So könnte es gehen - Pit Bernie - E-Book

So könnte es gehen E-Book

Pit Bernie

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Beschreibung

Rahel, eine israelische Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei in Jerusalem, engagiert sich für ihre palästinensischen Mitbewohner und befasst sich mit deren alltäglichen Problemen. Sie gerät deshalb ins Fadenkreuz der Behörden und muss um ihre und die Existenz ihres Partners Elias bangen. Da sie sich den Begriff Menschenrechte auf ihre Fahne geschrieben hat, lässt sie sich jedoch nicht von ihren Zielen abbringen. Als ihr Exmann David, der als Falke bekannt ist, ihr nachstellt und sie persönlich bedroht, fängt sie erst recht an zu kämpfen. Sie begegnet Yasin, einem Palästinenser der nicht alltäglichen Art, und handelt sich damit weiteren familiären Ärger ein. Dadurch bekommt ihre Philosophie einen besonderen Reiz.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Pit Bernie

So könnte es gehen

Roman

Impressum:

© 2017 Pit Bernie

Umschlaggestaltung, Illustration: Pit Bernie

Verlag und Druck: tredition GmbH,

Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

978-3-7439-8160-7 (Paperback)

978-3-7439-8161-4 (Hardcover)

978-3-7439-8162-1 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Die Handlungen und sämtliche Namen in diesem Buch sind fiktiv. Sollten sich trotzdem Personen, Namen, Gruppen, Institutionen und Vorkommnisse in diesem Buch wiederfinden, sind diese rein Zufällig und in keiner Weise beabsichtigt.

Danke an

Marianne und Reiner

„Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“

Bertold Brecht

1

Jerusalem.

Rahel schaute zur Uhr. Es war Dienstagabend 18: 27. Sie ging zu Elias, ihrem Partner der Rechtsanwaltkanzlei, ins Büro.

Hi Elias, es ist schon fast halb sieben. Ich hab’ meiner Mutter versprochen, dass ich sie heute Abend besuche und mit ihr zum Essen gehe. Bis morgen dann.“

„Ok. Bis morgen. Wie geht’s übrigens Deiner Mutter?“

„Soweit ganz gut. Wie es halt einer Person geht, die in diesem Jahr 70 wird. Aber halt mich jetzt nicht auf. Ich bin schon viel zu spät dran.“

„Also dann – bis morgen. Bye“

Rahel ging nochmals in ihr Büro, holte ihre Tasche und machte sich auf den Weg. Mit dem Auto - sie hatte sich mit einem BMW einen kleinen Traum erfüllt - vom Büro, das im „Morashaviertel“ lag, bis zur Wohnung ihrer Mutter im „Nahalat Ahim“, war es nicht allzu weit. Die Eltern kauften sich dort vor vielen Jahren eine 4-Zimmer-Wohnung, da man von dort gleich in den Grünanlagen und Parks war. Der „Sacher Park“ war ebenso in der Nähe wie der „Wohl Rose Garden“. Etwas Luxus musste schon sein. Es war kurz nach 19:00 Uhr als Rahel bei ihrer Mutter in der Wohnung war.

„Kind, wo steckst du nur? Ich warte schon eine halbe Stunde auf dich.“

„Sorry, Mama, erstens habe ich mich im Büro verspätet und zweitens war ich noch im Stau. Du weißt doch, dass um diese Zeit viel Verkehr ist und zudem gab’s unterwegs noch einen Unfall. Aber jetzt bin ich ja da. Und sag’ nicht immer Kind zu mir. Wie oft hab’ ich dich schon darum gebeten.“

„Ja ja, ich weiß. Du bist und bleibst halt mein Kind. Daran wird sich nie was ändern.“

„Nun denn, lass uns gehen. Da du auch gerne den Fisch magst wie ich, habe ich in dem neuen Lokal, zwei Stra-ßen weiter, einen Tisch für uns reservieren lassen. Das kurze Stück können wir zu Fuß gehen. Ich hoffe, das ist dir auch recht.“

„Kein Problem meine Liebe. Im Gegenteil. Ich hatte schon länger keinen Fisch mehr. Jetzt kann ich mich ja direkt darauf freuen und ein paar Schritte zu gehen ist ja auch nicht schädlich.“

Schweigend erreichten sie nach etwa 10 Minuten das neue Restaurant, welches sehr modern und geschmackvoll eingerichtet war. Viel Glas. Dadurch auch sehr hell und freundlich. Nachdem sie vom Kellner an ihren Tisch geführt wurden und den Platz eingenommen hatten, brachte dieser auch gleich die Speisekarte und notierte die Getränkewünsche der Damen.

„Was ist eigentlich mit deinem Urlaub Rahel? Hast du dich entschieden? Fährst du jetzt nach Deutschland?“

„Ja natürlich Mama. Weshalb sollte ich nicht.“

„Du weißt, dass ich das gar nicht gerne sehe, wenn du jetzt in dieses Land fährst. Hast du die Auftritte dieser Pegida Leute und den aufkommenden Fremdenhass denn nicht registriert oder etwa schon wieder vergessen?“

„Nein, liebe Mama, ich hab’s registriert und auch nicht vergessen. Jedoch solltest du deine Bedenken endlich in den Müll werfen. Was diese Pegida Leute angeht, so haben diese eher Angst vor einer Islamisierung des Abendlandes. Und mit den „Braunen“ werden die auch fertig.“

„Wenn du davon überzeugt bist, dass es richtig ist was du tust, dann tu es. Meine Bedenken werde ich trotzdem nicht los.“

„Sei beruhigt Mama, es wird sicher nichts passieren. Ich habe bereits mit Eva telefoniert wann ich in etwa komme. Muss nur noch die Flugtickets besorgen und das Hotel-zimmer reservieren. Kannst du dich an Eva erinnern?“

„Ja ja, ich erinnere mich. Das ist doch das hübsche und freundliche Mädchen gewesen.“

„Genau. Vor allen Dingen freundlich und korrekt. Und davon gibt’s eine ganze Menge in Deutschland.“

„Hab‘ verstanden Rahel“

Inzwischen brachte der Kellner die Getränke. Einen halben Liter Weißwein und eine Flasche Wasser für beide. Während er einschenkte fragte er höflich:

