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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Nein, Henrik, nichts zu machen.« Denise von Schoenecker, die Verwalterin des Kinderheimes Sophienlust, strich ihrem neunjährigen Sohn rasch über den wilden Haarschopf. Henrik murrte. Er war mit der Entscheidung seiner Mutter ganz und gar nicht einverstanden. Unlustig ging er neben ihr die Freitreppe hinab. Beim Auto angekommen, probierte er es noch einmal. »Mutti, ich würde wirklich nicht lästig sein. Du weißt doch, du kannst dich auf mich verlassen. Großes Ehrenwort!« Seine grauen Augen bettelten, doch Denise von Schoenecker blieb hart. »Ich habe auf dem Jugendamt zu tun. Dort würdest du dich nur langweilen.« »Aber Mutti…« Mit einem gestrengen Blick brachte Denise ihren Sprößling, der sich gern wichtig machte und seinen größeren Bruder stets beneidete, zum Schweigen. An diesem Blick erkannte Henrik, daß nichts zu machen war. Er zog den Kopf ein und steckte die Hände in die Hosentaschen, erlaubte sich aber einen Schmollmund. Denise lächelte. »Ich bin sicher, daß du dir hier die Zeit weit besser vertreibst.« »Ich nicht. Aber ich weiß, du hast ein Herz aus Stein.«
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2018
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»Nein, Henrik, nichts zu machen.« Denise von Schoenecker, die Verwalterin des Kinderheimes Sophienlust, strich ihrem neunjährigen Sohn rasch über den wilden Haarschopf.
Henrik murrte. Er war mit der Entscheidung seiner Mutter ganz und gar nicht einverstanden. Unlustig ging er neben ihr die Freitreppe hinab. Beim Auto angekommen, probierte er es noch einmal. »Mutti, ich würde wirklich nicht lästig sein. Du weißt doch, du kannst dich auf mich verlassen. Großes Ehrenwort!«
Seine grauen Augen bettelten, doch Denise von Schoenecker blieb hart.
»Ich habe auf dem Jugendamt zu tun. Dort würdest du dich nur langweilen.«
»Aber Mutti…«
Mit einem gestrengen Blick brachte Denise ihren Sprößling, der sich gern wichtig machte und seinen größeren Bruder stets beneidete, zum Schweigen. An diesem Blick erkannte Henrik, daß nichts zu machen war. Er zog den Kopf ein und steckte die Hände in die Hosentaschen, erlaubte sich aber einen Schmollmund.
Denise lächelte. »Ich bin sicher, daß du dir hier die Zeit weit besser vertreibst.«
»Ich nicht. Aber ich weiß, du hast ein Herz aus Stein.« Henrik seufzte abgrundtief, dann drehte er sich um und trabte davon.
»Wenn ich bis zum Abendessen nicht hier bin, dann fährst du mit dem Fahrrad nach Schoeneich«, rief Denise hinter ihm her.
Henrik blieb stehen und wandte sich empört um. »Da liegt also der Hase begraben. Du willst so lange wegbleiben.«
Denise, die bereits im Auto saß, steckte den Kopf aus dem Fenster. »Von wollen kann keine Rede sein.«
»Ja, ja, ich weiß schon!« Henrik machte eine abwehrende Bewegung. »Wenn du es nicht schaffst, werde ich Martha trösten.« Jetzt grinste der Junge, und gleich darauf war er zwischen den Bäumen verschwunden.
Schmunzelnd fuhr Denise um das ehemalige Herrenhaus herum. Es stand mitten in einem großen Park, der von einer hohen Hecke eingefriedet wurde, und war ein schöner Aufenthaltsort für Kinder. Dieses Haus wurde zu Recht das Heim der glücklichen Kinder genannt.
Während Denise durch das große schmiedeeiserne Tor hinaus auf die Straße fuhr, lächelte sie noch immer vor sich hin. Sie dachte an ihren Jüngsten. Er hatte wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie mußte unbedingt zusehen, daß sie rechtzeitig zurück war. Martha hatte doch für den Abend Lammkotelett angekündigt.
Martha war die Köchin von Gut Schoeneich, dem Stammsitz der Familie von Schoenecker. Denises Mann, Alexander von Schoenecker, bewirtschaftete das Gut mit seinen Leuten selbst. Sie wohnte zwar in Schoeneich, hielt sich aber viel in Sophienlust auf. Sie war die gute Seele dieses Kinderheimes und wurde von den Kindern, die sie zärtlich Tante Isi nannten, heiß geliebt.
