So finster die Nacht - John Ajvide Lindqvist - E-Book + Hörbuch

So finster die Nacht E-Book

John Ajvide Lindqvist

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Beschreibung

Wenn das Unfassbare Einzug hält, nimmt es anfangs niemand wahr ... In dem Stockholmer Vorort Blackeberg wird die Leiche eines Jungen gefunden. Sein Körper enthält keinen Tropfen Blut mehr. Alles deutet auf einen Ritualmörder hin. Noch ahnt niemand, was tatsächlich geschehen ist. Auch der zwölfjährige Oskar verfolgt fasziniert die Nachrichten. Wer könnte der Mörder sein? Und warum sind in der Nachbarwohnung die Fenster stets verhangen ... Eine fesselnde Geschichte über Liebe, Rache - und das Grauen. Dieses E-Book enthält neben dem Roman "So finster die Nacht" die Kurzgeschichte "Das dunkle Echo der Liebe", die hier erstmals auf Deutsch veröffentlicht ist.

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Seitenzahl: 796

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Inhalt

Cover

Über den Autor

Titel

Impressum

Widmung

Der Ort

Erster Teil

Mittwoch, 21. Oktober 1981

Donnerstag, 22. Oktober

Freitag, 23. Oktober

Samstag, 24. Oktober

Zweiter Teil

Mittwoch, 28. Oktober

Donnerstag, 29. Oktober

Freitag, 30. Oktober

Samstag, 31. Oktober

Dritter Teil

Donnerstag, 5. November

Samstag, 7. November

Samstag, 7. November (Abend)

Samstag, 7. November (Nacht)

Vierter Teil

Sonntag, 8. November

Sonntag, 8. November (Abend)

Sonntag, 8. November (Abend/Nacht)

Montag, 9. November

Fünfter Teil

Montag, 9. November

Dienstag, 10. November

Mittwoch, 11. November

Donnerstag, 12. November

Epilog Freitag, 13. November

Kurzgeschichte »Das dunkle Echo der Liebe« von John Ajvide Lindqvist

ÜBERDEN AUTOR

John Ajvide Lindqvist, geboren 1968, ist aufgewachsen in Blackeberg, einem Vorort von Stockholm. Dort leben auch Oskar und Eli, die Helden seines Romandebüts SO FINSTER DIE NACHT. Nach einer Karriere als TV-Standup-Comedian hat er mit dem Schreiben von Thrillern mit Horrorelementen begonnen. Mit großem Erfolg. Der vorliegende Roman wurde von Lesern und Kritikern mit Begeisterung aufgenommen, und John Ajvide Lindqvist gilt in Schweden als eines der größten Talente der Literaturszene. SO FINSTER DIE NACHT wird in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt und verfilmt.

JOHN AJVIDELINDQVIST

SO FINSTER DIE NACHT

THRILLER

AUS DEM SCHWEDISCHEN VONPAUL BERF

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstveröffentlichung

Titel der schwedischen Originalausgabe: Låt den rätte komma in

erschienen bei Ordfront förlag, Stockholm

Published by agreement with Leonardt & Høier Literary Agency aps, København.

© 2004 by John Ajvide Lindqvist

© für die deutschsprachige Ausgabe 2007 by Bastei Lübbe AG, Köln

All rights reserved

Titelabbildung: Eigenarchiv HildenDesign, München/blickwinkel/Alamy

Einbandgestaltung: HildenDesign, München

Dieses E-Book enthält die Kurzgeschichte »Das dunkle Echo der Liebe« von John Ajvide Lindqvist. Dieser Titel ist auch als Audio-Download erhältlich.

Titel der schwedischen Originalausgabe: Låt de gamla drömmarna dö

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2014 by John Ajvide Lindqvist.

Published by agreement with Ordfronts Förlag, Stockholm and Leonhardt & Hoier Literary Agency, Copenhagen.

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2014 Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Textredaktion: Thorsten Alms

E-Book-Produktion: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-8387-5492-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

FÜR MIA, MEINE MIA

DER ORT

Blackeberg.

Man denkt vielleicht: Kokosbällchen, denkt vielleicht: Drogen. Ein anständiges Leben. Denkt: U-Bahn-Station, Vorort. Danach denkt man nicht viel mehr. Dort werden wohl Menschen leben wie andernorts auch. Zu diesem Zweck wurde der Ort immerhin gebaut; weil die Menschen irgendwo leben mussten.

Es ist kein natürlich gewachsener Ort, oh nein. Hier ist alles von Beginn an in Wohneinheiten eingeteilt gewesen. Die Leute durften in etwas einziehen, das es bereits gab. Erdfarbene Betonbauten, hingeworfen in die Vegetation.

Als sich diese Geschichte zuträgt, existiert Blackeberg als Ort seit dreißig Jahren. Man könnte sich einen Pioniergeist vorstellen. Die Mayflower; ein unbekanntes Land. Ja. Man könnte sich die unbewohnten Häuser vorstellen, die auf ihre Bewohner warten.

Und dort kommen sie!

Mit Sonnenschein und Visionen in den Augen ziehen sie über die Tranebergsbrücke heran. Wir schreiben das Jahr 1952. Mütter tragen ihre Kleinen auf dem Arm oder schieben sie in Kinderwagen, halten sie an der Hand. Väter tragen keine Hacken und Spaten, sondern Küchenmaschinen und funktionelle Möbel. Vermutlich singen sie etwas. Vielleicht die Internationale. Oder »In dich habe ich gehoffet, Herr«, je nach Veranlagung.

Alles ist groß. Alles ist neu. Alles ist modern.

Aber so war es natürlich nicht.

Sie kamen mit der U-Bahn. Oder mit Wagen, Umzugswagen. Einer nach dem anderen tröpfelten sie in die vorgefertigten Wohnungen und hatten Sachen dabei. Die Sachen sortierten sie in genormte Fächer und Regale, ihre Möbel stellten sie in Formation auf die Linoleumböden und kauften neue, um die Lücken zu schließen.

Als sie fertig waren, blickten sie auf und schauten über das Land, das ihnen gegeben worden war. Traten aus ihren Türen und sahen, dass alles Land bereits urbar gemacht war. Man brauchte sich nur noch in das zu fügen, was es schon gab.

Es gab ein Einkaufszentrum. Es gab großzügig bemessene Spielplätze für die Kinder. Es gab weitläufige Grünflächen gleich um die Ecke. Es gab zahlreiche autofreie Spazierwege.

Ein guter Ort. Man sagte es einander am Küchentisch ein, zwei Monate, nachdem man eingezogen war.

»Wir haben es mit diesem Ort gut getroffen.«

Nur eines fehlte. Eine Geschichte. In der Schule mussten die Kinder keine Referate über Blackebergs Vergangenheit halten, weil es keine gab. Oder doch. Da war etwas mit einer Mühle. Einem Tabakbaron. Mit seltsamen alten Gebäuden unten am Wasser. Aber das war schon lange her und hatte keinerlei Verbindung zur Gegenwart.

Wo heute die dreistöckigen Häuser stehen, war früher nur Wald.

Die Mysterien der Vergangenheit lagen außer Reichweite; man hatte nicht einmal eine Kirche. Ein Ort mit zehntausend Einwohnern, ohne Kirche.

Das sagt so einiges über die Modernität und Rationalität dieses Orts. Es sagt so einiges darüber, wie frei man sich von den Heimsuchungen und dem Schrecken der Geschichte wähnte.

Es erklärt zumindest teilweise, wie unvorbereitet man war.

Niemand sah sie einziehen.

Als es der Polizei im Dezember endlich gelang, den Spediteur ausfindig zu machen, der den Umzugswagen gefahren hatte, wusste er nicht viel zu berichten. In seinem Auftragsbuch für 1981 stand lediglich: »18. Okt.: Norrköping-Blackeberg (Stockholm)«. Er erinnerte sich noch, dass es ein Mann mitsamt Tochter gewesen war, ein süßer Fratz.

