So viele Paradiese - Giovanna Giordano - E-Book
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So viele Paradiese E-Book

Giovanna Giordano

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Beschreibung

Eine moderne Odyssee - lebensklug, inspirierend, optimistisch

Der 20jährige Antonio Grillo aus dem sizilianischen Bergdorf Gesso ist ein sanfter junger Mann mit strahlend blauen Augen, der von Freiheit träumt. In seiner Heimat werden Statuen der Madonna verehrt, aber seit er gehört hat, dass man in Amerika eine Statue als Tribut an die Freiheit errichtet hat, steht für Antonio fest: Er will mit dem Schiff in die Neue Welt. Seine Reise im Jahr 1923 gerät bald zur Odyssee, wechselvolle Ereignisse und ungewöhnliche Begegnungen bringen ihn in ebenso gefährliche wie haarsträubende Situationen. Doch dank seiner Fantasie und seines unerschütterlichen Glaubens an das Gute ersteht vor Antonios Augen vor allem eine traumartige Welt voller verheißungsvoller Wunder...

»Welch eine Freude, dieser Roman (...) ein grandioses Epos von bezaubernder Schönheit« La Repubblica

»Eine epische Geschichte über das Abenteuer eines jungen Mannes, über Menschlichkeit und die Kraft der Natur, die zugleich auf moderne Weise von Aufbruch und Hoffnung erzählt« Rai Cultura

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Seitenzahl: 762

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

CoverÜber das BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungMottoI – Das Haus in den Hügeln von GessoII – Eines Nachts in StromboliIII – Pläneschmieden und die Magierin VittoriaIV – Abschied von Lebenden und TotenV – Zu Pferd auf der Suche nach Wundern und das Billett in die FreiheitVI – Die alte Welt verlassenVII – Die Grillos sind große LotospflaumenesserVIII – Die Welt hält wunderbare Überraschungen bereitIX – Noch eine FalleX – Abfahrt aus MessinaXI – Die ersten Wellen und neue FreundeXII – Neapel, Spielmänner, Inseln und UnheilXIII – Die WürfelinselXIV – Wie ein Traum auf einen Schlag zerplatzt und der erste SturmXV – Genua und VersprechungenXVI – Auf der Suche nach dem verlorenen BillettXVII – Spanien: Cádiz und SevillaXVIII – Gibraltar und der Pirat aus PalermoXIX – Polyphema auf LanzaroteXX – Fieber und Sondaals SpechtXXI – Azoren: Brot, Krieg und LiebeXXII – Ozean, Lucia, Vulkan und DragoXXIII – Fünf Bermudainseln und ein SturmXXIV – Norfolk, U. S. A.Danksagung

 

Über das Buch

Eine moderne Odyssee – lebensklug, inspirierend, optimistisch

Der 20jährige Antonio Grillo aus dem sizilianischen Bergdorf Gesso ist ein sanfter junger Mann mit strahlend blauen Augen, der von Freiheit träumt. In seiner Heimat werden Statuen der Madonna verehrt, aber seit er gehört hat, dass man in Amerika eine Statue als Tribut an die Freiheit errichtet hat, steht für Antonio fest: Er will mit dem Schiff in die Neue Welt. Seine Reise im Jahr 1923 gerät bald zur Odyssee, wechselvolle Ereignisse und ungewöhnliche Begegnungen bringen ihn in ebenso gefährliche wie haarsträubende Situationen. Doch dank seiner Fantasie und seines unerschütterlichen Glaubens an das Gute ersteht vor Antonios Augen vor allem eine traumartige Welt voller verheißungsvoller Wunder …

 

Über die Autorin

Giovanna Giordano, Jahrgang 1961, wurde im sizilianischen Messina geboren und lebt heute in Catania, wo sie ein eigenes Stück Land mit Blick auf das Meer und die Äolischen Inseln bewirtschaftet, wenn sie nicht gerade als Weltenbummlerin neue Horizonte erkundet. Sie hat afrikanische Kunstgeschichte studiert, lehrt Philosophie mit Schwerpunkt Bildtheorie und Phänomenologie an der ACCADEMIA DI BELLE ARTI in Catania, schreibt als Journalistin für verschiedene überregionale Zeitungen Italiens und ist Autorin von drei preisgekrönten Romanen. Ihr neuester, von der Auswanderungsgeschichte ihrer Vorfahren inspirierter Roman IL PROFUMO DELLA LIBERTÀ wurde für den PREMIO STREGA 2022 nominiert und erscheint in neun Ländern.

GIOVANNA GIORDANO

SO VIELEPARADIESE

Roman

Übersetzung aus dem Italienischenvon Elisa Harnischmacher

EICHBORN

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

 

Titel der italienischen Originalausgabe:

»Il profumo della libertà«

 

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2021 by Giovanna Giordano

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2023 by Bastei Lübbe AG, Köln

Umschlaggestaltung: © zero-media.net, München

Einband-/Umschlagmotive: © FinePic®, München; © getty-images

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-4267-2

eichborn.de

luebbe.de

lesejury.de

 

 

Für meine Tochter Antonia

 

 

Mein Haus ist klein, aber seine Fensteröffnen sich auf eine unendliche Welt.

KONFUZIUS

 

 

O bona libertas, pretio, pretiosior omni.Oh süße Freiheit, kostbarer als jeder Schatz.

MARCELLUS PALINGENIUS STELLATUS

I

Das Haus in den Hügeln von Gesso

Es stand einmal, und steht noch immer, ein Haus in den Hügeln von Gesso auf Sizilien, zu seinen Füßen das Meer und die Liparischen Inseln, und dort lebte 1923 ein argloser Bursche mit Namen Antonio Grillo.

Er hatte eine kluge, schöne Stute namens Aurora und zwei weiße Gänse, und diese Tiere, die liebte er sehr.

Doch vor allem liebte er die Freiheit.

Schön, wem er gefiel, mit blauen Augen, die man gesehen haben musste, kein Freund vieler Worte. Nie geriet er in Wut, er hasste Krieg und betrachtete die Welt mit großer Zartheit. Frauen, Tavernen und Glücksspiel, das alles liebte er. Raufereien mied er wie die Pest, und wenn er im Dorf eine sah, dann ging es mit seinem Pferd in gestrecktem Galopp zum Meer hinunter. Viele sagten, er könne mit Tieren sprechen.

Wer bis hierher gelesen hat und denkt: Antonio Grillo aus Gesso ist eine Märchenfigur, der liegt nicht ganz richtig. Dies ist kein Märchen, sondern die Geschichte eines einfachen, ehrlichen Jungen von zwanzig Jahren.

Antonio Grillo war der Bruder meines Großvaters Placido, vieles weiß ich über die beiden, anderes habe ich mir ausgedacht. Familienpapiere, die in einer Kommode aus Kirschholz lagerten, haben das Bild abgerundet. Sechzehn Schubladen voller Briefe, Papiere und Fotografien sind immer noch dort, in dem einsamen Haus mit dem Meer zu Füßen.

Und nun mag die Geschichte beginnen.

Am ersten Frühlingstag, dem 21. März 1923, wurde Antonio zwanzig Jahre alt. Die ganze Familie war versammelt auf der Terrasse des Hauses, der Schirokko wehte warm an diesem Nachmittag, und der Stromboli rauchte vor sich hin. Die Liparischen Inseln lagen friedlich im Wasser. Ein Schwarm Vögel kreiste über dem Mandelbaum im Obstgarten und ein weiterer über den Ruinen der byzantinischen Burg, die langsam, aber stetig noch heute verfällt.

Antonio mit den zauberhaften blauen Augen wandte sich an seinen Vater.

»Lieber Vater, heute, am 21. März ist mein zwanzigster Geburtstag, und bald gehe ich für immer fort«, sagte er, das Meer still zu Füßen.

»Was redest du da, mein Sohn? Du verlässt Gesso und Sizilien, um wohin zu gehen?«, wollte der Vater, Lio Grillo, bestürzt wissen.

»Nach Amerika.«

»Das sind bittere Worte für mich. Warum willst du denn fort?«

»Weil ich einen Traum habe, der Freiheit heißt.«

»Was soll denn das sein, Freiheit?«

»Etwas ungeheuer Schönes, vielleicht wie eine Traube voller Sterne im Bauch. Frei, das ist ein Blauwal in den Tiefen der Meere. Nicht frei, das ist ein Frosch in einem brodelnden Weiher«, erwiderte Antonio.

»Und was hast du vor?«

»Ich will Wunder jagen in der ganzen Welt.«

»Du willst also wirklich fort? Für immer?«

»Ja, ich will nach Amerika. Für immer«, antwortete Antonio.

Der Vater schloss die Augen und sank schweigend in seinen Korbstuhl zurück.

Ein Sonnenstrahl traf auf das Porzellan und die Silberlöffel auf dem Tisch, alles war erfüllt von Licht. Pferde wieherten, Vögel flatterten umher, Spinnen webten ihre Netze, und eine Amsel flog zu ihrem Nest im Feigenbaum. Die Reblinge über ihren Köpfen waren noch kahl.

Antonio sah in die Wolken.

Der Vater ins Nichts.

Die Frau des Vaters, Donna Tina Oliva, hob ihre zu Boden gefallene Häkelarbeit auf, die Katzen spielten mit Wollfäden, und der Bruder Placido hatte eine Handvoll Kirschen in der Faust und eine Handvoll Erinnerungen im Kopf.

