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Lydia Kraft ist in ihren Kurzerzählungen auf der Suche nach der Antiheldin. Den Protagonisten der Erzählungen, verleiht die Autorin meistens eine satirische Stimme. Humorvoll und mit einem Augenzwinkern finden die Figuren das Spektakuläre im Alltag oder das Profane im Äußersten und manchmal gibt es auch kleine surreale Wunder.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Vielen Dank an alle, die mich bisher mit Wohlwollen und Phantasie, auf meinem bisherigen Weg begleitet haben. Weiterhin einen großen Dank an Tori Amos und 'last but not least' einen Dank an meine Familie.
Herr Mayer meint es gut
Und siehe, es kam schlimmer
Auf den Hund gekommen
Das andere Ich
Schöner Wohnen
Im psychedelischen Weltall
Ein bisschen Frieden
Das Schlüsselkind
Kleider machen Leute
Am laufenden Band
Der Zeitungsartikel
Die Meisterköchin - ein Märchen
Der Dreckspatz
Eingeschneit
Fridolin oder ein Kiezspaziergang
Frühjahrsputz
Der One-Night-Stand
Stromausfall
Die TV-Revolution
Das Nummerngirl
Mutterliebe oder Muttern lieben
Nachts
Wenn Englein reisen
Der Gefühlsstau
Stille Wasser
Wie immer verlässt Herr Mayer pünktlich das Haus. Wie immer stürmen die Nachbarskinder an ihm vorbei.
„Ihr sollt im Haus nicht rennen!“ ruft er ihnen ärgerlich hinterher.
Die Kinder schauen sich um. „Wir haben es doch eilig, Herr Nachbar. Sie können sich ja wieder bei unserer Mutter beschweren.“ Lachend rennen sie die Straße hinunter.
Diese Gören, kein Anstand und Gehorsam mehr, denkt Herr Mayer, während er seinen Weg aufnimmt. Da kann man sich ausrechnen, was aus diesem Land noch werden wird. Aber man muss sich auch nicht wundern, bei der Mutter. Die ist doch völlig überfordert mit diesen Monstern.
Er hat schon einmal versucht, der Frau zu erklären, woran es ihren Kindern fehle. Aber sie fing nur an zu lachen, ja, sie lachte ihn geradewegs aus und antwortete ihm kurz:
„Ja, ich finde auch, dass meine Kinder es immer sehr eilig haben, aber jeder muss doch sein eigenes Tempo bestimmen können, nicht wahr.“
So ist das, wenn diese Frauen Kinder bekommen, wie sie wollen. Geprüft sollten sie werden, ob sie dafür geeignet sind. Aber wozu sollten sie sonst auch taugen, wenn sie nicht einmal dieser naturgegebenen Aufgabe gewachsen sind, denkt Herr Mayer auf seinem Weg.
Ungeduldig steht er dann an der Haltestelle. Der Bus kommt auch wieder später, als der Fahrplan es vorschreibt. Wonach soll Herr Mayer sich hier überhaupt noch richten?
Nervös lässt er seine Aktentasche von der einen in die andere Hand wandern. Dem Busfahrer werde ich heute die Meinung sagen, schließlich muss ich für die Verspätung vor dem Chef gerade stehen. Der Bus hält, und Herr Mayer steigt ein. Er verlangt ein Ticket und sieht dem Busfahrer mutig in die Augen.
„Sie sind heute wieder spät“, sagt er mit einer Stimme, die seine Erregung verrät.
Der Busfahrer blickt ihn kurz an, dann wieder nach vorn.
„Nichts zu machen, Berufsverkehr.“
Herr Mayer befindet, dass es den Verkehr und auch ihn aufhielte, würde er sich jetzt zu einer Diskussion über den Verkehrsfluss hinreißen lassen. Aber nötig hätte es dieser Busfahrer, wütet es stumm in Herrn Mayer, während er sich auf einem Platz hinter dem Fahrer niederlässt und diesen grimmig im Rückspiegel beobachtet. Wo hat der seinen Führerschein gemacht? Der Verkehr ist zu dicht! Dann muss er nachts fahren, wenn er dem Stress des Berufsverkehrs nicht gewachsen ist!