»Und, ja richtig. Sie hatten nur wenige Sachen. Eine Couch, Sessel, ein Bett. So gesehen wenig Arbeit. Und … na ja, sie wollten nachts umziehen. Ich habe gesagt, dann wird es aber teurer wegen des Nachtzuschlags und so. Aber das schien kein Problem zu sein. Hauptsache, wir fuhren nachts. Das war irgendwie wichtig. Ist was passiert?«

Der Spediteur erfuhr, worum es ging, wen er in seinem Wagen gefahren hatte. Er riss die Augen auf, schaute auf die Buchstaben in seinem Auftragsbuch.

»Das gibt’s ja nicht …«

Sein Mund verzog sich zu einer Grimasse, als habe ihn Ekel vor der eigenen Handschrift gepackt.

18. Okt.: Norrköping-Blackeberg (Stockholm)

Er hatte sie gefahren. Den Mann und das Mädchen.

Er würde es niemandem erzählen. Niemals.

ERSTER TEIL

Wohl dem, der einen solchen Freund hat

Liebeskummerlohnt sich nichtmy Darling!

Siw Malmkvist – Liebeskummer lohnt sich nicht

I never wanted to kill, I am not naturally evilSuch things I do

Just to make myself more attractive to youHave I failed?

Morrissey – The last ofthe famous international playboys

MITTWOCH, 21. OKTOBER 1981

»Und was glaubt ihr, was das hier ist?«

Gunnar Holmberg, Polizeikommissar aus Vällingby, hielt eine kleine Tüte in die Höhe, die mit einem weißen Pulver gefüllt war.

Möglicherweise Heroin, doch das wagte niemand auszusprechen. Niemand wollte in den Verdacht geraten, sich bei so etwas auszukennen. Insbesondere dann nicht, wenn man einen Bruder oder der Bruder einen Freund hatte, der sich mit so etwas abgab. Sich einen Schuss setzte. Sogar die Mädchen blieben stumm. Der Polizist schüttelte die Tüte.

»Meint ihr vielleicht, das wäre Backpulver? Mehl?«

Verneinendes Gemurmel. Der Polizist sollte auch nicht denken, dass Klasse 6 b aus lauter Idioten bestand. Es ließ sich zwar unmöglich erkennen, was in der Tüte war, aber in dieser Schulstunde ging es nun einmal um Drogen, sodass man gewisse Schlussfolgerungen ziehen konnte. Der Polizist wandte sich an die Lehrerin.

»Was bringt ihr denen im Haushaltsunterricht eigentlich bei?«

Die Lehrerin lächelte und zuckte mit den Schultern. Die Klasse lachte; der Bulle war okay. Einige Jungen hatten vor Beginn der Stunde sogar seine Pistole anfassen dürfen. Sie war zwar nicht geladen, aber immerhin.

Es brodelte in Oskars Brust. Er kannte die Antwort auf die Frage, und es tat ihm innerlich weh, nichts zu sagen, wenn er etwas wusste. Er wollte, dass der Polizist ihn anschaute. Ihn anschaute und etwas zu ihm sagte, wenn er die richtige Antwort gab. Es war dumm von ihm, dies zu tun, das wusste er, trotzdem streckte er die Hand in die Höhe.

»Ja?«

»Das ist Heroin, oder?«

»Das ist es.« Der Polizist sah ihn freundlich an. »Wie hast du es erraten?«

Köpfe wandten sich zu ihm um, waren neugierig, was er nun antworten würde.

»Ach, ich … lese viel und so.«

Der Polizist nickte.

»Das ist gut. Lesen ist gut.« Er schüttelte die kleine Tüte. »Dazu hat man leider keine Zeit mehr, wenn man das hier nimmt. Was glaubt ihr, wie viel könnte dieser Beutel hier wohl wert sein?«

Oskar musste nichts mehr sagen. Er hatte seinen Blick und seine Worte bekommen, hatte dem Polizisten sogar sagen dürfen, dass er viel las. Das war mehr, als er zu hoffen gewagt hatte.

Er träumte sich fort. Sah den Polizisten nach der Schulstunde zu ihm kommen und sich für ihn interessieren, sich zu ihm setzen. Dann würde er ihm alles erzählen. Und der Polizist würde ihn verstehen. Ihm über die Haare streichen und sagen, dass er ein guter Junge war; ihn hochheben, ihn im Arm halten und sagen …

»Verdammte Petze.«

Jonny Forsberg bohrte ihm einen gestreckten Finger in die Seite. Jonnys Bruder gehörte zu den Junkies, und Jonny kannte eine Menge Worte, die sich die anderen Jungen in der Klasse rasch gemerkt hatten. Jonny wusste vermutlich exakt, wie viel diese Tüte wert war, war aber keine Petze. Redete nicht mit den Bullen.

Es war Pause, und Oskar trödelte unentschlossen bei den Kleiderhaken herum. Jonny wollte ihm wehtun – wie konnte er ihm am besten aus dem Weg gehen? Indem er im Schulflur blieb, oder indem er nach draußen ging? Jonny und die anderen aus seiner Klasse stürmten auf den Schulhof hinaus.

Ja richtig; der Polizist würde mit seinem Streifenwagen auf dem Schulhof stehen, und wer Interesse hatte, durfte zu ihm kommen und ihn sich anschauen. Jonny würde es nicht wagen, sich auf ihn zu stürzen, solange der Polizist dabei war.

Oskar ging zu den Türen und blickte durch die Glasscheibe. Seine Klassenkameraden hatten sich wie erwartet ausnahmslos um den Wagen des Polizisten geschart. Auch Oskar wäre gerne dort gewesen, aber das hatte keinen Sinn. Jemand würde ihm ein Knie in den Bauch rammen, ein anderer seine Unterhose in die Poritze hochziehen, Polizist hin oder her.

Doch er bekam zumindest eine Galgenfrist, diese Pause. Er ging auf den Schulhof hinaus und schlich sich auf die Rückseite des Schulgebäudes, zu den Toiletten.

In der Schultoilette lauschte er, räusperte sich. Das Geräusch hallte zwischen den Kabinen. Schnell zog er den Pinkelball aus seiner Unterhose, ein Stück Schaumgummi von der Größe einer Mandarine, das er sich aus einer alten Matratze zurechtgeschnitten hatte und das eine Öffnung hatte, in die er seinen Pimmel stecken konnte. Er roch daran.

War ja klar, natürlich hatte er sich ein bisschen in die Hose gemacht. Er spülte den Ball unter dem Wasserhahn aus, wrang möglichst viel Wasser heraus.

Inkontinenz. So nannte man das. Das hatte er in einer Broschüre gelesen, die er heimlich in der Apotheke eingesteckt hatte. Größtenteils etwas, das alte Schachteln hatten.

Und ich.

Man könne Hilfsmittel kaufen, stand in der Broschüre, aber er hatte nicht die Absicht, sein Taschengeld dafür zu vergeuden, sich in der Apotheke zu schämen. Und Mama würde er ganz bestimmt nichts erzählen; sie würde ihn sonst derart bemitleiden, dass er krank werden würde.

Er hatte seinen Pinkelball, und solange es nicht schlimmer wurde, funktionierte das ganz gut.

Schritte vor der Tür, Stimmen. Den Ball in die Hand gepresst, schob er sich in eine der Kabinen und schloss hinter sich ab, als die Tür geöffnet wurde. Lautlos stieg er auf den Toilettensitz und kauerte sich so zusammen, dass seine Füße nicht zu sehen sein würden, falls jemand unter der Tür hindurchsah. Er versuchte, nicht zu atmen.

»Schweiiinchen?«

Jonny, natürlich.

»Schweinchen, bist du hier?«

Und Micke. Die beiden Übelsten. Nein. Tomas war gemeiner, aber er machte nur selten bei etwas mit, das mit Schlägen und Schrammen zu tun hatte. Dafür war er zu smart. Tomas stand vermutlich draußen und schleimte sich bei dem Polizisten ein. Wenn sie den Pinkelball entdeckten, würde Tomas dies weidlich ausnutzen, um ihn dauerhaft zu beleidigen und zu demütigen. Jonny und Micke würden ihm nur ein paar knallen und es dabei belassen. In gewissem Sinne hatte er also Glück …

»Schweinchen? Wir wissen, dass du hier bist.«

Sie versuchten die Tür zu öffnen. Rüttelten an der Tür. Schlugen gegen die Tür. Oskar schlang die Arme um die Knie und biss die Zähne zusammen, um nicht loszuschreien.

