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Januar 2015: Die Erzählerin schreibt an einem Roman über das Haus ihrer Kindheit in Südfrankreich. Es soll verkauft werden, und sie möchte die Erinnerungen daran retten. Die Anschläge von Paris auf die Redaktion von Charlie Hebdo reißen sie aus dem Schreiben heraus. Der Verlust des Gefühls von Sicherheit in der eigenen Lebenswelt färbt alles – auch der Verlust des großelterlichen Haus es erscheint in anderem Licht. In der Erinnerung an das unbeschwerte Leben in Nizza und im Erleben des veränderten Alltags in Paris sucht sie nach Antworten auf die Frage, was in einer zerfallenden Welt noch standhält. Sie versucht, in der Sprache selbst den Halt zu finden, den sie zum Weiterleben braucht – für sich, ihre Töchter und den Sohn, den sie zur Welt bringen wird –, bis die Attentate im November die Stadt erneut erschüttern. Eine Geschichte, die politische und private Ereignisse miteinander verwebt und der Angst vor dem Terror die Suche nach der eigenen Freiheit entgegenstellt.
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2017
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AUS DEM FRANZÖSISCHEN VON KIRSTEN GLEINIG
MIT EINEM NACHWORT VON HUSCH JOSTEN
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Nachwort
© Hermance Triay
LAURENCE TARDIEU wurde 1972 in Marseille geboren und lebt mit ihrer Familie in Paris, wo sie nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften als freie Schriftstellerin arbeitet. Seit 2010 leitet sie zudem Kurse in Kreativem Schreiben: anfänglich an der Sorbonne, heute am renommierten Institut d’Études politique de Paris sowie für die Éditions Gallimard.
Mit dem Schreiben begann sie bereits im Alter von sechs Jahren. Bislang hat sie zehn Bücher veröffentlicht, von denen fünf mit literarischen Preisen ausgezeichnet wurden. Zwischen 2002 und 2009 erschienen zunächst fünf fiktive Romane. Einer davon, Puisque rien ne dure, wurde ins Deutsche übersetzt (Weil nichts bleibt, wie es ist). 2011 folgte mit La confusion des peines ein erster autobiographisch geprägter Text. Seither verwendet Laurence Tardieu die eigene Biografie als Ausgangsmaterial ihrer literarischen Arbeit.
So laut die Stille wird in der französischen Presse als ein mutiges, aufrichtiges Buch gefeiert. Le Soir schreibt darüber: »Laurence Tardieu verbindet gekonnt und einfühlsam das Persönliche mit dem Allgemeinen, inneres und äußeres Geschehen. Sie findet Worte, die es möglich machen, der Realität ins Auge zu sehen, tastend, haltlos zuweilen, aber aus der Überzeugung heraus, dass der einzige Ausweg der Blick nach vorn ist.«
Originalausgabe 2017
© 2017 editionfünf–
Verlag Silke Weniger, Gräfelfing / Hamburg
alle deutschsprachigen Rechte vorbehaltenaus dem Französischen von Kirsten GleinigTitel der Originalausgabe: À la fin le silence
© Éditions du Seuil, 2016
© Autorinnenfoto: Hermance Triay
Lektorat: Sophia Jungmann
Gestaltung: Kathleen Bernsdorf, Berlin
eISBN: 978-3-942374-90-3
www.editionfuenf.de
Für, Gaia, Josepha, und Adam
Und bei alldem
soll das
was wir Liebe nennen
so furchtbar unbegreiflich sein
so vollkommen unfassbar
aber dass es das gibt
spüren wir schon
Liebe
da sind wir ja drin
wie wir hier stehen
allein
miteinander
Wir wissen es beide
Wir wissen es
Vielleicht ist es Liebe
was die Toten erlöst
vielleicht
JON FOSSE, »TRAUM IM HERBST«
