So retten wir das Klima - Prof. Michael Sterner - E-Book

So retten wir das Klima E-Book

Prof. Michael Sterner

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Beschreibung

Prof. Dr. Michael Sterner, Energieexperte und Berater der Bundesregierung in Energiefragen, zeigt in »So retten wir das Klima«, dass Klimaschutz machbar ist und lange geglaubte Mythen zur Energiewende längst hinfällig sind. Er erklärt anschaulich, warum wir dringend ohne fossile Rohstoffe auskommen müssen, sich unsere Energiegewinnung wieder oberirdisch abspielen muss und die Sonne im Zentrum unserer zukünftigen Energie-versorgung steht. Dabei geht er auf die einzelnen Bereiche Strom, Wärme, Mobilität und Industrie ein und macht mehr als deutlich: Es ist alles da, was wir für eine nachhaltige Energiewende brauchen – wir müssen nur wollen!

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Seitenzahl: 410

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Originalausgabe

2. Auflage 2023

Verlag Komplett-Media GmbH

2023, München

www.komplett-media.de

E-Book ISBN: 978-3-8312-7051-4

Lektorat: Redaktionsbüro Diana Napolitano, Augsburg

Korrektorat: Katharina Theml, Wiesbaden

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Layout & Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim www.brocom.de

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrecht zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlags. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbezeichnungen und personenbezogenen Hauptwörtern in diesem Buch die männliche Form verwendet. Entsprechende Begriffe gelten im Sinne der Gleichbehandlung grundsätzlich für alle Geschlechter. Die verkürzte Sprachform hat nur redaktionelle Gründe und beinhaltet keine Wertung.

Hinweis: Mit CO2-Emissionen oder Emissionen sind CO2-äquivalente Emissionen in diesem Buch vereinfacht abgekürzt und schließen alle anderen Treibhausgasemissionen ein. Sie werden auch als Klimagase oder Klimaemissionen bezeichnet.

Für meine Kinder Amalia, Elias und Clara,meine liebe Frau Anne, meine Elternund für alle Menschen, die in ihrem Wirkungsbereichdie Welt ein Stückchen klimaneutraler machen.

INHALT

Vorwort

Klimaschutz

Atmosphäre verbindet

Menschengemacht

Runter vom fossilen Berg

Vegane Ernährung reicht? Unsere nationale CO2-Bilanz

Aber China! Und was ist mit uns?

Energiewende

Mehr als Atom- und Kohleausstieg: eine industrielle Revolution

Raus aus Kohle, Öl, Gas und Atom

Sparen Sie Energie – und Geld

Alle Energie geht von der Sonne aus – fast

Erneuerbare: Wind- und Solarstrom als tragende Säulen

Strom ersetzt das Feuer

Sektoren dieser Welt – koppelt euch!

Mythen der Energiewende

Windenergie

Solarenergie

Landschaftsverschandelung und Denkmalschutz

Energieaufwand und Klimafreundlichkeit

Blackouts und Speicher

Stromwende

Wind und Sonne erfordern Flexibilität

Flexible Kraftwerke

Netze oder Speicher? Netze und Speicher!

Geh mit der Sonne und dem Wind – das Lastmanagement

Alle Speicher sind schon da, alle Speicher alle!

Energie speichern wie die Natur – Happy Birthday Power-to-Gas

Dunkelflaute? Abgespeichert!

Meine persönliche Stromwende

Wärmewende

Warmes Heim, Glück allein!

Effiziente Gebäude

Erneuerbare Wärme

Meine persönliche Wärmewende

Verkehrswende

Die Mobilitätswende: Vermeiden, Verlagern, Verbessern

Die Antriebswende: Verbrenner versus Stromer mit Batterien

Die Kraftstoffwende: Sprit versus Strom

Streitpunkte E-Fuels und Oberleitungs-Lkw

Personenverkehr

Güterverkehr

Meine persönliche Verkehrswende

Industriewende

Elektronen und Moleküle – Wasserstoff und Power-to-X

Stahl

Chemie

Glas

Zement, Kalk und Beton – Steine und Erden

Papier

Aluminium, Kupfer und Co – Nichteisenmetalle

Prozesswärme und andere Industriezweige

Standortfragen − Should I stay or should I go?

Agrarwende, Forstwende und Abfall

Landwirtschaft und Ernährung

Holz- und Forstwirschaft

Abfall und Abwasser

Meine persönliche Agrar- und Forstwende

Die große Transformation — Wege in die Klimaneutralität

Strom

Gebäudewärme

Verkehr

Industrie

Landwirtschaft und Abfall

Gesamtbild – zurück auf null

Rohstoffe − ausreichend verfügbar?

Und was kostet das jetzt alles?

Umsetzung in Politik und Gesellschaft

Akzeptanz durch Teilhabe

Wind-Erntedankfest

For Future! Bewegung in der Gesellschaft

Bildung, Bildung, Bildung!

Wachstum über alles? Wirtschaftsform und Finanzen

Klimakommunikation in Medien und Kampagnen

Politische Instrumente und Handlungsoptionen

Joker CO2-Entfernung und Klimaanpassung

Import versus heimische Produktion

Wasserstoffimport via H2Global

Wie machen wir Klimaschutz zum Exportschlager?

Bewusstseinswende

Meine persönliche Bewusstseinswende

Moralische Instanzen − Mut ist überwundene Angst

Klimapsychologie – wie wir zu klimafreundlichem Verhalten kommen

Kinderhoffnung und Selbstwirksamkeit − Sonnenstrahlen statt Dinosauriersaft!

Alles ist mit allem verbunden − Verantwortung übernehmen!

Danksagung

Über den Autor

Link zu Abbildungen

Anmerkungen

VORWORT

Die Welt braucht unseren Schutz. Klimaschutz.

Wie wir raus aus der Klima- und Energiekrise finden und unser Leben und Wirtschaften klimaneutral gestalten – einzeln und als Gesellschaft, das möchte ich Ihnen in diesem Buch aufzeigen.

Die dafür notwendigen Technologien sind da. Diese Abkehr von fossiler Energie und Umkehr zurück zur 100 Prozent erneuerbaren, klimaneutralen Wirtschaft ist ökonomisch rentabel und ökologisch absolut erforderlich. Die Energiewende bringt uns auch Energiesicherheit. Wir müssen sie nur wollen, gesellschaftlich und politisch.

Im Zentrum steht dabei die Sonne, von der alle Kraft ausgeht: Sie treibt den Wasserkreislauf und damit die Wasserkraft an. Sie sorgt für Hochs und Tiefs und damit den Wind, und sie lässt die Pflanzen wachsen, die wir als Biomasse für Energie, Materialien oder als CO2-Staubsauger in Wäldern und Mooren nutzen können.

Alle Kraft? Nicht ganz: Es gibt noch die Wärme der Erde und die Kraft zwischen Mond und Erde, die es zu nutzen gilt.

Die Erneuerbaren, allen voran Wind und Solar, sind mit Abstand die günstigsten Energiequellen mit dem größten Potenzial und dem geringsten Flächenverbrauch.

Wir ernten sie direkt aus der Natur am einfachsten in Form von Strom. Bei allen Erneuerbaren bis auf Biomasse geht das ohne Feuer und weitere Umwandlungsschritte. Wir nutzen diesen Strom direkt in der Digitalisierung, der E-Mobilität oder Wärmepumpen und indirekt über Wasserstoff und deren Folgeprodukte.

Auch das Speicherproblem ist gelöst. Für kurze Zeiträume über Batterien und für längere über erneuerbares Gas wie Wasserstoff in der Gasinfrastruktur, die alles hat, was in der Strominfrastruktur fehlt: gigantische Speicher und Leitungen.

Den Wasserstoff können wir weiterverarbeitet auch als synthetische Kraftstoffe in Form von Benzin, Kerosin und Diesel nutzen und darüber für die klimaneutrale Industrie sogar Stahl, Glas, Düngemittel und chemische Grundstoffe wie Methanol gewinnen.

Wasserstoff ist aber nur ein Energieträger, die Energiequelle bleiben die Erneuerbaren. Erneuerbarer Strom wird also zum Nukleus der Energieversorgung und der Schlüssel des Exit-Rooms »Klima- und Energiekrise«.

