So viel Zeit - Frank Goosen - E-Book + Hörbuch

So viel Zeit E-Book

Frank Goosen

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9,99 €

Beschreibung

Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll! Lang ist’s her. Jetzt haben die vier alten Schulkumpel Konni, Thomas, Rainer und Bulle außer ihren Doppelkopfabenden kaum noch etwas gemeinsam. Das kann es doch nicht gewesen sein. Und sie fassen einen Plan: den alten Jugendtraum von der Rockband wiederbeleben. Zum 25-jährigen Abi-Treffen soll die große Party steigen.
Ein Roman voller Musik und guter Laune.

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Seitenzahl: 497

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Frank Goosen

So viel Zeit

Roman

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Das Buch

Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll! Das war seit der Schulzeit der Traum von Konni, Thomas, Rainer und Bulle. Nun sind die vier in den besten Jahren. Außer ihren Doppelkopfabenden haben sie kaum noch etwas gemeinsam. Jeder hat sich auf seine Weise mit dem bürgerlichen Dasein abgefunden. Schicksalsschläge wie Scheidungen oder der Tod einer Partnerin haben sie ebenso hingenommen wie das tägliche Einerlei ihrer Affären und ihrer Jobs. Aber das kann es doch nicht gewesen sein! Wie wäre es, wenn sie ihren alten Freund Ole aus seinem Berliner Exil zurück nach Bochum holen und mit ihm den alten Jugendtraum wiederbeleben: Als Rockband auf der Bühne zu stehen und die alten Seventies-Klassiker zu röhren. Und die fünf in die Jahre gekommenen Jungs wissen dann auch ganz genau, wo die größte Party steigen muss: auf dem Abi-Treffen, fünfundzwanzig Jahre danach.

Der Autor

Frank Goosen, geboren 1966, hat sich Ruhm und Ehre als eine Hälfte des Kabarett-Duos Tresenlesen erworben. Sein Durchbruch war Liegen lernen, der lange auf den Bestsellerlisten war und erfolgreich verfilmt wurde. Pokorny lacht war sein zweiter, Pink Moon sein dritter Roman. 2003 erhielt Frank Goosen den Literaturpreis Ruhrgebiet. Im Heyne Verlag erschien auch seine Erzählsammlung Mein Ich und sein Leben, die von ihm herausgegebene Fußball-Anthologie Fritz Walter, Kaiser Franz und Wir und die Weihnachtsgeschichte Sechs silberne Saiten. Besuchen Sie seine Website www.frankgoosen.de.

Für Brandy, Christian, Falo, Pädda und RalleMarianne!

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Vollständige Taschenbuchausgabe 02/2009 Copyright © 2007 by Eichborn AG, Frankfurt am Main Copyright © 2009 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Bildnutzung mit freundlicher Genehmigung der FENDER Musical Instruments GmbH, Fender ©, Strat © and the distinctive headstock and body designs are the trademarks of FMIC. All rights reserved. Umschlaggestaltung nach einer Idee von Moni Port: Nele Schütz Design, München Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

eISBN: 978-3-641-21533-0V002

www.heyne.de

www.randomhouse.de

Inhaltsverzeichnis

Buch und AutorWidmungCopyrightFrüherJetzt
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Später

»Musik ist nicht dazu da, die Welt zu retten.Musik ist dazu da, dir das Leben zu retten.« Tony Parsons: Als wir unsterblich waren

Früher

Im Sommer 1982 waren sie davon überzeugt, dass sie niemals sterben würden.

Fünfundzwanzig Jahre später würde einer der vier verlassen auf einer Baustelle sitzen und der vermeintlichen Liebe seines Lebens nachtrauern, der Zweite würde Vater von Zwillingen sein, aber keine Frau mehr haben, der Dritte in alten Unterhosen auf einem Bett in einem billigen Loch sechshundert Kilometer weiter östlich liegen, und der Vierte könnte nachts nicht mehr schlafen. Außerdem würden sie zu fünft sein, denn fünf war die magische Zahl, um die Welt aus den Angeln zu heben und das eigene Leben zu retten, aber das konnten sie damals noch nicht wissen.

1982 waren sie zu viert, und die Sonne stand tief. Es war eine staubige, dunstige Sonne, die jenseits der zwei Kirchtürme am anderen Ende der Stadt unterging. Sie saßen auf dem Bürgersteig und ließen die Flasche kreisen. Konni wischte die Öffnung mit dem Ärmel ab und nippte nur, Rainer hatte die Augen geschlossen, Bulle trommelte einen vertrackten Rhythmus auf seinen Oberschenkeln und Ole drehte sich unendlich langsam eine Zigarette.

Sie hatten sich hier zum »Vorglühen« getroffen, um nicht nüchtern auf ihrer Abiturfeier zu erscheinen. Die Brücke über die Eisenbahnschienen am Lohring lag nicht gerade auf dem Weg zur Schule, wo in der Pausenhalle bereits der Großteil der Stufe versammelt war, aber Konni wohnte hier in der Nähe, und sie waren noch nicht in der Stimmung, sich ins Getümmel zu stürzen.

Rotwein als Grundlage, später würde Bier dazukommen, auch härtere Sachen. Noch vor Mitternacht würden sie betrunken sein. Außer vielleicht Konni, der sich meist etwas zurückhielt. Außerdem interessierte er sich für Michaela Borgfeld und wollte eine gute Figur machen. Die Party heute war die letzte Gelegenheit.

»Sag mal«, meinte Rainer zu Ole, »willst du das Ding irgendwann mal rauchen oder im Museum ausstellen?«

»Eine Zigarette ist wie ein guter Freund«, erwiderte Ole, »man sollte sich füreinander Zeit nehmen.«

»Ich möchte nicht zwischen deinen dürren Fingern stundenlang hin und her gedreht werden«, sagte Bulle.

»Ich kann nicht mehr sitzen«, sagte Konni, erhob sich und stampfte mit dem rechten Fuß auf. »Mein Bein ist eingeschlafen.«

Er ging ein paarmal auf und ab, blieb dann vor dem Metallzaun stehen, der potentielle Selbstmörder davon abhalten sollte, sich ausgerechnet hier auf die Gleise zu werfen, und schaute in Richtung Stadt.

»Findet ihr das eigentlich schön?«, fragte er, ohne sich zu den anderen umzudrehen.

Bulle stand auf und stellte sich neben ihn. »Schön ist nicht das richtige Wort.«

Rainer kam dazu und sagte: »Wenn man sich dran gewöhnt hat, kann man fast alles schön finden.«

Ole blieb sitzen und schwieg, zündete sich aber endlich seine kunstvoll gedrehte Zigarette an.

Nach ein paar Minuten der Stille sagte Konni: »Ist das nicht der Moment, in dem wir uns feierlich ewige Freundschaft schwören müssen? In dem wir uns gegenseitig sagen, dass wir uns in fünfundzwanzig Jahren hier wiedertreffen wollen, um zu sehen, was aus uns geworden ist?«

Fünfundzwanzig Jahre – das war mehr als die Ewigkeit. Sie hatten gerade mal neunzehn Jahre hinter sich, und an die ersten konnten sie sich nicht mehr erinnern. Die Zukunft war der heutige Abend und der anschließende Sommer. Ole und Bulle würden ihren Zivildienst antreten, Konni und Rainer hatten sich für den Bund entschieden.

»Lasst uns gehen«, sagte Ole und stand auf.

Bulle, Rainer und Konni rissen sich von dem Anblick ihrer Heimatstadt los und folgten ihm zum Wagen. Ole hatte sich für den heutigen Abend den Ford Granada seines Onkels ausgeliehen. Rainer und Konni saßen hinten, Bulle auf dem Beifahrersitz. Ole schob die Kassette in den Recorder und Applaus brandete auf. Dann die ersten Töne dieses wunderbaren Orgelmotivs. Allen vieren jagte es einen Schauer über den Rücken. »Child in time« von der nicht zu überbietenden Made in Japan. Es waren immer die Live-Platten, die einen umhauten. Dieses Gefühl, dabei zu sein, wirklich das zu kriegen, was man hörte. Und diese unglaubliche Kraft. Wieso sahen Väter und Mütter nicht ein, dass man das nicht leise spielen konnte?

Ole fuhr auf dem Ring noch zwei- oder dreimal um die ganze Innenstadt herum, bis die zwölf Minuten, die das Stück dauerte, um waren. Dann bog er in die Straße zur Schule ein. In acht Ohren klingelte jene Stille, die man nur genießen kann, wenn man die Nummer zuvor besonders laut gehört hat. Neun Jahre, Morgen für Morgen. Das war jetzt vorbei. Sie parkten hinten, an der Turnhalle.

Es wurde bereits getanzt, wenn auch verhalten. Peter Oehlke war für die Musik zuständig, und deshalb gab es Chartfutter, Dutzendware. Gerade lief »Hurra, hurra, die Schule brennt«. Ole, Bulle, Konni und Rainer sahen sich an: Kindergartenmusik. Wieso nicht gleich Andrea Jürgens? Musik mit deutschen Texten – das ging gar nicht. Aber sie hatten Punk überstanden, sie hatten Disco überlebt – sie würden auch die Neue deutsche Welle überleben. Sie waren schon jetzt unmodern, und sie wussten es.