ZERFALL. Der Anschlag hat ein Loch in mir aufgerissen, ein bodenloses Loch, in das ich falle. Ich falle, falle, falle. In meinen Körper falle ich hinein und will doch nicht fallen, will nicht, dass mein Körper ein Loch ist. Mein Körper ist das, was mich zusammen-, was mich aufrecht hält. Vierzig Jahre habe ich gebraucht, um meinen Körper zu mögen. Ich kämpfe gegen das Fallen an, kämpfe, um meinen Körper wieder zu spüren. Letzte Nacht, die Nacht, die auf den Anschlag folgte, bin ich alle halbe Stunde aufgewacht, bin jedes Mal hochgeschreckt, vollkommen durchgeschwitzt. Die Bilder des Anschlags – den ich doch gar nicht miterlebt hatte und mir im Internet nicht hatte ansehen wollen, zwar hatte ich auf das Video geklickt, es beim ersten Schuss, der zu hören war, jedoch sofort wieder gestoppt, weil ich das nicht konnte, ich konnte das nicht hören, mein Bauch wurde hart, Wehen setzten ein, ich war im sechsten Monat, es war doch noch viel zu früh –, die Bilder des Anschlags, die ich mir ausmalte, wüteten in meinem Kopf, ich wollte sie verdrängen, sträubte mich dagegen, mir das Gemetzel im Redaktionsraum vorzustellen, die Überraschung, das Entsetzen, die Blicke, die letzten Worte. Ich trocknete mir den schweißbedeckten Hals, die Brust, mein Bauch war noch immer hart, seit dem Anschlag war er hart, doch das Baby bewegte sich, gleichzeitig suchte ich nach einem Bild in mir, das mich beruhigte, mich wieder zu Atem kommen ließ, ein Bild voller Schönheit und Frieden, ich sah mich im Mittelmeer schwimmen, auf offener See vor der Plage Paloma, ich zwang mich, dieses Bild zu sehen, Sommer, mein Körper im Meer, mein glücklicher Körper im Meer, ich versuchte, das Gefühl heraufzubeschwören, das Wasser auf der Haut zu spüren, meinen Kopf, der immer wieder ein- und auftaucht, mein nasses Gesicht, die nassen Haare, den nassen Hals und wie ich bei jedem Zug atme, mich vorwärtsbewege in diesem offenen, unermesslichen, ruhigen Raum.
Auflösung, Zerfall.
Sie haben auf sie geschossen, und ich löse mich auf. Ich zerfalle. Ich zersplittere.
Ich falle. Es gibt kein Zentrum mehr. Ich finde keine Mitte.
Und immer wieder dieselben Worte, die in dieser Nacht durch meinen Kopf hallten, zwischen den Bildern des Anschlags, die ich zu vertreiben suchte, und denen von mir selbst, wie ich das Meer durchschneide, atme, Luft hole, mich sammle: Ich muss die Freude in mir wiederfinden. Ich muss die Freude in mir wiederfinden. Ich verstand die Worte nicht, aber bei jedem Aufwachen war da dieser Satz, inmitten der Bilder des Gemetzels und meines Körpers im Wasser, er umfing mich ganz und gar, stülpte sich mir über, unerbittlich, und ich klammerte mich daran und wiederholte ihn, ohne ihn zu verstehen, schöpfte alles daraus, was allein das Wort »Freude« mir zu schöpfen erlaubte, die stetige, tiefe Kraft, die mein Hirn nicht mehr verstand, meine Sinne aber erkannten wie ein vergessenes Licht – Ich muss die Freude in mir wiederfinden.
Die ganze Nacht hindurch prallten drei Kräfte in mir aufeinander, auf meinen wehrlos hingestreckten Körper. Die eine presste mich nieder: das Gemetzel; die zweite trieb mich horizontal voran: mein durchs Meer gleitender Körper; die dritte schließlich war erhebend, doch es gelang mir nicht, sie zu fassen: die Freude.
Ein paar Wochen zuvor hatte ich ein neues Buch begonnen. Ich wollte über das Haus unserer Familie schreiben, das Haus meiner italienischen Großeltern, der Eltern meiner Mutter. Ein Refugium – wie ließe sich dieses Haus sonst bezeichnen? Vor einigen Monaten war beschlossen worden, dass wir es verkaufen müssten, weil uns, so hieß es, »nichts anderes übrig blieb«.
Das Haus verkaufen bedeutete zu verlieren, was mir seit meiner Kindheit Halt gab. Den Ort, an dem ich verwurzelt war, den Ort der beglückenden Bilder – die Stimmen, Gestalten, Gesten meiner Liebsten, die zwar nicht mehr da, dort jedoch noch so gegenwärtig waren, jedes Mal, wenn ich zurückkam.