In der Energietechnik und Energiewirtschaft ging es seit den Diskussionen der Gefahr durch Atomkraft und der Klimawirkung von CO2 immer stets emotional hoch her. Es ist gut, sich sachlich zu streiten, aber über die Jahre wurden regelrecht fachliche Schützengräben ausgehoben von Menschen, die ihre berufliche Lebenszeit voll und ganz entweder der Kohlekraft, der Atomkraft oder auch der Solarenergie oder dem Wasserstoff verschrieben haben.

Entsprechend ideologisch wird die Debatte, wenn Vertreter der jeweiligen Gattung aufeinandertreffen. Dieses Buch schlägt zwar den Spagat zwischen Klimaaktivisten und energieintensiven Industrien, besitzt aber nicht den Anspruch, diese Konflikte aufzuheben.

Mir geht es vielmehr darum, die energietechnischen Zusammenhänge möglichst einfach zu erklären und damit einer breiteren Öffentlichkeit als dem Fachpublikum zur Verfügung zu stellen und Sie als Leser dazu zu befähigen, an der für uns alle essenziellen gesellschaftlichen Diskussion zur Lösung der Klimakrise teilzunehmen und selbst Teil der Lösung zu werden. Und allen Gegnern der Energiewende sei gesagt: Habt keine Angst. Sie ist auch zu Eurem Wohl.

2011 sagte ich zu meinem Wissenschaftskollegen Joachim Nitsch, der beim DLR-Institut mit mir über mehrere Jahre die Leitstudien zur Energiezukunft Deutschlands für das Umweltbundesministerium verfasste: »Lass uns ein Buch schreiben: ›Energiewende einfach erklärt‹. Wir müssen unser Wissen aus den Studien unter die Menschen bringen.« 12 Jahre später ist es nun endlich so weit.

Einige Menschen haben Angst vor der Klimakrise, sind resigniert und im Glauben, dass es eh schon zu spät sei. Manche sitzen sogar im geistigen und emotionalen Blackout und lehnen jede Energiewende ab. Mit diesem Buch zeige ich mit der Taschenlampe in die Zukunft und leuchte diese Dunkelheit aus. Stellen Sie sich einen hellen Raum voller Wissen und guter Gedanken vor und daneben einen dunklen Raum mit dem Gegenteil. Was passiert, wenn Sie den Türspalt ein wenig öffnen? Das Licht ist der Dunkelheit erhaben.

Oft heißt es in der Klimadiskussion: Wir brauchen einen Plan, einen Masterplan der Energiewende. Er liegt jetzt in Ihren Händen. Kommen Sie also herein, lassen Sie sich inspirieren und überraschen von den vielfältigen Lösungen der Klima- und Energiekrise, und werden Sie selbst aktiv. Das Lesen dieses Buches ist der erste Schritt.

Es ist eine Wegbeschreibung, welche die Lösungen der Klima- und Energiekrise in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen aufzeigt und auf unsere persönlichen Möglichkeiten eingeht.

Dieses Buch räumt mit allen Mythen, Fake News und Unwissen der Energiewende auf und gibt Ihnen Argumente, Vorstellungen und Bilder an die Hand, mit denen Sie Ihre Argumentation stärken und festigen und Ideen für die ersten Schritte entwickeln.

Damit kommen Sie aus der Betroffenheit ins aktive Handeln, was Mut gibt und Mut macht. Wir sind nicht handlungsunfähig. Im Gegenteil. Ich möchte Sie ermutigen, sich mit Fakten, Argumenten und Herzblut einzubringen. Es geht um unsere gemeinsame Zukunft: von Ihnen, von mir, unseren Eltern, Kindern und Kindeskindern und unserem ganzen Planeten Erde.

Wir tragen kollektiv die Verantwortung für das Desaster und auch für den Ausweg. Jedes zehntel Grad Erderwärmung zählt! Übernehmen Sie Verantwortung für Ihren Teil.

Sie sind nicht ohn-mächtig, sondern macht-voll. Mit diesem Buch ermächtige ich Sie mit Fakten, Argumenten und Optionen. Nutzen Sie Ihre Macht: Machen Sie mit!

IhrMichael SternerRegensburg, im Dezember 2022

KLIMASCHUTZ

»I listen to the wind, to the wind of my soul.Where I’ll end up, well, I think only God really knows.«

The Wind | Cat Stevens

Atmosphäre verbindet

Alles ist mit allem verbunden. Jede Zelle mit jeder Zelle, jeder Mensch mit jedem Menschen, eingebettet in ein Universum voller Wunder und Fragezeichen. Einzigartig, wie jeder ist. Eingebettet in eine Atmosphäre voller guter, frischer Luft. Luft, die uns verbindet mit jedem Atemzug. Das merken wir über einen Virus, aber auch über den Sauerstoff, den wir einatmen und das CO2, das wir ausatmen. Zum Beispiel in einem Raum mit vielen Menschen.

Genau so ist es mit dem Raum Atmosphäre, den wir gemeinsam bewohnen. Was man sät, erntet man. Alles kommt zurück. So auch jedes Kilogramm fossiles CO2, das wir verbrennen und in die Atmosphäre werfen. Jedes Kilogramm, Tonne für Tonne fügt dem ganzen Erdsystem Leid zu und überfordert es in vielfältiger Art und Weise. Deshalb sollten wir das umgehend sein lassen. Ein solches Bewusstsein brauchen wir. Ein Bewusstsein der Verbundenheit und der Verantwortung.

Seit viel zu langer Zeit nutzt der Mensch die Atmosphäre als Mülltonne für die Verbrennungsprodukte aus Kohle, Öl und Gas. Diese führen zum ungebremsten Klimawandel, der wiederum Extremwetter und Naturkatastrophen rund um den Globus verursacht, wodurch vielen Menschen die Lebensgrundlagen genommen, ihre Häuser wegfegt werden und ihr Hab und Gut wegschwemmt oder verbrannt wird.

Sind Sie davor sicher? Die Flutkatastrophen in Westdeutschland oder Pakistan, die Waldbrände in Australien, USA und Europa, die steigenden Meeresspiegel und die Gletscherschmelzen, die an der ganzjährigen Schiffbarkeit unserer Flüsse und der Grundwasserversorgung rütteln, zeigen uns: Nein, Sie sind nicht sicher! Sie würden gern auswandern oder umziehen? Eine Flucht woandershin würde nichts bringen: Auch im vermeintlich kühlen Kanada brennen Städte ab. Ein Haus auf einem Hügel ohne Wald mag zwar vor Hochwasser, Meeresspiegelanstieg und Waldbränden geschützt sein. Vor einem Tornado allerdings nicht. Egal, wo Sie hinziehen – die Klimakatastrophen ziehen nach. Also können sich selbst die Superreichen Anwesen im schwer erreichbaren Neuseeland errichten, doch ohne Erfolg: Vor dem Klima kann keiner flüchten.

Es betrifft gar nicht in erster Linie nur uns im wohlhabenden Norden. Die meisten betroffenen Menschen leben auf der südlichen Erdhalbkugel und werden durch Dürren und Überschwemmungen zu uns getrieben – aus schierer Existenzangst und reinem Überlebenswillen. Gleichzeitig sehen wir nicht, dass es das CO2 unserer Gas- und Ölheizungen, unserer Autos, unserer Kohlekraftwerke ist, welches diese Völkerwanderungen antreibt.

Wir haben laut Weltbank und UN mittlerweile mehr Klima- als Kriegsflüchtlinge.1 Dieser Trend verstärkt sich zunehmend, und es könnten mehrere Hundert Millionen sein in den nächsten 30 Jahren.2 Können wir alle Klimaflüchtlinge aufnehmen? Theoretisch ja, praktisch kaum.

Daher sollte es umso mehr unsere dringendste Aufgabe sein, die Lebensräume der Menschheit global zu erhalten, um den Frieden zu wahren.

Konsequent ist es, wenn wir das auch in Gesetzen, Maßnahmen und Beschlüssen umsetzen. So auch im Pariser Klimaschutzabkommen, das die Erderwärmung zwar auf deutlich unter 2 Grad begrenzen will – doch die Sanktionen bei Verstößen fehlen.3 Wir sind heute bereits global bei 1,1 Grad, und es bleibt nicht mehr viel Zeit, klimaneutral zu werden und die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß zu begrenzen.4 Wir wissen und spüren mittlerweile hautnah, dass das Unterlassen von Klimaschutz wesentlich teurer ist als Maßnahmen für den Klimaschutz: regional, national und global. Keine Energiewende, kein Verbrenner-Aus, kein Heizungstausch und kein Umbau der Industrie sind so teuer wie der Verlust von Lebensraum und das Leben von Milliarden Menschen und Tieren.