Sie mischten sich unters Volk, unter ihre Mitschüler. Rainer fragte sich, ob er heute noch einmal das Vergnügen haben würde, mit Gisela Kaufmann zu schlafen, bevor man sich aus den Augen verlor. Konni riskierte ein paar Blicke in Richtung Michaela Borgfeld, die mit drei Freundinnen zusammenstand und ihn nicht bemerkte. Bulle holte sich ein Bier und wartete ab. Er hatte hier kein Eisen im Feuer, war solo und nicht daran interessiert, das ausgerechnet heute zu ändern. Er war hier wegen der Musik und des Alkohols und weil man all diese Leute jetzt sehr lange nicht sehen würde.

Das »Festkomitee« – bestehend aus den üblichen Verdächtigen, die sich immer nach vorn drängelten, wenn es Fleißpunkte zu ergattern gab – hatte ganze Arbeit geleistet. In der ansonsten sterilen, kahlen Pausenhalle standen Sofas und Sessel herum, die Fenster waren verhängt, die Beleuchtung schummrig. Man konnte es fast gemütlich nennen. Peter Oehlke hatte eine ganz anständige Lichtorgel besorgt, und die Boxen schienen einiges auszuhalten. Nichts war so schlimm wie eine Stereoanlage, bei der nach vier Stunden Musik in Partylautstärke die Hochtöner in den Lautsprechern durchknallten oder der Verstärker aufgab.

Ole setzte sich in eine Ecke, rauchte und legte die Handgelenke auf die angezogenen Knie. Er wartete. Auf Dora.

Man spürte es, wenn sie da war, auch wenn man sie nicht sah. Sie veränderte die Chemie in einem Raum, die Zusammensetzung der Luft, das Licht. Auch Ole wurden entsprechende Fähigkeiten nachgesagt. Ole war cool. Für ihn war dieses Wort erfunden worden. Ihm schien egal zu sein, was um ihn herum passierte. Er drängte sich nie nach irgendetwas oder irgendwem. Er war der Prophet, und der Berg kam zu ihm, nicht umgekehrt. Er war die unumstrittene Autorität in musikalischen Angelegenheiten, in politischen Fragen und Belangen des allgemeinen Benehmens. Wenn man darum bat, sagte er einem, welche Platten gut und welche zu vernachlässigen waren; ob man auf eine Demo gehen sollte oder nicht; ob man Puma-Turnschuhe zu engen Jeans tragen konnte oder nicht. (Konnte man nicht. Adidas Allround waren die einzige Möglichkeit.)

Ole und Dora waren das logische Paar. Auch wenn man sich nicht vorstellen konnte, wie sie miteinander alt würden. Man konnte sich nicht mal vorstellen, dass sie überhaupt alt würden. Ole würde noch mit siebzig seine Nato-Kampfjacke tragen, die engen Jeans und das schwarze T-Shirt. Er würde immer so hager und hohlwangig sein wie jetzt. Dora würde immer außerirdisch sein. Lange, blonde Haare, die nicht von dieser Welt waren. Ihre Nase, ihre Augen, ihre Wangenknochen, all die Details ihrer äußeren Erscheinung waren für die Ewigkeit gemacht. Sie gehörte zu den Frauen, die man sehen muss, die man nicht beschreiben kann.

Es war nicht ganz klar, was zwischen Ole und Dora lief. Man sah sie zusammen reden, man sah sie, wie sie die Straße entlanggingen, oder wie sie zusammen im Auto saßen. Doch niemand hatte jemals gesehen, wie sie sich berührten. Nie wären sie auf die Idee gekommen, sich zu küssen, wenn andere zusahen. Nicht mal Bulle, Rainer und Konni hatte Ole Näheres erzählt.

Dora war jetzt da. Es gab keinen Fanfarenstoß. Aus den Boxen dröhnte »Tainted Love«. Die anderen Mädchen fühlten sich hässlich, die Jungs dumm.

Zeit verging. Draußen wurde es dunkel. In der Pausenhalle war es warm. Sogar Ole tanzte. Bulle hatte in die musikalische Gestaltung des Abends eingegriffen. Es lief »Starstruck« von Rainbow. Oles Bewegungen verrieten, dass er jede einzelne Note des Stückes kannte. Dora stand abseits, mit einer Flasche Bier in der Hand, und sah ihm zu.

Mehr Zeit verging. Es wurde spät und später. Bulle und Rainer waren betrunken. Auch Konni hatte genug. Vor allem von sich selbst. An Michaela Borgfeld war kein Rankommen. Ole hatte eine Flasche Tequila in der Hand. Er trank das Zeug ohne Salz und ohne Zitrone.

Irgendwann, endlich, saßen Ole und Dora zusammen auf einer Matratze im Schülercafé und tranken aus derselben Flasche. Dann tanzten sie eng umschlungen zu »Since I’ve been loving you«. Alle durften zusehen. Bulle trank, Konni fielen die Augen zu, Rainer knutschte mit einem Mädchen herum, das nicht auf ihrer Schule war und dessen Namen er nicht kannte.

Der Hofstaat durfte nicht zu Bett gehen, solange das königliche Paar wachte.

Und dann gingen sie nach draußen, Hand in Hand.

»Wo wollen die hin?«, fragte Bulle.

Konni öffnete die Augen. Rainer ließ ab von dem unbekannten Mädchen und sagte: »Keine Ahnung.«

Bulle stieß Konni an. Rainer stand auf. Sie gingen nach draußen. Ole und Dora waren schon beim Ford Granada angekommen.

»Der will doch wohl nicht fahren, so besoffen wie der ist«, sagte Bulle.

»Ole ist nie besoffen«, entgegnete Rainer. »Ole ist nur anders.«

Zu dritt standen sie am Straßenrand wie Fußvolk, als das königliche Paar in seiner schäbigen Kutsche in die Nacht hinausfuhr. Es war die letzte Nacht ihrer Schulzeit. Die letzte Nacht, in der sie unsterblich waren.

Jetzt

1

Konni bekam keinen Stich. Er warf die Karten auf den Tisch und seufzte. Früher hatte er diese Runde dominiert, war immer ganz vorn dabei gewesen, und zweimal war sein Name auf dem Sockel des kleinen Pokals, den sie nun im achten Jahr ausspielten, eingraviert worden. In den letzten Monaten kriegte er jedoch fast ausschließlich schlechte Blätter auf die Hand, und wenn es mal nicht ganz so schlimm war, spielte er katastrophal, bediente falsch, ließ sich die Herz-Zehn rausziehen oder hielt die abgeworfenen Fehl nicht nach. Außerdem waren seine Ansagen zu zaghaft. Bevor er sich mal zu einem »keine 90« durchrang, musste er sich schon sehr sicher fühlen, und in letzter Zeit war er sich bei gar nichts mehr sicher: Nur ein Pik und kein Kreuz, ich kann rauskommen, den einen einsacken und den anderen mit dem Fuchs mitnehmen. Was aber, wenn einer der anderen fünf Kreuz hatte, der andere drei, und sein, Konnis, Fuchs abgestochen würde? Und wie oft hatte er schon sein blankes Ass verloren und sich schwarzgeärgert, weil er zu viel angesagt hatte? Er wusste, dass er zu viel nachdachte, konnte aber nichts dagegen tun. Ein Solo hatte er bestimmt seit einem Jahr nicht mehr gespielt.

Im letzten Spiel war er chancenlos gewesen. Nur ein einziger Trumpf höher als Herz-Bube, und das war eine schlappe Karo-Dame gewesen, über die Rainer mit einer Herz-Dame drübergegangen war. Bulle hatte zwar eine Herz-Zehn gehabt, die aber auf einen Stich verschwendet, in dem ansonsten nur Bilder gewesen waren. Rainer und Thomas ergötzten sich noch einmal an diesem Spiel, rühmten ihre Cleverness, obwohl es keine große Leistung gewesen war, gegen solche Katastrophenblätter zu gewinnen. Keine Sechs, keine Neun, angesagt, keine Zwölf, angesagt, zwei Extrapunkte (Fuchs gefangen, Charlie), verdoppelt durch Rainers »Re« – das machte zusammen vierzehn. Rainer hatte die letzten beiden Jahreswertungen souverän gewonnen und lag auch heute, im ersten Spiel des neuen Jahres, wieder uneinholbar vorn.

Es war wohl wegen des Anbaus. Er sollte »Pik-Dame« denken, dachte aber »Estrich«. Im Religionsunterricht predigte er Gewaltverzicht, sollte aber der Papst zu einem Kreuzzug gegen Architekten und Bauunternehmer aufrufen, wäre Konni in vorderster Linie dabei. Na gut, vielleicht nicht in vorderster Linie, das war nicht sein Stil. Eher weiter hinten, dafür mit grimmigem Gesicht. Auch einer Exkommunizierung von Maurern und Dachdeckern würde er mit Freuden zustimmen, aber wahrscheinlich waren das sowieso alles Protestanten.

Thomas stand auf und ging zur Toilette. Konni lehnte sich zurück. Das konnte dauern. Wahrscheinlich nutzte Thomas die Gelegenheit, noch ein wenig zwischen Tür und Angel mit Corinna zu streiten, die achtzehn Jahre jünger war als Thomas, 21 Jahre jünger als Konni, kaum älter als seine Schülerinnen. So etwas war doch peinlich!