Geht weg! Lasst mich in Ruhe! Warum könnt ihr mich nicht einfach in Ruhe lassen?

Jetzt sprach Jonny mit samtener Stimme.

»Kleines Schweinchen, wenn du nicht bald herauskommst, müssen wir dich nach der Schule einkassieren. Willst du das?«

Einen Moment lang wurde es still, und Oskar atmete vorsichtig aus.

Dann attackierten sie die Tür mit Tritten und Schlägen. Es donnerte in der Toilette, und der Türhaken wurde nach innen gebogen. Er sollte aufmachen, zu ihnen hinausgehen, bevor sie wütend wurden, aber er konnte es einfach nicht.

»Schweiiinchen?«

Er hatte die Hand hochgereckt und behauptet, dass es ihn gab, dass er etwas konnte. Das war verboten. Zumindest ihm. Sie fanden alle möglichen Gründe dafür, dass er gequält werden musste; er war zu dick, zu hässlich, zu eklig. Doch das eigentliche Problem bestand im Grunde darin, dass er überhaupt existierte, und jede Erinnerung an seine Existenz war ein Verbrechen.

Vermutlich würden sie ihn nur »taufen«. Seinen Kopf in die Toilette tauchen und abziehen. Unabhängig davon, was sie sich einfallen ließen, war er stets unglaublich erleichtert, wenn es vorbei war. Warum konnte er also nicht den Türhaken anheben, der ohnehin jeden Moment aufspringen würde, und sie ihren Spaß haben lassen?

Er starrte auf den Türhaken, der mit einem Knacken aus seiner Gabel gebogen wurde, auf die Tür, die sich schlagartig öffnete und gegen die Kabinenwand knallte, auf Micke Siskovs triumphierend lächelndes Gesicht und wusste warum.

Weil das Spiel so nicht lief.

Er hatte den Türhaken nicht angehoben, sie waren nicht innerhalb von drei Sekunden über die Kabinenwand zu ihm hineingeklettert, weil es gegen die Spielregeln gewesen wäre.

Der Rausch der Jäger gebührte ihnen, der Schrecken des Opfers ihm. Hatten sie ihn gestellt, war der Spaß vorbei, und die eigentliche Bestrafung eher eine Pflicht, die erfüllt werden musste. Gab er zu früh auf, lief er Gefahr, dass sie ihre Energie nicht für die Jagd, sondern für seine Bestrafung einsetzen würden. Das wäre schlimmer.

Jonny Forsberg schob den Kopf vor.

»Hör mal, wenn du scheißen willst, musst du aber den Deckel aufmachen. Jetzt schrei gefälligst wie ein Schwein.«

Oskar schrie wie ein Schwein. Das gehörte dazu. Schrie er wie ein Schwein, bestraften sie ihn manchmal nicht. Diesmal strengte er sich ganz besonders an, weil er fürchtete, sie könnten ihn sonst während der Bestrafung zwingen, die Hand zu öffnen, und bei der Gelegenheit sein ekliges Geheimnis entdecken.

Er rümpfte die Nase zu einer Schweineschnauze und grunzte und schrie, grunzte und schrie. Jonny und Micke lachten.

»Oh Scheiße, Schweinchen. Weiter.«

Oskar machte weiter. Kniff die Augen zusammen und machte weiter. Ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass sich die Fingernägel in seine Handteller bohrten, und machte weiter. Er grunzte und schrie, bis er einen seltsamen Geschmack im Mund hatte. Da hörte er auf und öffnete die Augen.

Sie waren gegangen.

Er blieb zusammengekrümmt auf dem Toilettendeckel sitzen und starrte zu Boden. Auf den Kacheln unter ihm war ein roter Fleck. Noch während er hinsah, fiel ein weiterer Tropfen Blut von seiner Nase zu Boden. Er zog etwas Toilettenpapier von der Rolle und hielt es sich vor die Nase.

Das passierte ihm manchmal, wenn ihn die Angst packte. Er bekam Nasenbluten, einfach so, was ihm ein paar Mal geholfen hatte, als sie ihn eigentlich schlagen wollten, dann jedoch darauf verzichteten, weil er bereits blutete.

Oskar Eriksson saß zusammengekauert mit einem Papierbausch in der einen Hand und dem Pinkelball in der anderen. Er blutete, bepinkelte sich, redete zu viel. Er leckte aus jedem Loch, das er hatte. Bald würde er bestimmt auch noch in die Hose kacken. Das Schweinchen.

Er stand auf, verließ die Toilette. Tat nichts gegen den Blutfleck auf dem Fußboden. Soll ihn doch ruhig jemand sehen, soll sich doch jemand wundern und glauben, dass hier ein Mensch getötet worden ist, weil hier ein Mensch getötet worden war. Zum hundertsten Mal.

Håkan Bengtsson, ein fünfundvierzigjähriger Mann mit stetig rundlicherem Bauch, schütter werdenden Haaren und einem den staatlichen Behörden unbekannten Wohnsitz saß in der Bahn, schaute aus dem Fenster und studierte, was fortan sein neues Zuhause sein würde.

Ehrlich gesagt war es ein bisschen hässlich. Norrköping war pittoresker gewesen. Trotzdem sahen diese westlichen Vororte bei weitem nicht so schlimm aus wie die Stockholmer Trabantenstädte, die er im Fernsehen gesehen hatte; Kista und Rinkeby und Hallonbergen. Hier war es anders.

»NÄCHSTER HALT: RÅCKSTA.«

Ein wenig runder und sanfter. Obwohl, hier stand zur Abwechslung ein richtiger Wolkenkratzer.

Er legte den Kopf in den Nacken, um bis zur obersten Etage von Vattenfalls Bürokomplex schauen zu können. Er konnte sich an kein vergleichbares Gebäude in Norrköping erinnern. Allerdings war er dort auch niemals im Stadtzentrum gewesen.

An der nächsten Haltestelle musste er aussteigen, oder nicht? Er warf einen Blick auf die Karte des U-Bahn-Netzes, die über der Ausstiegstür klebte. Ja. An der nächsten.

»VORSICHT AN DEN TÜREN. DIE TÜREN SCHLIESSEN.«

Es sah ihn doch keiner an?

Nein, in seinem Wagen saß nur eine Hand voll Menschen, die ausnahmslos in ihre Abendzeitungen vertieft waren. Morgen würden diese Blätter über ihn berichten.

Sein Blick fiel auf ein Werbeplakat für Unterwäsche. Eine Frau posierte aufreizend in einem schwarzen Spitzenslip und BH. Es war verrückt. Überall nackte Haut. Dass so etwas überhaupt erlaubt war. Welche Auswirkungen hatte das eigentlich auf die Köpfe der Menschen, auf die Liebe?

Seine Hände zitterten, und er ließ sie auf den Knien liegen. Er war so schrecklich nervös.

»Gibt es denn wirklich keinen anderen Weg?«

»Meinst du, ich würde dir das zumuten, wenn es einen anderen Weg gäbe?«

»Nein, aber …«

»Es gibt keinen anderen Weg.«

Es gab keinen anderen Weg. Man musste es einfach tun. Und durfte es nicht vermasseln. Er hatte im Telefonbuch den Stadtplan studiert und ein Waldstück ausgewählt, das ihm geeignet erschien, daraufhin seine Tasche gepackt und sich auf den Weg gemacht.

Das Adidaszeichen hatte er mit dem Messer abgetrennt, das nun in der Tasche zwischen seinen Füßen lag. Dies gehörte zu den Dingen, die in Norrköping schiefgelaufen waren. Jemand hatte sich an die Marke der Tasche erinnert, woraufhin die Polizei sie in dem Müllcontainer gefunden hatte, in den er sie unweit ihrer Wohnung geworfen hatte.

Heute würde er die Tasche mit nach Hause nehmen. Sie eventuell in kleine Fetzen schneiden und die Toilette hinunterspülen. Machte man das so?

