe ich nicht den leisesten Schimmer. Aber ich denke, wir finden einen Weg. Wenn ich eine Vermutung äußern darf: Geht man von deinem ersten Traum aus, will der Mann dich womöglich umbringen. Was der zweite Traum damit zu tun hat, ist mir allerdings schleierhaft.«
Jordan starrte sie fassungslos an. Dass der Mann sie bedroht hatte, war ihr klar, doch wollte er sie deswegen gleich umbringen? Es war nicht auszuschließen, wahrhaben wollte sie es allerdings nicht. Weshalb sollte dieser Sarganok, ging man davon aus, dass beide Männer aus den Träumen ein und dieselbe Person waren, es versuchen wollen? Was hatte er davon? Sie kannte ihn nicht.
»Hey, vergiss die Träume erst einmal und iss etwas! Danach gehen wir ein bisschen schwimmen. Bis wir eine Lösung gefunden haben, solltest du dir nicht zuviel den Kopf darüber zerbrechen.«
Ein müdes Lächeln schlich sich auf Jordans Gesicht.
»Das hört sich gut an. Aber kein Wettschwimmen, ja? Ich möchte nicht wieder gegen dich verlieren.«
***
Nicht weit von Jordan und Isolde entfernt, saß Skinner in einer Ecke der Cafeteria und betrachtete die beiden mit besorgter Miene. Eigentlich galt ihre innere Unruhe mehr Isolde als Jordan. Deren Entwicklung verlief vollkommen normal. Die Träume waren nichts Ungewöhnliches und würden ihr bald nicht mehr so fremd sein. Sie würde lernen, wieso sie diese Träume hatte, weshalb sie sie haben musste! Ein wenig tat ihr Jordan dennoch leid. In so jungen Jahren schon über das Schicksal eines ganzen Landes bestimmen zu müssen. Es würde nicht einfach für sie werden.
Laut Linda zeigte Isolde ebenso erste Anzeichen einer solchen Fähigkeit. Das war nicht vorgesehen. Sie sollte sich nicht so entwickeln. Isolde hätte ein normaler Mensch bleiben, unauffällig leben können bis zu ihrem Tod.
Sollte Phönix es jedoch wirklich geschafft haben? Konnte sie abermals Einfluss auf Isolde und ihren Körper in Besitz nehmen? Momentan sah es noch nicht danach aus, doch sie musste wachsam sein. Phönix hatte unglaublichen Schaden angerichtet und das durfte sie nicht noch einmal tun. Nicht, solange Skinner noch am Leben war!
»Bald wirst du es ihr sagen müssen, Skinner.« Frau Crudelis setzte sich zu ihr.
»Dessen bin ich mir durchaus bewusst, Linda. Aber ich möchte noch warten, zumindest bis zu den Ferien. Ein paar sorglose Tage sollen ihr noch bleiben, bevor sie mit alldem konfrontiert wird.«
»Wirst du ihr etwas über ihre wahre Herkunft erzählen?«
Skinner schüttelte den Kopf.
»Noch nicht. Es ist zu früh, viel zu früh. Wenn die Zeit reif ist, werde ich sie einweihen, aber jetzt noch nicht. Sie hat ohnehin genug zu verkraften ...«
Frau Crudelis nickte nachdenklich.
***
›Will dich der Mann womöglich umbringen?‹ Jordan ging dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf. Sie lag jetzt schon seit Stunden wach im Bett und wälzte sich von einer Seite auf die andere. Über ihr schnarchte Isolde. Wie konnte sie in dieser Situation überhaupt schlafen?
Noch immer schwirrte Jordan Tausende von Fragen durch den Kopf, doch eine Antwort wollte ihr beim besten Willen nicht einfallen. Sie blickte zur Seite. Merves Bett war leer. Sie hatten sie seit heute Mittag nicht mehr gesehen, und so langsam machte sich Jordan Sorgen um sie. Für einen Moment schloss sie die Augen und atmete tief durch. Sie musste sich beruhigen. Vielleicht war Merve einfach noch sauer auf Iso und sie und beschwerte sich vermutlich gerade bei einer ihrer vielen Freundinnen. Wahrscheinlich war sie bei Diana. Die beiden hatten sich in der letzten Zeit am besten miteinander verstanden. Für Jordan nicht nachvollziehbar; denn Diana war um einiges freundlicher als Merve. Sie hatte Jordan von Anfang an nett behandelt. Zwar waren sie keine Freundinnen geworden, dazu hatte die Sympathie doch nicht gereicht, aber sie waren sich immer mit Respekt begegnet.