Als der Satz gefallen war (war es mein Vater? Mein Bruder? Ich erinnere mich nur an seinen harten Klang, der mich verblüffte: »Wir verkaufen«), dachte ich, ohne wirklich zu erfassen, was ich damit meinte: Ich werde mein Gedächtnis verlieren.
Ich erinnere mich auch noch an das schwindelerregende Gefühl, auf einmal in ein Loch zu fallen.
Das schaffe ich nicht. Immer wieder sagte ich mir: Das schaffe ich nicht. Vor mir hatte sich eine unüberwindbare Mauer aufgebaut.
»Es ist, wie es ist«, sagte meine Familie. »Du musst den Dingen ins Auge sehen: Wir können das Haus nicht halten.«
Ich sah den Dingen ins Auge, und ich sah die Mauer. Ich sah die Mauer und sagte mir, dass ich daran zerbrechen würde.
Also beschloss ich, über das Haus zu schreiben. Das war das Einzige, was ich noch tun konnte. Vielleicht würde mir das Schreiben helfen, die Mauer zu überwinden – ist es nicht so, dass man durchs Schreiben die unmöglichsten Hindernisse überwinden kann?
(Außerdem hoffte ich auf ein Wunder: dass das Buch ein Erfolg würde, dass ich viele Exemplare davon verkaufen und auf diese Weise das Haus wieder zurückkaufen könnte. Mauern lassen verrückte Träume entstehen. Mein Traum war verrückt.)
Etwa sechzig Seiten hatte ich geschrieben. Hatte das Haus beschrieben, seine Geschichte erzählt. Ich rief meine Großmutter und meinen Großvater wieder wach, schilderte ihre Emigration aus Italien, wie sie am Tag ihrer Hochzeit die Grenze überquert hatten und in Frankreich gelandet waren, mit nichts als einem Hundert-Franc-Schein in der Tasche, wie meine Großmutter geweint und ihre Tränen verborgen hatte, um den Mann, den sie liebte, nicht zu verletzen. Ich ließ Szenen aus meiner Kindheit auferstehen. Ich dachte, so würde, wenn wir das Haus schon verkaufen mussten, zumindest bleiben, was ich geschrieben hatte – bleiben, für immer. Das, was ich schrieb, würde dem Haus Ewigkeit verleihen.
Nur darüber wollte ich ein Buch schreiben. Nichts sonst war derart dringlich.
Und dann war jener Tag gekommen, Mittwoch, der 7. Januar. Innerhalb weniger Minuten war alles zerstört.
In den Tagen danach wollte ich noch daran glauben, dass ich weiter über das Haus schreiben könnte.
Ich brauchte mehrere Wochen, um zu begreifen, dass mein Vorhaben angesichts dessen, was geschehen war, nicht mehr standhielt. Genauer gesagt hielt kaum noch etwas stand. Etwas hatte sich für immer zersetzt: Seit dem 7. Januar spürte ich die bis dahin stets klare, undurchdringliche Grenze zwischen Innen und Außen nicht mehr. Seit dem 7. Januar ist alles durchlässig geworden, die Zersetzung ist in mich eingesickert. Die Welt ist mir unter die Haut gekrochen.
Unser Haus in Nizza zu verlieren, seine Geschichte, meine Erinnerung daran – und darüber zu schreiben: Die Dringlichkeit hielt nicht mehr stand. Zum ersten Mal nahm ich die Welt, die sich auflöste, stärker wahr als meine eigene. Zum ersten Mal drängte sich mir das Schreiben über die Außenwelt auf, und mein gewohntes Schreiben war ausgehebelt. Wie konnte ich nach dem, was geschehen war, noch über das Haus meiner Kindheit schreiben?
Das Blutbad bei Charlie Hebdo lag zwei Tage zurück. Die beiden Mörder wurden weiterhin gejagt. Am Freitagmorgen meinte ich noch, wenn sie schließlich gefasst würden, wäre der Schrecken damit beendet.