Es ist schönster Sonnenschein, als Herr Mayer am Nachmittag das Büro wieder verlässt. Der Ärger des Morgens ist verflogen, und auch von den letzten zehn Stunden Büroalltag bleibt keine Erinnerung bei Herrn Mayer hängen. Wie immer gab es keine nennenswerten Vorkommnisse bei seiner Arbeit. Obwohl er sich über Frau Weber geärgert hat, die ihm nicht wie gewohnt Kaffee mitgebracht hat.
Der schafft es noch nicht mal, sich zu bedanken, hörte er sie mit überlauter Stimme einem anderen Kollegen erklären.
Was bildet die sich überhaupt ein? Selbst wenn Kaffeekochen nicht in ihrem Arbeitsvertrag festgehalten ist, so ist es doch ein wichtiger Bestandteil ihres Aufgabenbereiches. Und dafür wird sie schließlich bezahlt.
Wo kämen wir hin, wenn ich jeden Tag ein Dankeschön vom Chef erwarten würde? Nicht ein M al wäre mir das in den Sinn gekommen, obwohl ich noch nie für eine Gehaltserhöhung vorgeschlagen worden bin, geht es Herrn Mayer durch den Kopf. Aber jetzt hat er Feierabend, und er findet, es reicht, wenn er Akten von der Arbeit mit nach Hause nimmt.
Ach ja, da war doch noch etwas. Seine Frau hat angerufen und ihn beauftragt, Brot mit zu bringen. Diese dumme Kuh, nicht in der Lage, den Haushalt ordentlich zu führen! Dabei muss sie doch wirklich nichts anderes tun. Ohne mich wäre diese Frau gar nichts, überlegt Herr Mayer, als er die Bäckerei erreicht.
Beim Betreten des Ladens kündigt ein heller Glockenton sein Erscheinen an. Nervös fährt Herr Mayer zusammen. Was für ein Krach! Da muss ich froh sein, wenn ich keine Migräne bekomme, und alles nur, weil ich ein Brot will!
Aus dem Hinterzimmer des Ladens erscheint eine ältere Frau mit gelangweilter Miene. „Und? Sie wünschen?“
„Äh, Guten Tag!“ Nicht einmal grüßen kann diese Frau, wahrscheinlich wäre sie in ihrer Art dann noch schriller und aufdringlicher als ihre Türklingel, denkt Herr Mayer und sagt, ohne sich seinen Ärger anmerken zu lassen: „Ich hätte gerne ein Brot.“
„Ja, was für ein Brot?“ Verständnislos sieht die Verkäuferin Herrn Mayer an. „Mischbrot? Oder Vollkorn? Oder unser Sonderangebot, Landbrot für eins fünfzig?
„Eins fünfzig. Ist das günstig?“
„Die anderen kosten das doppelte.“
Brot zum halben Preis, kann das schmecken? Wer weiß, was die da hinein gemischt haben.
„Zum halben Preis, so, so, wenn die Qualität stimmt, sind eins fünfzig viel gespart bei einem Brot. Ich nehme eins von diesem Landbrot.“ Aber wenn ich heute Abend eine Lebensmittelvergiftung bekomme, werde ich wissen, woran es liegt, schreit es in Herrn Mayer still, während er das Brot nimmt und den Laden wieder verlässt. Wieder lässt ihn das Klingeln der Türglocke zusammen zucken. Meine Nerven, stöhnt es in Herrn Mayer, und nur weil diese unfreundliche Person nicht die ganze Zeit hinter dem Ladentisch stehen will, wo sie doch nun einmal hingehört.
