So war es damals - Regina Bailer - E-Book

So war es damals E-Book

Regina Bailer

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Beschreibung

Ins beschauliche Deutschordensstädtchen Marienburg bricht im 2. Weltkrieg die Nazi-Ideologie ein. Es kommt zur Flucht vor den Russen. Auf wochenlanger Irrfahrt findet "das Kind" Heimat an der Ostsee. In der russisch besetzen Zone erfährt es Geborgenheit einer Großfamilie bis durch die Übersiedlung in den Westen neue Heimatlosigkeit hereinbricht.

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Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Herkunft

Fackelzug

Gefallen

Judenhass

Judenverleumdung

Krankheit

Bombenangriff

Aufbruch

Fluchtbeginn

Communio Sanctorum

Zwischenfall

Stargard

Geburtstagsvisionen

Der fünfte Geburtstag

Im Schlafbunker

Angebrannter Brei

In Kühlungsborn angekommen

Leben in Kühlungsborn

Kriegsende

Begegnung mit Russen I

Begegnung mit Russen II

Stromsperre

Essen in der Nachkriegszeit

Sirupkochen

Hamstern und Lebensmittelkarten

Im Wald

Hamstertouren

Naturprodukte

Care-Paket

Krippenspiel

Frust und Lust

Oma

Waisenkinder

Bald Schulkind

Lebertran und Typhusimpfung

Schulanfang

Neue Zeiten

HO-Laden

Veränderung

Razzia

Abschied

Im Westen

Ankunft in Stuttgart

Auf dem Weg zur neuen Wohnung

Das neue Zuhause

Erste Bekanntschaft

Angekommen

Einleitung

Jedes Jahr, wenn es draußen vor Eis und Frost klirrt, drängen sie herauf, die Erinnerungen an die Kriegsjahre, die bösen Erfahrungen der Kinderzeit. Traumata sagen die Psychologen. Eigentlich müssten sie verjährt sein – in der nüchternen Juristensprache – oder verrottet im Kompost des Vergessens, verdunstet und unschädlich geworden in der sich überlagernden Lebensgeschichte.

Aber von Zeit zu Zeit glühen sie auf, drohend oder niederdrückend, nehmen Gestalt an wie der Geist aus der Flasche. Teilweise scheinen sie bemoost von den Überwucherungen des immer wieder Erzählten oder lodern flammend auf durch den Sauerstoff des erinnert Werdens. Irgendwelche Relikte rufen sie hervor, die Bilder der Kindertage, jetzt nach 70 Jahren des Schweigens und der gesellschaftlichen Tabuisierung. Man versucht, diese unliebsamen Gäste zum Schweigen zu bringen, sie zu überdecken und zu verscheuchen mit einem „Seid still. Was vergangen ist, ist vergangen!“. Aber sind sie wirklich vergangen? Wissen Kinder und Enkel, was sich vor 70 Jahren abgespielt hat in einem grausamen Szenario? Haben die Nachfahren Lehren aus diesen weltgeschichtlichen Ereignissen gezogen? Auch im einundzwanzigsten Jahrhundert quellen die Zeitungsberichte über von Flucht und Vertreibung, von Krieg und Kriegsverbrechen. Siebzig Jahre später sind Menschen von ähnlichem Leid betroffen, schreien Kinder noch immer in unverstandenem Schmerz, wüten unvermindert irrsinnige Hassorgien. Aufgeschrieben muss deshalb sein, was sich nie mehr wiederholen dürfte und sich doch ständig wiederholt. Und auch das innere Kind will endlich die Bürde des Unbearbeiteten los werden, will sich endlich zur Ruhe legen dürfen.

1 Herkunft

Das Kind kam im Februar 1940 auf die Welt – entstanden also im Frühlingsmonat Mai, als die Welt noch halbwegs in Ordnung zu sein schien. Zumindest gab es noch nicht den Zweiten Weltkrieg, der wurde wenige Tage später erklärt und sollte das weitere Leben bestimmen.