Ich habe das selbst hautnah erlebt. 1995 wurde das Kyoto-Protokoll verabschiedet. Ich war damals 17, als unser Religionslehrer in der Berufsschule uns die UN-Konferenzen in Rio de Janeiro und Kyoto erklärte und uns ermutigte, uns für den Erhalt der Schöpfung und im Klimaschutz zu engagieren. Nach Abschluss der Ausbildung im Elektrohandwerk und Abitur auf dem zweiten Bildungsweg ging ich von 1998 bis 2000 in den Entwicklungsdienst nach Kenia in Ostafrika, um dort Solaranlagen und Batteriespeicher für Schulen und Internate zu installieren. Unser Dieselgenerator für die Wasserpumpe war zeitgleich Tankstelle für das ganze Maasai-Dorf Dol Dol, drei Stunden Buckelpiste entfernt von der nächsten Stadt Nanyuki. Wir haben damals schon die Auswirkungen des Klimawandels über eine anderthalbjährige Dürre erlebt mit Wasserknappheit, grau-braunen Böden und Maasais, die die letzten Akazien fällten, damit ihr Weidevieh Nahrung hatte. Die Folge: Sie migrierten irgendwann familienweise dorthin, wo es noch grüne Vegetation gab. Unsere staubige Hauptstraße war links und rechts gesäumt von Kuhkadavern, welche den Marsch in der Hitze nicht mehr überstanden haben. Schon damals dachte ich mir: Wir fahren hier mühsam Ölfässer mit Diesel heran, verbrennen ihn und feuern damit den Exodus der lokalen Bevölkerung an, obwohl uns unendlich viel Sonne auf den Kopf scheint.

Sieben Jahre später war ich Referent im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Das Gutachten »Klimawandel und Sicherheit« war frisch erschienen, das genau das thematisierte: klimabedingte Migration durch Rückgang an Süßwasserressourcen, Nahrungsmittelproduktion und Zunahme an Sturm -und Flutkatastrophen.5 Es fand kaum Gehör in der Politik.

Ich war bei einer Vorstellung für die Bundeswehr bei Potsdam dabei. Mit den Generälen wurden Optionen von Militäreinsätzen zur Grenzsicherung gegen Flüchtlinge im Jahr 2040 diskutiert. Wie schnell Szenarien Realität werden können, ergab sich 2015 auf dem Balkan, wo genau das passierte.6 Einer der Treiber der Flüchtlingsströme aus Syrien war unter anderem die folgenschwerste Dürre, die das Land seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt hatte.7

Kriege um Öl und Gas tun ihr Übriges, um ganze Regionen wie den Nahen Osten zu destabilisieren. Die Klimaschäden haben wir nicht nur dort, sondern auch bei uns und global. Klimawandel heißt nicht nur, dass es global wärmer wird, sondern dass es auch immer mehr Extremwetter gibt. Hitze, Dürren, Überschwemmungen, Waldbrände, Starkregen, Sturzfluten, Stürme sind mittlerweile allgegenwärtig. Ebenso die Klimaflucht nach Deutschland.

Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis neue Völkerwanderungen einsetzen. Nicht als Schicksal der Natur, sondern von uns Menschen verursacht.

Menschengemacht

Trotz jahrzehntelanger fundierter Arbeit der Klimawissenschaftler begegnet uns immer noch manche Skepsis, ob der Mensch tatsächlich schuld an der gegenwärtigen Erderwärmung ist.

Richtig, es gab und gibt natürliche Klimaschwankungen, deren Ursachen aber den gegenwärtigen Temperaturanstieg nicht erklären können.8 Auch wenn der Anteil von CO2 aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und anderer Klimagase in der Luft im Promillebereich verschwindend gering sind, kann ein eindeutiger, fester Zusammenhang zwischen diesem menschengemachten Anteil und dem beobachteten Temperaturanstieg festgestellt werden. Das betrifft nicht das Wetter von heute und morgen, sondern die langen Zeiträume über Jahrzehnte. Das Klima.

Richtig, es gab immer wieder in der Vergangenheit einzelne Warm -und Kaltzeiten. Diese haben sich allerdings auf einzelne Regionen wie Grönland oder Südamerika beschränkt. Noch nie in der Geschichte der Zivilisation haben wir eine globale Heißzeit wie diese gegenwärtige erlebt. Noch nie seitdem wir uns sesshaft gemacht haben und Landwirtschaft betreiben. Das ist alles sehr gut nachweisbar und evidenzbasiert.9

Richtig, es gibt einen natürlichen CO2-Kreislauf, und Pflanzen brauchen CO2 für ihr Wachstum. Der Kohlenstoff, der über Jahrmillionen in Kohle, Öl und Gas gespeichert war, stammt auch aus der Atmosphäre. Aber seine Freisetzung in kürzester Zeit können die natürlichen Kohlenstoffsenken wie Wälder, Moore und Ozeane nicht schnell genug aufnehmen oder nehmen dabei, wie im Falle der Versauerung der Meere, selbst Schaden.10

Die 2-Grad-Grenze ist nicht willkürlich gewählt. Sie ist nach dem Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber die Brandschutzmauer, die uns vor dem Kippen der Ökosysteme und dem Klimakollaps bewahren soll. Zusammen mit seinen Kollegen hat er das 2-Grad-Ziel über den WBGU bereits 1995 in die Politik getragen.11

Und dieses Kippen ist bedrohlich nahe: Die Meldungen über auftauenden Permafrost in Sibirien, abschwächende Atlantikzirkulation, verschwindende Korallenriffe, sterbende Wälder und immer schneller schmelzende Gletscher reißen nicht ab.12 Zuletzt zeigten Forschungsergebnisse, dass einer der größten Eisschilde in der Antarktis nahe am Kollaps ist.13 In der Folge könnte die gesamte Westantarktis instabil werden und einen Meeresspiegelanstieg von etwa 1 bis 3 Metern über mehrere Jahrhunderte auslösen. Das würde viele Küstenregionen gnadenlos überfluten und zig Millionen Menschen und Tiere in die Flucht treiben. Das beträfe Mumbai, Shanghai, Tokio, New York und über 100 weitere Millionenstädte.14 Ebenso die küstennahe Infrastruktur wie Flughäfen, Häfen und etwa 200 Atomkraftwerke mit Meerwasserkühlung wie Fukushima eines war.15 Das zeigt, wie dramatisch die Lage ist.

Laut dem konservativen IPCC wird der Meeresspiegel selbst bei Stabilisierung der globalen Temperatur bis 2030 und darüber hinaus weiter mit »sehr hoher Sicherheit« steigen.

Nun kann sich die Menschheit auf über Jahrhunderte steigende Meeresspiegel einstellen. Bei allen anderen Klimakatastrophen wie Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen ist das wesentlich weniger der Fall. Diese entstehen häufig durch lang anhaltende Wetterperioden. Die Hauptwindrichtung in Deutschland und Europa ist Westwind. Der Motor hinter den Höhenwinden in 12 bis 15 Kilometern Höhe ist die Temperaturdifferenz zwischen Arktis und Tropen, welche durch die Erderwärmung immer kleiner wird – und damit der Westwind schwächer. Diese Jetstreams schlängeln sich über große Gebiete und setzen sich bis zu mehreren Wochen fest. So kann auf der einen Seite in Tiefdruckgebieten Starkregen, Hagel oder sogar Schnee fallen. In gegenüberliegenden Hochdruckgebieten kann extreme Hitze und Trockenheit entstehen. Beides führt zu Ernteausfällen und Zerstörung von Infrastruktur. So schneit es in Texas und Ägypten, während 100 Kilometer nördlich vom Polarkreis in Sibirien eine Temperatur von 30 Grad herrscht.

Und ja, es ist richtig: Wir beantragen als Wissenschaftler öffentliche Gelder und sind dadurch auf die Unterstützung von staatlichen Stellen angewiesen. Ich habe es aber noch nie erlebt, dass Einfluss auf unsere Ergebnisse von staatlicher Seite genommen worden wäre. Selbst nicht in den direkten Beratungsgremien der Bundesregierung wie dem WBGU. Unsere Ergebnisse publizieren wir nach einem ausgefeilten Qualitätssicherungsprozess mit Begutachtung durch Dritte, von denen wir nicht mal wissen, wer das sein wird, nur dass sie Wissenschaftler sind. Erst wenn ein Ergebnis diesem »Vier-Augen«-Prinzip standhält, findet es seinen Weg in die Fachzeitschriften. Den fundierten und reflektierten Aussagen der Klimawissenschaftler ist also zu vertrauen.