Ohne weitere Gedanken und ohne noch etwas auf seinem Weg wahrzunehmen, was ihn erfreuen könnte, erreicht Herr Mayer sein Haus und steigt die Treppen zu seiner Wohnung hinauf. Er klingelt, aber niemand öffnet. Was fällt der ein, fängt es in Herrn Mayer an zu kochen, während er in seiner Tasche nach dem Wohnungsschlüssel sucht. Da nehme ich ihr die Besorgungen ab, und sie ist nicht einmal zu Hause.
Herr Mayer öffnet die Tür und stellt fest, dass diese nicht abgeschlossen ist. Empört darüber, dass die Ankündigung seiner Person so völlig ohne Reaktion bleibt, betritt er die Wohnung, laut den Namen seiner Frau rufend.
„Hier!“, antwortet ihm eine bemühte Stimme, die aus dem Wohnzimmer kommt. Herr Mayer betritt das Zimmer, kann aber kein Gesicht entdecken, dem er mit funkelndem Auge seinen Groll verkünden kann. Dafür entdeckt er nach einigem Suchen das Hinterteil seiner Frau, die nach vorn gebeugt zwischen Wand und Sofa klemmt.
„Was machst du denn da?“, fragt Herr Mayer fassungslos, da seine Frau sich nicht rührt.
„Hilf mir doch!“, ruft sie jetzt mit kläglichem Tonfall.
Wut entbrannt schiebt Herr Mayer das schwere Sofa zur Seite. „Kannst du nicht vorher darüber nachdenken, was du tust? Kannst du überhaupt irgend etwas allein?“, schreit Herr Mayer seine Frau an, nachdem sie sich wieder aufgerichtet hat und nach Luft schnappt.
„Ich wollte doch nur“, fängt seine Frau weinerlich an zu erklären, „die Sonne schien so schön, und da dachte ich, es wäre eine gute Gelegenheit für einen Frühjahrsputz. Ja, und das Sofa war so schwer, und ich hatte nicht bedacht, dass ich über den Winter ein paar Pfund zu gelegt habe.“
„Hör auf zu heulen“, ruft Herr Mayer mit lauter Stimme, es ist ihm unangenehm, seine Frau in dieser Verfassung zu sehen. „Dann hast du das Essen auch noch nicht fertig?“
Wispernd und schluchzend verneint seine Frau. Wieder bricht die Wut aus Herrn Mayer hervor. „Weißt du eigentlich, dass du meinen ganzen Tagesablauf durcheinander bringst? Erst muss ich in die Bäckerei, und jetzt soll ich auch noch vor dem Essen die Zeitung lesen. Ich muss mich von einem anstrengenden Tag erholen, im Gegensatz zu dir arbeite ich!“
Frau Mayer sagt gar nichts mehr und verschwindet, leise vor sich hin weinend in der Küche. Herr Mayer sagt auch nichts mehr und verschwindet hinter der Tageszeitung, die ihm seine Frau schon auf seinem Lieblingssessel zurecht gelegt hat. Die Neuigkeiten der Welt können ihn heute nicht fesseln. Seine Frau ist unfähig, das hat sie wieder einmal bewiesen, aber plötzlich kann er einen Zusammenhang zwischen ihrer Unfähigkeit und seiner stagnierenden Karriere erkennen.
Er liefert gute Arbeit, aber da er keine entsprechende Erholung finden kann, hat er nicht die Möglichkeit, seine Höchstform zu entwickeln, und das, obwohl er wirklich keine hohen Ansprüche stellt.
Schweigend essen Herr und Frau Mayer. Mürrisch betrachtet Herr Mayer dabei abwechselnd seine Frau und das Essen. Beim Essen fehlt Salz, das ist er gewohnt, auch wenn seine Frau immer wieder beteuert, dass sie genug Salz beim Kochen verwenden würde. So fade, wie ihr Essen ist auch ihr Aussehen, befindet Herr Mayer, während er sie eingehend mustert. Es ist nicht nur diese Nichtfrisur und das ausgeblichene Kleid, das sie trägt. Dieser kummervolle Blick!Und wie sie zusammengesunken da sitzt, als hätte er von ihr die Scheidung verlangt!
