So war es damals drüben - Gerhard Lange - E-Book

So war es damals drüben E-Book

Gerhard Lange

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Beschreibung

Der in Westdeutschland geborene Autor schildert interessant und wortgewandt realistisch seine Erlebnisse aus mehreren DDR-Besuchen. Er zeigt rückhaltlos die Schwierigkeiten bei Ein- und Ausreise und die ständige und allumfassende DDR-staatliche Überwachung auf. Anschaulich beschreibt er eindrucksvoll Land und Leute, Versorgungsprobleme, Todesstreifen, Rigorosität von Funktionären und Privilegien von staatshörigen Parteigängern. Schließlich berichtet er von pikanten Gepflogenheiten der obersten Staats- und Parteiführung der DDR.

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Seitenzahl: 204

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Katrin

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Epilog

Prolog

„Gegenstand der Dissertation sollen das Leben und das politische Wirken des bisher kaum bekannten und wenig beachteten Preußischen Innenministers Fritz Eulenburg sein. Eulenburg war von 1862 bis 1878 fortdauernd erfolgreicher Minister und bedeutender Reformer unter dem damaligen Ministerpräsidenten von Bismarck.

So hat er durch die Novelle der Preußischen Kreisordnung von 1872 die Verwaltungsgerichtsbarkeit in Preußen eingeführt und die kommunale Selbstverwaltung, die es seit den Reformen des Freiherrn vom Stein durch die Städteordnung bereits in den Städten gab, auf das platte Land ausgedehnt.

Es ist daher ein seit langem bestehendes wissenschaftliches Desiderat, die Person und die für Preußen so bedeutsame politische und reformerische Tätigkeit des Innenministers Friedrich Albrecht Graf zu Eulenburg, wie er richtig hieß, durch gründliche Auswertung von Primärquellen einmal genau und umfassend zu untersuchen und ihn damit als bedeutenden Staatsmann mit seinen eigenen Leistungen und Verdiensten um Preußen aus dem Verborgenen, nämlich aus dem Schatten Bismarcks, hervorzuheben.“

Mit diesen Worten umriss mir Professor Dr. Klaus Erradt den Themenkreis der von ihm gewünschten wissenschaftlichen Forschungen zu diesem Teil der Rechtsgeschichte Preußens.

Nach Abschluss meines zweiten juristischen Staatsexamens und dem danach erfolgten Eintritt als Regierungsrat z.A. (zur Anstellung) in die Schleswig-Holsteinische Landesverwaltung im Juni 1981 hatte ich mich schon gelegentlich mit dem Gedanken getragen, eine Doktorarbeit zu schreiben und damit zu promovieren.

Als ich dann von einem guten Freund und Studienkollegen erfuhr, dass die Sekretärin von Professor Erradt geäußert hätte, ihr Chef habe ein Thema zu vergeben und suche dafür einen Doktoranden, war mein Interesse spontan geweckt. Ich holte mir also einen Termin zur Besprechung, in dem Professor Erradt mir dann dieses rechtshistorische Thema zur Bearbeitung anbot.

„Zu diesem Thema werden Sie Quellen und Unterlagen im Archiv in Merseburg finden. In Merseburg befindet sich das Preußische Staatsarchiv, das zum Schutz der Bestände während des Krieges von Berlin dorthin ausgelagert worden war. Ich habe bereits die schriftliche Bestätigung erhalten, dass dort Unterlagen über Fritz Eulenburg vorhanden sind. Sie müssen also in die ‚DDR’ und dort zu diesen Kernpunkten vorhandene Bestände des Preußischen Archivs sichten und auswerten.

Wenden Sie sich doch am besten an Herrn Thaller, einen Doktoranden, der hat bereits in Merseburg geforscht und kann Ihnen da weiterhelfen und nützliche Tipps geben.“

Da war es also nun heraus: Ich musste in die ‚DDR’ fahren, nach Merseburg. Bei diesem Gedanken kam bei mir Begeisterung nicht gerade auf. Spontan gingen mir in Sekundenbruchteilen diverse Bilder durch den Kopf: 17. Juni 1953, sowjetische Panzer und Schüsse auf Demonstranten, Mauerbau am 13. August 1961, Todesstreifen, innerdeutsche Grenze, Selbstschussanlagen, an Mauer und Grenze erschossene Flüchtlinge, Reisende aus Westdeutschland willkürlich festgehalten und ... und ... und.