Bald hatte Denise von Schoenecker die Autobahn erreicht. Sie kam zügig voran und war rasch in der Innenstadt von Stuttgart.
An diesem Tag ging alles schneller, als erwartet. Denise mußte auf keinen Beamten warten, und nach einer Stunde stand sie bereits wieder in der Königstraße. In dieser Fußgängerzone reihte sich Geschäft an Geschäft.
Ein Blick auf die Armbanduhr zeigte Denise, daß sie sich Zeit lassen konnte. Im gegenüberliegenden Warenhaus würde es leicht sein, eine Kleinigkeit für Henrik zu finden. Nick könnte auch einiges gebrauchen. Oje, sie hätte eine Liste für alle Besorgungen aufstellen sollen. Dominik – er wurde von allen nur Nick genannt – war in letzter Zeit wieder ein Stück gewachsen.
Denise war stolz auf ihren Sohn. Er war der Erbe und Besitzer von Sophienlust, das sie bis zu seiner Großjährigkeit verwaltete. Er liebte Kinder und Tiere sehr und tat schon viel für die Schützlinge von Sophienlust.
Er und Pünktchen, ein dreizehnjähriges Mädchen, das eng mit ihm befreundet war, waren ihr schon eine große Hilfe.
Noch immer überlegte Denise, was sie alles kaufen sollte. Da hörte sie plötzlich neben sich ein helles Stimmchen. »Tante Isi!« Und schon schob sich eine kleine Hand in ihre Hand. »Toll, daß wir dich treffen.«
»Marisa!« Erfreut beugte sich Denise von Schoenecker zu dem kleinen Mädchen hinab, das vor nicht allzu langer Zeit in Sophienlust gewohnt hatte.
»Tante Isi«, plapperte die Kleine munter weiter, »wir wollen dich bald einmal besuchen. Meine neue Mutti hat es mir ganz fest versprochen. Dich wollen wir besuchen und natürlich auch Heidi, Vicky, Angelika. Soll ich alle Kinder aufzählen?«
»Nicht nötig. Ich weiß, daß sich alle auf dich freuen werden.«
»Ja.« Marisas Augen leuchteten auf. In ihrer Vorfreude hüpfte sie von einem Fuß auf den anderen. »Ich werde Mutti bitten, vorher Bonbons und Schokolade zu kaufen. Die bringe ich dann mit.« Plötzlich hob Marisa die Hand und schrie aus Leibeskräften: »Mutti, Mutti, hier bin ich!«
Atemlos kam eine junge Frau heran. »Du sollst doch nicht weglaufen. Warum hast du es getan?« fragte sie mit besorgter, aber auch leicht vorwurfsvoller Stimme.
»Darum!« Marisa ergriff wieder Denises Hand. »Ich habe Tante Isi gesehen. Ich mußte sie einfach begrüßen.«
»Ach so, das ist etwas anderes.« Frau Gruber wandte sich an Denise von Schoenecker und begrüßte diese herzlich. »Wir wollen in den nächsten Tagen einmal in Sophienlust vorbeikommen. Marisa hat sich zwar bei uns wirklich gut eingelebt, aber sie spricht noch oft von ihren früheren Freundinnen.«
»Sie sind jederzeit herzlich willkommen.«
»Tante Isi, Mutti!« Aufgeregt wandte sich das Kind an die beiden Frauen, blickte von der einen zur anderen. »Wir lassen Tante Isi jetzt aber nicht fort. Sie soll mit uns spazierengehen. Wir wollen in den Schloßgarten gehen, Tante Isi. Mutti hat Brotkrümchen dabei. Damit wollen wir die Enten füttern. Du darfst mir dabei helfen«, fügte sie großzügig hinzu.
»Es wäre schön, wenn Sie Zeit hätten«, ergänzte Frau Gruber die Einladung ihrer Adoptivtochter.
»Für uns Kinder hat Tante Isi immer Zeit. Sie ist auch eine liebe Tante«, versicherte Marisa und begann heftig an Denise Hand zu zerren. »Dort müssen wir durchgehen. Dann kommen wir in den Schloßgarten.«
»Aber Marisa«, mahnte Frau Gruber. »Du weißt doch gar nicht, ob Frau von Schoenecker uns begleiten kann.«
»Kannst du?« Marisa hörte auf zu zerren. Treuherzig sah sie zu Denise empor.