Das war alles, was sich Vater und Sohn an jenem Tag sagten, in der Sonne, die den Himmel ausbleichte über den Liparischen Inseln und dem weinfarbenen Meer. So ist es Brauch auf Sizilien nach einer derartigen Verkündigung: Schweigen oder die große Tragödie.

An jenem Abend wurde geschwiegen.

Jeder war in seine Gedanken vertieft.

Ein zarter Mond stieg auf.

Sanft legte sich die Nacht über die Berge.

Sie ist immer sanft, die Nacht.

Vom gigantischen Mandelbaum rief eine Eule.

Wie in jeder Nacht schlug die Kirchturmuhr in Gesso die Stunden, es läutete die Glocke, Esel riefen ihr I-ah, Säuglinge weinten, und dann stand alles still.

Antonio fand keinen Schlaf in jener Nacht unter seinem Leinenlaken, übermannt von einer Woge aus Freude, Glück, Hoffnung und unhaltbarer Angst. Die Reise seines Lebens stand kurz bevor, und das fühlte sich an wie ein brodelnder Gefühlsvulkan.

Also öffnete er die Augen und blickte über die Bucht, mit seinen unglaublichen Augen, die ihre Farbe änderten, je nachdem, was sie sahen.

Tiefblau, wenn er aufs Meer blickte.

Azur, wenn er in den Himmel blickte.

Dunkelgrün bei Nacht.

Grau, wenn ihn Verzweiflung überkam.

Durchscheinend in der Welt der Wunder.

Das war seine Lieblingswelt, die mochte er lieber als die richtige Welt.

Er öffnete also die Augen und sah über die Bucht.

Die Hügel badeten im Mondschein, die nahen Dörfer hingen an den Berghängen wie Krebse, eine Welt der Frösche im brodelnden Weiher, und der Wildbach Gallo sah aus wie eine Natter, die das Weite sucht, so wild schlängelte er sich bis zum Meer hinunter. Auf dem fernen Ätna lag eine Lavaschicht und die Spitze ganz oben war schneebedeckt, die Melodie einer Trompete schwebte aus einer alten Burg, die Luft war frisch, roch ein wenig nach Stall und war angefüllt mit dem Bimmeln unzähliger Glocken und Glöckchen von Schafen und Ziegen.

Die Gänse schnatterten die Sterne an, das Pferd schlug im Stall aus, und eine Eule sang ihr Schu-hu.

Einige träumen Schönes in der Nacht.

Einige haben Albträume in der Nacht.

Doch die Nacht geht immer vorüber, schön oder weniger schön, und am Morgen danach saß die Familie wieder beisammen auf der Terrasse, jeder mit einer Tasse frisch gemolkener Ziegenmilch und einem zimtgepuderten Kringel vor sich. Der Himmel rosig, die Inseln friedlich, doch von den Menschen konnte man das nicht behaupten.

»Warum willst du denn so weit fort?«, wollte der Vater wissen und strich sich über den grauen Schnauzbart.

»Weil ich die weite Ferne abenteuerlich finde«, gab Antonio zurück.

»Ja, weil du zwanzig Jahre alt bist«, seufzte der Vater.

Er ließ seinen Blick über die noch unreifen Aprikosen gleiten, die Schwalbennester, die ankernden Schiffe und über eine Handvoll weißer Boote, die sich auf dem Meer tummelten.

Die Frau des Vaters richtete die Heiligen-Anhänger an ihrem Hals und den bestickten Kragen. Kalt, wie sie war, so kalt, dass kein Lächeln und überhaupt nie etwas Gutmütiges über ihre Lippen kam, sagte sie: »Wenn du Gesso und deine Familie satthast, wenn du wirklich alles satthast, dann geh doch nach Messina, Lipari, Siracusa oder nach Palermo. Warum willste so weit fort?«

»Adler fliegen weit fort, Würmer nicht«, gab Antonio zurück, ohne sie anzusehen, denn er mochte sie nicht.

Sie war nicht seine Mutter, sie war bloß die Frau des Vaters. Seine richtige Mutter war 1903 gestorben, gleich nachdem sie ihn zur Welt gebracht hatte. Sie hatte ihm keine Milch aus ihrer Brust geben können, nicht einmal einen Kuss. Der Vater hatte rasch wieder geheiratet, um dieses kräftige Kind mit den blauen Augen großzuziehen, und ein Jahr später wurde noch ein Kind geboren, Placido. Tina Oliva hatte die beiden Kinder mit Milch, Biskuits und Vorwürfen aufgezogen, ihren eigenen Jungen überhäufte sie stets mit Zärtlichkeit, den anderen nie.

Antonio hungerte es nach Zärtlichkeit, mehr noch als nach Brot und Feigen.

An diesem Morgen wirkte Tina Oliva noch düsterer als sonst, ungefähr wie eine der schwarzen Katzen, die um ihre Beine strichen.

Auf den Hügeln standen die weißen Häuser wie jemand, der auf ein großes Ereignis wartet. Auf Sizilien gibt es immer jemanden, der auf große Ereignisse wartet, doch die Ereignisse warten auf nichts und niemanden, und die Abreise stand bald bevor.

»Wann? Wann … wann fährst du?« Der Vater klang wie eine gesprungene Schallplatte.

»In einem Monat, ja, ich glaube, ich fahre in einem Monat, und in Amerika will ich ein langes Leben leben.«

»Das Leben muss nicht lang sein, sondern reichhaltig«, stellte der Vater klar. »Ein reichhaltiges Leben ist viel mehr wert als ein langes«, fügte er hinzu.

Weisheiten, die ihm besonders gefielen, griff er gern noch einmal auf.

Er bot seinem Sohn Antonio Orangenmarmelade und Honig an, eine Schale Jasmineis und ofenwarmes Brot. Seinem Sohn Placido bot er dasselbe an.

»Geh nicht nach Amerika, hier auf Sizilien lässt du ein Paradies zurück, und du weißt nicht, was es da gibt, wo du hinwillst«, raunte der Vater. »Denk an das Obst, den Wein und die Blumen. Die Leute in Amerika reden, als hätten sie den Mund voll, in jedem Haus gibt es Waffen, und es wird mehr Milch als Wein getrunken … Außerdem haben die kein Olivenöl.«

Menschen, in deren Leben Olivenöl keine Rolle spielte, hielt Don Lio für ehrlos. Wie auch Menschen, die keinen Wein tranken.

»Gesso ist ein Paradies, und ob Amerika auch eins ist, kann man nicht wissen.«

»Lieber Vater, nichts kann mich aufhalten. Nicht die lieben Menschen und auch nicht mein Pferd. Nicht die sanften Felder, Trauben oder Wein … Etwas, das stärker ist als ich, zieht mich fort«, erklärte Antonio.

Der Vater ließ den Blick über das tiefblaue Meer gleiten.

»Die Strömung reißt uns Menschen mit sich fort«, bemerkte er. »Tausende von Strömungen reißen uns Menschen mit sich fort«, griff er seine Weisheit abermals auf. Dann stahl sich eine Träne über seine Wange.

Sein Sohn war groß geworden, und nun wollte er für immer in die Fremde. Die liebliche Landschaft ringsherum war nun kümmerlich und kahl, und auch die Marmelade schmeckte nicht mehr.

»Du bist doch wirklich ein Tölpian. Du fährst nicht, das schwör ich dir«, sagte Tina Oliva.

»Verlass mich nicht, lieber Bruder«, ergriff Placido nun das Wort.

»Die Welt ist unendlich, aber das Leben kann so klein sein«, erwiderte Antonio.

»Jede Reise steckt voller Gefahren. Das Meer ist unheilvoll«, warnte der Vater.

»Nein, Vater, das Meer ist ganz sanft.«

»Du wirst sehen … wirste noch sehen, wie viel Schlimmes es auf der Welt gibt«, mahnte Tina Oliva.

»Hast du denn keine Angst?«, wollte sein Bruder wissen.

»Angst tut der Seele nicht gut«, antwortete Antonio.

»Angst vor gar nichts?«

»Doch, vor dem Krieg.«

»Der Krieg von 1915 bis ’18 … Als im Karst unser Ignazio gestorben ist«, murmelte Placido.

Armer Ignazio, dachten alle, und tiefe Trauer überkam sie bei dem Gedanken an den jungen Soldaten, der im Krieg sein Leben gelassen hatte.

Schwalben durchkreuzten den Himmel, Falken machten sich auf die Jagd nach Kaninchen, und in der Ferne brannte ein Wald. Der Stromboli stieß eine Flamme gen Himmel, und der Schirokko heulte zwischen den Zypressen.

»Ob du nun fährst oder nich, du bist und bleibst ein Tölpian«, höhnte Tina Oliva.

Aber Antonios Beine wollten schon loslaufen, sein Pferd rief ihn hinaus aufs Land, und er erklärte: »Schluss jetzt, ich sage überhaupt nichts mehr. Die Wolken raten mir zu gehen und auch mein Pferd Aurora … Wolken und Pferde gehen, wohin es ihnen beliebt. Lasst mich gehen. Mehr verlange ich nicht. Und mehr habe ich nicht zu sagen.«

Und so war es auch, er sagte kein einziges Wort mehr.

Der Vater blickte gen Himmel und bat: »Verlass unsere Welt nicht, mein Sohn.«

Da sattelte Antonio die Stute Aurora, und los ging’s im Galopp zwischen uralten Olivenbäumen hindurch und über gelb blühende Ginsterfelder.

