So nah und doch so fern - Thomas Heumannskämper - E-Book

So nah und doch so fern E-Book

Thomas Heumannskämper

0,0

Beschreibung

Der Autor bringt seine Erfahrungen in Form von Kurzgeschichten auf's Papier. Aber auch in fiktiven Geschichten drückt er sich aus und zeigt somit dem Leser seine schriftstellerische Qualität.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 149

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Vorwort

Über den Autor

Der Gang zum Kreiswehrersatzamt

Ein Dieb geht in die Le(h)re

Eine verhängnisvolle Schachpartie

Eine schwarz-weiße Busfahrt

Die Wuppertaler Tafel

Heute – Dienstag, den 23. Juni 2015

Der Tag, an dem ich Tork Pörtschke traf

„Ein Hahn“ kräht nach mir

Ein Tag im Leben von Jack Browny

Über Traum, Traumata und Wirklichkeit

Die Fliege

Die „Fleppe“

Das „Trampen“

Verhandlungen mit einer Geliebten

Unerklärliche Phänomene

Wuppertal und sein soziales Engagement

Die „Anthros“

Der Griff in die Tasche

Hallo erstmal

Nachwort

Vorwort

Achtung! Diese Texte sind u. a. vor über 25 Jahren geschrieben worden. Damals war eine andere Gesinnung vorhanden – eine andere Zeit. Der Leser wird mitgenommen, so hofft der Autor, in ein spezielles Raum-Zeit-Gefüge, um Betroffenen „seine Ausdrucksmöglichkeiten“ aufzuzeigen. In seinen Episoden offeriert er der Leserschaft seine „schriftstellerische Qualität“ – die teils in fiktiven Kurzgeschichten und teils erlebten Geschichten zum Tragen kommen. Letztlich kommt es auf seine Einstellung gegenüber seiner Klientel an.

Über den Autor:

Thomas Heumannskämper wurde am 12.04.1961 geboren und wuchs im Münsterland auf. Im Rahmen eines Therapie-Programms kam er 1992 nach Wuppertal.

Der Gang zum Kreiswehrersatzamt

Das Ende an der Fachoberschule nahte. Tom wusste nicht genau, ob seine Leistungen reichen würden, um das Fach-Abi zu packen. Mathe und Physik waren große Schwachstellen, und er schaffte gerade noch wegen Nachhilfestunden bei einer seiner Klassenkameradinnen, ne ganz peinliche Note zu vermeiden. Die Pauker sahen seine Bemühungen und drückten ein Auge zu. In Physik gaben sie ihm ne vier – minus, und ließen ihn mit einem blauen Auge davonkommen – bestanden!

Die ganze Klasse und ein paar Lehrer feierten auf einem Bauernhof. Viele von ihnen wollten Design studieren, weil’s gerade angesagt war. Auch Tom, der jetzt gelassener in die Zukunft schauen konnte. Noch gab es an der Fachhochschule für Grafik und Design keinen Numerus Clausus, was bedeutete, dass sie wahrscheinlich auch ihn noch nehmen würden, obwohl er wegen seines Talents nicht so viel „auf dem Kasten“ hatte, wie manch anderer aus seinem Kursus. Aber das kratzte ihn sehr wenig – viel mehr machte ihn eine andere, noch unerledigte Sache Kopfzerbrechen.

Es war das Schreiben vom Kreiswehrersatzamt, das schon wochenlang ungeöffnet auf dem Tisch lag. Übermorgen sollte er zu Musterung, und er hatte noch keinen Plan, wie er es anstellen sollte, da nicht hin zu müssen – er wusste nur, dass er null Bock auf Bund hatte. Mit ner Waffe da rum turnen und sich im Schlamm wälzen war nix für ihn, das stand fest. Ebenso verweigerten fast alle seiner Kumpels aus’m „Hotel“. Die waren bei Psychologen und verklickerten denen, sie wären untauglich und nicht in der Lage, ein Gewehr auf andere Leute zu richten. So’ne Aktion lehnten sie aus Gewissensgründen ab, und wäre ethisch nicht vertretbar, oder so ähnlich, wie sie’s damals ausdrückten und versucht haben, es den Weißkitteln irgendwie glaubhaft zu machen. Nebenbei mimten sie „einen auf bescheuert“ oder psychisch „angeknackst“, wegen des Drogenkonsums, damit sie wenigstens nur den Zivildienst abreißen mussten. Bei denen hat’s dann auch geklappt.