„Darf es auch etwas zu Essen sein?“

„Ja klar.“ sagte Rahel. „Wir nehmen beide den Salat Nr.1 und anschließend die gegrillte Forelle mit Mischgemüse.“

„Vielen Dank die Damen und sehr zum Wohle.“

„Was machen eigentlich deine Kontakte zu David? Seht ihr euch gelegentlich noch?“

„Nein Mama, ich habe dir schon mehrfach versucht klar zu machen, dass diese Geschichte endgültig erledigt ist. Wir sind geschieden. Jeder geht seinen Weg und lebt sein Leben. Aus. Fertig.“

„Schade, ich hatte immer gehofft, dass ihr euch wieder- findet. Wie du weißt, mochte ich David immer gut leiden.“

„Dann kannst du ihn ja heiraten.“

„So ein Blödsinn. Aber jetzt etwas Anderes. Warst du in der letzten Zeit mal wieder bei Vater auf dem Friedhof?“

„Nein Mama, ich hatte in den letzten Wochen recht viel um die Ohren und war froh, wenn ich abends zu Hause war und die Beine hochlegen konnte.“

„Na, du wirst wohl auch etwas älter und ruhiger.“

„Sieht so aus. Aber ich werde mir in der nächsten Zeit vornehmen da mal hin zu gehen. Du kennst mich doch. Ich war noch nie ein Freund von Krankenhaus- und Friedhofsbesuchen. Im Übrigen denke ich sehr oft an Papa und ich meine, dass dies wichtiger und besser ist als eine Blume und ein paar Steine aufs Grab zu legen wo er erstens nichts davon hat und was er zweitens nicht sehen kann.“

„Meine liebe Rahel, ich sehe das zwar etwas anders, aber wir lassen dieses Thema lieber ruhen. Wir könnten doch die Gelegenheit beim Schopfe packen und nächste Woche zusammen auf den Friedhof gehen. Vater hat seinen 10. Todestag.“

„Was? Schon 10 Jahre sind das wieder? Ich kann‘s kaum glauben. Wann möchtest du?“

„Am Mittwoch. Die Zeit überlasse ich dir.“

„Ok. Ich rufe dich deshalb nochmals an.“

Jetzt meldete sich der Kellner und servierte das Essen mit den Worten: „Einen guten Appetit wünsche ich den Damen.“

„Ich freue mich jetzt erst mal auf das Essen.“ sagte Rahel und prostete ihrer Mutter Rakefet mit dem Glas in der Hand zu.

2

Ramallah.

Es war Freitagabend. Yasin kam ziemlich müde und erschöpft nach Hause. Es war ein langer Tag mit vielen Aktionen, die er und seine Kollegen und Kolleginnen mit den Kindern des Waisenhauses unternahm. Eine wahrlich nicht immer einfache Aufgabe aber die Freude und Dankbarkeit der Kinder entschädigten ihn für vieles. Er machte seine Arbeit mit viel Liebe und Aufopferung. Nicht zuletzt deshalb, da er selbst in einem Waisenhaus aufgewachsen ist und die Ängste und Nöte der Kinder nur allzu gut verstand. Es war für ihn eine Herzensangelegenheit in der Erziehung derart auf die Kinder einzuwirken, dass sie lernten was Toleranz, Respekt und neidloses Miteinander bedeutet. Nur allzu viele gegenteilige Beispiele erlebte er tagtäglich. Und das seit er sich zurück erinnern kann. Aber genau das treibt Yasin an. Aus den Kindern Menschen zu machen mit Verstand und keine geistlosen Fanatiker.

Yasin würde jetzt am liebsten die Beine auf der Couch liegen lassen aber die Pflicht und die Liebe zu seiner Tochter Yaffa gebot ihm, sich jetzt und auf der Stelle in die Küche zu begeben und für beide etwas zu kochen.

Es war schon 20:00 Uhr und Yaffa würde bald zu Hause sein. Er musste heute unbedingt und endlich mit ihr reden. Ihr verständlich machen, dass er zwei Wochen Urlaub machen wollte und sie sich selbst um alles kümmern musste. Noch nie ist er im Urlaub weggefahren. Immer hat er für alles gesorgt. Aber jetzt, sie wurde immerhin in diesem Jahr dreiundzwanzig, war ein Umdenken angesagt.

Ok. Heute musste es sein. Lange genug hat er es vor sich hingeschoben. Er ging in die Küche, schnippelte Gemüse und Zwiebeln und fing an zu kochen. Ratatouille war heute auf dem Plan. Das macht nicht viel Arbeit und sollte für heute reichen. Frisches Fladenbrot hatte sich Yasin noch auf der Heimfahrt besorgt. Er war schon ziemlich fertig als plötzlich das Telefon klingelte. Yasin meckerte vor sich hin

„Bestimmt wird es wieder Halim sein. Der will freitagabends immer Backgammon spielen. Aber heute habe ich keine Zeit. Auch nicht für meinen besten Freund.“

Er nahm den Hörer ab.

„Hallo, wer ist am Apparat?“

„Hallo Papa, ich bin’s, Yaffa.“

„Hallo Yaffa, was gibt’s?“

„Sei mir nicht böse Papa, ich weiß, du bist am Kochen aber ich habe soeben meine Freundin Rana getroffen. Wir haben spontan beschlossen ins Kino zu gehen.“

„Ja wie find’ ich denn das? Überhaupt nicht gut. Ich mach mir hier die Arbeit und du hast keine Lust. Ich hab’ Ratatouille gekocht.“

„Super. Lass es doch einfach auf dem Herd stehen. Wenn ich nach Hause komme, kann ich es mir ja noch warm machen.“

„Ich wollte heute etwas Wichtiges mit dir besprechen Yaffa. Dafür habe ich mir extra den Abend freigehalten.“

„Ist es denn so wichtig? Das können wir doch sicher auch noch morgen besprechen. Ich hab’ morgen, Samstag, frei und bin den ganzen Tag zu Hause.“

„Na ja, wenn das so ist, dann eben morgen. Komm nicht allzu spät nach Hause und pass auf dich auf.“

„Ok Papa. Mach ich. Danke. Bis später.“

Yasin legte seufzend den Hörer auf und begab sich wieder in die Küche. Vorsichtshalber hatte er den Herd abgeschaltet damit nichts anbrennt.