Selbst wenn wir all diesen Zahlen, Daten und Fakten keinen Glauben schenken, spüren wir es doch intuitiv: Das Klima ändert sich in einer Art und Weise, wie wir es noch nicht als Menschheit erfahren haben.

Runter vom fossilen Berg

Kohle, Öl und Gas haben unseren Fortschritt befeuert und uns viel Mühe und Arbeit erspart – vor allem auf den Feldern. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal einen Traktor sehen. Aber wir wissen mittlerweile sicher, dass der damit verbundene Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen die Fenster der Atmosphäre für die Wärmestrahlung der Erde schließt und uns in die Klimakrise geführt hat. Wir haben einen Berg von CO2-Emissionen aufgebaut, von dem wir schleunigst wieder runtermüssen. Aber keine Angst, die Lösungen sind längst da.

Das fossile Zeitalter wird ein Fingerschnipsen in der Menschheitsgeschichte bleiben.

Wir hatten über Jahrtausende eine 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung. Diese ist auch heute wieder technisch möglich, ökologisch das Gebot der Stunde und ökonomisch günstiger als die fossile, atomare Version unserer Welt – selbst wenn die externen Kosten wie Gesundheits- und Umweltschäden der Nutzung von Atomkraft, Kohle, Öl und Gas nicht eingerechnet werden.

Wir haben seit Beginn der Zivilisation primär erneuerbare Energie genutzt: Holz zum Heizen und Kochen. Das war unser größter Primärenergieträger – und er ist es nach wie vor in 60 bis 70 Ländern der Welt.16

Ähnlich lange nutzen wir die Solarenergie für Trocknungsprozesse. Die Wasserkraft kam hinzu zum Getreidemahlen, ebenso die Windenergie. Die Windkraft war auch die Antriebsenergie für Segelschiffe quer durch die Welt. Es gäbe kein »Great Britain« oder »United Kingdom« ohne die Windkraft.

Mit der Entwicklung der Dampfmaschine auf Basis fossiler Kohle startete die industrielle Revolution. Wir gingen durch ein Kohlezeitalter, das seinen Höhepunkt um etwa 1900 hatte, als viele Häuser und Fabriken Kohleschlote hatten. Fast alles lief mit Kohle: auch Loks und Schiffe.

Mit der Erfindung der Verbrennungsmotoren, der zunehmenden Erschließung von Ölquellen und dem Aufbau des Tankstellennetzes gingen wir zur Ölwirtschaft über. Nach den Weltkriegen war die Kernenergie en vogue, genauso wie Erdgas immer mehr erschlossen wurde. Immer mehr fossile Energie, immer mehr Emissionen. Stetig steigend. Wir wissen seit Langem, dass wir von diesem fossilen Emissionsberg wieder runtermüssen. Wenn wir alles Öl und Gas förderten und jede Kohle ausgräben und verbrannten, dann landeten wir im Nirvana, und die Erde würde allein ohne uns weitermachen. Es ist an der Zeit, zu erneuerbaren Energien wie Holz, Wind und Sonne zurückzukehren.

»Ja, aber Windräder sind nicht schön anzusehen.«Welch ein Luxusproblem!

Unsere Energieversorgung war über Jahrtausende oberirdisch: Das knisternde Holz zum Kochen und Heizen kam aus den Wäldern und Nahrung für die Pferde von den Feldern. Wind, Sonne und die Wasserkraft wurden ebenso genutzt. Seit der industriellen Revolution wurde die Energieversorgung größtenteils unterirdisch, denn die in der Natur gespeicherten Energieträger wie Kohle, Gas und Öl befinden sich weitgehend außerhalb unserer Sichtweite.

Das wird sich nun zwangsläufig ändern, nicht weil der fossile Tresor schon leer würde (das tut er allerdings auch über kurz oder lang), sondern weil der damit verbundene CO2-Ausstoß unsere Lebenswelt bedroht. Die Energieversorgung wird damit wieder oberirdisch – und erneuerbar wie früher, allerdings auf einem ganz anderen Niveau. Heute nutzen wir viel mehr Energie als vor der industriellen Revolution, als diese nur selten und lokal an natürliche Grenzen stieß.

Daher lautet das erste Gebot der Stunde Energieeffizienz. Was wir nicht verbrauchen, muss nicht erzeugt werden.

Für den verbleibenden Energiebedarf sind die erneuerbaren Potenziale mehr als ausreichend: Allein die Nutzung von 2 Prozent unserer Landesfläche für Windkraft kann weit über 50 Prozent unseres Strombedarfs in Deutschland decken.17

Wir werden in Zukunft also überall Wind- und Solaranlagen sehen. Und wer das nicht möchte und keine bezahlbare, technisch machbare und gesellschaftlich akzeptierte Alternative nennen kann, der sollte auf Strom verzichten, kein Handy mehr laden, keinen Kühlschrank mehr nutzen und nicht mehr tanken oder im Supermarkt einkaufen.

Vegane Ernährung reicht? Unsere nationale CO2-Bilanz

Können wir den Klimawandel über eine vegane Ernährung oder die Renaissance der Kernkraft respektive der Kernfusion stoppen? Auf manchen Demos von Fridays for Future gibt es entsprechende Plakate.

So einfach ist es nicht. Denn etwa 90 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland kommen aus der Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas.18 Global beträgt dieser Anteil 75 Prozent.19 In Deutschland stammen 33 Prozent aus der Energiewirtschaft. Die Ursache ist vorwiegend die Kohleverstromung. Erdöl und Erdgas für Gebäudewärme tragen 15 Prozent bei. Aus dem Verkehr stammen 19 Prozent, verursacht vor allem durch die Verbrennung von Diesel, Benzin und Kerosin in Motoren und Turbinen. Die Industrie nutzt alle Arten fossiler Energieträger und hat einen Anteil von 24 Prozent an den Treibhausgasemissionen. Die Landwirtschaft selbst hat in Deutschland nur einen Anteil von 8 Prozent, der Rest ist Abfall und Abwasser mit 1 Prozent.

Warum wird die Ernährung dennoch so als großer Hebel für mehr Klimaschutz propagiert? Weil Landwirtschaft und Ernährung zu Emissionen führen, die in anderen Bereichen gezählt werden: Die Verarbeitung von Milch fällt unter industrielle Produktion oder der Transport der Lebensmittel unter Verkehr. Die Emissionen aus dem Sojaanbau, der teilweise mit Urwaldrodungen einhergeht, werden im Ursprungsland wie Brasilien und nicht in Deutschland im Sektor Landwirtschaft bilanziert.

Ich erlebe oft Studierende, die voller Stolz sagen, dass sie sich vegan ernähren und daher superklimafreundlich leben, und im nächsten Atemzug von dem Urlaub auf Ibiza berichten. Ich empfehle an der Stelle immer, die persönliche CO2-Bilanz zu berechnen, wofür es vom Umweltbundesamt das passende Tool gibt.20

Im Schnitt wirft jeder Deutsche jährlich 11 Tonnen CO2 in die Atmosphäre, die wir als gemeinsame Mülltonne benutzen.21 Das liegt 60 Prozent über dem globalen Durchschnitt.

Wenn wir so weitermachen wie bisher, ist unser CO2-Budget in weniger als zehn Jahren erschöpft.

Das größte Problem dabei ist, dass den Menschen genau das nicht bewusst ist. Weil CO2 ein Gas ist und so locker flockig durch Schornstein und Auspuff geht. Wer denkt schon daran, wenn er Sprit tankt oder die Gasheizung aufdreht?

Unser CO2-Müll mit 11 Tonnen pro Kopf und Jahr ist ein Vielfaches größer als unser Hausmüll mit nur 187 Kilogramm: 60-mal mehr!

Wenn wir alle zwei Wochen unser CO2 gesammelt an die Straße bringen müssten zur Abholung, wären wir längst müde davon. Wir müssten alle zwei Wochen nicht eine Mülltonne, sondern 60 Mülltonnen rausstellen!