Auch scherzhafte Bemerkungen kamen mir in Erinnerung. Wenn nämlich in der Schulzeit die Lehrer nach den Sommerferien nach unternommenen Auslandsreisen fragten, wurden neben tatsächlichem Ausland wie Italien, Spanien oder Dänemark, regelmäßig auch Bayern und natürlich ‚DDR’ genannt.

Aufgrund eines eigenen Erlebnisses hatte ich zudem selbst eine böse Erfahrung gemacht, ja, leider machen müssen.

Im Januar 1971 war ich mit einer Studentengruppe zu einem Studienaufenthalt nach dem damaligen West-Berlin gefahren. Wir waren in einer Jugendherberge am Askanischen Platz untergebracht gewesen.

Dabei konnten es einige Kommilitonen nicht lassen, abends bis nachts einige Stücke des Stacheldrahts von der nahe gelegenen Berliner Mauer herunterzureißen und uns dann voller Stolz als Trophäen zu präsentieren. Angeheitert hatten sie – vielleicht sogar unbewusst – ihr junges Leben aufs Spiel gesetzt. Sie hatten nicht bedacht, nicht zur Kenntnis nehmen wollen oder vielleicht auch gar nicht gewusst, dass die Mauer nicht die Grenze darstellte, sondern die Grenzlinie auf Westberliner Seite bereits einige Meter vor der Mauer lag. Wer an der Mauer stand, befand sich also unerlaubt bereits auf ‚DDR’- Gebiet, beging somit nach 'DDR' -Recht eine Grenzverletzung.

Ein während dieses Studienaufenthalts geplanter Besuch in Ost-Berlin verlief für mich damals äußerst unerfreulich.

Beim Sektorenübergang Friedrichstrasse wurde ich bei dem Versuch, mit Kommilitonen nach Ost-Berlin zu fahren, ohne erkennbaren und genannten Grund mehrere Stunden von der Grenzpolizei der ‚DDR’ in einem Dienstraum festgehalten, durfte also diese lange Zeit weder in die „Hauptstadt der ‚DDR’“ einreisen noch zurück nach West-Berlin. Man hatte mich quasi festgesetzt.

Ich erinnere den Grund für diesen Vorgang nicht mehr ganz genau. Es mag sein, dass ich auf die Frage des Grenzpolizisten nach meinem Reiseziel möglicherweise „Ost-Berlin“ angegeben hatte, was natürlich einen ungeheuerlichen Frevel dargestellt hätte, anstatt „Berlin, Hauptstadt der ‚DDR’“. Nach der Unendlichkeit von mehr als drei Wartestunden, in denen ich völlig unbeachtet geblieben war, wurde ich dann, quasi durch einen Gnadenakt der Grenzpolizei, nach West-Berlin zurückgelassen.

Eine willkürliche und rein schikanöse Behandlung also gegenüber mir als einem Westdeutschen.

Die ‚DDR’ war somit bei mir natürlich deutlich negativ besetzt.

Gleichwohl akzeptierte ich spontan das Dissertationsthema und damit auch das Arbeiten in Merseburg und wurde damit von Professor Erradt auch sofort als Doktorand angenommen. Dazu hinterließ ich bei der Sekretärin Frau Büchner meine Personalien und bat um schriftliche Bestätigung der Annahme als Doktorand.

Mit einigen wenigen Unterlagen über den Thema gebenden Grafen zu Eulenburg verließ ich dann erwartungsfroh und auch ein wenig stolz als Doktorand das Professorenbüro und das Juridicum der Universität.

Einer meiner nächsten Wege führte mich zum nunmehr ja Doktorandenkollegen Wulf Thaller. Wir kannten uns vom Studium her, als Kommilitonen, nicht näher.

Wulf zeigte sich erfreut, dass ich die Arbeit von Professor Erradt angenommen hatte.