Denise beschloß, ihren Warenhausbesuch fallenzulassen. Schließlich hatte er auch nicht auf ihrem Programm gestanden. Sie drückte Marisas kleine Hand. »Gut. Eine Stunde habe ich Zeit. Ich begleite euch in den Schloßgarten, und da so schönes Wetter ist, spendiere ich dir auch noch ein Eis.«
»Tante Isi, du bist Spitze«, entgegnete Marisa mit strahlenden Augen.
Zwischen ihrer Adoptivmutter und Denise von Schoenecker lief Marisa munter in den Schloßgarten hinein. Sie zeigte Denise dort die Spielwiesen, eine Weide und einen Baum, der sich gut zum Klettern eignete.
Denise tat, als ob ihr das alles neu wäre, und machte damit dem Kind eine große Freude. Dann waren sie an dem kleinen See, und die Enten kamen, wie erwartet, sofort angeschwommen. Mit lauten Begeisterungsrufen wurden sie von Marisa gefüttert.
Dann drückte Denise Marisa ein Geldstück in die Hand. »Lauf und kaufe dir ein Eis!«
»Prima!« Marisa stürmte davon, und Denise wandte sich an Frau Gruber. Sie fragte, ob sie mit Marisa Probleme habe.
Doch diese verneinte. »Mein Mann und ich sind sehr glücklich mit dem Kind. Es ist zwar sehr lebhaft, aber auch sehr anschmiegsam. Marisa gehört zu uns, und ich glaube, das fühlt sie auch.«
Denise war froh über diese Auskunft. Nicht immer verlief eine Adoption so problemlos. Deshalb war sie selbst stets bemüht, in den ersten Monaten noch Hilfestellungen zu geben. Auch besaß sie eine gute Menschenkenntnis und achtete stets darauf, daß die Kinder zu solchen Eltern kamen, die ihren Veranlagungen und Temperamenten gerecht wurden. Ging eine Eingliederung in die neue Familie ohne ihre Hilfe vor, dann war sie doppelt froh, und das war bei Marisa der Fall gewesen. So vereinbarte sie mit Frau Gruber nur noch den Tag ihres Besuches in Sophienlust.
»So, sobald Marisa zurückgekommen ist, werde ich mich verabschieden«, sagte Denise.
»Es war nett von Ihnen, daß Sie Zeit für uns hatten«, erwiderte Frau Gruber und blickte sich dann suchend um. »Ich kann Marisa nicht sehen. Beim Eisstand steht sie nicht.«
Denise sah sich nun ebenfalls suchend um und entdeckte die Kleine. Sie stand neben einem Kinderwagen.
Denise machte Frau Gruber darauf aufmerksam und diese errötete leicht. »Marisa wünscht sich so sehr ein Geschwisterchen. Ich mache daher gerade eine Hormonkur. Der Arzt hat mir Hoffnungen gemacht.«
»Wie schön für Sie.« Denise freute sich mit der jungen Frau.
Zusammen gingen die beiden Frauen zu Marisa, die nur kurz hochsah.
Begeistert sagte sie: »Ist das nicht ein süßes Baby? Sieh nur, es hat den Daumen im Mund. Ob es Hunger hat? Mutti, ich möchte ihm eine Freude machen. Ich verzichte auf mein Eis und gebe es dem Baby.«
Frau Gruber lachte. »Das Baby ist noch viel zu klein. Eis mag es sicher noch nicht.«
»Was mag es dann?«
»Milch oder Brei, auch zerdrückte Bananen und etwas Gemüse. Aber alles muß ganz fein zerkleinert sein.«
»Du hast recht«, stellte Marisa fest. Gerade hatte das Baby den Mund geöffnet. »Beißen kann es sicher noch nicht. Es fehlen ihm noch die Zähne. Aber ein Eis muß man schlecken.«
»Stimmt, aber davon würde es Bauweh bekommen. An solche Sachen ist sein kleiner Magen noch nicht gewöhnt.«
»Schade!« Marisa überlegte und entschied dann: »Ich kaufe einfach Milch. Es ist doch so warm. Sicher hat das Baby Durst.«
»Es darf auch deine Milch nicht trinken«, erklärte Frau Gruber. Sie wollte weitergehen, aber Marisa zögerte noch immer.
»Es ist ein liebes Baby. Es schaut so zufrieden aus. Aber seine Mutter ist traurig.«
Denise hob den Blick vom Kinderwagen und erkannte, daß Marisa recht hatte. Auf der Bank, vor der der Kinderwagen stand, saß eine Frau. Ihre Haltung drückte Verzweiflung aus. Verlegen fuhr sie sich jetzt über die Augen.
»Kann ich Ihnen behilflich sein?« fragte Denise spontan.
»O… nein. Es ist nur…« Hilflos sah die junge Frau zu dem Baby hin.