Seufzend stand Jordan auf und trat ans leicht geöffnete Fenster heran. Die Nacht war kühl, aber nicht mehr jung. In ein paar Stunden würde der Morgen grauen und dann war da nur noch der eine Schultag, bis zu den Ferien. Ferien ... Zwar hatten Schüler des Internats die Möglichkeit, während dieser Zeit nach Hause zu fahren und ihre Familie zu sehen, doch Jordan hatte nie den Wunsch dazu verspürt. Sie wollte nicht zurück zu ihrer zerbrochenen Familie. Auf keinen Fall! Ihre Mutter rief zwar regelmäßig an und erkundigte sich nach ihr und hatte sogar gefragt, ob sie nicht doch nach Hause kommen wollte, doch hatte sie jedes Mal abgelehnt. Obwohl ihre Mutter meinte, es wäre wesentlich besser geworden und sie und Jordans Vater hätte sich vertragen, wollte sie nicht nach Hause fahren. Vertragen hieß, sie waren wieder Freunde, aber keine Familie. Und das würden sie auch nie mehr sein!
In den ersten paar Wochen am Internat hatte sie deswegen jede Nacht geweint. Es war nicht einfach gewesen. Isolde war ihr Lichtblick im ganzen Elend. Sie hatten sich schon von Anfang an verstanden. Von ihrer ersten Nacht im Internat an. Jordan erinnerte sich noch genau an diese Nacht.
Kalt war es gewesen, selbst als sie die Heizung auf Stufe Vier gestellt hatte. Ungemütlich! Sie hatte sich unter die Bettdecke gekuschelt, Mademoiselle Madame fest an sich gedrückt und geweint. Merve hatte es überhört, doch Iso war zu ihr gekommen, und hatte sie besorgt angeschaut.
»Hast du Kummer?«, hatte sie Jordan gefragt.
»Geh weg!« Sie hatte geschnieft und wollte sich umdrehen, was Isolde jedoch verhindert hatte.
»Mach ich nicht! Du weinst, das heißt, dir geht es nicht gut. Und ich möchte wissen, warum.«
»Geht dich nichts an!«
»Wenn du meinst ...« Nachdem sie das gesagt hatte, war Jordan davon ausgegangen, dass Iso verschwinden würde, doch das hatte sie nicht getan. Sie war sitzen geblieben. Die ganze Nacht. Und hatte sie angelächelt.
Nach einer Weile hatte Jordan dann aufgehört zu weinen und Iso alles erzählt, was ihr auf der Seele lag. Von da an waren sie Freundinnen. Es war eine wundervolle Freundschaft, die nun schon sieben Jahre andauerte und bestimmt auch noch in Zukunft bestehen würde, da war Jordan sich sicher.
In den Herbstferien wollte sie hierbleiben, genau wie Isolde, während die meisten Schüler – glücklicherweise auch Merve – nach Hause zurückkehren würden. Isolde war, genau wie Jordan, noch nie heimgefahren. Das konnte sie auch nicht, selbst, wenn sie gewollt hätte. Ihre Mutter war kurz nach der Geburt einer Grippe erlegen und kurz darauf hatte ihr Vater einen Autounfall gehabt. Aus diesem Grund war sie am Ende hier gelandet. Ihr Onkel, ein reicher Staatsanwalt, hasste Kinder und wollte sie deshalb nicht bei sich haben. Zwar war er ihr Vormund und hatte deshalb dafür zu sorgen, dass sie finanziell abgesichert war, doch mehr als regelmäßige Überweisungen war von ihm nicht zu erwarten. Bis sie zwölf Jahre alt gewesen war, hatte sie bei ihm bleiben müssen und jeden Tag zu spüren bekommen, wie sehr er es hasste, sich um sie kümmern zu müssen. Ein schreckliches Kindermädchen und ein ältlicher Butler hatten sich seiner statt um sie gekümmert. Einen Tag, nachdem Isolde auf das Internat gekommen war, hatten sie den Kontakt abgebrochen. Bis heute hatten ihr Onkel und sie weder ein Wort miteinander gesprochen, noch geschrieben. Lediglich mit dem ältlichen Butler telefonierte Isolde von Zeit zu Zeit, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Isolde schien es nicht viel auszumachen, keinen Kontakt zu ihrem Onkel zu haben. Auf Jordans Frage, was sie ihm gegenüber empfand, hatte sie sie nur schweigend angeschaut. Nach einer Weile war ihre Antwort gewesen:
»Hass! Nichts als Hass!«
Der kräftige Wind bauschte die zurückgezogenen Vorhänge auf und ließ Jordans zotteliges braunes Haar um ihr Gesicht wirbeln. Sie schloss die Augen, stellte sich vor, wie sie durch das Fenster hinaus über die Wälder und den See fliegen würde. Weit fort. Es tat gut, die Ereignisse der letzten Tage hinter sich lassen zu können. Verdammt gut!