Und wie lächerlich ein CO2-Preis von 25 Euro pro Tonne erscheint, zeigt auch der Vergleich mit dem Hausmüll, wo die Mülltonne für Hausmüll im Schnitt 318 Euro pro Jahr kostet.22 Das mit dem Gewicht des Hausmülls multipliziert ergibt einen Entsorgungspreis von 1.700 Euro pro Tonne – fast 70-mal mehr als die Tonne CO2. Aus den Berechnungen der Klimafolgeschäden des Umweltbundesamtes leiten sich 180 Euro pro Tonne als adäquater Preis für CO2 ab. Diesen fordern wir auch bei der Klimainitiative Scientists4Future.

Wir hatten an unserer Hochschule im Rahmen von Fridays for Future eine Oberstufenklasse zu Besuch. Vor dem Gang in die Mensa haben die Schüler die CO2-Bilanz eines jeden Gerichts ausgerechnet: Veganer Basmatireis mit Gemüse: 0,5 Kilogramm CO2. Die vegetarischen Käsespätzle waren mit 1 Kilogramm CO2 beim doppelten, fleischarmes Chilli con Carne mit 2,2 Kilogramm CO2 und der fleischlastige Rinderschmorbraten mit 3 Kilogramm CO2 beim 6-fachen des veganen Gerichts. Eine vegane Ernährung rettet also nicht das Klima, ist aber ein wichtiger persönlicher Beitrag, den jeder selbst in der Hand hat – im Gegensatz zu vielem anderen.

Im Lauf des Buches vertiefen wir diese Betrachtungen in den Kapiteln der Agrar- und Bewusstseinswende. Zweifelsohne, wir müssen alle runter vom fossilen Berg der CO2-Emissionen. Das geht nicht, in dem jeder auf den anderen wartet. Jeder Einzelne kann etwas tun, jede Abteilung, jeder Verein, jede Firma, jedes Land.

Aber China! Und was ist mit uns?

Sie kennen das sicher aus Gesprächen und Talk-Shows: »Was sollen wir von Deutschland aus das Klima retten? Wir verursachen doch nur 2 Prozent der globalen CO2-Emissionen.« Richtig: China hat einen Anteil von 33 Prozent, die USA knapp 13 Prozent, Indien 7 Prozent, Russland 5 Prozent und wir »nur« 1,8 Prozent.23 Warum sind unsere 2 Prozent dennoch relevant, und warum ist unser Handeln in Deutschland auch global entscheidend?24

1.Wir stellen 1 Prozent der Weltbevölkerung und verursachen aber das Doppelte an Emissionen, die uns zustehen würden. Wir verursachen sogar ein Vielfaches der Emissionen pro Kopf im Vergleich zu den Ländern wie China oder Indien, auf die viele zeigen.

2.Wir sind global auf Platz 4, wenn wir alle fossilen Emissionen seit 1850 bis heute aufsummieren und tragen dadurch einen wesentlichen Teil der Verantwortung an den globalen Klimakatastrophen.

3.Wir exportieren weltmeisterlich Technologie wie Fahrzeuge oder Maschinen und Anlagen in die ganze Welt, die dann als saubere Technologien zum Klimaschutz beitragen oder auch nicht.

4.Unser Handeln ist Vorbild für viele Nationen. Allein das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG ) zur Förderung von Ökostrom seit dem Jahr 2000 wurde in über 80 Ländern kopiert und übernommen.25 Im Ausland höre ich oft Stimmen, die sagen: »Wenn ihr das hinbekommt als Industrienation, hat das eine Strahlkraft auf andere Nationen.«

Auch das Argument »Wenn China, Indien oder die USA nicht mitziehen, bringt unser Handeln nichts« lässt sich leicht entkräften. Diese Länder schauen ebenfalls auf die EU und werden sich nur dazu verpflichten, schärfere Klimaziele zu erfüllen, wenn auch die EU mitzieht. Innerhalb der EU hat Deutschland als größte Volkswirtschaft eine leitende und prägende Funktion. Und selbst wenn diese Länder nicht mitziehen, gibt es neben diesem politischen Argument noch ein moralisches. Wir tragen die Verantwortung für unseren Teil der Klimakatastrophe. Dazu haben wir uns mit dem Pariser Klimaschutzabkommen auch völkerrechtlich bindend verpflichtet.

Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf stellt das »Zwei-Prozent-Argument« wunderbar auf den Kopf:

»Würde man die gesamte Weltbevölkerung in 50 Gruppen einteilen, von denen jede zwei Prozent der globalen Emissionen verursacht – folgt daraus dann, dass niemand etwas machen muss?«26

Mitnichten. Nur wenn jede Nation diese Verantwortung übernimmt, erreichen wir als Weltgemeinschaft das gemeinsame Klimaziel. Dafür braucht es Vorbilder und Vorreiter.

ENERGIEWENDE

»All I ever wantedall I ever neededis here in my arms.«

Enjoy the silence | Depeche Mode

Mehr als Atom- und Kohleausstieg: eine industrielle Revolution

Der Begriff »Energiewende« stammt aus den Anfängen der ökologischen Bewegung der 1980er-Jahre in Deutschland und bezeichnete eine Wende weg von fossilen und atomaren Energiequellen hin zu erneuerbaren Energien. Damit verbunden war eine deutliche Senkung des Energieverbrauchs durch eine effizientere Lebens- und Wirtschaftsweise.

Die Vorkämpfer der Energiewende, wie Dr. Michael Stöhr, wurden zwar auch in konservativen und wirtschaftsnahen Kreisen beachtet, aber ihre Erkenntnisse wurden vom Tisch gewischt. Wer zum Beispiel das Glaubensbekenntnis, dass es nie möglich sein würde, die gesamte Energieversorgung auf erneuerbare Energien umzustellen, nicht mitbetete, wurde belächelt und ignoriert.

Die Atomindustrie schaltete noch 1993 große Anzeigen in der Süddeutschen Zeitung nach der ersten UN-Klimakonferenz in Rio de Janeiro, um auf die Notwendigkeit der Atomkraft hinzuweisen, denn: »(…) regenerative Energien, wie Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4 Prozent unseres Strombedarfs decken.« Keine Geringere als die frisch eingeweihte Umweltministerin Angela Merkel sagte diesen Satz wortwörtlich nach Ihrer Amtsübernahme.27 Sie fiel auf diese Entmutigungskampagne der Atomlobby rein.

Nachdem in den 2000er-Jahren durch die Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sich Wind, Solar und Co immer mehr den Weg bahnten und Dr. Michael Specht, Leiter des Fachgebiets Regenerative Energieträger und Verfahren am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung in Stuttgart, und ich als Gruppenleiter Energiesystemanalyse am Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel mit anderen zusammen 2009 mit der Erfindung von Power-to-Gas eine Lösung für das Speicherproblem aufzeigten, in Pilotanlagen demonstrierten und in Studien dokumentierten, änderte sich das.28 Das Mantra »100 Prozent erneuerbar geht nicht« war gebrochen.

Im »Energiekonzept« der Großen Koalition von 2010 wurden die erneuerbaren Energien erstmals als »tragende Säule zukünftiger Energieversorgung genannt«. Ein Paradigmenwechsel nach 40 Jahren, begonnen bei der Ölkrise über die Anti-Atombewegung bis hin zur Laufzeitverlängerung der Atomkraft, die nun als »Brückentechnologie« bezeichnet wurde.29

Bereits ein Jahr später wurde dieses Energiekonzept im Zuge der Atomkatastrophe von Fukushima überarbeitet, und der Begriff »Energiewende« tauchte als Überschrift eines Gesetzespakets auf, der unter anderem den erneuten Ausstieg der Atomkraft umfasste.30 Nachdem der erste Atomausstieg im Jahr 2002 beschlossen, 2010 unter Schwarz-Gelb zurückgenommen und 2011 erneut gefasst wurde, wird der Begriff »Energiewende« als Synonym für diesen zweiten Atomausstieg unter Bundeskanzlerin Merkel verwendet.

Aber Energiewende ist so viel mehr als nur der Atomausstieg. Sie bedeutet die vollständige Abkehr von fossilen Energieträgern und deren Ersatz durch erneuerbare Energien in allen Sektoren und Formen, wie der energetischen und stofflichen Nutzung von Kohle, Öl und Gas.

Um das zu verdeutlichen, haben wir als Energieforscher vor einigen Jahren begonnen, auch von der Stromwende, der Wärmewende, der Verkehrswende und der Industriewende zu sprechen. Das entstand aus der energiewirtschaftlichen Bilanzierung der Verbrauchssektoren für Energie und korreliert mit dem Sektorenbegriff für Klimagase: Energiewirtschaft (Strom), Gebäude (Wärme), Verkehr (Transport und Mobilität), Industrie, Landwirtschaft und Abfall.