Er nahm sich einen Teller aus dem Schrank und schöpfte sich von dem fein duftenden Gemüse. Zusammen mit dem frischen Fladenbrot war dies zwar eine einfache aber doch leckere Mahlzeit. Nachdem er jetzt ja alleine essen musste, setzte er sich ins Wohnzimmer, legte seine neueste DVD die er sich besorgt hatte ins Abspielgerät und sah sich den Reisebericht über München an.

Kaum waren die ersten Bilder zu sehen, ging wieder das Telefon. Er wollte eigentlich gar nicht abnehmen. Nachdem jedoch dieses penetrante Klingeln nicht aufhörte ging er doch ans Telefon in der Hoffnung, dass Yaffa nichts passiert ist.

„Hallo, wer da?“

„Ich bin’s, Halim. Es ist Freitagabend mein Freund. Du weißt doch sicher was das bedeutet?“

„Ja ich weiß. Du willst sicher wieder mal beim Backgammon-Spiel gewinnen. Stimmt’s?“

„Na klar, Yasin. Nachdem du mich die letzten Male abgezockt hast wäre ich mal wieder dran. Kommst du nachher zu uns? Meine liebe Frau hat feine Süßigkeiten gebacken. Da ist auch was für dich dabei.“

„In Ordnung, lass mich aber noch fertig essen. Ich bin in ca. 30 Minuten bei Euch.“

„Alles klar. Bis gleich.“

Yasin aß ohne Hast und genüsslich sein Ratatouille und sah sich nebenher die ersten Bilder von Bayern und München an. Was er da sah, beeindruckte ihn mächtig und er fühlte plötzlich so etwas wie Fernweh oder Reisefieber. Die Bilder zeigten ihm u.a. den Münchener Flughafen, den Marienplatz, das Rathaus, den Viktualienmarkt, die Allianz Arena des FC Bayern München und mehr.

Das musste schon eine ganz andere Welt sein als die, in der er seit rund 50 Jahren lebte. Er begann sich langsam geistig auf den Trip nach Deutschland vorzubereiten.

Was er sah, reichte ihm fürs Erste. Er nahm sich vor, den Film nochmals in aller Ruhe anzuschauen. Das Essen, so sagte er sich, ist gelungen. Satt bin ich auch geworden. Also, mach ich mich jetzt auf den Weg zu Halim.

Die beiden werden nicht schlecht staunen, wenn ich ihnen erzähle, wo ich demnächst Urlaub mache.

Relativ pünktlich war er, wie er Halim versprochen hatte, am Haus, klingelte und wurde auch sofort freundlich begrüßt und in die Wohnung gelassen.

„Komm Yasin, setz dich. Malika wird uns gleich was Feines bringen.“

„Ich denke wir wollten spielen und du träumst schon wieder vom Essen.“

„Lass gut sein, wir haben die ganze Woche geschuftet. Jetzt genießen wir das Wochenende.“

Kaum ausgesprochen, kam auch schon Malika, die Frau von Halim, mit einem großen Tablett ins Zimmer, servierte Tee und die selbst gebackenen Süßigkeiten. Da gab es feine Baklava. Gefüllt mit Honig, Nüssen und Pistazien sowie Mürbeteiggebäck – Má amoul – gefüllt mit Datteln und Pistazien. Yasin konnte sich’s nicht verkneifen und musste sofort probieren.

„Fein hast du gebacken Malika. Kompliment. Ich hätte es nicht besser hinbekommen.“

„Na ja“ sagte Malika, „Du bist aber auch ein guter Koch und Bäcker geworden.“

„Zwangsläufig“ sagte Yasin, „Wie du ja weißt, musste ich mir alles mühsam selbst beibringen. Aber ich bin mit mir zufrieden und Yaffa auch.“

„Wo ist sie denn?“

„Sie hat mich angerufen und gesagt, dass sie noch mit ihrer Freundin Rana ins Kino wollte. Dabei hätte ich mit ihr heute Abend ein wichtiges Gespräch gehabt.“

„Habt ihr Probleme?“ fragte Halim.

„Nein, überhaupt nicht. Ich bin mit Yaffa sehr zufrieden und liebe meine Tochter über alles. Aber ich muss ihr langsam klarmachen, dass sie sich zu Hause – was die Hausarbeit im Allgemeinen betrifft – etwas mehr kümmern muss.“

„Das kannst du ihr ja auch ein Andermal sagen“ meinte Malika beiläufig „oder gibt es noch wichtigeres?“

Yasin räusperte sich etwas verlegen.

„He Junge, spuck‘s aus. Raus damit“ meinte Halim, „du weißt doch, mit uns kannst du über alles reden.“

„Na ja“ sagte Yasin, „ein Staatsgeheimnis ist es ja nicht und ich muss euch ja sowieso informieren. Also gut. Ich habe mich entschlossen nächsten Monat in Urlaub zu fahren.“

„In Urlaub? Du willst in Urlaub fahren?“ kam es Halim ungläubig über die Lippen.

„Wohin willst du denn?“ hakte Malika gleich nach. „Nach Deutschland. Genau gesagt nach München“ antwortete Yasin.

Im gleichen Augenblick machte sich eine unheimliche Stille im Raum breit als wäre jemand gestorben. Yasin wusste, dass die Beiden – Malika und Halim – solche Reisen skeptisch betrachteten. Weshalb wusste er nicht, aber vielleicht würde er es ja heute erfahren. Deshalb versuchte er auch gleich diesen Vakuumähnlichen Zustand zu beenden, indem er das Gespräch wieder auf Yaffa brachte. „Ich wollte euch, wenn wir jetzt schon beim Thema sind fragen, ob ihr in dieser Zeit für Yaffa da sein könnt, falls sie euch braucht. Also, falls irgendetwas wäre wo sie alleine nicht weiterkommt.“

Halim schnaufte kräftig durch als müsste er sich gerade von einer schweren Arbeit erholen.

„Also, mein Lieber. Was Yaffa angeht, musst du dir keine Sorgen machen. Selbstverständlich werden wir für sie da sein. Wenn du und Yaffa es mögen, kann sie auch bei uns essen.“

„Das ist lieb von euch. Aber gerade darüber wollte ich ja mit Yaffa sprechen. Sie soll auch mal den Kochlöffel in die Hand nehmen.