Den ganzen Morgen schon konnte ich mich auf nichts anderes konzentrieren: Ich verfolgte live im Internet, wie die Fahndungen vorangingen, was Minute für Minute geschah. Vor den Bildschirm des Computers gebeugt, las ich reglos nicht nur mit den Augen, sondern mit dem ganzen Körper, der sich gegen die Wörter stemmte, als wäre er zugleich hier in Paris und dort im Wald, als suchte auch er nach den Mördern. Sie hatten die Angestellten einer Druckerei als Geiseln genommen, nur ein paar Hundert Meter entfernt von einer Schule, das Krankenhaus in Meaux traf Vorbereitungen, einen Ansturm von Verletzten aufzunehmen, das nannte sich Plan Blanc. Ich hatte diesen Ausdruck noch nie gehört. Seit achtundvierzig Stunden tat sich vieles, sehr vieles auf, wovon ich davor noch nie gehört hatte. Es schien, als würde die Verfolgung noch länger andauern, und ich fühlte mich auf einmal so erschöpft, so schmerzlich angespannt, dass ich mich ein wenig ausruhen wollte. In der nächsten halben Stunde wird sicher nichts Entscheidendes passieren, dachte ich beim Hinlegen. Als ich gerade die Augen geschlossen hatte, vibrierte mein Handy. Es war G. Ich dachte, er riefe an, um zu fragen, ob ich Bescheid wisse, ob alles in Ordnung sei mit mir und dem Baby. »Geh nicht aus dem Haus«, hörte ich ihn, bevor ich auch nur irgendetwas sagen konnte, »es gibt eine Schießerei mit Geiselnahme, ganz in der Nähe, in Vincennes. Bleib, wo du bist!«
Ich brauchte einen kleinen Augenblick, bis ich verstand, was er mir da sagte. Dann fuhr ich hoch und schrie: »Mein Gott, es geht noch weiter, es hört überhaupt nicht mehr auf!« Das waren die einzigen Worte, die ich fand und ständig wiederholte, während G.s entschiedene Stimme mir befahl: »Beruhige dich, ich bin in Orsay, ich hab gleich einen Termin und kann nicht länger sprechen, ich wollte dir nur schnell Bescheid geben, geh nicht aus dem Haus, wir verfolgen die Live-Nachrichten, ich ruf dich so schnell wie möglich wieder an.«
Woran ich mich genau erinnere: das Gefühl im ganzen Körper, dass die Katastrophe erst begonnen hatte und nie mehr enden würde.
Zwei Tage vorher, am Mittwoch, den 7. Januar, war ich mit meiner jüngeren Tochter nach ihrer Tennisstunde nach Hause gekommen. Wie jeden Mittwoch waren wir von der Porte des Lilas aus gelaufen, hatten dann den Bus genommen und waren unten vor dem Haus an der Place Auguste-Métivier ausgestiegen. Wie jeden Mittwoch seit ich schwanger war fragte ich J., ob sie vielleicht das Fladenbrot beim Bäcker kaufen würde, während ich schon langsam heimginge. Sie freute sich, denn sie geht gern allein los und kauft das Fladenbrot, nach dem wir ganz verrückt sind, meine Töchter und ich.
Ich ging das kleine Stück zu meinem Haus hinauf. Ich träumte vor mich hin. Es war ein ganz normaler Mittwoch, wir hatten keine Verabredung, würden ganz in Ruhe essen. Zuerst J. und ich, dann würde die Große nach Hause kommen, und ich würde mich zu ihr an den Tisch setzen, während sie aß, wir würden uns etwas erzählen, dann würde sie ihre Hausaufgaben machen, bevor sie zum Ballett ging, und ich würde die Gelegenheit nutzen, um mich noch ein wenig hinzulegen, bevor ich mich mit J. nach Bagnolet aufmachte.
Ich meine mich zu erinnern, dass seit dem Morgen dichter Nebel über der Stadt lag und die Wolken tief und schwer am Himmel hingen.
Ich bereitete das Essen zu. Es war 11 Uhr 30.
J. klingelte, ich machte auf. Mit einem breiten Lächeln reichte sie mir das Fladenbrot und ging sich umziehen. Genau von diesem Moment an hörte ich die Sirenen unter meinem Fenster hin und her heulen, ein einziger endloser Strom.