Zur Energiewende gehört das Energiesparen sowie die Steigerung der Energieeffizienz aller Sektoren und der Ausbau erneuerbarer Energien.

Das bedeutet primär den Zubau von Wind- und Solaranlagen. Diese sind die günstigsten und flächeneffizientesten erneuerbaren Energien mit großem Potenzial. Damit wird erneuerbarer Strom zur primär genutzten Energieform. Global gesehen wird mittlerweile mehr in Wind- und Solarstrom investiert als in konventionelle Kraftwerke. Die Produktionskosten für Wind- und Strom liegen weltweit und auch in Deutschland im Mittel bei 4 bis 6 Cent pro Kilowattstunde, die niedrigsten global bei etwa 2 Cent pro Kilowattstunde.31

Der nächste große Schritt ist die Speicherung und Wandlung dieser schwankenden, erneuerbaren Energiequellen und damit verbunden auch die Nutzung dieser grünen Energie in Form von Wasserstoffprodukten in den Bereichen Verkehr und Industrie.

Für die Energiesektoren Strom, Wärme und Verkehr wurden hierzu bereits umfassende Antworten gefunden. Die technischen Lösungen wie beispielsweise das aus unserer Feder stammende Power-to-Gas als Langzeitspeicher sind bekannt und seit Langem verfügbar.32 Es liegen zahlreiche Studien vor, welche die technische Machbarkeit einer vollständigen Transformation aller Sektoren seit über einer Dekade belegen.3334 Sogar die Automobil- und Energiewirtschaft kommt in eigenen Studien zum gleichen Fazit. Damit verbleibt lediglich die politische und gesellschaftliche Umsetzung aller Maßnahmen, die unser Land in die Klimaneutralität und Energiesouveränität führen.35

In aller Deutlichkeit: Es sind keine neuen Technologien mehr zu entwickeln, sondern Systemlösungen zu schaffen und in die energiewirtschaftliche Praxis zu überführen.

Dafür braucht es passende Rahmenbedingungen, damit die investierten Forschungs- und Entwicklungsmittel auch in nachhaltige Arbeitsplätze und Wertschöpfung führen. Das ist eine industrielle Revolution. Nicht mehr, nicht weniger.

Raus aus Kohle, Öl, Gas und Atom

Der russische Krieg gegen die Ukraine zeigt uns, wie abhängig wir uns in den letzten Jahrzehnten von fossiler Energie gemacht haben. Wir importierten 2021 mehr als 50 Prozent des Gases aus Russland, die Hälfte der Steinkohle, und ein Drittel des Öls.36 Insgesamt hing Deutschlands Energieversorgung folglich zu einem Drittel an Russland. Und obwohl es seit jeher zur Grunderzählung der Energiewende gehörte, dass erneuerbare Energien unabhängiger machen von fossilen Ländern, bekommt dieses Argument ein unverhofft großes Gewicht in der gesamten Debatte.

Es ist erschütternd, dass es erst einen Krieg braucht, damit wir das begreifen. Und es führt uns vor Augen, wie viele noch Öltanks und Gasheizungen im Keller haben. Der Mensch lernt entweder durch Erkenntnis und Einsicht oder durch Leid. Meist durch Leid. So bei der Klimakrise, bei der Coronakrise und im Ukrainekrieg, der sich zum Energie- und Wirtschaftskrieg für Europa entwickelt hat. Allen voran für uns in Deutschland.

Ist es nicht ein Spiegelbild für unsere Gesellschaft, wenn auf der einen Seite Europas Menschen sterben und eingeschüchterte Menschen gegen das russische Kriegsregime protestieren und von uns fordern, diesen Krieg nicht weiter durch den Kauf von Öl und Gas zu finanzieren? Und auf der anderen Seite Europas sich Protest gegen explodierende Energiepreise in Form von Autokorsos und Demonstrationen formt?

Soziale Härten und Insolvenzen zu vermeiden ist das politische Ziel. Gleichzeitig ist es falsch, durch Tankrabatte wichtige Preissignale für einen Wandel abzumildern, weil Investitionen in alternative Antriebe verschleppt werden und der Bevölkerung suggeriert wird: Ja, Öl und Gas sind knapp, aber wir deckeln alles. Das geht kurzfristig gut und ist sicher auch notwendig. Aber mittel- bis langfristig führt es in die falsche Richtung. Es gilt vielmehr, in Alternativen zu investieren und Energie zu sparen. In dieser Funktion brauchen wir die aktuellen Preissignale.

Geopolitisch entlarvend ist das Verhalten des russischen Gaskonzerns Gazprom, der in Deutschland 20 Prozent der Gasspeicher betrieben hat, welche seit dem Sommer 2021 nicht mehr aufgefüllt wurden, obwohl es höchst lukrativ gewesen wäre. Dieses stark atypische Marktverhalten war ein strategisches Vorzeichen für den Ukrainekrieg. Mittlerweile wurde der Speicher unter staatliche Obhut genommen. Wie kam es dazu?

Der weltweit größte Chemiekonzern BASF hatte strategische Partnerschaften mit Russland und insbesondere Gazprom seit den 1990ern aufgebaut: eigene Pipelines, Transport- und Handelsunternehmen, Speicher. Dieses Joint Venture wurde Stück für Stück an Gazprom übergeben, für günstiges Gas im Gegenzug. Das war die Basis für große Teile der Wertschöpfung bei BASF.37 Politiker, wie der Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, haben diesen Ausverkauf von Deutschland nach Russland sogar noch befeuert, von Gerd Schröder ganz zu schweigen.38 Und nicht nur dort. Große Teile unserer industriellen Produktion basieren auf billiger, importierter fossiler Energie. Wie nachteilig diese Abhängigkeit für Deutschland ist, sehen wir nun im Nachhinein.

Explodierende Energiepreise für das Heizen und Autofahren mit Öl, Gas und Strom haben aber auch eine katalytische Wirkung: Die Krise kann zur Chance werden.

Sie kann uns wesentlich schneller unabhängig von fossiler Energie machen, wenn wir politisch die richtigen Weichen stellen, sodass Haushalte und Unternehmen die Entscheidung für Erneuerbare und Energieeffizienz treffen. Heimisch. Klimaneutral. Unabhängig von Importen.

Erneuerbare Energien sind Freiheits- und Friedensenergien. Das ist die Zukunft. Gleichzeitig werden wieder alte Lobbykräfte aktiv. Der Ruf nach Atom- und Kohlestrom ertönt erneut. Die Braunkohle ist zwar heimisch, aber dreimal so CO2-intensiv wie Strom aus Gas. Nur wenn wir das festgelegte CO2-Budget einhalten und bis 2030 in den späteren Jahren weniger emittieren, bleibt das neutral in der Gesamtbilanz. Es ist aber auch eine Wette auf die Zukunft: Wer garantiert uns, dass wir dann die Emissionen wieder einsparen? CO2 auf Pump. Die Atomkraft führt uns auch nicht aus der Krise. Ein voller Weiterbetrieb der drei noch laufenden Kernkraftwerke würde etwa 34 Terawattstunden Strom bringen, wenn sie so viel Strom wie im Jahr 2021 bereitstellen. 2021 haben wir etwa 950 Terawattstunden Energie aus Russland importiert.39 Damit würden wir durch eine erneute Laufzeitverlängerung die Abhängigkeit von Russland nur um etwa 3 Prozent reduzieren. In der Theorie. In der Praxis ergab der Stresstest, dass eine erneute Laufzeitverlängerung der Atomkraft gerade mal 0,2 Prozent des Gasverbrauchs reduzieren könnte und nur knapp 10 Prozent der benötigten gesicherten Leistung von 5,1 Gigawatt im Extremfall zu einer Vermeidung eines Blackouts im Winter 2022/23 beitragen könnte.40

So das Ergebnis der vier Übertragungsnetzbetreiber, die für die Systemstabilität in Deutschland verantwortlich sind. Dieser kleine Beitrag kann die Nachteile nicht aufwiegen. Für eine erneute Laufzeitverlängerung wären aufwendige und damit teure Sicherheitsprüfungen erforderlich. Beispielsweise erfolgte die letzte große Sicherheitsprüfung vom Landshuter Atomkraftwerk Isar II im Jahr 2009. Sie ist alle 10 Jahre fällig und wurde im Blick auf den Atomausstieg nicht mehr durchgeführt. Hinzu kämen der zusätzliche Atommüll, für den wir auch nach 50 Jahren noch kein Endlager gefunden haben. Als wenn wir uns in einen Flieger gesetzt hätten, ohne zu wissen, wo die Landebahn ist.