„Dazu musst Du nach Merseburg ins dortige Archiv. Ich war auch schon wiederholt da. Du wirst da wohl viele Unterlagen über Eulenburg finden, auch in den alten Preußischen Ministerialakten. Für Deine Forschungen benötigst Du eine Benutzungserlaubnis des Innenministeriums der ‚DDR’. Die Genehmigung muss vorher schriftlich beantragt werden. Dazu musst Du auch den Grund für die Benutzung angeben, also Forschungen über den Eulenburg für eine Doktorarbeit. Du brauchst auch eine Einreisegenehmigung. Alles muss beantragt werden. Außerdem musst Du eine dortige Unterkunft nachweisen können. Ich habe da in Merseburg privat gewohnt, bei einer Familie Schwisseler, sehr nette Leute. Dort könntest Du auch mal anfragen. Du kannst Dich auf mich berufen. Ich gebe Dir mal die Adresse und die Telefonnummer.“

Beides wusste Wulf auswendig und diktierte es mir sogleich, ich schrieb eifrig mit.

Wenige Tage später reichte mir Wulf zudem die Adresse des Ministeriums des Innern der ‚DDR’, Archivverwaltung, in Potsdam nach, für den Antrag auf Erteilung einer Benutzungsgenehmigung für das Merseburger Archiv.

Damit war ich nun schon um einige wichtige Informationen reicher und konnte deshalb in die ganz konkrete Vorbereitung meiner Forschungsarbeit in Merseburg eintreten.

Kapitel 1

Die Forschungen für meine Doktor-Arbeit machten also eine Fahrt nach Merseburg in der ‚DDR‘ erforderlich. Dazu begann ich nach Annahme als Doktorand unverzüglich mit konkreten Vorbereitungen.

Zunächst schrieb ich umgehend an Frau Schwisseler in Merseburg und fragte unter Hinweis auf Wulf Thaller an, ob ich für meine Arbeiten im dortigen Archiv auch bei ihr wohnen könnte.

Ohne die Antwort abzuwarten, beantragte ich sodann kurz darauf unter dem 06. September 1981 beim

Ministerrat Der deutschen Demokratischen Republik

Ministerium des Innern

Staatliche Archivverwaltung

DDR, 15 Potsdam, Berliner Straße 98 – 101

die Benutzungserlaubnis für das

Zentrale Staatsarchiv

Dienststelle Merseburg

DDR-4200 Merseburg, König-Heinrich-Straße 37,

für Forschungen im Rahmen einer Dissertation über Friedrich Albrecht Graf zu Eulenburg, und zwar für die Zeit vom 16. bis 27. November 1981. Neben meinen persönlichen Daten und dem beruflichen Status als Landesbeamter in Schleswig-Holstein benannte ich als beabsichtigte Unterkunft die Adresse von Frau Schwisseler in Merseburg.

Und damit begann das Warten auf die beiden erhofften Zusagen, ohne die ich keine weiteren Vorbereitungen treffen konnte.

Nach ca. zwei Wochen kam ein sehr erfreulicher Brief von Frau Schwisseler, in dem sie mir mitteilte, dass ich sehr gern bei ihr wohnen könnte, auch ihr Sohn Heiko freue sich schon auf meinen Besuch, so schrieb sie mir.

Große Erleichterung empfand ich durch diese positive Nachricht, und ich war in zweierlei Hinsicht glücklich, nämlich, dass ich einmal die Unterkunft zugesagt bekommen hatte und ich andererseits meine diesbezügliche Angabe gegenüber dem Ministerium des Innern der ‚DDR’ nicht korrigieren musste.

Zudem war diese freundliche Zusage von Frau Schwisseler doch schon einmal ein erster, sehr positiver Eindruck von der ‚DDR’, von ‚drüben’ eben, jedenfalls von Bewohnern, Landsleuten nämlich, der meine Vorbehalte gegenüber der ‚DDR‘ doch fühlbar reduzierte.

Frau Schwisseler hatte ich noch gar nicht gefragt, was die Unterkunft bei ihr denn eigentlich kosten sollte. Ich hatte es einfach vergessen und sie selbst hatte natürlich, wie ich später feststellen sollte, in ihrer bescheidenen Art auch nichts zu diesem Thema mitgeteilt.