So fängt unsere Geschichte an, die Geschichte von Antonio Grillo. Einiges ist wahr, anderes dazugedichtet.

Mond und Sterne über Sizilien, das Meer und die Grillos werden uns noch eine Weile begleiten.

II

Eines Nachts in Stromboli

Am nächsten Morgen standen die beiden Brüder auf der Türschwelle und blickten in die Wolken.

»Was guckt ihr euch die Wolken an?«, erkundigte sich Tina Oliva.

»Die Wolken sind schneller als ich in Amerika«, erwiderte Antonio.

»Ach, was du dir alles vorstellst …« Sie winkte ab.

»Ich seh mir die Wolken an, die es auf den Gemüsegarten regnen lassen«, sagte Placido.

»Na, wenigstens einer von euch Jungens ist vernünftig«, fand sie.

Und während die Familie über Himmel und Erde parlierte, über Reisen, die es zu unternehmen galt oder auch nicht, hörte man von der Straße, die ins Dorf führte, Ding Ding Dong und das Gebimmel ankommender Fuhrwerke.

Eine Pauke schlug, ein Tamburin rasselte, und dann erhob sich eine Stimme über die Piazza: »Der Zirkus ist da, liebe Kinder und alle anderen, wir haben Tiere dabei, die habt ihr noch nie gesehen. Kommt schnell, kommt rasch! Jetzt oder nie … Hierher, zu euch nach Gesso kommt ein Tier …«, und dann wurde die Stimme von Trompeten, Trommeln und ihrer Fanfare verschluckt.

Gaukler, ein Feuerspucker in einem Streifenhemd, das seine Brust kaum zu fassen vermochte, eine Ballerina in knallgrünem Tutu und eine Frau mit fuchsroter Haarmähne zogen die Bewohner von Gesso ganz in ihren Bann.

Alle liefen an die Fenster, um den Zug der Zirkusleute auch ja nicht zu verpassen, und als jeder die Augen weit genug aufgerissen hatte, da wurde ein großer Käfig aus dickem Holz und schwarzem Eisen gebracht.

Antonio verabschiedete sich rasch von seinen Gänsen, sattelte die Stute Aurora und machte sich auf zur Piazza. Dort näherte er sich dem Käfig, um den schon viele Menschen herumstanden, doch vom Pferderücken aus hatte Antonio eine hervorragende Sicht. Inmitten all der Menschen wieherte das Pferd nervös, und er strich ihm beruhigend über das Fell. Schließlich sah er auf und erblickte im Käfig das große Tier, nach dem alle die Hälse reckten.

Ein Gorilla.

Riesenhaft, schwimmende tellergroße Augen, der Nacken ein Fels. Um den Lärm der Trompeten und Fanfaren nicht ertragen zu müssen und den Beleidigungen des Publikums zu entgehen, presste er beide Hände fest auf die Ohren.

»He, Affe, komm her, na komm schon, hab Nüsse für dich.«

»Willst du ’n Halsband?«

»Von Schönheit hat deine Mutter aber nich viel verstanden …«

Der Gorilla erhob seinen Arm und versetzte den Gitterstäben einen donnernden Faustschlag, woraufhin die Menge auseinanderstob und sich erschrocken in alle Himmelsrichtungen verteilte. Da blickte Antonio dem Gorilla in die Augen, und diesen Moment sollte er niemals vergessen. Der Gorilla blickte Antonio gleichfalls in die Augen, und wer weiß, ob er nicht vielleicht das Gleiche verspürte wie ein freiheitsliebender junger Mann von zwanzig Jahren.

Einen Moment lang versank Antonio in den schwimmenden Augen des Gorillas und spürte seine Trauer. Er spürte seine Verzweiflung darüber, verspottet in einem Käfig leben zu müssen, eingesperrt von hier nach dort gebracht zu werden, anstatt durch die unendlichen Weiten der Welt zu streifen.

Antonio sah ihn an, wie er nie zuvor jemanden angesehen hatte, dann schlug er die Augen nieder, denn er ertrug den Blick des Tieres nicht, und eilte nach Hause zu seinem Bruder Placido.

»Was ist los, Bruder? So blass habe ich dich noch nie erlebt.«

»Ich habe einen Gorilla gesehen, eingesperrt im Käfig.«

»Verstehe. Dann hast du zum ersten Mal einen Gorilla gesehen.«

»Nicht nur das. Irgendetwas Magisches ist in mir drin passiert. Ich habe noch nie jemanden mit so tiefgründigen Augen gesehen.«

»Jemanden?«, wollte der staunende Bruder wissen.

»Ja, für mich war er wie ein Mensch, keine ›Bestie‹, wie alle behaupten.«

Placido war an die Merkwürdigkeiten des Bruders gewöhnt, doch er versuchte, dessen Gefühlssturm zu besänftigen.

»Nur die Ruhe. Gestern noch wolltest du in Richtung eines neuen Kontinents alles stehen und liegen lassen, und heute hat es dir dieser eingesperrte Gorilla angetan.«

»Ich verzichte weder auf die Reise noch auf die Freiheit. Weder auf meine Freiheit noch auf die meines Freundes, des Gorillas.«

»Was meinst du denn damit?«

»Meine Freiheit ist ebenso wichtig wie seine. Nein, erst kommt seine und dann meine«, erklärte Antonio. Dann öffnete er die Stalltür der Stute und anschließend das Gehege der weißen Gänse, die ihm stets über Berg und Tal folgten und vor ihm wussten, ob Regen bevorstand, ein Vulkanausbruch oder die Ankunft der Postkutsche.

Er verließ Haus und Bruder und galoppierte stundenlang auf den Feldwegen umher. Fast brach schon der Abend herein, ein sanftes Mondlicht stand am Himmel, als er durch die breiten und engen Gassen Gessos ritt und schließlich zum Gorilla.

Der Gorilla war allein in seinem Käfig auf der Piazza.

Antonio streckte Nase und Arme durch die Gitterstäbe und sagte: »Lieber Freund, was dir fehlt, das nennt man Freiheit: für dich wie für mich wichtiger als die Luft zum Atmen. Und hiermit verspreche ich dir feierlich, dass ich alles tun werde, um dir die Freiheit wiederzugeben.« Nach diesen Worten streichelte er ihn kurz und sanft am Handgelenk, und der Gorilla erwiderte die Geste.

Ergriffen und voller Kummer ritt Antonio zurück und ging zu Bett.

Glühwürmchen schwirrten durch die Nacht, ab und zu ertönte ein rauer Gorillaschrei auf der Piazza.

Als am nächsten Morgen Fanfaren und Trompeten die Abreise des Zirkus ankündigten, weckte Antonio seinen Bruder und sagte: »Komm mit, lieber Bruder, ich weiß, dass du mich sonderbar findest, manchmal verstehst du mich und manchmal nicht … aber lass mich bitte nicht allein in diesem Abenteuer.«

»Sonderbar bist du, das ist wohl wahr. Manchmal weiß man nicht, ob du zu viel denkst oder zu wenig. Tiere sind dir lieber als Menschen … Doch was soll ich machen, ich muss dir wohl folgen, auch, weil du in einem Monat nach Amerika gehst.« Und so sattelten Antonio und Placido ihre Pferde und ritten zum Zirkus.

Der Zirkus verließ das Dorf im Sonnenuntergang Richtung Milazzo mit seinen Jasminfeldern. Dort im Hafen wartete ein Schiff nach Stromboli, das Waren, Karren und Fuhrwerke einlud. Das Meer war dermaßen aufgewühlt, dass man die Kutschpferde abspannte und so an den Seiten festband, dass sie nicht stürzen konnten. Nur den Gorilla ließen sie in seinem Käfig in der Mitte stehen. Ganz allein.

So sahen ihn die Brüder Grillo, die mit ihren Pferden ebenfalls an Bord gekommen waren.

Der Gorilla sah auf zum Mond, dann blickte er die Menschen an und schüttelte den Kopf. Ab und zu murmelte er etwas, das Antonio zu verstehen glaubte.

»Seine Mutter fehlt ihm«, erklärte er seinem Bruder.

»Du redest von dir. Dir fehlt deine Mutter.«

»Stimmt. Die Mutter, die ich nie hatte. Dem Gorilla fehlt eine Frau«, erwiderte Antonio.

So verging die Nacht auf See, Antonios erste Nacht an Bord eines Schiffes. Bei ihm waren Placido und der Gorilla, und Antonio fühlte sich beiden gleichermaßen stark verbunden.

Hin und wieder verfing sich Mondlicht in den Augen des Gorillas, dann senkte er den Blick auf die See.

Vor Sonnenaufgang erzählt das Meer bei Stromboli von Feuer und Schwefel. Auf der Sciara stürzte ein langer, immerzu lebendiger Lavafluss zischend ins aufbrodelnde Wasser, und in den Tiefen der See flüchteten alle Tiere, auch die Seesterne.

Als das Schiff anlegte, erhoben sich zwei dröhnende Laute gen Himmel; einer entsprang dem Vulkan, der andere dem Gorilla.

Wie zwei Brüder, die einander zurufen.

Der Gorilla blickte zum Krater, der noch bis zu den ersten Sonnenstrahlen Feuer spie.

Antonio, und mit ihm sein Bruder Placido, war die ganze Zeit beim Gorilla.