Plötzlich hatte Jordan das Gefühl, als würde sie wirklich fliegen. Sie brauste über die weiten grünen Wälder hinweg in ein fernes Land, wo man einfach nur vergessen konnte. Einige Zeit lang stand Jordan so da und dachte an nichts, bis sie endlich die Müdigkeit überfiel. Sie kroch langsam in ihr Bett zurück und zog sich die Decke bis ans Kinn. Bald darauf war sie eingeschlafen, mit einem merkwürdigen Gefühl der Schwerelosigkeit und Leichtigkeit, während ein leises Lächeln ihre Lippen umspielte.
Das Fenster hatte sie weit offen stehen lassen, sodass der Wind und alles andere von draußen problemlos hereinwehen konnten. Das Gefühl der Schwerelosigkeit und der Leichtigkeit hielt auch in ihrem Traum an. Sie schwebte. Losgelöst von allem, was sie hätte halten können, bewegte sich Jordan durch den schwarzen Raum. Erst fühlte es sich gut an, so leicht und frei sein zu können, doch nach einer Weile wandelte sich die Leichtigkeit in Besorgnis. Suchend schaute sie sich um. Wonach sie Ausschau hielt, konnte sie nicht sagen. Es war allerdings auch nichts zu erkennen. Nichts – nur schwarze Leere.
Aber da musste es doch etwas geben in dieser Dunkelheit! Sie konnte nicht vollkommen allein sein. Das wollte sie nicht. Einsamkeit machte ihr Angst.
»Du musst keine Angst haben! Ich bin immer bei dir, Jordan.«
Vor ihr erschien Isolde. Auch sie schwebte. Ihre Freundin lächelte sie freundlich an. Isos Worte gaben Jordan ein Gefühl von Geborgenheit. Sie war nicht allein.
»Ich bin immer bei dir, Jordan«, wiederholte sie, jedoch verschwand ihr vorher so unbesorgtes Lächeln und wich einem entschuldigenden Blick. Eine einzelne Träne rollte ihr über die Wange.
»Was ist denn Isolde? Was ist los mit dir?«
Isolde schwieg jedoch und drehte sich weg, als würde sie sich schuldig fühlen. Jordan wollte sie trösten und zu ihr schweben, aber je stärker sie sich bemühte, sich ihr zu nähern, desto weiter entfernte sich Iso von ihr. Hinter ihrer Freundin tauchte der Kopf eines Jordan wohl bekannten Mannes auf, der Iso freundlich anlächelte. Sarganok. Jordan ignorierte er. Isolde schwebte zu ihm, und Sarganok schloss sie in die Arme.
»Isolde, nein, er ist gefährlich!«, schrie Jordan und streckte die Hand aus, konnte sie allerdings nicht erreichen. Sie waren zu weit voneinander entfernt. Isolde drehte sich zu ihr um, einen beinahe flehenden Ausdruck im Gesicht.
»Entschuldige«, meinte sie leise, um sich anschließend Sarganok zuzuwenden. Der fixierte nun Jordan und grinste hämisch.
»Du kannst mich nicht aufhalten«, war alles, was er sagte, bevor er und Isolde verschwanden und Jordan allein zurückblieb.
»Ich will hier raus!«, schrie sie nun schon das fünfte Mal, doch niemand schien ihr Rufen zu bemerken.
Wie sollten sie auch? Sie befand sich in einem großen schwarzen Nichts! Wer konnte sie hier schon hören? Und dennoch, weit entfernt sah sie einen immer stärker werdenden Lichtschimmer. Langsam flog sie auf ihn zu. Je näher sie ihm kam, desto hoffnungsvoller wurde Jordan. Schlussendlich, sie befand sich nun inmitten des Lichtschimmers, einem komplett weißen Raum, konnte sie eine Stimme hören:
»Verzweifle nicht, wir helfen dir. Du bist nicht allein.«
»Doch, das bin ich«, widersprach Jordan.
Zumindest fühlte sie sich so, als fehlte ihr etwas. Sie wusste auf einmal genau, was ihr fehlte und das konnte ihr niemand ersetzen. Selbst wenn die Stimme ihr Hilfe versprach, würde es nicht reichen.