Wissen, wie sich ein Putzlappen anfühlt. Ihr wisst was ich meine. Leider habe ich es versäumt, sie früh genug damit zu konfrontieren. Jetzt hab‘ ich den Salat. Sie ist viel zu verwöhnt, weil ich immer alles selbst gemacht habe.“

„Mach dir keine Sorgen“ meinte Malika „wenn es dir recht ist, werde ich mit ihr zusammen kochen und mit dem Putzlappen durch die Wohnung tanzen. So wie ich sie einschätze, wird sie dieses Spiel bestimmt ohne zu meckern mitmachen. Wie lange soll denn der Urlaub sein?“

„Es sind zwei Wochen geplant. Ich werde jetzt noch mit Yaffa darüber reden und dann das organisatorische regeln. Ebenfalls denke ich, dass es sinnvoll ist, dass wir uns dann nochmals mit Yaffa zusammensetzen und alles im Detail besprechen. Wäre das für euch in Ordnung?“

„Na klar.“ sagten beide wie aus einem Mund.

„Aber weshalb willst du denn unbedingt nach München“ wollte Halim wissen.

„Das ist ganz einfach“ meinte Yasin, „ich habe mich schon lange mit dieser Scheiße beschäftigt, die sich am 05. September 1972 bei der Olympiade in München zugetragen hat. Ich habe das alles noch nie verstanden und werde es wohl auch nie verstehen. Ich will mir einfach mal das Olympiagelände und die Stadt ansehen.

Dabei werde ich sicher auch die Menschen etwas kennen lernen. Bevor ich zu euch kam, habe ich mir während dem Abendessen schon einen Teil meiner München-DVD reingezogen. Muss eine ganz tolle Stadt sein.“

„Hast du dich auch mit den eventuellen Schwierigkeiten befasst, die du bei dieser Reise bekommen kannst?“

„Ich glaube, dass ich mir da keine Sorgen machen muss. Ich bin ein unbescholtener Mensch. Ich habe mir in keiner Weise irgendwann etwas zu Schulden kommen lassen und fahre in redlicher Absicht dahin. Was mich allerdings beschäftigt ist eure Skepsis. Woher kommt die nur? Könnt ihr mir da weiterhelfen damit ich es verstehen kann?“

„Das ist eine etwas längere Geschichte. Falls es dich brennend interessiert, können wir uns ja nach deinem Urlaub darüber unterhalten.“

„Ok. Machen wir.“

Inzwischen brachte Malika das zweite Tablett mit den Süßigkeiten. Yasin und Halim stopften sich die Teile rein als gäbe es ab morgen nichts mehr zu essen.

„Wie sieht’s eigentlich mit unserem Spiel aus Halim? Wollen wir oder wollen wir nicht?“

„Sicher wollen wir“ sagte Halim und holte das Backgammon-Spiel.

Es war vor längerer Zeit vereinbart, dass ein Match immer über fünf Spiele geht. Und so spielten sie nun auch an diesem Abend. Nach dem zweiten Match, die beide Halim gewann, war Yasin recht müde.

„Ich denke, mein lieber Halim, ich werde jetzt nach Hause gehen. Gratuliert zu Spiel und Sieg hab‘ ich Dir ja schon. Bleibt nur noch Danke und Gute Nacht zu sagen.“

„Ja“ sagte Halim, „auch dir eine gute Nacht. Komm gut nach Hause.“

In diesem Moment kam auch Malika ins Zimmer und verabschiedete sich von Yasin. Der war ganz gespannt ob Yaffa schon zu Hause sein würde. Es war immerhin schon fast Mitternacht. Als er um die letzte Ecke in seine Straße einbog war der erste Blick zum Fenster seiner Wohnung.

Er traute seinen Augen nicht.

Es brannte Licht. Kaum war er in der Wohnung sah er Yaffa, gemütlich in die Glotze starrend, auf der Couch liegen.

„Hallo Yaffa, Du bist ja schon da, wie war’s denn im Kino?“

„Kino war gut, ganz witzig.“

„Und, wie hieß denn der Streifen?“

„Die Schöne und das Biest.“

„Wurde der Film immer noch nicht umgetauft?“

„Wieso?“

„Eigentlich“ Yasin musste sich schon das grinsen verdrücken, „Eigentlich müsste es doch heißen

Der Schöne und das Biest.“

„Ach Papa, du bist doof.“

„Hey, sprich nicht so von deinem alten Vater.“

„So alt bist du jetzt ja auch wieder nicht.“

„Nein, nicht wirklich. Nur müde. Ich geh‘ jetzt ins Bett. Gute Nacht mein Schatz.“

„Gute Nacht Papa. Übrigens, du warst doch sicher bei Halim Backgammon spielen?“

„Ja. Weshalb?“

„Nur so. Wollte nur wissen ob du gewonnen hast.“

„Nein. Heute hat er mich abgezockt.“

„Ok. Gute Nacht.“

Yasin legte sich ins Bett und ließ die gesehenen DVD-Bilder von München nochmals vor seinem inneren Auge vorbeiziehen. Obwohl sich schon eine gehörige Portion Vorfreude bei ihm breitmachte, ging ihm das eigenartige Verhalten von Malika und Halim nicht aus dem Kopf.

Er konnte sich keinen Reim darauf machen. Aber es musste einen Grund dafür geben. Hatten sie womöglich etwas damit zu tun? Konnten sie es über all die Jahre so sehr verheimlichen, dass keiner etwas merkte? Yasin grübelte und grübelte und schlief darüber ein.

3

Jerusalem.

Nachdem Rahel und ihre Mutter das Essen, begleitet von recht belangloser Konversation, eingenommen hatten nahm Rahel ihre Agenda aus der Handtasche und sagte: „Mama, wir können doch den Friedhoftermin auch gleich vereinbaren, oder nicht?“

„Doch Rahel, können wir. Wie gesagt – Mittwoch.“

Rahel sah in ihren Terminkalender und bemerkte, dass Mittwoch nur zwischen 14 und 16 Uhr etwas möglich war.

„Würde es Dir passen, wenn ich Dich ca. 14:30 Uhr abhole?“

„Ja ja, ich sagte Dir ja, dass Du die Zeit bestimmen kannst. Ich werde es mir auch notieren. Noch was“ sagte Rakefet „wann ist eigentlich Dein Abreisetermin nach Deutschland?“

„Das muss ich im Reisebüro noch abklären. Ich hatte vor, Ende Mai zu fliegen.“

„Das ist zumindest - was das Wetter angeht - nicht schlecht.“ meinte Rahels Mutter und fragte nahtlos übergehend:

„Können wir gehen?“

„Halt mal Mama, nicht so schnell. Ich muss doch erst noch bezahlen.“

Rahel gab dem Ober ein Zeichen, der auch sogleich zum Tisch kam.