Mit Fanfaren und Pauken rollten die Zirkuswagen aus dem Bauch des Schiffs, und auch hier am Hafen kamen die Bewohner von Stromboli gelaufen, um den Gorilla zu sehen.

»He, du«, lockten ihn die Leute und gaben ihm Trauben, Kaktusfeigen und Nektarinen. Er nahm alles gerne und bedankte sich, doch sein Blick war fest auf den Vulkan geheftet.

Der Tag verstrich in einer Duftwolke sonnengesättigter Jasminblüten und dem Summen der Bienen, die frische Kapern umschwirrten.

Die Nacht kam sanft, und der Feuerschein auf dem Krater wollte nicht verlöschen.

Antonio wartete, bis die Insel schlief, dann schlich er zum Käfig.

Nie werden wir erfahren, wer nun ärger zitterte, Mann oder Gorilla.

Nie werden wir erfahren, wer sich mehr fürchtete.

Lange blickten sie einander in die Augen, einer in kleine und einer in große.

Die Mondsichel stand am Himmel, flammende Lava über dem Vulkan, da öffnete Antonio den Riegel des Käfigs. Dankbar blickte der Gorilla den Jungen an, doch er berührte ihn nicht. Schließlich erhob er sich mühevoll auf die Beine, die er so viele Jahre im eisernen Käfig nicht mehr hatte strecken können. Seine ersten Schritte waren unsicher wie die eines Kindes, das gerade laufen lernt. In tiefen Zügen sog er die jasmin- und schwefelgeschwängerte Luft ein und entfernte sich schließlich mit riesigen Sprüngen durch Ginsterbüsche auf einen Wald zu.

»Geh in Freiheit, so wie jede andere Kreatur auf der Welt«, murmelte Antonio, und als er nur noch einen schwarzen Punkt sehen konnte, der sich auf den Feuerschein zubewegte, da fügte er leise hinzu: »Geh in Freiheit, und leb so lange, wie es geht. Vielleicht findest du in einer der Grotten hier ein neues Zuhause.«

Drei Tage hatten die Brüder auf Stromboli verbracht, um den Gorilla zu befreien.

Als sie nach Gesso zurückkehrten, wurden sie nicht von Fanfaren empfangen, sondern von langen Gesichtern. Vater und Mutter hatten tausend Fragen darüber, wo sie denn gewesen waren.

Dem Vater sagte Placido: »Antonio ist einem dunklen Wesen nach Stromboli gefolgt.«

Der Vater dachte an eine flüchtige Liebesgeschichte und schwieg.

Der Mutter sagte Placido: »Antonio wollte sich noch von Stromboli verabschieden, bevor er Sizilien für immer verlässt.«

Die Mutter schüttelte den Kopf und schimpfte: »Was Besseres fällt diesem Strolchian wohl nich ein. Aber das Kind is wohl ohnehin in den Brunnen gefallen, ich sag’s ja.«

Ohne es besprochen zu haben, befanden die Brüder es für besser, die wahre Geschichte ihres Ausfluges nach Stromboli zu verschweigen. Doch als die Familie vor dem Schlafengehen noch zusammen auf der Terrasse saß, eine Schüssel frisch gepflückter Kirschen auf dem Tisch, sagte Antonio: »Oh, süße Freiheit, kostbarer als jeder Schatz …«

Gemurmel erhob sich, mürrisches wie hoffnungsfrohes, und so sahen sie einer Nacht voller Träume entgegen.

III

Pläneschmieden und die Magierin Vittoria

Von wegen Träume. In jener Nacht waren alle viel zu aufgewühlt.

Nur die Gänse spazierten seelenruhig zwischen den Pflanzen umher.

Antonio war froh, Tiere um sich zu haben, und alle Tiere hatten ihn gern; die Laubfrösche im Weiher, die Kröte im Schacht hinter der Küche, die Igel, deren Stachel sich aufstellten, wenn die Katzen herbeischlichen, und der hinkende Fuchs, der bei Vollmond kam und um etwas zu essen bat. Das tat er nur bei Antonio, und wenn der das schüchterne Winseln hörte, öffnete er das Fenster, legte ein Ei oder etwas Brot mit Öl in einen Korb, an dem er eine Schnur befestigte, und ließ ihn hinunter auf die Terrasse.

Wie wohl fühlte sich Antonio mit seinen beiden fetten weißen Gänsen, die fröhlicher waren, als man es bei irgendwelchen Menschen je gesehen hat. Meistens schnatterten sie lustig, watschelten davon, wenn ein langweiliger Zeitgenosse des Weges kam, und pickten Lügner in die Waden. Wenn es zum Meer gehen sollte, dann wussten sie immer den besten Weg und verliefen sich nie. Einige Himmelsvögel nannten sie ihre Freunde, und sogar für Hühner hatten sie etwas übrig.

Ihrem Freund Antonio lauschten sie stets aufmerksam, und sie wussten, wann die Postkutsche kam oder ein Gewitter im Anmarsch war, bevor irgendwer sonst es ahnte. Fuhrwerke und Donner hörten sie über viele, viele Kilometer.

»Ihr lieben Gänse, freut ihr euch, dass ich abreise?«, wollte Antonio von dem Federvieh wissen.

Die Gänse hüpften freudig auf und ab.

»Was meint ihr, werde ich der wunderbarsten Frau der Welt auf meiner Schiffsreise begegnen?«

Die Gänse nickten.

»Und wenn ich doch hierbleibe, sagt mal, was geschieht dann mit mir?«

Da ließen sich die Gänse in den Dreck fallen und blieben reglos liegen.

Schlau waren sie, diese Gänse.

So verbrachte Antonio die ersten Stunden der Nacht mit den Gänsen.

Die anderen hatten es nicht so heiter.

In ihren Köpfen herrschte Dunkelheit, und keiner von ihnen fand Schlaf.

Wir werden ja sehen, ob du abreisen kannst, du Tölpian, sagte sich Tina Oliva und sann weiter darüber nach, wie sie diese Seereise vereiteln könnte.

Während die Katzen Gänse und Motten jagten, und die Stute wieherte, weil sie nicht still im Stall stehen wollte, grübelte der Vater darüber nach, was er wohl falsch gemacht habe.

Placido hörte, wie Antonio durchs Haus irrte und draußen umherwanderte, und auch ihm war mitnichten nach Schlaf zumute. Er blickte aus dem Fenster auf die letzten Sterne der Nacht, hier und da war schon vor Sonnenaufgang ein Lichtschein zu sehen, und er dachte, wie schön doch die Lichter von Gesso waren.

Antonio hingegen waren die Lichter der Ferne lieber als die aus der Nachbarschaft. Er sah immer das, was gar nicht da war. Der Südwind brachte ihm Klänge und Düfte aus den Wüsten Afrikas, der Nordwind den Duft von Birken und Kaminfeuern. Und der Schirokko brachte in jener Nacht die klingelnden Glöckchen der Wüstenkarawanen, den Duft von Datteln, die er noch nie gekostet hatte, und den Gesang der in den Dünen umherirrenden Männer.

Er stellte sich vor, dass in Amerika weite Prärien lagen, unendliche grüne Wiesen, frisches Gras, am Morgen taubenetzt. Ganz anders als die verdorrten Wiesen und das dürre, spärliche Gras auf Sizilien.

Bestimmt gab es in Amerika alles in Hülle und Fülle; jeden Tag unzählige Mahlzeiten, bergeweise Frischkäse, Biskuits, so viel man nur wollte, Cognac, der es in sich hatte, Frauen mit Samtbeinen und perlender Champagner gleich aus den Wasserhähnen. Weit und breit nur fröhliche Menschen – ohne die Spur von Heimweh würde er jeden Sonnenuntergang lachend begrüßen. Die Leute dort wären höflich und kümmerten sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten. Es gäbe keine Erdbeben und keine Vulkanausbrüche, denn in Amerika gab es gar keine Vulkane, dafür ein sämiges Schlaraffenland, wo Milch, Honig und Whisky jeden Tag im Wechsel flossen.

Und als Antonio so vor sich hin träumte, bemerkte er nicht, dass seine Stute Aurora sich, wie so oft, losgemacht hatte und schon vogelfrei zum Meer hinunterlief, gefolgt von den Gänsen, die sich bei dem Lauf Richtung Wellen an ihre Fersen geheftet hatten.

In jener Frühlingsnacht waren alle ruhelos. Jeder auf seine eigene Art.

Der Morgen des 25. März war klar, doch der Vater bemerkte es gar nicht, rastlos ging er in seinem Zimmer auf und ab, Schritt um Schritt um Schritt.

Seine Frau wollte allen im Dorf die neuesten Flausen dieses Sohnes erzählen, der gar nicht ihr Sohn war, schließlich hatte sie ihn ja nicht auf die Welt gebracht, und das tat sie dann am Morgen auch.

Sie lief von Haus zu Haus und erzählte, was sich zugetragen hatte, und überall plauderte sie bei einem Kaffee gegenüber jedem, der es hören wollte, in Tränen aufgelöst das neue Familiengeheimnis aus.