»Wir helfen dir«, wiederholte die Stimme überzeugt.
Jordan nickte. Obwohl sie nicht recht glaubte, dass eine Stimme ihr helfen konnte. Die Stimme hatte aber von wir gesprochen. Wen meinte sie damit?
»Ihr seid in Gefahr«, warnte die Stimme sie eindringlich.
Der weiße Raum begann sich aufzulösen. An seiner Stelle trat das Zimmer von Diana, Fiona und René? Was hatte das zu bedeuten? René war nicht anwesend, wahrscheinlich hatte sie sich wieder in den Jungentrakt zu ihrer großen Liebe Jonathan geschlichen, um dort die Nacht zu verbringen. Fiona hatte die Arme um ihr Kuschelpferd geschlungen und schlummerte friedlich. In Dianas Bett lagen zwei Personen: Merve hatte sich zu ihr gesellt und beide schliefen dicht aneinandergedrängt.
»Im Schlaf sind alle Menschen friedlich«, hatte ihre Mutter einmal zu ihr gesagt. So war es auch mit Merve und Diana.
Konnte sie tagsüber auch die größte Nervensäge sein, so sah sie jetzt harmlos aus. Gar nicht mehr wie die Zicke, die sie sonst war. Nur schwer löste sich Jordan von dem beruhigenden Anblick der beiden schlafenden Mädchen. Erst als sie das Knarren der Tür vernahm, drehte sie sich um. War René doch schon wieder zurückgekommen?
Doch die Frau, deren Silhouette nun im Türrahmen zu sehen war, ähnelte René überhaupt nicht. Obwohl Jordan nicht viel von ihr erkennen konnte, da weder im Zimmer noch im Flur Licht brannte, jagte ihr der Anblick einen kalten Schauer über den Rücken. Sie bekam eine Gänsehaut. Die Frau betrat den Raum und schloss die Tür mit einem erneuten Knarren hinter sich. Da die Tür seit Jahren jedes Mal knarrte, wenn man sie öffnete, oder schloss – Merve hatte sich neulich erst lautstark darüber aufgeregt – wachten Merve, Fiona und Diana nicht auf. Jordan wollte sie warnen, wollte schreien, doch aus ihrem Mund kam kein einziger Laut. Die Frau trug einen bodenlangen Mantel, deren Kapuze sie nun abnahm und so den Blick auf rabenschwarzes Haar freigab. Ihr Gesicht konnte Jordan noch immer nicht sehen, denn dafür war es zu dunkel. Sollte sie Licht machen?
Offensichtlich war sie für die Frau unsichtbar. Jordan stand nur ein paar Schritte entfernt. Sie hätte es eventuell wagen können, das Licht anzuschalten. Die Frage war allerdings: Würde die Frau das zulassen? Sie entschied, es lieber zu lassen. Die Frau schaute für den Bruchteil einer Sekunde zu Fionas Bett hinüber, wandte den Blick jedoch schnell wieder ab. Offensichtlich war Fiona nicht von Interesse für sie. Nach wem suchte sie?
Sie sah zu Merve und Diana, näherte sich ihrem Bett. Jordan starrte wie gebannt auf das sich ihr nun bietende Schauspiel. Ganz langsam beugte sich die Frau zu Merve und Diana hinunter. Sanft, beinahe liebevoll hob sie Dianas Gesicht an und betrachtete es. Jordans Mitschülerin bekam davon nichts mit. Anscheinend war Diana nicht diejenige, nach der die Frau suchte, denn sie ließ Dianas Kopf langsam zurück auf das Kissen sinken. Als Nächste war Merve dran. Hätte Jordan nicht bereits geahnt, dass von der Frau Gefahr ausging, hätte sie angenommen, die Frau würde sich Sorgen um Merve und Diana machen. So war es jedoch nicht. Während sie Merves Kopf festhielt, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Kein Freundliches, sondern ein erschreckend Grausames, das Jordan unwillkürlich zurückweichen ließ.
»Dann bist du also das Mädchen, nach dem ich suche«, flüsterte sie, noch immer lächelnd. »Merve, öffne die Augen. Zeit zum Aufstehen ...«
Dies sagte sie mit einer solchen Sanftmut in der Stimme, dass man hätte glauben können, sie wollte sie wirklich nur liebevoll wecken. Ihr Gesichtsausdruck verriet hingegen die wahren Absichten.