Die Mutter war bei der Geburt 31 Jahre alt, der Vater 35 Jahre. Der sieben Jahre ältere Bruder und die fünf Jahre ältere Schwester hielten wie Pech und Schwefel zusammen und das kleine Mädchen wuchs eher wie ein Einzelkind auf. In den Augen des Kindes hatte seine Geburt etwas sehr Abenteuerliches, ja Bedrohliches an sich: Mitten in der Eiseskälte des nordischen Winters hatte – laut Beteuerung des Bruders – der Klapperstorch das Kind aufs Fensterbrett gelegt, als die Eltern im Kino waren. Dieser beängstigenden Vorstellung widersprach zwar die Tatsache, dass der Vater bereits als Funker und Kurier Kriegsdienst zu leisten hatte und gar nicht im Kino gewesen sein konnte. Aber die Uzereien des Bruders hatten Autorität, sodass das Kind sich eigentlich nie zur Familie gehörend empfand.

Der Geburtsort war Marienburg in Westpreußen, das nach dem Ersten Weltkrieg durch Volksabstimmung nicht Polen sondern Preußen zugeteilt wurde. Das kleine Städtchen an der Nogat wurde von der Majestät der Deutschordensburg dominiert. Die mächtigen Backsteinbauten des gotischen Prachtbaus türmten sich weithin sichtbar über der Stadt auf. Beim Spazierengehen grüßte eine Marienstatue in einer Chornische über das Wasser hinweg das Kind und seine Mutter. Nur selten verirrten sich die Fußgänger ins Burggelände. Gruselgeschichten kannte das Kind durch die anschaulichen Erzählungen des Vaters. Es hörte, dass der Hochmeister Heinrich von Plauen nach der verlorenen Schlacht zu Tannenberg 1410 sich mit den Einwohnern in die Burg zurückzog und die Stadt – außer Kirche und Rathaus - niederbrennen ließ. Die Feinde gaben die Belagerung darauf hin auf. Die Stadt war gerettet und konnte wieder aufgebaut werden. Auch eine in der tragenden Mittelsäule im Rempter steckende Kanonenkugel beeindruckte das Kind tief.

Der Bruder ging in das Gymnasium, das nach Heinrich von Kniprode benannt war, dem Hochmeister und Gründer einer Lateinschule, die 1816 zur Höheren Stadtschule und zum Gymnasium erweitert wurde. Er konnte die diversen Hochmeister aufsagen und war stolz, in eine solchermaßen renommierte Schule zu gehen.

Getraut und getauft wurde in der dreischiffigen gotischen Hallen-Backsteinkirche St. Georgen. Durch das gotische Marientor und den angrenzenden Stadtpark kutschierte die Mutter mit dem Einspänner. Die Kinder genossen das komfortable Fahren in der Kutsche, wenn es zu Besuchen bei den Großeltern ging. Mutters Eltern besaßen eine Mühlenfabrik, in der Wind- und Wassermühlen gebaut wurden. Das Gelände war so weitläufig, dass die Angestellten mit Fahrrädern von einer Produktionsstätte zur anderen radelten. Das Wohnhaus wurde von Omas Garten umrandet, in dem das Kind mit Vorliebe nach Walderdbeeren suchte. Kinder gab es hier nur, wenn Besuch da war. Sonst regierte der kühle Erfinder- und Konstruktionsgeist. Den Opa kannte das Kind nur von Bildern und Erzählungen her. Er war an einem Leberleiden gestorben. Die Fabrik wurde von seinen drei Söhnen gemeinsam weiter geführt.

Bei Vaters Verwandtschaft wimmelte und wuselte es durcheinander, denn hier gab es einen riesigen Pferdehof mit einem Heimatmuseum, kleiner Gastwirtschaft und einem Kolonialwaren-Laden. Zahlreiche Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins bildeten mit den meist polnischen Hausangestellten eine verlässliche und bunte Hausgemeinschaft. Einen Kindergarten brauchte das Kind nicht. Die Besuche bei den Großeltern und die Streifzüge durch das weitläufige Gelände boten genug Unterhaltung. Ein überschaubares und sicheres Leben wäre dem Kind bestimmt gewesen, wenn die Zeitläufe es nicht anders gebracht hätten. Die Veränderung bahnte sich auch in der Familie an.