Als kleine Vorbereitung auf meinen Aufenthalt schickte ich vorab ein Paket mit einigen Nahrungs- und Genussmitteln, von denen ich glaubte oder aber mir vom Hörensagen bekannt war, dass diese Sachen ‚drüben’ knapp seien und deshalb gern genommen würden. Bohnenkaffee, natürlich, an erster Stelle, dann Schokolade, Pralinen und andere Näschereien, in der Hoffnung, sie würden den Wünschen von Frau Schwisseler entsprechen.

Bei dem Inhalt von Postsendungen in die ‚DDR’ war allerdings höchste Vorsicht geboten. Vor allem durften weder Konserven noch Druckerzeugnisse jeglicher Art, also Bücher, Zeitungen, Zeitschriften etc. versandt werden. Konserven konnten, da deren Inhalt nicht kontrollierbar war, Gegenstände enthalten, deren Einfuhr in die ‚DDR’ verboten waren. Beim Packen musste ich sogar aufpassen, dass ich auch nicht aus Versehen oder Unachtsamkeit Zeitungspapier, wie bei uns sonst üblich, als Füllstoff und Polsterung zwischen die einzelnen Teile legte.

Es war ja hinlänglich bekannt, dass Pakete und Päckchen und teilweise auch Briefsendungen von den ‚DDR’- Post-Behörden offensichtlich nahezu durchgängig geöffnet und auf Zulässigkeit des Inhalts überprüft wurden. Man musste also bei der Auswahl der zu versendenden Teile und beim Packen äußerste Genauigkeit und Vorsicht walten lassen, sollte die Sendung überhaupt eine Chance haben, beim Adressaten und dort auch möglichst komplett anzukommen.

Hierfür bot allerdings auch ausschließlich zulässiger Inhalt keine vollständige Gewähr. Denn selbst solche Pakete erreichten nicht immer oder nicht stets mit vollständigem Inhalt ihr Ziel. Offensichtlich war die Versuchung bei einigen Kontrolleuren doch bisweilen zu groß, Teile des Inhalts für den eigenen Bedarf einzubehalten.

Hilfreich waren dabei die von der westdeutschen Bundespost herausgegebenen Merkblätter für Postsendungen in die ‚DDR’, die Erlaubtes und Unerlaubtes genau auswiesen und säuberlich trennten, mit dem Hinweis, sich doch tunlichst streng an diese Vorgaben zu halten. Unbedingt erforderlich war dabei aber, dass man eine aktuelle Ausgabe dieses Merkblattes benutze, da sich die Einfuhrbestimmungen der ‚DDR’ gelegentlich änderten und damit bisher erlaubte Güter plötzlich mit einem Einfuhrverbot belegt sein konnten.

Ich jedenfalls hielt mich immer streng an die Einfuhrvorgaben.

Kapitel 2

Es vergingen Wochen, ohne dass ich eine Antwort auf meine Anträge von den ‚DDR’-Behörden erhielt. Langsam wurde ich doch unruhig, da der geplante Abreisetermin schon sehr nah gekommen war. Ich bekam Bedenken, ob ich die beantragten Genehmigungen überhaupt erhalten würde. Wenn nicht, fiele dann die ganze Fahrt aus und damit möglicherweise dann auch die Doktorarbeit „ins Wasser“. Zudem hatte ich natürlich für diesen Zeitraum längst Urlaub bei meiner Dienststelle beantragt. Mit deren Genehmigung hatte ich auch eine mehrseitige Anweisung über strikt einzuhaltende Verhaltensmaßregeln und Hinweise für den Aufenthalt als Landesbeamter in der ‚DDR’ erhalten.

Besonders hervorgehoben war dabei der dringende Hinweis, sich nicht auf erotische Abenteuer einzulassen. Vermeintlich freundschaftliche Partner oder Partnerinnen in der ‚DDR’ könnten nämlich, wie die Erfahrung vielfach gezeigt hatte, speziell auf die jeweilige Person angesetzte Stasi-Spitzel mit Auskundschaftsaufträgen sein. Man könnte sich gerade als öffentlich Bediensteter auch Anwerbungsversuchen gegenübersehen, im Westen für die Stasi-Behörden Spionagetätigkeit aufzunehmen. Auch diese Warnungen erfolgten natürlich aufgrund von vorliegenden Erkenntnissen und somit aus gegebenen Anlässen.