Nur die Zeit rannte Tom jetzt davon. Sie reichte nicht mehr, um ein psychologisches Gutachten zu erstellen oder sich groß gedanklich vorzubereiten. Eine schnelle Lösung musste her. Was tun, wenn man so unter Druck stand – jetzt war guter Rat teuer.

In dieser prekären Situation fiel ihm Olaf ein. Er wollte ihn besuchen, um mit ihm darüber zu sprechen. Olaf hatte Ahnung, Sachverstand und oft ne Hilfe parat. In letzter Zeit verstanden sie sich prächtig, nicht nur, weil sie zusammen Fußball in der gleichen Mannschaft spielten, es gab irgendwie ne gemeinsame Antenne, oder man schwamm auf ner gemeinsamen Welle. So erhoffte Tom sich’n coolen Rat von ihm, da er auch verweigerte und irgendwo den Zivi im sozialen Bereich absolvierte. Übermorgen sollte er ja schon beim Kreiswehrersatzamt antanzen und gemustert werden.

„Hey Alter, grüß Dich – hör mal: Ich muss übermorgen zur Musterung, aber ich hab null Bock auf die Schose – hast du ne Ahnung, was man da machen kann?“

„Hallo, da hast’e aber Glück, Mann! –Is gerad’n Kumpel zu Besuch, der Andre aus Hamm, der hat vor Jahren erfolgreich verweigert; aber frag ihn selber mal, wie er das gemacht hat.“ „Geht klar, wär ja’n Hammer, wenn der was wüsste! Jemanden zu interviewen, der selbst betroffen war, kann ja nie schaden.“ „Du sagst es.“

„Hallo Andre – ich bin Tom. Kannst du mir was verklickern, oder nen Rat geben, wie man beim Kreiswehrersatzamt am besten vorbei kommt, ohne gezogen zu werden, ich muss da übermorgen zur Musterung auflaufen.“

„Klar Mann, kein Thema – bin da selbst durchgegangen“, erwiderte Andre entgegenkommend.

„Erzähl mal, wie hast’n das gemacht.“ Olaf gesellte sich auch dazu.

„Ganz einfach – ich hab nur die Luft angehalten!“

Tom wandte sich zu Olaf und schaute ihn verdutzt an.

„Wie Luft angehalten, wie geht das denn?“ Er kapierte nicht – und Unverständnis machte sich breit.

„So hab ich Kreislaufstörungen vorgetäuscht“, ergänzte Andre stolz mit einem verschmitzten Lächeln.

Die ganze Sache kam Tom irgendwie suspekt vor. Weiß der Typ, was er da erzählt?

„Nach der Entkleidung und Urin-Abgabe saßen wir alle in Unterhose auf der Bank und warteten auf die ärztliche Untersuchung“, fuhr er fort.

„Ja und, was weiter“, bohrte Tom

„Ja, in der Zeit hab ich nur die Luft angehalten!“

Tom war verblüfft – das war alles? – Unglaublich!

„Wie, mehr nicht?“ wollte jetzt auch Olaf genauer wissen und wurde schon ungeduldig, ungehalten.