Bulle und Rainer tranken Bier und dachten wohl über das Spiel nach. Vielleicht dachten sie auch an Corinna oder an ihre Frauen oder ihre Arbeit. Manchmal entstanden diese merkwürdigen Pausen, in denen keiner von ihnen was sagte, meistens, wenn einer aus dem Raum war.

Plötzlich stand Thomas wieder in der Tür, viel schneller, als Konni gedacht hätte.

»Habt ihr heute Morgen Zeitung gelesen?«, fragte Thomas im Hinsetzen. »Da ist ein Dreijähriger von der Polizei an einer Bushaltestelle aufgegriffen worden, der hatte nur Windeln und ein T-Shirt an. Seine Mutter war auf der Arbeit, und ihr Lebensgefährte hat geschlafen, da ist der Kurze stiften gegangen.«

»Lebensgefährte, alles klar!«, sagte Konni.

»Still, Leute«, sagte Bulle, »Papst Benedikt der Siebzehnte verkündet seine Sozialcharta.«

»Enzyklika, wenn überhaupt!«

Konni fing an zu mischen. Es ging auf Mitternacht zu, und sie hatten noch zwei Runden zu spielen. Sie kriegten es einfach nicht hin, pünktlich um halb sieben anzufangen. Selten ging es vor halb acht los. Außerdem hatten sie sich beim Essen wieder verquatscht.

Die Karten waren abgegriffen und klebten aneinander.

»Die Karten pappen!«, sagte Konni.

In unterschiedlichen Graden von Freundlichkeit wurde er von den anderen darauf hingewiesen, dass er sich heute Abend schon mehrfach beschwert habe. Ihr Ton gefiel ihm nicht. Sie gaben sich amüsiert, als wäre er ein bemitleidenswerter Irrer, der sich an Kleinigkeiten hochzog, dabei war es ein Fakt, dass man diese Karten nicht ordentlich mischen und folglich auch nicht korrekt austeilen konnte. Wenn es nach ihm ginge, müsste festgelegt werden, dass mit einem Kartensatz höchstens dreimal gespielt werden durfte.

Beim Austeilen war Konni in Gedanken bei der Wohnzimmerwand, die wieder hatte eingerissen werden müssen, weil sich die Pläne auf dem Weg vom Architekten zu den Bauarbeitern auf wundersame Weise verändert hatten. Zwanzig Zentimeter! Ein Witz, über den er noch immer nicht lachen konnte, obwohl das jetzt schon einige Wochen zurücklag. Anfangs hatte Michaela sich damit auseinandergesetzt, hatte jeden Morgen mit den Bauarbeitern die Pläne auf ihre Richtigkeit geprüft und sich damit den Ruf einer peniblen Zicke eingehandelt, was sie aber nicht gestört hatte. Konni kriegte das nicht hin. Ihm konnten sie auf der Nase herumtanzen, und er sagte auch noch danke. Wieso konnte er sich nicht da hinstellen und die Leute zur Schnecke machen? Stattdessen stand er da und fragte sich, wieso ihnen das alles völlig egal war, denn das war es. Den Architekten interessierte es nicht, weil er sich bei einigen seiner Entwürfe nicht hatte durchsetzen können, aber er musste darin ja auch nicht wohnen. Und die Bauarbeiter interessierte es nicht, weil sie Konni das ganze Haus nicht gönnten, nicht in dieser Größe und nicht in dieser Lage, direkt am Wald, in einer ruhigen, wenig befahrenen Straße, umringt von anderen gepflegten Eigenheimen mit Basketballkörben in der Garagenauffahrt, ein Idyll aus Stein und Asphalt, Rasenstücken, Rhododendren und Kindergeschrei. Anstatt froh zu sein, dass er, Konni, mithalf, ihren Arbeitsplatz zu sichern, sahen sie ihn an, als hätte er das Geld für diesen Anbau nicht teuer von der Bank geliehen, sondern ihnen und ihren Familien aus der Tasche gezogen.

Er stand einfach nicht über den Dingen, das kriegte er nicht hin.

Was er auch nicht hinkriegte, war das Austeilen. Er hielt inne und stellte fest, dass er nur noch zwei Karten in der Hand hatte. Rainer brauchte aber noch drei.

»Ich glaube, ich hab mich vergeben«, sagte er so ruhig wie möglich.

Alle zählten durch. »Ich hab dreizehn! Und alle schon gesehen!«, rief Bulle und warf die Karten auf den Tisch. »Konzentrier dich doch mal! Das war mein erstes gutes Blatt heute Abend.«

Das war natürlich Unsinn, schließlich lag Bulle auf Platz zwei. Aber der war ja nie mit irgendwas zufrieden.

Rainer nahm die Mappe mit dem Spielprotokoll vom Boden auf und notierte einen Straf-Euro für Konni, der gleich mal nachfragte, was denn eigentlich mit dem ganzen Geld passiere, das sie am Ende jedes Spielabends für ihre diversen Verfehlungen zu zahlen hatten. Rainer beugte sich vor und legte Konni eine Hand auf den Unterarm. Durch den Alkoholkonsum im Laufe des Abends hatte sich sein leichter Silberblick verschärft. »Damit«, sagte er im Tone eines Familienvaters, der seinem begriffsstutzigen Sohn geduldig ein neues Spiel erklärt, »gehe ich nachher noch schön in den Puff!«

Thomas blickte auf das Protokoll. »Ich denke mal, für drei Euro kriegst du nicht mal die Rita, und die ist achtzig und braucht das Geld richtig dringend.« Der Uhrzeit angemessen wurde nur müde gelacht.

Na ja, legte Thomas nach, wenn sie erst mal ihre Band hätten, bekämen sie mehr auf den Zapfen, als ihnen lieb sein könnte.

Konni sah auf die Uhr. So lange wartete Thomas üblicherweise nicht, um diesen Running Gag zu bringen. Vor zwei Jahren etwa war ihm aufgefallen, dass sie zu viert eine prima Rockband abgeben würden. Bis auf ihn, Konni, gaben alle zu, früher mal davon geträumt zu haben. Betrunken grölend während der langen Rockpalast-Nächte mit Rory Gallagher und Little Feat, Paul Butterfield und Ten Years After, Patti Smith und Johnny Winter. Außer Konni hatten alle schon mal ein Instrument gespielt, Bulle hatte sogar mal eine Band auf die Beine zu stellen versucht, die aber 1978 oder 79 nach nur einem Konzert bei einem Schulfest wieder auseinandergebrochen war, weil sich die Mitglieder nicht auf die musikalische Richtung hatten einigen können, wobei die Bandbreite der Vorstellungen von traditionellem Blues über Hard Rock bis hin zu Art Rock à la Yes oder King Crimson gelegen hatte.

»Wie oft soll ich es dir noch sagen«, gab Rainer zurück, »zu viert ist man nur eine Band, keine Rockband. Zu viert ist man Beatles. Erst zu fünft wird man zu Deep Purple.«

»Led Zeppelin waren zu viert!«

»Wenn der Pauker sich noch ein paarmal vergibt«, sagte Bulle, »haben wir jedenfalls genug Zeit, berühmt und wieder vergessen zu werden.«

»Mit Ole wären wir fünf«, sagte Rainer. »Dann wäre hier auch ein wenig mehr Zug in der Runde. Nicht so viel Gelaber, nicht so viel Schlamperei.«

Stille breitete sich aus. Nur das Flappen der Karten, die Konni mischte wie ein Besessener, war zu hören. Mit Ole wären wir fünf, dachte er. Mit Ole wären wir mehr als fünf. Ole fehlte an allen Ecken und Enden. Ich muss ihn mal wieder anrufen. Wir haben ihn ein wenig sich selbst überlassen. Und es wissen doch alle, dass das Ole nicht guttut.

Unauffällig blickte Konni in die Runde. Er sah ihnen an, dass sie alle an Ole dachten. Und dass sie alle ein schlechtes Gewissen hatten. Es war nicht leicht mit Ole. Aber ohne ihn war es noch schlimmer. Seit er nach Berlin gegangen war, fehlte was. Herrgott, was hatten nur immer alle mit Berlin?

Konni ließ Rainer abheben und teilte aus.

»Vorbehalt!«, sagte Bulle und steckte seine Karten um. »Nacktes Solo. Oder bietet jemand mehr?«

Alle stöhnten auf. Rainer warf einen Blick auf den Spielstand. Wahrscheinlich um nachzusehen, wie viele Punkte er noch Vorsprung hatte auf Bulle und ob der mit einem hoch gewonnenen Solo noch Rainers Tagessieg gefährden konnte.