»Nur noch zwei Minuten«, murmelte Merve schlaftrunken und wollte sich wegdrehen, doch die Frau hielt ihren Kopf fest in der Hand.
»Merve, wach doch bitte auf.« Ihr Ton war so süßlich, dass sogar Jordan ihr sofort gehorcht hätte. Es war einlullend.
»Lass dich nicht täuschen!«, ermahnte die Stimme von vorhin sie und Jordan nickte entschlossen. Die Stimme hatte Recht. Sie durfte sich auf keinen Fall von der Fremden manipulieren lassen.
»Na gut«, meinte Merve mürrisch und öffnete die Augen.
Ihre Reaktion überraschte Jordan: Merve lächelte! Wieso? Sie machte nicht einmal den Versuch, dem Griff der Frau zu entkommen. So, als wollte sie sich überhaupt nicht befreien, als wäre sie zufrieden. Die Fremde ließ die Hände langsam zu Merves Kehle gleiten. Noch immer das grausame Lächeln im Gesicht, drückte sie zu. Jordans Mitbewohnerin lächelte noch immer, blickte jedoch fragend drein.
»Warum?«, schienen ihre Augen wissen zu wollen.
Die Frau erhöhte den Druck auf Merves Kehle und Jordan sah, wie ihr Körper langsam schlaffer wurde. Schließlich schlossen sich die Augen ihrer Mitbewohnerin und sie bewegte sich nicht mehr, weiterhin das zufriedene Lächeln im Gesicht. Diese Verrückte hatte Merve erwürgt!
»Schlaf schön.«
Nachdem sie mit einer geradezu zärtlichen Geste die Decke über Merves Kopf gezogen hatte, verließ sie das Zimmer. Bevor Jordan auch nur die Chance hatte, auf die Ereignisse zu reagieren, veränderte sich der Raum abermals. Sie war zurück in ihrem Zimmer. Isolde und sie schliefen ruhig in den Betten und das Fenster stand weit offen, sodass Jordan leicht fröstelte.
»So sehe ich also aus, wenn ich schlafe«, murmelte sie und schaute fasziniert zu ihrem ruhig atmenden Selbst.
Leise öffnete sich die Tür und zu ihrem Entsetzen betrat Merves Mörderin den Raum. Der Mond schien durch die weit geöffneten Fenster und tauchte das Zimmer in schwaches Licht. Das reichte für Jordan allerdings vollkommen aus, um das Gesicht der Frau erkennen zu können. Das Lächeln von vorhin war verschwunden und einer wachsamen Miene gewichen. Sie hatte blassblaue Augen, volle Lippen und eine feine, lange Nase. Auf dem Kopf trug sie einen Haarreif, in dessen Mitte sich ein Rubin befand. Sie blickte sich suchend um und ging dann zielstrebig auf Isolde und Jordans Bett zu.
Diesmal wollte Jordan etwas tun. Sie konnte nicht zulassen, dass die Frau Isolde verletzte oder sie gar tötete! Was aber, wenn sie gar nicht Isolde töten wollte? Der Gedanke machte ihr Angst. Nein, an so etwas durfte sie jetzt nicht denken! Sie musste Isolde retten. Sie holte einmal tief Luft und lief auf die Frau zu.
»Isolde, wach auf!«, schrie Jordan verzweifelt. »Isolde, diese Frau will dich umbringen!«
Ihr kam es vor, als liefe sie in Zeitlupe. Isolde schien ihr Schreien nicht zu hören, sie schlief weiter, sich der nahenden Gefahr überhaupt nicht bewusst.
»Ich sehe dich sehrwohl ...«
Jordan hielt in ihrer Bewegung inne und starrte die Fremde erschrocken an. Sie begann zu zittern. War das alles ein Traum oder doch Realität? Die Frau drehte den Kopf in Jordans Richtung.
»Ich habe dich vorhin auch schon gesehen.«
»Das ... das ... das ist nicht real! Es ist mein Traum und ich kann bestimmen, was passiert. Sie werden Isolde nicht umbringen! Sie können ihr kein Leid zufügen«, sagte Jordan von Angst ergriffen.
Es war der letzte Hoffnungsschimmer, an den sie sich klammerte. Das musste ein Traum sein, einer derer, von denen sie nicht wusste, weshalb sie sie träumte. Die Frau schüttelte den Kopf.