„Ja, wart’s ab – ich hab die Luft solange angehalten, so lange ich konnte – immer und immer wieder, ähnlich, als wenn man längere Zeit tauchen will.“

„Ah, verstehe – und weiter?“

„Dann geht der Blutdruck von alleine hoch – du läufst rot an und die Pumpe geht ab wie’n Zäpfchen, bis dir schwindelig wird.“

„Und der Arzt fällt drauf rein, oder?“ Olaf und Tom lachten lauthals. Dass das so einfach möglich sein sollte?

„Bei mir hat’s jedenfalls funktioniert – zwanzig Minuten hockte ich da halb Nacht und trieb den Puls in die Höhe, bis mir fast schwarz vor Augen wurde.“

„Hammer; und was meinte schließlich der Doktor dazu?“

„Der konnt’s auch kaum glauben. Er wollte wissen, ob ich Herzprobleme hätte.“

„Ja was sonst – was soll da’n Allgemeinmediziner schon vermuten, wenn er gar nix sehen kann?“

„Eben, deswegen war da auch noch so’n Stechen im linken Oberarm“, setzte Andre noch einen drauf. „Gar nicht gut“, ergänzte Olaf.

„Genial“, rief Tom und lachte erneut, „der Doc schnallte nichts und hat’s dir abgekauft“.

„Jau, einfach aber genial“, musste auch Olaf anerkennen. „Aber damit warst’e doch noch nicht durch, oder?“

„Nee, noch nicht ganz. Er fragte noch, ob ich Sport treibe oder mich irgendwie körperlich gesund halte und so weiter. Ich sagte nein, das geht gar nicht – bekomme dann schnell Herzklabastern oder’n Kollaps, muss immer ne ruhige Kugel schieben.“

„Das saß dann! Er schrieb mich „nicht belastbar an der Waffe“. Fünf – ausgemustert – ohne Zivildienst.“

„Mensch Alter, Hut ab, das haste jovel hingekriegt.“ Auch Olaf staunte, nachdem er die Story in allen Einzelheiten hörte.

„Unglaublich“, meinte er fassungslos.

„Aber das packst du auch, Tom, das ist nicht so schwer wie’s aussieht.“

„Du hast gut reden – den Schneid muss man erst mal aufbringen.“

„Du kriegst das schon hin“, unterstützte Olaf auch.

„Danke, aber in Unterhose Luft anhalten?“

„Ja klar Mann, genau deswegen. Ist ne saubere Sache, hinterlässt keine Spuren und wirkt todsicher.“

„Du brauchst halt nur’n bisschen Traute.“

„Damit’s nicht in die Hose geht.“ Wir lachten.

Andre hatte Recht. Was hätte er sonst für Alternativen. Er stand mit dem Rücken zur Wand. Dies war die einzige Chance, die er ergreifen musste – sonst gab es nichts. Wenn er nicht zum Kommis wollte, musste er es genauso wie Andre machen. Eigentlich sollte er dankbar sein, vom Schicksal so einen Wink zu bekommen.

„Ja Jungs, ich werd’s auch wohl so machen, was hab ich sonst für ne Wahl? Besten Dank Andre für deine Ausführungen – hat mich echt beeindruckt, mal seh’n, ob ich das ebenso hinbekomme!“

„Versuch macht klug“, sagte Andre. „Du sagst es, Alter – ich sag euch Bescheid, wenn alles geklappt hat.“

Nachdem sie alle wichtigen Einzelheiten besprochen hatten, verdünnisierte sich Tom, und bereitete sich seelisch auf seinen bevorstehenden Verweigerungseinsatz vor.

Da musste er jetzt allein durch – Wort wörtlich – denn mit Martina war gerade Schluss. Es hatte keinen Sinn mehr. Sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen. Nach drei Jahren des „Zusammengehens“ hatte jeder verschiedene Wege vor sich. Er glaubte, sie würde all seine Aktionen und Ansichten nicht verstehen – zumindest musste er es immer erklären oder sich rechtfertigen. Wahrscheinlich waren sie mehr unterschiedlicher Auffassung, als ihm lieb war, und er hatte leider nicht das Gefühl, mit ihr noch auf einer Welle zu schwimmen. Vor allem aber wollte er sie nicht verletzen oder irgendwo mit reinziehen, was sie überhaupt nicht gut fand. Doch pausenlos trieb es ihn weiter, und er wollte diesen Trip, diesen Weg weiter gehen, komme was da wolle.