Wie machte man das eigentlich?

»AUSSTIEG FÜR SÄMTLICHE FAHRGÄSTE.«

Die Bahn spuckte ihre Fracht aus, und Håkan folgte mit der Tasche in der Hand. Sie erschien ihm schwer, obwohl das Einzige darin, was etwas wog, der Druckbehälter war. Er bemühte sich, normal zu gehen, und nicht wie ein Mann, der zu seiner eigenen Hinrichtung unterwegs war. Er durfte den Leuten nicht auffallen.

Doch seine Beine waren schwer wie Blei, wollten sich auf den Bahnsteig ergießen und erstarren. Und wenn er einfach stehen blieb? Wenn er sich mucksmäuschenstill hinstellte, keinen Muskel rührte und einfach dastand? Darauf wartete, dass sich die Nacht herabsenken würde, darauf, dass er jemandem ins Auge fiel, der telefonierte, damit … ihn jemand abholte. Ihn irgendwohin brachte.

Er ging weiter in normalem Schritttempo. Rechtes Bein, linkes Bein. Er durfte sich nicht drücken. Grauenvolle Dinge würden geschehen, wenn er sich drückte. Die denkbar schrecklichsten.

Als er die Sperren hinter sich gelassen hatte, schaute er sich um. Er hatte einen schlechten Orientierungssinn. In welcher Richtung lag jetzt das Waldstück? Er konnte natürlich niemanden fragen, musste es auf gut Glück versuchen. Einfach losstiefeln, die Sache hinter sich bringen. Rechtes Bein, linkes Bein.

Es muss einen anderen Weg geben.

Aber ihm fiel keiner ein. Es gab gewisse Voraussetzungen, gewisse Kriterien. Dies war der einzige Weg, sie alle zu erfüllen.

Er hatte es zwei Mal getan, und beide Male hatte er es vermasselt. In Växjö war es nicht ganz so schlimm gewesen, aber immerhin schlimm genug, um einen Umzug zu erzwingen. Heute würde er seine Sache besser machen, viel Lob einstreichen.

Zärtlichkeiten womöglich.

Zwei Mal. Er war bereits verdammt. Was spielte ein drittes Mal da noch für eine Rolle? Nicht die geringste. Das Urteil der Gesellschaft würde vermutlich gleich ausfallen. Lebenslänglich.

Und das moralische? Wie viele Runden mit dem Schwanz, König Minos?

Der Parkweg, auf dem er ging, beschrieb ein Stück voraus, am Waldsaum, eine Kurve. Das musste der Wald sein, den er auf dem Stadtplan gesehen hatte. Der Druckbehälter und das Messer klirrten gegeneinander. Er versuchte die Tasche zu tragen, ohne sie zu rütteln.

Vor ihm bog ein Kind auf den Weg ein. Ein etwa achtjähriges Mädchen auf dem Nachhauseweg von der Schule, die Schultasche schlug ihr gegen die Hüfte.

Nein! Niemals!

Es gab für alles eine Grenze. Ein so kleines Kind kam nicht in Frage. Dann lieber er selbst, bis er tot umfiel. Das Mädchen sang etwas. Er ging schneller, um ihr näher zu kommen, um besser hören zu können.

»Du kleiner Sonnenschein schaust herein

durchs Fenster in mein Zimmerlein …«

Sangen die Kinder das heutzutage noch? Vielleicht war die Lehrerin des Mädchens schon etwas älter. Wie schön, dass es dieses Lied noch gab. Er wäre gerne näher herangegangen, um noch besser hören zu können, ja, so nahe, dass es ihm möglich gewesen wäre, den Duft ihrer Haare zu riechen.

Er wurde langsamer, durfte jetzt bloß keinen Unsinn machen. Das Mädchen verließ den Parkweg, ging auf einem schmaleren Pfad in den Wald hinein. Vermutlich wohnte es in den Häusern hinter dem Wald. Dass die Eltern es wagten, das Mädchen so gehen zu lassen, ganz allein. So klein.

Er blieb stehen, ließ das Mädchen den Abstand zu ihm vergrößern, im Wald verschwinden.

Geh nun ruhig weiter, meine Kleine. Bleib zum Spielen nicht im Wald.

Er wartete ungefähr eine Minute, lauschte einem Buchfinken, der neben ihm in einem Baum sang. Dann folgte er dem Mädchen.

Oskar war auf dem Heimweg; sein Kopf war schwer. Er fühlte sich immer besonders schlecht, wenn es ihm geglückt war, einer Bestrafung auf diese Art zu entgehen; indem er sich zum Schweinchen oder zu etwas anderem machte. Schlechter als nach einer Bestrafung. Er wusste, dass es so war, konnte sich trotzdem nie dazu durchringen, die Strafe anzunehmen, wenn sie nahte. Lieber erniedrigte er sich zu allem möglichen. Es fehlte ihm am nötigen Stolz.

Robin Hood und Spiderman hatten ihren Stolz. Wenn Sir John oder Doktor Octopus sie in die Ecke drängten, spuckten sie der Gefahr ins Gesicht, selbst wenn keine Möglichkeit mehr bestand, ihnen zu entkommen.

Aber was wusste so einer wie Spiderman denn schon? Ihm gelang doch trotzdem immer die Flucht, obwohl es zunächst völlig ausgeschlossen zu sein schien. Er war eine Comicfigur und musste bis zum nächsten Heft überleben. Er hatte seine Spinnenkräfte, Oskar sein Schweinegrunzen. Alle Mittel waren recht, um zu überleben.

Oskar hatte das Bedürfnis, sich selber zu trösten. Er hatte einen grauenvollen Tag gehabt und würde sich jetzt dafür ein wenig entschädigen. Obwohl er dort Gefahr lief, Jonny und Micke zu begegnen, ging er zum Einkaufszentrum von Blackeberg, zum Sabis. Er schlurfte den zickzack aufwärts führenden Gehsteig hinauf, statt die Treppen zu nehmen, sammelte sich. Es war wichtig, ruhig zu wirken, nicht zu schwitzen.

Vor einem Jahr war er im Konsum-Supermarkt beim Klauen erwischt worden. Der Mann vom Wachdienst wollte Mama anrufen, aber sie war auf der Arbeit gewesen, und Oskar kannte die Telefonnummer nicht, nein, nein. Eine Woche lang hatte Oskar sich jedes Mal geängstigt, wenn das Telefon klingelte, doch dann war statt eines Anrufs ein an seine Mutter adressierter Brief gekommen.

Vollkommen idiotisch. Es stand sogar »Die Polizei im Regierungsbezirk Stockholm« auf dem Briefumschlag, und Oskar hatte ihn natürlich aufgeschlitzt, von seinem Verbrechen gelesen, Mamas Unterschrift gefälscht und den Brief anschließend zurückgeschickt, um zu bestätigen, dass er ihn gelesen hatte. Feige mochte er ja sein, aber dumm war er nicht.

Und was hieß hier eigentlich feige? War es etwa feige, was er jetzt tat? Er stopfte sich die Taschen seines Steppanoraks voll mit Daim, Mars, Nuts und Bounty. Schließlich schob er sich noch eine Tüte Gummibärchen zwischen Hosenbund und Bauch; ging zur Kasse und bezahlte für einen Lutscher.

Auf dem Heimweg ging er hoch erhobenen Hauptes und leichten Schritts. Er war nicht das Schweinchen, auf dem alle herumtrampeln konnten, er war der Meisterdieb, der allen Gefahren trotzte und überlebte. Er konnte jeden täuschen.

Als er über den Durchgang seinen Hinterhof erreicht hatte, war er in Sicherheit. Keiner seiner Feinde wohnte in diesem Block, einem unregelmäßig geformten Zirkel innerhalb des größeren Zirkels der Ibsengatan. Ein doppelter Befestigungsring. Hier war er sicher. Auf diesem Hinterhof war ihm im Großen und Ganzen noch nie etwas Schlimmes passiert.