»Es ist real. Du weißt nur nicht genug darüber, um es für Realität halten zu können«, entgegnete sie. »Du weißt überhaupt nichts! Und sollst, wenn es nach meinem Meister geht, auch weiterhin unwissend bleiben.«
Bevor Jordan reagieren konnte, wurde sie durch eine einzige Handbewegung in die Knie gezwungen. Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Beine schienen am Boden festgeklebt zu sein. Auch die Arme konnte sie nicht mehr benutzen. Die Frau wandte ihre Aufmerksamkeit erneut der noch immer schlafenden Isolde zu.
»Isolde«, hauchte sie, die Stimme wieder in einlullendem Singsang, mit dem sie auch schon Merve verzaubert hatte.
»Lass mich schlafen«, beschwerte sich Iso und drehte sich zur Wand.
»Isolde, dreh dich zu mir.« Mit einer fast schwebenden Bewegung war sie auf das obere der beiden Betten geklettert und saß nun neben Jordans Freundin.
»Lass mich!« Iso zog sich die Bettdecke über den Kopf.
Jordan war erleichtert, dass sich Isolde nicht so einfach überzeugen ließ. Sie war willensstark! Doch wie lange würde sie standhalten? Wie lange ließ sich die Frau den Widerstand gefallen?
»Zeit zum Aufstehen«, sagte die Frau sanft und streckte ihre Hand aus, um Isoldes Kopf zu berühren.
In diesem Moment geschah etwas, was weder Jordan noch die Frau erwartet hätten: Als sie Isoldes Stirn berührte, öffnete Iso die Augen. Sie waren jedoch nicht ihre Augen, denn die Iris war rot. Isos Körper begann zu leuchten und die Frau wurde von einer gewaltigen Schockwelle gegen die Zimmerwand gestoßen.
»Mich tötet niemand. Niemand!«, schrie Isolde wütend.
Die Fremde rappelte sich auf und sah Iso verwirrt an. Offensichtlich wusste sie genauso wenig wie Jordan, was hier vor sich ging. Was war mit Isolde passiert? Das vor ihnen war nicht mehr ihre Freundin Isolde. Iso war nicht fähig, andere durch Schockwellen gegen Wände zu schleudern. Oder war sie es doch? Jordan wusste nicht, was sie noch glauben sollte. Wenn das nicht Iso war, wer war sie dann?
»Wir sehen uns wieder«, war alles, was die Frau sagte, bevor sie verschwand.
So schnell, wie Isolde sich aufgeregt hatte, fiel sie erneut in sich zusammen und lag, als ob niemals etwas geschehen wäre. Sie schlief friedlich in ihrem Bett. Jordan hatte keine Zeit, sich Gedanken über Isos kurzweilige Veränderung zu machen, denn ihr war, als hörte sie einen Schrei aus der Ferne. Aus weiter Ferne.
Ihr Zimmer begann zu verschwimmen. Der Traum war vorbei, aber Jordan hatte das ungute Gefühl, er könnte nach dem Aufwachen noch einige Folgen haben.
***
›Mich tötet niemand. Niemand!‹
Iso blinzelte. Woher kam dieser Schrei? Es fühlte sich so an, als käme er von weit her, zugleich aber, als stünde der Schreiende unmittelbar neben ihr. Außer dem kleinen See umgeben von Laubbäumen, durch dessen Blätter das Sonnenlicht auf das sommerlich grüne Gras schien, gab es hier allerdings nichts. Sie war allein. Oder doch nicht? Von hier aus konnte sie auf die andere Seite des Sees blicken und dort war niemand zu sehen, dennoch fühlte sie sich beobachtet. Als ob sich irgendjemand in der Nähe versteckte. Nur, wo sollte er sich verstecken? Hinter einem Baum? Viel mehr Möglichkeiten gab es nicht. Hinter jedem Baum nachzusehen, war jedoch zu anstrengend. Zu aufwändig.
Der Beobachtende täte ihr schon nichts, das spürte sie. Von ihm ging keine Gefahr aus. Er war einfach nur da. Oder doch sie? Iso wusste es nicht. Und warum hatte er geschrien? Oder kam der Schrei von außerhalb? Sie beschloss, nicht mehr darüber nachzudenken und die Sonne zu genießen. Langsam umrundete sie den See auf der Suche nach einem geeigneten Sitzplatz.
»Isolde Johnson, wach endlich auf! Es ist wichtig!« Unsanft wurde Iso vom See weggerissen und damit von ihrem Beobachter.
›Leb wohl. Vielleicht bekomme ich dich ja irgendwann einmal zu Gesicht‹, dachte sie, während sie sich immer weiter von ihrer Idylle entfernte. Letztendlich schlug sie die Augen auf und blinzelte direkt in Jordans äußerst besorgtes Gesicht.