Heute allerdings, nach all den Jahren, würde er wohl dankbar gewesen sein, wenn da Jemand an seiner Seite wäre, der zu ihm stehen und mit ihm durch Dick und Dünn ginge. Jemand, der einfach nur da war. Doch sein ungeduldiges Herz und sein Stolz nahmen wenig Rücksicht auf andere, die dann manchmal auf der Strecke blieben. Dabei konnte er schwer auf die Meinungen sogar von vertrauten Personen hören, selbst wenn sie ihn mit einem guten Rat auf den richtigen Weg bringen wollten. Der Leichtsinn und das: „es wird schon irgendwie gut gehen-Denken“ beherschten und puschten ihn bedenkenlos immer weiter.

Ähnlich verhielt es sich auch mit seinem alten Herrn. Von ihm wollte er sich schon aus einer Protesthaltung wegen gar nichts sagen lassen. Die Spannungen zwischen den beiden – schließlich hat er bis jetzt 20 Jahre auf Vaterliebe, Verständnis oder Anerkennung gewartet ‐ schwollen unweigerlich an. Es wurde höchste Zeit, was zu unternehmen, um einer Eskalation aus dem Weg zu gehen. Er wollte ausziehen. Er wusste, er würd’s auch einfach machen, ohne sich groß zu rechtfertigen – ohne groß zu erklären, da er es zu Hause unter diesen Umständen nicht mehr aushielt. Frei sein, tun und machen können, was man will, war sein Ziel. Nicht mehr die Füße unter Papas Tisch stellen, sondern auf eigenen Beinen laufen lernen, hieß die Devise. Außerdem stand das Studium an, wozu ein Tapetenwechsel gerade recht käme. Er hoffte, sein Vater würde die Entscheidung einfach akzeptieren und keinen großen Wirbel drum machen.

Eine Lösung dieses Umstands lag auch schon bereit. Er würde alles mit Olaf besprechen, der mittlerweile schon in einer Dreier-WG wohnte und andeutete, dass bald ein Zimmer frei sein wird. Kurt, der eine Hausmeistertätigkeit bei einem im Dorf ansässigen Textilunternehmen innehatte, wollte ausziehen.

Das kleine, billige Häuschen lag an der Sendenhorster Straße, einer Durchgangsstraße, dessen Verkehr direkt in die Stadt nach Münster führte. Der Lärmpegel war dementsprechend, doch das war ihm momentan scheißegal. Vielmehr freute er sich auf seinen ersten Umzug und das neue Leben mit den Jungs. Archy, ein Ex-Junkie, und Olaf, der auch wie Tom diverse Erfahrungen mit Drogen machte, bildeten wohl das richtige Gespann, um die nächste Zukunft gemeinsam verbringen zu können. Archy hatte ne feste Stelle bei der örtlichen Gärtnerei als Grünanlagenpflegen, und Olaf studierte bereits einige Semester Filmgeschichte – also jeder mit ner Aufgabe oder Beschäftigung, wie’s heut so schön heißt. Dass sollte doch eigentlich klappen und reibungslos funktionieren. Alles sah noch recht positiv aus und lag im grünen Bereich, wenn da nicht das Ding mit dem Bund war. Es machte ihn fast nerblo und ließ ihn nicht wirklich sorglos einschlafen.