Sie verließ ein Haus, ging in das nächste und wiederholte flüsternd überall die gleichen Worte, als würde sie ein Geheimnis lüften: »Wisst ihr, was dieser Luftikus vorhat? Will dieses Paradies hier, Land und Meer, alles zurücklassen, und wofür? Für ein Land, in dem es vielleicht noch mehr Dummköpfe gibt als hier.«

In Windeseile wurde die Nachricht von Antonios Reise weitergetragen, hatte vom Schirokko angestoßen Fahrt aufgenommen, und schon wenige Stunden später murrte das ganze Dorf: »Was soll das? Hat wohl den Verstand verlor’n! Fehlt ihm doch nix hier! Unsinniger Unsinn, dass er hier wegwill. Die Grillos ham doch genug Wein und Brot, seinem Vater Lio gehört doch der Gipssteinbruch … Die ham ’ne ganze Menge Arbeiter, die Gips da rausholen, und außerdem ham die noch ’n paar Morgen Land, das is wertvoller als Garibaldi höchstselbig.«

Placido suchte auf dem Dachboden nach einem geeigneten Koffer für die lange Reise des Bruders. Von Spinnweben und Staub bedeckt standen etliche herum, aber entweder hatte sich Schimmel in ihnen eingenistet, oder sie waren zu klein oder morsch. Keiner war geeignet, vielleicht sollte man einen neuen kaufen. Einen ledernen Überseekoffer mit Beschlägen und einem Schloss, sodass ihn niemand einfach so öffnen konnte. Fahrkarte in der Tasche und Koffer in der Hand, aber zu schwer durfte der nicht sein, sonst würde Antonio noch Rückenschmerzen bekommen. Helles oder dunkles Leder? Mit rotem Futterstoff, um Unglück abzuwenden, oder blauem? Blau wie das Meer? Das waren Placidos Sorgen.

Antonio wollte an jenem Tag ausreiten, doch die Stute war schon fort, wie so häufig. Alles um ihn herum war aufgescheucht, seine Familie wie auch die Tiere, und selbst die Natur war ruhelos. Die ersten Frühjahrsknospen reckten schon die Köpfe gen Himmel, und die gelben Blumen streckten ihre Blätter, um die Wärme in sich aufzunehmen. Falken kreisten wachsam über uralten Oliven, und an den Bäumen zeigten sich zaghaft erste Spuren von Mispeln und Pflaumen.

Antonio saß vor dem Haus und hatte all das vor Augen, und als die Sonne neben dem Vulkan ins weinfarbene Meer glitt, da sagte er sich: Es gibt so viele Paradiese auf dieser Welt, und rasch lief er los, um vor der Rückkehr von Pferd und Gänsen noch die ersten Dinge zusammenzusuchen, die er einpacken wollte.

Der Wind frischte auf, ein Tosen und Tönen, und er dachte: Vögel haben es gut, werden vom Wind getragen und brauchen kein Gepäck.

Am nächsten Morgen saß Antonio auf der Terrasse, es hungerte ihn nach der Welt, und Meer, Berge und Grashalme hatten für ihn Stimme und Klang. Das Meer flüsterte ihm zu: »Pack deine Sachen«, die Berge riefen: »Geh fort«, und die in der Erde verhafteten Grashalme, die der Schirokko beständig hin und her warf, wären am liebsten gleich mitgegangen. Und während er so schaute und vor sich hin träumte, wurde er stark wie nie zuvor.

Der Blick des Vaters glitt über den Körper seines Sohnes, er bewunderte dessen wunderschönen Hals, die so kräftigen Hände, kräftiger als seine eigenen, und diese blauen Augen, die ihn an seine verlorene Frau erinnerten. Nur wenige Monate hatte er sie lieben können, dann war sie für immer zwischen den Schatten verschwunden.

Placido vermisste den Bruder jetzt schon und ahnte, wie sein Duft bald aus den Zimmern weichen würde. Gesso mit seinem Zauber zu verlassen, das war für Placido undenkbar. Antonio hatte hier doch alles: Frauen, sein Pferd, mit dem er zum Meer reiten konnte, frische Luft, Feigen, warmes Brot und in sternenklaren Nächten auch eine Eule. Außerhalb Gessos war das Leben für Placido so anziehend wie ein Glas warmes Wasser im flirrend heißen Sommer. Fern von hier gab es keinen Likörwein, es gab nicht den stillen Mond und keine grünen Glühwürmchen im Sommer. Außerdem war seine Mutter hier. Wie könnte er bloß leben ohne ihre Mostarda, ihre Hackbällchen, die Saubohnensuppe, wie könnte er ohne seine Mutter leben?

Auf Sizilien gibt es Mütter, die salben sorgfältig jeden Tag die Nabelschnur zu ihren Söhnen mit Zucker und Öl, Tag für Tag. Diese Nabelschnüre sind nicht zu durchtrennen, was man auch tut, und je größer die Söhne werden, umso fester binden die Mütter sie an sich, mit Worten und vor allem mit ihren Kochkünsten.

Warum sollte man eine solche Nabelschnur auch durchschneiden? An jenem Tag huschten Tina Olivas Augen genauso flink umher wie ihre Gedanken. Sie mühte sich, Saubohnen zuzubereiten, und während sie die Bohnen aus den Schoten pulte und die Bohnenkäfer zerquetschte, die sich an den Saubohnen gütlich taten, legte sie sich im Kopf zurecht, wie sie Antonio von seinem Reisevorhaben abbringen könnte. Wenn Antonio wegging, dann würde Placido ihm früher oder später folgen, und sie überlegte noch immer fieberhaft, wie sie das vereiteln könnte. Nein, dachte sie, Placido in Amerika, auf keinen Fall, auf gar keinen Fall. Was soll ich nur tun?

Es trug sich zu, dass zu jener Zeit ein ihr wohlbekanntes bildhübsches Bauernmädchen aus dem Dorf schwanger ging, und niemand wusste, von wem. Eigentlich war sie ein fröhliches Ding, doch seitdem sie schwanger war und ihren runden Bauch wie einen Ballon vor sich hertrug, wurde sie gemieden wie die Pest. Niemand öffnete ihr mehr die Tür, wenn sie mit ihrem Korb voller Eier, die sie verkaufte, klopfte.

Zu ihr ging Tina Oliva. »Mach auf, ich meine es gut mit dir«, rief sie.

Neugierig öffnete das Mädchen. »Huch, was macht Ihr denn hier, Donna Tina, so eine Signora wie Ihr kommt zu einer wie mir?«, rief sie, und die ein oder andere Träne kullerte ihre Wange hinunter.

»Wenn du mir ’nen Gefallen tust, dann will ich’s dir reichlich vergelten«, und um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, legte Tina Oliva ein Goldstück auf den wurmstichigen Holztisch.

»Donna Tina, jetzt fall ich gleich in Ohnmacht, obwohl ich noch gar nich so weit bin. Womit hab ich das verdient?«

»Musst mir ’nen Gefallen tun.«

Das Mädchen ließ sich auf einen kaputten Stuhl fallen, und Tina Oliva weihte sie in ihren Plan ein.

»Morgen früh bei Sonnenaufgang stellst du dich hin und trällerst ’n Liedchen, dann fängst du das Jammern an und rufst laut nach dem Vater von deinem Kind, und den Bauch streckst du dabei schön in alle Himmelsrichtungen.«

»Wenn ich das tu, dann schlitzt mir seine Frau den Bauch auf, schlitzt die mir, Donna Tina, so wahr mir Gott helfe.«

»Nein, doch nich nach dem richtigen Vater, nach unserem Sohn, Antonio, nach dem sollste rufen. Stell dich auf den Balkon und ruf, so laut du kannst, dass du ihn liebst und dass das Kind in deinem Schoß von ihm is.«

»Aber Signora, mit dem Antonio, mit dem hab ich noch nie ein Wort geredet, hab ich nich«, wandte das Mädchen ein.

Doch ein zweites und drittes Goldstück beseitigten ihre Zweifel, und am nächsten Morgen stand das Mädchen mitsamt ihrem dicken Bauch unter dem Balkon und rief und flötete zärtlich nach Antonio.

»Antonio, Liebster, dein Kind is es, das ich im Leib trag, komm zu mir und gib mir hundert Küsse.«

Schlaftrunken blickte Antonio vom Balkon, Träume schwirrten noch in seinem Kopf umher, und er rief: »Eigentlich hab ich noch nie ein Wort mit dir geredet, ich kenn dich gar nicht, aber du gefällst mir, du hast ja noch mehr Fantasie als ich.«

Damit schloss er das Fenster, kam herunter, und vor den Augen der Katzen, der Gänse und der ganzen Familie sagte er: »Eine, die mehr Fantasie hat als ich, ist mir noch nie untergekommen.« Er nahm das Mädchen liebevoll in den Arm und fuhr fort: »Weißt du was? Komm mit mir. Wir nehmen zusammen das Schiff, du und ich, und das Kind wird in einer neuen Welt geboren.«

Auf ein so verheißungsvolles Angebot war das Mädchen nicht gefasst, und entgeistert darüber, was ihr nun für eine vielversprechende Zukunft entging, stürzte sie in Tränen aufgelöst davon. Immerhin blieben ihr die drei Goldstücke.

Tina Olivas Plan war also gescheitert.

Doch am nächsten Tag hatte sie eine neue Idee.