Hier war er aufgewachsen, und hier hatte er Spielkameraden gehabt, bevor er in die Schule kam. Erst in der fünften Klasse war er allmählich zu einem Außenseiter geworden. Gegen Ende des fünften Schuljahres hatte man ihn endgültig als Sündenbock abgestempelt, was sich auch auf Spielkameraden übertrug, die nicht in seine Klasse gingen. Immer seltener riefen sie ihn an, um zu fragen, ob er mit ihnen spielen wollte.

Zu jener Zeit hatte er auch das Buch für seine Zeitungsausschnitte angelegt. Das Buch, mit dem er sich jetzt zu Hause vergnügen würde.

HIIIINNN!

Ein surrendes Geräusch ertönte, und irgendetwas prallte gegen seine Füße. Ein dunkelrotes, ferngesteuertes Auto setzte zurück, wendete und fuhr in rasendem Tempo den Hang zum Eingang seines Hauses hinauf. Hinter den Dornensträuchern, die rechts hinter dem Durchgang wuchsen, stand mit einer langen Antenne, die von seinem Bauch abstand, Tommy und lachte kurz.

»Da hast du dich gewundert, was?«

»Ganz schön schnell.«

»Ja. Willst du es kaufen?«

»… wie viel?«

»Dreihundert.«

»Nee. Die hab ich nicht.«

Tommy winkte Oskar mit dem Zeigefinger zu sich, wendete das Auto am Hang und ließ es mit Renngeschwindigkeit herabfahren, stoppte es schlenkernd vor seinen Füßen, klopfte darauf und sagte leise:

»Kostet neunhundert im Geschäft.«

»Ja.«

Tommy betrachtete das Auto, musterte anschließend Oskar von Kopf bis Fuß.

»Wie wär’s mit zweihundert? Es ist echt nagelneu.«

»Ja, es ist toll, aber …«

»Aber?«

»Nee.«

Tommy nickte, setzte das Auto wieder ab und ließ es zwischen die Sträucher fahren, sodass die großen, genoppten Räder vibrierten, lenkte es um die Teppichstange und auf die Straße, weiter den Hang hinab.

»Darf ich mal probieren?«

Tommy sah Oskar an, als wollte er abschätzen, ob dieser würdig war oder nicht, reichte ihm daraufhin die Fernsteuerung und zeigte auf Oskars Oberlippe.

»Hast du Prügel bezogen? Du hast da Blut.«

Oskar fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Lippe, ein paar braune Körner blieben daran hängen.

»Nee, das war nur …«

Nicht erzählen. Das brachte ja doch nichts. Tommy war drei Jahre älter als er. Cool. Er würde ihm nur erzählen, dass man zurückschlagen musste, und Oskar würde »ja klar« sagen, und das einzige Ergebnis würde sein, dass er in Tommys Achtung noch weiter gesunken war.

Oskar steuerte den Wagen eine Weile und schaute anschließend zu, als Tommy ihn steuerte. Er hätte sich gewünscht, zweihundert Mäuse zu haben, denn dann hätten Tommy und er ein Geschäft abschließen können. Sie hätten etwas Gemeinsames gehabt. Er vergrub die Hände in den Jackentaschen und stieß auf die Süßigkeiten.

»Willst du ein Daim?«

»Nee, mag ich nicht.«

»Was ist mit Mars?«

Tommy blickte von der Fernsteuerung auf, lächelte.

»Hast du beides?«

»Ja.«

»Geklaut?«

»… ja.«

»Okay.«

Tommy streckte die Hand aus, und Oskar legte ein Mars darauf, das Tommy in die Gesäßtasche seiner Jeans schob.

»Danke. Tschüss.«

»Tschüss.«

Als Oskar in die Wohnung gekommen war, legte er alle Süßigkeiten auf sein Bett. Er würde mit dem Daim anfangen, um sich anschließend durch die Schokoriegel zu essen und mit einem Bounty abzuschließen, seinem Lieblingsriegel. Danach kamen die Gummibärchen an die Reihe, die gleichsam den Mund ausspülten.

Er sortierte die Süßigkeiten in einer Reihe auf dem Fußboden neben dem Bett, in der Essordnung. Im Kühlschrank entdeckte er eine halb volle Flasche Coca-Cola, die Mama mit einem Stück Frischhaltefolie verschlossen hatte. Perfekt. Er mochte Coca-Cola lieber, wenn sie schon ein wenig abgestanden war, vor allem zu Süßigkeiten.

Er entfernte die Folie, stellte die Flasche neben den Süßigkeiten auf den Fußboden, legte sich bäuchlings aufs Bett und studierte sein Bücherregal. Eine fast komplette Sammlung der Serie Gänsehaut, hier und da ergänzt durch Die besten Reißer aus Gänsehaut.

Das Fundament seiner Sammlung bildeten zwei Papptüten voller Bücher, die er für zweihundert Kronen über eine Annonce in einem Anzeigenblättchen erstanden hatte. Er hatte die U-Bahn in den südlich der Innenstadt gelegenen Vorort Midsommarkransen genommen und war der Wegbeschreibung gefolgt, bis er die Wohnung gefunden hatte. Der Mann, der ihm öffnete, war fett und krankhaft blass gewesen und hatte mit leicht zischelnder Stimme gesprochen. Glücklicherweise hatte er Oskar nicht zu sich hineingebeten, nur die Papptüten mit den Büchern auf die Treppe hinausgetragen, die beiden Hunderter mit einem Kopfnicken in Empfang genommen und »Viel Vergnügen« gesagt, um anschließend die Tür zu schließen.

Sein Verhalten hatte Oskar beunruhigt. Er hatte in den Antiquariaten an der Götgatan monatelang nach älteren Titeln der Buchreihe gesucht, und der Mann hatte am Telefon behauptet, es handele sich bei den Büchern gerade um diese älteren Titel. Die ganze Sache war irgendwie zu glatt gegangen.

Sobald Oskar außer Sichtweite gekommen war, hatte er die Tüten abgesetzt und durchgesehen. Er war nicht getäuscht worden. Einundvierzig Bücher von Band 2 bis Band 46.

Diese Bücher konnte man nicht mehr kaufen. Zweihundert Mäuse!

Kein Wunder, dass er sich vor dem Mann ein wenig gefürchtet hatte. Er hatte nicht weniger getan, als dem Drachen seinen Schatz abzuluchsen!

Trotzdem ging doch nichts über sein Buch mit Zeitungsausschnitten.

Er zog es aus dem Versteck unter dem Stapel aus Comicheften hervor. Das Buch selbst war nur ein großer Zeichenblock, den er bei Åhléns in Vällingby geklaut hatte; das Ding unter den Arm geklemmt, war er einfach so hinausgestiefelt – wer behauptete, dass er feige war? –, aber der Inhalt …

Er öffnete das Daim, biss ein ordentliches Stück ab, genoss das durchdringende Knirschen zwischen den Zähnen und schlug das Buch auf. Der erste Ausschnitt stammte aus Hemmets Journal: die Geschichte einer Giftmörderin in den USA der vierziger Jahre. Es war ihr gelungen, vierzehn alte Menschen mit Arsen zu vergiften, ehe sie erwischt, verurteilt und auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Sie hatte passenderweise darum gebeten, per Giftspritze getötet zu werden, aber der Bundesstaat, in dem sie ihre Taten verübt hatte, benutzte den Stuhl, und auf dem Stuhl endete sie.

Das war einer von Oskars großen Träumen: zuschauen zu dürfen, wenn jemand auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. Er hatte gelesen, das Blut beginne zu kochen, der Körper winde sich in unmöglichen Winkeln. Er stellte sich außerdem vor, dass die Haare Feuer fingen, besaß dafür jedoch keine schriftlichen Belege.

Trotzdem echt irre.

Er blätterte weiter. Der nächste Ausschnitt stammte aus Aftonbladet und handelte von einem schwedischen Mörder, der seine Opfer zerstückelt hatte. Ein halbscharfes Passbild. Der Mann sah aus wie du und ich. Trotzdem hatte er zwei homosexuelle Prostituierte in seiner privaten Sauna ermordet, sie mit einer elektrischen Motorsäge zerstückelt und hinter der Sauna vergraben. Oskar schob sich den letzten Bissen Daim in den Mund und betrachtete eingehend das Gesicht des Mannes. Wie du und ich.