2 Fackelzug

Das Kind hockt auf dem Kinderzimmerboden zusammen mit dem Bruder; zwischen ihnen die große Trommel, die der Bruder beim „Jungvolk“ zu spielen hat. Wieder einmal hat er in seinem nicht zu bremsenden Eifer das Trommelfell durchgehauen. Nun bezieht er das Instrument neu. Er spannt das ungebrauchte runde Leder über den Rahmen und zieht die vorgestanzten Löcher über die waagrecht abstehenden Metallösen am oberen Bauch der Trommel. Er hat die nötige Kraft und Geschicklichkeit dazu. Schließlich fädelt er die Kordel durch die Ösen und verknotet die Enden. Jetzt sitzt alles fest und er kann wieder „auf die Pauke hauen“. Beim Trommelwirbel und dem abschließenden „Schmiss“ bekommt er rote Backen und glänzende Augen.

Bald geht es wieder zum Fackelzug, dem begehrten Höhepunkt mancher Gruppenstunden, und er muss sich umkleiden. Seit der feierlichen Vereidigung des Elfjährigen im Rempter der Marienburg auf „Führer, Volk und Vaterland“ prangt die Uniform als Mittelpunkt zwischen Spielzeug und Schulsachen im Kinderzimmer. Das Kind darf bei der Verwandlung des Bruders dabei sein. Er legt seine zivile Kleidung ab und steht da im Leibchen mit den langen Strapsen. Daran sind die grauen Wollstrümpfe fest geklammert, darüber die Schenkel bedeckende Unterhose. So kennt das Kind den Bruder. Der schlüpft in den braunen Blouson und legt sich ein schwarzes Dreiecktuch unter den Kragen. Die Zipfel werden durch einen geflochtenen Lederknoten geführt und hängen krawattenartig auf der Brust. Die schwarze Überfallhose verdeckt alle peinlichen Dessous. Der Bruder lässt das silberne Koppelschloss zuschnalzen. Dynamisch blinken die zwei SS-Blitze unter dem Hakenkreuz auf der Gürtelschnalle. Wie bei den mächtigen Gruppenleitern und NS-Vorbildern wird ein brauner Ledergurt quer über den Oberkörper gelegt, an dessen Metallschlaufen die Hose aufgehängt wird. Stiefel gibt es für die „Pimpfe“ noch nicht, die Schnürschuhe genügen. Der Bruder streift sich den Gurt mit der Trommel über und steht aufrecht im Kinderzimmer. Er bestaunt sich selbst im Spiegel. Er gefällt sich. Er ist wichtig. Aus dem Strapsenträger ist ein Würdenträger geworden.

Das Kind darf zum ersten Mal den Fackelzug am Abend miterleben. Mit Mutter und Schwester geht es zum Nogatufer, wo der feierliche Aufmarsch vorbeikommen wird. Das Kind liebt diesen Standpunkt: die mächtige Marienburg mit der riesigen Marienskulptur in der Fensternische des Chores schaut mit gleich bleibender Milde herüber und das Kind fühlt sich sicher und beschützt im Schatten dieser prachtvollen und - wie es meint - unzerstörbaren Burg.

Als erstes hört das Kind das Geschmetter der Fanfaren, das abgelöst wird durch die Rhythmen der Trommler. Dann erklingt ein vielstimmiges Singen, bei dem man am liebsten mitstampfen würde und gar nicht still stehen kann. Lauthals brüllen das „Jungvolk“ und seine schmissigen Anführer „Wir wollen zu landauf fahren...“ und „Wildgänse rauschen durch die Nacht mit schrillem Schrei nach Norden….“ Dann tauchen Lichterflammen auf, die sich tausendfach im Nogatufer widerspiegeln. Die marschierenden Kinder in ihren Uniformen werden rechts und links eingerahmt von Fahrradfahrern, die einhändig ihre Vehikel steuern und mit der Außenhand eine brennende Fackel tragen, deren Stiel sie in die Hüfte stemmen. Das Kind erkennt den Bruder mit seiner Trommel und kann kaum glauben, dass es derselbe Bruder ist. So erwachsen und bedeutsam sieht er aus. Die Zuschauer beginnen zu johlen, klatschen, strecken die Hand in die Höhe, feuern die Kinder an. Dem Kind und seiner Schwester laufen Gänsehautschauer über den Rücken. Sie klammern sich aneinander und zittern. Sie hören, wie die Mutter vor sich hin murmelt: „So fängt man Mäuse!“ .