Aber Herr Mayer sagt nichts, sondern schaltet den Fernseher ein. Nach den Nachrichten läuft eine Sendung mit Volksmusik. Normaler weise versprechen solche Sendungen einen vergnüglichen Abend, aber heute bleibt seine Stimmung trotzdem getrübt.
Schlecht gelaunt geht Herr Mayer ins Bett, seine Frau folgt ihm und legt sich still neben ihn. Ohne ein Wort löscht Herr Mayer das Licht der Nachttischlampe. Während er auf den Schlaf wartet, geht es ihm durch den Kopf, wie es wäre, wenn seine Frau nicht mehr da wäre. Er würde ein hinreißendes Mädchen kennenlernen. So eins, wie es sie immer in diesen Volksmusiksendungen gibt. Sie würde ihn mit ihrem schwungvollen Lächeln verzaubern und ihn mit ihrer ansteckenden guten Laune mitreißen. Er ist sich sicher, dann würde auch sein Chef bemerken, was für ein Kerl er ist und er müsste nicht mehr lange auf eine Beförderung warten.
Er lauscht in die Nacht. Nur der flache, vertraute Atem neben ihm verrät die Wirklichkeit. Leise steht er auf, zieht sich an und schließt die Fenster. Mit einem kräftigen Atemzug löscht er, die ständig vor sich hin tanzende Flamme in der Gasheizung und dreht die Heizung danach voll auf. Leise schleicht er aus dem Zimmer und zieht genauso leise die Tür hinter sich zu. Er tritt auf die Straße und atmet tief die stille Luft der Nacht ein, bevor er einen langen Spaziergang durch die schlafenden Straßen der Stadt unternimmt.
Es ist 5.45 Uhr, als der Wecker klingelt und Herrn Mayer aus seinen Träumen reißt.
Herr N. setzte sich an den gedeckten Frühstückstisch. Während er die Zeitung nahm, presste er ein kaum hörbares „Morgen“ über seine Lippen.
„Guten Morgen“, antwortete seine Frau und goss ihm Kaffee in die Tasse. Ohne ein Wort des Dankes verschwand Herrn N.s Kopf hinter der Zeitung.
Unvorstellbare Dinge waren passiert, die seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchten. Seit Neuestem wurde sein Land von einer Frau regiert.
„Eine Frau als Regierungsoberhaupt, wie soll das gehen? Da macht doch jeder, was er will“, sinnierte Herr N., wenn die Rede auf dieses politische Ereignis kam.
„Es ist doch aber die Partei deiner Wahl“, versuchte ihn dann seine Frau zu beruhigen. Aber genau das war es, was Herrn N. verunsicherte. Wer sollte jetzt noch für die Wahrung der guten, althergebrachten Werte stehen? Das Leben war so schon unübersichtlich genug geworden.
„Jetzt hört sich aber alles auf!“, rief Herr N. und ließ die Zeitung aufgebracht auf den Tisch fallen.
„Was ist denn nun schon wieder?“, versuchte Frau N. Anteil zu nehmen, um ihren Mann im Ernstfall zu beruhigen.
„Diese Kanzlerin! Jetzt will diese Frau unser Land auch noch in die Freiheit führen! Ja, weiß die denn nicht, was los ist? Wir brauchen mehr Sicherheit und keine Freiheit! Was, wenn die hungernden Afrikaner davon Wind bekommen, die überrennen uns doch! Und dann der gemeine Talibanterrorist. Der lebte doch schon lange, als friedlicher Nachbar getarnt, Tür an Tür mit uns.“ Nein, das ging zu weit. In Zeiten, in denen unkalkulierbare Terroranschläge jederzeit das zivile Leben stören konnten, war dieser politischen Führung nicht mehr zu trauen. Er würde selbst Sorge für seine Sicherheit tragen. Er würde handeln und sich einen Schutzraum bauen.