»Was ist?«, fragte sie Jordan, noch immer benommen.
»Ich hatte wieder einen Traum.«
»Das ist doch nichts Neues. Wozu weckst du mich? Hättest du mir das nicht später erzählen können?«, murrte Iso und gähnte herzhaft.
Jordan schüttelte den Kopf und stieg die Leiter des Hochbettes hinunter.
»Ich habe gesehen, wie eine Frau Merve getötet hat!«
Mit einem Mal war Isolde wirklich wach und schwang sich aus ihrem Bett auf den Boden.
»Ok, das ist wirklich wichtig. Aber glaubst du allen Ernstes, Merve ist etwas zugestoßen?«
Jordan nickte.
»Das glaube ich. Außerdem hat die Frau mit mir gesprochen.« Dass Isolde Schockwellen produziert und lauthals geschrien hatte, verschwieg Jordan ihr lieber. Offensichtlich konnte sie sich daran nicht erinnern.
»Jeder andere würde dich für verrückt erklären, Jordan. Normalerweise hätte ich mir keine Sorgen gemacht, aber nach diesen seltsamen Träumen und den Stimmen finde ich, haben wir allen Grund, besorgt zu sein.«
Jordan seufzte erleichtert.
»Ich schlage vor, wir werfen uns etwas über und gehen schnellstens auf die Suche nach Merve, um deine – unsere – Vermutung zu überprüfen.« In aller Eile zog Iso einen Bademantel über den Schlafanzug und drehte sich erwartungsvoll zu Jordan um, die währenddessen tatenlos dagestanden hatte. »Wo ist Merve überhaupt?«
Daraufhin musste Jordan lachen. Typisch Iso! Erst etwas unternehmen, dann Fragen stellen.
»Merve wollte heute bei Diana übernachten, also ist sie in ihrem Zimmer«, antwortete sie und öffnete die Schranktüren.
Irgendwo hier musste ihr Bademantel sein, aber wo?
»Na, dann auf zu Dianas Zimmer! Ich schlage vor, wir sollten erstmal sehen, wie es Diana geht und anschließend dem Schuldirektor und der Polizei Bescheid geben«, murmelte Iso und warf Jordan eine große Decke zu. »So weit ich weiß, ist dein Bademantel in der Wäsche. Es reicht aber, wenn du dir die über die Schultern hängst.«
Schon war sie verschwunden. Jordan zog sich eilig die Decke über die Schultern und folgte Isolde in Richtung von Dianas Zimmer. Warum sollte ihr Bademantel in der Wäsche sein? Wann hatte sie ihn jemals getragen? Ein weiteres ungelöstes Rätsel in diesen so eigenwilligen Tagen ...
***
In Dianas Zimmer lag noch immer Merves Leiche. Diana stand verstört in einer Zimmerecke. Anscheinend hatte sie den Tod ihrer Freundin mittlerweile festgestellt und bibberte aus diesem Grund wie Espenlaub. Sie tat Jordan wirklich leid.
»B ... Bi ... Bitte ruft den Direktor«, flüsterte sie.
»Gut, komm mit, Diana, wir holen zusammen den Direktor«, entgegnete Isolde sanft, wandte sich flüsternd im Vorbeigehen Jordan zu, sodass Diana nichts davon mitbekam. »Warum musst du eigentlich solche Sachen träumen?«
Nun ja, durch den Schock war Diana ohnehin kaum ansprechbar. Sie hätte wohl auch nichts mitbekommen, wenn sich Jordan und Iso laut darüber unterhalten hätten. Sie lächelte matt. Selbst in Situationen wie dieser hatte Iso noch einen passenden Spruch parat.
***
»Das soll wohl ein Scherz sein! Ein Schlechter, wenn ich das sagen darf. Hier ist keine Leiche! Sie haben mich angelogen«, polterte Eduard Humber, der ziemlich beleibte Schuldirektor. Er füllte allein beinahe das ganze Zimmer aus.
»Nein, Sir, wir haben Sie nicht angelogen. Da lag vorher noch Merves Leiche«, beharrte Isolde darauf, die genauso perplex auf die Stelle starrte, wo sie die Leiche zurückgelassen hatten.
»Also wirklich, es reicht! Erst reißen Sie mich aus dem Schlaf und dann behaupten Sie auch noch, hier läge eine Leiche! Als Strafe dafür sitzen Sie drei nach den Ferien genau für fünf Wochen nach, habe ich mich klar ausgedrückt?«, tobte der Direktor mit so lauter Stimme, dass die Wände zitterten.