Es war Donnerstagmorgen, etwa kurz vor acht, als er die Stufen zur Eingangstür des Kreiswehrersatzamt hinauf schritt. Es lag direkt am Albersloher Weg, eine der großen Zufahrtsstraßen der Stadt, dessen Bushaltestelle vis a vis des großen grauen Bundeswehrgebäudes lag. Sein äußerer Gang wirkte gefestigt – doch innerlich fühlte er sich total mulmig. Er hatte keine Ahnung, wie die ganze Sache ausgeh’n würde, und verspürte Unsicherheit und Unwohlsein.

Zehn Uhr war der erste Untersuchungstermin beim Stabsarzt. Vorher musste die Anmeldung und der ganze Papierkram erledigt werden. Dann die Urin-Abgabe – alles wie Andre es vorausgesagt hatte. Trotzdem war er total nervös und bekam kaum ein Tröpfchen ins Reagenzglas.

Er hatte schon viele abgefahrene Geschichten gehört, wie Leute versuchten, sich um den Bund zu drücken. Einige brachten den Urin von Freunden mit – andere tauschten ihn einfach aus. Es sollte nicht gleich bei Jedem auf Anhieb klappen – und man kam vielen auf die Schliche. Auch bei der Anhörung musste man die richtigen Worte finden, um der dreiköpfigen Jury eine glaubhafte Verweigerung aufzutischen. Meistens wurden Argumente aus moralischen und Gewissensgründen angeführt, damit sie einem eine plausible Erklärung abkauften. Nicht einfach! Aber was hatte er für ne Wahl, wenn er nicht beim Kommis herum kommandiert werden wollte. Er musste da durch, egal was da kommt.

Mittlerweile saß er schon eine geraume Zeit mit zwanzig anderen Rekruten in Unterhose auf der Bank und wartete darauf, vom Arzt untersucht zu werden. Zu seiner Überraschung saß ihm Arowin, ein alter Realschulkollege und Mitfußballer, direkt gegenüber.

Auch ein Leidensgenosse, dachte Tom, der eine auffallend komisch gebückte Haltung bei ihm feststellte.

„Hey Arro, auch hier?“ begann er vorsichtig mit einem etwas gequältem Lächeln den Smalltalk.

„Tja, wie du siehst!“

„Tja, so trifft man sich wieder. Is schon irgendwie krass, dass die uns ziehen wollen, oder?“

„Wieso, hab damit gerechnet – irgendwann muss jeder Mal da hin.“

„Ja schon, aber ich bin nicht der richtige Typ dafür, und es darf einem nicht total gegen den Strich laufen, sonst wird man da unglücklich.“ Leicht fasziniert schaute er auf Arros gebeugten Rücken, dann überwog die Neugier und er fragte ihn:

„Warum sitzt du so tief gebückt auf der Bank? Is was mit dir los? Haste dir nen Hexenschuss eingefangen, oder was?“

So wie er Arowin kannte, als agiler vor Gesundheit strotzend, lebhaft, sportlicher Typ, war es ungewöhnlich, ihn in so’ner „Pose“ zu sehen. So’n aufgewecktes Kerlchen, den gab’s nicht zweimal. Was war bloß mit ihm los?

Als wenn er Toms Unverständnis erkannte, richtete er sich langsam auf. Seine Mine wurde ernsthaft streng, dann flüsterte er leise rüber:

„Nicht so laut, ich mach einen auf krummen Rücken – kann nichts heben und so weiter – verstehst’e?“

„Aha, na klar, dachte schon, du hättest ernsthaft ein Problem.“

„Nee, nur vorgetäuscht!“

So war das also; Arro wollte auch nicht hin – eigentlich hatte er das nicht erwartet, aber man weiß nie, was einem so auf der Leber liegt oder das Leben so spielt. Dabei fiel ihm sein eigener Grund ein, hier zu sein, und was er tun musste. Sofort fing er an, sich ne tiefe Brise Sauerstoff rein zu zieh’n und pumpte seine Lungen voll bis zum Anschlag, um seinen Atem so lange anzuhalten, wie es ging.

„Und du“, fragte Arro überraschend, „willst du da etwa hin?“

Sie starrten sich an – regungslos. Dann, nach einer Weile, blies Tom aus.