»Fehlt dem Kleinen etwas?«
»Ich weiß nicht… ich glaube nicht… ich hoffe nicht.« Die junge Frau zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht, was ich tun soll.« Sie schluckte. Deutlich war zu sehen, daß sie völlig verwirrt war und die Tränen kaum zurückhalten konnte.
»Du mußt nicht mehr traurig sein«, schaltete sich Marisa ein. »Jetzt ist Tante Isi da. Tante Isi hilft immer.«
»Marisa«, mahnte Frau Gruber und ergriff die Hand ihrer Adoptivtochter.
Marisa ließ sich jedoch nicht beirren. »Du hilfst der Frau doch, Tante Isi?« fragte sie.
»Wenn ich kann?« Denise nickte der Kleinen zu und reichte ihr zum Abschied die Hand. Dann wandte sie sich an die junge Frau. »Darf ich mich zu Ihnen setzen?«
»Ich weiß nicht… Natürlich, es ist ja eine öffentliche Parkbank.« Sie rückte etwas zur Seite.
*
Plötzlich begann das Baby zu schreien. Erschrocken sprang die junge Frau auf: »Was hat es denn?«
»Vielleicht Hunger«, sagte Denise von Schoenecker verwundert. Sie fand das Benehmen dieser Mutter wirklich höchst eigenartig.
»Aber ich habe nichts. Ich weiß nicht einmal, was ich ihm geben könnte.« Ratlos sah die junge Frau von dem Baby auf Denise.
»Wann hat das Kind zuletzt etwas zu essen bekommen?« fragte Denise. Sie erhob sich ebenfalls und beugte sich über den Kinderwagen.
»Ich weiß es nicht.« Die Augen der Frau füllten sich mit Tränen. Sie streckte die Hände nach dem Baby aus, ließ sie aber wieder sinken, ohne das schreiende Kind berührt zu haben.
Denise schüttelte leicht den Kopf, dann hob sie das Kind aus dem Wagen. »Na, was haben wir denn?« fragte sie und wiegte das Baby sachte. Sofort hörte das Brüllen auf. Das kleinen Gesichtchen glättete sich wieder.
Denise lächelte. »Ich glaube, es will neu gewickelt werden. Es ist jedenfalls völlig durchnäßt.«
»Ja , aber…« Die junge Frau biß sich auf die Unterlippe. Dann sagte sie verzweifelt: »Ich habe so etwas noch nie gemacht.«
Denise setzte sich mit dem Baby auf dem Arm auf die Bank. Über dessen Köpfchen hinweg lächelte sie der jungen Frau zu und fragte: »Es ist also nicht Ihr Kind?«
»Es ist das Kind meiner Schwester«, antwortete die junge Frau. Sie fuhr sich nochmals über die Augen und wirkte nun bereits etwas entschlossener. »Ich kann mir vorstellen, daß Sie sich wundern, aber ich habe bis heute keine Ahnung von diesem Kind gehabt. Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll. Ich habe von Säuglingspflege nicht die geringste Ahnung. Noch nie habe ich zum Beispiel ein Baby gewickelt.«
»Das ist leicht zu erlernen. Haben Sie Wäsche? Ich kann es Ihnen zeigen.«
»Ich weiß nicht, ob Wäsche da ist, aber ich glaube ja. Verena sprach von einer Tasche.« Die junge Frau bückte sich, holte unter dem Kinderwagen eine prallgefüllte Tasche hervor. Zu Denises Erstaunen enthielt sie eine ganze Menge Windeln, Hemdchen und Strampelhöschen. Auch Jäckchen waren dabei.
»Eine Windel und ein neues Höschen reicht«, sagte Denise, als sie die Unentschlossenheit der jungen Frau bemerkte. Sie legte das Baby in den Kinderwagen zurück und begann es geschickt aus dem nassen Zeug zu schälen.
Die junge Frau stand daneben. Dann streckte sie zögernd die Hand aus und berührte sachte die bloßen Füßchen.
»Wie klein es ist«, sagte sie andächtig.