Wenn Sie die damit verbundenen Folgekosten einrechnen und die Haftung und Schadensübernahme durch die Allgemeinheit, ist und bleibt Atomstrom der teuerste Strom aller Zeiten.41

Und sind Atomkraftwerke sicher? Nein! 6 von 600 je gebauten Atomreaktoren endeten im GAU. Harrisburg, Tschernobyl und viermal Fukushima. Würden Sie sich in ein Flugzeug setzen, wenn Sie wüssten, dass jedes hundertste Flugzeug im Lauf seiner Betriebszeit tödlich abstürzt? Die Atomkraft ist und bleibt eine Hochrisiko-Technologie. Zudem sehen wir in der Ukraine, wie Atomkraftwerke auch als Atomwaffen und als Geisel zur Erpressung Europas enden könnten. Es gibt keine friedliche und sichere Nutzung von Atomenergie. Und auch die Strompreise würden nur marginal gesenkt durch eine erneute Laufzeitverlängerung in Deutschland, weil es fast immer die Gaskraftwerke sind, die preissetzend für alle sind.42

Die Atomkraft ist nach wie vor ein reines Politikum in Deutschland. Eine erneute Laufzeitverlängerung würde nur einen jahrzehntelangen gesellschaftlichen Konflikt wieder aufbrechen, der 2011 befriedet wurde. Ihre weitere Nutzung macht weder ökonomisch noch technisch über die Reservekraft hinaus einen Sinn.43 Deshalb war die Entscheidung der Bundesregierung für einen Streckbetrieb richtig.

Energieinfrastruktur und Anlagentechnik werden über Jahrzehnte aufgebaut und wirtschaftlich abgeschrieben. Entsprechend können wir nicht innerhalb eines Jahres die fossilen Fehler der Vergangenheit rückgängig machen. Gerade für die leitungsgebundenen Energieträger Strom und Gas gilt das in besonderem Maße. Während wir beim Import von Kohle und Öl sehr gut und einfach auf andere Länder schwenken können, weil sie größtenteils per Schiff nach Deutschland kommen, hängen wir beim Erdgas buchstäblich an der russischen Leitung von Ost nach West.

Es macht keinen Sinn, eine Krise durch etwas zu lösen, das eine weitere Krise auslöst. Die aktuelle Energiekrise mit den Technologien wie Kohle, Öl und Flüssiggas aus der Vergangenheit zu beantworten, verschärft die alles überragende Klimakrise.

Wir brauchen Klimasicherheit durch Klimaschutz. Ist diese nicht gegeben, können wir unser Leben auf diesem Planeten vergessen. Energie- und Ukrainekrise hin oder her.

Es bleibt also dabei: Nur der Ausbau erneuerbarer Energien und Energieeffizienz lösen uns aus den russischen Energiefesseln und sind die Technologien der Zukunft. Und zwar in allen Bereichen und Sektoren. Dafür ist es notwendig, dass wir den Wind- und Solarstrom vervielfachen und zudem im Stromsektor Netze und Speicher für die Stabilität ausbauen. Zudem sollten wir in der Wärmeversorgung Öl- und Gasheizungen durch Holzheizungen und Wärmepumpen ersetzen und die Gebäude dämmen.

Im Verkehr sollten wir Elektroautos und synthetische Kraftstoffe beschleunigt einführen und die Industrie mit erneuerbarem Strom und Wasserstoff klimaneutral und unabhängig machen.

Fast alle dieser Maßnahmen wirken jedoch aufgrund der Trägheit des Systems mittel- bis langfristig. Die in den 2000er-Jahren entstandenen Arbeitsplätze der Solar- und Windenergie wurden durch die Behinderung des weiteren Ausbaus erneuerbarer Energien Anfang bis Mitte 2010 wieder zunichtegemacht.44 Es gab kaum Anreize, keine neuen Gas- und Ölheizungen mehr einzubauen oder die alten rauszuwerfen. Nein, vielmehr gab es bis vor Kurzem noch Förderungen für neue Öl- und Gasheizungen. Es wurde fast nur aufs Auto und aufs Flugzeug gesetzt, und neue Radwege und die Stärkung des ÖPNV brauchen Jahre. Damit bleibt uns auf kurze Sicht nur das Energiesparen.

Sparen Sie Energie – und Geld

Jede Kilowattstunde, die nicht verbraucht wird, muss auch nicht erzeugt, transportiert, gespeichert und gekauft werden. Wir könnten viel effizienter und energiesparsamer leben!

Beispiel Strom

Schaltbare Steckdosen – manuell oder über das Smarthome gesteuert – können den Stromverbrauch senken, indem sie zu den nicht genutzten Zeiten ausgeschaltet werden. Früher haben die Netzteile von Fernsehern, Radios, Laptops 5 bis 15 Watt im Stand-by verbraucht. Heute liegt ihr Verbrauch aufgrund von EU-Richtlinien unter 1 Watt. Zugleich hat sich ihre Anzahl je Haushalt stark erhöht durch Handys, Tablets und Co.

Die größten Stromfresser im Haushalt sind alte Wärmetrockner, die noch ohne Wärmepumpe beheizt werden. Die meiste Energie lässt sich hier durch das altbewährte Wäscheaufhängen sparen.

Weitere große Stromfresser sind über zehn Jahre alte Kühlschränke und Gefriertruhen. Ihr Tausch lohnt sich schnell für Geldbeutel und Klima, auch wenn viele falscherweise denken, dass die Herstellung der Geräte viel mehr Energie frisst, als wenn sie die Geräte noch fünf Jahre weiter nutzen. Effizienz bringt außerdem das Einstellen der richtigen Kühltemperatur: 7 bis 9 Grad im Kühlschrank und minus 15 bis 18 Grad in der Gefriertruhe reichen völlig aus.

Bei Spülmaschinen hält sich Handwäsche versus Maschinenwäsche im Normalprogramm die Waage. Volle Geschirrspüler auf Sparprogramm brauchen weniger Wasser und Energie als das Abspülen. Generell gilt: Alles, was heizt oder kühlt, braucht viel Strom. Heizungspumpen sind ebenfalls ein Paradebeispiel für Stromfresser: Sie laufen ständig auf Hochtouren, obwohl die Thermostate nicht voll auf sind, und damit wälzen sie ständig warmes Wasser im Kreis, ohne dass dieses in diesem Umfang benötigt wird. Der Tausch der Heizungspumpe kostet etwa 350 Euro. Ob mit oder ohne Tausch: Auch ein hydraulischer Abgleich der Heizung ist immer sinnvoll.45

Die Beleuchtung hat früher sehr viel Einsparpotenzial gebracht. Heute brauchen LEDs nicht mal 10 bis 15 Prozent der Energie von Glühbirnen und sind optisch mittlerweile auch ansprechend designt. Beim Kochen – egal mit welchem Energieträger – bringt das »Deckel drauf« am meisten.

Städte und Gemeinden könnten und sollten ihren Bürgern entsprechende Tauschprogramme und Zuschüsse für den Kauf effizienter Haushaltsgeräte anbieten. 50 Euro für einen neuen Kühlschrank haben in Regensburg Wunder bewirkt. Das Programm war sofort überzeichnet. Ebenso könnten Kommunen, Verwaltungen, Gewerbe und Industrie ihre eigenen Geräte modernisieren.

Das Wichtigste im kommunalen Bereich ist allerdings die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED. Der Netzbetreiber Bayernwerk betreibt allein in Bayern 660.000 Straßenlampen. Wenn die Hälfte davon auf LED umgestellt werden würde, könnten 55 Gigawattstunden oder der Stromverbrauch von 16.000 Haushalten beziehungsweise 160 große Tanklastzüge Heizöl eingespart werden. Das ist, wie wenn das große Donauwasserkraftwerk in Regensburg für diese Verluste ganzjährig Strom liefert.46 Verzögert wird das – wie von der Stadtverwaltung Regensburg – oft unter fadenscheinigen Argumenten: Die wenigen eigenen Mitarbeiter, welche diese Leuchten nach und nach ersetzen, wären in ihrer Routine gestört, wenn die sofortige Umstellung auf LED in Regensburg durch eine externe Firma oder der eigenen Stadtwerke erfolgen würde. Ihre Kernaufgabe sei nur, dass Licht sicher brennt und nicht deren Effizienz.47 Willkommen in Absurdistan.