Das könnte ich in zwanzig Jahren sein.

Håkan hatte eine gute Stelle gefunden, um jemandem aufzulauern, die Sicht auf den Waldweg war in beide Richtungen gut. Etwas tiefer im Wald hatte er eine geschützte Mulde mit einem Baum in der Mitte entdeckt und die Tasche mit der Ausrüstung dort abgestellt. Der kleine Druckbehälter mit Halothan hing an einer Schlaufe unter seinem Mantel.

Nun musste er nur noch warten.

Groß wollte ich auch einmal werden

und so vernünftig wie Vater und Mutter

Seit seiner eigenen Schulzeit hatte er dieses Lied niemanden mehr singen hören. War es von Alice Tegnér? Es gab so viele schöne Lieder, die einfach verschwunden waren, die keiner mehr sang. Überhaupt verschwindet alles Schöne.

Der fehlende Respekt vor dem Schönen. Das kennzeichnete die Gesellschaft von heute. Die Werke der großen Meister wurden höchstens noch für ironische Anspielungen oder für Reklame genutzt. Zum Beispiel Michelangelos »Die Erschaffung Adams«, bei dem man an Stelle des Lebensfunkens eine Jeans eingefügt hatte.

Das Entscheidende an dem Bild, so wie er es sah, waren diese beiden monumentalen Körper, die einzig in zwei Zeigefinger mündeten, die einander fast, aber eben nur fast berührten. Zwischen ihnen lag eine millimetergroße Leere. Und in dieser Leere: das Leben. Die mächtigen plastischen Dimensionen und der Detailreichtum des Freskos bildeten nur einen Rahmen, ein Beiwerk, um desto stärker den leeren Raum in seiner Mitte hervorzuheben. Den leeren Punkt, der alles enthielt.

Und an seine Stelle hatte man nun also eine Jeans platziert.

Es näherte sich jemand auf dem Weg. Er ging in die Hocke, das Blut pochte ihm in den Ohren. Nein. Ein älterer Mann mit Hund. Doppelfehler. Zum einen ein Hund, den man erst zum Schweigen bringen musste, zum anderen schlechte Qualität.

Viel Lärm um nichts.

Er sah auf die Uhr. In knapp zwei Stunden würde es dunkel sein. War innerhalb der nächsten Stunde keine passende Zielperson aufgetaucht, würde er den Erstbesten nehmen müssen. Er musste vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause sein.

Der Mann sagte etwas. Hatte er ihn etwa gesehen? Nein, er sprach mit seinem Hund.

»Jaaa, du musstest ja wirklich driiingend, meine Kleine. Wenn wir zu Hause sind, bekommst du Leberwurst. Eine dicke Scheibe Leberwurst bekommst du von Papa.«

Der Halothanbehälter drückte gegen Håkans Brust, als er den Kopf in die Hände legte und seufzte. Diese armen Menschen. Diese armen, einsamen Menschen in einer Welt ohne Schönheit.

Er fror. Der Wind war im Laufe des Nachmittags kalt geworden, und er überlegte, ob er seinen Regenmantel aus der Tasche holen und anziehen sollte, um sich vor ihm zu schützen. Nein. Der Mantel würde ihn unbeweglich machen, wenn er schnell sein musste. Außerdem erregte er in dem Mantel womöglich vorzeitig Verdacht.

Zwei etwa zwanzig Jahre alte Mädchen gingen vorbei. Nein. Zwei schaffte er nicht. Er schnappte ein paar Gesprächsfetzen auf.

»… dass sie es jetzt behalten will.«

»… ist ein Idiot. Er muss doch begreifen, dass er …«

»… ihre Schuld, weil … mit der Pille wäre das nicht …«

»Aber er muss doch nun wirklich …«

»… stell dir mal vor … der als Vater …«

Eine Freundin, die ein Kind erwartete. Ein Junge, der sich seiner Verantwortung nicht stellen wollte. So war es. Immer und überall. Alle dachten nur noch an sich. Mein Glück, mein Erfolg war alles, was einem zu Ohren kam. Liebe heißt, einem anderen Menschen sein Leben zu Füßen zu legen, und dazu sind die Menschen von heute nicht mehr fähig.

Die Kälte fraß sich in seine Glieder, er würde so oder so steif sein. Er schob die Hand in den Mantel, presste den Hebel des Druckbehälters. Ein zischender Laut. Es funktionierte. Er ließ den Hebel wieder los.

Er schlug die Arme mehrfach um sich. Jetzt soll gefälligst jemand kommen. Allein. Er schaute auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde. Jetzt soll einer kommen. Der Liebe und des Lebens zuliebe.

Doch im Herzen ein Kind will ich sein

denn Kinder in Gottes Reich sind daheim

Es dämmerte bereits, als Oskar das ganze Buch durchgeblättert und alle Süßigkeiten aufgegessen hatte. Wie üblich nach so viel Süßem fühlte er sich vollgefressen und hatte vage Schuldgefühle.

Mama kam erst in zwei Stunden. Dann würden sie essen. Anschließend würde er die Hausaufgaben in Englisch und Mathe machen. Danach würde er vielleicht ein Buch lesen oder mit Mama fernsehen. Heute Abend kam nichts Besonderes im Fernsehen. Dann würden sie Kakao trinken und Zimtschnecken essen, sich ein wenig unterhalten. Daraufhin würde er ins Bett gehen und aus Angst vor dem nächsten Tag nicht einschlafen können.

Wenn er doch jemanden anrufen könnte. Er konnte natürlich Johan anrufen und hoffen, dass dieser nicht schon etwas anderes vorhatte.

Johan ging in seine Klasse, und sie hatten eigentlich viel Spaß, wenn sie zusammen waren, aber wenn Johan die Wahl hatte, wurde Oskar stets ausgemustert. Johan rief Oskar an, wenn ihm langweilig war, nicht umgekehrt.

Es war ganz still in der Wohnung. Nichts geschah. Die Betonwände schlossen sich um ihn. Er setzte sich auf sein Bett und legte die Hände auf die Knie, sein Bauch war vor Süßigkeiten ganz prall.

Als würde etwas passieren. Jetzt.

Er hielt die Luft an, lauschte. Eine klebrige Angst ergriff schleichend Besitz von ihm. Irgendetwas kam näher. Ein farbloses Gas sickerte aus den Wänden, drohte Gestalt anzunehmen, ihn zu verschlucken. Er saß starr, hielt die Luft an und lauschte. Wartete.

Der Augenblick ging vorüber. Oskar begann wieder zu atmen.

Er ging in die Küche, trank ein Glas Wasser und zog das größte Küchenmesser von der magnetischen Leiste. Prüfte die Klinge am Daumennagel, wie Papa es ihm beigebracht hatte. Stumpf. Er zog das Messer zwei, drei Mal durch den Messerschleifer und prüfte es von Neuem. Ein mikroskopisch kleiner Splitter wurde aus seinem Daumennagel geschnitten.

Gut.

Er wickelte als provisorisches Futteral eine Abendzeitung um das Messer, klebte sie mit Tesafilm zusammen und presste das Paket zwischen Hosenbund und linke Hüfte. Nur der Griff ragte noch heraus. Er versuchte zu gehen. Die Klinge war seinem linken Bein im Weg, und er winkelte sie zur Leiste hin. Es war zwar unbequem, aber es ging.

Im Flur zog er seine Jacke an. Dann fielen ihm die zahlreichen Süßigkeitenverpackungen ein, die in seinem Zimmer auf dem Fußboden verstreut lagen. Er sammelte sie ein und stopfte sie für den Fall in die Jackentasche, dass Mama vor ihm nach Hause käme. Er würde die Verpackungen im Wald unter einen Stein legen können.

Er vergewisserte sich nochmals, dass er keine Beweise hinterlassen hatte.

Das Spiel hatte begonnen. Er war jetzt ein gefürchteter Massenmörder. Vierzehn Menschen hatte er mit seinem scharfen Messer bereits getötet, ohne auch nur eine einzige Spur zu hinterlassen. Kein Haar, kein Bonbonpapier. Die Polizei fürchtete ihn.