„Was darf ich den Damen noch bringen?“

„Nur noch die Rechnung.“ sagte Rahel zu dem hübschen, jungen Ober mit einem Lächeln im Gesicht, dass Rahels Mutter gleich Verdacht schöpfte und fragte:

„Kennst Du diesen jungen Mann?“

„Nein Mama, noch nicht.“

„Denk dran Kind, der ist viel zu jung für Dich.“

„Ich befürchte, Du hast mal wieder recht.“

Inzwischen kam der Ober wieder mit einer kleinen Schatulle in der die Rechnung war. Rahel nahm die Rechnung heraus, legte das Geld in das Kistchen und noch etwas Trinkgeld dazu.

„Waren die Damen zufrieden?“

„Ja,“ sagte Rahels Mutter. „Es war alles bestens.“

„Vielen Dank die Damen. Empfehlen Sie uns bitte weiter.“

„Machen wir.“ und Rahel verließ mit Rakefet das Restaurant.

„So ein bisschen laufen tut jetzt noch gut“ meinte Mama, „auch wenn es nicht weit ist.“

„Stimmt“ sagte Rahel „das Essen war großartig. Sollten wir irgendwann wiederholen.“

Rakefet sagte nichts. Schweigend liefen sie zur Wohnung wo sich Rahel von ihrer Mama verabschiedete.

„Also, Mama, bis Mittwoch. Und gute Nacht.“

„Gute Nacht Rahel und danke für die Einladung.“

„Ist schon gut. Schalom.“

Am nächsten Morgen kam Rahel gut gelaunt ins Büro. Elias war schon da und begrüßte sie mit einem etwas mürrischen Gesichtsausdruck.

„Was ist denn mit Dir los? Du schaust ja als hättest Du die letzte Nacht durchgemacht. Oder gab’s wieder mal keinen Sex?“

„Nerv mich nicht. Du weißt genau was zurzeit bei mir zu Hause los ist.“

„Das weiß ich wohl. Nämlich nicht viel. Das Beste für Euch beide wird sein ihr lasst euch scheiden.“

„Wird wohl darauf hinauslaufen. Warten wir’s ab. Wie war das Date mit Deiner Mutter?“

„Nichts Aufregendes, abgesehen davon, dass sie mir am liebsten meine Reise nach München ausreden würde.“

„Wieso denn das?“

„Na ja, wie unsere Alten halt so sind. Immer die Angst es könnte etwas passieren.“

„Wann willst Du gehen? Ich sollte es wissen, damit ich mich darauf einstellen kann. Termine und so. Du weißt schon.“

„Stell’ Dich mal auf 3 Wochen ein. Von Ende Mai bis ca. Mitte Juni. Ich werde diese Woche noch zum Reisebüro gehen und alles klären. “

„Ok“ sagte Elias „werde ich mir notieren.“

„Noch was Elias, liegt von Deiner Seite am Mittwoch nächster Woche etwas Besonderes an? Ich habe meiner Mutter zugesagt, sie auf den Friedhof zu begleiten.“ Elias schaute in seinen Terminkalender und sagte zu Rahel:

„Nein, nichts von Bedeutung. Kannst Du in Ruhe machen.“

„Gut. Danke.“ sagte es und verschwand in ihrem Büro. Da sie die nächsten zwei Tage keine unverschiebbaren Termine hatte ging sie sofort ans Telefon und vereinbarte mit dem Reisebüro einen Termin für kommenden Donner-stag.

Sie hatte sich im Internet bereits kundig gemacht und sich einige günstige Flüge notiert. Innerlich hatte sie sich aber bereits entschieden mit EL-AL zu fliegen.

Die Sicherheits-Checks schienen ihr bei der heimischen Fluggesellschaft doch am effizientesten zu sein. Dafür zahlte sie gerne etwas mehr. Air France oder Lufthansa wären Alternativen gewesen – Air France etwas günstiger, Lufthansa teurer – aber was soll’s. Sicherheit geht vor.

Irgendwie hatte sie heute überhaupt keine Lust auf Arbeit und sonstigen lästigen Kram. Das ewige Genörgele ihrer Mutter, auch das von gestern Abend, ging ihr so auf die Nerven, dass sie am liebsten Morgen schon fliegen würde. David hier, David da. Mach das nicht und überleg‘ dir jenes gut. Schrecklich. Lästig. Hoffentlich kommt Mama endlich mal gedanklich von David weg sinnierte sie so vor sich hin. Immerhin sind wir doch schon einige Zeit geschieden. Wie vom Blitz getroffen stand Rahel auf, schnappte ihre Tasche und ging zu Elias ins Büro.

„Hey Elias, brauchst Du mich die nächsten zwei Tage?“

„Nein, weshalb?“

„Dann nehme ich mir zwei Tage frei. Ist das Ok für Dich?“

„Alles klar. Viel Vergnügen.“

Rahel verabschiedete sich und ging zum Auto in der Tiefgarage. Vom Büro zu Ihrer schnuckeligen Viereinhalb-Zimmer-Wohnung war es nicht allzu weit.

Sie wohnte im selben Viertel wie ihre Mutter, im „Nahalat Ahim“, was sie aber nicht veranlasste, Mama öfters als unbedingt nötig zu besuchen. Zu Hause angekommen machte sie sich erst mal einen Espresso, zog ihre bequemen Trainingsklamotten an und startete ihr Tablet. Nachdem der Espresso fertig war, begann sie über eine Suchmaschine Hotels in München zu suchen. Da ihre Freundin Eva in Grünwald lebte bot es sich an, dort in der näheren Umgebung auch etwas Passendes zu suchen.