Während Bulle nachdachte, wie hoch er ansagen konnte, ließ Konni seinen Blick schweifen. Die roten Wände, der alte, runde Tisch, die zusammengewürfelten Elektrogeräte, Omas Küchenschrank – hier sah es aus wie in einer Studenten-WG. Jedenfalls stellte sich Konni ungefähr so eine WG vor. Für ihn war das nie in Frage gekommen. Unter der niedrig hängenden Küchenlampe, die den Tisch beleuchtete, sammelten sich bläuliche Nikotinschwaden. Konni ging durch den Raum und öffnete das Fenster. Corinna würde sich trotzdem beschweren. Halbherzig hatte Thomas die anderen das letzte Mal gebeten, weniger oder gar nicht zu rauchen, dann aber eingesehen, dass das Unsinn war. Selbst ihm als Nichtraucher würde etwas fehlen, hatte er zugeben müssen.

Bulle brachte sein Solo knapp durch, konnte aber nicht verhindern, dass die anderen im letzten Stich noch zu einem Doppelkopf kamen, weil er bis zuletzt gehofft hatte, auf die zweite Pik-Zehn noch einen Stich zu kriegen, um die anderen unter neunzig zu halten. Rainer aber hatte aufgepasst und außerdem ausreichend Pik auf der Hand gehabt, so dass er sich das Ass bis zuletzt hatte aufsparen können.

»Nullspiel«, stellte Bulle selbst fest.

Rainer trug jedem einen Strich ein. »Bockrunde. Da ist noch alles drin!«

Konni setzte sich wieder hin. Eine Bockrunde war eigentlich die Gelegenheit, Boden gutzumachen, aber so, wie es zurzeit lief, würde er leer ausgehen und weit abgeschlagen Letzter werden.

»Mach doch mal einer das Fenster zu«, sagte Bulle. »Da ist mir zu viel Januar in der Luft.«

Thomas stand auf und schloss das Fenster.

Früher hatten sie zu fünft gespielt, obwohl der Geber dann immer hatte aussetzen müssen. Dann war Ole nach Berlin gegangen, und sie hatten zu viert weitergemacht. Jetzt musste niemand mehr aussetzen. Trotzdem kamen sie nicht schneller voran, weil sie weniger diszipliniert spielten als früher. Das wäre mit Ole nicht passiert, der immer darauf geachtet hatte, dass jeder das Spiel ernst genug nahm.

Mit Ole, dachte Konni, wären wir wieder Deep Purple. Er erinnerte sich an Partys in Kellerbars und Gemeindezentren. Jon Lords Orgel. Es stimmte schon, ohne ging nicht. Rainer hatte ein Keyboard zu Hause stehen. Soviel Konni wusste, spielte er regelmäßig darauf. Aber was sollte das alles! Er selbst hatte nie wieder ein Instrument angefasst, nachdem er im Alter von neun Jahren der Blockflöte abgeschworen hatte.

Rainer, der Keyboarder, musste jetzt geben.

Die ersten drei Karten, die Konni aufnahm, waren Neunen, und der Rest war auch nicht besser. Genauso ging es weiter. Einzig im miesesten Spiel der ganzen Bockrunde, als nur vier Punkte vergeben wurden, weil niemand den Mut gehabt oder die Notwendigkeit gesehen hatte, was anzusagen, konnte er zusammen mit Thomas gewinnen. Bis gegen elf hatten die anderen ihn aufgezogen, weil es so schlecht lief. Jetzt hatten sie ehrliches Mitleid mit ihm und zählten die lange zurückliegenden Abende auf, an denen es ihnen ähnlich gegangen war.

Es war fast eins, als sie Thomas mit dem Chaos in der Küche allein ließen. In Konnis Passat zerrissen sie sich ein wenig das Maul über Corinna, wobei Bulle und Rainer sich einig waren, dass sie so einer schon gerne mal die Körpertemperatur würden messen wollen, sie aber unmöglich länger als unbedingt notwendig in der Wohnung haben wollten. Rainer nickte, und Konni seufzte hörbar. Männer Mitte vierzig. Wo andere ein Gehirn hatten, war bei ihnen noch immer ein großer Schulhof, jedenfalls nachts um eins, jenseits von 1,0 Promille.

»Wenn wir die Band hätten«, meinte Rainer, »hätten wir ständig diese jungen Dinger am Hals.«

»Ich habe keinen Hals«, sagte Bulle, dessen massiger Körper den Beifahrersitz unsichtbar machte.

»Die sind wie Egel«, sagte Rainer, »die saugen sich fest, wo sie Platz finden.«

Konni wollte wissen, woher Rainer seine Kenntnisse beziehe, und kriegte zur Antwort, das sei allgemein bekannt.

Ein paar Sekunden schwiegen sie.

»Ich kann ja nicht mal ein Instrument spielen«, gab Konni zu bedenken.

Bulle rülpste und brachte darin das Wort »Bass« unter. »Wir bringen dir das Bassspielen bei. Ist keine große Sache. Bisschen zupfen, das kriegst du ja wohl hin.«

»Der ist katholisch, der darf das nicht!«, warf Rainer ein.

»Schnapsidee!«, sagte Konni. »Als wenn einer von uns Zeit für eine Band hätte. Zumal in unserem Alter. Mir ist doch der Kühlschrank schon zu laut.«

Er setzte die anderen vor ihren unterschiedlich großen Einfamilienhäusern ab, Bulle vor dem umgebauten Bergarbeiterhaus mit den kleinen Räumen und den niedrigen Decken und Rainer vor diesem ausufernden Neubau mit dem schwarzen Marmor im Eingangsbereich.

Kurz darauf parkte er vor dem kleinen, geklinkerten Siedlungshaus aus den Sechzigern, das er von einer Tante geerbt hatte und das er zusammen mit Michaela durch einen doppelt so großen Anbau kindgerecht hatte vergrößern wollen. Der Rohbau stand, Michaela war weg. Das Haus und die Baustelle lagen im Dunkeln wie ein Denkmal seines Scheiterns.

Er stieg die drei Stufen zur Eingangstür hoch und nahm seinen Hausschlüssel aus der Tasche. Bulle hatte ihm geraten, es so zu sehen, dass Michaela viel mehr verloren hatte als Konni, der froh sein könne, dass sich das hinterhältige Miststück aus dem Staub gemacht habe, bevor sie schwanger geworden sei. Nun, das hatte sie ziemlich fix nachgeholt. Keine drei Wochen war sie mit diesem hässlichen Orthopäden zusammen gewesen, als sie auch schon Vollzug melden konnte. »Ich wette«, hatte Bulle gesagt, »die hat sich von dem schon bumsen lassen, als sie noch bei dir die Pläne korrigiert hat, die Schlampe!« Konni beneidete Bulle um die Fähigkeit, sich so aufzuregen. Bulle war zornig für sie beide gewesen, die anderen hatten ihm ihr Mitgefühl ausgedrückt, sich um ihn gekümmert und versucht, ihn aufzuheitern, aber die heilsame Portion Hass war von Bulle gekommen.

Konni steckte den Schlüssel von innen ins Türschloss und schloss zweimal ab. Dann ging er durch die Brettertür in den Anbau hinüber. Er ging von Zimmer zu Zimmer und malte sich aus, wie sie ausgesehen hätten. Jetzt würden sie leer stehen. Aber den Anbau zu stoppen und abreißen zu lassen, wäre auch unsinnig.

In dem, was mal das Wohnzimmer hätte werden sollen, setzte er sich auf den Boden und rauchte. Kurz bevor sie bei Thomas aufgebrochen waren, hatte er sich noch eine von Bulle geben lassen. Er schlug den Kragen seines Mantels hoch und verschränkte die Arme vor der Brust, um sich zu wärmen. Es zog hier noch an allen Ecken und Enden.

Über ihm hing diese Papierlaterne, mit der er früher als Kind losgezogen war, beim Martinszug durch Wiemelhausen. Über ein langes Kabel wurde sie mit Strom versorgt. Wenn er abends das Haus verließ, knipste er sie an und ließ sie brennen, bis er nach Hause kam. Auch drüben, im »Haupthaus«, ließ er immer eine Lampe an. Vorgeblich, um Einbrecher abzuschrecken. Tatsächlich aber mochte er es einfach, wenn er zurückkam und das Haus nicht völlig dunkel war.

Die Papierlaterne war, wiewohl mehr als dreißig Jahre alt, in ausgezeichnetem Zustand und stellte einen knallgelben Mond dar, auf einem nachtblauen Hintergrund. Das Mondgesicht hatte große, fröhliche Augen, eine kleine Nase und ein freundliches, breites Lächeln. Er hatte das Ding an seinen Sohn oder seine Tochter weitergeben wollen. Daraus würde nun nichts werden.

Schon in der Schule war er in Michaela verliebt gewesen, hatte sich aber nicht an sie herangetraut. Noch auf der Abiturfeier hatte er sie von weitem angeschmachtet, aber nichts unternommen. Erst fünfzehn Jahre später waren sie sich wieder über den Weg gelaufen, und plötzlich hatte es gefunkt. Nach zehn weiteren Jahren war Michaela aufgefallen, dass er zu langweilig für sie war. Bis dahin hatte sie gerade die Verlässlichkeit an ihm gerühmt, dann aber stillschweigend das Anforderungsprofil für ihren zukünftigen Ehemann und Vater ihrer Kinder geändert und festgestellt, dass Konni es nicht erfüllte. Sie brauche Spaß, Aufregung, Risiko, ein wenig Nervenkitzel, und das schien ihr dieser Früh-Ergraute mit dem Alfa Spider zu bieten. Früher hatte sie zu Konni gesagt: Bei dir fühle ich mich geborgen, und irgendwann war daraus ein Bei dir schlafe ich ein geworden. Jahrelang hatte sein katholisches Herz sich damit abgefunden, dass sie nicht heiraten wollte. Was die Sache am Ende allerdings auch einfacher gemacht hatte, jedenfalls die äußeren Abläufe. Sie hatte angerufen, ihn gebeten, sich einen Nachmittag lang im Haus nicht blicken zu lassen, und als er abends zurückgekommen war, waren ihre Sachen aus den Regalen und Schränken verschwunden, und der Hausschlüssel hatte auf dem Küchentisch gelegen.