1923 gab es noch Malaria auf Sizilien. In Gesso nicht, denn in Gesso waren keine Seen oder Sümpfe, aber an den Seen in Ganzirri, in der Nähe vom Meer in Messina, bei Punta Faro, da waren ganze Schwärme von Malariamücken unterwegs, und die Einwohner kippten abends Chinin in ihren Wein. Tina Oliva machte sich heimlich auf den Weg, ganz in Schwarz gekleidet, mit Handschuhen und einem Schleier vor dem Gesicht, und damit niemand sie sah, mietete sie eine Kutsche ganz für sich allein. Am See angekommen, kaufte sie ein Glas voller Malariamücken. Und während die Kutsche lustig durch die Straßen klapperte, stellte sie sich schon vor, wie die Mördermücken nachts im Zimmer der Jungen umherfliegen und Antonio stechen würden, und wie er tage- oder gar monatelang im Delirium darniederläge.

Von wegen Schiffe und Reisen, dachte sie. Deine Träume steck ich in eine Schublade, und die sperr ich ab.

Wenn er da erst mal herumdeliriert und das Schiff weg ist, wird ihm die Reiselust gründlich vergangen sein.

Als sie einem Muschelfischer von den Ganzirri-Seen das Glas mit den Mücken abgekauft hatte, stieg eine tiefe Freude in ihr auf, ähnlich der, die sie in ihrer Hochzeitsnacht verspürt hatte. Sie fuhr wieder nach Hause, wartete auf die Dämmerung, und als die beiden Jungen tief in der Nacht schliefen, jeder seine eigenen Träume träumte, stellte sie das Glas auf das Fensterbrett und drehte den Deckel auf. Flugs fiel die Mückenfamilie über das nur von einem Mondstrahl erhellte Zimmer her, flugs schloss Tina Oliva die Tür und suchte das Weite.

Eine der Malariamücken flog zielsicher in Placidos Nase, der schreckte auf, öffnete das Fenster, bemerkte den Mückenschwarm und blickte zu Antonio hinüber. Rasch warf er ein Laken über ihn, lief in Windeseile zur Terrasse, wo er eine Handvoll Citronellablätter pflückte, die er hier und dort verteilte und dann erst sich und schließlich den Bruder damit einrieb. Angewidert machte sich der Mückenschwarm davon, einzelne Mücken flüchteten sogar durch die Schlüssellöcher.

Auch wenn er nichts davon wusste, hatte Placido doch sowohl sich als auch seinen Bruder vor der Malaria bewahrt. Aber er dachte, er habe sich und Antonio nicht mehr als ein paar harmlose Mückenstiche erspart, und kehrte zufrieden ins Reich der Träume zurück.

Am nächsten Morgen hatte Tina Oliva dunkle Augenringe, die ihr bis auf die vor Enttäuschung herabhängenden Mundwinkel reichten.

»Was hast du?«, erkundigte sich ihr Mann.

»Ich finde keinen Frieden, das hab ich.«

»Diese Schiffsreise liegt dir im Magen …«, vermutete er.

»Stimmt, und ich hab Angst, dass Placido auch fährt.«

»Mich zerreißt es auch, das Herz zerreißt es mir, aber manchmal glaube ich, dass so was auch Gutes mit sich bringt … Vielleicht wird Antonio dort ein gemachter Mann, hat ein schönes Leben … Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszukriegen«, gab Don Lio zu bedenken, doch er erwartete keine Antwort, denn sie wussten beide, wie die ausfallen würde.

Die Antwort lautete: Donna Vittoria.

Sie war die Einzige in Gesso, die wusste, was niemand sonst wusste: was die Zukunft bringt und was sich in den Tiefen menschlicher Seelen verbirgt.

Donna Vittoria war die Magierin des Dorfes Gesso. Sie verfügte über die Gabe, klar zu sehen, wo für andere nur Nebel herrschte. Man fragte bei ihr, was zu tun oder zu lassen sei, wenn Wichtiges anstand. Die Magierin gab ihren Rat, und seit Menschengedenken hatte sie damit nie falschgelegen.

Ihr Haus und das darum liegende Land waren von Zypressen umstanden, als Eingang diente ein Tor mit zwei rostigen Türklopfern, die an einer verrotteten Schnur baumelten wie Mädchenzöpfe. Das Haus war schmal und lang mit einem Säulengang von vierundzwanzig runden, weiß gekalkten Säulen, auf deren Querbalken blaue Trauben rankten. Im Nutzgarten gab es reichlich Obst und Gemüse, ihr Stück Land ließ es Donna Vittoria an nichts fehlen, wie auch Donna Vittoria es ihrem Stück Land an nichts fehlen ließ.

Sie sprach liebevoll mit den Bäumen, fragte sie: »Wie geht es denn heute? Was habt ihr geträumt? Habt ihr Angst?«

Und auch den Pflanzen im Gemüsegarten redete sie gut zu: »Na los, Kinder, das schafft ihr schon, nicht den Mut verlieren, immer schön weiterwachsen.«

Die Erde füllte ihre Körbe mit allem, was das Herz begehrt. Gab es keine Tomaten mehr, kamen Zucchini, Borretsch, Rotkohl und Wirsing, außerdem Zitronen, Mandarinen, Pfirsiche, Aprikosen, Birnen und kleine Ätna-Äpfel, Lotospflaumen und Nektarinen.

Lieber als Menschen mochte Donna Vittoria Bäume und Tiere.

Auf ihrem Dach wohnte ein Wanderfalke, außerdem leistete ihr ein Dutzend weißer Tauben Gesellschaft, einige rundliche schwarze Schweine, das ein oder andere Stachelschwein, Ziegen mit Hörnern und ohne, Hammel und Schafe, eine alte Kuh, ein abgemagerter Stier, eine Froschfamilie, eine Kolonie Fledermäuse, ein Rudel Katzen und ein Tintenfisch in einer Badewanne auf dem Hof.

Die Magierin hatte blaue Augen, in ihrem dichten, hochfrisierten Haar steckten stets einige Margeriten, sie trug goldene Kreolen, die ihre Ohren kanulang zogen, tags tummelten sich Schmetterlinge auf ihren Ohren, nachts Motten.

Donna Vittoria empfing ausschließlich bei Sonnenuntergang, danach warf sie alle hinaus. Sie arbeitete den ganzen Tag auf dem Feld, und nachts besuchte der Fuchs die Magierin, und der mochte andere Menschen nicht.

Die vier Grillos nahmen also eine Kutsche und verließen die Hügel und ihr Haus mit den im Wind schlagenden Fensterläden.

Der Vater und seine Frau zogen düstere Gesichter in der Kutsche, Antonio hingegen war zahm wie ein Lämmchen und sah verträumt in die Landschaft. Bienen und gelbe Blumen boten ein wunderbares Bild, und in den Tulpen mit den gesenkten Kronen machte er Kalifen mit Turban aus, die sich beim Anblick der Kutsche respektvoll verneigten.

Respektvoll blickte auch Antonio, als er seinen Vater ansah, gerne hätte er es ihm recht gemacht, doch den größten Respekt hatte er vor dem eigenen Leben.

Lustig ruckelte die Kutsche durch die Landschaft und erreichte schließlich das Haus der Magierin.

Der Falke saß oben auf dem Dach auf der dem Stromboli nachempfundenen Wetterfahne, die erzitterte, als die Kutsche vor dem Tor hielt und die vier Grillos ausstiegen, um der Wahrheit ins Auge zu blicken.

Als die Familie eintrat, verstummten alle Schweine, Hunde und Katzen, Pfauen, Tauben und Hühner, Rotkehlchen und Papageien, ließen voneinander ab und regten sich nicht mehr, denn in ihrer Welt ist der Mensch ein Eindringling. Immer.

Und in der Stille des sich neigenden Tages und der anbrechenden Nacht schritt die Magierin leichtfüßig in Strohsandalen heran. Ihr kräftiges Becken war das einer Frau, die Kinder zur Welt gebracht hatte, und die tägliche Arbeit auf dem Feld hatte ihre Hände knorrig wie Baumwurzeln werden lassen. Sie sah nicht jung aus, aber auch nicht alt, nur rund um die Augen strahlten einige Sonnenfältchen wie die Speichen eines Schirms.

Als Erstes rieb sie ihre Hände mit frischem Knoblauch ein, dann sprach sie: »Knoblauch hält böse Geister fern, die gehen hin, wo sie wollen. Wen sie erwischen und wen nicht, weiß man nich, nie ist Friede im Leben, so isses nun mal.« Dann rieb sie auch die Hände des Vaters ein, die der Mutter und die der Brüder, die stocksteif vor ihr standen, wie Flitzebögen gespannt, einen Blick auf das Schicksal werfen zu können.

Das Schicksal liegt allen am Herzen.

Und doch liegt es immer im Nebel.

Zuerst sprach der Vater, so gehörte es sich: »Allerverehrteste Donna Vittoria, dieser Tölpian hier will ab nach Amerika. Was tun? Sollen wir ihn gehen lassen oder nicht? Besser, dass er bleibt? Oder besser, dass er fährt?«

»Nun mal langsam, eine Frage nach der anderen. Zu viele Wörter machen mich wuschig«, ermahnte sie ihn.

Also nahm Tina Oliva die Zügel in die Hand, die zwei Jungen schwiegen.

»Der Galgenstrick hier will nach Amerika. Was tun, lassen wir den gehen oder nich?«

»Kinder sind wie Schwalben; irgendwann fliegen sie auf und davon«, erklärte Donna Vittoria, und dann blickte sie zu den Abendschwalben hinüber, die wie Glückspfeile den Himmel durchkreuzten.

»Ob in die Ferne oder nich, das bleibt ihnen überlassen«, fügte sie hinzu.

Antonio, der sich im Hintergrund hielt, seufzte tief.