3 Gefallen

Als sie nach Hause kommen, ist große Aufregung. Die älteste Schwester der Mutter ist da. Schreiend schwenkt sie einen Papierfetzen und kreischt: „Dieter! Mein Dieter!“. Sie ist wie von Sinnen, schlägt mit den Fäusten auf den Tisch. „Das kann nicht sein!“. Schwarz auf weiß zeigt sie der Mutter die Worte: „In Russland für Volk und Vaterland gefallen!“. Ihr Körper schüttelt sich. Sie krümmt sich zusammen, als wollte sie ihren Bauch umarmen, in dem vor neunzehn Jahren das kleine Menschenkind heranreifte. Das Kind kennt den strahlenden Vetter, der stets so lustige Witze machen konnte. Bei den Fallschirmspringern hat er gelernt, Treppen unbeschadet hinunterzufallen und hat dies an allen möglichen Haustreppen demonstriert. Was heißt dann jetzt dieses „gefallen“?

Das Kind erfährt zum ersten Mal, dass sich hinter harmlosen Wörtern schreckliche Wirklichkeiten verbergen und schreckliche Wirklichkeiten durch harmlose Worte entkräftet und ihrer Wirkung beraubt werden.

Der Bruder ist still geworden, als müsse er den Zwiespalt in sich erst einmal ordnen. Wie oft hat er den acht Jahre älteren Vetter beneidet um das Abenteuer, zu dem der erwählt war. Ist Dieter jetzt ein Held, wie er es sich gewünscht hatte? Könnte mit dem Vater nicht auch Ähnliches passieren? Ist das dann ein mutiger Tod, auf den man stolz sein kann? Schade, dass das großartige Erlebnis mit dem Fackelzug so ernüchternd enden muss.

4 Judenhass

Am nächsten Tag verspricht Mutter den Mädchen einen Besuch bei der Oma. Mutter lässt die Kutsche kommen und sie übernimmt wieder selbst die Zügel. Rechts und links im neuen Landauer sitzen das Kind und seine Schwester. Der alte Kutscher, der den Einspänner gebracht hat, geht zu Fuß zur Remise zurück. Mutter kutschiert durch den Stadtpark zum Anwesen der Großmutter, die nun zusammen mit zwei Töchtern ohne die Söhne die Fabrik führt. Mutters Brüder „dienen“ jetzt an der Front und einige betagte Mitarbeiter unterstützen die verwitwete Seniorchefin. Oma ist jetzt immer stiller und sorgenvoller als sonst. Sicher ist sie traurig, weil ihre geliebten Söhne so weit weg sind, denkt sich das Kind.

Der Weg führt am jüdischen Friedhof vorbei, wo gerade eine Beisetzung zelebriert wird. Das Kind entdeckt auf der Friedhofsmauer eine Horde junger Burschen, die da oben sitzt und gafft. Auch der Bruder ist dabei. Mutter hält den Wagen an und sie hören, wie die jüdische Gemeinde ruft: „Grüß uns den Vater Abraham!“ - wohl ein Abschiedsgruß an den Verstorbenen. Daraufhin erschallt von der Jungenmeute auf der Mauer: „Von uns auch, von uns auch!“ Zur Verstärkung dieser Verhöhnung werfen sie Äpfel und Tomaten auf die Trauernden und gröhlen unflätige Ausdrücke.

Mutter peitscht die Zügel und die Karosse rast in den Elbinger Ring, wo die Oma wohnt. Die gute Laune ist dahin. Das Kind schläft schon, als die Mutter mit dem Bruder am Abend „ein ernstes Wort“ redet. Der Bruder ist gespalten. In dem Heinrich-von-Kniprode-Gym-nasium, das er besucht und das sich eigentlich den Idealen des namengebenden Großmeisters des Deutschritterordens verpflichtet weiß, hört er andere Töne. Von „lästigen Läusen“, von „jüdischen Vaterlandsverrätern“, von einer „Schande für das deutsche Volk“ ist da die Rede.

Später erfährt das Kind, dass diese Diskussion mitten durch die Familien geht. Die vom Kind überaus bewunderte Tante Elfriede zum Beispiel, die mit einem von Mutters Brüdern verheiratet ist, hat sich mit einem einflussreichen SS-Kommandanten eingelassen und erwirkt mit ihrem umwerfenden Sexappeal die Ausreisegenehmigung für unzählige Juden. Unbeirrt von den familiären Auseinandersetzungen tut sie, was ihr Gewissen sie heißt. Das Kind wird später einmal stolz auf sie sein.

5 Judenverleumdung