Er schnippte die Zigarette durch die Fensteröffnung in den Garten hinaus, knipste den Mond aus und ging wieder hinüber.

Nach der Abendtoilette, während der er mehrmals seine Haare nach hinten zog, um mit gelindem Entsetzen das Zurückweichen seines Haaransatzes zu überprüfen, legte er sich ins Bett, stöpselte den Kopfhörer in die Mikroanlage auf dem Nachttisch und überließ sich der Anniversary Edition von Deep Purple in Rock, sprang gleich zur Nummer drei, Child in time. Englisch war nie sein Fach gewesen. Und schon in deutschen Gedichten waren ihm die Metaphern auf die Nerven gegangen, weil er sie nicht begriff. Auch hier hatte er keine Ahnung. Er wusste nicht, was das sein sollte, ein Kind in Zeit, das die Linie sehen wird, die zwischen Gut und Böse verläuft, mal ganz abgesehen von dem blinden Mann, der auf die Welt schießt. Kugeln fliegen, taking toll? Die Orgel. Er verstand das nicht, aber er fand es großartig. Doch es war völlig unmöglich, so etwas selbst auf die Beine zu stellen.

2

Obwohl er sie gebeten hatte, sich im Hausflur still zu verhalten, polterten sie die Treppe hinunter wie ein zufriedenes Sondereinsatzkommando nach einer erfolgreichen Razzia. Thomas schloss die Tür und fing an, die Küche aufzuräumen. Er warf die leeren Zigarettenpackungen in den Müll, leerte die Aschenbecher und verschnürte die Plastiktüte, weil er den Gestank nicht ertragen konnte.

»Sind sie endlich weg?«

Thomas fuhr herum. Corinna stand im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt.

»Sieht ganz so aus.«

»Das wird auch jedes Mal länger.«

Was wusste sie denn! Sie spielten reihum bei einem von ihnen zu Hause, das heißt, jeder war nur alle vier Monate Gastgeber, und für den Jahresabschluss zwischen Weihnachten und Neujahr gingen sie in eine Kneipe. Nicht ganz ein Jahr wohnte Corinna jetzt bei ihm, und erst zum zweiten Mal hatten sie heute hier gespielt.

»Wenn ich euch da sitzen sehe …«

Thomas stellte Konnis und Rainers Glas in die Maschine. Bulle und er tranken aus der Flasche. »Was ist dann?«, fragte er.

»Ihr nehmt den Scheiß so ernst.«

Thomas ließ Wasser in die Spüle und gab einen Spritzer Spülmittelkonzentrat hinzu. Während das Wasser lief, räumte er die drei kleinen Cognacschwenker, aus denen Bulle, Rainer und er Veterano getrunken hatten, in den Geschirrspüler.

»Schnaps?«, fragte Corinna.

»Spanischer Brandy.«

»Ach so, na dann ist es ja nicht so schlimm.«

»Was geht dich das an?«

»Es stinkt hier tierisch nach Zigaretten. DAS geht mich was an.«

»Das Fenster ist auf, und gleich zünde ich eine Duftlampe an.«

»Prima, dann stinkt es morgen wieder den ganzen Tag nach Zitrone.«

Thomas begann, die Aschenbecher zu säubern, und nahm sich vor, die Spülbürste hinterher wegzuwerfen. Die restliche Asche schwamm im Wasser, und ihm fiel auf, dass er die große Platte, auf der er die Brötchen gestapelt hatte und die nicht in die Maschine passte, noch nicht gespült hatte. Seufzend zog er den Stöpsel, ließ frisches Wasser nachlaufen und wartete auf eine Bemerkung von Corinna, doch die sagte nichts. Er drehte sich um, sie war weg. Es war nicht ihre Art, Dinge auszudiskutieren. Andererseits gab es nichts zu diskutieren. Er nahm den Besen aus der kleinen Abstellkammer und fegte ein wenig durch. Für den Staubsauger war es zu spät, den hörte man im ganzen Haus.

Er sah auf die Uhr. Halb zwei. Er war noch nicht müde und goss sich einen weiteren Veterano ein. Er hatte schon drei oder vier getrunken, dazu ein paar Bier, aber seit Corinna bei ihm wohnte, war er wieder besser im Training. In den Jahren davor hatte er es einigermaßen reduzieren können, jetzt lief es wieder hinein ohne Widerstand.

Er setzte sich an den Laptop, der auf einem Tisch unter dem Fenster stand, und rief die Datei auf, an der er zuletzt gearbeitet hatte.

Ihre langen blutroten Fingernägel umspielten ihre Brustwarzen, die sich vor Erregung aufgerichtet hatten. Sie hob ihre festen Brüste an ihren Mund und begann mit geschlossenen Augen daran zu lutschen. Pedro fiel auf die Knie und vergrub seinen Kopf in ihrem wild wuchernden Schamhaar. Sie seufzte wohlig und

Weiter war er nicht gekommen, weil ihm eingefallen war, dass Zielek das mit dem wild wuchernden Schamhaar nicht gefallen würde. Sauber gestutzt musste es sein oder, noch besser, komplett abrasiert. Das war der gängige Chic, aber Thomas hatte seine ersten Erfahrungen mit Pornographie in den Siebzigern gemacht, als es noch natürlich sprießen durfte.

Ihre langen blutroten Fingernägel umspielten ihre Brustwarzen, die sich vor Erregung aufgerichtet hatten. Sie hob ihre festen Brüste an ihren Mund und begann mit geschlossenen Augen daran zu lutschen. Pedro fiel auf die Knie und vergrub seinen Kopf in ihrem sauber gestutzten Schamhaar. Sie seufzte wohlig und

Nein, das war Unsinn. In etwas sauber Gestutztem konnte man seinen Kopf nicht vergraben.

Pedro fiel auf die Knie und fuhr mit seiner Zunge über den bleistiftdünnen Strich, der von ihrem gestern noch wild wuchernden Schamhaar übrig geblieben war.

Zielek wäre das wahrscheinlich zu kompliziert formuliert, aber so ging es erst mal. Nein, der Mann durfte nicht Pedro heißen. Ein deutscher Geschäftsmann musste es sein, der vor der sinnlichen Juanita in die Knie ging. Thomas änderte den Namen des Mannes und überlegte, ob sie ihn wegstoßen sollte, so dass er auf den Rücken fiel, damit sie sich über sein Gesicht hocken konnte, denn darauf, das wusste Thomas, fuhr Zielek ab, doch bevor er es hinschreiben konnte, spürte er eine Hand auf seiner Schulter.

»Musst du so spät noch arbeiten?«

Ihre Stimme war jetzt ganz anders, weich, versöhnlich, einschmeichelnd. Vielleicht brauchte sie wieder Geld. Er klappte den Laptop zu und fragte sich, wie lange sie da schon gestanden hatte. Sie fuhr mit ihren Händen über seinen Oberkörper und knabberte an seinem Ohrläppchen. Er hatte eigentlich vorgehabt, sich im Bad noch schnell einen runterzuholen, aber das würde jetzt nicht mehr nötig sein.

Sie knöpfte sein Hemd auf und sagte: »Komm ins Bett, ja?«

»Jetzt sofort?«

Offenbar ging sie davon aus, dass sie ihn noch nicht überzeugt hatte, denn entgegen ihrer üblichen Gewohnheit entschuldigte sie sich plötzlich für ihr Genörgel vorhin in der Küche. Sie schob ihm ihre Zunge ins Ohr, und er fragte sich, wann er das letzte Mal Q-Tips benutzt hatte. Er stand auf, und sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Dann leckte sie sich übertrieben die Lippen und lachte, um zu unterstreichen, dass sie es ironisch meinte. Ihre kurzen, gänzlich auf Farbe verzichtenden Fingernägel umspielten die erigierten Warzen ihrer Brüste, die Thomas in einem Text für Zielek als »klein und fest« hätte bezeichnen müssen. Sie würde sie nicht bis an den Mund heben können, aber vielleicht wollte sie ihm auch nur mitteilen, dass sie gelesen hatte, was er da schrieb. Sie stieg aus ihrem weißen Slip, ein perfektes, dunkles Dreieck zwischen den Schenkeln, und schmiegte sich an ihn. Sie nahm seine Hände und legte sie auf ihren Hintern.