Gleich nach dem Frühstück ging er in den nächsten Baumarkt. Der war gerappelt voll, denn es wurde gerade mit Supersparrabattaktionen geworben. Der Mehrbedarf an Baumaterialien für die private Sicherheit wurde also erkannt, kombinierte Herr N., der ansonsten nicht viel mit der Heimwerkerei zu tun hatte.
Dass es ein Preisnachlass und keine Preiserhöhung war, die der Baumarkt ausrief, bestärkte Herrn N. in der Annahme, es sei erwünscht, dass der pflichtbewusste Bürger selbst Vorsichtsmaßnahmen für seine Sicherheit traf.
Er stand also nicht alleine da. Trotzdem war es ihm wichtig, den Schein der Normalität zu wahren.
Ohne jemandem das Ziel seines Bauvorhabens zu erklären, suchte er alles zusammen, was er benötigte, und stellte sich in die Reihe der Wartenden an der Kasse.
An der Kasse wollte er gerade sein Portemonnaie zücken, da ertönte der Schrei eines Martinshorn.
Herr N. fuhr zusammen. Jetzt geht es los! Schweiß trat ihm auf die Stirn, und panisch hockte er sich hin, um einem größeren Übel zu entgehen.
„Wo sind die Gasmasken?“, zischte er der Kassiererin leise zu. Aber die Frau an der Kasse sah ihn nur sehr merkwürdig an. Unsicher blickte Herr N. nach vorne und nahm einen Mann und eine Frau wahr, die mit einem Blumenstrauß in der Hand freudig und gespannt zu ihm hinabschauten.
„Wem wollen Sie denn imponieren?“, knurrte Herr N. „Sehen Sie nicht, dass die Lage bitterernst ist?“
„Wir wollen Ihnen gratulieren“, sagte die Frau mit dem Blumenstrauß in der Hand.
„Wieso mir gratulieren? Ich habe nicht Geburtstag!“ Herr N. wurde noch misstrauischer. Waren das Verbündete der Taliban, die ihn anwerben wollten? Als Spion oder gar als Selbstmordattentäter?
„Wir sind von der Geschäftsleitung dieses Baumarktes“, klärte ihn der Mann in Anzug und Krawatte auf.
„Ach, hätte ich wissen müssen.“ Vorsichtig und verstört stand Herr N. auf.
„Sie sind unser einmillionster Kunde und bekommen einen Extrarabatt auf Ihre gekauften Waren.“
„Aber die Sirene“, stammelte Herr N., immer noch ungläubig.
„Eine gute Idee, nicht wahr? Die haben wir extra für dieses Jubiläum einbauen lassen“, erklärte ihm die Frau und drückte ihm den Blumenstrauß in die Hand. Herr N. sagte gar nichts mehr, ließ alle Freundlichkeiten, die ihm als millionster Kunde zustanden, über sich ergehen, nahm die extra für ihn geschnürten Pakete mit den gerade gekauften Utensilien, ließ sich abermals den Blumenstrauß in die bepackte Hand drücken und holte erst wieder tief Luft, als er den Baumarkt wieder verlassen hatte.
„Die haben auch noch Spaß dabei! Aber das Lachen wird ihnen schon noch vergehen. Denen muss man erst noch die Ernsthaftigkeit der Situation klarmachen“, schimpfte Herr N. leise vor sich hin. Vollgepackt betrat er die S-Bahn. Kraftlos ließ er sich und sein Hab und Gut auf ein paar freien Sitzen niederfallen und starrte apathisch aus dem Fenster.
Und dann auch noch Blumen, holte das Geschehene Herrn N. wieder ein. Als ob ich nicht schon genug zu tragen hätte.
Als er wieder ausstieg ging er vorsichtig den Bahnsteig entlang, nicht sicher, wie lange er sein Gepäck noch fest im Griff haben würde. Eine Person vom Wachschutz sprach ihn an.
„Guten Tag! Würden Sie mir mal bitte Ihren Ausweis zeigen?“
„Müssen Sie mich gerade jetzt belästigen?“, Herrn N.s Stimme überschlug sich vor Nervosität.