»Das war die erste Frage. Dann eine zweite, und nach der dritten geht ihr, sonst komm ich durcheinander, und ich schlaf schlecht.« Donna Vittoria fingerte an ihren goldenen Ohrringen, die im Abendrot das Licht eines Sonnenstrahls einfingen und violett aufleuchteten. Zwei Margeriten segelten von ihrem Kopf hinunter auf die Strohsandalen.

»Und wenn er bleibt, was is so schlimm daran?«, wollte Tina Oliva wissen.

Da setzte sich die Magierin in die letzten Sonnenstrahlen auf einen strohgedeckten Stuhl, nahm auf die Knie zwei schwarze Katzen, die packte sie an den Ohren und sah hinein. In dieses Geflecht aus Haaren und Flöhen murmelte sie sodann magische Formeln: »Vier Brote und fünf Fische, der böse Blick verwische … versenkt gehört der böse Blick tief in den Meeresschlick. Fort mit dir, böser Blick, fora malocchio, fora malocchio.«

Um mehr über das Schicksal des Jungen zu erfahren, zog sie den Katzen an den Schwänzen, dann blickte sie hoch zu den Knospen der neuen Weinreben.

»Die Frage? Hab’s schon vergessen«, brummte sie, und Tina Oliva fragte noch einmal: »Und wenn er bleibt, was is so schlimm daran?«

Da beugte die Magierin sich hinunter zu den Katzen, kam mit dem Mund ganz nah an die Ohren und flüsterte die Frage hinein. Die Katzen schreckten hoch, dann erbrachen sie eine grüne Brühe, in der Stückchen einer Eidechse, Klee und sogar ein Natterschwanz trieben.

Die Magierin seufzte schwer und erklärte: »Besser, er geht nach Amerika.«

Jetzt rührten sich die Katzen nicht mehr, lagen reglos wie zwei Sphinxe da, nur die Schwanzspitzen zitterten wie Fahnen im Frühlingswind.

Dann fügte Donna Vittoria hinzu: »Besser, er geht. Wer geht, macht sein Glück. Wer bleibt, versauert nur.«

Da sprangen die Katzen mit einem Mal auf, und los ging’s den Enten und Mücken hinterher.

Jetzt kam die letzte Frage.

Und wenn er fuhr, was würde dem jungen Antonio in Amerika widerfahren?

Die Magierin wurde immer rätselhafter.

»Es gibt kein tieferes Geheimnis als ein Menschenleben. Klein ist die Welt, dein Leben ist nur ein bisschen größer als das einer Grille. Mir reicht zum Leben ein Blätterhaus, ein Haus aus Zitronen- oder Lorbeerblättern, Hauptsache, es duftet. Ich habe geträumt, Engel kämen mich besuchen, es war ein Traum, aber ich hörte deutlich ein Flap Flap auf dem Dach. Engel haben überall Augen, das hätte ich auch gern, um immer in den Himmel sehen zu können, auch wenn ich mit anderem beschäftigt bin. Denk dran, junger Mann, denk immer dran, in den Himmel zu blicken.«

Und so hätte sie vielleicht noch lange weitergeredet, doch die Sonne war bereits untergegangen, und die Magierin stimmte nun einen seltsamen Singsang an, jedoch so tief, dass man die Hälfte nicht verstand: »Alla Catalla né ski né skó neppassallà gehe ich ins glückliche Reich … Kindheit ist, wenn jemand froh ist … Die Welt dreht sich, sodass mir manchmal schwindelt … Wie schön es ist, keine Erinnerung zu haben …«

Die Margeriten fielen von ihrem Kopf herab, und je näher die Nacht rückte, umso größer wurde ihr Bedürfnis, allein zu sein. Und als der Himmel die Farben der Landschaft rings herum immer mehr verwischte und die Umkehr der Planeten kurz bevorstand, da wachte sie auf wie aus süßem Schlaf, blickte zu den zwei neben ihr liegenden Ziegen, Ziegen ohne Hörner, deren Euter so prall gefüllt waren, dass sie es kaum erwarten konnten, gemolken zu werden.

So molk die Magierin die Ziegen, denn sie ertrug es nicht, wenn sie so blökten, und ließ die Milch in ein Eimerchen strömen.

In ihren Augen leuchtete die Vorahnung, ihr Atem ging kurz, und die blauen Augen sahen ins Leere, eines nach rechts, eines nach links, obgleich dies ja eigentlich gar nicht möglich war.

Die Raben warteten auf den Mond.

Pfauen fauchten im Sonnenuntergang, und am Himmel leuchteten die ersten Sterne der Nacht.

Da sprach die Magierin: »Halt dich von bösen Menschen fern, Antonio, dann verschwindet der Malocchio. Jeder Mensch sucht seinen Platz in der Welt, und so auch du. Du bist wie Goldstaub. Alle wollen dich, und niemand kriegt dich zu fassen. Auch wenn die Welt brennt, du wirst dir nicht die Finger verbrennen. Du wirst über Feuer laufen und Felsen und sogar übers Wasser, und wie du das machst, das weiß niemand außer dir.«

Ein wenig konnte man verstehen, was sie da sagte, aber auch nur ein wenig.

Und da kamen auch schon die ersten Motten, näherten sich den Margeriten in ihrem Haar, eine erste Grille sang ganz für sich allein. Donna Vittoria entzündete ein Licht auf einem Korb mit Nüssen und eines in einer Wasserschale voller Jasmin.

Gebannt warteten alle auf eine verständliche Weissagung, Menschen wie Tiere. Die Tiere lagen und saßen im Kreis um sie herum, auch das schwarze Schwein und die Eule auf dem Ast des Pfirsichbaums und eine weiße Taube mit angelegten Flügeln.

Vater und Mutter und die zwei Grillo-Jungen, die beiden zurückhaltend mit den Händen auf den Knien und gekreuzten Füßen, so schickte sich das damals. Mit einem Mal versetzte die Magierin dem Eimerchen einen kräftigen Tritt, die frisch gemolkene Milch ergoss sich über den Boden im Hof, floss immer weiter, formte Pfützen, Linien und Umrisse von Vögeln, und bei jeder neuen Form sprach die Magierin: »Ich sehe, sehe, sehe …«, und ihre blauen Augen suchten den Sinn in dieser Milchstraße zu ihren Füßen zu ergründen.

»Was seht Ihr? Was seht Ihr? Donna Vittoria, was seht Ihr?«, rief die Mutter.

»Was seht Ihr in der Zukunft von meinem Sohn?«, fragte der Vater mit zitternder Stimme.

»Alles Mögliche sehe ich«, murmelte die Magierin, und das erschreckte Vater und Mutter Grillo, für die der Ausdruck »alles Mögliche« schlechte Nachrichten und Unglück bedeutete. Für die beiden Jungen jedoch verhieß »alles Mögliche« ein buntes Leben, bunt wie ein Regenbogen oder wie das Karussell, das zur Freude aller Kinder manchmal auch nach Gesso kam.

»Was heißt denn das, Donna Vittoria?«

Aber solch unumwundenen Fragen wich Donna Vittoria immer aus.

»Ich sehe Perlen auf Felsen, Propheten und Diebe, Hiebe und Zärtlichkeiten, Träume und Lehren, furchtbare Kriegsangst, Häuser, die sich bis in den Himmel schrauben, und Ställe, die schlimmer stinken als meine Schweine hier.«

Die Schweine bemerkten sehr wohl, dass es um sie ging, und ließen hinten wie vorne alles Mögliche heraus, und die Magierin, der dieser Gestank offensichtlich lästig fiel, fuhr fort: »Nur wer sein Leben verliert, findet es wieder. Die Sterne tragen keine Schuld, wir allein, wir selbst sind schuld, wenn wir ein Leben als Sklaven fristen. Freiheit fällt einem nicht einfach zu, Freiheit muss man sich erobern.«

Antonio hatte die ganze Zeit nichts gesagt, und nun, bei dem Wort »Freiheit«, fingen seine Wangen an zu glühen. Er setzte sich aufrecht hin und wartete gespannt auf weitere Ausführungen. Sein Blick fiel auf eine im Spinnennetz gefangene Motte, und auch er war gefangen, gefangen in den Worten der Magierin.

»Jungchen, alles Mögliche wirst du erleben, und das Dunkle, das wird für dich weiß, rosa und gelb sein, denn das entspricht deiner Natur. Du bist ein bisschen verträumt und ein bisschen wie ein Kind, wirst wohl immer so bleiben, wie eine Zwergpalme.«

»Werde ich mich verlieren?«

»Nur kleine Hunde fürchten, sich in der Welt zu verlieren, du aber bist kein kleiner Hund. Die Welt ist großzügig zu den Großzügigen. Wenn du Frieden willst, dann schweige mindestens eine Stunde täglich.«

»Aber welche Kriege werden mir begegnen?«

»Unendlich viele. Jeden Tag eine neue Schlacht. Wenn du jedoch das Leben jeden Tag mit Fantasie lebst, dann bist du vor Kriegen gefeit. Denn Kriege sind die Fäulnis des Lebens, und Fäulnis hat nur jemand im Kopf, der sein Leben nicht liebt.«

»Und wen werde ich treffen?«

Die Magierin blickte in die Sterne.