In einem Telefonat hatte Frau Schwisseler berichtet, dass in dem geplanten Zeitraum meines Aufenthalts in Merseburg Gewandhaus-Festtage in Leipzig stattfänden. Jubiläumskonzerte des Gewandhaus-Orchesters unter der Leitung von Kurt Masur unter dem Motto „200 Jahre Gewandhauskonzerte“. Mit diesen Festtagen sollte das Gewandhaus nach gerade vollendeter vollständiger Renovierung wiedereröffnet werden. Sie fragte mich, ob ich Interesse an einer Konzertkarte hätte. Natürlich bejahte ich die unerwartete Frage sofort, woraufhin Frau Schwisseler zusagte, sich darum bemühen zu wollen.

Ich freute mich auf solch ein sicherlich außergewöhnliches Konzertereignis an bedeutender Stätte mit berühmtem Orchester und weltbekanntem Dirigenten.

Von Bekannten hatte ich gehört, dass die ‚DDR’- Behörden die Einreisepapiere oft bis regelmäßig erst sehr kurz vor dem geplanten Reisetermin zusenden würden. Diese Mitteilung beruhigte mich nun keinesfalls, da zwischenzeitlich bereits der Tag vor der vorgesehenen Abreise gekommen war und die eingegangene Post auch dieses Tages wiederum die erwünschten, ja herbeigesehnten Reisedokumente nicht enthielt. Und das, obwohl ich vor immerhin zwei Monaten die Einreise mit allen erforderlichen Unterlagen beantragt hatte.

Damit stand nun also für mich fest, dass ich das Unternehmen „Reise nach Merseburg“ als gescheitert ansehen musste, jedenfalls für den beabsichtigten Zeitraum. Ich war jetzt natürlich erheblich verärgert und auch maßlos enttäuscht. Notwendigerweise musste ich meine Planung, am Anreisetag sehr früh aufzubrechen, da es ja bis Merseburg doch eine beträchtliche Fahrstrecke war, nämlich knapp 500 km, ohnehin jetzt schon endgültig verwerfen, denn ohne Papiere konnte ich ja gar nicht erst los.

Und so brach zu Hause in mir in gewisser Weise doch eine Welt zusammen. Sämtliche Planungen und Vorbereitungen für diese Fahrt waren also offensichtlich völlig vergeblich gewesen. Die Vorfreude, wenn auch nicht ohne Bedenken, wich tiefgreifender Resignation und zudem natürlich grundlegender Erbostheit, ja Wut, über die Willkür der ‚DDR’- Behörden, die mir nämlich weder eine Zusage noch eine Absage erteilt hatten. Es war überhaupt keine Nachricht gekommen.

Ich überlegte, ob ich Frau Schwisseler in Merseburg anrufen und ihr mitteilen sollte, dass ich mangels Erhalts der Einreisepapiere nun doch nicht kommen könnte.

Was mich letztlich von dieser Mitteilung abhielt, war die immerhin im Grunde doch noch positive Tatsache, dass ich bislang jedenfalls auch keine Absage oder Verweigerung der beantragten Papiere von den ‚DDR’- Behörden erhalten hatte. Wenn ich dieser unerfreulichen Situation damit gleichwohl etwas Positives abzuringen versuchte, so war diese Tatsache jedoch auch nicht gerade besonders ermutigend. Sie hatte für mich vielmehr das Bild des Ertrinkenden, der sich in seiner höchsten Not an den letzten Strohhalm klammert.

Gleichwohl legte ich mich am Vorabend der geplanten Abreise in der Gewissheit aufs Ohr, dass selbst bei optimistischster Erwartung sich die Abreise unweigerlich deutlich, also zumindest für mehrere Tage, verzögern würde, wenn sie denn überhaupt noch stattfinden sollte.

Der nächste Morgen begann für mich natürlich beim Frühstück missmutig mit einem gelangweilten und eher desinteressierten Blick in die Zeitung, der eigentlich nirgendwo so recht hängen bleiben wollte, nicht einmal bei den dick schwarz umrandeten Anzeigen der vorletzten Seite. Diese wiesen nämlich aus, „wer nicht mehr bei einem großen Warenhauskonzern kaufen würde“, wie gelegentlich scherzhaft, auch etwas pietätlos, die Verstorbenen in den Todesanzeigen tituliert wurden.