Dreiundzwanzig, dachte Thomas. Das Alter war in Ordnung, nur das Mädchen dazu war so anstrengend. Hieß es denn nicht immer, die jungen Frauen seien heute so zielorientiert, kreativ und vernünftig? Kürzlich hatte er im SPIEGEL einen Artikel über junge Frauen in Führungspositionen gelesen. Die 24-jährige promovierte Juristin mit hochgesteckten Haaren hatte ihn besonders interessiert. Zauberhaft hatte sie ausgesehen in ihrem Businesskostüm und mit dieser strengen Brille auf der perfekten Nase. Er hatte an eine Fotostrecke im Penthouse denken müssen und sich gefragt, was diese junge Frau unter dem Kostüm trug (eine Frage, auf die er keine ehrliche, sondern allenfalls eine aufreizende Antwort akzeptiert hätte) und ob sie zu Hause so leidenschaftlich war wie im Beruf erfolgreich. Wieso war er nicht an eine solche geraten? Eine, die ihm helfen konnte, sein Leben in Ordnung zu bringen. Eine, die ihn dazu brachte, dass er wieder etwas schrieb, das andere lesen wollen, nicht nur Wichsvorlagen.

Weil Frauen wie diese nicht an Männer wie ihn gerieten. Deshalb waren sie ja so erfolgreich.

Corinna ging jetzt vor ihm in die Knie und zog seinen Reißverschluss herunter. Damit hatte sie ihn, und das wusste sie. Achtzehn Jahre Unterschied. Er könnte ihr Vater sein. Aber daran wollte er nicht denken, während sie mit ihrem 23-jährigen Mund tat, was sie gerade tat.

Eine Dreiviertelstunde später war er noch immer wach. Corinna schlief. Auf der Straße dröhnte ein Lastwagen vorbei, und Thomas stand auf. Er sah sich im Zimmer um und beschloss einmal mehr, morgen auf jeden Fall aufzuräumen. Die missbilligenden Blicke der anderen waren ihm nicht entgangen. Er hasste es selbst, wie es hier aussah. Er hatte schon immer Schwierigkeiten gehabt, seinen Stall sauber zu halten, aber seit er mit »diesem jungen Mädchen« zusammenlebte, waren alle Dämme gebrochen. Am liebsten hätte er jeden Tag den einen Satz zu ihr gesagt, der, aus dem Munde seiner gestressten Mutter, der Soundtrack seiner Kindheit gewesen war: Ich habe keine Lust, ständig hinter dir herzuräumen!Aber da war seine Mutter schon keine dreiundzwanzig mehr gewesen, und wie geschickt sie in Fellatio war, hatte ihn nie interessiert.

Er ging wieder ins Wohnzimmer, nahm den iPod, der im Dock auf dem Verstärker der Yamaha-Anlage stand, fand die Kopfhörer auf seinem Schreibtisch und legte sich aufs Sofa. Er scrollte durch die Wiedergabelisten auf der Suche nach etwas, das zu seiner Stimmung passte. Und es musste zu der Band passen, die es noch nicht gab.

Diese Bemerkung »Wenn wir erst mal die Band haben …« hatte sich zu einem liebgewonnenen Routinespaß entwickelt, aber dahinter steckte die tiefere Wahrheit, dass Thomas bedauerte, es nie versucht zu haben. Er hatte so vieles nicht versucht. Er hatte nie im Ausland gelebt, war nie in New York gewesen, hatte es nie mit zwei Frauen gleichzeitig getrieben, und er hatte nie in einer Band gespielt, obwohl er ohne Rockmusik nur ein halber Mensch wäre. Als er im richtigen Alter für eine Band gewesen war, hatte er sich eher als neuen Bob Dylan gesehen und mit seiner Westerngitarre einige Auftritte in einer kleinen Kneipe absolviert, wenn die meisten Gäste schon gegangen waren. Er hatte eigene Songs geschrieben, wobei er einen etwas peinlichen Hang zu sentimentalen Liebesliedern und naiven Antikriegs-Agitprop-Nummern an den Tag gelegt hatte. Heute, dachte er, müsste es vor allem darum gehen, Lärm zu machen und den Kopf zu schütteln, bevor man so alt war, dass man davon ein Aneurysma kriegte.

Er hörte sich durch ein paar klassische Nummern. Es ging unheimlich oft um Stürme und Gewitter, Blitze und Donner, heulenden Wind.

Young blood, you’re hot property.

Corinna. Die Sache hatte gut angefangen. Ihr Alter war ihm gar nicht aufgefallen. Und jetzt waren sie an einem Punkt, wo er sich fragte, ob es doch eine Rolle spielte.

Wenn du im Fieber brennst und zitterst bis auf die Knochen, brich nicht in kalten Schweiß aus, denn es ist nur dein Blut, das Steine wirft. Das hörte sich schon ziemlich bescheuert an. Aber zusammen mit der Musik klang es absolut logisch.

Mit der eigenen Band in New York auftreten und es hinterher im Hotelzimmer mit zwei Frauen gleichzeitig treiben, das müsste er noch hinkriegen, dann könnte er sich in die Kiste legen.

Ich nehme, was ich will, und ich stehle, was ich brauche, ich tue alles, was nötig ist, um mir Befriedigung zu garantieren. Ich suche nach Liebe und ich bin rau und bereit. Das hörte sich alles so vormodern männlich an, wie es schon lange verboten war. Es klang so wunderbar scheißegal, nach Jeans und Lederhosen, die eng im Schritt waren.

Ohne Ole wären sie nur zu viert, also keine Rockband. Das Argument hatte was.

Ole. Da Thomas drei bis vier Jahre jünger war als die anderen, war er nicht mit Ole zur Schule gegangen, kannte ihn jetzt aber auch schon seit fast zwanzig Jahren. Der rätselhafte Ole in seiner olivfarbenen Armee-Kampfjacke, der die Welt besser verstand und besser erklären konnte als alle anderen und der trotzdem (oder deswegen?) an ihr verzweifelte. So sehr, dass er nicht an ihr teilhaben wollte. Ole fehlte etwas, das Thomas mal im Überfluss gehabt hatte: Ehrgeiz. Dafür hatte Ole etwas, von dem Thomas noch einiges hätte brauchen können: Talent. Echtes Talent. Ole ging in die Tiefe, Thomas nur in die Breite, das wusste er mittlerweile.

Dieses gepresste Geschrei, fast erstickt von dem Testosteron, das einen da durchspülte. Don’t want no heartache. I’m a victim of love. Das bin ich auch. Corinna hat mich gekapert, überfallen, gefangen genommen. Ich kann nicht anders, ich liebe ihren Arsch und ihre Brüste und ihren Mund, und ich liebe, dass sie mich nicht fragt, was ich von dem halte, was sie tut oder nicht tut.

Mein Gott, wie lange habe ich mich nicht bei Ole gemeldet! Was macht er? Wie geht es ihm? Hoffentlich weniger schlecht als früher üblich. »Leben ist eine tolle Sache«, hatte Ole mal gesagt. »Ich liebe es, den anderen dabei zuzusehen.«

Was diese Musik auszeichnet, ist die Stille danach. Und wenn sie sinnvoll gefüllt wird: I don’t know, where I’m goingl but I sure know where I’ve been // Here I go again on my own.

Er sprang zurück und hörte das Ganze noch mal.

3

Rainer sah die Rücklichter von Konnis Wagen um die Ecke verschwinden und blieb noch ein paar Minuten vor der Haustür stehen. Er zündete sich eine Zigarette an und rauchte im Dunkeln. Warum sollte er hineingehen, er würde sowieso nicht schlafen können. Er umrundete das Haus, versuchte bei den Nachbarn hinter die Rollos zu schauen, gab sich aber keine große Mühe, weil es ihn dann doch nicht genug interessierte. Die Leute rundherum waren alle gleich, gutsituierte Rechtsanwälte, Zahnärzte, Orthopäden oder erfolgreiche Steuerberater wie er selbst. Im Sommer wurden hier reihum Gartenpartys gefeiert, man stand herum mit bunten Getränken in den Händen und sah den Frauen dabei zu, wie sie versuchten, ihr Alter zu verbergen. Offenbar war es besonders schlimm, alt zu werden, wenn man Geld hatte. Vielleicht weil dann alle Welt, und man selbst, davon ausging, dass man sich doch etwas kaufen könnte, was das Alter und letztlich den Tod aufhob oder abschaffte, wenigstens hinauszögerte oder in etwas verwandelte, das nicht so schlimm war. Wenn Rainer ehrlich war, würden ihn die meisten Frauen in der Nachbarschaft tot mehr interessieren als lebendig. Bleich aufgebahrt im kalten Licht der Pathologie, wie man es aus den Fernsehkrimis kannte. Genaueres kann ich erst nach der Obduktion sagen. Später dann die y-förmige Naht von den Schlüsselbeinen über Solarplexus hinunter bis zum Schambein. Sehen Sie hier, Herr Kommissar, dieses Opfer ist an festverzinslichen Wertpapieren gestorben.