„Ich habe so viel Gepäck. Sie sehen doch, dass ich keine Hand frei habe.“
„Sie haben nicht zu viel, sondern zu wenig Gepäck“, berichtigte ihn der Wachschützer.
„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte Herr N. mit unruhigen Bewegungen, da ihm ständig eines seiner Pakete oder der Blumenstrauß zu entgleiten drohten.
„Ich habe Sie genau beobachtet“, erklärte der Wachschützer Herrn N. „Sie haben eines Ihrer Pakete im Zugabteil liegen lassen.“
„Ach ja? Das war ein Versehen“, stammelte Herr N. betroffen. Es war ihm nicht aufgefallen, dass ihm etwas fehlte.
„Egal ob versehentlich oder bewusst, diese Tatsache ist höchst verdächtig.“
„Es ist verdächtig, wenn ich etwas vergesse?“, darauf fiel Herrn N. nichts mehr ein.
„Es ist verdächtig, wenn Sie im Zug etwas vergessen“, belehrte ihn der Wachschützer. „Haben Sie noch nichts von den Terroranschlägen in Europas Zügen gehört? Wir müssen wachsam sein.“
„Ja, ja, deswegen bin ich auch unterwegs.“ Herr N. war froh, dass sich das Missverständnis jetzt aufklären würde. „Guter Mann, sehe ich aus wie ein muslimischer Terrorist?“
Der Wachmann aber schien ihn nicht verstanden zu haben.
„Man weiß nie, was die Terroristen für Verbündete haben. Deswegen würde ich jetzt auch gerne mal Ihren Ausweis sehen.“
Herr N. hielt es für ratsam, sich nicht weiter zu beschweren. Man musste ja froh sein, wenn der Staat versuchte, wenigstens ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten.
Die Pakete und den Blumenstrauß von der einen in die andere Hand jonglierend, suchte er seinen Ausweis hervor und gab ihn mit mattem Blick dem Wachschützer.
Während der Uniformierte die Papiere studierte und sich Notizen machte, hielt erneut eine Bahn, und zwei Kontrolleure stiegen mit einem Punk aus. Dieser grinste Herrn N. an und rief:
„Na, Alter! Hamse dir ooch beim Schwarzfahren erwischt?“ Mit einer Büchse Bier prostete er Herrn N. freundschaftlich zu.
Augenblicklich glaubte Herr N., in Ohnmacht fallen zu müssen. Er wusste nicht, was demütigender war, der gemeinsamen Sache mit einem Punk oder einer Talibanfreundschaft bezichtigt zu werden.
Gebeugt und mit hängenden Schultern schmiss er den Blumenstrauß, der mittlerweile nur noch an einzelnen Stängeln die Blüten erkennen ließ, in einen Papierkorb und schleppte sich durch die Straßen der Sicherheit seines Hauses entgegen.
Wochen und Monate waren vergangen. Herr N. hatte sich von den Zwischenfällen beim Einkauf erholt. Mittlerweile konnte er sich stolzer Besitzer eines unterirdischen Schutzraumes im Garten hinterm Haus nennen.
Mehrere Wochen hatte seine Frau nicht mit ihm geredet, da eines ihrer Rosenbeete beim Ausheben der Grube im Wege gewesen war. Sie wollte einfach nicht verstehen, dass ein wirksamer Schutz Opfer verlangte. Aber wenn der Ernstfall eintrat, würde sie es ihm schon einsichtig danken. Dessen war sich Herr N. sicher.
Dafür hatte er aber völlig unerwartet durch den Bau des Schutzraumes seinen Sohn wiedergefunden. Dieser war für ihn schon seit Jahren kaum mehr sichtbar gewesen, und auch die Worte, die sie in dieser Zeit miteinander gewechselt hatten, waren an wenigen Händen abzuzählen. Beim Bau des Schutzraumes hatte er ihm bereitwillig, ja sogar begeistert geholfen. Sein Sohn war es, der ihn davon überzeugte, eine Stromleitung in das Erdloch zu legen. Auch hatte er eigens eine ausgetüftelte Belüftungsanlage entworfen.