Vielmehr erwischte ich mich wiederholt bei der Frage, was ich mit diesem ungeplant freien Tag nun wohl anfangen könnte. Brauchbare Ideen wollten mir dabei allerdings nicht kommen, und so vertrödelte ich den Vormittag mit Nichtstun, landete jedoch immer wieder bei der Tatsache, dass es ja heute eigentlich nach Merseburg hätte losgehen sollen. Dieser Gedanke steigerte zunehmend Enttäuschung und Frust in Wut, auch wegen der Hilflosigkeit, mit der ich dieser Situation gegenüber stand.

Es bestand nämlich keinerlei Möglichkeit, an einem Amt in der ‚DDR’ anzurufen und nachzufragen, wie es denn um die Papiere stehe, ob, und, wenn ja, wann sie denn wohl kommen würden. Nichts dergleichen, ich hatte keine Chance, mich irgendwo irgendwie zu informieren und sah mich realistisch vollständig abhängig von der Willkür der ‚DDR’- Behörden.

Mit diesen im Kopf kreisenden Gedanken ging es gen Mittag und damit kam auch die Zeit der üblichen Postzustellung. Gegen 13.00 h schlenderte ich dann routinemäßig, zwischenzeitlich ohne jegliche Erwartung hinsichtlich der erhofften Reisepapiere, zum Briefkasten, um zu sehen, ob jemand geschrieben haben könnte.

Da jedoch traute ich meinen Augen kaum. Zu meiner großen Verblüffung war ein vergilbter Briefumschlag des Innenministeriums der ‚DDR’ eingegangen, neben anderen, auf einmal völlig unwichtigen Sendungen.

Noch bei geöffnetem Briefkasten riss ich die ministerielle Post auf und hielt zu meiner großen Verwunderung und besonderen Überraschung plötzlich sämtliche erforderlichen Reisedokumente für die Fahrt nach Merseburg und auch die Benutzungsgenehmigung für das dortige Archiv in Händen.

Sprachlosigkeit paarte sich nun bei mir mit ungläubigem Staunen. Träumte ich etwa? Nein! Und nochmals: Nein! In buchstäblich letzter Sekunde hatte ich also die Reiseunterlagen doch noch bekommen.

Natürlich war klar, dass diese späte Zusendung der Unterlagen kein Zufall war, gar nicht sein konnte. Unschwer erkannte ich sofort, dass es sich hierbei um eine absichtliche, gezielte Aktion der ‚DDR’- Behörden handelte, die einmal Verunsicherung und auch Einschüchterung bei mir als Einreisewilligem bewirken sollte. Zudem stellte es aber auch, so empfand ich es, eine Demonstration der Staatsmacht der ‚DDR’ gegenüber der Bundesrepublik und deren Bürgern dar, nach dem Motto: „Ob und wann Du fährst, entscheiden wir, nur wir allein. Du bist auf unser Wohlwollen angewiesen, also füge Dich unserem Willen und unseren Vorgaben.“

Die äußerst späte Zusendung der Reiseunterlagen war also eine bewusste behördliche schikanöse Provokation und so verstand ich die Maßnahme und die darin enthaltene Botschaft auch.

Ehe ich noch die Bedeutung dieses Briefes so recht realisiert hatte, nämlich jetzt doch abfahren zu können, erwischte ich mich schon beim Packen. Den doch schon am Vortag gefüllten und bereit gestellten Koffer und die Taschen verbrachte ich alsbald in den Kofferraum meines älteren Audi 80 und nach erneuter Kontrolle der Papiere und meines Reisepasses, der ja für die Einreise in die ‚DDR’ zwingend erforderlich war, ging es dann gegen 14.00 h auf die Fahrt nach Merseburg, für mich gleichzeitig ins ziemlich Ungewisse.

Spät genug, bereits zu spät, war es, um noch zu angemessener Tageszeit bei Schwisselers einzutreffen. Aber egal, nun ging es eben los. Auf also nach Merseburg!