Er verließ das Zimmer, wobei er einige Schwierigkeiten hatte, durch die Tür zu kommen, und ließ drei fassungslose Mädchen zurück, die weiterhin die Stelle anstarrten, wo Merves Leiche noch vor zehn Minuten gelegen hatte.
3
Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Vortrag, René. Zwar hätten Sie auf einige Aspekte noch näher eingehen können, doch sonst war es ein guter bis sehr guter Vortrag!«, meinte Frau Crudelis und wandte sich der Tafel zu. Ehe sie fortfahren konnte, wurde sie von der Schulglocke unterbrochen. Sie wirkte irritiert. »Eigentlich wollte ich heute noch etwas mehr mit Ihnen schaffen, aber scheinbar müssen wir das auf die nächste Stunde verschieben. Zum nächsten Mal informieren Sie sich bitte umfassend über die PCR, sowie die Elektrophorese und lesen Kapitel drei und vier.«
Nachdem sie die Hausaufgabe notiert und ihre Sachen eingepackt hatte, wollte Jordan zusammen mit Isolde den Klassenraum verlassen, doch Frau Crudelis hielt sie an der Schulter fest.
»Jordan, würdest du bitte noch einen Moment warten? Danke.«
Überrascht tauschten Jordan und Iso Blicke, konnten jedoch nichts machen. Eigentlich wollten sie sofort hoch in Dianas Zimmer, nochmals alles gründlich auf den Kopf stellen, aber nun musste Isolde wohl oder übel allein losziehen. Als alle anderen Schüler verschwunden waren und Isolde die Tür hinter sich geschlossen hatte, holte Frau Crudelis tief Luft.
»Jordan, ich fasse mich kurz: Ich glaube dir.«
»Ich verstehe nicht ganz, Frau Crudelis. Entschuldigung.« Sie war verwirrt. Was meinte Frau Crudelis?
»Du hast mich schon verstanden, Jordan. Ich glaube dir.« Ihre Lehrerin zwinkerte ihr zu und lächelte. »Und jetzt muss ich wirklich weiter. Entschuldige mich bitte.«,
Frau Crudelis ging an ihr vorbei und aus dem Klassenzimmer. Zurück blieb eine sichtlich verwirrte Jordan.
***
»Ich habe noch einmal das ganze Zimmer auf den Kopf gestellt, aber nichts gefunden. Merves Leiche ist unauffindbar. Irgendwer muss sie weggebracht haben, aber wer?« Schnaufend ließ sich Iso neben Jordan auf Merves ehemaliges Bett fallen. Jordan reagierte nicht. Sie starrte gegen die Decke. »Was wollte Frau Crudelis eigentlich?«
»Ob du´s glaubst oder nicht«, begann sie tonlos, »aber Frau Crudelis glaubt uns.«
»Was?« Isolde sprang auf.
»Ja. Ich weiß auch nicht, woher sie ihre Informationen hat, schließlich weiß es außer dem Rektor, Diana und uns niemand.«
Fassungslos starrte Isolde auf Jordan hinab, die weiterhin nachdenklich irgendwohin, aber nicht zu Iso starrte. »Ich bin müde«, nuschelte Jordan plötzlich und legte sich unter ihre Decke. Sie zitterte, schien zu frieren.
»Geht es dir gut?«, erkundigte sich Iso besorgt.
Sie bekam jedoch keine Antwort mehr, denn Jordan war bereits eingeschlafen. In letzter Zeit war einfach zu viel passiert. Viel zu viel, das sie sich nicht erklären konnte, weshalb sie sich mächtig überfordert fühlte. Etwas Schlaf täte ihr gut, ohne solch seltsame Träume.
Eine ganze Weile beobachtete Isolde ihre Freundin. Die wälzte sich unruhig hin und her und Schweißperlen standen ihr auf der Stirn. Im nächsten Augenblick fing sie erneut an zu zittern. Iso wurde es zu bunt. Sie würde Marcia Bescheid geben. Jordan brauchte unbedingt Hilfe.
Leider sollte Jordan auch dieses Mal keine Ruhe finden. Sie befand sich auf einmal in einem prunkvollen Zimmer, das sie an das Empfangszimmer Eduard Humbers erinnerte. Obwohl sie nur wenige Male in seinem Büro gewesen war, so hatte sie sich doch um einiges kleiner gefühlt, sobald sie ihn betreten hatte. Einschüchternd