Über einen Hotelanbieter fand Rahel in Oberhaching ein schönes Hotel mit einigen Sternen. Die Lage und das Preisniveau sagten ihr auf Anhieb zu. Sie sah sich die Bilder vom Hotel und von den Zimmern an und kam zu der Überzeugung, dass dieses Hotel eine gute Wahl sein würde zumal die Entfernung bis nach Grünwald gerade mal rund 6 Km ausmachten. Sie speicherte das Hotel in ihrer Lesezeichen Verwaltung ab und informierte sich anhand eines Routenplaners, wie weit es vom Flughafen bis zum Hotel ist. Sie fand heraus, dass es knapp über 50 Km sein mussten und sie mit einem Mietwagen ca. 35 – 45 Minuten brauchen würde. Nun, so dachte Rahel, kann ich gleich noch schauen, was während der Zeit meines Aufenthaltes in München alles angeboten wird. Nachdem sie den Veranstaltungskalender für München aufgerufen hatte und die Vielfalt der Veranstaltungen sah, druckte sie sich kurzerhand alles aus und legte dies in ihren bereits angelegten Urlaubsordner.

Für ihren Geschmack hatte sie heute orgamäßig genug getan und zog jetzt einen kleinen Spaziergang in Erwägung. Sie schaute aus dem offenstehenden Fenster und stellte mit Bedauern fest, dass es gerade anfing zu regnen. Es war April und es konnte durchaus einige Regentage in dieser Zeit geben. Mit 17 Grad Außentemperatur war es aber doch schon relativ mild. „Nun, dann eben nicht“ dachte sie sich, legte sich auf die Couch und las ein Buch. Irgendwie musste sie darüber eingeschlafen sein und erwachte gegen 17:00 Uhr wieder, nachdem sie ein fürchterliches knurren im Magen verspürte. Das konnte nur der Hunger gewesen sein der sie geweckt hat. Da muss ich aber sofort Abhilfe schaffen dachte sich Rahel, nahm ihr Smartphone in die Hand und rief die gespeicherte Nummer vom Pizza-Service an. „1-mal Pizza Quattro Stagioni mit Tomatensalat bitte.“

„Danke. In ca. 25 Minuten bringen wir es Ihnen“ war die Antwort des Pizzamenschen. Es regnete inzwischen wie aus Kübeln was der Natur natürlich sehr gut tat, denn Wasser von oben gab es seit einigen Wochen nicht mehr. Das Essen kam auch recht pünktlich und Rahel machte sich genüsslich über die Pizza her. Kaum war sie fertig klingelte es an der Haustüre.

„Mein Gott, wer kann das sein?“ sprach sie laut vor sich hin und ging an den Spion. Nichts zu sehen. Wer ist da? – fragte sie über die Sprechanlage. Ein zögerliches „Ich bin‘s“ kam zurück. „Ich bin‘s, Elias.“

„Was willst Du denn? Ist was passiert?“

„Nein, nicht wirklich. Ich wollte nur ein bisschen mit Dir reden. Hast Du Zeit für mich?“

Es passte Rahel zwar überhaupt nicht, wenn sie so überrumpelt wurde, aber wegschicken konnte sie Elias jetzt auch nicht.

„Ok, komm hoch – 3. Etage.“

Sie räumte schnell Geschirr und Besteck weg und schon klopfte es an der offenstehenden Türe.

„Komm rein, Elias.“

„Hallo Rahel, ich habe was mitgebracht als Dankeschön und zur Gesprächserleichterung. Ne‘ Flasche Sekt.“

„Hast Du was zu feiern?“

„Nein, aber mir war danach einfach zu reden. Zu Hause fällt mir sonst die Decke auf den Kopf und in die Kneipe wollte ich auch nicht. Das kann nur böse enden.“

„Setz‘ Dich und schieß los.“

„Zuerst muss ich Dir ein Kompliment machen. Du siehst auch im einfachsten Dress bezaubernd aus.“

Rahel trug zu Hause ihr Kastanienrotes, schulterlanges Haar gerne offen. Das kannte Elias nicht an ihr. Was er aber kannte und jeden Tag sah, waren ihre wunderschönen, smaragdgrünen Augen und die super Figur die in der Phantasie jedes Mannes Lust auf mehr machten.

„Danke, mein Lieber, aber Du bist ja sicher nicht zum Blumen verteilen gekommen. Was bedrückt Dich denn?“

„Möchtest Du nicht das Fenster schließen?“ fragte Elias mit einem hinterlistigen Gesichtsausdruck und spürte dabei ein etwas aufmüpfiges Teil in seiner Hose.

„Wieso? Ist Dir kalt?“

„Nein“ sagte Elias „aber, wenn ich Dich genau anschaue sehe ich, dass es Dir kalt sein muss. Ich denke Du frierst, oder es muss etwas Anderes sein.“

Rahel sah etwas verlegen auf ihre Brüste und stellte fest, dass sich ihre Nippel neugierig in Richtung Elias bewegten und sich auf eine für sie, zumindest jetzt, unangenehme Art bemerkbar machten.

Kommentarlos schloss sie das Fenster und forderte Elias auf nun endlich zur Sache zu kommen.

„Es sind eigentlich zwei Dinge die mich zurzeit beschäftigen.“

„Und das wären?“ fragte Rahel.

„Erstens meine private Situation. Ich habe den Verdacht, dass meine Frau einen anderen hat. Sie ist sehr mundfaul geworden. Will sagen, sie spricht nur noch das nötigste mit mir und geht mir auffallend viel aus dem Weg. Sexuell läuft seit Monaten nichts mehr. Ich weiß nicht woran das liegt. Vielleicht kannst Du mir einen Tipp geben. Ihr Frauen seht vieles doch ganz anders.“

„Was soll ich da sagen“ meinte Rahel, „ich kenne Dich zwar schon recht lange aber eben auch nur aus dem Büro und durch unsere geschäftlichen Gespräche. Wie Du privat tickst weiß ich natürlich nicht.“

„Komm“ sagte Elias, „wir machen jetzt die Flasche auf. Vielleicht fällt Dir nach dem dritten Schluck etwas ein.“

Rahel holte zwei Gläser aus dem Schrank und Elias machte die Sektflasche auf. Nachdem sie sich zugeprostet und jeder einen kräftigen Schluck genommen hatte, fuhr Elias im Gespräch weiter. Das zweite, worüber ich in letzter Zeit oft nachdenke, ist unsere geschäftliche Zukunft.

„Wieso denn das?“

„Du weißt doch was auf unserem Schild am Bürohaus steht.

Rechtsanwaltskanzlei

für Menschenrechte.