Kapitel 3

Ich machte mich also nun auf nach ‚drüben’, wie bei uns in Westdeutschland die gängige Bezeichnung für die ‚DDR' lautete. Von Kiel fuhr ich via Autobahn über Hamburg nach Hannover und von dort auf die Berliner Autobahn bis zum Grenzübergang Helmstedt-Marienborn. Für diese reichlich 330 km benötigte ich etwa 3 ½ Stunden Fahrzeit. Als ich beim Grenzübergang eintraf, war es entsprechend der Jahreszeit um ca. 17.30 h natürlich bereits dunkel, zudem trübe und regnerisch.

Innerhalb der Grenzanlagen nahm ich nun entschlossen und zielführend die Fahrspur mit der Wegweisung „Einreise in die DDR“. Es machte sich jetzt bei mir doch ein ziemlich mulmiges Gefühl in der Magengegend bemerkbar. Die Ungewissheit über die unmittelbar bevorstehenden Grenzkontrollen und den Aufenthalt im anderen Teil Deutschlands bewirkten beträchtliche Verunsicherung.

Wie oft war ich schon im Europäischen Ausland gewesen und hatte ohne jegliche Bedenken und Besorgnis stets in Urlaubsstimmung und demgemäß in freudiger Erwartung die Grenzen passiert, problemlos selbst nach Jugoslawien. Aber dort gab es auch keine derart gesicherten Grenzanlagen und auch keinen Schusswaffengebrauch. Alles war immer äußerst unkompliziert und friedlich verlaufen.

Jetzt aber, bei der Fahrt von Deutschland nach Deutschland, galten andere Gesetze und dementsprechend gestaltete sich auch meine Gefühlslage.

Natürlich war diese innerdeutsche Grenze nicht mit anderen zu vergleichen. Hier wurde ja nicht nur die ‚DDR’ von der Bundesrepublik Deutschland getrennt, hier standen sich der Ostblock und der Westen und damit auch mit dem Warschauer Pakt und der Nato zwei bis an die Zähne bewaffnete, militärisch bezeichnet mit bis zum „overkill“ aufgerüstete Militärblöcke gegenüber, jederzeit bereit, mit modernsten Waffen und deren großem Zerstörungspotential in Vernichtungsabsicht gegeneinander vorzugehen.

Diese Situation, die mir nicht nur durch den Kopf ging, sondern nun deutlich und wahrhaftig vor Augen stand und sich hier eindrucksvoll realisierte, prägte natürlich die Besonderheiten dieser Grenze und damit auch des Passierens dieser Trennlinie.

Ich fuhr also in dem gebotenen „Schritttempo“ in die Spur für PKWs und reihte mich dort hinter die bereits Wartenden ein.

An dem Kontrollgebäude der ‚DDR’- Grenztruppen wies ein Schild die Einreisewilligen an: „Stop! Weiterfahrt nur nach Aufforderung“.

Nach geraumer Wartezeit war endlich auch ich dran. Ich war erleichtert, dass die Kontrolle und damit der Beginn der Einreise nun endlich vonstatten gingen. Ich fuhr daher an die Grenzbaracke und hielt artig an dem Stopp-Schild an.

Das Kontrollgebäude stand auf der rechten Seite der Fahrspur, also auf der Beifahrerseite. Daher musste man als Fahrer aussteigen, um den Wagen herumgehen und dem Grenzpolizisten, der hinter einer Glasscheibe mit darunter gelegener Durchreiche saß, die Papiere vorlegen.

Allein die Anordnung des Kontrollhäuschens auf der Beifahrerseite war reine Schikane.

Ich stieg also aus dem Wagen, ging zum Kontrollposten und legte die Einreisepapiere und meinen Reisepass vor. Die ‚DDR’ verstand sich ja als eigenständiger Staat und verlangte daher für die Einreise als Personaldokument einen Reisepass. Papiere und Pass wurden eingehend und entsprechend zeitraubend begutachtet und dann einbehalten mit dem Hinweis: „Den Pass bekommen Sie am nächsten Kontrollgebäude wieder.“

Zu dem nächsten Kontrollgebäude führte eine Art umschlossene Tunnelröhre, in der sich offensichtlich ein Fließband befand, auf dem die Pässe transportiert wurden. In dem nächsten Gebäude wurden die Pässe wohl komplett kopiert. Ansonsten hätte es keinen Grund gegeben, dieses Legitimationspapier nicht sofort wieder auszuhändigen.