J. und ich setzten uns an den Tisch.
Die Sirenen heulten weiter.
Ich stand auf, um nachzusehen, ob von unserem kleinen Balkon aus irgendetwas zu erkennen war, aber alles schien ruhig. Ich sagte zu J.: »Da muss irgendwo in der Nähe ein großes Feuer ausgebrochen sein. Vielleicht brennt ein Haus. Aber ich sehe gar keinen Rauch am Himmel.«
Wir aßen weiter. Noch immer heulten unter unseren Fenstern die Sirenen. Ich stand erneut auf, um zu schauen, ob im Internet von irgendeinem Großbrand im 20. oder 21. Arrondissement die Rede war. Ich fand nichts.
Wir aßen zu Ende. Wie fast jeden Mittwoch nahm J. sich noch ein Eis aus dem Gefrierschrank, ich machte mir einen Kaffee.
Ich glaube, der Nebel hatte selbst in meiner sonst so hellen Wohnung gewissermaßen den Raum verdichtet, so dass kein Sonnenstrahl hereindrang.
Ich setzte mich an den Computer, vor das Wohnzimmerfenster, mit Blick auf die kahlen Bäume. J. lutschte noch an ihrem Eis. Sie genießt es immer ganz in Ruhe, mit dem Ergebnis, dass ein hübscher Vanille- oder Schokoladenbart ihre Lippen ziert. Ich scrollte meine Facebook-Seite runter.
Und mit einem Schlag wurde mir alles klar. Zehn Nachrichten direkt hintereinander. Ich erinnere mich, dass ich auf meine Uhr sah, ganz mechanisch. Es war zehn nach zwölf. Alles riss auseinander, das Bild vor meinen Augen und der Boden unter meinen Füßen.
Ich kenne jeden Winkel, jeden Klang, jeden Geruch dort. Das Scheuern der verglasten Haustür auf dem Boden, kaum dass es anfängt warm zu werden, den leicht muffigen Geruch auf der Treppe im Winter. Das Quietschen der Rollläden im zweiten Zimmer unten, das lange »das blaue Zimmer« hieß, bis das Bett eine neue Tagesdecke bekam, und das ich hartnäckig weiterhin so nannte, bis niemand mehr mich zu verstehen schien: »Ach so, du meinst das mittlere Zimmer?« Den kräftig-herben Geruch des Seegrasteppichs im oberen Wohnzimmer. Die Steckdose im hinteren Zimmer, die von Anfang an defekt war und jedes zweite Mal nicht funktioniert, so dass wir im Sommer immer meinen, die Mückenfalle aktiviert zu haben, um dann zwei Stunden später beim Hereinkommen festzustellen, dass sie kalt ist und an den weißen Wänden zehn Mücken geduldig auf uns warten. Die Tür im oberen Flur, die sich beim geringsten Luftzug mit langem Quietschen öffnet, um sogleich träge zuzuschlagen und im selben Moment erneut aufzugehen. Zweiundzwanzig, die Zahl der Marmortreppenstufen, von denen ich meist eilig zwei auf einmal nehme. Ich kann mich, selbst wenn es stockdunkel ist, von einem Raum zum anderen bewegen, indem ich mich mit meiner rechten Hand rasch an der Wand entlangtaste, um mich nicht an den Türschwellen zu stoßen. Die eisig kalten Kacheln des braunen Badezimmers und der Küche oben, im Winter, die mildere Kälte des Duschbads im hinteren Teil. Das raue und zugleich beruhigende Gefühl der nackten Füße auf dem Seegrasteppich im Salon und das Glücksgefühl, das sich gleich morgens im großen Zimmer einstellt, wenn es Sommer ist, barfuß auf den Terrakottafliesen, ihre Wärme, die mit dem ersten Tageslicht tröstlich durch den ganzen Körper strömt. Das dumpfe, schwerfällige Schlagen der vom Wind gepeitschten Markise, wenn der Mistral weht und wir vergessen haben, sie einzurollen.
Ich kenne jeden Ausblick auf den Garten, die Hügel und das Meer, je nachdem, an welchem Fenster man gerade steht. Ich könnte haargenau beschreiben, wo das Bild, das ein einziger Blick umfasst, beginnt und bis wohin es geht.