„Nee, auf keinen Fall! Kein Bock auf so was“, und schnappte erneut tief nach Luft.

„Was willst du denen denn erzählen?“

Schweigen – nach einer längeren Pause und erneutem Luft ablassen.

„Gar nichts, wenn’s geht“, und sog sich wieder ne satte Lungenfüllung ein.

„Kapier ich nicht, du musst dir doch was einfallen lassen.“

Langsam spürte Tom, wie ihm das Blut in seinen Kopf stieg. Die Anspannung in seinem Körper wuchs mit jedem Atemzug. Dann ließ er die Rest-Luft vorsichtig entweichen.

„Sicher, du hast es erkannt – bin ja gerade dabei“, und rang mit einem leichten Lächeln intensiv nach dem begehrten Sauerstoff.

„Versteh kein Wort. Was soll das heißen?“

Warten. Dann, nach einer Weile entwich der angestaute Druck seiner Lungen aus seinem Munde. Sein Herz schlug jetzt erheblich schneller und sein Puls nahm Fahrt auf. Die Frequenz wurde automatisch erhöht. Nun beugte auch er sich langsam vor und flüsterte rüber:

„Kreislaufstörung! Ich täusche die ganze Zeit Kreislaufstörungen vor!“

„Wie bitte, was machst du? Kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, aber viel Glück.“

Auspusten!

„Ebenfalls“, wieder nach Luft schnappend.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass dir das damit gelingt – sei mal ehrlich!“ stocherte er nach.

Schweigen – nichts. Tom hatte das Gefühl, diesmal mindestens weit über zwei Minuten nicht geatmet zu haben. Er wartete bis zur letzten Sekunde, dann hauchte er aus.

„Klar, wieso nicht – meinst du mit deinem krummen Rücken kommst du durch?“

Tiefes Einatmen.

„Ja natürlich – auf jeden Fall eher als du mit dieser Luftnummer“, lachte er hämisch.

Tom brauchte lange, bis er das „Edelgas“ ausblies. Seine Atmung lief auf vollen Touren, ähnlich wie bei einem Dauerlauf. Dann sagte er ganz ruhig:

„Hab es aus erster Hand, jemand, den ich neulich kennenlernte, kam damit durch.“

„Ach, ja klar“, lachte er aufgesetzt, „bist ihm aber ordentlich auf den Leim gegangen, wie man unschwer an deinem Eifer erkennt – wovon träumst du eigentlich nachts?“

„Von’ner Ausmusterung natürlich, die du aber nicht bekommst, weil so’n krummer Rücken ein alter Hut für die ist!“ Toms Stimme erreichte nun wieder den Normalpegel.

„Wir können ja wetten, dass es bei dir in die Hose geht!“

„Klar könnten wir, würd ich aber mit so’ner Masche nicht versuchen, an deiner Stelle. Riskierst ne ganz schön dicke Lippe, wart’s besser einfach ab, sonst verlierst du noch!“ Gönnte Arro ihm sein Weiterkommen nicht? War er neidisch, oder war es nur ein belangloses Konkurrenzgeplänkel zwischen zwei Jungs? Wie auch immer. Er hatte keine Lust sich jetzt zu streiten – stattdessen konzentrierte er sich weiter auf die notwendige Übung. Und, siehe da, wie aus heiterem Himmel tauchte plötzlich eine weiß gekittelte Arzthelferin auf. Sie rief zwei Namen auf – „Schmidt und Heumannskämper“. Beide blickten sie überrascht an und bekundeten wie pflichtbewusste Schüler mit einem Fingerzeig ihre Anwesenheit. Das war „Timing“. Hoffentlich reichte die Zeit, um die nötige Wirkung zu erzielen, dachte er, und hoffentlich hält es lang genug an, sonst wär alles für die Katz!

„Mitkommen!“ befahl sie.