Herr N. war zufrieden. Egal was für politische Entwicklungen es geben würde, er konnte sich in Sicherheit wiegen. Seine Würde war wiederhergestellt. Sie verlieh ihm einen aufrechten Gang und ein mildes Lächeln.
Bis eines Tages zwei Männer in langen Mänteln am Gartentor erschienen.
„Guten Tag! Sind Sie Herr Neumann?“
„Ja, und wer sind Sie, dass Sie das wissen?“, fragte Herr N. gut gelaunt und trat ans Gartentor.
„Wir sind von der Sicherheit. Aber die Fragen stellen wir hier.“
Herrn N.s Lächeln erlosch. Wie weit musste der Filz von Gewalt und Korruption gediehen sein, dass die Sicherheit sich von ihm lohnende Informationen erhoffte?
„Sie sind Besitzer eines privaten Schutzraumes?“
„Ach, der Schutzraum.“ Herr N. atmete erleichtert auf. „Ja, das kann man wohl sagen.“
„Was hat Sie denn veranlasst, sich so absichern zu müssen?“
„Ach, ich dachte, es wäre gut, eigenverantwortlich etwas für meine Sicherheit zu tun. Im Ernstfall dem Staat zur Last zu fallen, nein, das wäre nun wirklich nicht meine Art.“ Es war ihm jetzt doch peinlich zuzugeben, dass die Führung einer Frau ihm kein Vertrauen einflößen konnte.
„Gut und schön. Und Sie sind sich sicher, dass Sie nicht mit staatsfeindlichen Aktionen in Verbindung stehen?“
„Also, wissen Sie!“ Abermals fühlte Herr N. sich getroffen. „Ich bin überzeugter Christ, nie würde ich einem Muslim die Tür aufhalten.“
„Wir werden ja nicht nur von der Taliban bedroht“, antwortete einer der Männer kurz und fügte hinzu: „Können wir den Schutzraum mal besichtigen?“
Herr N. ließ die Männer in den Garten, und nicht ohne Stolz öffnete er die Luke, die den Eingang zum Schutzraum versperrte.
Ein seltsamer, süßlicher Geruch stieg ihm in die Nase. Die Männer stürzten an Herrn N. vorbei in das Dunkel hinab.
„Es gibt auch Licht“, sagte Herr N. beleidigt, als auch er in die dunkle Grube hinabgestiegen war und den Schalter für die Lampe umkippte.
Sprachlos blieb er stehen. Er sah eine gepflegte Anlage mit hoch gewachsenen Pflanzen.
„Deswegen wohl der Geruch“, versuchte er die Worte wiederzufinden, als er bemerkte, dass ihn die Männer erwartungsvoll anblickten.
„Eine Marihuanaplantage! Das reicht, Herr Neumann!“ Mit einem völlig neuen Tonfall, der keine Zweifel mehr übrig ließ, kamen die Männer Herrn N. gefährlich nah. „Ihr Spiel ist vorbei. Wir werden Sie jetzt mitnehmen. Dann werden wir uns ausführlich über Ihre Freunde und die Taliban unterhalten.“
Augenblicklich war Herr N. ein gebrochener Mann. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, senkte er den Kopf und erhob ihn auch nicht, als er am Haus vorbeiging, wo seine Frau und sein Sohn standen und zusahen, wie er abgeführt wurde.
„Siehst du, Vater, das ist die Freiheit, von der sie reden. Lass dich nicht unterkriegen!“, hörte er seinen Sohn rufen, ohne zu verstehen, was der da sagte. Erst viel später sollte Herr N. erfahren, dass sein Sohn noch in der gleichen Nacht untergetaucht war.
Frau Schneider war eine glückliche Frau. „Ich habe alles, was man sich wünschen kann“, erklärte sie, wenn die Rede auf sie kam.