Ich kenne die Blindheit, die einen jedes Mal blitzartig überfällt, wenn man im Sommer unvermittelt reingeht, vom Garten in die kleine, ziemlich dunkle Küche. Wenn man nichts mehr sieht und mehrere Sekunden lang alles völlig schwarz ist.
Ich würde mich mit geschlossenen Augen im ganzen Haus zurechtfinden, in jedem Zimmer, jedem Flur, in jedem Winkel.
Jetzt, wo wir das Haus verkaufen, weiß ich, wenn ich dort bin, nie, wohin es mich am ehesten zieht. Nach unten, wo ich es genieße, den Garten direkt vor der Tür zu haben, wo die strenge Einrichtung der Zimmer mich beruhigt und meine Kindheit präsent ist, weil hier mein Schlafplatz war, als ein paar Jahre nach dem Hausbau die obere Wohnung hergerichtet wurde. Oder nach oben, wo ich mich am strahlenden Licht erfreue, das alle Zimmer durchflutet, an dem Ausblick, der den Atem stocken lässt. Ich glaube, bis zum letzten Tag werde ich schwanken.
Es war unser Haus. Dort fehlte es mir an nichts. Ich sog mich voll mit Leben, Sonne, Nahrung und mit Armen, die mich liebevoll umschlossen.
Wenn ich an das Haus denke, fallen mir als Erstes nicht etwa die weißen Mauern oder der Garten oder der Blick aufs Meer ein. Sondern ein Gefühl von einer Art Körper, den ich am liebsten gleich umarmen möchte. Ein würfelförmiger Körper, weiß, mit vielen Armen. Etwas plump und unbeholfen. Diese physische Empfindung ist zuerst da – ich denke an das Haus und denke es als Körper, stelle mir vor, wie ich es an mich drücke, es fest umschließe, bis ich spüre, wie sein regelmäßiger, friedlicher Puls auf mich übergeht, eins wird mit meinem eigenen Körper, meinem eigenen Herz.
Wann genau das Haus für mich nicht länger nur ein Ort war, in welchem Augenblick es mir zum Körper wurde, kann ich nicht sagen.
Seit meinem dritten Lebensjahr bin ich immer wieder dort gewesen. Von Mal zu Mal lernte ich es besser kennen. Mit der Zeit gingen meine Haut, mein Körper und mein Geist eine Verbindung mit dem Haus ein, wodurch sie nach und nach mit ihm verschmolzen, durch die Verschmelzung haben sie sich ihm einverleibt. Sein Fundament trägt nun auch mich. Hier habe ich mir mein inneres Zuhause erschaffen.
Liegt es wohl daran, dass beide Übergriffe, Mittwoch und Freitag, am 7. und am 9. Januar, ganz in der Nähe meiner Wohnung in Paris passiert sind, dass ich mich so fühle, als wäre auch mein Körper von den Attentaten getroffen worden?
Obwohl ich doch in meiner Wohnung war, in Sicherheit – tatsächlich also nicht direkt betroffen bin von diesem Grauen, nicht zu den sechzehn Menschen zähle, die getötet wurden, keiner meiner Angehörigen unter den Opfern ist.
Warum also dieses ganz reale, leibhaftige Gefühl, mein Körper sei verwundet worden? Warum die große Diskrepanz zwischen meiner Realität (dem Gefühl, getroffen worden zu sein) und der Realität (ich bin in keiner Weise von den Attentaten betroffen)?
Viele Jahre waren die Übergänge zwischen Innen und Außen völlig klar gewesen. Ich konnte ohne jeden Zweifel unterscheiden, was zur Welt gehörte und was zu meiner eigenen Sphäre. Es war offensichtlich, ich stellte mir die Frage nicht einmal. Dann fing es an, schleichend: Das Reale hatte immer schwächere Konturen, gab sich mehr und mehr komplex und unbeständig. Die Grenzen wurden durchlässig, was außerhalb von mir geschah, konnte sich so ausdehnen, dass es mich überschwemmte, in mich hineinfloss. Doch Innen und Außen, Drinnen und Draußen bestanden unbestreitbar fort. Mein Körper sicherte die Grenze zwischen beiden.