Das Spiel heute war mittelprächtig verlaufen. Anfangs hatte er gute Karten bekommen und beherzt angesagt. Im vierten Spiel hatte er beide gegnerischen Füchse gefangen und am Ende den Charlie platziert. Nach dem Essen, das stets nach der zweiten Runde auf den Tisch kam, hatte er zehn Spiele ohne Punkte durchstehen müssen und war bis auf den letzten Platz zurückgefallen. Es mochte am Essen liegen, denn als er sah, wie Thomas die Mett- und Käsebrötchen sowie die Frikadellen von der Supermarktfleischtheke auf den Tisch stellte, hätte Rainer am liebsten den Pizzaservice angerufen. Bulle und Rainer gaben sich immer Mühe, den Speiseplan ihrer Spielrunden variabel zu gestalten, aber der Herr Schriftsteller hielt sich einiges auf seinen Purismus und seine Bodenständigkeit zugute, dabei war es in Rainers Augen nur Einfallslosigkeit. Wie in seinen Büchern, schob er in Gedanken nach, kam sich dann aber mies vor, weil das unfair war. Er konnte das nicht beurteilen, er las ja nicht mal.

Nach den Frikadellen, den Brötchen und den Landjägern (Überraschung!) hatte er eine Menge Pech gehabt, war aber auch unkonzentriert gewesen. Er hatte versucht, das durch zwei Veterano zu bekämpfen, doch erst, als er gegen Ende auf Apfelschorle umgestiegen war, hatte er den Abend noch retten können. Die Bockrunde hatte ihn aus dem Tief geholt und wieder dorthin gebracht, wo er hingehörte: an die Spitze des Feldes. Er konnte es nicht ändern, in letzter Zeit gelang ihm hierbei fast alles.

Mit der Zigarette zwischen den Zähnen stieg er über den Zaun und ging durch den Garten. Rechts war noch immer der riesige Sandkasten, der seit Jahren nicht mehr benutzt wurde. Eigentlich hatten sie dort einen Teich anlegen wollen, aber jetzt konnte man es auch so lassen, bis sie Enkel hatten. Was hoffentlich noch ein paar Jahre dauern würde. Daniel war sechzehn und weit davon entfernt, etwas mit einem Mädchen anzufangen. Er schien seine ganze Zeit mit etwas zu verbringen, das »nichts« hieß und sehr bedeutsam war. Was machst du gerade? – Nichts. Was hast du heute Nachmittag vor? – Nichts. Was willst du zum Essen haben? – Nichts. Er hatte ein paar Freunde, doch auch mit denen unternahm er »nichts«. Manchmal erfuhr man, dass dieses »nichts« im Kino stattfand, manchmal auf einer Party oder einem Konzert. Soweit Rainer beurteilen konnte, fehlte seinem Sohn im Gegensatz zu vielen Altersgenossen das Bedürfnis zu selbstzerstörerischer Ekstase durch Alkohol, Drogen oder industrielle Musik. Die schlechtgelaunten Jungs, die bei ihnen ein und aus gingen, wirkten genauso verschlossen wie Daniel, aber wenn man von weitem zusah, wie sie miteinander redeten, ohne sich beobachtet zu fühlen, dann wirkten sie anders. Da wurde gelacht und mit den Händen herumgefuchtelt wie in einem italienischen Cafe, und als Vater fühlte man sich ausgeschlossen.

Helena war anders. Sie war vierzehn und gab ihren Eltern das Gefühl, sie an allem zu beteiligen, erzählte bereitwillig von den Festen, die sie und ihre Freundinnen ausrichteten, und auch von Paul, einem schlaksigen Fünfzehnjährigen in weiten Hosen und mit einem eher peinlichen Koteletten-Versuch an den Wangen, dem die Ehre zuteil geworden war, der Familie als erster fester Freund vorgestellt zu werden. Der gute Eindruck war ins Wanken geraten, als eines Samstagabends eine besorgte Mutter anrief und Rainer bat, seine volltrunkene Tochter aus ihrem Partykeller abzuholen, wo er sie dann über eine Toilettenschüssel gebeugt vorfand. Am nächsten Tag hatte sie sich damit entschuldigt, dass sie das wohl nicht richtig eingeschätzt habe und ihr dieser Vorfall eine Lehre sei. Derartiges werde sich nicht wiederholen.

Sie war vierzehn. Rainer hatte seinen ersten Vollrausch mit sechzehn gehabt. Angeblich ging heute ja alles viel schneller. Er wurde das Gefühl nicht los, dass Helena nicht ganz ehrlich zu Brigitte und ihm war, aber er wollte ihr nicht hinterherschnüffeln und fand sich damit ab, dass er aus dem Leben seiner Kinder immer mehr verdrängt wurde. Vielleicht vertraute sie sich ja ihrer Mutter an, und die würde ihm alles in zehn, fünfzehn Jahren, bei Helenas Hochzeit, nachliefern, als skurrile Anekdoten weiblicher Komplizenschaft.

Er stand vor der Terrassentür und überlegte, hier einzusteigen wie ein Einbrecher. Die Rollladen dürften kein Problem sein. Und üblicherweise vergaß Brigitte, die Alarmanlage einzuschalten.

Konni war heute Abend nur ein Schatten seiner selbst gewesen. Die Trennung von Michaela machte ihm noch immer zu schaffen.

Rainer verwarf die alberne Einbruchsidee und betrat das dunkle Haus auf dem dafür vorgesehenen Weg. Rechts und links der Haustür waren senkrecht längliche Milchglasscheiben angebracht, durch die das Mondlicht auf den glänzenden schwarzen Marmorboden fiel. Links Daniels Zimmer, rechts das von Helena. Früher hatte Rainer, wenn er spät nach Hause kam, immer einen Blick auf seine schlafenden Kinder geworfen, doch das hatte er sich jetzt zu verkneifen. Das Risiko, dass sie aufwachten und sich über die Verletzung ihrer Privatsphäre beschwerten, war zu groß. Er legte ein Ohr an Daniels Tür, um wenigstens etwas zu hören, aber da war nichts. Rainer legte eine Hand auf die Klinke und sagte sich, dass er leise sein würde. Die Zimmer waren mit dickem Teppichboden ausgelegt, die Türen immer frisch geölt. Er wollte ihnen nichts rauben, nicht im Schlaf ihre Seelen essen, er wollte nur für ein paar Sekunden das Gefühl haben, er müsse sie beschützen, wie früher.

Langsam drückte er die Klinke herunter und öffnete die Tür. Er würde kein Wort über die Unordnung hier drin verlieren, diese Diskussionen hatte er mit seinen Eltern bis zum Erbrechen geführt: pubertär-linksradikales Chaos gegen überholte bürgerliche Ordnung, Thin Lizzy gegen die Hitparade. War Phil Lynott nicht tot? War Dieter Thomas Heck nicht noch am Leben? Wieso konnte er beide Fragen nicht zuverlässig beantworten? Das wäre ihm früher nie passiert.

Von einem Ring unter der Decke hing ein Mückennetz über Daniels Bett. Darunter konnte Rainer die Silhouette seines Sohnes nur undeutlich erkennen. Er schlich näher und schob das Netz beiseite. Unwillkürlich zuckte er zusammen. Im Schlaf ähnelte Daniel wieder dem Säugling, dem Vier-, Sechs- und Achtjährigen, der irgendwann verschwunden war, gekidnappt von der Zeitmafia, der Vergänglichkeitscamorra, die keine Lösegeldforderungen schickte und ihre Opfer niemals laufen ließ.

Rainer hatte genug gesehen, ging hinaus und schloss die Tür. Der Vollständigkeit halber musste er auch nach Helena sehen. Hier gab er sich nicht so viel Mühe, leise zu sein, weil er sich sagte, dass sie einen tieferen Schlaf habe. Wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass es ihm nicht so viele Probleme bereitete, das Zimmer seiner Tochter zu betreten wie das seines Sohnes. Es war keine Frage des Ausmaßes von Liebe, aber er hatte sich seinem Sohn immer näher gefühlt, was alles sehr viel komplizierter machte.

In Helenas Zimmer stand auf einem niedrigen Tischchen eine kompakte Stereoanlage. Auf der Stereoanlage ein paar CDs von leicht bekleideten jungen Mädchen, die aussahen, als würden sie nicht nur Musik machen, sondern auch in Pornofilmen mitspielen. Dass Jungs so etwas hatten, hätte Rainer verstanden, denen wäre es wenigstens nicht um die Musik gegangen. Rainer lag in ständigem Clinch mit Daniels White Stripes, obwohl Rainer unterm Strich froh war, dass er sich nicht mit rechtsradikalem Gewaltrock oder frauenfeindlichem Hip-Hop herumärgern musste. Thomas war geradezu euphorisch geworden, als er von Daniels musikalischen Vorlieben erfuhr. Heimlich hatte Rainer sich ein paar Nummern aus dem Internet heruntergeladen und musste zugeben, dass ihn das ein wenig an früher erinnerte, nur wäre er nie auf die Idee gekommen, sich damit an seinen Sohn heranzukumpeln.

Helena lag auf dem Bauch, halb abgedeckt, in einem gestreiften Herrenpyjama mit Knopfleiste. Ihr Mund stand ein wenig offen. Rainer deckte sie zu und verließ das Zimmer.

Er ging in die Küche und nahm sich ein Glas Weißwein. Der Kühlschrank war so groß wie eine Telefonzelle, die linke Seite konnte Eiswürfel auswerfen. Die Spülmaschine stand halb offen, das Geschirr war sauber, Rainer räumte sie aus, trank zwischendurch von seinem Wein. Er sah auf die Uhr. Viereinhalb Stunden noch, bis er vorgeben konnte, einfach nur früh auf den Beinen zu sein. Brigitte schlief wie tot, beneidenswert, auch wenn ihr tiefer Schlaf nur vermittels chemischer Hilfsmittel möglich war.