Ein treu sorgender Mann, der leicht zufriedenzustellen war. Eine halbwüchsige Tochter und einen kleinen Sohn. Gut, die schulischen Leistungen des Mädchens waren nichts, womit man prahlen konnte, aber da lag die Hoffnung ganz beim Jüngsten. Bei einem Jungen war die Intelligenz sowieso viel entscheidender.
Und ein geräumiges Haus hatte sie, das in einer steten, sauberen Ordnung den Glanz ihres Glückes widerspiegelte. Nur ab und zu hinterließ der Hund ihrer Kinder eine hässliche Dreckspur auf dem gebohnerten Boden. Dann wusste sie, dass die bestehende Ordnung noch nicht perfekt war.
Ihr Mann bekleidete einen gehobenen Posten, und Frau Schneider stand gut da in der Nachbarschaft. Jeder kannte jeden, Neuigkeiten wurden ausgetauscht, und bei Problemen hatte jeder eine Lösung parat. Meinungsverschiedenheiten gab es sicher auch, von denen hörte man aber nur hinter vorgehaltener Hand. Frau Schneider war nicht angreifbar und über jeden Zweifel erhaben.
Umso größer war ihre Bestürzung, als sie sich in einer nachbarschaftlichen Kaffeerunde in ein Gespräch verwickelte.
„Sie auch noch Kaffee, Frau Schneider?“
„Ach ja, bitte, Frau Müller.“
„Ist ja jetzt auch nicht einfach für Sie.“
„Was ist nicht einfach für mich? Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“
„Ich weiß auch nichts“, antwortete Frau Müller. „Ich habe nur bemerkt, dass Ihr Mann in letzter Zeit immer so spät nach Hause kommt.“
„Ach so, das.” Frau Schneider atmete erleichtert auf. „Das ist, weil es für meinen Mann die Karriereleiter steil hinaufgeht. Da muss er viel arbeiten, Leistung bringen. Sie sollten lieber fernsehen, als die Nacht am Fenster zu verbringen.“
„Ach, und ich dachte immer, wer im Chefsessel sitzt, delegiert die Arbeit und hat sie nicht. Da muss ich nicht erst fernsehen.“
„Frau Müller, was wissen wir schon von dieser rauen Arbeitswelt?“
„Das reicht Ihnen als Erklärung für so viele Verspätungen?”, mischte sich Frau Lehmann in das Gespräch. „Ich würde in diesem Fall einen Privatdetektiv engagieren. Der kann schnell Licht ins Dunkel bringen.“
„Privatdetektiv! So etwas brauche ich nicht. Im nächsten Urlaub fahren wir in die Karibik, das schenkt uns niemand. Wir haben es nicht nur zum Weihnachtsfest schön, das ist mir Beweis genug“, verteidigte Frau Schneider ihren Mann und ihre heile Welt.
Dennoch, als sie wieder alleine war, stürzte Frau Schneider in das Dunkel der Ungewissheit und rief noch am selben Abend ihre Mutter an.
„Was? Dein Mann soll fremdgehen? Das kann doch nicht möglich sein.“
„Das habe ich auch gesagt. Aber sie meinten, nur ein Privatdetektiv könne Klarheit verschaffen.“
„Sie meinten! Du bist meine Tochter, einen Privatdetektiv haben wir nicht nötig. Das klärst du anders. Du wirst in Zukunft, wenn du seinen Anzug abbürstest, ein wachsames Auge auf den Stoff werfen.“
„Seinen Anzug abbürsten? Das mache ich nicht. Ich bringe den Anzug in die Reinigung.“
„Dann wirst du es von jetzt an tun. Sag ihm, du willst Haushaltsgeld sparen.“
„Ja, gut. Und was mache ich, wenn ich etwas finde?“
„Das entscheiden wir dann. Bis dahin lass dir nichts anmerken und tu so, als sei alles in Ordnung. Du musst jetzt den Schein der Normalität wahren. Hast du schon Geschenke für das Weihnachtsfest gekauft? Das ist im Moment viel wichtiger.“