Adamsohn & Partner

„Ja, und?“ – „Was ist da verkehrtes daran?“ wollte Rahel wissen.

„Genau genommen gar nichts.“ entgegnete Elias. Ich mache mir nur sorgen, ob sich unsere Klientel in den nächsten 15 bis 20 Jahren noch eine Rechtsberatung leisten kann. So lange müssen wir beide noch arbeiten. Es sei denn, Du heiratest einen Millionär.“ „Ebenfalls habe ich meine Zweifel, ob es unsere Mandantschaft in fünf bis zehn Jahren überhaupt noch gibt.“

„Also, mein lieber Elias, jetzt mach mal halblang und sei nicht so pessimistisch. Ich glaube bis jetzt noch nicht daran, dass die Palästinenser - oder auch Araber wie man sie gerne nennt - in unmittelbarer nächster Zeit freiwillig ihr Land verlassen oder dass sie von den Israelis gänzlich und mit Gewalt vertrieben werden. Das kann sich eigentlich keine Regierung leisten. Weder der Likud noch sonst wer.“

„Rahel, ich würde Dir ja gerne glauben, aber erstens sagst Du mit Recht „eigentlich“ und eigentlich bedeutet immer eine Einschränkung. Zweitens sagt mir mein Bauchgefühl etwas Anderes. Du kennst mich als eher rational denkenden Menschen und weißt inzwischen aber auch, dass mich mein Bauchgefühl selten bescheißt.

Ich denke, dass die Ideen und langfristigen Vorhaben in manchen Köpfen in eine ganz andere, eher unverantwortliche Richtung gehen.“

„Hast Du dafür Beweise oder irgendwelche Anhaltspunkte?“ fragte Rahel.

„Natürlich nicht, ich sagte ja – es ist erst einmal ein Bauchgefühl. Darüber hinaus habe ich mir in der letzten Zeit immer wieder mal diverse Berichte und Zahlen angeschaut. Rein mathematisch gesehen, wird es auf irgendeine Art und Weise darauf hinauslaufen, dass die Palästinenser scheibchenweise dezimiert werden. Eliminiert werden. Nenn es wie Du willst. Salamitaktik. Pi mal Daumen: 5 Tote Israelis ergeben 50 tote Palästinenser. Ich finde diese Taktik schlicht gesagt scheiße und perfide. Als würde es keinen anderen Weg geben. Schau Dir die Ergebnisse an im 6 Tage Krieg. Im Libanon. Im Gaza. Es läuft letzten Endes immer auf dasselbe hinaus. Irgendwie sind das doch auch Beweise.“

„Du hast Recht, Elias. Ich sehe das schon auch so. Aber wie kann man diesen Aktivitäten Einhalt gebieten? Ich sehe überhaupt keine Möglichkeit. Solange die Europäer und Washington tatenlos zusehen und über ein lauwarmes, dummes Geschwätz nicht hinauskommen wird sich nichts ändern. Das Entziehen der Rechte der Palästinenser, also unserer Mitbürger und Mandantschaft, vollzieht sich auf eine recht subtile Weise. Ein respektloses Beispiel dafür ist die Siedlungspolitik. Unsere Regierung will in den Palästinensergebieten doch tatsächlich wieder Siedlungen mit über 50.000 Wohnungen bauen. Ich bin mir hier aber nicht ganz im Klaren darüber ob alle Parteien in der Regierung ganz hinter diesem Vorgehen stehen. Zumindest die großen. Und wenn, dann nur um des Machterhaltes willen. Schlimm genug. Das ekligste Bild in diesem Theater geben die Siedler, die Orthodoxen und UltraorthodoxenParteien ab.“

„Ganz genau“ hackte Elias ein, „diese Vorgehensweise höhlt doch die Begriffe von Demokratie und Menschenrechte total aus. Ich frage mich, wie die Europäer und insbesondere die USA ihre so genannten „Werte“ glaubwürdig verteidigen wollen, wenn sie nicht einmal bereit sind, unrechtes als Unrecht anzuerkennen. Mal ganz abgesehen davon, dass mir die Europäer eher als das Sprachrohr von Washington vorkommen. Allen voran die Deutschen.“

„Ich sehe das in etwa auch so“ meinte Rahel, „wobei ich das Verhalten der Deutschen auf der einen Seite verstehen kann – geschichtlich begründet. Andererseits kann es für meine Begriffe und für mein Rechtsverständnis nicht sein, dass man die Augen verschließt und Vorgänge ignoriert, die man als übelste Verbrechen im dritten Reich angeprangert hat.“

Rahel und Elias steigerten sich im Gespräch derart, dass sie nicht merkten, die Flasche Sekt leer getrunken zu haben. Plötzlich fiel Elias ein, dass er immer noch Durst hatte und fragte: „Hast Du noch ‚ne Flasche?“

Rahel überlegte kurz und stand auf.

Sie ging in die Küche und holte aus dem Kühlschrank noch eine Flasche Champagner. Zwei derselben Sorte hatte sie generell als Reserve immer im Kühlschrank. Man weiß ja nie. Während Elias die Flasche öffnete erinnerte er Rahel nochmals an seine Frage von vorhin.

„Wolltest Du mir nicht einen Tipp geben, was ich in punkto Frauen besser machen kann?“

„Nein, wollte ich nicht“ sagte Rahel. „Wie ich Dir bereits zu verstehen gab, kenne ich Dich privat viel zu wenig um nicht zu sagen – überhaupt nicht. Sag mir, wo liegt Dein Problem? Du musst doch am besten Wissen was bei Dir gut funktioniert und was nicht. Was Deine Frau bei Dir moniert und was sie gut findet. Findet sie was gut?“

„Zum Ersten habe ich das Gefühl, dass unsere Beziehung verlottert. Das mag verschiedene Gründe haben. Sie wirft mir immer wieder vor, dass ich mich nicht genügend um sie kümmere und dass ich zu viel Zeit im Büro verbringe oder anders gesagt, dass ich für meinen Beruf zu viel Zeit opfere und für sie zu wenig. Ich habe ihr dazu geantwortet, dass ich mit meinem Beruf ja genügend Geld verdiene und wir uns damit auch ein relativ gutes Leben leisten können. Sie bringt einfach die Reihenfolge durcheinander. Erst arbeiten und Geld verdienen. Dann Geld ausgeben. Nur so funktioniert es und nicht anders herum.“

„Dann besorge ihr doch einen Job. Sie hat doch genug Zeit. Sehr wahrscheinlich zu viel. Euer Sohn ist aus dem Haus. Da hat sie wohl übrige Zeit zum Nachdenken.“

„Diesen Vorschlag hab’ ich ihr auch schon gemacht. Offensichtlich passt ihr das überhaupt nicht.