Beispiel Wärme und Kälte

Die Raumtemperatur auf 19 Grad statt auf 20 Grad zu halten kann etwa 6 Prozent der Heizenergie und -kosten einsparen. In Schlafzimmern und ungenutzten Räumen reichen Temperaturen von 16 bis 18 Grad. Intelligente Sensoren können die Anwesenheit von Personen feststellen und damit vermeiden, dass leere Räume im Winter geheizt und im Sommer gekühlt werden. Das ist zwar noch Zukunftsmusik im »Smarthome«, aber die Sensoren dafür kosten nicht die Welt. Kellerräume halten die Wärme im Winter und die Kühle im Sommer allein durch den Kontakt zur Erde. Gekühlt wurde früher in Erdkellern, eine effiziente Form der Nutzung der Erdkälte und ein Vorläufer der heutigen Kühlschränke. So wurde auch Bier in den Kellern der Brauereien trinkfrisch gehalten. Und früher wie heute könnten wir solche unbeheizten Kellerräume für die dunkle Lagerung von Kartoffeln und anderem nutzen.

Am allermeisten bringt aber das Dämmen der Gebäude. Das Einfachste ist es, Fenster und Türen zu erneuern. Dann das Dach isolieren, schließlich die Hauswände. Falls Sie Mieter sind, sprechen Sie mit dem Vermieter. Wenn das nicht zum Ziel führt, bleibt nur das Engagement für strengere Vorschriften und Politik. Ein super gedämmtes Haus kostet zwar in der Investition mehr, aber es lohnt sich langfristig: Wir haben ein KfW 40 Plus Haus und schalten die Heizung meist erst im November ein und Ende Februar wieder aus. Selbst wenn es nachts noch Minusgrade hat, kühlt unser Haus nicht aus, wenn tagsüber die Sonne reinscheint und mitheizt. Und selbst wenn ich die Heizung im Winter ausschalte, dauert es je nach Außentemperatur mehrere Tage, bis das Haus um 2 bis 3 Grad runtergekühlt ist. Solche Niedrigenergie- beziehungsweise Passivhäuser lohnen sich für alle: für Eigentümer und Mieter.

Noch einfacher ist es, richtig zu lüften, was wir spätestens seit Corona richtig draufhaben. Das Fünf-Minuten-Stoßlüften ist wesentlich effizienter als das weitverbreitete Kipplüften, was eine äußerst ineffiziente Wärmebrücke darstellt. Ebenso ein Kamin, der im Endeffekt ein offenes Loch im Haus ist, durch das die Wärme und damit das Geld durchpfeifen kann. Der Königsweg der Lüftung ist eine Lüftungsanlage: Sie sorgt für ständig frische und gefilterte, saubere Luft in allen Räumen, ohne irgendein Fenster öffnen zu müssen. Zudem führt die Lüftungsanlage die verbrauchte, warme Abluft an der kalten Außenluft vorbei und erwärmt sie als Zuluft bis auf 20 Grad. Bedenken wegen Schimmel gibt es bei neueren Anlagen keine.

Für alle anderen Gebäude in Kommunen, Gewerbe, Industrie gilt das ebenso. Kommunen könnten auch hier das Energiesparen durch Zuschussprogramme für den hydraulischen Abgleich oder den Tausch von Heizungspumpen und Aufklärungskampagnen fürs richtige Heizen und Lüften vorantreiben. Hinweisschilder in öffentlichen Bereichen und Gebäuden helfen ebenso. Bei uns an der Uni wird oft achtlos das Fenster offen gelassen im Hörsaal im Winter, weil es ja »nicht meine Heizrechnung« ist oder das Bewusstsein dafür nicht vorhanden ist. Kleine Hinweisschilder »Licht aus, Fenster zu, Heizung runter« am Ausgang kosten wenig und bringen viel. Das gilt ebenso für alle privaten Betriebe.

Beispiel Verkehr

Wer’s kann und nicht zur Arbeit muss: Homeoffice spart viel Treibstoff und Antriebsenergie. Auch mit der eigenen Muskelkraft können wir viel Energie und CO2 einsparen: zu Fuß gehen statt Autofahren. Müssen die 300 Meter zum Kindergarten oder zur Schule immer gefahren werden? Fahrrad fahren ist ebenso gesund und energiesparend. Ich bin immer fitter am Start, wenn ich morgens die Kinder zu Fuß oder per Fahrrad in den Kindergarten gebracht habe.

Auf dem Land sind die Menschen oft auf das Auto angewiesen, was ein Ergebnis jahrzehntelang verfehlter Verkehrspolitik ist. Ich habe als Scientist4Future-Aktivist ein Treffen zwischen der Ortsgruppe von Fridays for Future im Kreistag des Landkreises Passau wissenschaftlich begleiten dürfen. Als die Jugend berichtete, dass der Bus teilweise gar nicht kommt und nur dreimal am Tag in die Stadt fährt, gab es viel Unverständnis bei den autofahrenden Politikern. Die Kinnlade fiel ihnen runter, als die Jugend forderte, das Geld für den Autobahnausbau Passau-München doch besser in eine ICE-Strecke zu investieren. Es war schlichtweg nicht in ihrem Denkhorizont enthalten, nicht mal ansatzweise. Energiesparend auf dem Land per ÖPNV unterwegs zu sein kann nur der, der auch das Angebot dazu hat. In der Stadt braucht man kein Auto, aber auf dem Land schon, solange die Verkehrspolitik so bleibt, wie sie ist und war.

Mitfahrgelegenheiten sind ein weiteres Beispiel fürs Energiesparen. Hier können auch Arbeitgeber entsprechende Anreize schaffen und online schwarze Bretter bereitstellen. Eine nette Idee sind Mitfahrbänke. Sie stehen am Ortsausgang und jeder, der vorbeifährt, kann die wartende Person einfach mitnehmen. Eine analoge Mitfahrzentrale. Auf dem Land kennt man sich.

Beispiel Industrie

Die Industrie, vor allem die energieintensive, ist seit jeher getrimmt auf Kosteneffizienz und daher im Vergleich zu den anderen Bereichen der bisherige Meister im Energiesparen. Dennoch gibt es gerade auch dort viel Einsparpotenzial, wo die Energiekosten weniger als die Hälfte der Produktionskosten ausmachen. So betrifft das vor allem alle Anwendungen mit Druckluft und mechanischer Energie, aber auch das Heizen von Räumen, die Prozessführung und die Beleuchtung. Alles Dinge, in denen die Unternehmen relativ einfach mit geringem Aufwand viel Energiesparpotenzial heben können.

Die Umstellung der Beleuchtung auf LED amortisiert sich sehr zügig. Genauso der Ersatz alter ineffizienter Produktionsmaschinen, gerade wenn sie viel Strom und Wärme benötigen. Die Druckluft ist der Energiefresser in der Industrie schlechthin. Idealerweise wird sie durch elektrische Antriebe mit Akkus oder am Stromnetz ersetzt. Mehr dazu beschreibe ich im Abschnitt »Lastmanagement« ab Seite 85 und im Kapitel »Industriewende« ab Seite 171.

Alle Energie geht von der Sonne aus – fast

Alle Energie kommt von der Sonne. Sie lässt die Pflanzen und damit Biomasse wie Holz wachsen. Sie erwärmt die Erdoberfläche bis zu einer Tiefe von etwa 100 Metern, was die Nutzung von Erdwärmepumpen ermöglicht. Ihre unterschiedliche Einstrahlung auf verschiedenen Gebieten der Welt sorgt für Hoch- und Tiefdruckgebiete, die den Wind antreiben, den wir als Windstrom ernten. Die Sonne lässt Wasser verdampfen, welches der Wind übers Land in Form von Wolken bläst und später abregnet. So treibt sie den Wasserkreislauf und unsere Wasserkraftwerke an. Sie wärmt Solarkollektoren und hebt Elektronen in Solarzellen an und bringt sie zum Fließen. Et voilà: strömender Solarstrom. Und die Sonne ist der einzige funktionierende Fusionsreaktor, den wir im Sonnensystem haben. Die kostenfreie Energielieferung erfolgt zuverlässig innerhalb 8 Minuten. So lange braucht das Sonnenlicht bis zur Erde.