Rainer ging hinauf in sein Arbeitszimmer, schaltete den Computer ein und rief seine E-Mails ab, fand aber nicht die Energie, sie zu beantworten. Er ging an den Aktenschränken entlang und besah die Rücken der Handbücher und Ordner, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Er trat hinaus auf den Balkon und verhielt sich ein paar Sekunden still, um zu hören, ob die Bäume sich regten, doch er hörte nur das entfernte Brummen der Autobahn.

Er mochte nicht mehr wissen, wann und wohin die Kindheit seiner Kinder verschwunden war, dafür wusste er ziemlich genau, wann das mit seiner Schlaflosigkeit angefangen hatte.

Er ging wieder hinein, schloss die Balkontür, trank den mittlerweile handwarmen Wein aus, brachte das Glas in die Küche und stieg hinab in den Keller. Er benutzte die dortige Toilette, um sicherzugehen, dass er niemanden störte. Er wollte nicht erklären, wieso er noch nicht schlief.

Dieses winzige Bad war der einzige Raum im Haus, der nicht verputzt worden war. Rainer hatte vergessen, wieso. Mittlerweile sammelten sich hier Edding-Graffiti auf den nackten Steinen. Der originellste war von Thomas. Über dem Mauervorsprung hinter der Toilettenschüssel ein Pfeil, daneben in Großbuchstaben: SPENDEN FÜR DEN VERPUTZ BITTE HIER!

Rainer spülte und wusch sich die Hände. Er trat auf den Kellergang, wandte sich der Tür gegenüber zu, holte den Schlüssel aus der Hosentasche und schloss auf. Auf einem x-förmigen Ständer ruhte das Yamaha-Keyboard, das Brigitte ihm vor zwei Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte. Er war ehrlich überrascht gewesen. Dass er früher Klavier gespielt hatte, war zwischen ihnen nur selten ein Thema gewesen, und Rainer hatte nie behaupten können, dass er es vermisste.

Rainer schaltete ein und schlug eine Taste an. Es hörte sich fast echt an, aber eben nur fast.

Als er acht Jahre alt gewesen war, hatte seine Mutter die Idee gehabt, er müsse ein Instrument erlernen, vorzugsweise jenes, das sie selbst gern hätte spielen wollen. Ein Klavier wurde angeschafft und irgendwie in das winzige, schon viel zu volle Wohnzimmer gequetscht. Seinem Vater war das ein Dorn im Auge gewesen. Er hatte nicht eingesehen, wieso er Geld dafür ausgeben sollte, dass Rainer etwas lernte, das er später nie wieder würde brauchen können. Geld konnte man damit nicht verdienen, also war so ein Ding wertlos, die Beschäftigung damit Zeitverschwendung. Und doch hatte sein Vater das Instrument geduldet, war später auch zu den Schulkonzerten gegangen, bei denen Rainer gespielt hatte.

Als Rainer verkündet hatte, Musik studieren zu wollen, war es mit der Toleranz allerdings vorbei gewesen. Die Vehemenz der Ablehnung seines Vaters hatte ihn schockiert. In den Jahren danach hielt Rainer es für ein Zeichen mangelnder Leidenschaft, dass er sich nicht durchgesetzt hatte, und redete sich ein, dass aus ihm ohnehin nie ein wirklich guter Pianist hätte werden können. Eine Zeitlang hatte er noch an den Wochenenden gespielt, wenn er aus München, wo er studierte, nach Hause kam, dann hatte er keine Zeit mehr gefunden und es vergessen, bis ihm Brigitte dieses Ding geschenkt hatte.

Kurz darauf hatte das mit der Schlaflosigkeit angefangen.

Er hätte in einer Band spielen können. Bulle hatte ihn gefragt, damals, irgendwann in den Siebzigern. Rainer hätte bei Black Pearl einsteigen können, der Band, in der Bulle Schlagzeug spielte, aber die Vorstellung, mit Hotte Vorholz und Schraube Scheffler in einem Keller zu stehen und sich über Musik zu streiten, hatte ihn angewidert. Wie hatte Bulle das nur ausgehalten? Na ja, lange hatte es ja auch nicht gedauert.

Wieso hatte Ole eigentlich nie in einer Band gespielt? Die Gitarre hatte ihm gehorcht wie niemandem sonst, aber er hatte sie immer nur für sich gespielt, im Keller. Rainer, Bulle, Konni und ein paar andere hatten ihn einige Male spielen sehen. Bei ein oder zwei Rocknächten war er in der Pausenhalle aufgetreten, mit der E-Gitarre hatte er Folksongs gespielt, die sich wie AC/DC angehört hatten. Ein deutscher Billy Bragg, bevor es einen englischen gab.

Ohne Ole wären sie nur zu viert.

Aber eine Band – das war doch ohnehin eine Schnapsidee. Mit Mitte vierzig wurden Rockbands nicht gegründet, sondern sie feierten Reunions.

Obwohl er sicher war, dass die anderen ihn nicht hören konnten, stöpselte er die Kopfhörer ein. Zum Warmspielen ein wenig Rachmaninow, auch wenn ihm die Russen immer zu elegisch gewesen waren. Danach wechselte er zu Philip Glass, dessen Schlichtheit ihn begeisterte. Schließlich aber ergötzte er sich an der redundanten Schlichtheit des Orgelmotivs von Uriah Heeps »July Morning«. Zehn Minuten, dreiunddreißig Sekunden. Er hatte Ole und Dora dazu tanzen sehen. Eine Party im Keller, Matratzen auf dem Boden, eine Lichtorgel mit drei farbigen Birnen.

Dora. Der Grund, wieso Ole letztlich nach Berlin gegangen war. Weg von all den Erinnerungen.

There I was on a July morning l with the strength of a new day dawning / and the beautiful sun.

Rainer schaltete das Keyboard aus, ging nach oben und warf einen Blick auf die Küchenuhr. In zwei Stunden würde sein Sohn sich beschweren, dass jemand bei ihm im Zimmer gewesen sei, was er an dem abgerissenen Streifen Tesa erkannte, den er jeden Abend an Tür und Rahmen klebte, aber das war noch weit.

Brigitte hatte Rainer im Verdacht, Affären zu haben. Dabei hatte er sich in den zwei Jahrzehnten ihrer Ehe nie ernsthaft für andere Frauen interessiert. Seit die Kinder zunehmend ihre eigenen Wege gingen, langweilte sich Brigitte und bekämpfte diese Langeweile mit Paranoia. Und die wiederum versuchte sie in den Griff zu kriegen, indem sie ihr Leben bis ins Letzte durchplante. Es machte sie wahnsinnig, dass sie jetzt, im Januar, noch nicht wussten, wohin sie im Juli in den Urlaub fahren würden.

Wann habe ich mich das letzte Mal bei Ole gemeldet? Und warum habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen? Er meldet sich schließlich auch nie.

Er ging zur Stereoanlage, setzte sich den Kopfhörer auf und hörte Uriah Heep – The Ultimate Collection einmal quer. Und plötzlich sah er seine Haare vor sich. Sah sich selbst vor dem Spiegel stehen, als Siebzehnjährigen. Neben ihm seine Mutter, zwei Köpfe kleiner: Sieh dich doch mal an! Ich habe nichts gegen lange Haare, aber es steht dir einfach nicht! Sie hatte an die rettende Kraft der Vernunft geglaubt, während er in Gefühlen und Hormonen ersoff.

Also, »Come away Melinda« war eigentlich unerträglich. So viel Kitsch. Weil diese Typen immer den Ehrgeiz hatten, sich als große Musiker und Komponisten zu beweisen, anstatt einfach nur Lärm zu machen. Jon Lords klassische Stücke waren doch lächerlich!

Rainer legte sich auf den Boden und lieferte sich »Gypsy« aus: Ich war gerade mal siebzehn und verliebt in eine Zigeunerkönigin. Gott, der Text war wieder so ein hanebüchener Blödsinn. Ausgepeitscht vom Vater des Mädchens! Aber eines Tages komme ich zurück, dann werde ich stark genug sein, um zu kämpfen und zu gewinnen. So was hörte man damals einfach weg! Von dem Text kriegte man nicht so viel mit. Rainers Gypsy-Queen hatte Gisela Kaufmann geheißen. Das unanständigste Mädchen der Schule. Keine zum Verlieben, sondern eine, mit der man sich bei lauter Musik atemlos durch die Laken kämpfte, ohne die Sorge, etwas zu tun, das sie verletzen könnte; die einem alles machte, was man sich vorstellen konnte, nur kein schlechtes Gewissen; die am nächsten Tag nicht so tat, als sei alles ein Fehler oder ein Missverständnis gewesen; mit der Sex kein emotional überfrachtetes Drama war, sondern etwas, das Freunde miteinander taten, so wie man zusammen ins Kino ging. Es war nie besser gewesen, nie lockerer, nie wieder so völlig ohne Lüge.

Er würde keiner Band beitreten, die nicht bereit war, »Gypsy« zu spielen.

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