Nun würde er in den Wald hinausgehen und sich sein nächstes Opfer suchen.

Seltsamerweise wusste er bereits, wie das Opfer hieß, wie es aussah. Es war Jonny Forsberg mit seinen langen Haaren und seinen großen, boshaften Augen. Er würde um sein Leben betteln und flehen und schreien wie ein Schwein, aber vergebens. Das Messer behielt das letzte Wort: Die Erde soll sein Blut trinken.

Oskar hatte die Worte in einem Buch gelesen, und sie gefielen ihm.

»Die Erde soll sein Blut trinken.«

Während er die Wohnungstür abschloss und durch die Haustür ins Freie trat, die linke Hand auf dem Griff des Messers ruhend, wiederholte er sie wie ein Mantra.

Die Erde soll sein Blut trinken. Die Erde soll sein Blut trinken.

Der überdachte Durchgang, durch den er auf den Hinterhof gelangt war, lag am rechten Ende der Häuserzeile, aber er ging nach links, an zwei Hauseingängen vorbei und über die Einfahrt hinaus, auf der Autos auf den Hof gelangen konnten. Er verließ den inneren Befestigungsring, überquerte die Ibsengatan und ging einen Hang hinab. Verließ den äußeren Befestigungsring. Ging weiter Richtung Wald.

Die Erde soll sein Blut trinken.

Zum zweiten Mal an diesem Tag war Oskar beinahe glücklich.

Es blieben nur noch zehn Minuten bis zu der Uhrzeit, die Håkan als letztmöglichen Zeitpunkt festgelegt hatte, als sich auf dem Weg ein einzelner Junge näherte. Soweit Håkan sehen konnte, war er dreizehn oder vierzehn Jahre alt. Perfekt. Er hatte geplant, geduckt zum anderen Ende des Wegs zu laufen und dem Auserwählten anschließend entgegenzugehen.

Doch auf einmal waren seine Beine tatsächlich gelähmt. Der Junge ging unbeschwert den Weg herab, und die Zeit wurde immer knapper. Jede Sekunde, die verstrich, verringerte seine Chancen auf eine makellose Durchführung. Trotzdem verweigerten ihm seine Beine den Dienst. Er stand wie paralysiert und starrte, während der Auserwählte, der Perfekte, sich weiterbewegte, bald auf gleicher Höhe mit ihm sein würde, direkt vor ihm. In ein paar Sekunden würde es zu spät sein.

Ich muss. Muss. Muss.

Tat er es nicht, musste er sich das Leben nehmen. Er konnte einfach nicht mit leeren Händen nach Hause kommen. So war es nun einmal. Entweder der Junge. Oder er selbst. Er hatte die Wahl.

Er setzte sich – zu spät – in Bewegung. Jetzt stolperte er durch den Wald heran, kam direkt auf den Jungen zugerannt, statt ihm ruhig und ungezwungen auf dem Weg zu begegnen. Idiot. Versager. Jetzt würde der Junge misstrauisch werden, auf der Hut sein.

»Hallo!«, rief er. »Entschuldige bitte!«

Der Junge blieb stehen. Wenigstens lief er nicht gleich weg, Gott sei Dank. Er musste etwas sagen, eine Frage stellen. Er ging zu dem Jungen, der abwartend auf dem Weg stand.

»Ja, entschuldige bitte, aber … wie viel Uhr ist es?«

Der Junge schielte auf Håkans Armbanduhr.

»Meine Uhr ist stehen geblieben.«

Der Körper des Jungen war angespannt, als er auf seine Armbanduhr blickte. Das ließ sich nicht ändern. Håkan schob die Hand in den Mantel und legte den Zeigefinger auf den Hebel des Druckbehälters, während er auf die Antwort des Jungen wartete.

Oskar ging den Hügel neben der Druckerei hinunter. Das Völlegefühl im Bauch war berauschender Anspannung gewichen. Auf seinem Weg zum Wald hatte die Fantasie um sich gegriffen und war nun Wirklichkeit geworden.

Er sah die Welt mit den Augen eines Mörders, oder jedenfalls so weit mit den Augen eines Mörders, wie seine knapp dreizehnjährige Fantasie dies zuließ. Es war eine schöne Welt. Eine Welt, die er vollkommen kontrollierte, die vor seinen Entscheidungen zitterte.

Er ging den Waldweg hinab, war auf der Suche nach Jonny Forsberg.

Die Erde soll sein Blut trinken.

Es wurde allmählich dunkel, und die Bäume umschlossen ihn wie eine stumme Menschenmenge, beobachteten noch jede kleinste Bewegung des Mörders, fürchteten, einer von ihnen könnte der Auserkorene sein. Doch der Mörder bewegte sich zwischen ihnen hindurch und an ihnen vorbei; er hatte sein Opfer bereits erblickt.

Jonny Forsberg stand etwa fünfzig Meter vom Weg entfernt auf einer Anhöhe. Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt, sein höhnisches Lächeln ins Gesicht geschmiert. Er dachte wohl, dass die Sache wie immer laufen würde. Dass er Oskar auf die Erde zwingen, ihm die Nase zuhalten und Tannennadeln und Moos in seinen Mund pressen würde, oder etwas anderes in der Art.

Doch da hatte er sich getäuscht. Es war nicht Oskar, der sich ihm hier näherte, es war der Mörder, und die Hand des Mörders schloss sich nun fest um den Griff des Messers, machte sich bereit.

Der Mörder ging langsam und würdevoll zu Jonny Forsberg, sah ihm in die Augen, sagte: »Hallo, Jonny.«

»Hallo, kleines Schweinchen. Darfst du so spät überhaupt noch draußen sein?«

Der Mörder zog sein Messer heraus. Und stach zu.

»Ungefähr Viertel nach fünf.«

»Okay. Danke.«

Der Junge ging nicht weiter, stand einfach da und starrte Håkan an, der selber einen Schritt zu machen versuchte. Der Junge rührte sich nicht von der Stelle, seine Augen blieben auf Håkan gerichtet. Die Sache ging vollkommen schief. Natürlich roch der Junge den Braten. Eine Person war aus dem Unterholz herangestürmt, um nach der Uhrzeit zu fragen, und hatte nun ihre Hand in den Mantel geschoben wie eine Napoleon-Kopie.

»Was haben Sie da?«

Der Junge nickte in Richtung seiner Herzregion. Håkans Kopf war leer, er wusste nicht, was er tun sollte. Er holte den Druckbehälter heraus und zeigte ihm den Jungen.

»Was ist denn das, eh?«

»Halothan.«

»Warum haben Sie das dabei?«

»Weil …« Er fingerte an dem schaumgummiverkleideten Mundstück herum und überlegte fieberhaft, was er antworten sollte. Er konnte nicht lügen. Das war sein Fluch. »Ja, weil … es gehört zu meinem Job.«

»Was denn für ein Job?«

Der Junge hatte sich ein bisschen entspannt. Eine Sporttasche ganz ähnlich der, die er selber oben in der Mulde abgestellt hatte, baumelte an seiner Hand. Mit der Hand, die den Druckbehälter hielt, machte Håkan eine Geste zu der Tasche hin.

»Gehst du zu einem Training?«

Als der Junge auf die Tasche herabschaute, sah er seine Chance gekommen.

Beide Arme schossen nach vorn, die freie Hand legte sich um den Hinterkopf des Jungen, das Mundstück des Druckbehälters wurde auf den Mund des Jungen gepresst, und der Hebel ganz herabgedrückt. Ein Zischeln wie von einer großen Schlange ertönte, und der Junge versuchte seinen Kopf fortzuzerren, aber er saß zwischen Håkans Händen in einem Schraubstock der Verzweiflung.

Der Junge warf sich zurück, und Håkan folgte seiner Bewegung. Das Zischeln der Schlange übertönte alle anderen Geräusche, als sie auf die Sägespäne des Waldwegs stürzten. Håkan hielt den Kopf des Jungen krampfhaft zwischen den Händen fest und presste das Mundstück an seinen Platz, während sie sich auf dem Weg herumwälzten.