»Mehr Menschen als Sterne in deinem Leben in Amerika und auch auf der Reise dorthin. Wie viele Menschen trifft man in einem Leben. Und dann, ja dann …«

Alle hielten gespannt den Atem an, den Erwachsenen fiel bei diesem »Und dann, ja dann« sofort Mord und Totschlag ein. Die zwei Jungen hingegen dachten an Begegnungen mit ganz wunderbaren Menschen. Und während die Ziegenmilch immer noch in Richtung Gemüsegarten rann und man die Rufe der Eule in der Ferne hörte, sagte die Magierin: »Ich sehe, ich sehe, dass du Riesen begegnest, unglaublichen Riesen, guten wie schlechten. Wie merkwürdig du doch bist! Und eines Tages in Amerika triffst du den größten aller Riesen. Meine Güte, ist der riesig, dieser Riese, so einen habe ich noch nie gesehen, in meinem ganzen Leben noch nicht.«

Die Augen des Vaters waren weit aufgerissen, seine Hände zu Fäusten geballt. »Dieser Riese tut ihm doch nichts?«, stieß er angsterfüllt hervor.

»Anfangs schon, aber dann wirft Antonio ihn zu Boden. Dieses Jungchen ist mit allen Wassern gewaschen, er ist kein Tölpel, ganz und gar nicht. Armes Jungchen, unser Antonio ist ohne Mutter geboren, ist er, alle dachten, er wär ganz schwach, dabei ist er so stark.«

Donna Vittoria wandte sich ab, ihr Blick verlor sich im kobaltblauen Himmel. Schließlich rief sie ihre Tiere eins nach dem anderen zu sich. Streichelte hier und dort, patschte in die Wanne mit dem Tintenfisch, strich über einen Katzenkopf, zog dem Schweinchen zärtlich am Ohr und war mit den Gedanken schon ganz woanders.

Die Familie Grillo saß noch abwartend da, bis die Magierin mahnte: »Vergiss nich, das Grab deiner Mutter zu besuchen, bevor du fährst, Antonio. Und jetzt, husch, husch. Geht. Der Fuchs kommt, mir eine gute Nacht zu wünschen, aber nur, wenn er keine anderen Menschen sieht.«

Sie öffnete das Tor, band die abgenutzte Schnur auf, deren Enden im Wind baumelten. Die Kutschpferde scharrten schon unruhig mit den Hufen, und als der Vater den Tieren das Signal zur Abfahrt gab, sah die Familie einen roten Fuchs durch das Tor huschen, das sie gerade in entgegengesetzter Richtung durchquert hatten. Hühner und weiße Tauben flüchteten bei seinem Anblick, wie schöne Erinnerungen, wenn ein Ungeheuer kommt.

IV

Abschied von Lebenden und Toten

Wild schwirrten die Worte der Magierin in Antonios Kopf umher, er dachte an Riesen, einen, keinen, hunderttausend, die ihn durch die amerikanische Prärie hetzten, bis seine Lunge zu platzen drohte. Nach dem Besuch bei Donna Vittoria waren seine Vorstellungen bezüglich Amerika nicht mehr ganz so glänzend und süß, eine bittere Note hatte sich hineingeschlichen, vielleicht wie bei einem herben Honig. Diese neue Welt bestand für ihn nun nicht mehr nur aus Frauen mit samtigen Beinen, weiten Prärien, aus fässerweise Cognac und fröhlicher Gesellschaft. Sie wurde in seinem Kopf nun auch von Riesen bevölkert, von Blutlachen und Gewehren, Schlägereien, Weissagern und Scharlatanen, von Häusern, die bis in den Himmel reichten, und stinkenden Ställen, von Kriegen und schließlich dem riesigsten Riesen, den es je gegeben hatte.

Doch wie immer tröstete ihn ein Blick in den Himmel, in die seidige Nacht. Vor dem Schlafengehen blickte er auch noch einmal ins Tal hinunter, sah, wie es still im Mondlicht badete. Etwas weiter hinten lag das Meer, und über Stromboli glühte Feuer. Eine Kröte hüpfte auf das Fensterbrett, in ihrem schwimmenden Auge spiegelte sich der Mond, fand ganz in dem Augapfel Platz.

Er blickte diesen Mond an, der plötzlich so klein und nahe war, und als die Kröte wieder vom Fensterbrett hinunterhüpfte, verschwand auch der Mond, und Antonio fing an, die Sterne am Himmel zu zählen.

Aber je mehr er sich anstrengte, umso weniger wollte es gelingen.

Wie viele Sterne, warum gibt es so viele?, fragte er sich. Alles ist möglich in meinem Leben, und doch gibt es etwas, das unmöglich ist. Der Mond findet im Auge einer Kröte Platz, doch drei Leben reichen nicht aus, um die Sterne zu zählen. So viele Sterne, die Tage in einem Menschenleben jedoch sind so wenige. Ich muss sie gut leben, meine Tage, und will nach den Sternen greifen, sagte er sich, denn jetzt bin ich zu allem bereit.

Auch für immer sein Tal zu verlassen, das Meer, sein Pferd und seine Lieben und die Feuer des Stromboli, denn woanders, in seinem neuen Leben, würde es andere Täler, andere Monde, andere Meere, andere Pferde geben. Er war bereit, von allem Abschied zu nehmen. Mit Herz und Kopf, von heute auf morgen.

Er schlief den sorglosen Schlaf eines Jungen von zwanzig Jahren, und als er wieder erwachte, dachte er: Heute nehme ich Abschied von den Toten. In den nächsten Tagen von den Lebenden. Und auch von all den Herrlichkeiten, die ich hier zurücklasse. Dann kann ich gehen.

Erst die Toten verabschieden.

Dann die Lebenden.

Dann die Herrlichkeiten ringsherum.

Und dann fortgehen.

Den ganzen Tag blieb er im Haus und ruhte sich aus, nicht etwa, weil er träge gewesen wäre, sondern um seine Gedanken zu ordnen. Sonne stahl sich durch die Ritzen der Fensterläden und schlich sich langsam wieder hinaus. Antonio wartete auf die Nacht, um zum Friedhof zu gehen. Lieber sprach er in der Nacht mit den Toten, ohne Menschen um sich herum, die mit Blumen in den Händen und Tränen auf den Wangen dastanden.

»Der Arme hier und die Arme dort, ruhe in Frieden … Die Zeit heilt alle Wunden … Er hat ein Vermögen hinterlassen, die Witwe kann’s sich gut gehen lassen … Wie hat er doch im Leben gelitten, nun kann er ruhen … Nun findet sie endlich Frieden …«, und so weiter. Leere Worte. Auch das Geschwätz der Lebenden zwischen den Gräbern mochte er nicht.

Er sattelte sein Pferd, und los ging’s.

Am nachtblauen Himmel zogen Raben und Störche ihre Kreise, der Weg führte über Stock und Stein, und Antonio versuchte, sich alles einzuprägen, jede Kleinigkeit, nichts zu vergessen, worauf sein Blick auch fiel.

Schwermütig aber war sein Blick nie, sondern leidenschaftlich und liebevoll.

Schwermut ist schwarz.

Leidenschaft leuchtet.

Schwermut und Leidenschaft vertragen sich nicht.

Wenn es das eine gibt, dann das andere nicht.

Voller Leidenschaft also betrachtete er die frischen Blätter der Feigenbäume, den Flug der Schwalben, die ersten Fliegen in der warmen Luft, die Schnecken, die nachts von den Wiesen auf die Straßen kriechen.

Alles wird schön, wunderschön, bevor man für immer fortgeht, Mond und Schnecken, sprechende Wesen und Tiere, Bruchsteinmauern und eingemachte Tomaten, Wäsche und Basilikum und Jasmin, kaputte Gläser und kahle Katzen, kleine und große Dinge. Geht man fort, dann lässt man alles zurück für eine andere Welt, in der es genauso viele kleine und große Dinge gibt, Mond und Schnecken.

Und wie er da so zum Friedhof ritt und versuchte, seine Gefühle zu ordnen und dabei die Schnecken nicht zu übersehen, verfing sich sein Blick in allem, was er zurücklassen würde; Sträucher und Lavendelblüten, Ginsterknospen, hüpfende Wildkaninchen.

Er kletterte nicht über das von einer Kette verschlossene Haupttor, sondern über ein von Zypressen verborgenes seitliches, das niemand je öffnete, nur die Totengräber mit Leichenwagen und Särgen. Dieses vor den Blicken der Dorfgemeinschaft verborgene Tor befand sich am Ende einer scharf in den Berg geschnittenen Seitenstraße inmitten von Maulbeerbäumen und alten Weingärten. Das Tor war hoch, mit Eisenspitzen obendrauf, und um auf die andere Seite zu gelangen, kletterte er auf die Begrenzungsmauer, lief über den hohen schmalen Rand, bekam dann den Eisenpfosten des Tors zu fassen, schwang sich an ihm hinüber und fiel schließlich auf die Wiese zu Füßen der Gräber, die ihm so viel bedeuteten.

Es war Ende März 1923, und der violette Himmel über ihm war voller Fledermäuse. Der Mond tauchte die Wolken in schillerndes Licht, und der Schirokko wehte ganz sanft.

Er lief an alten und neuen Gräbern vorbei, der Marmor der neuen Grabplatten war noch weiß, und Blumen standen davor, an den alten wucherte dunkelgrünes Moos, und die Totennamen waren verwittert.

Ihm war, als sehe er am Himmel ein grünes Licht aufblitzen, wie eine Sternschnuppe, deren Licht kürzer blinkt als ein Aufseufzen.