Am liebsten möchte sie die vornehme Dame spielen, jeden Tag zum Shoppen gehen und, und, und. Das geht mir so was von auf den Senkel.“

„Kann ich verstehen“ sagte Rahel „aber da musst Du durch, oder die Konsequenzen ziehen. Du hast ja bei mir gesehen wie das ist. Irgendwann kommt der Punkt, da muss man sich entscheiden sonst macht man sich kaputt. Rede mit ihr Tacheles, dann siehst Du in welche Richtung sie sich bewegt.“

Während es draußen immer noch regnete und die zweite Flasche inzwischen auch leer war fragte Elias:

„Hast Du noch ‚ne Flasche?“

Rahel überlegte blitzschnell und sagte:

„Nein, mein lieber. Leider nicht.“

Sie wusste, dass sie Elias nur mit allergrößten Schwierigkeiten nach Hause schicken konnte, wenn sie jetzt noch eine Flasche aufmachen würde.

„Schade, sehr schade“ meinte Elias „soll ich Dir etwas sagen?“

„Was denn?“ fragte Rahel zurück.

„Am liebsten würde ich jetzt bei Dir bleiben. Hast Du ein Bettchen für mich frei?“

Rahel schluckte trocken, war aber um eine Antwort nicht verlegen.

„Mein lieber Elias, dagegen spricht einiges. Erstens bist Du verheiratet und mit verheirateten Männern fang’ ich nichts an. Das bringt nur Ärger. Zweitens sind wir im Büro ein gutes Team und dabei soll es auch bleiben. Ich möchte, dass wir uns täglich ohne Belastung in die Augen sehen können.

Drittens bist Du für persönliches und intimes nicht mein Typ. Ich denke, das sind genügend vernünftige Gründe um dieses Thema abzuschließen.“

Elias entglitt ein tiefer Seufzer.

„Nun, dann muss ich mich eben damit abfinden nachdem Du mir jetzt die letzte Hoffnung zunichtegemacht hast.“

„Sei nicht traurig“ sagte Rahel „Du wirst sehen und erkennen, dass ich recht habe.“

„Ok meine liebe Rahel, dann mach ich mich jetzt vom Acker. Hab’ trotzdem vielen Dank, dass Du mir zugehört hast. Wir sehen uns ja dann wieder übermorgen.“

Elias ging zu seiner Jacke die an der Garderobe hing und fragte: „Kannst Du mir einen Schirm ausleihen?“

„Na klar, im Schirmständer stehen einige. Nimm einen davon.“

Elias nahm sich einen von den vier Schirmen im Ständer, sagte nochmals Danke und ging.

Rahel war erleichtert, dass sie ihn so problemlos nach Hause schicken konnte. Sie hatte es geahnt, dass er irgendwelche Absichten mit ihr hatte. Aber für sie war das nie ein Thema. Im Übrigen dachte sie sich: was soll ich mit einem Mann der gerade mal 1,60 groß ist und dessen Figur eher an den kleinen, international bekannten Film-schauspieler erinnerte auf dessen Namen sie aber in diesem Moment nicht kam. Nein, also wirklich nicht. Und noch etwas fiel ihr ein. Sein gelegentliches ungepflegtes Aussehen. Vielleicht war das ja auch etwas, was seine Frau störte. Sie würde ihm das bei nächster Gelegenheit einfach mal sagen müssen. Damit war der Tag auch schon fast abgeschlossen.

Rahel schaltete den Fernseher ein um noch etwas über das Tagesgeschehen zu erfahren. Nachdem sie das wichtigste gehört und gesehen hatte beschloss sie, heute etwas früher ins Bett zu gehen. Gedacht – getan.

Am nächsten Morgen erwachte Rahel frisch und ausgeschlafen. Sie schaute vom Bett aus dem Fenster und stellte mit Freude fest, dass es aufgehört hat zu regnen. Die Sonne streichelte ihr glänzendes Haar und gab ihrem braunen Teint einen edlen Anstrich. Mit neuem Tatendrang sprang sie aus dem Bett, zog sich etwas über, kochte Kaffee und holte die Zeitung aus dem Briefkasten. Nachdem sie die Zeitung überflogen und genüsslich gefrühstückt hatte machte sie sich ausgehfertig, denn sie wollte heute ja noch zum Reisebüro um den Flug nach München zu buchen. Da das Wetter mitspielte kam Rahel auf die Idee, wieder mal das Fahrrad zu benützen. Über den Winter war das zwar seltener der Fall, Grund genug wieder was für die Figur zu tun. Das Reisebüro war in der Nähe der Altstadt und somit relativ leicht und schnell erreichbar. Sie hatte Glück, denn es war nur eine Person im Laden vor ihr. Da sie sich die Wartezeit mit Prospekten vertrieb merkte sie nicht einmal, wie die Person vor ihr den Laden verließ. Die junge Dame am Schreibtisch forderte sie dann auch auf bei ihr Platz zu nehmen. Rahel legte sich darauf fest an einem Freitag Ende Mai zu fliegen, da ihre Freundin Eva am wochenende nicht arbeiten musste und somit genügend Zeit war, den ersten Tag des Wiedersehens gebührend zu feiern. Es ergab sich, dass am geplanten Freitag noch genügend Plätze frei waren für den Abendflug 17:45 Uhr. Ankunft München 21:05 Uhr. Der Preis dafür war auch recht günstig, somit passte für Rahel alles.

Der Rückflug wurde für Montag, den 12. Juni bestimmt.

„Wird gebucht.“ sagte sie zu der Dame gegenüber mit einem Lächeln der Vorfreude im Gesicht. Nach dem Ausfüllen und unterschreiben der Formulare bedankte sich die Reise-Verkäuferin artig mit den Worten

„Vielen Dank. Sie werden innerhalb der nächste Tage die Reiseunterlagen erhalten, versehen mit einem Überweisungs- bzw. Zahlschein.“