»Aber nicht zerbrechlich.« Denise lächelte. »Sie können es ruhig anfassen.« Sie wickelte das Kind neu, dann reichte sie es der jungen Frau. »Bis Ihre Schwester zurück ist, wird es reichen.«
»Aber meine Schwester kommt nicht zurück«, platzte die junge Frau heraus. »Sie hat das Kind einfach hiergelassen. Ich verstehe sie nicht, aber so war sie schon immer.« Ein tiefer Seufzer löste sich von den Lippen der jungen Frau. Aber dann sah sie in das entzückende Babygesichtchen, und ihre Miene hellte sich auf. »Ich weiß noch nicht, was ich nun tun soll, aber irgendwie werde ich es schaffen. Das bin ich schon diesem kleinen Wesen schuldig. Meine Schwester sagte übrigens, daß es Yvonne heißt.«
Denise von Schoenecker vergaß die Zeit. Sie nahm wieder auf der Bank Platz und stellte sich vor. »Ich kann Ihnen vielleicht helfen«, sagte sie.
»Hilfe könnte ich schon gebrauchen. Sie sehen mich wirklich ratlos. Aber das geht doch nicht. Ich kenne Sie ja gar nicht.« Unsicher sah sie Denise von Schoenecker an. Diese, große, schlanke, aparte Frau gefiel ihr, aber konnte sie ihr von ihrem Problemen erzählen?
Denise zerstreute diese Bedenken sofort. »Ich liebe Kinder sehr und habe viel Erfahrung mit ihnen.«
»Ich leider überhaupt nicht«, gestand die junge Frau. Dann fügte sie hinzu: »Ich heiße Bettina Clausen und bin kaufmännische Angestellte. Eigentlich sollte ich jetzt bereits wieder hinter meinem Schreibtisch sitzen.«
»Und das Baby?« Denise sah auf das Kind, das in Bettina Clausens Armen wieder eingeschlafen war.
»Das ist ja das Problem. Ich kann es nicht einfach ins Büro mitnehmen.« Die Verzweiflung überfiel die junge Frau aufs neue. »Das ist typisch für meine Schwester. So war sie schon immer. Sie halst die Verantwortung einfach mir auf.«
Bettina Clausen hatte heftig gesprochen. Das Kind in ihrem Armen schreckte auf und begann zu weinen.
»Kommen Sie, das Kind ist müde.« Denise nahm das Baby und legte es in den Kinderwagen. Ein wenig schob sie den Kinderwagen hin und her, dann war die kleine Yvonne wieder eingeschlafen.
Denise schob den Kinderwagen in den Schatten eines Baumes. »Und was wollen Sie jetzt tun?« fragte sie, als sie und die junge Frau sich wieder setzten.
Bettina, die ihre Hände ineinander verkrampft hatte, zuckte die Achseln. »Ich weiß es nicht. Ich bin mir noch nie so hilflos vorgekommen wie jetzt. Dabei bin ich gewohnt zu handeln. Meine Eltern starben, als ich achtzehn Jahre alt war. Verena war damals erst vierzehn. Ich hörte mit der Schule auf und kümmerte mich um meine Schwester. Sie sehen, ich bin gewohnt, auf eigenen Beinen zu stehen. Wir kamen auch ganz gut zurecht, nur hatte meine Schwester andere Vorstellungen vom Leben als ich. Sie müssen wissen, sie ist sehr hübsch. Dadurch setzten sich alle möglichen Flausen in ihrem Kopf fest. Ich erreichte zwar, daß sie das Abitur machte, doch dann ließ sie sich ohne mein Wissen auf einer Schule für Fotomodelle und Mannequins einschreiben. Ich weigerte mich zu zahlen, aber Verena machte das nicht viel aus. Sie fand Arbeit als Fotomodell und zahlte sich die Schule selbst. Von da an sah ich sie nur noch selten.« Bettina Clausen seufzte.
»Und das Kind? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist das das Kind Ihrer Schwester.«
»Ich weiß auch nicht mehr. Heute bekam ich plötzlich im Büro einen Anruf. Verena war am anderen Ende. Sie bat mich, in den Schloßgarten zu kommen, da sie etwas Wichtiges mit mir zu besprechen habe.« Bettina zuckte die Achseln. »Ich war gleich besorgt, denn ich hatte Verena fast zwei Jahre lang nicht mehr gesehen. Sie war in Hamburg gewesen, und ich hatte während dieser Zeit nur zwei Briefe von ihr erhalten. Das andere waren Kartengrüße gewesen. Da meine Schwester am Telefon nicht mit der Sprache herausrücken wollte, bat ich meinen Chef um zwei Stunden Urlaub und eilte hierher.«
Denise hatte aufmerksam zugehört. Ganz konnte sie ihr Erstaunen nicht verbergen. »Und Ihre Schwester, wo ist sie jetzt?« fragte sie.
»Da bin ich überfragt«, bekannte Bettina. »Aber wie ich sie kenne, ist sie jetzt schon nicht mehr in Stuttgart.«