Neben dem Pass und der Einreisegenehmigung hatte ich dem Grenzpolizisten laut ministerieller Anweisung unaufgefordert die mitgeführten Unterlagen für die Arbeit im Archiv einschließlich der Benutzungserlaubnis vorzulegen, was ich natürlich auch korrekt tat. Diese wurden ebenfalls sehr gründlich und damit gleichermaßen zeitintensiv geprüft.

Der Grenzpolizist saß in dem Kontrollhäuschen hinter der Glasscheibe erhöht. Damit befand er sich – bewusst und gewollt - über den Einreisenden, man musste zu ihm aufsehen. Zudem konnte er so den Innenraum des Wagens sehr gut einsehen.

Er sah sorgfältig in das leere Wageninnere und fragte mich dann: „Mit wie viel Personen reisen Sie ein?“ Allein die Frage ärgerte mich, konnte er doch genau sehen, dass niemand mehr im Wagen saß. Ich bückte mich zur Fahrzeugscheibe und blickte demonstrativ durch das Wageninnere. Bei der Antwort musste ich mir sehr auf die Zunge beißen, um nicht eine freche oder zumindest ironische Bemerkung fallen zu lassen, die meinen Grenzaufenthalt möglicherweise merklich verlängert oder die Einreise gar verhindert hätte.

Ich blickte wieder hoch und sagte dann etwas gereizt: „Ich reise allein ein.“

„Fahren Sie jetzt mal dort vorne rechts ran.“ wies der Grenzpolizist mich an.

Kurz hinter dem ersten Kontrollgebäude war rechts neben der Fahrspur eine freie Fahrspur zum Halten, auf den ich dann weisungsgemäß fuhr und ausstieg. Rechts davon, etwas erhöht, verlief der Laufbandtunnel für die Pässe.

Nach einiger Zeit kam ein Grenzpolizist und schob an einer Stange einen flach gelagerten Spiegel an zwei Rädern vor sich her. Den bewegte er dann von allen Seiten unter meinen älteren Audi 80 und kontrollierte so die Unterseite des PKWs demonstrativ und mit besonderer Gründlichkeit und damit zeitraubend in aller Ruhe.

Nach dieser Unterbodenprüfung hieß es von dem Kontrolleur: „Öffnen Sie mal alle Türen, Kofferraum und Motorhaube.“

Dann prüfte er mit gleicher Intensität und Genauigkeit wie den Unterboden den Motorraum und den Innenraum des Fahrzeugs. Auch hierbei ließ er sich Zeit, wohl in der Hoffnung, etwas Verbotenes zu finden, was ihm aber nicht gelang, und um die Überprüfung zu verzögern.

Er wandte sich dann dem Kofferraum zu, nahm den Zettel, der sich bei den Einreiseunterlagen befand, auf dem sämtliche einzuführenden Gegenstände aufgelistet waren, zur Hand und forderte mich auf, diese Sachen zur Überprüfung vorzulegen.

Ich öffnete die Tasche, in der ich diese Dinge verpackt hatte, und zeigte sie ihm vor. Er begutachtete jedes einzelne Stück und verglich alles mit der vorgelegten Einfuhrliste. Zu meiner großen Überraschung hatte er nichts zu beanstanden. Das war beileibe keine Selbstverständlichkeit, auch wenn es alles zur Einfuhr zugelassene Sachen und diese auch ordnungsgemäß angemeldet waren. Dazu hatte ich schon von zu vielen Willkürentscheidungen der Grenzkontrolleure gehört.

„Öffnen Sie mal den Koffer.“ forderte der Grenzpolizist mich auf und blickte dann mehrmals über dessen Inhalt, von dem er einige Teile anhob.

„Räumen Sie den Kofferraum leer.“ hieß es nun, und schon standen Koffer, Taschen, Reservekanister, Verbandskasten und Warndreieck um das Heck des Wagens herum auf der Straße.