Nach einigen tiefen Atemzügen erschlaffte der Junge allmählich in seinem Griff. Håkan hielt das Mundstück an Ort und Stelle und ließ den Blick umherschweifen.

Keine Zeugen.

Das Zischeln aus dem Druckbehälter legte sich wie eine bösartige Migräne auf sein Gehirn. Er ließ den Hebel einrasten, zog seine freie Hand unter dem Nacken hervor, zog das Gummiband heraus und streifte es dem Jungen über den Kopf. Jetzt war das Mundstück fixiert.

Er erhob sich mit schmerzenden Armen und betrachtete seine Beute.

Der Junge lag mit ausgestreckten Armen, das Mundstück bedeckte Nase und Mund, und der Halothanbehälter lag auf seiner Brust. Håkan schaute sich nochmals um, holte die Tasche des Jungen und legte sie ihm auf den Bauch. Anschließend hob er das komplette Paket an und trug es zu der Mulde hinauf.

Der Junge war schwerer, als er gedacht hätte. Viele Muskeln. Bewusstloses Gewicht.

Er keuchte unter der Anstrengung, den Jungen über den morastigen Waldboden zu tragen, während das Zischeln aus dem Druckbehälter ihm wie ein gezahntes Messer in die Ohren schnitt. Er keuchte bewusst lauter als nötig, um das Geräusch zu verdrängen.

Der Schweiß lief ihm den Rücken hinab, und seine Arme waren taub, als er schließlich die Mulde erreichte. Dort lud er den Jungen an der tiefsten Stelle ab und legte sich anschließend neben ihn. Er drehte das Halothangas ab und entfernte das Mundstück. Es wurde still. Die Brust des Jungen hob und senkte sich. In spätestens acht Minuten würde er aufwachen. Doch das würde er nicht.

Håkan lag neben dem Jungen, musterte sein Gesicht, liebkoste es mit dem Zeigefinger. Anschließend rückte er näher an den Jungen heran, nahm seinen willenlosen Körper in die Arme und presste ihn an sich. Er küsste den Jungen zärtlich auf die Wange, wisperte ihm »Verzeih mir« ins Ohr und stand auf.

Tränen wollten ihm in die Augen steigen, als er den wehrlosen Körper auf dem Erdboden liegen sah. Er konnte es immer noch lassen.

Parallele Welten. Ein tröstlicher Gedanke.

Es gab eine parallele Welt, in der er nichts von all dem tat, was er nun tun würde. Eine Welt, in der er nun seines Weges ging und zuließ, dass der Junge aufwachte und sich fragte, was geschehen war.

Aber in dieser Welt war es anders. In dieser Welt ging er nun zu seiner Tasche und öffnete sie. Die Zeit drängte. Schnell zog er den Regenmantel über seine Kleider und holte die Ausrüstung heraus. Das Messer, ein Seil, einen großen Trichter und einen 5-Liter-Plastikkanister.

Er legte alles neben dem Jungen auf die Erde, betrachtete den blutjungen Körper ein letztes Mal. Dann griff er nach dem Seil und machte sich an die Arbeit.

Er stach und stach und stach. Nach dem ersten Stich hatte Jonny erkannt, dass es diesmal nicht so laufen würde wie sonst. Während Blut aus einer tiefen Wunde in seiner Wange floss, versuchte er zu fliehen, aber der Mörder war schneller. Mit zwei flinken Schnitten durchtrennte er die Sehnen auf der Rückseite der Knie, und Jonny stürzte hin, wand sich im Moos, bat um Gnade.

Doch der Mörder ließ sich nicht erweichen. Jonny schrie wie ein … Schwein, als der Mörder sich auf ihn warf, und die Erde trank sein Blut.

Ein Stich für das in der Toilette heute. Einer dafür, dass du mich überredet hast, beim Knöchelpokern mitzumachen. Die Lippen schneide ich dir für alles ab, was du zu mir gesagt hast.

Jonny leckte aus allen Löchern und konnte nichts Böses mehr sagen oder tun. Er war seit langem tot. Zu guter Letzt punktierte Oskar seine stierenden Augäpfel, tschik, tschik, stand auf und betrachtete sein Werk.

Große Mengen des morschen, umgestürzten Baums, welcher der liegende Jonny gewesen war, hatte er losgestochen, sodass der Stamm von seinen Stichen durchlöchert war. Späne lagen um den Fuß des gesunden Baums verstreut, der Jonny gewesen war, als er noch stand.

Seine rechte Hand, die Messerhand, blutete. Es war ein kleiner Einschnitt nahe am Handgelenk; die Klinge musste beim Zustechen in die Hand hinaufgerutscht sein. Kein gutes Messer für diesen Zweck. Er leckte an seiner Hand, säuberte die Wunde mit der Zunge. Es war Jonnys Blut, das er trank.

Er wischte die letzten Reste Blut an dem Zeitungsfutteral ab, steckte das Messer hinein und machte sich auf den Heimweg.

Der Wald, der ihm in den letzten zwei Jahren stets bedrohlich erschienen war, als ein Schlupfwinkel seiner Feinde, war nun sein Heim und seine Zuflucht. Die Bäume zogen sich respektvoll zurück, als er vorüberging. Er verspürte nicht den leisesten Hauch von Furcht, obwohl es allmählich richtig dunkel wurde. Er fürchtete sich auch nicht vor dem nächsten Tag, was immer er mit sich führen mochte. Diese Nacht würde er gut schlafen.

Als er wieder auf dem Hinterhof war, setzte er sich noch eine Weile auf den Rand eines Sandkastens, um sich zu beruhigen, ehe er nach Hause ging. Morgen würde er sich ein besseres Messer besorgen, ein Messer mit Parierschutz, oder wie das hieß … Parierstange, damit er sich nicht wieder schnitt. Denn das würde er noch öfter machen.

Es war ein gutes Spiel.

DONNERSTAG, 22. OKTOBER

Mama standen Tränen in den Augen, als sie Oskars Hand über den Küchentisch hinweg in ihre nahm und fest drückte.

»Du darfst auf gar keinen Fall mehr in den Wald gehen, hörst du?«

In Vällingby war gestern ein Junge in Oskars Alter ermordet worden. Es hatte nachmittags in den Zeitungen gestanden, und Mama war außer sich gewesen, als sie nach Hause kam.

»Das hättest genauso gut du … ich mag gar nicht daran denken.«

»Aber das war doch in Vällingby.«

»Und du meinst, jemand, der Kindern etwas antun will, kann keine zwei Haltestellen mit der U-Bahn fahren? Oder das Stück zu Fuß gehen? Zu uns nach Blackeberg kommen und das Gleiche noch einmal machen? Bist du eigentlich oft im Wald?«

»Nee.«

»Du gehst nicht mehr vom Hof, solange das … Bis sie ihn verhaftet haben.«

»Soll ich etwa nicht mehr zur Schule gehen?«

»Doch, du sollst zur Schule gehen. Aber nach der Schule gehst du schnurstracks nach Hause und gehst höchstens auf den Hof, bis ich nach Hause komme.«

»Und dann?«

Die Sorge in Mamas Augen vermischte sich mit Zorn.

»Willst du etwa ermordet werden? Was? Möchtest du in den Wald gehen und ermordet werden, und ich sitze dann hier und warte und mache mir Sorgen, während du im Wald liegst und … bestialisch zerstückelt worden bist von einem …«

Ihr schossen Tränen in die Augen. Oskar legte seine Hand auf ihre.

»Ich werde nicht in den Wald gehen. Ich verspreche es.«

Mama strich ihm über die Wange.

»Mein Schatz. Du bist doch alles, was ich habe. Dir darf nichts zustoßen. Sonst sterbe ich auch.«

»Mhm. Wie ist es passiert?«

»Was?«

»Na das. Der Mord.«

»Woher soll ich das wissen? Er ist von irgendeinem Irren mit einem Messer ermordet worden. Er ist tot. Das Leben seiner Eltern ein einziger Scherbenhaufen.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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